Die Bewohner aber, die einmal so in's rechte Geleise gekommen sind, werden
auch von selbst bald anders ~sehen~ und anders ~rechnen~ lernen.
Sie werden nicht nur merken, daß ihre ordentliche und reinliche Wohnung
und die damit verbundene Lebensweise ihnen mehr zusagt, als die frühere
vernachlässigte und ihnen, wie man sagt, dabei um's Herz wohl ist,
sondern auch, daß sie auf die neue Weise in Allem besser fahren. Und
wem wirklich der gute Stand seiner Wohnung eine angelegentliche Sache
ist, wer mit der Lüftung, der Reinlichkeit und Ordnung desselben Ernst
macht, der wird auch bald erkennen, wie weit ~er~ helfen kann und an
welche Uebelstände ~seine~ Hand nicht mehr hinanreicht. Liegen diese
in fehlerhafter Bauart, in schlechter Einrichtung, in nachtheiliger
Umgebung, so wird er, wenn er zur Miethe wohnt, sich mit Vorstellungen
an den Hausbesitzer wenden. Er wird Manches so erlangen können, weil der
Eigenthümer gerne an seinem Hause etwas verbessert, wenn er sieht, daß
sein Miethsmann ihm zu der Wohnung Sorge trägt, sie im guten Stande hält,
nicht Alles drin und dran verlottern läßt, wo ihn sonst freilich jeder
Batzen reuen würde. Solches wirkt oft mehr als alles Bitten und Beten. Wer
in seinem Haushalte Ordnung hat, der ist auch ein regelmäßiger Zahler,
es braucht keines Mahnens und Zuwartens, wenn der Zinstag da ist; man
hat von solchen Leuten überhaupt weniger Störung, Verdrießlichkeiten zu
erleiden und so ist es, neben dem natürlichen Wohlwollen, zugleich der
wohlverstandene Vortheil des Hausherrn, wenn er seinem Miethsmanne sich
gefällig zeigt. Thäte er dieß thörichter Weise nicht, oder ließe sich
großen Uebelständen überhaupt gar nicht abhelfen, dann würde sich freilich
der auf ein ordentliches und gesundes Quartier haltende Bewohner nach
einer andern, gesundern, bessern Behausung umsehen müssen. Sie zu finden,
würde ihm wohl nicht zu schwer fallen, denn einmal ist sein Auge geübt,
er weiß, worauf es ankommt, was nachtheilig und was vortheilhaft ist und
tappt nicht mehr gleichgültig oder unverständig in den ersten besten Raum,
der sich ihm aufthut, ohne nur zum Fenster hinausgesehen zu haben, oder es
zu beachten, wenn er mit dem Kopfe fast an die Zimmerdecke stößt. Und dann
werden seine Ordnungsliebe, seine Pünktlichkeit, sein guter Ruf ihn den
Hausbesitzern empfehlen vor zehn nachlässigen und leichtfertigen Miethern,
wie sie alle Vierteljahr aus- und einziehen und ohne welche die Zahl der
elenden Wohnungen bald sich vermindern würde, weil die Waare stets nach
dem Käufer sich richtet.
Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß, wer auf ein freundliches,
gesundes, wohnliches Logis sieht, etwas mehr Miethe zahlen muß als für
eine Spelunke. Daneben wird er rechnen: So viele Franken muß er allerdings
jetzt vierteljährlich mehr ausgeben, was hat er dafür? In der sonnigen
heitern Behausung kann er im Frühjahr und Spätherbste wenigstens ein paar
Wochen lang das Heizen sich ersparen, das ihm nun, gegenüber dem frühern
feuchten und kalten Winkel, die bloße Sonnenlage abnimmt. Dann geht ihm
von seinem Hausrathe, von Bettwerk und Kleidern in der trockenen und
luftigen Wohnung weniger zu Schanden als in einem dumpfigen Loche, wo sich
überall Schimmel und Faulflecken ansetzen. Die Hauptsumme indeß, die er
gewinnt, besteht in den Franken, die ihn seine kränkelnde Frau und Kinder
vordem kosteten und die in der gesunden Wohnung nun ganz oder zum großen
Theile erspart werden. Es ist nicht nur das Geld, welches baar an Doktor
und Apotheker ausgegeben wird, sondern auch jenes noch, das er in der
Zeit zu verdienen versäumt, der ganzen Zeit, die Krankheit und Pflege der
Seinen oder eigene Erkrankung ihn zu Hause festhielten.
Von den Bewohnern solcher geordneten, reinlichen und gesunden Wohnungen,
auch wenn sie in Fabriken arbeiten, gilt dann die allgemeine Annahme nicht
mehr, daß ihre Lebensdauer eine viel kürzere sei, als die der vermöglichen
Klassen. Daß von dieser größern Sterblichkeit die Wohnung und Lebensweise
daheim weit mehr der Grund sind als die Arbeit, das beweisen am
schlagendsten z. B. jene Arbeiterfamilien in den Musterwohnungen der Stadt
London. In diesen sterben von tausend Menschen im Jahre höchstens 13 bis
14, während in andern schlechtern Häusern, ganz im gleichen Quartiere, ja
mitten unter jenen Musterwohnungen, 27 bis 28 Todesfälle vorkommen. Solche
Erfahrungen und Zahlen reden denn doch deutlich und es scheint, Jeder
dürfte sie gar wohl mit in die Rechnung bringen, wenn er eine Wohnung
aussucht und den geforderten Miethzins in Erwägung zieht. Wenn sich nun
so beim Abschluß der Rechnung zeigt, daß die bess're, theurere Wohnung
doch zugleich die billigere ist, so kann kein Vernünftiger mehr in seinem
Entscheide schwanken, besonders wenn er ja noch Behagen, Zufriedenheit,
Glück, die er darin findet, gratis obendrein erhält.
[Illustration: Dekoration]