Vom empirischen Interesse am Schönen. |296.15|

Daß das Geschmacksurtheil, wodurch etwas für schön erklärt wird, kein

Interesse =zum Bestimmungsgrunde= haben müsse, ist oben hinreichend

dargethan worden. Aber daraus folgt nicht, daß, nachdem es als #162#

reines ästhetisches Urtheil gegeben worden, kein Interesse damit

verbunden werden könne. Diese Verbindung wird aber immer nur indirect

sein |296.20| können, d. i. der Geschmack muß allererst mit etwas

anderem verbunden vorgestellt werden, um mit dem Wohlgefallen der

bloßen Reflexion über einen Gegenstand noch eine =Lust an der Existenz=

desselben (als worin alles Interesse besteht) verknüpfen zu können.

Denn es gilt hier im ästhetischen Urtheile, was im Erkenntnißurtheile

(von Dingen überhaupt) |296.25| gesagt wird: _a posse ad esse non

valet consequentia_. Dieses Andere kann nun etwas Empirisches sein,

nämlich eine Neigung, die der menschlichen Natur eigen ist; oder etwas

Intellectuelles als Eigenschaft des Willens, _a priori_ durch Vernunft

bestimmt werden zu können: welche beide ein Wohlgefallen am Dasein

eines Objects enthalten und so den |296.30| Grund zu einem Interesse

an demjenigen legen können, was schon für sich und ohne Rücksicht auf

irgend ein Interesse gefallen hat.

Empirisch interessirt das Schöne nur in der =Gesellschaft=; und

wenn man den Trieb zur Gesellschaft als dem Menschen natürlich, die

Tauglichkeit aber und den Hang dazu, d. i. die =Geselligkeit=, zur

Erforderniß |296.35| des Menschen als für die Gesellschaft bestimmten

Geschöpfs, also als zur =Humanität= gehörige Eigenschaft, einräumt:

so kann es nicht fehlen, daß man nicht auch den Geschmack als ein

Beurtheilungsvermögen #163# alles dessen, wodurch man sogar sein

=Gefühl= jedem andern mittheilen kann, mithin als Beförderungsmittel

dessen, was eines jeden natürliche |297.5| Neigung verlangt, ansehen

sollte.

Für sich allein würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel

weder seine Hütte, noch sich selbst ausputzen, oder Blumen aufsuchen,

noch weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur

in Gesellschaft kommt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern auch

nach seiner |297.10| Art ein feiner Mensch zu sein (der Anfang der

Civilisirung): denn als einen solchen beurtheilt man denjenigen,

welcher seine Lust andern mitzutheilen geneigt und geschickt ist, und

den ein Object nicht befriedigt, wenn er das Wohlgefallen an demselben

nicht in Gemeinschaft mit andern fühlen kann. Auch erwartet und

fordert ein jeder die Rücksicht auf allgemeine |297.15| Mittheilung

von jedermann, gleichsam als aus einem ursprünglichen Vertrage, der

durch die Menschheit selbst dictirt ist; und so werden freilich

anfangs nur Reize, z. B. Farben, um sich zu bemalen (Rocou bei den

Caraiben und Zinnober bei den Irokesen), oder Blumen, Muschelschalen,

schönfarbige Vogelfedern, mit der Zeit aber auch schöne Formen |297.20|

(als an Canots, Kleidern u. s. w.), die gar kein Vergnügen, d. i.

Wohlgefallen des Genusses, bei sich führen, in der Gesellschaft wichtig

und mit großem Interesse verbunden: bis endlich die auf den höchsten

Punkt gekommene #164# Civilisirung daraus beinahe das Hauptwerk der

verfeinerten Neigung macht, und Empfindungen nur so viel werth gehalten

werden, |297.25| als sie sich allgemein mittheilen lassen; wo denn,

wenn gleich die Lust, die jeder an einem solchen Gegenstande hat,

nur unbeträchtlich und für sich ohne merkliches Interesse ist, doch

die Idee von ihrer allgemeinen Mittheilbarkeit ihren Werth beinahe

unendlich vergrößert.

Dieses indirect dem Schönen durch Neigung zur Gesellschaft angehängte,

|297.30| mithin empirische Interesse ist aber für uns hier von

keiner Wichtigkeit, die wir nur darauf zu sehen haben, was auf das

Geschmacksurtheil _a priori_, wenn gleich nur indirect, Beziehung

haben mag. Denn wenn auch in dieser Form sich ein damit verbundenes

Interesse entdecken sollte, so würde Geschmack einen Übergang unseres

Beurtheilungsvermögens |297.35| von dem Sinnengenuß zum Sittengefühl

entdecken; und nicht allein, daß man dadurch den Geschmack zweckmäßig

zu beschäftigen besser geleitet werden würde, es würde auch ein

Mittelglied der Kette der menschlichen Vermögen _a priori_, von denen

alle Gesetzgebung abhängen muß, als ein solches dargestellt werden.

So viel kann man von dem empirischen Interesse an Gegenständen des

Geschmacks und am Geschmack selbst wohl sagen, daß es, da dieser der

Neigung fröhnt, obgleich sie noch so verfeinert sein |298.5| mag,

sich doch auch mit allen Neigungen und Leidenschaften, die in der

Gesellschaft ihre größte Mannigfaltigkeit und höchste Stufe erreichen,

gern #165# zusammenschmelzen läßt, und das Interesse am Schönen, wenn

es darauf gegründet ist, einen nur sehr zweideutigen Übergang vom

Angenehmen zum Guten abgeben könne. Ob aber dieser nicht etwa doch

durch den Geschmack, |298.10| wenn er in seiner Reinigkeit genommen

wird, befördert werden könne, haben wir zu untersuchen Ursache.

§ 42.

Vom intellectuellen Interesse am Schönen.

Es geschah in gutmüthiger Absicht, daß diejenigen, welche alle

Beschäftigungen |298.15| der Menschen, wozu diese die innere

Naturanlage antreibt, gerne auf den letzten Zweck der Menschheit,

nämlich das Moralisch-Gute, richten wollten, es für ein Zeichen

eines guten moralischen Charakters hielten, am Schönen überhaupt

ein Interesse zu nehmen. Ihnen ist aber nicht ohne Grund von andern

widersprochen worden, die sich auf die Erfahrung |298.20| berufen,

daß Virtuosen des Geschmacks, nicht allein öfter, sondern wohl gar

gewöhnlich eitel, eigensinnig und verderblichen Leidenschaften ergeben,

vielleicht noch weniger wie andere auf den Vorzug der Anhänglichkeit an

sittliche Grundsätze Anspruch machen könnten; und so scheint es, daß

das Gefühl für das Schöne nicht allein (wie es auch wirklich |298.25|

ist) vom moralischen Gefühl specifisch unterschieden, sondern auch das

Interesse, welches man damit verbinden kann, mit dem moralischen #166#

schwer, keinesweges aber durch innere Affinität vereinbar sei.

Ich räume nun zwar gerne ein, daß das Interesse am =Schönen der

Kunst= (wozu ich auch den künstlichen Gebrauch der Naturschönheiten

zum |298.30| Putze, mithin zur Eitelkeit rechne) gar keinen Beweis

einer dem Moralisch-Guten anhänglichen, oder auch nur dazu geneigten

Denkungsart abgebe. Dagegen aber behaupte ich, daß ein =unmittelbares

Interesse= an der Schönheit der =Natur= zu nehmen (nicht bloß Geschmack

haben, um sie zu beurtheilen) jederzeit ein Kennzeichen einer guten

Seele sei; und daß, |298.35| wenn dieses Interesse habituell ist,

es wenigstens eine dem moralischen Gefühl günstige Gemüthsstimmung

anzeige, wenn es sich mit der =Beschauung der Natur= gerne verbindet.

Man muß sich aber wohl erinnern, daß ich hier eigentlich die schönen

=Formen= der Natur meine, die =Reize= dagegen, welche sie so reichlich

auch mit jenen zu verbinden pflegt, |299.5| noch zur Seite setze, weil

das Interesse daran zwar auch unmittelbar, aber doch empirisch ist.

Der, welcher einsam (und ohne Absicht, seine Bemerkungen andern

mittheilen zu wollen) die schöne Gestalt einer wilden Blume, eines

Vogels, eines Insects u. s. w. betrachtet, um sie zu bewundern, zu

lieben und sie |299.10| nicht gerne in der Natur überhaupt vermissen zu

wollen, ob ihm gleich dadurch einiger Schaden geschähe, viel weniger

ein Nutzen daraus für ihn hervorleuchtete, nimmt ein unmittelbares

und zwar intellectuelles Interesse #167# an der Schönheit der Natur.

D. i. nicht allein ihr Product der Form nach, sondern auch das Dasein

desselben gefällt ihm, ohne daß ein |299.15| Sinnenreiz daran Antheil

hätte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände.

Es ist aber hiebei merkwürdig, daß, wenn man diesen Liebhaber des

Schönen insgeheim hintergangen und künstliche Blumen (die man den

natürlichen ganz ähnlich verfertigen kann) in die Erde gesteckt, oder

|299.20| künstlich geschnitzte Vögel auf Zweige von Bäumen gesetzt

hätte, und er darauf den Betrug entdeckte, das unmittelbare Interesse,

was er vorher daran nahm, alsbald verschwinden, vielleicht aber ein

anderes, nämlich das Interesse der Eitelkeit, sein Zimmer für fremde

Augen damit auszuschmücken, an dessen Stelle sich einfinden würde. Daß

die Natur jene |299.25| Schönheit hervorgebracht hat: dieser Gedanke

muß die Anschauung und Reflexion begleiten; und auf diesem gründet sich

allein das unmittelbare Interesse, was man daran nimmt. Sonst bleibt

entweder ein bloßes Geschmacksurtheil ohne alles Interesse, oder nur

ein mit einem mittelbaren, nämlich auf die Gesellschaft bezogenen,

verbundenes übrig: welches letztere |299.30| keine sichere Anzeige auf

moralisch-gute Denkungsart abgiebt.

Dieser Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit, wenn jene

gleich durch diese der Form nach sogar übertroffen würde, dennoch

allein #168# ein unmittelbares Interesse zu erwecken, stimmt mit der

geläuterten und gründlichen Denkungsart aller Menschen überein, die

ihr sittliches Gefühl |299.35| cultivirt haben. Wenn ein Mann, der

Geschmack genug hat, um über Producte der schönen Kunst mit der größten

Richtigkeit und Feinheit zu urtheilen, das Zimmer gern verläßt, in

welchem jene die Eitelkeit und allenfalls gesellschaftliche Freuden

unterhaltenden Schönheiten anzutreffen sind, und sich zum Schönen der

Natur wendet, um hier gleichsam Wollust für seinen Geist in einem

Gedankengange zu finden, den er sich nie völlig entwickeln kann: so

werden wir diese seine Wahl selber mit Hochachtung |300.5| betrachten

und in ihm eine schöne Seele voraussetzen, auf die kein Kunstkenner

und Liebhaber um des Interesse willen, das er an seinen Gegenständen

nimmt, Anspruch machen kann. — Was ist nun der Unterschied der so

verschiedenen Schätzung zweierlei Objecte, die im Urtheile des bloßen

Geschmacks einander kaum den Vorzug streitig machen würden? |300.10|

Wir haben ein Vermögen der bloß ästhetischen Urtheilskraft, ohne

Begriffe über Formen zu urtheilen und an der bloßen Beurtheilung

derselben ein Wohlgefallen zu finden, welches wir zugleich jedermann

zur Regel machen, ohne daß dieses Urtheil sich auf einem Interesse

gründet, noch ein solches hervorbringt. — Andererseits haben wir

auch ein Vermögen |300.15| einer intellectuellen Urtheilskraft, für

bloße Formen praktischer Maximen (sofern sie sich zur allgemeinen

Gesetzgebung von selbst qualificiren) #169# ein Wohlgefallen _a priori_

zu bestimmen, welches wir jedermann zum Gesetze machen, ohne daß unser

Urtheil sich auf irgend einem Interesse gründet, =aber doch ein solches

hervorbringt=. Die Lust oder Unlust |300.20| im ersteren Urtheile heißt

die des Geschmacks, die zweite des moralischen Gefühls.

Da es aber die Vernunft auch interessirt, daß die Ideen (für die sie

im moralischen Gefühle ein unmittelbares Interesse bewirkt) auch

objective Realität haben, d. i. daß die Natur wenigstens eine Spur

zeige, oder |300.25| einen Wink gebe, sie enthalte in sich irgend einen

Grund, eine gesetzmäßige Übereinstimmung ihrer Producte zu unserm von

allem Interesse unabhängigen Wohlgefallen (welches wir _a priori_ für

jedermann als Gesetz erkennen, ohne dieses auf Beweisen gründen zu

können) anzunehmen: so muß die Vernunft an jeder Äußerung der Natur

von einer dieser ähnlichen |300.30| Übereinstimmung ein Interesse

nehmen; folglich kann das Gemüth über die Schönheit der =Natur=

nicht nachdenken, ohne sich dabei zugleich interessirt zu finden.

Dieses Interesse aber ist der Verwandtschaft nach moralisch; und der,

welcher es am Schönen der Natur nimmt, kann es nur sofern an demselben

nehmen, als er vorher schon sein Interesse am |300.35| Sittlich-Guten

wohlgegründet hat. Wen also die Schönheit der Natur unmittelbar

interessirt, bei dem hat man Ursache, wenigstens eine Anlage #170# zu

guter moralischen Gesinnung zu vermuthen.

Man wird sagen: diese Deutung ästhetischer Urtheile auf Verwandtschaft

mit dem moralischen Gefühl sehe gar zu studirt aus, um sie für die

wahre Auslegung der Chiffreschrift zu halten, wodurch die Natur in

ihren |301.5| schönen Formen figürlich zu uns spricht. Allein erstlich

ist dieses unmittelbare Interesse am Schönen der Natur wirklich nicht

gemein, sondern nur denen eigen, deren Denkungsart entweder zum Guten

schon ausgebildet, oder dieser Ausbildung vorzüglich empfänglich ist;

und dann führt die Analogie zwischen dem reinen Geschmacksurtheile,

welches, ohne von |301.10| irgend einem Interesse abzuhängen, ein

Wohlgefallen fühlen läßt und es zugleich _a priori_ als der Menschheit

überhaupt anständig vorstellt, und dem moralischen Urtheile, welches

eben dasselbe aus Begriffen thut, auch ohne deutliches, subtiles

und vorsätzliches Nachdenken auf ein gleichmäßiges unmittelbares

Interesse an dem Gegenstande des ersteren, so wie an |301.15| dem

des letzteren: nur daß jenes ein freies, dieses ein auf objective

Gesetze gegründetes Interesse ist. Dazu kommt noch die Bewunderung der

Natur, die sich an ihren schönen Producten als Kunst, nicht bloß durch

Zufall, sondern gleichsam absichtlich, nach gesetzmäßiger Anordnung

und als Zweckmäßigkeit ohne Zweck, zeigt: welchen letzteren, da wir

ihn äußerlich |301.20| nirgend antreffen, wir natürlicher Weise

in uns selbst und zwar in demjenigen, #171# was den letzten Zweck

unseres Daseins ausmacht, nämlich der moralischen Bestimmung, suchen

(von welcher Nachfrage nach dem Grunde der Möglichkeit einer solchen

Naturzweckmäßigkeit aber allererst in der Teleologie die Rede sein

wird). |301.25|

Daß das Wohlgefallen an der schönen Kunst im reinen Geschmacksurtheile

nicht eben so mit einem unmittelbaren Interesse verbunden ist, als

das an der schönen Natur, ist auch leicht zu erklären. Denn jene ist

entweder eine solche Nachahmung von dieser, die bis zur Täuschung geht:

und alsdann thut sie die Wirkung als (dafür gehaltene) Naturschönheit;

|301.30| oder sie ist eine absichtlich auf unser Wohlgefallen

sichtbarlich gerichtete Kunst: alsdann aber würde das Wohlgefallen an

diesem Producte zwar unmittelbar durch Geschmack Statt finden, aber

kein anderes als mittelbares Interesse an der zum Grunde liegenden

Ursache erwecken, nämlich einer Kunst, welche nur durch ihren Zweck,

niemals an sich selbst interessiren |301.35| kann. Man wird vielleicht

sagen, daß dieses auch der Fall sei, wenn ein Object der Natur durch

seine Schönheit nur in sofern interessirt, als ihr eine moralische

Idee beigesellt wird; aber nicht dieses, sondern die Beschaffenheit

derselben an sich selbst, daß sie sich zu einer solchen Beigesellung

qualificirt, die ihr also innerlich zukommt, interessirt unmittelbar.

Die Reize in der schönen Natur, welche so häufig mit der schönen

|302.5| Form gleichsam zusammenschmelzend angetroffen werden, sind

entweder #172# zu den Modificationen des Lichts (in der Farbengebung)

oder des Schalles (in Tönen) gehörig. Denn diese sind die einzigen

Empfindungen, welche nicht bloß Sinnengefühl, sondern auch Reflexion

über die Form dieser Modificationen der Sinne verstatten und so

gleichsam eine Sprache, die |302.10| die Natur zu uns führt, und die

einen höhern Sinn zu haben scheint, in sich enthalten. So scheint die

weiße Farbe der Lilie das Gemüth zu Ideen der Unschuld und nach der

Ordnung der sieben Farben von der rothen an bis zur violetten 1) zur

Idee der Erhabenheit, 2) der Kühnheit, 3) der Freimüthigkeit, 4) der

Freundlichkeit, 5) der Bescheidenheit, 6) der Standhaftigkeit |302.15|

und 7) der Zärtlichkeit zu stimmen. Der Gesang der Vögel verkündigt

Fröhlichkeit und Zufriedenheit mit seiner Existenz. Wenigstens so

deuten wir die Natur aus, es mag dergleichen ihre Absicht sein oder

nicht. Aber dieses Interesse, welches wir hier an Schönheit nehmen,

bedarf durchaus, daß es Schönheit der Natur sei; und es verschwindet

|302.20| ganz, sobald man bemerkt, man sei getäuscht, und es sei nur

Kunst: so gar, daß auch der Geschmack alsdann nichts Schönes, oder das

Gesicht etwas Reizendes mehr daran finden kann. Was wird von Dichtern

höher gepriesen, als der bezaubernd schöne Schlag der Nachtigall in

einsamen Gebüschen an einem stillen Sommerabende bei dem sanften

Lichte des |302.25| Mondes? Indessen hat man Beispiele, daß, wo kein

solcher Sänger angetroffen #173# wird, irgend ein lustiger Wirth seine

zum Genuß der Landluft bei ihm eingekehrten Gäste dadurch zu ihrer

größten Zufriedenheit hintergangen hatte, daß er einen muthwilligen

Burschen, welcher diesen Schlag (mit Schilf oder Rohr im Munde) ganz

der Natur ähnlich nachzumachen |302.30| wußte, in einem Gebüsche

verbarg. Sobald man aber inne wird, daß es Betrug sei, so wird niemand

es lange aushalten, diesem vorher für so reizend gehaltenen Gesange

zuzuhören; und so ist es mit jedem anderen Singvogel beschaffen. Es

muß Natur sein, oder von uns dafür gehalten werden, damit wir an dem

Schönen als einem solchen ein unmittelbares |302.35| =Interesse= nehmen

können; noch mehr aber, wenn wir gar andern zumuthen dürfen, daß sie

es daran nehmen sollen: welches in der That geschieht, indem wir die

Denkungsart derer für grob und unedel halten, die kein =Gefühl= für

die schöne Natur haben (denn so nennen wir die Empfänglichkeit eines

Interesse an ihrer Betrachtung) und sich bei der Mahlzeit oder der

Bouteille am Genusse bloßer Sinnesempfindungen halten.

§ 43. |303.5|

Von der Kunst überhaupt.

1) =Kunst= wird von der =Natur=, wie Thun (_facere_) vom Handeln oder

Wirken überhaupt (_agere_) und das Product, oder die Folge der erstern,

als =Werk= (_opus_) von der letztern als Wirkung (_effectus_) #174#

unterschieden. |303.10|

Von Rechtswegen sollte man nur die Hervorbringung durch Freiheit, d.

i. durch eine Willkür, die ihren Handlungen Vernunft zum Grunde legt,

Kunst nennen. Denn ob man gleich das Product der Bienen (die regelmäßig

gebaueten Wachsscheiben) ein Kunstwerk zu nennen beliebt, so geschieht

dieses doch nur wegen der Analogie mit der letzteren; sobald man

|303.15| sich nämlich besinnt, daß sie ihre Arbeit auf keine eigene

Vernunftüberlegung gründen, so sagt man alsbald, es ist ein Product

ihrer Natur (des Instincts), und als Kunst wird es nur ihrem Schöpfer

zugeschrieben.

Wenn man bei Durchsuchung eines Moorbruches, wie es bisweilen geschehen

ist, ein Stück behauenes Holz antrifft, so sagt man nicht, es ist

|303.20| ein Product der Natur, sondern der Kunst; die hervorbringende

Ursache desselben hat sich einen Zweck gedacht, dem dieses seine Form

zu danken hat. Sonst sieht man wohl auch an allem eine Kunst, was so

beschaffen ist, daß eine Vorstellung desselben in seiner Ursache vor

seiner Wirklichkeit vorhergegangen sein muß (wie selbst bei Bienen),

ohne daß doch die Wirkung |303.25| von ihr eben =gedacht= sein dürfe;

wenn man aber etwas schlechthin ein Kunstwerk nennt, um es von einer

Naturwirkung zu unterscheiden, so versteht man allemal darunter ein

Werk der Menschen.

2) =Kunst= als Geschicklichkeit des Menschen wird auch von der #175#

=Wissenschaft= unterschieden (=Können= vom =Wissen=), als praktisches

|303.30| vom theoretischen Vermögen, als Technik von der Theorie (wie

die Feldmeßkunst von der Geometrie). Und da wird auch das, was man

=kann=, sobald man nur =weiß=, was gethan werden soll, und also nur die

begehrte Wirkung genugsam kennt, nicht eben Kunst genannt. Nur das, was

man, wenn man es auch auf das vollständigste kennt, dennoch darum zu

machen |303.35| noch nicht sofort die Geschicklichkeit hat, gehört in

so weit zur Kunst. =Camper= beschreibt sehr genau, wie der beste Schuh

beschaffen sein müßte, aber er konnte gewiß keinen machen[15].

[15] In meinen Gegenden sagt der gemeine Mann, wenn man ihm

etwa eine solche Aufgabe vorlegt, wie Columbus mit seinem Ei:

=das ist keine Kunst, es ist nur eine Wissenschaft=. D. i.

wenn man es weiß, so =kann= man es; und eben dieses sagt er

von allen vorgeblichen Künsten des Taschenspielers. Die des

Seiltänzers dagegen wird er gar nicht in Abrede sein, Kunst zu

nennen. |304.35|

3) Wird auch =Kunst= vom =Handwerke= unterschieden; die erste heißt

=freie=, die andere kann auch =Lohnkunst= heißen. Man sieht die erste

so |304.5| an, als ob sie nur als Spiel, d. i. Beschäftigung, die

für sich selbst angenehm ist, zweckmäßig ausfallen (gelingen) könne;

die zweite so, daß sie als Arbeit, d. i. Beschäftigung, die für sich

selbst unangenehm (beschwerlich) und nur durch ihre Wirkung (z. B.

den Lohn) anlockend ist, mithin zwangsmäßig #176# auferlegt werden

kann. Ob in der Rangliste der Zünfte Uhrmacher |304.10| für Künstler,

dagegen Schmiede für Handwerker gelten sollen: das bedarf eines

andern Gesichtspunkts der Beurtheilung, als derjenige ist, den wir

hier nehmen; nämlich die Proportion der Talente, die dem einen oder

anderen dieser Geschäfte zum Grunde liegen müssen. Ob auch unter den

sogenannten sieben freien Künsten nicht einige, die den Wissenschaften

beizuzählen, |304.15| manche auch, die mit Handwerken zu vergleichen

sind, aufgeführt worden sein möchten: davon will ich hier nicht reden.

Daß aber in allen freien Künsten dennoch etwas Zwangsmäßiges, oder,

wie man es nennt, ein =Mechanismus= erforderlich sei, ohne welchen

der =Geist=, der in der Kunst =frei= sein muß und allein das Werk

belebt, gar keinen Körper haben |304.20| und gänzlich verdunsten

würde: ist nicht unrathsam zu erinnern (z. B. in der Dichtkunst die

Sprachrichtigkeit und der Sprachreichthum, imgleichen die Prosodie und

das Sylbenmaß), da manche neuere Erzieher eine freie Kunst am besten zu

befördern glauben, wenn sie allen Zwang von ihr wegnehmen und sie aus

Arbeit in bloßes Spiel verwandeln. |304.25|

§ 44.

Von der schönen Kunst.

Es giebt weder eine Wissenschaft des Schönen, sondern nur Kritik,

noch schöne Wissenschaft, sondern nur schöne Kunst. Denn was die

erstere #177# betrifft, so würde in ihr wissenschaftlich, d. i. durch

Beweisgründe, ausgemacht |304.30| werden sollen, ob etwas für schön zu

halten sei oder nicht; das Urtheil über Schönheit würde also, wenn es

zur Wissenschaft gehörte, kein Geschmacksurtheil sein. Was das zweite

anlangt, so ist eine Wissenschaft, die als solche schön sein soll, ein

Unding. Denn wenn man in ihr als Wissenschaft nach Gründen und Beweisen

fragte, so würde man durch geschmackvolle |305.5| Aussprüche (Bonmots)

abgefertigt. — Was den gewöhnlichen Ausdruck =schöne Wissenschaften=

veranlaßt hat, ist ohne Zweifel nichts anders, als daß man ganz richtig

bemerkt hat, es werde zur schönen Kunst in ihrer ganzen Vollkommenheit

viel Wissenschaft, als z. B. Kenntniß alter Sprachen, Belesenheit

der Autoren, die für Classiker gelten, Geschichte, |305.10| Kenntniß

der Alterthümer u. s. w., erfordert, und deshalb diese historischen

Wissenschaften, weil sie zur schönen Kunst die nothwendige Vorbereitung

und Grundlage ausmachen, zum Theil auch weil darunter selbst die

Kenntniß der Producte der schönen Kunst (Beredsamkeit und Dichtkunst)

begriffen worden, durch eine Wortverwechselung selbst schöne

Wissenschaften |305.15| genannt hat.

Wenn die Kunst, dem =Erkenntnisse= eines möglichen Gegenstandes

angemessen, bloß ihn wirklich zu machen die dazu erforderlichen

Handlungen verrichtet, so ist sie =mechanische=; hat sie aber das

Gefühl der Lust zur unmittelbaren Absicht, so heißt sie =ästhetische=

Kunst. Diese ist entweder |305.20| #178# =angenehme= oder =schöne=

Kunst. Das erste ist sie, wenn der Zweck derselben ist, daß die Lust

die Vorstellungen als bloße =Empfindungen=, das zweite, daß sie

dieselben als =Erkenntnißarten= begleite.

Angenehme Künste sind die, welche bloß zum Genusse abgezweckt werden;

dergleichen alle die Reize sind, welche die Gesellschaft an einer

|305.25| Tafel vergnügen können: als unterhaltend zu erzählen, die

Gesellschaft in freimüthige und lebhafte Gesprächigkeit zu versetzen,

durch Scherz und Lachen sie zu einem gewissen Tone der Lustigkeit zu

stimmen, wo, wie man sagt, manches ins Gelag hinein geschwatzt werden

kann, und niemand über das, was er spricht, verantwortlich sein will,

weil es nur auf die augenblickliche |305.30| Unterhaltung, nicht auf

einen bleibenden Stoff zum Nachdenken oder Nachsagen angelegt ist.

(Hiezu gehört denn auch die Art, wie der Tisch zum Genusse ausgerüstet

ist, oder wohl gar bei großen Gelagen die Tafelmusik: ein wunderliches

Ding, welches nur als ein angenehmes Geräusch die Stimmung der Gemüther

zur Fröhlichkeit unterhalten soll und, |305.35| ohne daß jemand auf die

Composition derselben die mindeste Aufmerksamkeit verwendet, die freie

Gesprächigkeit eines Nachbars mit dem andern begünstigt.) Dazu gehören

ferner alle Spiele, die weiter kein Interesse bei sich führen, als die

Zeit unvermerkt verlaufen zu machen.

Schöne Kunst dagegen ist eine Vorstellungsart, die für sich selbst

#179# zweckmäßig ist und, obgleich ohne Zweck, dennoch die Cultur der

Gemüthskräfte zur geselligen Mittheilung befördert. |306.5|

Die allgemeine Mittheilbarkeit einer Lust führt es schon in ihrem

Begriffe mit sich, daß diese nicht eine Lust des Genusses aus bloßer

Empfindung, sondern der Reflexion sein müsse; und so ist ästhetische

Kunst als schöne Kunst eine solche, die die reflectirende Urtheilskraft

und nicht die Sinnenempfindung zum Richtmaße hat. |306.10|

§ 45.

Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich Natur zu sein scheint.

An einem Producte der schönen Kunst muß man sich bewußt werden, daß

es Kunst sei und nicht Natur; aber doch muß die Zweckmäßigkeit in

|306.15| der Form desselben von allem Zwange willkürlicher Regeln so

frei scheinen, als ob es ein Product der bloßen Natur sei. Auf diesem

Gefühle der Freiheit im Spiele unserer Erkenntnißvermögen, welches doch

zugleich zweckmäßig sein muß, beruht diejenige Lust, welche allein

allgemein mittheilbar ist, ohne sich doch auf Begriffe zu gründen. Die

Natur war schön, wenn |306.20| sie zugleich als Kunst aussah; und die

Kunst kann nur schön genannt werden, wenn wir uns bewußt sind, sie sei

Kunst, und sie uns doch als Natur aussieht.

Denn wir können allgemein sagen, es mag die Natur- oder die

Kunstschönheit #180# betreffen: =schön ist das, was in der bloßen

Beurtheilung= |306.25| (nicht in der Sinnenempfindung, noch durch einen

Begriff) =gefällt=. Nun hat Kunst jederzeit eine bestimmte Absicht

etwas hervorzubringen. Wenn dieses aber bloße Empfindung (etwas bloß

Subjectives) wäre, die mit Lust begleitet sein sollte, so würde dies

Product in der Beurtheilung nur vermittelst des Sinnengefühls gefallen.

Wäre die Absicht auf die |306.30| Hervorbringung eines bestimmten

Objects gerichtet, so würde, wenn sie durch die Kunst erreicht wird,

das Object nur durch Begriffe gefallen. In beiden Fällen aber würde

die Kunst nicht =in der bloßen Beurtheilung=, d. i. nicht als schöne,

sondern mechanische Kunst, gefallen.

Also muß die Zweckmäßigkeit im Producte der schönen Kunst, ob sie

|306.35| zwar absichtlich ist, doch nicht absichtlich scheinen; d.

i. schöne Kunst muß als Natur =anzusehen= sein, ob man sich ihrer

zwar als Kunst bewußt ist. Als Natur aber erscheint ein Product der

Kunst dadurch, daß zwar alle =Pünktlichkeit= in der Übereinkunft mit

Regeln, nach denen allein das Product das werden kann, was es sein

soll, angetroffen wird; aber ohne |307.5| =Peinlichkeit=, ohne daß die

Schulform durchblickt, d. i. ohne eine Spur zu zeigen, daß die Regel

dem Künstler vor Augen geschwebt und seinen Gemüthskräften Fesseln

angelegt habe.

§ 46. #181#

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft. · 第 51 / 67 题