Wenn man das Resultat aus den obigen Zergliederungen zieht, so findet
sich, daß alles auf den Begriff des Geschmacks herauslaufe: daß er
ein Beurtheilungsvermögen eines Gegenstandes in Beziehung auf die
#69# =freie Gesetzmäßigkeit= der Einbildungskraft sei. Wenn nun im
Geschmacksurtheile die Einbildungskraft in ihrer Freiheit betrachtet
werden |240.25| muß, so wird sie erstlich nicht reproductiv, wie
sie den Associationsgesetzen unterworfen ist, sondern als productiv
und selbstthätig (als Urheberin willkürlicher Formen möglicher
Anschauungen) angenommen; und ob sie zwar bei der Auffassung eines
gegebenen Gegenstandes der Sinne an eine bestimmte Form dieses
Objects gebunden ist und sofern kein freies Spiel |240.30| (wie
im Dichten) hat, so läßt sich doch noch wohl begreifen: daß der
Gegenstand ihr gerade eine solche Form an die Hand geben könne,
die eine Zusammensetzung des Mannigfaltigen enthält, wie sie die
Einbildungskraft, wenn sie sich selbst frei überlassen wäre, in
Einstimmung mit der =Verstandesgesetzmäßigkeit= überhaupt entwerfen
würde. Allein daß die =Einbildungskraft frei= und doch =von selbst
gesetzmäßig= sei, d. i. daß sie eine Autonomie bei sich führe, ist
ein Widerspruch. Der Verstand |241.5| allein giebt das Gesetz. Wenn
aber die Einbildungskraft nach einem bestimmten Gesetze zu verfahren
genöthigt wird, so wird ihr Product der Form nach durch Begriffe
bestimmt, wie es sein soll; aber alsdann ist das Wohlgefallen, wie oben
gezeigt, nicht das am Schönen, sondern am Guten (der Vollkommenheit,
allenfalls bloß der formalen), und das Urtheil ist |241.10| kein
Urtheil durch Geschmack. Es wird also eine Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz
und eine subjective Übereinstimmung der Einbildungskraft zum Verstande
ohne eine objective, da die Vorstellung auf einen bestimmten Begriff
von einem Gegenstande bezogen wird, mit der freien Gesetzmäßigkeit
des Verstandes (welche auch Zweckmäßigkeit ohne Zweck genannt worden)
|241.15| und mit der Eigenthümlichkeit eines Geschmacksurtheils allein
zusammen bestehen können.
Nun werden geometrisch-regelmäßige Gestalten, eine Cirkelfigur, ein
#70# Quadrat, ein Würfel u. s. w., von Kritikern des Geschmacks
gemeiniglich als die einfachsten und unzweifelhaftesten Beispiele
der Schönheit angeführt; |241.20| und dennoch werden sie eben darum
regelmäßig genannt, weil man sie nicht anders vorstellen kann als so,
daß sie für bloße Darstellungen eines bestimmten Begriffs, der jener
Gestalt die Regel vorschreibt (nach der sie allein möglich ist),
angesehen werden. Eines von beiden muß also irrig sein: entweder
jenes Urtheil der Kritiker, gedachten Gestalten Schönheit |241.25|
beizulegen; oder das unsrige, welches Zweckmäßigkeit ohne Begriff zur
Schönheit nöthig findet.
Niemand wird leichtlich einen Menschen von Geschmack dazu nöthig
finden, um an einer Cirkelgestalt mehr Wohlgefallen, als an einem
kritzlichen Umrisse, an einem gleichseitigen und gleicheckigen Viereck
mehr, als |241.30| an einem schiefen, ungleichseitigen, gleichsam
verkrüppelten zu finden; denn dazu gehört nur gemeiner Verstand und
gar kein Geschmack. Wo eine Absicht, z. B. die Größe eines Platzes
zu beurtheilen, oder das Verhältniß der Theile zu einander und zum
Ganzen in einer Eintheilung faßlich zu machen, wahrgenommen wird: da
sind regelmäßige Gestalten und zwar |241.35| die von der einfachsten
Art nöthig; und das Wohlgefallen ruht nicht unmittelbar auf dem
Anblicke der Gestalt, sondern der Brauchbarkeit derselben zu allerlei
möglicher Absicht. Ein Zimmer, dessen Wände schiefe Winkel machen,
ein Gartenplatz von solcher Art, selbst alle Verletzung der Symmetrie
sowohl in der Gestalt der Thiere (z. B. einäugig zu sein), als der
Gebäude oder der Blumenstücke mißfällt, weil es zweckwidrig ist,
nicht allein praktisch in Ansehung eines bestimmten Gebrauchs dieser
Dinge, |242.5| sondern auch für die Beurtheilung in allerlei möglicher
Absicht; welches der Fall im Geschmacksurtheile nicht ist, welches,
wenn es rein ist, Wohlgefallen #71# oder Mißfallen ohne Rücksicht
auf den Gebrauch oder einen Zweck mit der bloßen =Betrachtung= des
Gegenstandes unmittelbar verbindet.
Die Regelmäßigkeit, die zum Begriffe von einem Gegenstande führt,
|242.10| ist zwar die unentbehrliche Bedingung (_conditio sine qua
non_), den Gegenstand in eine einzige Vorstellung zu fassen und das
Mannigfaltige in der Form desselben zu bestimmen. Diese Bestimmung ist
ein Zweck in Ansehung der Erkenntniß; und in Beziehung auf diese ist
sie auch jederzeit mit Wohlgefallen (welches die Bewirkung einer jeden
auch bloß problematischen |242.15| Absicht begleitet) verbunden. Es ist
aber alsdann bloß die Billigung der Auflösung, die einer Aufgabe Gnüge
thut, und nicht eine freie und unbestimmt-zweckmäßige Unterhaltung der
Gemüthskräfte mit dem, was wir schön nennen, und wobei der Verstand der
Einbildungskraft und nicht diese jenem zu Diensten ist. |242.20|
An einem Dinge, das nur durch eine Absicht möglich ist, einem Gebäude,
selbst einem Thier muß die Regelmäßigkeit, die in der Symmetrie
besteht, die Einheit der Anschauung ausdrücken, welche den Begriff des
Zwecks begleitet, und gehört mit zum Erkenntnisse. Aber wo nur ein
freies Spiel der Vorstellungskräfte (doch unter der Bedingung, daß der
|242.25| Verstand dabei keinen Anstoß leide) unterhalten werden soll,
in Lustgärten, Stubenverzierung, allerlei geschmackvollem Geräthe
u. d. gl., wird die Regelmäßigkeit, die sich als Zwang ankündigt,
so viel möglich vermieden; daher der englische Geschmack in Gärten,
der Barockgeschmack an Möbeln die Freiheit der Einbildungskraft
wohl eher bis zur Annäherung zum Grotesken |242.30| treibt und in
dieser Absonderung von allem Zwange der Regel eben den Fall setzt,
wo der Geschmack in Entwürfen der Einbildungskraft seine #72# größte
Vollkommenheit zeigen kann.
Alles Steif-Regelmäßige (was der mathematischen Regelmäßigkeit
nahe kommt) hat das Geschmackwidrige an sich: daß es keine lange
Unterhaltung |242.35| mit der Betrachtung desselben gewährt, sondern,
sofern es nicht ausdrücklich das Erkenntniß, oder einen bestimmten
praktischen Zweck zur Absicht hat, lange Weile macht. Dagegen ist
das, womit Einbildungskraft ungesucht und zweckmäßig spielen kann,
uns jederzeit neu, und man wird seines Anblicks nicht überdrüssig.
=Marsden= in seiner Beschreibung von Sumatra macht die Anmerkung, daß
die freien Schönheiten der Natur |243.5| den Zuschauer daselbst überall
umgeben und daher wenig Anziehendes mehr für ihn haben: dagegen ein
Pfeffergarten, wo die Stangen, an denen sich dieses Gewächs rankt,
in Parallellinien Alleen zwischen sich bilden, wenn er ihn mitten in
einem Walde antraf, für ihn viel Reiz hatte; und schließt daraus,
daß wilde, dem Anscheine nach regellose Schönheit nur |243.10| dem
zur Abwechselung gefalle, der sich an der regelmäßigen satt gesehen
hat. Allein er durfte nur den Versuch machen, sich einen Tag bei
seinem Pfeffergarten aufzuhalten, um inne zu werden, daß, wenn der
Verstand durch die Regelmäßigkeit sich in die Stimmung zur Ordnung,
die er allerwärts bedarf, versetzt hat, ihn der Gegenstand nicht
länger unterhalte, |243.15| vielmehr der Einbildungskraft einen
lästigen Zwang anthue: wogegen die dort an Mannigfaltigkeiten bis zur
Üppigkeit verschwenderische Natur, die keinem Zwange künstlicher Regeln
unterworfen ist, seinem Geschmacke für beständig Nahrung geben könne.
— Selbst der Gesang der Vögel, den wir unter keine musikalische Regel
bringen können, scheint mehr Freiheit |243.20| und darum mehr für den
Geschmack zu enthalten, als selbst ein menschlicher Gesang, der nach
allen Regeln der Tonkunst geführt wird: weil man #73# des letztern,
wenn er oft und lange Zeit wiederholt wird, weit eher überdrüssig
wird. Allein hier vertauschen wir vermuthlich unsere Theilnehmung an
der Lustigkeit eines kleinen beliebten Thierchens mit der Schönheit
|243.25| seines Gesanges, der, wenn er vom Menschen (wie dies mit dem
Schlagen der Nachtigall bisweilen geschieht) ganz genau nachgeahmt
wird, unserm Ohre ganz geschmacklos zu sein dünkt.
Noch sind schöne Gegenstände von schönen Aussichten auf Gegenstände
(die öfter der Entfernung wegen nicht mehr deutlich erkannt werden
|243.30| können) zu unterscheiden. In den letztern scheint der
Geschmack nicht sowohl an dem, was die Einbildungskraft in diesem Felde
=auffaßt=, als vielmehr an dem, was sie hiebei zu =dichten= Anlaß
bekommt, d. i. an den eigentlichen Phantasieen, womit sich das Gemüth
unterhält, indessen daß es durch die Mannigfaltigkeit, auf die das Auge
stößt, continuirlich erweckt |243.35| wird, zu haften; so wie etwa bei
dem Anblick der veränderlichen Gestalten eines Kaminfeuers oder eines
rieselnden Baches, welche beide keine Schönheiten sind, aber doch für
die Einbildungskraft einen Reiz bei sich führen, weil sie ihr freies
Spiel unterhalten.