Allgemeine Anmerkung zum ersten Abschnitte der Analytik. |240.20|

Wenn man das Resultat aus den obigen Zergliederungen zieht, so findet

sich, daß alles auf den Begriff des Geschmacks herauslaufe: daß er

ein Beurtheilungsvermögen eines Gegenstandes in Beziehung auf die

#69# =freie Gesetzmäßigkeit= der Einbildungskraft sei. Wenn nun im

Geschmacksurtheile die Einbildungskraft in ihrer Freiheit betrachtet

werden |240.25| muß, so wird sie erstlich nicht reproductiv, wie

sie den Associationsgesetzen unterworfen ist, sondern als productiv

und selbstthätig (als Urheberin willkürlicher Formen möglicher

Anschauungen) angenommen; und ob sie zwar bei der Auffassung eines

gegebenen Gegenstandes der Sinne an eine bestimmte Form dieses

Objects gebunden ist und sofern kein freies Spiel |240.30| (wie

im Dichten) hat, so läßt sich doch noch wohl begreifen: daß der

Gegenstand ihr gerade eine solche Form an die Hand geben könne,

die eine Zusammensetzung des Mannigfaltigen enthält, wie sie die

Einbildungskraft, wenn sie sich selbst frei überlassen wäre, in

Einstimmung mit der =Verstandesgesetzmäßigkeit= überhaupt entwerfen

würde. Allein daß die =Einbildungskraft frei= und doch =von selbst

gesetzmäßig= sei, d. i. daß sie eine Autonomie bei sich führe, ist

ein Widerspruch. Der Verstand |241.5| allein giebt das Gesetz. Wenn

aber die Einbildungskraft nach einem bestimmten Gesetze zu verfahren

genöthigt wird, so wird ihr Product der Form nach durch Begriffe

bestimmt, wie es sein soll; aber alsdann ist das Wohlgefallen, wie oben

gezeigt, nicht das am Schönen, sondern am Guten (der Vollkommenheit,

allenfalls bloß der formalen), und das Urtheil ist |241.10| kein

Urtheil durch Geschmack. Es wird also eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz

und eine subjective Übereinstimmung der Einbildungskraft zum Verstande

ohne eine objective, da die Vorstellung auf einen bestimmten Begriff

von einem Gegenstande bezogen wird, mit der freien Gesetzmäßigkeit

des Verstandes (welche auch Zweckmäßigkeit ohne Zweck genannt worden)

|241.15| und mit der Eigenthümlichkeit eines Geschmacksurtheils allein

zusammen bestehen können.

Nun werden geometrisch-regelmäßige Gestalten, eine Cirkelfigur, ein

#70# Quadrat, ein Würfel u. s. w., von Kritikern des Geschmacks

gemeiniglich als die einfachsten und unzweifelhaftesten Beispiele

der Schönheit angeführt; |241.20| und dennoch werden sie eben darum

regelmäßig genannt, weil man sie nicht anders vorstellen kann als so,

daß sie für bloße Darstellungen eines bestimmten Begriffs, der jener

Gestalt die Regel vorschreibt (nach der sie allein möglich ist),

angesehen werden. Eines von beiden muß also irrig sein: entweder

jenes Urtheil der Kritiker, gedachten Gestalten Schönheit |241.25|

beizulegen; oder das unsrige, welches Zweckmäßigkeit ohne Begriff zur

Schönheit nöthig findet.

Niemand wird leichtlich einen Menschen von Geschmack dazu nöthig

finden, um an einer Cirkelgestalt mehr Wohlgefallen, als an einem

kritzlichen Umrisse, an einem gleichseitigen und gleicheckigen Viereck

mehr, als |241.30| an einem schiefen, ungleichseitigen, gleichsam

verkrüppelten zu finden; denn dazu gehört nur gemeiner Verstand und

gar kein Geschmack. Wo eine Absicht, z. B. die Größe eines Platzes

zu beurtheilen, oder das Verhältniß der Theile zu einander und zum

Ganzen in einer Eintheilung faßlich zu machen, wahrgenommen wird: da

sind regelmäßige Gestalten und zwar |241.35| die von der einfachsten

Art nöthig; und das Wohlgefallen ruht nicht unmittelbar auf dem

Anblicke der Gestalt, sondern der Brauchbarkeit derselben zu allerlei

möglicher Absicht. Ein Zimmer, dessen Wände schiefe Winkel machen,

ein Gartenplatz von solcher Art, selbst alle Verletzung der Symmetrie

sowohl in der Gestalt der Thiere (z. B. einäugig zu sein), als der

Gebäude oder der Blumenstücke mißfällt, weil es zweckwidrig ist,

nicht allein praktisch in Ansehung eines bestimmten Gebrauchs dieser

Dinge, |242.5| sondern auch für die Beurtheilung in allerlei möglicher

Absicht; welches der Fall im Geschmacksurtheile nicht ist, welches,

wenn es rein ist, Wohlgefallen #71# oder Mißfallen ohne Rücksicht

auf den Gebrauch oder einen Zweck mit der bloßen =Betrachtung= des

Gegenstandes unmittelbar verbindet.

Die Regelmäßigkeit, die zum Begriffe von einem Gegenstande führt,

|242.10| ist zwar die unentbehrliche Bedingung (_conditio sine qua

non_), den Gegenstand in eine einzige Vorstellung zu fassen und das

Mannigfaltige in der Form desselben zu bestimmen. Diese Bestimmung ist

ein Zweck in Ansehung der Erkenntniß; und in Beziehung auf diese ist

sie auch jederzeit mit Wohlgefallen (welches die Bewirkung einer jeden

auch bloß problematischen |242.15| Absicht begleitet) verbunden. Es ist

aber alsdann bloß die Billigung der Auflösung, die einer Aufgabe Gnüge

thut, und nicht eine freie und unbestimmt-zweckmäßige Unterhaltung der

Gemüthskräfte mit dem, was wir schön nennen, und wobei der Verstand der

Einbildungskraft und nicht diese jenem zu Diensten ist. |242.20|

An einem Dinge, das nur durch eine Absicht möglich ist, einem Gebäude,

selbst einem Thier muß die Regelmäßigkeit, die in der Symmetrie

besteht, die Einheit der Anschauung ausdrücken, welche den Begriff des

Zwecks begleitet, und gehört mit zum Erkenntnisse. Aber wo nur ein

freies Spiel der Vorstellungskräfte (doch unter der Bedingung, daß der

|242.25| Verstand dabei keinen Anstoß leide) unterhalten werden soll,

in Lustgärten, Stubenverzierung, allerlei geschmackvollem Geräthe

u. d. gl., wird die Regelmäßigkeit, die sich als Zwang ankündigt,

so viel möglich vermieden; daher der englische Geschmack in Gärten,

der Barockgeschmack an Möbeln die Freiheit der Einbildungskraft

wohl eher bis zur Annäherung zum Grotesken |242.30| treibt und in

dieser Absonderung von allem Zwange der Regel eben den Fall setzt,

wo der Geschmack in Entwürfen der Einbildungskraft seine #72# größte

Vollkommenheit zeigen kann.

Alles Steif-Regelmäßige (was der mathematischen Regelmäßigkeit

nahe kommt) hat das Geschmackwidrige an sich: daß es keine lange

Unterhaltung |242.35| mit der Betrachtung desselben gewährt, sondern,

sofern es nicht ausdrücklich das Erkenntniß, oder einen bestimmten

praktischen Zweck zur Absicht hat, lange Weile macht. Dagegen ist

das, womit Einbildungskraft ungesucht und zweckmäßig spielen kann,

uns jederzeit neu, und man wird seines Anblicks nicht überdrüssig.

=Marsden= in seiner Beschreibung von Sumatra macht die Anmerkung, daß

die freien Schönheiten der Natur |243.5| den Zuschauer daselbst überall

umgeben und daher wenig Anziehendes mehr für ihn haben: dagegen ein

Pfeffergarten, wo die Stangen, an denen sich dieses Gewächs rankt,

in Parallellinien Alleen zwischen sich bilden, wenn er ihn mitten in

einem Walde antraf, für ihn viel Reiz hatte; und schließt daraus,

daß wilde, dem Anscheine nach regellose Schönheit nur |243.10| dem

zur Abwechselung gefalle, der sich an der regelmäßigen satt gesehen

hat. Allein er durfte nur den Versuch machen, sich einen Tag bei

seinem Pfeffergarten aufzuhalten, um inne zu werden, daß, wenn der

Verstand durch die Regelmäßigkeit sich in die Stimmung zur Ordnung,

die er allerwärts bedarf, versetzt hat, ihn der Gegenstand nicht

länger unterhalte, |243.15| vielmehr der Einbildungskraft einen

lästigen Zwang anthue: wogegen die dort an Mannigfaltigkeiten bis zur

Üppigkeit verschwenderische Natur, die keinem Zwange künstlicher Regeln

unterworfen ist, seinem Geschmacke für beständig Nahrung geben könne.

— Selbst der Gesang der Vögel, den wir unter keine musikalische Regel

bringen können, scheint mehr Freiheit |243.20| und darum mehr für den

Geschmack zu enthalten, als selbst ein menschlicher Gesang, der nach

allen Regeln der Tonkunst geführt wird: weil man #73# des letztern,

wenn er oft und lange Zeit wiederholt wird, weit eher überdrüssig

wird. Allein hier vertauschen wir vermuthlich unsere Theilnehmung an

der Lustigkeit eines kleinen beliebten Thierchens mit der Schönheit

|243.25| seines Gesanges, der, wenn er vom Menschen (wie dies mit dem

Schlagen der Nachtigall bisweilen geschieht) ganz genau nachgeahmt

wird, unserm Ohre ganz geschmacklos zu sein dünkt.

Noch sind schöne Gegenstände von schönen Aussichten auf Gegenstände

(die öfter der Entfernung wegen nicht mehr deutlich erkannt werden

|243.30| können) zu unterscheiden. In den letztern scheint der

Geschmack nicht sowohl an dem, was die Einbildungskraft in diesem Felde

=auffaßt=, als vielmehr an dem, was sie hiebei zu =dichten= Anlaß

bekommt, d. i. an den eigentlichen Phantasieen, womit sich das Gemüth

unterhält, indessen daß es durch die Mannigfaltigkeit, auf die das Auge

stößt, continuirlich erweckt |243.35| wird, zu haften; so wie etwa bei

dem Anblick der veränderlichen Gestalten eines Kaminfeuers oder eines

rieselnden Baches, welche beide keine Schönheiten sind, aber doch für

die Einbildungskraft einen Reiz bei sich führen, weil sie ihr freies

Spiel unterhalten.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der Urtheilskraft. · 第 46 / 67 题