Hat Einer einen Blumenstock, so stellt er den vor's Fenster oder trägt
ihn hinaus an die Tonne, denn er weiß, daß er ihm im Schatten welk und
siech wird, die grünen Blätter erblassen und nur saft- und kraftlose
Triebe aufschießen. Er weiß auch, daß die Knospen und Blüthen stets nach
dem Lichte sich hinwenden und wachsen, wenngleich man immer wieder sie
anders kehrte. Das gleiche Bedürfniß der lieben Gottessonne hat nun auch
der Mensch und besonders als Kind. Nicht vergebens zieht es einen an
schönen Frühlingstagen an allen Haaren hinaus, die liebe Sonne sich auf
den Rücken scheinen zu lassen und die sonnendurchwärmte frische reine
Luft in vollen Zügen einzuathmen. Daß dieß nicht bloße Vergnügenssache,
sondern wirkliches Bedürfniß ist, zeigen uns die armen Menschen, die ihres
Lebens größten Theil hinter geschlossnen trüben Fenstern, zwischen engen
Mauern in sonnenlosen kalten Hinterhäusern und Erdgeschossen, ja gar unter
der Erde in Kellern zubringen müssen. Sie sehen da gerade so aus wie
jene armen serbelnden Pflänzchen, die mit aller Gewalt ans Licht möchten
und können doch nicht. Da schwinden die rothen Backen, der frische gute
Muth, der lebendige Blick. Dafür wird die Haut bleich und schlaff, Kinder
sehen alt und ernst aus, es entwickeln sich bei ihnen leicht Augenübel,
Drüsenkrankheiten, bei Aeltern Wassersucht, besonders wenn, wie gewöhnlich
der Fall, noch Mangel an frischer Luft und Unreinlichkeit dazu kommen. Es
müßte auch, schon ganz äußerlich betrachtet, ein Gemüth sehr verfinstert
sein, auf das nicht der erste helle Frühlingsstrahl einen heitern Eindruck
übte. Freilich ist's fatal, wenn dieser dabei auf einen schmierigen
Fußboden, auf unsaubre Wäsche und Gesichter oder auf unordentliches
Geräthe fällt, denn gar unerbittlich hebt er nur viel schärfer all die
Gebrechen hervor. Um aber da der heilsamen Kraft nicht verlustig zu gehn,
sondern ihr herzhaft Thür und Fenster öffnen zu können, wird es am besten
sein, man richte sich so ein, daß man das Sonnenlicht nicht zu scheuen hat
und dieß geschieht durch Reinlichkeit.