Reinlichkeit und ihre Schwester die Ordnung, sind die Grundlage aller
Wohnlichkeit und Behaglichkeit; ebenso sehr auch ein Hauptmittel der
Gesundheit. Wie sie die Armuth der Hütte verklären, so erlischt ohne
sie die Pracht des Palastes. Sie umfangen Alles: den Menschen selbst,
seine Kleidung, seinen Hausrath, seine Arbeit und die ganze Umgebung.
Der einfachste und gebrauchteste Tisch von Tannenholz, das gröbste und
geflickteste Hemde, wenn sie ganz und rein sind, stehen hoch über einer
unsaubern Commode von Mahagoni, einem schmuzigen gefältelten Vorhemdchen
mit vergoldetem Knöpfchen drin. Nehmt dasselbe Zimmer, die gleichen
Geräthe, die in ihrem unreinlichen und unordentlichen Zustande euch vor
Unbehaglichkeit hinaustreiben, und reiniget Alles gründlich, wascht den
Fußboden, das Getäfel, die Fenster, den Tisch, die Bettstelle, ebenso
die Vorhänge, die Bettwäsche, stellt Jedes dahin, wo's hingehört und ihr
werdet euch in einer neuen Welt finden, in der euch wohl und heimisch
ist und darin Alles, auch das Geringste, besser, freundlicher, weniger
armselig aussieht.
Es giebt zwar genug Leute, welche meinen, Reinlichkeit trage nichts ab
und habe mit dem Wohlsein nichts zu schaffen. Demgemäß lassen sie denn
auch auf ihrem Leibe sich ansammeln und ansetzen, was nur immer Lust
hat. Und unter ihrer Kruste von Unreinigkeit und abgestandener Haut
empfinden sie freilich nichts von dem stärkenden erfrischenden Gefühle,
das nach einem Bade den ganzen Körper durchströmt, als fließe nun das Blut
freier, kräftiger durch alle Adern durch. Nichts ist zuträglicher für die
Gesundheit als solche Bäder, oder, wo sie nicht möglich und im Winter, als
Ersatz kaltes Waschen des Körpers. Viele Krankheiten, und vor Allem die
ganze Reihe der langweiligen Erkältungskrankheiten, können buchstäblich
weggewaschen werden, indem die Haut durch's Waschen belebt, gestärkt wird
und so dem Einflusse der wechselnden Witterung widersteht. Besonders für
Kinder, deren Haut so saftreich und thätig ist, zeigt sich das kalte
Waschen heilsam und kräftigend.
Nicht umsonst hat der alte Moses seinen Israeliten so bestimmte und
einläßliche Vorschriften über die Reinlichkeit gegeben, ja dieselbe
zu einer religiösen Pflicht gemacht. Wie viele Christen hätten da von
den Juden zu lernen! Ueberhaupt steht unsre Zeit hierin der der Alten
bedenklich nach. Wie ganz anders sah's z. B. in dem alten Rom aus, als
in unsern neuen Städten, das modische Paris nicht ausgenommen! Ueberall
waren dort öffentliche Bäder eingerichtet, die man regelmäßig benützte.
Kostbare Riesenbauten, deren Ueberreste die Welt noch jetzt anstaunt,
führten das beste Wasser weit aus dem Gebirge herbei. Keine Gelegenheit
war da zu ferne, kein Preis zu hoch, man rechnete nicht ängstlich die
Zinse nach, denn es betraf ja Gesundheit, Wohlsein des Volkes und alle
Welt genoß der Wohlthat guten und reichlichen Wassers. Anderseits führten
die großartigsten unterirdischen Gänge und Kanäle (Kloaken) alles Unreine,
allen Abgang sogleich aus dem Bereiche der Menschen weg.
Im Gegensatz hiezu leiden bei uns nur zu häufig Arme und Reiche gleiche
Noth an gutem Wasser und da ist die ganz nothwendige Folge eben die
Unreinlichkeit; am auffallendsten freilich immer in der Wohnung des
Aermern. Wo man jeden Tropfen weit herholen und sparen muß, ja da wird
beim Fegen und Waschen keine große Verschwendung getrieben und man läßt
schon eher etwas »zusammenkommen«. Ganz natürlichen Schritt hiemit hält
die Gleichgültigkeit gegen schlechte Ausdünstungen, aus Winkeln und
feuchten Höflein, gegen Gerüche aus Mistgruben, Abtritten und Cysternen,
aus mangelhaften Dohlen und Löchern, in denen der Abfluß sog. Wassersteine
stehen bleibt. Da ist keine Vorkehrung getroffen, es wird für keinen
Ablauf, für keine Reinigung gesorgt. Wozu sollte dieß auch ein Einzelner?
fünfzig, hundert Menschen vielleicht, benutzen ja die »Gelegenheit«,
was sollte Einer den Narren machen für die Andern? Und so athmen denn
Hunderte und Tausende vieler Orten diese verpestete Luft und es hilft
dann allerdings nicht viel, zur Verbesserung der verdorbenen Zimmerluft
die Fenster zu öffnen und diese vielleicht ebenso schlechte Luft
hereinzulassen. Wie's da aber hernach aussieht, und namentlich in großen
Städten (wo die Menschen enge wohnen und die übeln Ausleerungen massenhaft
sich ansammeln,) wenn ansteckende Krankheiten, z. B. Cholera, ausbrechen,
das zeigen die Sterbetabellen leider nur zu deutlich.
Es ist hier allerdings mehr das Gebiet der obrigkeitlichen Fürsorge und
der Einzelne, besonders der Miether, wird unmittelbar kaum viel mehr zur
Verbesserung beitragen können, als daß er selber so wenig als möglich
Ansammlung von solchem Unrathe in seiner Nähe veranlaßt und auf Abhilfe
~der~ baulichen Uebelstände dringt, denen mit einiger Leichtigkeit zu
begegnen ist. Wo es dagegen schwer, vielleicht unmöglich zu helfen,
da wird er am klügsten handeln, solche gefährliche Nachbarschaft oder
Einrichtung zu fliehen, indem er auszieht. Im Ganzen aber ist es schon
ein Gewinn, wenn nur die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf Dergleichen
richtet, der Uebelstand als solcher erkannt, das Bedürfniß empfunden wird;
einmal so weit und die Abhülfe wird auch selten mehr gar zu entfernt sein.
Reinlichkeit kann Jeder üben, selbst der Aermste, es kostet kaum mehr als
ein bischen Mühe. Und laßt sie nur einmal irgendwo recht Wurzel schlagen,
sie wird sich bald über eure ganze Umgebung verbreiten. Wer seinen Körper
reinlich hält, der wird nicht allein auch auf frische und saubere Wäsche
halten, sondern zugleich seine Kleider weniger verunreinigen. Er wird
keinerlei Abgang nur so in die Ecke werfen; sein Auge wird empfindlich:
ein ungescheuerter Tisch, ein schmuziger Fußboden werden ihm bald zum
Greuel und den Fliegen mag er fürder weder das Glas des Spiegels, noch
der Fenster zum Mißbrauche überlassen. Bricht einmal leidigerweise eine
Scheibe, dann schickt er doch lieber zum Glaser und nimmt sich vor,
künftighin vorsichtiger zu sein, als daß er ~das~ Loch nur so mit einem
Lumpen zustopft oder ein Papier drüber klebt. Abfall von Speisen in der
Küche, Kehricht, gebrauchtes Waschwasser und dergleichen Alles wird nicht
Tage- und Wochenlang aufbewahrt, sondern im Gegentheil sofort aus der
menschlichen Nähe geschafft. Jeden Morgen werden alle Räume, Treppen wie
Zimmer, gescheuert, wöchentlich auch gefegt; das versteht sich bald von
selbst und verursacht wenig Mühe und Unbequemlichkeit mehr. An den blanken
Fenstern will man saubre Vorhänge erblicken, je nach vier, sechs Wochen
versieht man die Betten mit frischen Leintüchern und hängt wöchentlich,
beim Wechseln der Leibwäsche, auch ein reines Handtuch hinter die Thüre.
Alle paar Jahre wird man überdieß im Frühjahr finden, die Zimmerdecke sei
den Winter über durch Ofenrauch und Oeldampf doch auch gar zu schwarz
geworden und entstelle das ganze Zimmer. Man rechnet zwar, sperrt sich,
indeß am Ende wird der Reinlichkeitssinn siegen und der Entschluß wird
gefaßt, zum Gypser zu schicken und weißen zu lassen: es gefalle einem dann
nachher noch eins so wohl zu Hause!
Schon durch diese regelmäßig wiederkehrende Thätigkeit aber wird eine
bestimmte Zeiteintheilung, mit dieser von selbst die Ortseintheilung,
das heißt eine allgemeine Ordnung sich ergeben, ohne daß man eigentlich
sieht wie? bei der man blos sich sehr behaglich, zufrieden, glücklich
fühlt und in welcher der gesammte Haushalt nur mit der halben Mühe gegen
früher scheint geführt zu werden. Nehmen dabei die einzelnen Staats- und
Modestücke auch ab, man wird sich trösten und weniger das Bedürfniß haben,
etwas vorstellen, scheinen zu wollen, weil man das innerliche Gefühl hat,
daß man wirklich etwas ~ist~. Sieht inzwischen die Frau auf der Straße
nicht wie eine Dame aus, ei nun, so gleicht sie dafür im Hause doch
keiner Hexe mehr: eine bequeme, einfache, reinliche Kleidung wird in ihr
stets die Hausfrau erkennen lassen. Gleicherweise hält sie ihre Kinder
reinlich und einfach und scheucht weder durch vernachlässigten Aufzug und
Unordnung, noch durch im Zimmer zum Trocknen aufgehängte Wäsche den Mann
~ferner~ in's Wirthshaus hinaus.