Analytik des Erhabenen.
§ 23. |244.5|
Übergang von dem Beurtheilungsvermögen des Schönen zu dem des Erhabenen.
Das Schöne kommt darin mit dem Erhabenen überein, daß beides für
sich selbst gefällt. Ferner darin, daß beides kein Sinnes- noch ein
logisch-bestimmendes, sondern ein Reflexionsurtheil voraussetzt:
folglich |244.10| das Wohlgefallen nicht an einer Empfindung wie die
des Angenehmen, noch an einem bestimmten Begriffe wie das Wohlgefallen
am Guten hängt, gleichwohl aber doch auf Begriffe, obzwar unbestimmt
welche, bezogen wird; mithin das Wohlgefallen an der bloßen Darstellung
oder dem Vermögen derselben geknüpft ist, wodurch das Vermögen der
Darstellung |244.15| oder die Einbildungskraft bei einer gegebenen
Anschauung mit dem =Vermögen der Begriffe= des Verstandes oder der
Vernunft, als Beförderung der letztern, in Einstimmung betrachtet
wird. Daher sind auch beiderlei Urtheile =einzelne= und doch sich für
allgemeingültig in Ansehung jedes Subjects ankündigende Urtheile, ob
sie zwar bloß auf das Gefühl der Lust |244.20| und auf kein Erkenntniß
des Gegenstandes Anspruch machen.
Allein es sind auch namhafte Unterschiede zwischen beiden in die #75#
Augen fallend. Das Schöne der Natur betrifft die Form des Gegenstandes,
die in der Begränzung besteht; das Erhabene ist dagegen auch an einem
formlosen Gegenstande zu finden, sofern =Unbegränztheit= an |244.25|
ihm oder durch dessen Veranlassung vorgestellt und doch Totalität
derselben hinzugedacht wird: so daß das Schöne für die Darstellung
eines unbestimmten Verstandesbegriffs, das Erhabene aber eines
dergleichen Vernunftbegriffs genommen zu werden scheint. Also ist das
Wohlgefallen dort mit der Vorstellung der =Qualität=, hier aber der
=Quantität= verbunden. |244.30| Auch ist das letztere der Art nach
von dem ersteren Wohlgefallen gar sehr unterschieden: indem dieses
(das Schöne) directe ein Gefühl der Beförderung des Lebens bei sich
führt und daher mit Reizen und einer spielenden Einbildungskraft
vereinbar ist; jenes aber (das Gefühl des Erhabenen) eine Lust ist,
welche nur indirecte entspringt, nämlich so daß sie durch das Gefühl
einer augenblicklichen Hemmung der Lebenskräfte und darauf sogleich
folgenden desto stärkern Ergießung derselben erzeugt wird, mithin
als Rührung kein Spiel, sondern Ernst in der Beschäftigung |245.5|
der Einbildungskraft zu sein scheint. Daher es auch mit Reizen
unvereinbar ist, und, indem das Gemüth von dem Gegenstande nicht bloß
angezogen, sondern wechselsweise auch immer wieder abgestoßen wird,
das Wohlgefallen am Erhabenen nicht sowohl positive Lust als vielmehr
Bewunderung #76# oder Achtung enthält, d. i. negative Lust genannt zu
werden |245.10| verdient.
Der wichtigste und innere Unterschied aber des Erhabenen vom Schönen
ist wohl dieser: daß, wenn wir wie billig hier zuvörderst nur das
Erhabene an Naturobjecten in Betrachtung ziehen (das der Kunst wird
nämlich immer auf die Bedingungen der Übereinstimmung mit der |245.15|
Natur eingeschränkt), die Naturschönheit (die selbstständige) eine
Zweckmäßigkeit in ihrer Form, wodurch der Gegenstand für unsere
Urtheilskraft gleichsam vorherbestimmt zu sein scheint, bei sich führt
und so an sich einen Gegenstand des Wohlgefallens ausmacht; hingegen
das, was in uns, ohne zu vernünfteln, bloß in der Auffassung das
Gefühl des Erhabenen |245.20| erregt, der Form nach zwar zweckwidrig
für unsere Urtheilskraft, unangemessen unserm Darstellungsvermögen und
gleichsam gewaltthätig für die Einbildungskraft erscheinen mag, aber
dennoch nur um desto erhabener zu sein geurtheilt wird.
Man sieht aber hieraus sofort, daß wir uns überhaupt unrichtig
ausdrücken, |245.25| wenn wir irgend einen =Gegenstand der Natur=
erhaben nennen, ob wir zwar ganz richtig sehr viele derselben schön
nennen können; denn wie kann das mit einem Ausdrucke des Beifalls
bezeichnet werden, was an sich als zweckwidrig aufgefaßt wird? Wir
können nicht mehr sagen, als daß der Gegenstand zur Darstellung einer
Erhabenheit tauglich sei, die |245.30| im Gemüthe angetroffen werden
kann; denn das eigentliche Erhabene #77# kann in keiner sinnlichen Form
enthalten sein, sondern trifft nur Ideen der Vernunft: welche, obgleich
keine ihnen angemessene Darstellung möglich ist, eben durch diese
Unangemessenheit, welche sich sinnlich darstellen läßt, rege gemacht
und ins Gemüth gerufen werden. So kann der weite, |245.35| durch Stürme
empörte Ocean nicht erhaben genannt werden. Sein Anblick ist gräßlich;
und man muß das Gemüth schon mit mancherlei Ideen angefüllt haben,
wenn es durch eine solche Anschauung zu einem Gefühl gestimmt werden
soll, welches selbst erhaben ist, indem das Gemüth die Sinnlichkeit zu
verlassen und sich mit Ideen, die höhere Zweckmäßigkeit enthalten, zu
beschäftigen angereizt wird.
Die selbstständige Naturschönheit entdeckt uns eine Technik der Natur,
|246.5| welche sie als ein System nach Gesetzen, deren Princip wir in
unserm ganzen Verstandesvermögen nicht antreffen, vorstellig macht,
nämlich dem einer Zweckmäßigkeit respectiv auf den Gebrauch der
Urtheilskraft in Ansehung der Erscheinungen, so daß diese nicht bloß
als zur Natur in ihrem zwecklosen Mechanism, sondern auch als zur
Analogie mit der Kunst gehörig |246.10| beurtheilt werden müssen. Sie
erweitert also wirklich zwar nicht unsere Erkenntniß der Naturobjecte,
aber doch unsern Begriff von der Natur, nämlich als bloßem Mechanism,
zu dem Begriff von eben derselben als Kunst: welches zu tiefen
Untersuchungen über die Möglichkeit einer solchen Form einladet.
Aber in dem, was wir an ihr erhaben zu nennen |246.15| #78# pflegen,
ist so gar nichts, was auf besondere objective Principien und diesen
gemäße Formen der Natur führte, daß diese vielmehr in ihrem Chaos
oder in ihrer wildesten, regellosesten Unordnung und Verwüstung,
wenn sich nur Größe und Macht blicken läßt, die Ideen des Erhabenen
am meisten erregt. Daraus sehen wir, daß der Begriff des Erhabenen
der |246.20| Natur bei weitem nicht so wichtig und an Folgerungen
reichhaltig sei, als der des Schönen in derselben; und daß er überhaupt
nichts Zweckmäßiges in der Natur selbst, sondern nur in dem möglichen
=Gebrauche= ihrer Anschauungen, um eine von der Natur ganz unabhängige
Zweckmäßigkeit in uns selbst fühlbar zu machen, anzeige. Zum Schönen
der Natur müssen |246.25| wir einen Grund außer uns suchen, zum
Erhabenen aber bloß in uns und der Denkungsart, die in die Vorstellung
der ersteren Erhabenheit hineinbringt; eine sehr nöthige vorläufige
Bemerkung, welche die Ideen des Erhabenen von der einer Zweckmäßigkeit
der =Natur= ganz abtrennt und aus der Theorie desselben einen bloßen
Anhang zur ästhetischen Beurtheilung |246.30| der Zweckmäßigkeit der
Natur macht, weil dadurch keine besondere Form in dieser vorgestellt,
sondern nur ein zweckmäßiger Gebrauch, den die Einbildungskraft von
ihrer Vorstellung macht, entwickelt wird.
§ 24. #79#
Von der Eintheilung einer Untersuchung des Gefühls des Erhabenen.
Was die Eintheilung der Momente der ästhetischen Beurtheilung der
Gegenstände in Beziehung auf das Gefühl des Erhabenen betrifft, so
wird |247.5| die Analytik nach demselben Princip fortlaufen können,
wie in der Zergliederung der Geschmacksurtheile geschehen ist. Denn
als Urtheil der ästhetischen reflectirenden Urtheilskraft muß das
Wohlgefallen am Erhabenen eben sowohl als am Schönen der =Quantität=
nach allgemeingültig, der =Qualität= nach ohne Interesse, der
=Relation= nach subjective |247.10| Zweckmäßigkeit und der =Modalität=
nach die letztere als nothwendig vorstellig machen. Hierin wird
also die Methode von der im vorigen Abschnitte nicht abweichen: man
müßte denn das für etwas rechnen, daß wir dort, wo das ästhetische
Urtheil die Form des Objects betraf, von der Untersuchung der Qualität
anfingen; hier aber bei der Formlosigkeit, welche |247.15| dem, was wir
erhaben nennen, zukommen kann, von der Quantität, als dem ersten Moment
des ästhetischen Urtheils über das Erhabene, anfangen werden: wozu aber
der Grund aus dem vorhergehenden § zu ersehen ist.
Aber eine Eintheilung hat die Analysis des Erhabenen nöthig,
welche |247.20| die des Schönen nicht bedarf, nämlich die in das
=Mathematisch-= und in das =Dynamisch-Erhabene=.
Denn da das Gefühl des Erhabenen eine mit der Beurtheilung des #80#
Gegenstandes verbundene =Bewegung= des Gemüths als seinen Charakter
bei sich führt, anstatt daß der Geschmack am Schönen das Gemüth
in |247.25| =ruhiger= Contemplation voraussetzt und erhält; diese
Bewegung aber als subjectiv zweckmäßig beurtheilt werden soll (weil
das Erhabene gefällt): so wird sie durch die Einbildungskraft entweder
auf das =Erkenntniß-= oder auf das =Begehrungsvermögen= bezogen, in
beiderlei Beziehung aber die Zweckmäßigkeit der gegebenen Vorstellung
nur in Ansehung dieser |247.30| =Vermögen= (ohne Zweck oder Interesse)
beurtheilt werden: da dann die erste als eine =mathematische=, die
zweite als =dynamische= Stimmung der Einbildungskraft dem Objecte
beigelegt und daher dieses auf gedachte zwiefache Art als erhaben
vorgestellt wird.