1.
Die Dämmerung ist hereingebrochen; Liese und das 19jährige Liseli
erwarten jeden Augenblick den Vater, denn das einfache Nachtessen ist
parat. Unterdessen sitzen Mutter und Tochter am Fenster; nicht der
Aussicht wegen, denn gegenüber gibt's nichts als graue, halb vom Kalk
entblößte Mauern und halbverfaulte Läden, so nah noch, daß man meint, man
könnte das Alles zum Fenster hinaus mit der Hand ergreifen. Also Aussicht
gewährt das Fenster keine, wenn man nicht den Flügel öffnet und den Kopf
in's enge Gäßchen hinunterbeugt, wo freilich zu jeder Tages- und fast zu
jeder Nachtzeit etwas zu sehen wäre, was wunderfitzige und klatschsüchtige
Augen und Zungen ergötzt. Aber zu dieser Klasse gehören unsere beiden
Frauenzimmer nicht. Liese ist Wunderfitz und Klatschen vergangen, ohnedieß
hat das nie ihre starke Seite ausgemacht; jetzt sitzt sie meist still und
scheinbar nachdenklich in ihrem ererbten hochlehnigen Großvaterstuhl mit
dem zierlich geschweiften und in der Mitte gegipfelten Zierrath, der die
Füße des Stuhls in's Kreuz verbindet. Obgleich ihre 45 Jahre sie noch
nicht beugen können, sitzt sie doch welk da, düster und trüben Angesichts.
Zu klagen weiß sie nichts Besonderes, krank fühlt sie sich gerade nicht;
aber sie ist matt, ohne gearbeitet zu haben, appetitlos, ohne gegessen zu
haben, wehmüthig, ohne beleidigt zu sein, hat Schmerzen, ohne sagen zu
können: »Ich bin krank, mir fehlt das oder jenes.« Sie möchte klagen, aber
weil sie eigentlich nichts Besonderes zu klagen hat, so verschließt sie,
um Niemand Unrecht zu thun noch zu betrüben, ihre Klagen in sich, -- und
denkt fast ohne Aufhören, wie beklagenswerth sie sei.
Liseli sucht die stille, verschlossene Mutter aufzuheitern. Sie spricht
von allem Möglichen, vom Markt und von der Eisenbahn, vom Unglück mit
dem Steinweidling und vom Krieg; aber die Mutter gibt wenig Antwort.
Liseli ist eine zartfühlende Tochter; was sie nach ihres Herzens
Drang am liebsten erführe, das verschweigt sie am sorgfältigsten;
die Mutter würde ihr den Kummer ja doch nicht offenbaren, der sie zu
drücken scheint. Liseli thut, was in ihren Kräften steht, die Mutter zu
stützen und zu erheitern, führt die ganze kleine Haushaltung und putzt
dazwischen Bändel. Aber mit dem musterhaften Fleiß und dem schonenden
Zartgefühl der Tochter ist der Einziggeborenen auch kein geringes Theil
von Empfindsamkeit zu Theil geworden. Nicht daß sie solche je blicken
ließe; aber in der dunkeln Küche, wo sie nicht beobachtet werden kann,
rinnt Thräne um Thräne über die Wangen und sie fragt sich tausendmal in
Gedanken, hab' ich etwa das gesagt, hab' ich etwa jenes gethan, daß der
Vater, daß die Mutter unzufrieden ist? Und außer ihrem eignen Leid, das
diese krankhafte Zärtlichkeit gegen ihre Eigenliebe ihr bringt, hat sie
auch noch ein anderes, gerade bei solcher Gemüthsart tief einschneidendes
Leid zu tragen. Sie sieht ja täglich, wie zwischen Vater und Mutter
keine Liebe ist, wie sie, ohne zu zanken, doch allerlei kleine Ursachen
zur Unzufriedenheit an einander suchen und finden, und wie so Eines dem
Andern Unrecht thut, Eins das Andere täglich verwundend behandelt. Sie ist
ja eine treue, liebende Tochter, wie sollte ihr das nicht durch's Herz
gehen, daß Vater und Mutter so gegen einander sind. -- Jetzt kommt der
Vater heim. Statt dem guten Abend heißt's nur: »Habt ihr kein Licht in
der Küche, ich könnte mir Hals und Bein brechen, bis ich zur Stubenthür
komme.« Schnell holt Liseli ein Licht und ohne Umstände setzt man sich und
ißt die Suppe, die trotz Salz und Pfeffer nicht gewürzt ist. Gleich darauf
geht der Vater noch »zu einem Kameraden, um sich zu erholen;« es ist ihm
zu trübe zu Hause. Mancher Andere geht noch in's Bierhaus; er nicht. Und
darum hält er sich für einen musterhaften Hausvater, und weil er Frau und
Kind nicht schilt und zankt.
Liese geht erschöpft zu Bette, um in ängstlichen Träumen und unruhigem
Schlummer das freudlose Leben des Tages fortzuleben; Liseli aber muß auf
die späte Zurückkunft des Vaters warten, ehe es seine Ruh' im Kämmerlein
suchen kann.
2.
Es ist merkwürdig, es ist bejammernswerth, wie viele Familien eines
wackeren Arbeiterstandes vergeblich ringen und streben, glücklich zu
werden und es nicht werden können. Wohl suchen sie das Glück im Frieden
und zanken und streiten nicht, aber es ist ein fauler Friede; wohl
sind sie arbeitsam und sparen, aber während das Sparkassenbüchlein
wächst, wird ihr Herz ärmer und ärmer. Das Herz des Menschen bleibt
zwar immer die Hauptquelle alles Uebels, das ihn trifft; aber es gibt
doch auch äußere Ursachen, die wie ein Mistbeet jene Disteln und Dornen
hervortreiben, durch welche die Arbeit in Fluch verkehrt wird; und eine
der wesentlichsten ist ~eine unzweckmäßige Wohnung~. Das zeigte sich z. B.
bei unsrer Familie.
Vom Lande, wo die kleine Landwirthschaft und daneben das Posamenten eine
kleine Haushaltung ordentlich durch's Leben bringt, wo aber gerade der
letztere Erwerb etwas unregelmäßiger Frucht trägt, als das Arbeiten in der
Fabrik selbst, zogen Heiri und Liese mit ihrem Liseli in die Stadt, um es
»besser zu machen.« Bei der allgemeinen Noth, um ein passendes Geld ein
passendes Logis zu bekommen, war es ihnen sehr erwünscht, daß der Vetter
Hans, welcher in einer hintern Gasse ein eigenes Haus hatte, und wo er
durch Vermiethen seiner kleinen Logis »frei« saß, ihnen aus Freundschaft
ein solches, eine Stiege hoch, um den gewöhnlichen Zins anbot. -- Zwar
wollte ihnen die Wohnung nicht recht behagen, aber so viel sie sich vorher
erkundigt hatten, sie sahen eben ein, daß fast Niemand ihres Standes und
Berufes besser versorgt sei. Giebt es doch Häuser mit 6 Kreuzstöcken in
der Fronte, wo 11, sage elf Familien wohnen, weil fünf gegen den engen
Hof hinaus die einzige Aussicht haben. -- Und der Vetter war recht
ordentlich, kujonirte nicht wie mancher, der sich als Hausherrn fühlt,
seine Abmiether mit allerlei unnöthigen Scherereien, daß man sich kaum zu
regen wagt. Er war nicht stolz, sondern recht freundlich, und besonders
gegen Heiri's. Daher schickten sie sich in das nothwendige Uebel und
zogen damals ein und waren eben jetzt in's vierte Jahr da. Wie schätzten
sie sich im Anfang glücklich, in die Stadt gezogen zu sein; denn der
Verdienst gieng recht ordentlich und das Geld floß wie ein bescheidenes
Brünnlein regelmäßig in's Haus. Auch das Logis lernten sie trotz vieler
Unbequemlichkeiten schätzen; denn sie hatten im Hause Frieden. Freilich
auf dem Lande hört man nicht oft von Hausstreit zwischen Nachbarn, außer
wenn sich an ihnen das Sprüchwort erwahrt: »Halbes Haus, halbe Hölle.«
Aber in der Stadt, wo so viele Hausleute zusammengepfercht wohnen, sind
Zwist und Unfrieden leider nicht selten. Neid, Eifersucht, Klatschsucht,
Ungefälligkeit, Empfindlichkeit, Kinder, Gassenkehren und unzählige
andere Ursachen verbittern manches Leben, zerstören manchen Hausfrieden.
Jahrelang können Nachbarn sich in ein Leben von Haß und Bosheit einnisten,
einander durch alle erdenklichen Mittel, Verklagen beim Hausherrn, das
Leben verleiden, Hohn und bissige Worte aus dem Logis zu vertreiben
suchen, und vergessen darüber den hohen Adel und die himmlische Berufung
der menschlichen Seele.
All' dieß Leid erfuhren Heiri's nicht an sich selber; denn der Vetter
wachte streng über die Hausordnung, und deßhalb waren seine Logis gesucht
und nie eines leer. Aber es gab aus der nächsten Nachbarschaft manchen
bedauerlichen Auftritt zu hören, oft am Morgen, ein anderes Mal am Abend,
heute links, morgen rechts, daß Liese oft sagte: »Gott Lob und Dank, daß
wir beim Vetter sind!« Sie vergaß darüber beinahe die Unbequemlichkeiten
und das Unfreundliche und Unbehagliche ihres Hauses. Denn so heimelig
wie auf dem Dorfe war's just nicht. Die enge, düstere Gasse war selten
trocken, weil die Sonne nie auf den Boden scheinen konnte, und weil vom
Morgen bis zum Abend, wenn nur nicht gerade der Landjäger da war, manches
Spül- und Bartwasser von oben herunter oder von der Hausthüre aus auf's
Pflaster gegossen wurde. Trat man in den Hausgang, so roch's just auch
nicht nach Rosenöl, sondern fast wie bei der Gasfabrik; denn zunächst an
der Hausthüre war der gemeinschaftliche Abtritt und dahinter ein Verschlag
für alle Arten von Abgängen, die von Morgens bis Abends von allen
sechs Hauspartheien hier zusammengeworfen und dann in Kehrordnung dem
melancholischen Schellenwagen anvertraut wurden. Die Passage war im engen
Hausgang oft durch den offenen Kellerhals unterbrochen, was besonders
Abends immer einige Vorsicht nothwendig machte, für Fremde aber wirklich
gefährlich war. Weit hinter dem langen Gang war die Stiege, die man aber,
wenn man so vom Tageslicht hereinkam, nicht mit den Augen, sondern mit
den Füßen aufsuchen mußte; auch über diese Schwierigkeit half Uebung und
Gewohnheit. Oben kam man von der Stiege aus wieder an die Küchenthüre,
welche ein paar Glasscheiben hatte, die fast eben so gut hätten wegbleiben
können; trat man durch die Küche weiter, so gelangte man abermals zu einer
Thüre mit Glasscheiben, die Stubenthüre; und neben der Thüre gieng auch
noch ein Fenster aus der Küche in die Stube; denn außer dieser Beleuchtung
gab's kein anderes Tageslicht in der Küche. Die Stube war gegen die sonst
im Hause herrschende ägyptische Finsterniß hell; denn sie hatte einen
breiten Kreuzstock, wobei es nicht viel ausmachte, daß das zweischläfrige
Bett etwas vor dem Fenster stand. Neben der Stube war noch ein Kämmerlein;
denn, merkwürdigerweise kommt das nicht selten vor, das Haus ging hier
vor einem Theil des Nachbarhauses durch, so daß man sich denken kann,
welche Fülle von Licht der Nachbar in seinem versteckten Winkel haben
mag. Diese sonderbaren Verzackungen werden wohl jener Zeit ihren Ursprung
verdanken, wo ein Bürger dem andern bei einem Glase Wein die wichtigsten
Hausgerechtigkeiten »für einen Abendimbiß« verhandelte. Aber gerade für
Vetter Heiri's Haus war das ein Vorzug, weil es gegen die Gasse zwei
Fenster, hatte. Gar viele Logis haben statt eines Kämmerleins nichts
als einen dumpfen, dunkeln Alkoven hinter der Stube, eine Einrichtung,
welche meist durch erwähnte einspringende Winkel oder durch große Tiefe
der Häuser bei geringer Breite veranlaßt wird. Das sind aber wahre
Mördergruben; denn in solchen Winkeln setzt sich die Feuchtigkeit so fest,
daß keine Tapete hält, daß feines grünes Moos sich ansetzt, ja im Winter
das Wasser wie an feuchten Felsen heruntertropft. Und wer da schlafen
muß, wo der Leim der Bettstellen in Furnieren und Fugen sich auflöst, wo
ein eckelhafter Modergeruch Betten und Kleider durchdringt, wie kann der
bei stärkster Gesundheit gesund bleiben? Es giebt leider solche Häuser,
besonders, wo stark bevölkerte Quartiere in hügeligen Gegenden der Stadt
vorkommen, in welchen die Hinterräume und Hinterhäuser in den Berg
eingebaut sind. Da sollte von Polizei wegen die Anordnung von Luftkanälen
zur Ventilation vorgeschrieben und im Nothfall zwangsmäßig ausgeführt
werden, da sollten sämmtliche feuchten Mauerwände mit Asphaltmörtel, mit
Theer- oder mit Asphaltfilz bekleidet und vertäfelt oder doppelt (zuerst
mit starkem Packpapier) tapeziert werden. Denn nur Schutz gegen äußere und
Auftrocknung der innern Feuchtigkeit, gleichzeitig angewendet, vermögen
diesen schreiendsten Uebelstand zu heben.
Wie gesagt, Vetter Heiri's Haus hatte manchen Vorzug vor andern Häusern
gleicher Klasse, und darum ließ sich's zur Noth darin wohnen; darum
trachteten auch Heiri und Liese nicht nach einem andern »Losament.« Heiri
war den Tag über auf der Arbeiterstube; der spürte am wenigsten von der
Unbequemlichkeit des Hauses. Aber Liese weinte im Anfang zuweilen in der
Stille, weil es das Heimweh nach seinem freundlichen Stüblein auf dem
Dorf nicht ganz verwinden konnte. Zwar, ob's das Dorf sei, mit seinen
Baumgärten und grünen Matten und niedern Häusern oder die trauliche
Bekanntschaft der Leute im Dorf, die Alle einander duzen, das wußte es
nicht; aber etwas fehlte ihm. Jahr aus, Jahr ein war's auch das ewige
Einerlei in der Arbeit, nur daß man im Winter noch zu heizen hatte.
Am Morgen brannte in der finstern Küche das Aempele, im Winter selbst
Mittags, und Abends jedenfalls wieder. Ob das Geschirr sauber und blank
sei, war beim besten Willen nicht gut zu unterscheiden und Alles mußte
mehr im Griff als nach dem Augenschein geputzt oder gekocht werden. Kein
Wunder, daß Liese zunächst die gewohnte Freude an der Reinlichkeit in der
Küche verlor. Liseli bekam manchen »Schnauz«, wenn es die Pfanne, welche
die Mutter schon ausgerieben hatte, noch einmal visitirte; denn Liseli
war sehr exakt und nahm eher Kellen und Löffel und Gabeln und Messer
an's Stubenfenster, als daß es auf's Gerathewohl das Geschirr auf dem
Küchenschaft versorgt hätte.
Im Winter gings nicht sehr früh her. Der Milchmann kam spät und vorher
nützte das Aufsein nicht viel. Wäre Liseli gern, wie gewohnt, um 5 oder
halb 6 Uhr aufgestanden, so war der Vater unzufrieden, man müsse das
Licht ja schon am Tag genug in der Küche brennen und zu thun sei ja
nichts Nothwendiges. Liese kam so in jenen verderblichen Schlendrian der
Hausordnung, wo man den ganzen Vormittag in ungekämmtem Haarschmuck und im
schlampigen Staat des Unterrocks und Nachtkittels herumhanthiert und sich
lobt, daß man das Bett gemacht und die Stube gewischt hat. Das war aber
dem Liseli gar schwer; doch durfte es aus Ehrfurcht und Scheu der Mutter
nichts sagen und strengte sich in seinem Theil um so mehr an, der Ordnung
heil'ge Zucht zu wahren. Es nahm den Staub fleißig auf und überschwemmte
regelmäßig am Samstag Nachmittag den Stubenboden mit einer Fluth warmen
Wassers und fegte und wirthschaftete im Zimmer, bis alles rein und hell
schien; so auch im Kämmerlein, wo es schlief. Dabei wurden die Fenster
und Thüren aufgemacht, daß es lustig durch die Stube blies, damit Alles
schneller trocknete. Dieß Lüften wäre, besonders im Winter, eine rechte
Wohlthat gewesen, wenn man dem schädlichen Zuge und dabei der Feuchtigkeit
hätte ausweichen können. Aber daß dieser Luftzug schädlich sei, wußten
weder Liese noch Liseli; auf dem Lande ist man ja bei der Landarbeit
immer der freien Luft und allem Wind ausgesetzt, ohne Nachtheil. Zahnweh
und Kopfweh schrieben sie vielmehr der veränderten Kost, der andern
Luft und dem vielen Sitzen zu. Zudem that ihnen der erfrischende Hauch
einer zum Fenster hereinströmenden Luft für den Augenblick wohl, denn
der Küchenqualm und der Stubendunst waren oft recht drückend. Aber im
letzten Winter wurde die Mutter anhaltend unpäßlich, ohne daß sie wußte
warum, noch eigentlich sagen konnte, was ihr wehe that. Bald Stechen in
der Seite, bald Kopfweh, wenig Appetit und wenig Muth, das war ihr Uebel.
Dabei wurde sie blässer und abgezehrter. Den Doktor wollte sie nicht, denn
von Zeit zu Zeit gings wieder besser. Endlich aber wurde dem guten Liseli
bang und es ließ nicht nach, bis der Vater zum Doktor ging.
3.
Der Doktor kam; ein freundlicher Mann mit wohlwollendem Blick und klugen
Augen, ein Freund der Leidenden und gar oft und viel ein Tröster und
treuer Berather der Armen. Es war gerade der rechte Zeitpunkt, um auch den
Heiri anzutreffen, der eben Feierabend gemacht hatte. Denn Heiri hätte
gerne gewußt, was seiner Frau fehle, theils um sich zu versichern, daß
es keine kostspielige Krankheit gebe, theils weil er eigentlich doch mit
seiner Frau rechtes Mitleid gehabt hätte, wenn es mit ihrem Leiden länger
oder ärger geworden wäre.
Der Herr Doktor war bald fertig mit seinen Fragen und sagte dann
freundlich aber ernst: »Liebe Leute, die Sache ist nicht gefährlich und
nicht bedeutend, aber sie kann es werden, wenn ~Ihr~ nicht Schritte
thut. Eure Frau bedarf eigentlich keine Medizin; doch will ich ihr etwas
verschreiben, das ihr für jetzt Erleichterung verschafft. Aber sie
bedarf eine ~Kur~.« So tröstlich der Anfang für Heiri war, so unangenehm
berührte ihn dieß Wort. »Aus diesem »~Loch~« müßt ihr heraus, sonst
endet's mit Gicht und Typhus, Euch fehlt hier ja Luft und Licht, diese
unentbehrlichsten Bedingungen der Gesundheit. In dieser engen Gasse, wo
Massen von Menschen zusammengedrängt athmen, wo bis in weite Entfernung
kein grüner Baum, kein freier Platz zu treffen ist, da ist die Luft
verdorben und wird zudem noch mehr verschlechtert durch die vielen
unreinen Stoffe, die man aus Bequemlichkeit auf die Gasse wirft, statt
in den Abtritt; und dann noch die Nähe der School, dieses Pfuhls von
Gestank und Unrath. Jedes Thier und jede Pflanze bedarf frischer Luft zum
Gedeihen, um wie viel mehr der Mensch mit seinem zarten und wundervollen
Körperbau. Wenn auch die Regierung alles Mögliche thut, den bestehenden
Uebelständen abzuhelfen, so kann sie nun einmal den Hauseigenthümern nicht
verbieten, Leute ins Logis zu nehmen, drum sollten diese selbst auf ihre
Gesundheit denken und dahin gehen, wo sie genug frische Luft haben. -- Und
hier habt ihr ja nie einen Sonnenblick, entbehrt sogar den freien Anblick
des Himmels, wenn ihr nicht das Fenster aufmacht und den Kopf gewaltsam in
die Höhe dreht. Streckt sich doch jede Blume der Sonne entgegen und öffnet
ihr verlangend ihre Krone. Betrachtet einmal die Keime der Rüben und
Kartoffeln im Keller; die bringen freilich Blätter hervor, aber was für?
Bleichsüchtige, kraftlose, schwammige Gebilde, die mit dem üppigen Grün
und vollen Wuchs der Ackerpflanzen sich gar nicht vergleichen, sie gar
nicht einmal erkennen lassen. Wie ist's denn anders möglich, als daß der
Mensch in solch' dunkeln und dumpfigen Räumen verderbe an Leib und Seele?«
Der Doktor hatte wahr gesprochen ~an Leib und Seele~. Den Schaden hatte
er in seinem vollen Umfang durchschaut, wenigstens geahnt. Denn wohin
war Liese's Zufriedenheit und Freundlichkeit, wohin Liseli's offenes,
heiteres, und dabei doch zartfühlendes Wesen geflohen? Sie waren dahin,
unerkannt und allmälig, und Heiri war, wie er meinte, nüchterner geworden
und nicht mehr so narrächtig gegen seine Liese; aber im Grunde hatte
er nur die Liebe des Gatten gegen das kalte und mürrische Betragen
eines Eheknechts vertauscht, der sich nicht mehr von den Fesseln einer
veredelnden Zuneigung, sondern von denen der Pflichtschuldigkeit
gefangen fühlt. Darum mied er Abends Frau und Kind und hielt sich an den
muntern, witzigen Kameraden; darum fehlte diesem Hause der Segen eines
Familienlebens.
So viel vermag der Einfluß einer ungünstigen Wohnung. Er kann glückliche
Geistes- und Gemüthsanlagen erdrücken, kann Wohl in Wehe, Gesundheit in
Krankheit verkehren, -- und man wird sich nicht bewußt, woran's liegt,
schiebt die Schuld allein auf bösen Willen, Gleichgültigkeit, düstere
Gemüthsart seiner Nächsten. Und s'ist doch so klar, daß die düstere Stube,
in der man das halbe Leben und mehr zubringt, nicht trübe Augenblicke
erheitern, die feuchte Luft, die man athmet, nicht feuchte Wangen trocknen
kann, daß die Frische der Gemüthsstimmung und des Leibeslebens vielmehr
dahinwelken muß.
Welchen Eindruck des Doktors Rede in den verschiedenen Gemüthern der
kleinen Familie hervorbrachte, läßt sich leicht voraussehen. Liese, die
stille, meist in sich verschlossene Gewohnheitsnatur konnte sich's gar
nicht reimen noch richten, daß sie aus des Vetters Haus sollten. Von
dem, was der Doktor gesagt hatte, begriff sie wenig, sie glaubte ihm
nur, weil er sie mit Gicht und Typhus geängstigt hatte. Wie dem Vetter
die Sache mitzutheilen, ihm des Arztes Gründe deutlich zu machen auf
schonende Art, das machte sie rathlos; wie ein anderes Logis finden, wo
es das erstemal schon so schwer gehalten, das waren der ängstlichen Natur
vollends unübersteigliche Hemmnisse. Liseli wußte eigentlich nicht, was
nun werden sollte, ob die Mutter den ganzen Sommer nach Frenkendorf oder
gar auf die Sennweid gehen müsse, um sich zu erholen; oder ob sie wieder
auf's Land ziehen würden, um das frühere Leben auf's Neue zu beginnen;
aber sie erschrak ob dem Gedanken, daß nun die Last einer wenn auch
kleinen Haushaltung allein und einzig auf ihre Schultern fallen würde.
Heiri aber schien in sich gekehrt. Er fühlte halb und halb, daß es von
ihm Unrecht gewesen sei, nicht besser auf die Gesundheit seines Weibes
geachtet zu haben und überhaupt ein gleichgültiger Lebensgefährte der
Seinen gewesen zu sein. Er wollte anders werden; aber wie schwach ist
der Mensch? So lange der Eindruck des Vorgefallenen frisch blieb, hielt
er sich brav, aber die alten Umstände zogen ihn unwiderstehlich in die
alten Gewohnheitsfesseln, bis auch in der äußern Lebensführung ein neuer
Abschnitt ihn in neue Verhältnisse brachte, und zwar zunächst in eine
neue Wohnung.
4.
Nach vierzehn Tagen kam der Doktor mit Schulmeisters Fritz Abends zu
Heiri's. Fritz war seit zwei Jahren in Basel und Aufseher bei den
Zettlerinnen in der S...'schen Fabrik. Gewandt, anschicklich und in allem
genau und treu, hatte er das Zutrauen und Wohlwollen seiner Herren bald
gewonnen und eine angenehme Stellung erlangt.
Als kleiner achtjähriger Knabe war Fritz oft zu Heiri's, die neben dem
Schulhaus wohnten, hinübergegangen; dann aber hatte sein Vater eine andere
Lehrerstelle bekommen und seitdem hatte man sich nicht mehr gesehen.
Fritz gab sich zuerst zu erkennen und Heiri und Liese freuten sich des
längst fast ganz vergessenen Nachbarn. Liseli, das bei Fritzens und seiner
Eltern Wegzug aus ihrem Dorfe erst zwei Jahre alt gewesen war, hatte keine
Erinnerung an jene Zeiten mehr, Fritz war ihm eine weltfremde Seele und es
blieb in der Küche und kochte beim trüben Schein des Lämpleins.
Der brave Doktor rückte nun zuerst heraus, warum er gekommen. Er hatte
den Leuten ein Logis ausfindig gemacht, wie sie's brauchten; nicht viel
größer, fast gleich in der Einteilung, und nur unbedeutend theurer als
ihr jetziges; aber dafür freundlich, bequem, hell, luftig und sonnig. Das
Logis gehörte eben dem Fritz, der vor dem Thor ein eigen Häuslein gebaut
hatte nach dem Muster der vordersten Arbeiterwohnungen auf der Breite. Ein
Häuslein für zwei Familien mitten in einem Gärtlein, und neben ihm ein
Nachbar an gemeinschaftlicher Scheidemauer.
Fritz hatte noch vor wenigen Jahren gerne in Kleidern und sonntäglichen
Lustparthieen den Flotten gemacht, war sogar einmal, als er bald nach
dem Eintritt in seinen jetzigen Dienst zu Zettlerinnen auf's Land mußte
im Interesse des Geschäfts, mir nichts dir nichts einen Ausflug nach
Zürich gemacht und so drei Tage alle Geschäfte seiner Herren an's
Nägelein gehängt. Aber das strenge Mahnwort der Herren, die einen weniger
Brauchbaren auf solchen Leichtsinn hin ohne weiteres verabschiedet hätten,
war ein gutes Wort zu guter Zeit für ihn geworden. Ein guter Geist leitete
diesen muthwillig kräftigen Strom in sein rechtes Bette; er dachte daran,
seinen reichlichen Verdienst zur Erwerbung eines Heimwesens zu verwenden,
und als sich ihm Gelegenheit bot, mit einem Andern gemeinschaftlich
einen Viertel Land zu kaufen, gab er freudig seine theils von den
sel. Eltern ererbten, theils ersparten 1500 Fränklein dafür hin. Ohne
Säumen wurde mit seinem Halbpartmann das Nothwendige verabredet und sie
verakkordirten einem geachteten, für das Wohl der Arbeiterklassen thätigen
und liebevoll besorgten Baumeister ihre Häuser nebst gemeinschaftlichem
Ziehbrunnen, wofür jeder 7500 Fr. zu bezahlen hatte. Alle Rücksichten
auf Bequemlichkeit und Gesundheit waren aufs Sorgfältigste erwogen, bis
Baumeister und Bauherrn sich befriedigt gefühlt hatten. Leider fing schon
mancher an zu bauen, ehe er recht wußte, was er wollte, wünschte nachher
Veränderungen und die Folgen waren, daß keine rechte Einheit in's Ganze
kam und am Ende die Kosten fast um die Hälfte den Voranschlag überstiegen
und daß der Bauherr sich ein ganzes Leben lang mit Schulden und Sorgen zu
schleppen hatte, an denen nichts als seine Voreiligkeit und Sorglosigkeit
Schuld war. Fritz hatte kluger gehandelt und hat's später nie bereut.
Und die Herren hatten ihm gerne geholfen und ihm das nöthige Geld zu
billigen Procenten dargelehnt. Das Haus war eben fertig geworden. Fritz
behielt das obere Stockwerk für sich, das untere nebst Kammer, Keller-
und Estrich-Antheil mit einem kleinen Gärtlein wollte er verlehnen. Das
hatte der Herr Doktor erfahren, ihn aufgesucht und ihn hieher geführt,
damit er selber die Sache ins Reine bringe. Heiri sollte, so wurde nun
ausgemacht, am nächsten Sonntag das Logis einsehen, darüber seinen Leuten
Bericht abstatten, und wenn's Allen recht war, wurde der Miethakkord fix
und fertig gemacht. Unterdessen sollte auch Liese mit ihrem Vetter, dem
Hausherrn, ein Wörtlein reden, und sich auf den Herrn Doktor berufen,
daß sie eine Luftveränderung machen müsse und daß sie nicht gern von der
Haushaltung gehe und daß sich's gerade so schön schickte mit dem Logis
von Fritz. Sie durfte auch wahrheitsgemäß beisetzen, daß sie nicht gerne
aus des Vetters Haus fortgingen und nur Gutes und Liebes von ihm erfahren
haben, so lange sie bei ihm gewohnt hätten.
5.
Am Sonntag nach dem Essen bürstete Heiri den Hut mit dem Rockärmel ab
und ging vor's Thor zu Fritzens neuem Häuslein. Das war freilich eine
ordentliche Strecke bis da hinaus, das kostete ihn auch ein paar Schuh
mehr im Jahr; und vollends bei Regenwetter und Sturmwind, bei Hagel und
Hurlete im Winter, und wenn man gar den Regenparisol nicht bei sich hatte?
Heiri wurde fast mit jedem Schritt bedenklicher: eine halbe Viertelstunde
noch vors Thor hinaus! Und gar nicht an der Straße, sondern so abseits;
das war ja gar zu langweilig, wenn man am Werktag keine Marktleute und am
Sonntag keine Spaziergänger sah.
Nach einigem Suchen kam er zum richtigen Fahrweg und sah die zwei
niedlichen Häuslein mit ihrer röthlichen Farbe und grünen Läden und dem
schimmernden neuen Dach. Vorn war es mit Latten einfach eingehegt und ein
lebendiger Haag dahinter angepflanzt. Durch's Gätterlein ging's, um die
Ecke herum, -- und an der Hausthüre stand er, wo Fritz ihn freundlich
bewillkommte.
»S'ist doch weit zu Ihnen, aber hübsch ist's, das muß man sagen, wenn
man's erlebt hat, herauszukommen.« -- Freilich, antwortete Fritz, ich
tauschte jetzt nicht mehr mit dem besten Logis in der Stadt. Seit
vorgestern übernachte ich hier zum erstenmal und -- s'ist ein ganz ander
Leben. Von des Lehenmanns dort hab' ich einstweilen das Essen, und wenn
ich Hausleute habe, und sie mögen, so will ich die Kost bei denen nehmen
bis auf weiteres. Darum wär's mir lieb, wenn Ihr's wäret. Man hat halt
mehr Zutrauen zu seinen Bekannten.
Jetzt gingen sie in's Haus. Die gegen Sonnenaufgang gerichtete Hausthüre
führte zu einem kurzen und nicht sehr breiten Gang, links eine Thüre,
hinten eine Thüre und rechts zunächst die Kellerthüre und unmittelbar
daneben der Antritt der Stiege ins obere Stockwerk. Die Thüre links führte
in die Wohnstube. Sie war nicht groß, aber hatte Platz genug, um bequem
und schicklich ein Bett, Tisch, Kommode und ein paar Stühle zu stellen
und enthielt in der Seitenmauer einen geräumigen Wandkasten. Rechts neben
der Thüre war der Kunstofen, der vom Kochen in der Küche warm wurde,
aber im Sommer auch vom Küchenfeuer abgeschlossen werden konnte. Das
breite Fenster sah gegen die Mittagseite und man überblickte von da aus
die Gegend gegen Gundeldingen und St. Jakob und dahinter erhoben sich
die Anhöhen bei Mönchenstein und Muttenz mit den in ihren Buchten wie in
sicherm Mutterschoß gebetteten Gütern Asp und Gruth, überragt von den
Zeugen längst vergangener Zeiten und Ereignisse, den altersgrauen Ruinen
von Wartenberg und Reichenstein.
Zunächst unter dem Fenster war der hintere Theil des Gartens
in Gemüsebeeten nach der Schnur getheilt, von einem gekreuzten
rabattenumsäumten Kieswege durchschnitten; die nähere Hälfte sollte zum
untern Logis gehören, die jenseitige behielt sich Fritz vor. Noch war
nichts Grünes zu sehen, erst kurz noch die in den Rabatten an weiße Pfähle
abwechselnd festgehefteten Rosenbüsche und Spalierbäumchen hingepflanzt
worden. Alles war erst im Werden. Aber ein Sinn, das Nützliche mit dem
Angenehmen zu verbinden, waltete wohlthuend und Billigung weckend durch
die ganze Anordnung.
Als man die mit einer hellen blauen Tapete bekleidete, an Lambrieen und
Thüren und Fenstern perlfarben gemalte Stube genugsam und wohlgefällig
betrachtet hatte, ging man ins Nebenstüblein. Es hatte, gleich der Stube
selber, Länge genug, um längs der Scheidemauer zwei Betten hintereinander
zu stellen; vorn war das Fenster, in der wohlgemessenen Breite eines
Flüges, so weit auf die Stubenseite hinübergerückt, daß rechts davon eine
volle Bettbreite reichlich übrig blieb; und dem Fenster gegenüber, gerade
seiner Stellung und Breite entsprechend, eine etwas schmälere Thüre, denn
gebräuchlich. Das Stübchen war noch breit genug, um an der Riegelwand
links ein Kensterlein oder eine kleine Kommode zu stellen, und die helle
graue Tapete mit ihrem einfachen Muster und der rothen Bordüre machte das
Zimmerchen recht heimelig und wohnlich.
Nun schritt man durch die schmale Thüre hinaus in die Küche. Wie nett
alles eingerichtet, daß man glaubte, man könnte nur dreinstehen und
kochen. Das Fenster war nicht breiter als im Kämmerlein, aber für den
nicht sehr großen Raum breit genug bei seiner freien Aussicht. Am Fenster
der Wasserstein und neben dem Fenster herunter das Wassersteinrohr aus der
obern Küche; rechts daneben, gegen die Ostseite zu, in der Wandecke, der
Wasserbank, links in der Ecke der Fensterseite genügender Platz für einen
Tisch; gerade gegenüber neben der Kammerthüre Geschirrschäfte, und ein
Pfannenbrett um die Kaminschoß; so daß die ganze Seite an der Scheidemauer
frei blieb für einen oder zwei Küchekästen. In der Ecke aber zwischen
Gangthüre und Kammerthüre war der Heerd mit zwei Löchern, einfach aber
bequem, daneben in der Eckseite, ganz unter der eigentlichen Kaminröhre
ein Kohlenrost über dem Aschenbehälter. Die gelbe Ocherfarbe und der
frisch gelegte Plättleinboden sahen recht appetitlich und reinlich aus.
Nun hinaus in den Gang. Zunächst links, etwas zurücktretend, das
unvermeidliche Uebel, der Abtritt, der so vielen Häusern zur Plage, und
ihren Bewohnern zur Last und zum Verderben ist. Man wollte da nicht
vorübergehen. Es war reinlich und hell in diesem Gemächlein, gegypst,
Boden und Sitz gehobelt; hob man den Scharnierdeckel des Sitzes auf, so
bemerkte man den innen glacirten Becher und die Röhre; der Deckel aber
schloß durch sein eigenes Gewicht ziemlich dicht. Heiri hätte wohl nicht
so neugierig diese ganze Abtheilung des Hauses untersucht, wenn ihm nicht
Liese besonders diesen Punkt eingeschärft hätte; warum, kann man sich
denken. Und jetzt ging's die Stiege hinauf, denn unten war man fertig.
Fritz zeigte sein eigenes Logis; da man doch einmal dran vorbei mußte, und
weil auch dem Heiri es hier je länger desto besser zu gefallen schien. Da
war Alles genau gleich eingetheilt, bis auf die Tapeten. Im Wohnzimmer
streute sich gleichsam ein Regen von zartblättrigen weißen und rothen
Röselein über den bläulich grauen Grund der Tapete herab und im Kämmerlein
wucherten in dichtem Geflechte helle gelbliche Blätter auf lilafarbnem
Grunde. Die Aussicht war die gleiche, nur durch die Höhe freier und
lichter. Aus Stube und Nebenstube die malerische Rundsicht auf Hügelketten
und dazwischen hinein in das breite, stattliche Birsthal, aus der Küche
nach Norden hinüber auf das Häusermeer der Stadt, auf das Geschwisterpaar
der Münsterthürme und links den hohen gelben Giebel von St. Leonhard. Vom
Gang aus blickte man durch einen Kreuzstock von gewöhnlicher Größe nach
Osten gegen die offene Thalweite des Rheins zwischen den noch blätterlosen
Baumgruppen und Landhäusern auf dem Göllert hindurch und hinaus, und die
Lokomotivpfeife der Centralbahn rief gerade ihren Bewillkommnungsgruß
herüber; im Gange selbst war es hell und die bequeme Stiege gut und
zweckmäßig erleuchtet.
Auch Kammern und Keller wurden mit der Inspection nicht verschont. Gerade
über der Wohnstube war eine wohnliche, mit hellem Giebelfenster versehene,
gewickelte und weißgetünchte Kammer, ein Stüblein, wenn man lieber
will; daneben mit Dachfenster gegen Süden eine ähnliche; der hintere
Estrich neben der Stiege war durch Latten in zwei Holzkammern getheilt
und zwischen beiden Kammerseiten zog sich eine Art von Gang hin bis zur
Scheidemauer, wo man im Nothfall bei Regenwetter Wäsche trocknen konnte.
Unten aber im Keller gelangte man zuerst in den auf der Nordseite
liegenden Vorkeller, und von hier aus in die beiden wohlerleuchteten
lattengetheilten und verschließbaren Kellerräume auf der Südseite.
Fritz füllte eine Flasche aus einem kleinen Fäßchen Füllinsdörfer und
nahm sie mit hinauf. Da tranken sie denn in Ehren noch ein Gläschen auf
künftige gute Nachbarschaft und auf der lieben Liese Gesundheit.
6.
Liese hatte unterdessen auch ihre Erlebnisse gehabt. Sie hatte das Liseli
zum Vetter geschickt, ob er nicht wollte so gut sein und ein wenig
herunterkommen, es mache ihr gar viel Mühe, die zwei Stiegen zu steigen;
aber sie sollte etwas Nothwendiges mit ihm reden. Der Vetter versprach
bald zu kommen; es sei nur jemand bei ihm und die Base sei noch nicht
heim, werde aber bald aus der Kirche zurück sein. Nicht lange, so war der
Vetter unten und: »Guten Abend, wie geht's Base?« gab er dem Gespräch
sogleich für die diplomatischen Absichten der Liese erwünschten Eingang.
Leider hatte Liese jetzt nicht vom Besten zu rühmen, und ein Wort gab's
andere, von der Kränklichkeit zum Doktor und vom Doktor zur Landluft und
von der Landluft zum Logis vor einem Thor -- und jetzt war's gesagt.
Der Vetter war nicht betroffen, sah Alles Punkt für Punkt wohl ein, und
es hielt nicht schwer, ihr den schweren Sorgenstein vom Herzen zu nehmen.
Es traf sich ja ganz prächtig. Der Freund, der oben bei ihm war, suchte
gerade ein Logis auf 1. April und hatte gehofft, bei ihm anzukommen.
Natürlich hätte es ihm wehe gethan, jemand aufzukünden, am schwersten
hätte es ihm aber gemacht, seine Verwandten zum Ausziehen irgendwie zu
veranlassen, obgleich jener ihm ein lieber Freund und gegenwärtig in
Verlegenheit sei.
Liese war das schon recht; nur auf ersten April schon? Wie das gehen
sollte, konnte sie sich nicht vorstellen; es war ja nicht mehr volle vier
Wochen.
Als der Vetter sich wieder verabschiedet hatte, sprachen Mutter und
Tochter noch allerlei von der bevorstehenden Aenderung und was wohl der
Vater für Bericht bringen werde und ob vielleicht das und ob vielleicht
jenes. -- Und der Vater brachte frohe Nachricht. Vergessen war der lange
Weg, vergessen Sturm und Schneegestöber, Regen und Riesel. »Als ich dort
wegging, war mir's, ich käme aus einem Kirchlein, und es tönte in mir
wie Orgelton und Lobgesang und der Weg heim ist mir vorgekommen wie eine
Spanne.« -- Und weißt du auch, daß wir schon in vier Wochen fortkönnen,
und brauchen nicht erst aufzukünden? Der Vetter ist dagewesen ... und
nun ging's an ein Erzählen hin und her und Pläne wurden gemacht, was
man alles pflanzen wolle und wie man alles stellen wolle und wie man im
Gärtlein ein Cabinetlein machen müsse, daß man bei schönem Wetter dort
Kaffee trinken oder gar zu Mittag essen, oder auch am Sonntag in der
Stille etwas Schönes lesen könne. -- Man wurde nicht fertig. Der Kaffee,
der nebst den gepregelten Erdäpfeln für Abends und Nachtessen zugleich
galt, wurden kalt, ehe man fertig war mit Essen und Erzählen, und selbige
Nacht haben sie Alle unruhig geschlafen; aber nicht vor Schmerzen, sondern
vor freudiger Bewegung des Gemüths. Vor dem Bettgehen aber wünschte,
seit lange zum erstenmal, die Mutter noch etwas Erbauliches zu hören,
war's ja doch Sonntag, und sie vor acht Wochen zum letztenmal in der
Kirche gewesen. »Liseli, lies doch vor, es ist mir beim Licht und für
die Brust zu beschwerlich.« Und Liseli las nach Angabe des Kalenders das
Evangelium am Sonntag Reminiscere: vom cananäischen Weibe, und las weiter
von den vielen Heilungen und von der Speisung der 4000 bis zu Ende des
Capitels. -- Und das, was sie gehört hatte, bewegte die Leidende auch in
ihrem Herzen, da sie nicht schlafen konnte in jener Nacht, und ist etwas
mit ihr vorgegangen, was ich jetzt nicht weiter ausbringen will, damit der
Segen nicht verloren gehe.
Und am Montag Abend wurde die Sache mit dem Fritz ausgemacht und Heiri
drückte ihm ein neues Fränklein in die Hand als Gottespfennig.
7.
Den geschäftigen Tag des Einzugs im neuen Logis wollen wir vorbeigehen.
Liese strengte sich fast über Kräften an beim Zusammenpacken, und daß
jedes Geräthe sorgfältig auf den Wagen komme. Am Abend kam der Heiri, um
mit ihr die neue Heimath zum ersten Mal heimzusuchen. Der Vetter und die
Base geleiteten sie noch fast bis zum Thor und nahmen herzlichen Abschied
unter gegenseitigen Glücks- und Segenswünschen. Und als sie daheim waren,
schien der Vollmond gegen die Hausthüre und beleuchtete den Kranz von
Epheu, den Liseli unterdeß geflochten und daran gehängt hatte; und die
Sterne flimmerten wie alte Bekannte vom Lande zum freundlichen Willkomm.
O, hätte ich nun die Feder eines Dichters, um dennoch wahrheitsgetreu zu
schildern, welch' ein neues Leben sich für die Bewohner des neuen Hauses
aufthat, um zu erzählen, wie jeder Tag eine neue Freude in's Herz und
einen neuen Segen in die Familie brachte.
Man stand, von der Sonne geweckt, frühe auf, ging in den Garten und
machte da etwas zurecht; der frischende Morgenwind und der Gesang der
Vögel, die sich der neuerwachten Frühlingskräfte und des lieblichen,
jungen Tages freuten, das glänzende, goldene Licht, das sich über die
Häuser und grünenden Wiesen und fernen Berge ergoß, und die Morgennebel
in's klare Blau des Himmels auflöste, weckte ungewohnte, und doch unsere
ehemaligen Landbewohner seltsam anheimelnde Gefühle, Gefühle wie von
lieblichen Mährchen der Kindheit, die nun plötzlich wahr geworden.
Während Fritz und Heiri draußen Bohnenstecken zurecht machten, oder
die jungen kräftigen Triebe einer an der Ostseite des Hauses links und
rechts von der Hausthüre neu gepflanzten Rebe anhefteten, machte Liseli
die untere Stube und das Stüblein. Denn Liese war auch aufgestanden und
mahlte unter der offenen, der Sonne entgegengewendeten Hausthüre, vom
warmen, wollenen Halstuch gegen die frische Morgenluft geschützt, ihren
Kaffee. So strömte durch die geöffneten Fenster und den Hausöhren ein
belebender Odem des neugeborenen Tages, und mit ihm eine erfrischende,
kräftigende Lebensspende. Die Morgenseite eines Hauses ist immer die
trockenste; denn der Ostwind kömmt über weite Landstrecken, von Asien
her zu uns und bringt nicht die feuchten Dämpfe irgend eines Meeres mit
sich. Auch ist die Wirkung der Morgensonne, namentlich im Sommer, äußerst
kräftig; denn ihre Strahlen prallen von Morgens 4 Uhr bis gegen 9 Uhr fast
senkrecht gegen die in dieser Richtung stehenden Mauern. Im Waisenhause
sind die Schlafsääle gegen Morgen gerichtet, und man hat stets den
erfreulichsten Gesundheitszustand bei den vielen, vielen, oft von Haus aus
vernachlässigten Kindern bemerkt.
Warum wohl Fritz kein Fenster in den Stuben gegen Osten anbringen ließ,
statt der Wandkästen? -- Erstens war das Fenster gegen Süden für die
mäßige Stube übrig groß genug, zweitens wäre dadurch das Haus im Winter
kälter geworden; drittens kostspieliger, denn unten ein Kreuzstock, oben
ein Kreuzstock mit Schreiner- und Glaserarbeit, mit Fenstern, Vorfenstern
und Läden mit dreifachem Oelanstrich, das hätte schon wieder ein paar
Hundert Fränklein gekostet; viertens endlich brennt im Sommer die Sonne
den ganzen Vormittag durch ein solches Fenster in's Zimmer hinein, macht
man aber alsdann die Läden zu, so ist eben der Zweck solcher Fenster nicht
einleuchtend. So wär's auch mit Fenstern auf der Westseite gewesen beim
Nachbar; drum hatte auch der's unterlassen.
Aber auf die Liese machte die Morgenluft und Morgensonne einen wunderbaren
Eindruck; wohl griff sie es im Anfang etwas mehr an und machte sie müde,
wie nach angestrengter Arbeit; aber sie fühlte es, wie das Strahlenbad
durch ihre Glieder drang bis auf's innerste Mark und wie die Ermüdung
nur eine erneute Anstrengung aller Lebenskräfte bewies. Später in der
Jahreszeit setzte sich Liese auch ~vor~ die Hausthüre und strickte dabei
oder verlas und flickte Kleider, Hemden und Strümpfe; und dazu war sie in
den Nerven bald stark genug; nur mit der Gartenarbeit wagte sie sich noch
nicht an's Schwerere.
Wir haben vorhin Liese beim Kaffeemahlen getroffen; der Kaffee ist
unterdessen fertig geworden, und die völlig geordnete, wohlgelüftete Stube
nimmt ihre Bewohner auf und ladet sie zum dampfenden, warmen Getränk. Beim
ersten Morgenessen hatte Keines anfangen wollen; es war Ihnen gewesen, als
fehle ihnen etwas, was sie selbst nicht recht wußten. Das zweite Mal gab
sich's von selber. Liese faltete still ihre Hände, ehe sie anfing, und
die Andern thaten ihr's unwillkürlich nach. Ob sie Worte gebetet haben in
Gedanken, bezweifle ich, aber es war ein schüchterner Tribut des Dankes,
zu dessen Entrichtung sie sich gedrungen fühlten.
Es ist merkwürdig, den Unterschied beim Essen zu beobachten in
verschiedenen Häusern. Bei den Einen kommt Eins um's Andere zum Tisch
und ißt und geht, wie's ihm bequem ist. Bei den Andern falten Alle
gleichzeitig, stehend oder sitzend, die Hände, oder Eines spricht für
Alle das Vaterunser oder Komm, Herr Jesu, sei unser Gast und segne, was
Du uns bescheeret hast. Dort ist kein Anfang und kein Ende; hier ist ein
Gepräge von Ordnung und frommer Gesittung. Das hängt eben auch unbewußt
oder bewußt von der Lebensweise, und die wieder mehr oder weniger vom
Hause ab. Steht man in den engen Gassen, wo's lang nicht tagen will, spät
auf, so ist das Kaffeekochen die einzige Einleitung zum Frühstück; denn
es hat sonst noch Keines eine andere Arbeit in der Hand gehabt. Aber auf
dem Lande haben sich die Hände schon gerührt, ehe man zum Morgentrinken
kommt, sie legen sich fast von selbst zur Ruhe gefaltet zusammen, und
dann erst tragen sie die erquickende Nahrung als eine gute Gottesgabe zum
Munde. Es ist ein viel größerer Schritt vom verdrießlichen Schlendrian
der Gleichgültigkeit zum allereinfachsten stillen Anstand der ehrwürdigen
Väter- und Christensitte, als von da zur erbaulichen Hausandacht im Hause
eines Seelsorgers. Ob diese Sitte gerade zum gesunden Wohnen gehört, weiß
ich nicht; aber das weiß ich aus Erfahrung, sie gehört zur Ruhe und zum
heitern Frieden des Gemüths, und diese Güter haben noch Niemand krank
gemacht.
Fritz stand allein; die Magd der benachbarten Lehenfrau, die ihm Essen und
Kaffee brachte, machte ihm gegen ein bestimmtes Trinkgeld auch das Zimmer.
Er zog es vor, es etwas unbequemer zu haben, lieber als in Kosthäusern das
unerquickliche Zusammenleben mit Unbekannten zu genießen, wo das trauliche
Gefühl des Daheimseins unter dem Getreibe einer Art von Gastgebern
verloren geht. Ein rechtes Kosthaus, gleichsam ein Familienhaus mit einer
Art von traulichem Familienleben bleibt noch immer ein frommer Wunsch,
dessen Erfüllung manchen Segen stiften würde.
Die für's Morgentrinken angefangene Sitte wurde auch Mittags und Abends
festgehalten; denn das Gefühl vom Kirchlein, das den Heiri bei der
Hausschau durchschauert hatte, gewann bei Allen die Oberhand. Sie fühlten
etwas Festtägliches an jedem Tage; es war, als ob der Sonntag durch jeden
Werktag hindurchgedrungen wäre und ihn geheiligt hätte, während in der
Stadt in dumpfer, düsterer Stube auch der Sonntag etwas Werktägliches
angenommen hatte, werktäglich durch den Lärm und das Gekarre in den Gassen
unten, durch das Geklopfe nebenan, durch die Negligetrachten gegenüber.
Weder Heiri noch Liese hatten Heimweh nach der Stadt; die Stille und Ruhe
des Friedens um sie her, das immer voller und schwellender und wärmer
sprossende Grün auf Matten und an Baumgruppen, der freie, offene Himmel,
die frische reine Luft die trockene, gesunde, helle Wohnung boten ihnen
kaum geahnte Genüsse und sie ließen den äußern Frieden und das äußere
Glück in ihr Herz strömen und thauten auf in erneuter gegenseitiger Liebe.
Heiri's Wangen bräunten sich in der Kraft der Sonnenstrahlen, Liese ward
wieder jung wie ein Adler, und Liseli blühte wie eine Blume des Feldes.
Nie klagte Heiri über die große Entfernung, nie über Regen, schlechten
Weg oder Hitze. Bei der meist ruhig stehenden Lebensweise im Arbeitersaal
bekam ihm der täglich viermalige Gang recht wohl, und er spürte nichts
mehr von Beschwerden des Unterleibes, wie früher. Bei einer ruhigen,
sitzenden oder stehenden Lebensart ist nichts der Gesundheit so
zuträglich, wie regelmäßige tägliche Bewegung. Das wissen die Contorherren
gar wohl, die manchmal im Sommer in der Morgenkühle ihr Luftbad auf der
Rheinbrücke nehmen, und dabei 4 oder 5 Mal darüber hin und herwandeln.
Manche Bekannte Heiri's hatten ihm allerlei prophezeit, und dem Fritz
am Hause allerlei getadelt. Dem Heiri, er werde den Verleider bekommen
am langen Wege und seine Leute werden die liebe Noth haben, ein Gemüse
zu bekommen, weil es so abgelegen sei. Dem Fritz, er sei ein rechter
Sonderling, sich so weit von der Stadt und dazu an so abgelegenem Ort, wo
einen kein Mensch erfragen kann, anzusiedeln. Jahr aus Jahr ein sei's
schrecklich langweilig und öde. Warum er auch die Hinterseite gegen den
Weg, und die Wohnstube gegen das Feld gewendet habe; das Haus sei ja
ganz verdreht und um zur Hausthüre zu kommen, müsse man ja ums ganze
Haus herumgehen. Da habe doch der Nachbar die gescheitere Nase gehabt,
der die Seite gegen den neuen Centralbahnhof gewählt habe. Das sei halt
auch so ein halber Physigucker, der Fritz, an dem's auch wahr werde: wie
gelehrter, wie verkehrter. -- Aber weder Heiri noch Fritz ließen sich
dadurch ihr Paradies verleiden. Der Eine hatte zum Voraus überlegt und der
Andere hintendrein erfahren, was das bessere Theil sei und keiner noch
das Geringste bereut. Der Heiri bekam den Verleider nicht am langen Weg
und mit den Gemüsen ging's eben auch; was der Garten nicht trug, das gab
um billiges Geld die Lehenfrau, und der Milchkarren brachte ihnen Fleisch
und Brod aus der Stadt mit; und wenn das nicht gewesen wäre, so hätte sich
weder Fritz noch Heiri gescheut, es selber heimzutragen. Aber der Garten
war fruchtbar, als ob ein besonderer Segen darauf ruhe.
Und ja, es ruhte ein großer Segen darauf, mehr als man gleich anfangs
merkte. Wenn man so den Binnetsch und den Salat wachsen sah und das
Jörgenkraut, und wenn man's abschnitt und es auf der linnengedeckten
Tischplatte wie eine Zierde aufgestellt war, da meinte man nicht, es
sei mit Zinsen für's Land und mit Arbeit erkauft, sondern wie ein ganz
besonderes Geschenk vom lieben Gott kam's einem vor, auf das man keinen
Anspruch hatte, und man fühlte den Dank aus dem Herzen heraufsteigen bis
in den Mund, daß es manchmal ein wenig überlief. Da gehe man nur auf
den Markt und kaufe. Bis man da und dort verlesen und gehandelt und mit
Markten noch fünf Centimes abgedrückt und dann mit gutem baarem Geld aus
dem eigenen Beutel bezahlt hat, da glaubt man auch nicht mehr, daß man
deshalb gebetet habe: Gib uns heute unser täglich Brod. Man freut sich
etwa des billigen Einkaufs, den man seiner Pfiffigkeit und Zähigkeit
verdankt, aber an den, der zum Wachsen Regen und Gedeihen gab, erinnert
man sich nicht.
8.
Was die dem Fritz gemachten Vorwürfe betrifft, so war's zum ersten
nicht langweilig. Das fühlten Alle im Hause. Hier draußen im Grünen
brachte jeder Tag etwas Neues. Welche Lust zu sehen, wie die erst noch
nackten Bäume Triebe und Schoße brachten, wie sie fast in einer Nacht
hervorbrachen in tausend und tausend Blüthen, jetzt die Kirschen, jetzt
fleischroth Pfirsige, dann Aepfel und Birnen im Schmuck der Lilien- und
Rosenfarbe. Und abermal kleidete frisches Grün die noch blühenden Bäume,
bis ein sanfter Regen die Blüthenblätter aus den Kelchen wischte und
der Wind sie wie Schnee durch die Luft trieb. Und dann wieder wob sich
in's Grün der Matten das Gold der Sonnenwirbel und die zarte Lilafarbe
der honigschwangern Kleewirtel. Das alles genießt der reiche Städter
nicht; er sieht im wenigwochigen Landaufenthalt nur den geringsten Theil
dieser reichen, mächtigen Entwicklung, gleichsam den höchsten Glanz des
Naturlebens in seiner vollsten Fülle. Und vollends der Arbeiter, der in
enger, dunkler Gasse der Stadt wohnt, kaum kommt er am Sonntag dazu, vor's
Thor zu gehen, -- mit Augen, die nicht sehen, mit Ohren, die nicht hören,
weil er verlernt hat zu achten auf die großen Werke des Herrn. (Wer ihrer
achtet, der hat eitel Lust daran.) Da fahren sie auf der Eisenbahn, um
in Muttenz oder Prattelen oder auch in Frenkendorf und Liestal lustig
zu sein beim Glase Wein, daß draufgeht, was man vom Zahltag her in der
verflossenen Woche nicht gebraucht. Und wenn man genug gejodelt und getobt
hat und den Kopf wüste und öde von Alle dem was hinein- und hinausging;
dann hat man sich erholt und gestärkt für die Arbeit der künftigen Woche?
Dann hat man die freie Gottesnatur genossen?
Aber nicht nur das Betrachten, auch das Arbeiten im Gärtlein verkürzte
die Zeit. Pfeilschnell flogen die Tage dahin, und doch war man in kurzer
Zeit so an Alles gewöhnt, als obs nicht Monate, sondern Jahre her wäre.
Fritz verstand Rosen zu veredeln und okulirte Wildlinge oder pfropfte edle
Reiser auf kräftige Gerten. Die Reben am Hause wucherten üppig, wie wenn
unerschöpfliche Lebensfülle aus dem Boden in ihre Reiser sich ergöße, so
daß den ganzen Sommer über Aberschosse wegzubrechen waren. Und wenn etwa
am Mittwoch Abend Heiri die Liese ans Sommerkasino spazieren führte, daß
man aus der Ferne oder von der Straße her sich am lustigen wogenden Schall
der Musik ergötzen könne; und wenn dann Liseli die Blumen spritzte, die
von des Tages Hitze nach Erquickung lechzten, da wurde auch dem Fritz so
eigen zu Muthe. Liseli kam ihm vor wie eine traute Bekannte, und doch
hatte er noch nie gewagt, ihr nur die Hand zu geben. Was er sprach, war
wenig, desto mehr dachte und fühlte er. Und das Alles verkürzte ihm die
Zeit ungemein.
Und was den andern Vorwurf betrifft, er hätte das Haus hinterfür gestellt,
so kannte er ja zum Voraus den Wahrspruch: Wer da bauen will an der
Straßen, muß sich's Meistern g'fallen lassen. Seine Gründe waren wichtig
genug und schon älter als das heilige römische Reich. Denn Fritz hatte
sein Haus ganz einfach nach der Sonne gerichtet, wie schon die alten
Aegypter ihre berühmten Tempel und Pyramiden. Man braucht auch nur durch
die Landschaft hinaufzureisen, so fällt es jedem auf, wie in den Dörfern
links an der Straße stattliche Häuserfassen stehen, rechts aber eine
Reihe Dunghäufen und dahinter Stallthüren und Scheunenthore; und durch
die letztern gelangt man durch's Haus hindurch zu den Stuben auf der
Feldseite. Das ist aber, weil fast alle Landleute sich nicht nach der
Straße, sondern nach der Sonne richten; und 's ist eine alte, ererbte aber
vernünftige Ueberlieferung. Das erregende Licht und die belebende Wärme
der Sonnenstrahlen war auch dem Fritz wichtiger als der Weg und als das
Geschwätz der Leute; war's nach außen nicht prunkend, sein Haus, so war's
doch innen wohnlich und freundlich und heimelig.
Im hohen Sommer, wenn die Sonne weit über dem Rhein, im Nordosten,
aufging, und nahe am Isteiner Klotz wieder hinunter, da stand sie am
Mittag fast senkrecht über dem Hause und beschien nur von 11 bis 1 Uhr
das Simsbrett am Fenster; im obern Stock gab überdieß das vorspringende
Dach noch Schatten. Um die Hitze zu vermeiden, bog man nur die Läden
zusammen über die heiße Tageszeit, während man am frühen Morgen die kühle
frische Morgenluft durch Stuben und Haus hatte streichen lassen. Im Winter
dagegen ging ja die Sonne stets auf der Sonnenseite auf und unter, und bei
jedem hellen Himmel half der tief ins Zimmer dringende Strahl das Zimmer
heizen. Das war wohl die Hinter-, aber gewiß nicht die Schattenseite am
Haus. Die Küche dagegen und der Abtritt mögen die Wärme nicht vertragen,
sonst gerinnt im Kasten die Milch, die Speiseresten werden faul und sauer;
und vom Abtritt her hat man einen ungebetenen Wetterprophet, und ist er
schlecht, so prophezeit er erst noch bei schönem Wetter ganz falsch. Das
hatte Fritz überlegt und beachtet und hatte Küche und Nr. 100 gegen den
Weg gesetzt, d. h. auf die kühle Mitternachtsseite.
Und warum lieber ostwärts, statt westwärts. Das war zwar weniger wichtig,
ob so oder so, und wäre die Hausthüre vorn oder hinten gewesen, das
hätte auch nichts gemacht, statt auf der Seite. Aber auf der Seite hatte
man keinen großen Umweg zu machen, um zum hintern Gärtlein und Brunnen
(vor den Stuben) zu kommen, auch keinen großen Umweg auf die Straße
oder zu dem vor dem Haus an der Straße liegenden Rasenplatz mit seinem
Sauerkirschenbaum. Dann war's gegen Osten, wie immer und überall, trocken,
sonst hieße nicht die Abendseite immer nur die Wetterseite, auch genoß
man im Sommer bis gegen 9 Uhr früh den Vortheil der kühlenden Ostwinde,
ließ so lange die Hausthüre offen, und schloß nachher unerbittlich
den allzuaufdringlichen Sonnenpfeilen den Paß zu. Ueberdieß ist die
Morgenseite bei Fritzens Haus fast die schönste wegen der Aussicht. Am
Nachmittag aber, von 12 Uhr an, war hier wieder Schatten bis zum andern
Morgen und 's gab unter der Hausthüre oder auf der Lattenbank am Giebel
ein herrliches Plätzlein zu sitzender Arbeit oder zum Gemüserüsten für
den folgenden Tag; ein Plätzchen, fast zu verführerisch, dem Himmel in's
blaue Angesicht zu schauen, oder dem mannigfach wechselnden Grün der Bäume
zwischen die schattenden Aeste und daneben hindurch in die fernen, duftig
verhüllten Berge, bis endlich, immer wärmer und glühender, das Gold der
scheidenden Sonne über die ganze Landschaft hinströmte zu zauberhaftem
Gemälde.
Und war die Sonne im Sinken und wollte man ihren majestätischen Glanz
genießen, so kostete es nur ein paar Schritte. Zwischen den Blumenrabatten
des Gärtleins auf und abwandelnd versenkte man sich in den Anblick des
feuerfarbenen Lichtmeeres, auf dem die feingeschnittenen Blätter der
Bäume und die scharfen Firstlinien der Dächer mit ihren Kaminen sich
schattenrißartig abzeichneten, bis nach und nach die überwältigende
Kraft des feurigen Lichtes dem goldgesäumten Purpur fast durchsichtiger
Wolkenschichten wich, bis endlich violette Schatten ringsum alles
umschlossen.
9.
Und Heiri's lernten die Vorzüge ihrer Wohnung aus Erfahrung immer mehr
schätzen; Fritz hatte sie zudem belehrt, wie sie diese durch die Lage
gebotenen Vortheile, denen sie und besonders Liese täglich so viel für
ihre Gesundheit zu danken hatten, durch jene einer klugen und verständigen
Hausordnung erhöhen könnten. Beim Bau des Hauses war von Seite des
Fritz, wie seines Baumeisters alle Sorgfalt auf Zweckmäßigkeit, wie
auf trockenes und gesundes Baumaterial verwendet worden. So hatte man
nicht nur wegen des Nutzens, sondern auch wegen der Trockenheit unter
dem ganzen Hause Keller gemacht, so konnte man durch Stube und Gang,
oder durch Kammer und Küche einen reinigenden Luftzug bewerkstelligen.
Auch war zu den Bodenauffüllungen nicht Schutt und Straßenstaub oder
feuchtigkeitanziehender Sand genommen, sondern Koakasche, wohlfeil
wie jenes andere, äußerst trocken und dabei sehr feuersicher. -- Aber
dennoch hatte Fritz angelegentlich empfohlen, im Winter nicht zu oft, und
überhaupt nie zu naß zu fegen. Um das Zimmer und das Haus rein zu halten,
war vor der Hausthüre ein Scharreisen, und im Gang eine Strohmatte.
Unter dem Kunstofen zeigte er eine Klappe, die man öffnen und schließen
konnte. Diese ging aus der Stube in die Küche; wenn nun das Feuer
brannte, sollte man öffnen, und konnte nachher wieder schließen. Diese
Vorrichtung leistete namentlich im Winter vortreffliche Dienste. Denn ein
Feuer bedarf zum Brennen Luft, und wenn in der Küche alles fest zu ist, so
muß eben diese Luft durch's Kamin selbst herabkommen und treibt den Rauch
zurück bis zum Ersticken; selbst das Feuer brennt ungern. Ist aber jene
Klappe offen, so kommt der erforderliche Zug aus dem Zimmer und reinigt
solchermaßen zugleich die Stuben von der verbrauchten und schädlich
gewordenen Luft. In Häusern, wo man mit besondern Oefen heizt, wendet man
jetzt häufig die holzsparenden und im Zimmer zu heizenden Straßburgeröfen
an, um ihrer luftreinigenden Eigenschaft willen. Ja ein sehr geachteter
Arzt hat alle seine Oefen umändern und zum inwendig Einfeuern einrichten
lassen.
Für den Winter waren für Stuben und Nebenstübchen Vorfenster bereit;
das sparte viel Holz an der Heizung, und um das Einfrieren der
Wassersteinröhre und die damit verknüpften Unannehmlichkeiten zu
verhindern, waren dieselben innerhalb der Mauer herabgeführt und mündeten
ganz zu unterst in ein von eichenem Deckel bedecktes Wasserfaß, dessen
Inhalt täglich zum Spritzen der Pflanzen verwendet werden konnte. Wurde
dieß Faß beinahe voll, so sorgte ein Ablauf in die Abtrittsgrube für den
etwaigen Ueberschuß. Das gab der Seite gegen den Weg ein gefälligeres
Ansehen, als wenn winklige Rohre dieselbe verunstaltet hätten. Um aber das
Haus möglichst trocken zu machen, hatte man beim Bau den Keller weniger
tief gegraben als sonst und den Schutt zu einer Auffüllung um's Haus
verwendet, daß es wie auf einer kleinen sanften Erhöhung stand.
So war bei Fritzens Haus für Trockenheit, für Licht und Luft, für Wärme
und richtige Kühle, mit einem Wort für alle Erfordernisse zu einem
gesunden und behaglichen Wohnen, und damit zu einem schönen und der Würde
des Menschen angemessenen Familienleben und zum Genusse edler Freuden
gesorgt.
10.
Aber dem Fritz fehlte noch etwas. Das bemerkten auch Heiri und Liese;
nur Liseli hatte keine Ahnung davon, wenigstens that sie, als merkte sie
nichts. »Ich weiß nicht, was der Fritz hat; er kommt nicht mehr so oft
zu uns in die Stube herunter wie früher; du hast ihm doch nichts in den
Weg gelegt, Liese?« Ich wüßte nicht was, er ist aber auch stiller als
sonst. »Und früher hat er mir einmal gesagt, wenn wir einziehen bei ihm,
wolle er die Kost bei uns nehmen, und hat seitdem kein Sterbenswörtlein
mehr davon verlauten lassen.« So redeten sie hin und her und erschöpften
sich in allerlei Vermuthungen. Liseli hatte auch etwas wie einen Druck
auf dem Gemüthe und sang nicht mehr so munter wie früher. Aber Liese
dachte an ihre eigene Jugend zurück und dachte: das sei noch Folge der
Körperentwicklung, war doch Liseli oft blaß und dann plötzlich wieder
roth, wie wenn sie das Wechselfieber hätte.
Einst sollte Liseli Abends in die Stadt. Unter der Hausthüre gab die
Mutter noch einen vorher vergessenen Auftrag. In diesem Augenblick kam
Fritz heim. Aber wie er zur Hausthüre hinein und Liseli heraustreten
wollte, waren beide plötzlich wie gebannt, und jedes fühlte nur die Gluth
zum Kopfe steigen und das Herz gewaltig pochen. Aus lauter Verlegenheit
vor einander und vor der Mutter konnte keines ein Wort herausbringen.
Da ging Fritz wie gleichgültig an Liseli vorüber, sagte zu Liese mit
erzwungener Ruhe seinen Guten Abend und schnell in's Zimmer hinein. -- Und
Liseli wußte auch nicht wie sie in die Stadt kam, und wie wieder heim; und
hatte 1 Vierling Kaffee und 1 Pfund Cichorie mitgebracht und die Bändel in
die Sonntagsschuhe vergessen.
Und am Sonntag Abend klopfte es an der Stubenthüre beim Heiri, und herein
trat Fritz im neuen schwarzen Kleid und dem feinen Seidenhut in der Hand.
Und der Fritz mußte etwas Wichtiges mit dem Heiri und seiner Frau reden
und das Liseli ging trotz seiner Neugier ungeheißen in die Küche. Es muß
auch recht wichtig gewesen sein, was sie zusammen ausmachten, und Liese
hatte feuchte Augen, als ob ihnen das liebgewordene Logis aufgekündet
worden wäre. Aber Liseli wurde endlich hereingerufen und den Abend ein
extraguter Kaffee für alle Viere gemacht. Denn Fritz hatte um's Liseli
angehalten, und Liseli hatte vor Thränen nicht Nein sagen können.
Im Spätherbst war die Hochzeit, und jetzt leben Fritz und Liseli im obern
Stock als treues Ehepaar, und Gesundheit, Glück und Frieden wohnt im Hause
bei den Vieren. Das möge ihnen Gott der Herr erhalten und reichlich mehren!
[Illustration: Dekoration]
Fußnoten:
[A] Sauerstoff.
[B] Kohlensäure.
[C] Wasser. Ein Mensch athmet durchschnittlich in 1 Stunde 300 _Litres_
Luft aus, worunter 12 _Litres_ Kohlensäure enthalten sind.
[D] Pettenkofer.
[E] Kohlensäure und Wasser.
[F] Wenn auf 1000 Theile Luft 1 Theil Kohlensäure kommt.
Anmerkungen zur Transkription:
Das Original ist in Fraktur gesetzt.
Im Original in _Antiqua_ gesetzter Text wurde mit _ markiert.
Im Original ~gesperrt~ gesetzter Text wurde mit ~ markiert.
Im Original #fett# gesetzter Text wurde mit # markiert.
Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und « (oben) ersetzt.
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:
blos (Seiten 15 und 29) und bloß (Seiten 6, 19 und 20)