Schöne Kunst ist Kunst des Genies. |307.10|

=Genie= ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel giebt.

Da das Talent als angebornes productives Vermögen des Künstlers selbst

zur Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: =Genie= ist

die angeborne Gemüthsanlage (_ingenium_), =durch welche= die Natur der

Kunst die Regel giebt. |307.15|

Was es auch mit dieser Definition für eine Bewandtniß habe, und ob sie

bloß willkürlich, oder dem Begriffe, welchen man mit dem Worte =Genie=

zu verbinden gewohnt ist, angemessen sei, oder nicht (welches in dem

folgenden § erörtert werden soll): so kann man doch schon zum Voraus

beweisen, daß nach der hier angenommenen Bedeutung des Worts schöne

|307.20| Künste nothwendig als Künste des =Genies= betrachtet werden

müssen.

Denn eine jede Kunst setzt Regeln voraus, durch deren Grundlegung

allererst ein Product, wenn es künstlich heißen soll, als möglich

vorgestellt wird. Der Begriff der schönen Kunst aber verstattet

nicht, daß das Urtheil über die Schönheit ihres Products von irgend

einer Regel abgeleitet |307.25| werde, die einen =Begriff= zum

Bestimmungsgrunde habe, mithin einen Begriff von der Art, wie es

möglich sei, zum Grunde lege. Also kann die schöne Kunst sich selbst

nicht die Regel ausdenken, nach der sie ihr Product #182# zu Stande

bringen soll. Da nun gleichwohl ohne vorhergehende Regel ein Product

niemals Kunst heißen kann, so muß die Natur im Subjecte |307.30| (und

durch die Stimmung der Vermögen desselben) der Kunst die Regel geben,

d. i. die schöne Kunst ist nur als Product des Genies möglich.

Man sieht hieraus, daß Genie 1) ein =Talent= sei, dasjenige, wozu

sich keine bestimmte Regel geben läßt, hervorzubringen: nicht

Geschicklichkeitsanlage zu dem, was nach irgend einer Regel gelernt

werden kann; |307.35| folglich daß =Originalität= seine erste

Eigenschaft sein müsse. 2) Daß, da es auch originalen Unsinn geben

kann, seine Producte zugleich Muster, d. i. =exemplarisch=, sein

müssen; mithin, selbst nicht durch Nachahmung entsprungen, anderen

doch dazu, d. i. zum Richtmaße oder Regel der Beurtheilung, dienen

müssen. 3) Daß es, wie es sein Product zu Stande |308.5| bringe, selbst

nicht beschreiben, oder wissenschaftlich anzeigen könne, sondern daß

es als =Natur= die Regel gebe; und daher der Urheber eines Products,

welches er seinem Genie verdankt, selbst nicht weiß, wie sich in ihm

die Ideen dazu herbei finden, auch es nicht in seiner Gewalt hat,

dergleichen nach Belieben oder planmäßig auszudenken und anderen in

solchen Vorschriften |308.10| mitzutheilen, die sie in Stand setzen,

gleichmäßige Producte hervorzubringen. (Daher denn auch vermuthlich

das Wort Genie von _genius_, dem eigenthümlichen, einem Menschen bei

der Geburt mitgegebenen, #183# schützenden und leitenden Geist, von

dessen Eingebung jene originale Ideen herrührten, abgeleitet ist.) 4)

Daß die Natur durch das Genie nicht der |308.15| Wissenschaft, sondern

der Kunst die Regel vorschreibe und auch dieses nur, in sofern diese

letztere schöne Kunst sein soll.

§ 47.

Erläuterung und Bestätigung obiger Erklärung vom Genie.

Darin ist jedermann einig, daß Genie dem =Nachahmungsgeiste= |308.20|

gänzlich entgegen zu setzen sei. Da nun Lernen nichts als Nachahmen

ist, so kann die größte Fähigkeit, Gelehrigkeit (Capacität) als

Gelehrigkeit, doch nicht für Genie gelten. Wenn man aber auch selbst

denkt oder dichtet und nicht bloß, was andere gedacht haben, auffaßt,

ja sogar für Kunst und Wissenschaft manches erfindet: so ist doch

dieses auch noch nicht der |308.25| rechte Grund, um einen solchen

(oftmals großen) =Kopf= (im Gegensatze mit dem, welcher, weil er

niemals etwas mehr als bloß lernen und nachahmen kann, ein =Pinsel=

heißt) ein =Genie= zu nennen: weil eben das auch hätte =können=

gelernt werden, also doch auf dem natürlichen Wege des Forschens und

Nachdenkens nach Regeln liegt und von dem, was durch |308.30| Fleiß

vermittelst der Nachahmung erworben werden kann, nicht specifisch

unterschieden ist. So kann man alles, was =Newton= in seinem

unsterblichen Werke der Principien der Naturphilosophie, so ein großer

Kopf auch #184# erforderlich war, dergleichen zu erfinden, vorgetragen

hat, gar wohl lernen; aber man kann nicht geistreich dichten lernen,

so ausführlich auch |308.35| alle Vorschriften für die Dichtkunst

und so vortrefflich auch die Muster derselben sein mögen. Die Ursache

ist, daß Newton alle seine Schritte, die er von den ersten Elementen

der Geometrie an bis zu seinen großen und tiefen Erfindungen zu thun

hatte, nicht allein sich selbst, sondern jedem andern ganz anschaulich

und zur Nachfolge bestimmt vormachen |309.5| könnte; kein =Homer= aber

oder =Wieland= anzeigen kann, wie sich seine phantasiereichen und doch

zugleich gedankenvollen Ideen in seinem Kopfe hervor und zusammen

finden, darum weil er es selbst nicht weiß und es also auch keinen

andern lehren kann. Im Wissenschaftlichen also ist der größte Erfinder

vom mühseligsten Nachahmer und Lehrlinge nur dem |309.10| Grade nach,

dagegen von dem, welchen die Natur für die schöne Kunst begabt hat,

specifisch unterschieden. Indeß liegt hierin keine Herabsetzung jener

großen Männer, denen das menschliche Geschlecht so viel zu verdanken

hat, gegen die Günstlinge der Natur in Ansehung ihres Talents für die

schöne Kunst. Eben darin, daß jener Talent zur immer fortschreitenden

|309.15| größeren Vollkommenheit der Erkenntnisse und alles Nutzens,

der davon abhängig ist, imgleichen zur Belehrung anderer in eben

denselben Kenntnissen gemacht ist, besteht ein großer Vorzug derselben

vor denen, welche die Ehre verdienen, Genies zu heißen: weil für diese

die Kunst irgendwo #185# still steht, indem ihr eine Gränze gesetzt

ist, über die sie nicht weiter |309.20| gehen kann, die vermuthlich

auch schon seit lange her erreicht ist und nicht mehr erweitert

werden kann; und überdem eine solche Geschicklichkeit sich auch nicht

mittheilen läßt, sondern jedem unmittelbar von der Hand der Natur

ertheilt sein will, mit ihm also stirbt, bis die Natur einmal einen

andern wiederum eben so begabt, der nichts weiter als eines Beispiels

|309.25| bedarf, um das Talent, dessen er sich bewußt ist, auf ähnliche

Art wirken zu lassen.

Da die Naturgabe der Kunst (als schönen Kunst) die Regel geben muß,

welcherlei Art ist denn diese Regel? Sie kann in keiner Formel abgefaßt

zur Vorschrift dienen; denn sonst würde das Urtheil über das |309.30|

Schöne nach Begriffen bestimmbar sein: sondern die Regel muß von

der That, d. i. vom Product, abstrahirt werden, an welchem andere

ihr eigenes Talent prüfen mögen, um sich jenes zum Muster nicht der

=Nachmachung=, sondern der =Nachahmung= dienen zu lassen. Wie dieses

möglich sei, ist schwer zu erklären. Die Ideen des Künstlers erregen

ähnliche Ideen seines |309.35| Lehrlings, wenn ihn die Natur mit einer

ähnlichen Proportion der Gemüthskräfte versehen hat. Die Muster der

schönen Kunst sind daher die einzigen Leitungsmittel, diese auf die

Nachkommenschaft zu bringen: welches durch bloße Beschreibungen nicht

geschehen könnte (vornehmlich nicht im Fache der redenden Künste); und

auch in diesen können nur die #186# in alten, todten und jetzt nur als

gelehrte aufbehaltenen Sprachen classisch werden. |310.5|

Obzwar mechanische und schöne Kunst, die erste als bloße Kunst des

Fleißes und der Erlernung, die zweite als die des Genies, sehr von

einander unterschieden sind: so giebt es doch keine schöne Kunst,

in welcher nicht etwas Mechanisches, welches nach Regeln gefaßt und

befolgt werden kann, und also etwas =Schulgerechtes= die wesentliche

Bedingung der |310.10| Kunst ausmachte. Denn etwas muß dabei als

Zweck gedacht werden, sonst kann man ihr Product gar keiner Kunst

zuschreiben; es wäre ein bloßes Product des Zufalls. Um aber einen

Zweck ins Werk zu richten, dazu werden bestimmte Regeln erfordert,

von denen man sich nicht frei sprechen darf. Da nun die Originalität

des Talents ein (aber nicht das |310.15| einzige) wesentliches Stück

vom Charakter des Genies ausmacht: so glauben seichte Köpfe, daß sie

nicht besser zeigen können, sie wären aufblühende Genies, als wenn sie

sich vom Schulzwange aller Regeln lossagen, und glauben, man paradire

besser auf einem kollerichten Pferde, als auf einem Schulpferde. Das

Genie kann nur reichen =Stoff= zu Producten der schönen |310.20| Kunst

hergeben; die Verarbeitung desselben und die =Form= erfordert ein

durch die Schule gebildetes Talent, um einen Gebrauch davon zu machen,

der vor der Urtheilskraft bestehen kann. Wenn aber jemand sogar in

Sachen der sorgfältigsten Vernunftuntersuchung wie ein Genie spricht

#187# und entscheidet, so ist es vollends lächerlich; man weiß nicht

recht, ob man |310.25| mehr über den Gaukler, der um sich so viel Dunst

verbreitet, wobei man nichts deutlich beurtheilen, aber desto mehr

sich einbilden kann, oder mehr über das Publicum lachen soll, welches

sich treuherzig einbildet, daß sein Unvermögen, das Meisterstück der

Einsicht deutlich erkennen und fassen zu können, daher komme, weil ihm

neue Wahrheiten in ganzen Massen |310.30| zugeworfen werden, wogegen

ihm das Detail (durch abgemessene Erklärungen und schulgerechte Prüfung

der Grundsätze) nur Stümperwerk zu sein scheint.

§ 48.

Vom Verhältnisse des Genies zum Geschmack.

Zur =Beurtheilung= schöner Gegenstände als solcher wird =Geschmack=,

zur schönen Kunst selbst aber, d. i. der =Hervorbringung= solcher

Gegenstände, wird =Genie= erfordert. |311.5|

Wenn man das Genie als Talent zur schönen Kunst betrachtet (welches

die eigenthümliche Bedeutung des Worts mit sich bringt) und es in

dieser Absicht in die Vermögen zergliedern will, die ein solches

Talent auszumachen zusammen kommen müssen: so ist nöthig, zuvor den

Unterschied zwischen der Naturschönheit, deren Beurtheilung nur

Geschmack, |311.10| und der Kunstschönheit, deren Möglichkeit (worauf

in der Beurtheilung #188# eines dergleichen Gegenstandes auch Rücksicht

genommen werden muß) Genie erfordert, genau zu bestimmen.

Eine Naturschönheit ist ein =schönes Ding=; die Kunstschönheit ist eine

=schöne Vorstellung= von einem Dinge. |311.15|

Um eine Naturschönheit als eine solche zu beurtheilen, brauche ich

nicht vorher einen Begriff davon zu haben, was der Gegenstand für

ein Ding sein solle; d. i. ich habe nicht nöthig, die materiale

Zweckmäßigkeit (den Zweck) zu kennen, sondern die bloße Form ohne

Kenntniß des Zwecks gefällt in der Beurtheilung für sich selbst. Wenn

aber der Gegenstand |311.20| für ein Product der Kunst gegeben ist und

als solches für schön erklärt werden soll: so muß, weil Kunst immer

einen Zweck in der Ursache (und deren Causalität) voraussetzt, zuerst

ein Begriff von dem zum Grunde gelegt werden, was das Ding sein soll;

und da die Zusammenstimmung des Mannigfaltigen in einem Dinge zu einer

innern Bestimmung desselben |311.25| als Zweck die Vollkommenheit des

Dinges ist, so wird in der Beurtheilung der Kunstschönheit zugleich die

Vollkommenheit des Dinges in Anschlag gebracht werden müssen, wornach

in der Beurtheilung einer Naturschönheit (als einer solchen) gar

nicht die Frage ist. — Zwar wird in der Beurtheilung vornehmlich der

belebten Gegenstände der Natur, z. B. |311.30| des Menschen oder eines

Pferdes, auch die objective Zweckmäßigkeit gemeiniglich mit in Betracht

gezogen, um über die Schönheit derselben zu #189# urtheilen; alsdann

ist aber auch das Urtheil nicht mehr rein-ästhetisch, d. i. bloßes

Geschmacksurtheil. Die Natur wird nicht mehr beurtheilt, wie sie als

Kunst erscheint, sondern sofern sie wirklich (obzwar übermenschliche)

|311.35| Kunst =ist=; und das teleologische Urtheil dient dem

ästhetischen zur Grundlage und Bedingung, worauf dieses Rücksicht

nehmen muß. In einem solchen Falle denkt man auch, wenn z. B. gesagt

wird: das ist ein schönes Weib, in der That nichts anders als: die

Natur stellt in ihrer Gestalt die Zwecke im weiblichen Baue schön vor;

denn man muß noch über die bloße Form auf einen Begriff hinaussehen,

damit der Gegenstand |312.5| auf solche Art durch ein logisch-bedingtes

ästhetisches Urtheil gedacht werde.

Die schöne Kunst zeigt darin eben ihre Vorzüglichkeit, daß sie Dinge,

die in der Natur häßlich oder mißfällig sein würden, schön beschreibt.

Die Furien, Krankheiten, Verwüstungen des Krieges u. d. gl. können als

|312.10| Schädlichkeiten sehr schön beschrieben, ja sogar im Gemälde

vorgestellt werden; nur eine Art Häßlichkeit kann nicht der Natur

gemäß vorgestellt werden, ohne alles ästhetische Wohlgefallen, mithin

die Kunstschönheit zu Grunde zu richten: nämlich diejenige, welche

=Ekel= erweckt. Denn weil in dieser sonderbaren, auf lauter Einbildung

beruhenden Empfindung der |312.15| Gegenstand gleichsam, als ob er sich

zum Genusse aufdränge, wider den #190# wir doch mit Gewalt streben,

vorgestellt wird: so wird die künstliche Vorstellung des Gegenstandes

von der Natur dieses Gegenstandes selbst in unserer Empfindung nicht

mehr unterschieden, und jene kann alsdann unmöglich für schön gehalten

werden. Auch hat die Bildhauerkunst, weil |312.20| an ihren Producten

die Kunst mit der Natur beinahe verwechselt wird, die unmittelbare

Vorstellung häßlicher Gegenstände von ihren Bildungen ausgeschlossen

und dafür z. B. den Tod (in einem schönen Genius), den Kriegsmuth (am

Mars) durch eine Allegorie oder Attribute, die sich gefällig ausnehmen,

mithin nur indirect vermittelst einer Auslegung |312.25| der Vernunft

und nicht für bloß ästhetische Urtheilskraft vorzustellen erlaubt.

So viel von der schönen Vorstellung eines Gegenstandes, die eigentlich

nur die Form der Darstellung eines Begriffs ist, durch welche dieser

allgemein mitgetheilt wird. — Diese Form aber dem Producte der schönen

|312.30| Kunst zu geben, dazu wird bloß Geschmack erfordert, an welchem

der Künstler, nachdem er ihn durch mancherlei Beispiele der Kunst oder

der Natur geübt und berichtigt hat, sein Werk hält und nach manchen oft

mühsamen Versuchen denselben zu befriedigen diejenige Form findet, die

ihm Genüge thut: daher diese nicht gleichsam eine Sache der Eingebung,

|312.35| oder eines freien Schwunges der Gemüthskräfte, sondern einer

langsamen und gar peinlichen Nachbesserung ist, um sie dem Gedanken

angemessen #191# und doch der Freiheit im Spiele derselben nicht

nachtheilig werden zu lassen.

Geschmack ist aber bloß ein Beurtheilungs-, nicht ein productives

Vermögen; und was ihm gemäß ist, ist darum eben nicht ein Werk der

schönen Kunst: es kann ein zur nützlichen und mechanischen Kunst,

oder |313.5| gar zur Wissenschaft gehöriges Product nach bestimmten

Regeln sein, die gelernt werden können und genau befolgt werden müssen.

Die gefällige Form aber, die man ihm giebt, ist nur das Vehikel der

Mittheilung und eine Manier gleichsam des Vortrages, in Ansehung

dessen man noch in gewissem Maße frei bleibt, wenn er doch übrigens

an einen bestimmten |313.10| Zweck gebunden ist. So verlangt man, daß

das Tischgeräth, oder auch eine moralische Abhandlung, sogar eine

Predigt diese Form der schönen Kunst, ohne doch =gesucht= zu scheinen,

an sich haben müsse; man wird sie aber darum nicht Werke der schönen

Kunst nennen. Zu der letzteren aber wird ein Gedicht, eine Musik, eine

Bildergallerie u. d. gl. gezählt; und da |313.15| kann man an einem

seinsollenden Werke der schönen Kunst oftmals Genie ohne Geschmack, an

einem andern Geschmack ohne Genie wahrnehmen.

§ 49. #192#

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft. · 第 52 / 67 题