A.

Vom Mathematisch-Erhabenen.

§ 25.

Namenerklärung des Erhabenen.

=Erhaben= nennen wir das, was =schlechthin groß= ist. Groß sein

|248.5| aber und eine Größe sein, sind ganz verschiedene Begriffe

(_magnitudo_ und _quantitas_). Imgleichen =schlechtweg= (_simpliciter_)

=sagen=, daß etwas groß sei, ist auch ganz was anderes als sagen, daß

es =schlechthin groß= #81# (_absolute, non comparative magnum_) sei.

Das letztere ist das, =was über alle Vergleichung groß ist=. — Was

will nun aber der Ausdruck, daß |248.10| etwas groß, oder klein, oder

mittelmäßig sei, sagen? Ein reiner Verstandesbegriff ist es nicht, was

dadurch bezeichnet wird; noch weniger eine Sinnenanschauung; und eben

so wenig ein Vernunftbegriff, weil es gar kein Princip der Erkenntniß

bei sich führt. Es muß also ein Begriff der Urtheilskraft sein, oder

von einem solchen abstammen und eine subjective |248.15| Zweckmäßigkeit

der Vorstellung in Beziehung auf die Urtheilskraft zum Grunde legen.

Daß etwas eine Größe (_quantum_) sei, läßt sich aus dem Dinge selbst

ohne alle Vergleichung mit andern erkennen: wenn nämlich Vielheit

des Gleichartigen zusammen Eines ausmacht. =Wie groß= es aber sei,

erfordert jederzeit etwas anderes, welches auch Größe ist, zu |248.20|

seinem Maße. Weil es aber in der Beurtheilung der Größe nicht bloß

auf die Vielheit (Zahl), sondern auch auf die Größe der Einheit (des

Maßes) ankommt, und die Größe dieser letztern immer wiederum etwas

Anderes als Maß bedarf, womit sie verglichen werden könne: so sehen

wir, daß alle Größenbestimmung der Erscheinungen schlechterdings keinen

|248.25| absoluten Begriff von einer Größe, sondern allemal nur einen

Vergleichungsbegriff liefern könne.

Wenn ich nun schlechtweg sage, daß etwas groß sei, so scheint es, daß

ich gar keine Vergleichung im Sinne habe, wenigstens mit keinem #82#

objectiven Maße, weil dadurch gar nicht bestimmt wird, wie groß der

Gegenstand |248.30| sei. Ob aber gleich der Maßstab der Vergleichung

bloß subjectiv ist, so macht das Urtheil nichts desto weniger auf

allgemeine Beistimmung Anspruch; die Urtheile: der Mann ist schön, und:

er ist groß, schränken sich nicht bloß auf das urtheilende Subject

ein, sondern verlangen gleich theoretischen Urtheilen jedermanns

Beistimmung. |248.35|

Weil aber in einem Urtheile, wodurch etwas schlechtweg als groß

bezeichnet wird, nicht bloß gesagt werden will, daß der Gegenstand

eine Größe habe, sondern diese ihm zugleich vorzugsweise vor vielen

andern gleicher Art beigelegt wird, ohne doch diesen Vorzug bestimmt

anzugeben: so wird demselben allerdings ein Maßstab zum Grunde gelegt,

den man |249.5| für jedermann als eben denselben annehmen zu können

voraussetzt, der aber zu keiner logischen (mathematisch-bestimmten),

sondern nur ästhetischen Beurtheilung der Größe brauchbar ist, weil

er ein bloß subjectiv dem über Größe reflectirenden Urtheile zum

Grunde liegender Maßstab ist. Er mag übrigens empirisch sein, wie

etwa die mittlere Größe der |249.10| uns bekannten Menschen, Thiere

von gewisser Art, Bäume, Häuser, Berge u. d. gl.; oder ein _a priori_

gegebener Maßstab, der durch die Mängel des beurtheilenden Subjects

auf subjective Bedingungen der Darstellung in concreto eingeschränkt

ist: als im Praktischen die Größe einer gewissen Tugend, oder der

öffentlichen Freiheit und Gerechtigkeit in einem Lande; |249.15| #83#

oder im Theoretischen die Größe der Richtigkeit oder Unrichtigkeit

einer gemachten Observation oder Messung u. d. gl.

Hier ist nun merkwürdig: daß, wenn wir gleich am Objecte gar kein

Interesse haben, d. i. die Existenz desselben uns gleichgültig ist,

doch die bloße Größe desselben, selbst wenn es als formlos betrachtet

wird, ein |249.20| Wohlgefallen bei sich führen könne, das allgemein

mittheilbar ist, mithin Bewußtsein einer subjectiven Zweckmäßigkeit

im Gebrauche unsrer Erkenntnißvermögen enthält; aber nicht etwa ein

Wohlgefallen am Objecte, wie beim Schönen (weil es formlos sein

kann), wo die reflectirende Urtheilskraft sich in Beziehung auf das

Erkenntniß überhaupt zweckmäßig gestimmt |249.25| findet, sondern an

der Erweiterung der Einbildungskraft an sich selbst.

Wenn wir (unter der obgenannten Einschränkung) von einem

Gegenstande schlechtweg sagen, er sei groß: so ist dies kein

mathematisch-bestimmendes, sondern ein bloßes Reflexionsurtheil über

die Vorstellung |249.30| desselben, die für einen gewissen Gebrauch

unserer Erkenntnißkräfte in der Größenschätzung subjectiv zweckmäßig

ist; und wir verbinden alsdann mit der Vorstellung jederzeit eine Art

von Achtung, so wie mit dem, was wir schlechtweg klein nennen, eine

Verachtung. Übrigens geht die Beurtheilung der Dinge als groß oder

klein auf alles, selbst auf alle Beschaffenheiten |249.35| derselben;

daher wir selbst die Schönheit groß oder klein nennen: wovon der Grund

darin zu suchen ist, daß, was wir nach Vorschrift der Urtheilskraft

#84# in der Anschauung nur immer darstellen (mithin ästhetisch

vorstellen) mögen, insgesammt Erscheinung, mithin auch ein Quantum ist.

Wenn wir aber etwas nicht allein groß, sondern schlechthin, absolut,

in aller Absicht (über alle Vergleichung) groß, d. i. erhaben,

nennen, |250.5| so sieht man bald ein: daß wir für dasselbe keinen

ihm angemessenen Maßstab außer ihm, sondern bloß in ihm zu suchen

verstatten. Es ist eine Größe, die bloß sich selber gleich ist. Daß das

Erhabene also nicht in den Dingen der Natur, sondern allein in unsern

Ideen zu suchen sei, folgt hieraus; in welchen es aber liege, muß für

die Deduction aufbehalten |250.10| werden.

Die obige Erklärung kann auch so ausgedrückt werden: =Erhaben ist das,

mit welchem in Vergleichung alles andere klein ist.= Hier sieht man

leicht: daß nichts in der Natur gegeben werden könne, so groß als es

auch von uns beurtheilt werde, was nicht, in einem andern Verhältnisse

|250.15| betrachtet, bis zum Unendlich-Kleinen abgewürdigt werden

könnte; und umgekehrt nichts so klein, was sich nicht in Vergleichung

mit noch kleinern Maßstäben für unsere Einbildungskraft bis zu einer

Weltgröße erweitern ließe. Die Teleskope haben uns die erstere, die

Mikroskope die letztere Bemerkung zu machen reichlichen Stoff an

die Hand gegeben. |250.20| Nichts also, was Gegenstand der Sinnen

sein kann, ist, auf diesen #85# Fuß betrachtet, erhaben zu nennen.

Aber eben darum, daß in unserer Einbildungskraft ein Bestreben zum

Fortschritte ins Unendliche, in unserer Vernunft aber ein Anspruch

auf absolute Totalität als auf eine reelle Idee liegt: ist selbst

jene Unangemessenheit unseres Vermögens der |250.25| Größenschätzung

der Dinge der Sinnenwelt für diese Idee die Erweckung des Gefühls

eines übersinnlichen Vermögens in uns; und der Gebrauch, den die

Urtheilskraft von gewissen Gegenständen zum Behuf des letzteren

(Gefühls) natürlicher Weise macht, nicht aber der Gegenstand der

Sinne ist schlechthin groß, gegen ihn aber jeder andere Gebrauch

klein. Mithin |250.30| ist die Geistesstimmung durch eine gewisse die

reflectirende Urtheilskraft beschäftigende Vorstellung, nicht aber das

Object erhaben zu nennen.

Wir können also zu den vorigen Formeln der Erklärung des Erhabenen

noch diese hinzuthun: =Erhaben ist, was auch nur denken zu können ein

Vermögen des Gemüths beweiset, das jeden Maßstab= |250.35| =der Sinne

übertrifft.=

§ 26.

Von der Größenschätzung der Naturdinge, die zur Idee des Erhabenen

erforderlich ist.

Die Größenschätzung durch Zahlbegriffe (oder deren Zeichen in der

Algebra) ist mathematisch, die aber in der bloßen Anschauung (nach

dem |251.5| Augenmaße) ist ästhetisch. Nun können wir zwar bestimmte

Begriffe davon, #86# =wie groß= etwas sei, nur durch Zahlen (allenfalls

Annäherungen durch ins Unendliche fortgehende Zahlreihen) bekommen,

deren Einheit das Maß ist; und sofern ist alle logische Größenschätzung

mathematisch. Allein da die Größe des Maßes doch als bekannt angenommen

werden |251.10| muß, so würden, wenn diese nun wiederum nur durch

Zahlen, deren Einheit ein anderes Maß sein müßte, mithin mathematisch

geschätzt werden sollte, wir niemals ein erstes oder Grundmaß, mithin

auch keinen bestimmten Begriff von einer gegebenen Größe haben können.

Also muß die Schätzung der Größe des Grundmaßes bloß darin bestehen,

daß man |251.15| sie in einer Anschauung unmittelbar fassen und durch

Einbildungskraft zur Darstellung der Zahlbegriffe brauchen kann: d. i.

alle Größenschätzung der Gegenstände der Natur ist zuletzt ästhetisch

(d. i. subjectiv und nicht objectiv bestimmt).

Nun giebt es zwar für die mathematische Größenschätzung kein Größtes

|251.20| (denn die Macht der Zahlen geht ins Unendliche); aber für

die ästhetische Größenschätzung giebt es allerdings ein Größtes; und

von diesem sage ich: daß, wenn es als absolutes Maß, über das kein

größeres subjectiv (dem beurtheilenden Subject) möglich sei, beurtheilt

wird, es die Idee des Erhabenen bei sich führe und diejenige Rührung,

welche keine |251.25| mathematische Schätzung der Größen durch Zahlen

(es sei denn, so weit #87# jenes ästhetische Grundmaß dabei in der

Einbildungskraft lebendig erhalten wird) bewirken kann, hervorbringe:

weil die letztere immer nur die relative Größe durch Vergleichung mit

andern gleicher Art, die erstere aber die Größe schlechthin, so weit

das Gemüth sie in einer Anschauung |251.30| fassen kann, darstellt.

Anschaulich ein Quantum in die Einbildungskraft aufzunehmen, um es zum

Maße oder als Einheit zur Größenschätzung durch Zahlen brauchen zu

können, dazu gehören zwei Handlungen dieses Vermögens: =Auffassung=

(_apprehensio_) und =Zusammenfassung= (_comprehensio aesthetica_).

|251.35| Mit der Auffassung hat es keine Noth: denn damit kann es ins

Unendliche gehen; aber die Zusammenfassung wird immer schwerer, je

weiter die Auffassung fortrückt, und gelangt bald zu ihrem Maximum,

nämlich dem ästhetisch-größten Grundmaße der Größenschätzung. Denn

wenn die Auffassung so weit gelangt ist, daß die zuerst aufgefaßten

Theilvorstellungen der Sinnenanschauung in der Einbildungskraft schon

zu erlöschen |252.5| anheben, indeß daß diese zu Auffassung mehrerer

fortrückt: so verliert sie auf einer Seite eben so viel, als sie auf

der andern gewinnt, und in der Zusammenfassung ist ein Größtes, über

welches sie nicht hinauskommen kann.

Daraus läßt sich erklären, was =Savary= in seinen Nachrichten von

|252.10| Ägypten anmerkt: daß man den Pyramiden nicht sehr nahe

kommen, eben so wenig als zu weit davon entfernt sein müsse, um die

ganze Rührung #88# von ihrer Größe zu bekommen. Denn ist das letztere,

so sind die Theile, die aufgefaßt werden, (die Steine derselben

übereinander) nur dunkel vorgestellt, und ihre Vorstellung thut keine

Wirkung auf das ästhetische |252.15| Urtheil des Subjects. Ist aber

das erstere, so bedarf das Auge einige Zeit, um die Auffassung von

der Grundfläche bis zur Spitze zu vollenden; in dieser aber erlöschen

immer zum Theil die ersteren, ehe die Einbildungskraft die letzteren

aufgenommen hat, und die Zusammenfassung ist nie vollständig. —

Eben dasselbe kann auch hinreichen, die Bestürzung oder |252.20| Art

von Verlegenheit, die, wie man erzählt, den Zuschauer in der St.

Peterskirche in Rom beim ersten Eintritt anwandelt, zu erklären. Denn

es ist hier ein Gefühl der Unangemessenheit seiner Einbildungskraft für

die Idee eines Ganzen, um sie darzustellen, worin die Einbildungskraft

ihr Maximum erreicht und bei der Bestrebung es zu erweitern in

sich selbst |252.25| zurück sinkt, dadurch aber in ein rührendes

Wohlgefallen versetzt wird.

Ich will jetzt noch nichts von dem Grunde dieses Wohlgefallens

anführen, welches mit einer Vorstellung, wovon man es am wenigsten

erwarten sollte, die nämlich uns die Unangemessenheit, folglich auch

subjective Unzweckmäßigkeit der Vorstellung für die Urtheilskraft

in der Größenschätzung |252.30| merken läßt, verbunden ist; sondern

bemerke nur, daß, wenn das ästhetische Urtheil =rein= (=mit keinem

teleologischen= als Vernunfturtheile #89# =vermischt=) und daran ein

der Kritik der =ästhetischen= Urtheilskraft völlig anpassendes Beispiel

gegeben werden soll, man nicht das Erhabene an Kunstproducten (z. B.

Gebäuden, Säulen u. s. w.), wo ein |252.35| menschlicher Zweck die Form

sowohl als die Größe bestimmt, noch an Naturdingen, =deren Begriff

schon einen bestimmten Zweck bei sich führt= (z. B. Thieren von

bekannter Naturbestimmung), sondern an der rohen Natur (und an dieser

sogar nur, sofern sie für sich keinen Reiz, oder Rührung aus wirklicher

Gefahr bei sich führt), bloß sofern sie Größe enthält, aufzeigen müsse.

Denn in dieser Art der Vorstellung enthält die Natur nichts, was

ungeheuer (noch was prächtig oder gräßlich) wäre; die |253.5| Größe,

die aufgefaßt wird, mag so weit angewachsen sein, als man will, wenn

sie nur durch Einbildungskraft in ein Ganzes zusammengefaßt werden

kann. =Ungeheuer= ist ein Gegenstand, wenn er durch seine Größe den

Zweck, der den Begriff desselben ausmacht, vernichtet. =Kolossalisch=

aber wird die bloße Darstellung eines Begriffs genannt, der für alle

|253.10| Darstellung beinahe zu groß ist (an das relativ Ungeheure

gränzt): weil der Zweck der Darstellung eines Begriffs dadurch, daß die

Anschauung des Gegenstandes für unser Auffassungsvermögen beinahe zu

groß ist, erschwert wird. — Ein reines Urtheil über das Erhabene aber

muß gar keinen Zweck des Objects zum Bestimmungsgrunde haben, wenn es

ästhetisch |253.15| #90# und nicht mit irgend einem Verstandes- oder

Vernunfturtheile vermengt sein soll.

* * * * *

Weil alles, was der bloß reflectirenden Urtheilskraft ohne Interesse

gefallen soll, in seiner Vorstellung subjective und als solche

allgemein-gültige Zweckmäßigkeit bei sich führen muß, gleichwohl aber

hier keine Zweckmäßigkeit |253.20| der =Form= des Gegenstandes (wie

beim Schönen) der Beurtheilung zum Grunde liegt, so fragt sich: welches

ist diese subjective Zweckmäßigkeit? und wodurch wird sie als Norm

vorgeschrieben, um in der bloßen Größenschätzung und zwar der, welche

gar bis zur Unangemessenheit unseres Vermögens der Einbildungskraft in

Darstellung des |253.25| Begriffs von einer Größe getrieben worden,

einen Grund zum allgemeingültigen Wohlgefallen abzugeben?

Die Einbildungskraft schreitet in der Zusammensetzung, die zur

Größenvorstellung erforderlich ist, von selbst, ohne daß ihr etwas

hinderlich wäre, ins Unendliche fort; der Verstand aber leitet sie

durch Zahlbegriffe, |253.30| wozu jene das Schema hergeben muß: und

in diesem Verfahren, als zur logischen Größenschätzung gehörig, ist

zwar etwas objectiv Zweckmäßiges nach dem Begriffe von einem Zwecke

(dergleichen jede Ausmessung ist), aber nichts für die ästhetische

Urtheilskraft Zweckmäßiges und Gefallendes. Es ist auch in dieser

absichtlichen Zweckmäßigkeit nichts, was |253.35| #91# die Größe des

Maßes, mithin der =Zusammenfassung= des Vielen in eine Anschauung bis

zur Gränze des Vermögens der Einbildungskraft und so weit, wie diese

in Darstellungen nur immer reichen mag, zu treiben nöthigte. Denn in

der Verstandesschätzung der Größen (der Arithmetik) kommt man eben so

weit, ob man die Zusammenfassung der Einheiten |254.5| bis zur Zahl

10 (in der Dekadik), oder nur bis 4 (in der Tetraktik) treibt; die

weitere Größenerzeugung aber im Zusammensetzen, oder, wenn das Quantum

in der Anschauung gegeben ist, im Auffassen bloß progressiv (nicht

comprehensiv) nach einem angenommenen Progressionsprincip verrichtet.

Der Verstand wird in dieser mathematischen Größenschätzung #10# eben so

gut bedient und befriedigt, ob die Einbildungskraft zur Einheit eine

Größe, die man in einem Blick fassen kann, z. B. einen Fuß oder Ruthe,

oder ob sie eine deutsche Meile, oder gar einen Erddurchmesser, deren

Auffassung zwar, aber nicht die Zusammenfassung in eine Anschauung der

Einbildungskraft (nicht durch die _comprehensio aesthetica_, |254.15|

obzwar gar wohl durch _comprehensio logica_ in einen Zahlbegriff)

möglich ist, wähle. In beiden Fällen geht die logische Größenschätzung

ungehindert ins Unendliche.

Nun aber hört das Gemüth in sich auf die Stimme der Vernunft, welche

zu allen gegebenen Größen, selbst denen, die zwar niemals ganz

|254.20| aufgefaßt werden können, gleichwohl aber (in der sinnlichen

Vorstellung) #92# als ganz gegeben beurtheilt werden, Totalität

fordert, mithin Zusammenfassung in =eine= Anschauung und für alle

jene Glieder einer fortschreitend-wachsenden Zahlreihe =Darstellung=

verlangt und selbst das Unendliche (Raum und verflossene Zeit) von

dieser Forderung nicht ausnimmt, vielmehr |254.25| es unvermeidlich

macht, sich dasselbe (in dem Urtheile der gemeinen Vernunft) als =ganz=

(seiner Totalität nach) =gegeben= zu denken.

Das Unendliche aber ist schlechthin (nicht bloß comparativ) groß.

Mit diesem verglichen, ist alles andere (von derselben Art Größen)

klein. Aber, was das Vornehmste ist, es als =ein Ganzes= auch nur

denken zu |254.30| können, zeigt ein Vermögen des Gemüths an,

welches allen Maßstab der Sinne übertrifft. Denn dazu würde eine

Zusammenfassung erfordert werden, welche einen Maßstab als Einheit

lieferte, der zum Unendlichen ein bestimmtes, in Zahlen angebliches

Verhältniß hätte: welches unmöglich ist. Das gegebene Unendliche

aber dennoch ohne Widerspruch =auch |254.35| nur denken zu können=,

dazu wird ein Vermögen, das selbst übersinnlich ist, im menschlichen

Gemüthe erfordert. Denn nur durch dieses und dessen Idee eines

Noumenons, welches selbst keine Anschauung verstattet, aber doch der

Weltanschauung, als bloßer Erscheinung, zum Substrat untergelegt wird,

wird das Unendliche der Sinnenwelt in der reinen intellectuellen

Größenschätzung =unter= einem Begriffe =ganz= zusammengefaßt, #93#

obzwar es in der mathematischen =durch Zahlenbegriffe= nie ganz gedacht

|255.5| werden kann. Selbst ein Vermögen, sich das Unendliche der

übersinnlichen Anschauung als (in seinem intelligibelen Substrat)

gegeben denken zu können, übertrifft allen Maßstab der Sinnlichkeit und

ist über alle Vergleichung selbst mit dem Vermögen der mathematischen

Schätzung groß; freilich wohl nicht in theoretischer Absicht zum

Behuf des Erkenntnißvermögens, |255.10| aber doch als Erweiterung

des Gemüths, welches die Schranken der Sinnlichkeit in anderer (der

praktischen) Absicht zu überschreiten sich vermögend fühlt.

Erhaben ist also die Natur in derjenigen ihrer Erscheinungen, deren

Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt. Dieses

letztere |255.15| kann nun nicht anders geschehen, als durch die

Unangemessenheit selbst der größten Bestrebung unserer Einbildungskraft

in der Größenschätzung eines Gegenstandes. Nun ist aber für die

mathematische Größenschätzung die Einbildungskraft jedem Gegenstande

gewachsen, um für dieselbe ein hinlängliches Maß zu geben, weil die

Zahlbegriffe des Verstandes durch |255.20| Progression jedes Maß

einer jeden gegebenen Größe angemessen machen können. Also muß es die

=ästhetische= Größenschätzung sein, in welcher die Bestrebung zur

Zusammenfassung, die das Vermögen der Einbildungskraft überschreitet,

die progressive Auffassung in ein Ganzes der Anschauung zu begreifen,

gefühlt und dabei zugleich die Unangemessenheit dieses |255.25| #94#

im Fortschreiten unbegränzten Vermögens wahrgenommen wird, ein mit

dem mindesten Aufwande des Verstandes zur Größenschätzung taugliches

Grundmaß zu fassen und zur Größenschätzung zu gebrauchen. Nun ist

das eigentliche unveränderliche Grundmaß der Natur das absolute

Ganze derselben, welches bei ihr als Erscheinung zusammengefaßte

Unendlichkeit |255.30| ist. Da aber dieses Grundmaß ein sich selbst

widersprechender Begriff ist (wegen der Unmöglichkeit der absoluten

Totalität eines Progressus ohne Ende): so muß diejenige Größe eines

Naturobjects, an welcher die Einbildungskraft ihr ganzes Vermögen der

Zusammenfassung fruchtlos verwendet, den Begriff der Natur auf ein

übersinnliches Substrat (welches |255.35| ihr und zugleich unserm

Vermögen zu denken zum Grunde liegt) führen, welches über allen Maßstab

der Sinne groß ist und daher nicht sowohl den Gegenstand, als vielmehr

die Gemüthsstimmung in Schätzung desselben als =erhaben= beurtheilen

läßt.

Also, gleichwie die ästhetische Urtheilskraft in Beurtheilung des

Schönen die Einbildungskraft in ihrem freien Spiele auf den =Verstand=

bezieht, um mit dessen =Begriffen= überhaupt (ohne Bestimmung

derselben) zusammenzustimmen: |256.5| so bezieht sie dasselbe Vermögen

in Beurtheilung eines Dinges als erhabenen auf die =Vernunft=, um

zu deren =Ideen= (unbestimmt welchen) subjectiv übereinzustimmen,

d. i. eine Gemüthsstimmung hervorzubringen, welche derjenigen gemäß

und mit ihr verträglich ist, die #95# der Einfluß bestimmter Ideen

(praktischer) auf das Gefühl bewirken |256.10| würde.

Man sieht hieraus auch, daß die wahre Erhabenheit nur im Gemüthe des

Urtheilenden, nicht in dem Naturobjecte, dessen Beurtheilung diese

Stimmung desselben veranlaßt, müsse gesucht werden. Wer wollte auch

ungestalte Gebirgsmassen, in wilder Unordnung über einander gethürmt,

|256.15| mit ihren Eispyramiden, oder die düstere tobende See u.

s. w. erhaben nennen? Aber das Gemüth fühlt sich in seiner eigenen

Beurtheilung gehoben, wenn es, indem es sich in der Betrachtung

derselben ohne Rücksicht auf ihre Form der Einbildungskraft und einer,

obschon ganz ohne bestimmten Zweck damit in Verbindung gesetzten, jene

bloß |256.20| erweiternden Vernunft überläßt, die ganze Macht der

Einbildungskraft dennoch ihren Ideen unangemessen findet.

Beispiele vom Mathematisch-Erhabenen der Natur in der bloßen Anschauung

liefern uns alle die Fälle, wo uns nicht sowohl ein größerer

Zahlbegriff, als vielmehr große Einheit als Maß (zu Verkürzung der

|256.25| Zahlreihen) für die Einbildungskraft gegeben wird. Ein Baum,

den wir nach Mannshöhe schätzen, giebt allenfalls einen Maßstab für

einen Berg; und wenn dieser etwa eine Meile hoch wäre, kann er zur

Einheit für die Zahl, welche den Erddurchmesser ausdrückt, dienen, um

den letzteren anschaulich zu machen, der Erddurchmesser für das uns

bekannte Planetensystem, |256.30| #96# dieses für das der Milchstraße;

und die unermeßliche Menge solcher Milchstraßensysteme unter dem Namen

der Nebelsterne, welche vermuthlich wiederum ein dergleichen System

unter sich ausmachen, lassen uns hier keine Gränzen erwarten. Nun liegt

das Erhabene bei der ästhetischen Beurtheilung eines so unermeßlichen

Ganzen nicht sowohl in der |256.35| Größe der Zahl, als darin, daß wir

im Fortschritte immer auf desto größere Einheiten gelangen; wozu die

systematische Abtheilung des Weltgebäudes beiträgt, die uns alles

Große in der Natur immer wiederum als klein, eigentlich aber unsere

Einbildungskraft in ihrer ganzen Gränzlosigkeit und mit ihr die Natur

als gegen die Ideen der Vernunft, wenn sie eine ihnen angemessene

Darstellung verschaffen soll, verschwindend vorstellt. |257.5|

§ 27.

Von der Qualität des Wohlgefallens in der Beurtheilung des Erhabenen.

Das Gefühl der Unangemessenheit unseres Vermögens zur Erreichung einer

Idee, =die für uns Gesetz ist=, ist ACHTUNG. Nun ist die |257.10|

Idee der Zusammenfassung einer jeden Erscheinung, die uns gegeben

werden mag, in die Anschauung eines Ganzen eine solche, welche

uns durch ein Gesetz der Vernunft auferlegt ist, die kein anderes

bestimmtes, für jedermann gültiges und unveränderliches Maß erkennt,

als das Absolut-Ganze. #97# Unsere Einbildungskraft aber beweiset

selbst in ihrer größten Anstrengung |257.15| in Ansehung der von ihr

verlangten Zusammenfassung eines gegebenen Gegenstandes in ein Ganzes

der Anschauung (mithin zur Darstellung der Idee der Vernunft) ihre

Schranken und Unangemessenheit, doch aber zugleich ihre Bestimmung zur

Bewirkung der Angemessenheit mit derselben als einem Gesetze. Also

ist das Gefühl des Erhabenen in |257.20| der Natur Achtung für unsere

eigene Bestimmung, die wir einem Objecte der Natur durch eine gewisse

Subreption (Verwechselung einer Achtung für das Object statt der für

die Idee der Menschheit in unserm Subjecte) beweisen, welches uns die

Überlegenheit der Vernunftbestimmung unserer Erkenntnißvermögen über

das größte Vermögen der Sinnlichkeit gleichsam |257.25| anschaulich

macht.

Das Gefühl des Erhabenen ist also ein Gefühl der Unlust aus

der Unangemessenheit der Einbildungskraft in der ästhetischen

Größenschätzung zu der Schätzung durch die Vernunft und eine dabei

zugleich erweckte Lust aus der Übereinstimmung eben dieses Urtheils

der Unangemessenheit des |257.30| größten sinnlichen Vermögens mit

Vernunftideen, sofern die Bestrebung zu denselben doch für uns Gesetz

ist. Es ist nämlich für uns Gesetz (der Vernunft) und gehört zu

unserer Bestimmung, alles, was die Natur als Gegenstand der Sinne

für uns Großes enthält, in Vergleichung mit Ideen der Vernunft

für klein zu schätzen; und was das Gefühl dieser übersinnlichen

|257.35| #98# Bestimmung in uns rege macht, stimmt zu jenem Gesetze

zusammen. Nun ist die größte Bestrebung der Einbildungskraft in

Darstellung der Einheit für die Größenschätzung eine Beziehung auf

etwas =Absolut-Großes=, folglich auch eine Beziehung auf das Gesetz

der Vernunft, dieses allein zum obersten Maße der Größen anzunehmen.

Also ist die innere Wahrnehmung der Unangemessenheit alles sinnlichen

Maßstabes zur Größenschätzung |258.5| der Vernunft eine Übereinstimmung

mit Gesetzen derselben und eine Unlust, welche das Gefühl unserer

übersinnlichen Bestimmung in uns rege macht, nach welcher es zweckmäßig

ist, mithin Lust ist, jeden Maßstab der Sinnlichkeit den Ideen der

Vernunft unangemessen zu finden.

Das Gemüth fühlt sich in der Vorstellung des Erhabenen in der

|258.10| Natur =bewegt=: da es in dem ästhetischen Urtheile über das

Schöne derselben in =ruhiger= Contemplation ist. Diese Bewegung kann

(vornehmlich in ihrem Anfange) mit einer Erschütterung verglichen

werden, d. i. mit einem schnellwechselnden Abstoßen und Anziehen eben

desselben Objects. Das Überschwengliche für die Einbildungskraft (bis

zu welchem sie |258.15| in der Auffassung der Anschauung getrieben

wird) ist gleichsam ein Abgrund, worin sie sich selbst zu verlieren

fürchtet; aber doch auch für die Idee der Vernunft vom Übersinnlichen

nicht überschwenglich, sondern gesetzmäßig, eine solche Bestrebung der

Einbildungskraft hervorzubringen: #99# mithin in eben dem Maße wiederum

anziehend, als es für die bloße |258.20| Sinnlichkeit abstoßend war.

Das Urtheil selber bleibt aber hiebei immer nur ästhetisch, weil

es, ohne einen bestimmten Begriff vom Objecte zum Grunde zu haben,

bloß das subjective Spiel der Gemüthskräfte (Einbildungskraft und

Vernunft) selbst durch ihren Contrast als harmonisch vorstellt. Denn

so wie Einbildungskraft und =Verstand= in der Beurtheilung |258.25|

des Schönen durch ihre Einhelligkeit, so bringen Einbildungskraft und

=Vernunft= hier durch ihren Widerstreit subjective Zweckmäßigkeit der

Gemüthskräfte hervor: nämlich ein Gefühl, daß wir reine, selbstständige

Vernunft haben, oder ein Vermögen der Größenschätzung, dessen

Vorzüglichkeit durch nichts anschaulich gemacht werden kann, als

durch die Unzulänglichkeit |258.30| desjenigen Vermögens, welches in

Darstellung der Größen (sinnlicher Gegenstände) selbst unbegränzt ist.

Messung eines Raums (als Auffassung) ist zugleich Beschreibung

desselben, mithin objective Bewegung in der Einbildung und ein

Progressus; die Zusammenfassung der Vielheit in die Einheit,

nicht des Gedankens, |258.35| sondern der Anschauung, mithin des

Successiv-Aufgefaßten in einen Augenblick, ist dagegen ein Regressus,

der die Zeitbedingung im Progressus der Einbildungskraft wieder

aufhebt und das =Zugleichsein= anschaulich macht. Sie ist also (da

die Zeitfolge eine Bedingung des innern Sinnes und einer Anschauung

ist) eine subjective Bewegung der #100# Einbildungskraft, wodurch sie

dem innern Sinne Gewalt anthut, die desto merklicher sein muß, je

größer das Quantum ist, welches die Einbildungskraft |259.5| in eine

Anschauung zusammenfaßt. Die Bestrebung also, ein Maß für Größen in

eine einzelne Anschauung aufzunehmen, welches aufzufassen merkliche

Zeit erfordert, ist eine Vorstellungsart, welche, subjectiv betrachtet,

zweckwidrig, objectiv aber zur Größenschätzung erforderlich, mithin

zweckmäßig ist: wobei aber doch eben dieselbe Gewalt, die dem Subjecte

|259.10| durch die Einbildungskraft widerfährt, =für die ganze

Bestimmung= des Gemüths als zweckmäßig beurtheilt wird.

Die =Qualität= des Gefühls des Erhabenen ist: daß sie ein Gefühl der

Unlust über das ästhetische Beurtheilungsvermögen an einem Gegenstande

ist, die darin doch zugleich als zweckmäßig vorgestellt wird; welches

|259.15| dadurch möglich ist, daß das eigne Unvermögen das Bewußtsein

eines unbeschränkten Vermögens desselben Subjects entdeckt, und das

Gemüth das letztere nur durch das erstere ästhetisch beurtheilen kann.

In der logischen Größenschätzung ward die Unmöglichkeit, durch den

Progressus der Messung der Dinge der Sinnenwelt in Zeit und Raum

|259.20| jemals zur absoluten Totalität zu gelangen, für objectiv,

d. i. eine Unmöglichkeit, das Unendliche als gegeben zu =denken=,

und nicht als bloß #101# subjectiv, d. i. als Unvermögen es zu

=fassen=, erkannt: weil da auf den Grad der Zusammenfassung in

eine Anschauung als Maß gar nicht gesehen wird, sondern alles auf

einen Zahlbegriff ankommt. Allein in einer |259.25| ästhetischen

Größenschätzung muß der Zahlbegriff wegfallen oder verändert werden,

und die Comprehension der Einbildungskraft zur Einheit des Maßes

(mithin mit Vermeidung der Begriffe von einem Gesetze der successiven

Erzeugung der Größenbegriffe) ist allein für sie zweckmäßig. — Wenn

nun eine Größe beinahe das Äußerste unseres Vermögens der |259.30|

Zusammenfassung in eine Anschauung erreicht, und die Einbildungskraft

doch durch Zahlgrößen (für die wir uns unseres Vermögens als

unbegränzt bewußt sind) zur ästhetischen Zusammenfassung in eine

größere Einheit aufgefordert wird, so fühlen wir uns im Gemüth als

ästhetisch in Gränzen eingeschlossen; aber die Unlust wird doch in

Hinsicht auf die |259.35| nothwendige Erweiterung der Einbildungskraft

zur Angemessenheit mit dem, was in unserm Vermögen der Vernunft

unbegränzt ist, nämlich der Idee des absoluten Ganzen, mithin

die Unzweckmäßigkeit des Vermögens der Einbildungskraft doch für

Vernunftideen und deren Erweckung als zweckmäßig vorgestellt. Eben

dadurch wird aber das ästhetische Urtheil selbst subjectiv-zweckmäßig

für die Vernunft, als Quell der Ideen, d. i. einer solchen

intellectuellen Zusammenfassung, für die alle ästhetische klein |260.5|

ist; und der Gegenstand wird als erhaben mit einer Lust aufgenommen,

#102# die nur vermittelst einer Unlust möglich ist.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft. · 第 48 / 67 题