Die Luft zählt zwar für nichts. »Niemand kann von der Luft leben!« -- hört
man als gewöhnliche Redensart. Das ist aber grundfalsch; da verstanden's
die Alten besser, welche Luft die Nahrung, das Futter des Lebens nannten.
Und mit Recht, denn sie ist für unsern Leib gerade ein so nothwendiges
und unentbehrliches Nahrungsmittel als Speise und Trank.
Athmen ist nicht nur, daß man Luft einzieht und sie nachher wieder
ausbläst: die ausgeathmete Luft ist eine ganz andre als die eingezogene,
und was inzwischen mit ihr in der Brust vorgegangen, das ist eben das
Wichtige und der Zweck des Athmens. Das Blut hat da in der Lunge schnell
das, was ihm zur Erhaltung des Lebens nothwendig ist,[A] aus der beim
~Ein~athmen zugeströmten frischen Luft an sich gezogen und dagegen sein
Unnützes und Verbrauchtes abgegeben, das dann beim ~Aus~athmen mit dem
Uebrigen als umgewandelte und nunmehr unbrauchbare Luft wieder aus der
Brust ausgestoßen wird und sich mit der Luftmasse außer dem Menschen,
sei's in einem Zimmer oder im Freien, vermischt. Dieß wiederholt sich
bei jedem Athemzuge. Daß die abgeschlossene Zimmerluft dadurch allmälig
verschlechtert wird, ist leicht zu ermessen. Daraus läßt sich denn auch
entnehmen, wie die Luft keineswegs so gleichgültig ist, sondern sie
einerseits um so nachtheiliger sein wird, jemehr jene Bestandtheile,
welche als unbrauchbar vom Blute durch das Ausathmen[B] und durch die
Hautausdünstung[C] an sie abgegeben werden, in ihr sich anhäufen.
Anderseits aber muß sie um so vortheilhafter sein, je ungeschmälerter sie
den Bestandtheil enthält, welcher zur Neubelebung des Blutes taugt.
Es ist nun vom lieben Gott einmal so weise eingerichtet, daß es nicht
erst besonderer Vorkehrungen bedarf, diese uns zuträgliche Luft mit Mühe
und Kosten herzustellen. Im Gegentheil ist ~diese~ gerade die beste, die
unter dem freien Himmel liegt und in welche das Gras des Feldes und die
Bäume des Waldes ungehindert hineinwachsen. Es ist somit genug gethan,
wenn man solcher frei und überall vorkommenden Luft möglichst leichten
Zutritt verschafft. Nun ist's weiter eine einfache Rechnung: wo in einer
Stube ~viele~ Leute sind, da wird das uns Zuträgliche aus der Luft durch's
Einathmen gewiß schneller weggenommen und umgekehrt, durch's Ausathmen
mehr Verbrauchtes drin angesammelt werden, als wo nur ~eine~ Person sich
aufhält. Die Luft des Zimmers wird also immer schlechter werden und um so
schlechter, je kleiner seine Luftmenge, d. h. sein Raum ist.
Es braucht gar keiner feinen Nase, um die schlechte Luft zu erkennen. Wer
z. B. Morgens aus dem Freien in ein Schlafzimmer tritt, namentlich in
eins, darin mehrere Leute die Nacht zugebracht, den wird es auf der Brust
schnüren. Wo längere Zeit in einem geschlossenen Raume viele Menschen
beisammen gehalten werden, steigert sich die Athembeschwerde bis zu
Taumel, Uebelkeit und Ohnmacht. Darum ist ja auch auf überfüllten Schiffen
die Sterblichkeit so groß. In Calcutta wurden in der sog. schwarzen Höhle
146 Menschen zusammengesperrt; innert 10 Stunden gingen davon 123 zu
Grunde und zwar bloß, indem die Luft durch's Athmen der Eingeschlossenen
und keineswegs etwa durch andere schädliche Dünste und Gase verdorben
wurde. Kommt nun hiezu noch Oelqualm, Ofenrauch, die Ausdünstung von
feuchten Wänden, trocknender Wäsche, von Abgang und Speisen, von Abtritten
und Baugruben, Kellern und Cysternen, so ist klar, daß die Luft noch
viel untauglicher zum Athmen werden muß. Diese Extraverschlechterung
gehört indeß größtentheils ins Capitel der Reinlichkeit, von welcher
sich's wohl lohnt, noch besonders ein Wörtlein zu reden. Hier nur soviel:
Man kann lange frische Luft in eine Stube, eine Kammer, einen Vorraum
hereinlassen, es wird nicht viel damit gewonnen sein, wenn angehäufter
Unrath, verwesender Abgang, ein stinkender Wasserstein u. drgl. durch ihre
Ausdünstung die Luft fortwährend verderben. Nicht fleißig und schnell
genug können darum alle Stoffe, welche die Atmosphäre verunreinigen, aus
bewohnten Räumen entfernt werden.
Etwas Andres ist es mit der ganz unvermeidlichen Verschlechterung der
Zimmerluft durch's bloße Ausathmen und Ausdünsten der Bewohner, wobei es
sich um den gehörigen Zutritt guter und frischer Luft handelt, als Ersatz
und Verbesserungsmittel der verbrauchten.
Dieß Herbeiziehen frischer Luft beschäftigt auch, um seiner Wichtigkeit
willen, besonders in neuerer Zeit wieder, die Sachverständigen in hohem
Grade. Zunächst in Beziehung auf Krankenhäuser, Gefängnisse, Kasernen,
kurz Räume, in denen viele Menschen angesammelt sind und folglich durch
das vermehrte Athmen und Ausdünsten die Luft in größerm Maße verdorben
wird. Die Wichtigkeit indeß ist für die Wohnung der einzelnen Familie
ganz dieselbe, namentlich wo diese zahlreich und der bewohnte Raum ein
beschränkter ist.
Zum Glücke für keine geringe Zahl Menschen erneut und verbessert sich die
Luft in den Wohnungen schon großentheils von selber, indem letztere nichts
weniger als für die äußere Luft unzugänglich sind. Diese dringt nicht nur
durch Thür- und Fensterspalten herein, sondern sogar buchstäblich durch
den Mörtel und die Backsteine der Mauerwände,[D] weßhalb es denn z. B.
bei empfindlichen Kranken, keineswegs nur Einbildung ist, wenn solche
über Luftzug aus dem Mauerwerke klagen. Geht draußen der Wind, so wird
dieser natürliche und unterbrochne, wenn auch verlangsamte, Luftwechsel
in den Wohnungen noch vermehrt, wie es ja bekannt genug ist, daß man im
Winter bei Wind weit mehr heizen muß, als wenn es ohne Wind bloß kalt
ist. Ein anderes wirksames Beförderungsmittel für die Verbesserung der
inwendigen schlechten Luft durch die zuströmende äußere gute ist auch
die verschiedene Wärme im Zimmer und im Freien. Es verlüftet eine Stube
des Winters gerade so erfolgreich, wenn man das Fenster nur eine halbe
Stunde öffnet, als wenn es des Sommers einen halben Tag lang aufgesperrt
wird. Freilich aus dem gleichen Grunde ist dann bei Armen, welche das Holz
sparen müssen, und besonders wo Viele beisammen wohnen, die Zimmerluft
im Winter um so nachtheiliger: Wenn es drinnen wie draußen fast gleich
kalt ist, so wird sich die schlechte Luft in der Stube mehr ansammeln,
ohne genügend durch zuströmende gute verbessert zu werden. Deßhalb ist
überhaupt auch kalte Stubenluft für die Gesundheit weit schädlicher als
kalte Luft im Freien.
Wie bedeutend indeß der natürliche Luftwechsel (Luftverbesserung) im
Innern der Wohnungen ist, er hat seine Grenze von wo ab er nicht mehr
ausreicht. Diese wird sein, wo der durch Ausathmung und Ausdünstung der
Menschen[E] sich verschlechternden Luft von der natürlich zuströmenden
guten nicht mehr die Waage gehalten wird;[F] also wohl überall, wo
Wohnungen stark bevölkert sind. Für diese Fälle ist man bemüht, künstlich
durch allerhand Vorkehrungen genügend gute Luft herbeizuschaffen.
Man hat dieß durch die verschiedensten Einrichtungen mittels Pumpen,
besonderer Kanäle und Leitungen, mit hohen Kaminen in Verbindung, zu
erzielen gesucht. Diese sog. Ventilationsapparate werden namentlich in
Kasernen, Spitälern, Gefängnissen, Arbeitsälen u. s. w. angewendet; für
einzelne und bescheidenere Wohnungen sind sie indeß zu kostspielig und
zu wenig einfach. In diesen letztern, um die es sich hier doch besonders
handelt, wird man sich mit zugänglichern und wohlfeilern, wenn auch
weniger gründlichen Hülfsmitteln noch eine Weile behelfen müssen. Man
wird sich darauf beschränken im Winter, selbst ein bischen auf Kosten
der Scheiterbeige, die Fenster gehörig zu öffnen und durch diese noch
mehr bessre Luft hereinzulassen, als von selber schon durch Spalten und
Mauerwerk hereinkommt. Solches tägliche Lüften ist in den Wohnzimmern
immer erforderlich; vor allem aber in Schlafkammern, die ohnedieß
schon meist etwas stiefmütterlich behandelt aussehen, hinsichtlich der
Räumlichkeit und der Reinlichkeit. Leintücher, und das Bettwerk überhaupt,
welches von der Ausdünstung während des Schlafens am meisten durchdrungen
wird, sollte man fleißig an die freie Luft hinaus, womöglich an die Sonne,
hängen und dort recht auslüften lassen. Ferner sind aus solchen Räumen
alle großen Möbeln, welche die so schon ungenügende Luftmenge noch mehr
beschränken, zu entfernen, namentlich die Kisten und Tröge und Koffer, die
man häufig als Behälter unreiner Wäsche, unter den Betten antrifft.
Wo diese Aushülfe nicht genügt, weil die Zimmerluft durch die vielen
Leute, vielleicht Kost- und Schlafgänger, doch immer zu schnell wieder
verdorben wird und man ja nicht fortwährend die Fenster kann offen stehen
lassen, da muß noch sonst wie Rath geschafft werden und zwar dadurch,
daß man einen Theil der Kost- oder Schlafgänger einfach abdankt und auf
diese Weise der Luftverderbniß entgegenwirkt, indem eine Verminderung der
Bewohner einer Lüftung gleich kommt.
Ist indeß die eigene Familie sehr zahlreich, so läßt sich freilich dem
Nachtheile der Ueberfüllung eines beschränkten Raumes nicht auf die
gleiche Weise begegnen, wohl aber, wenn man eine geräumigere Wohnung
bezieht. Denn ein Raum, in dem vier Personen ganz gesund wohnen, kann für
acht oder noch mehr Menschen zu einem wahren Krankheitsheerde werden. Es
ist darum auch in Dänemark durch Gesetz vorgeschrieben, wie viel Wohnraum
ein lediger und wie viel ein verheiratheter Arbeiter zum Mindesten haben
muß. Da es sich um das Beste für den Menschen und sonderlich für den
Arbeiter handelt, um seine Gesundheit, so sollte man auch ohne Gesetz zu
solchen Veränderungen sich nicht zu lange besinnen.
Man begegnet vielfach der Meinung, daß durch den Luftzug in Oefen und
Kaminen, die man in den Zimmern heizt, eine namhafte Reinigung der Luft
bewirkt werde. Diese Luftverbesserung aber wird meist viel zu hoch
angeschlagen. Genaue Untersuchungen weisen nach, daß sie kaum für mehr
ausreicht, als die Luft, die ein einzelner Mensch durch sein Ausathmen
verdirbt, wieder herzustellen. Wo daher mehrere oder gar viele Leute
beisammen sind, kann der Ofen- und Kaminzug nicht mehr in Betracht
kommen. Rechnet man zu diesem geringen Vortheil noch die Nachtheile,
welche durch Rauch im Zimmer oder zu frühes Schließen der Ofenklappe
leicht entstehen, so wird man dieser Zimmerheizung kaum sehr das Wort
reden wollen.
Was die meisten Menschen gegen das Einathmen schlechter Luft so
gleichgültig macht, ist wohl vorzüglich der Umstand, daß die nachtheiligen
Folgen nur in seltenen Fällen auf der Stelle, und damit recht augenfällig,
zu Tage treten. Das Einathmen untauglicher Luft auf kürzere Zeit schadet
unserm Körper auch weit weniger, als wenn es auf die Dauer geschieht. Die
Wohnungen auf dem Lande sind oft sehr vernachlässigt, indem dort mehr auf
die Pflege des lieben Viehes gesehen wird, als auf die der Menschen. Es
wird nie gelüftet, dagegen die Stube im Sommer fortgeheizt. Die Fenster
sind klein, die Zimmerdecke niedrig, man schläft unter bleischweren
Federbetten und Vierfüßer mehr als einer Art theilen neben den Hühnern
mit dem Menschen ein und denselben Wohnraum. Dazu ist das Essen oft
mangelhaft und nichts im Flor als die Unreinlichkeit. Man trifft deßhalb
in Dörfern allerdings auch häufig blasse kränkliche Kinder an. Diese wären
indeß noch weit zahlreicher, wenn nicht anderseits, sobald die Leute den
Fuß vor's Haus setzen, ihnen die frische Luft aufgezwängt würde, wenn
nicht zwischenein Sonne und Regen ungefragt die Naturen stärkten und
wieder gut machten, was die Menschen verdorben. Der Landbewohner sitzt
nur einen kleinen Theil des Jahres in seiner Stube, je mehr aber die
Landbeschäftigung zurücktritt und die Industrie (Weberei etc.) hervor, um
so bedeutungsvoller allerdings wird auch für ihn die Frage einer guten und
gesunden Wohnung werden.
Durch schlechte Luft wird also nicht auf der Stelle eine Krankheit
erzeugt, wohl aber die Gesundheit allmälig, fast unmerklich, geschwächt:
der Körper vermag nicht mehr schädlichen Einflüssen kräftigen Widerstand
entgegenzusetzen; was immer für eine Art Krankheit gerade herrschen mag,
Schleimfieber oder Katarrh, Entzündung oder Ruhr, keinen Augenblick ist
er vor ihnen sicher. Tritt gar irgendwo die Cholera, das Nervenfieber auf,
ja dann sind es diese schlechtgelüfteten Wohnungen und ihre armen Bewohner
jedenfalls zuerst, welche dem Besuche des furchtbaren Gastes blosgestellt
sind.
Beinahe schlimmer noch als diese rasch verlaufenden Krankheiten zeigen
sich inzwischen jene kriechenden, heimtückischen, die am Marke ganzer
Generationen zehren und sie langsam zu Grunde richten. Wir meinen
solche wie die Drüsenkrankheit (Scropheln) und die Lungenschwindsucht
(Tuberkeln). Für diese ist jene allmälige Schwächung und Vergiftung des
Körpers, wie sie das Einathmen verdorbener Luft herbeiführt, gerade der
gangbarste und sicherste Weg ihre Opfer zu erreichen. Ohne Aufsehen
serbeln in solchen Wohnungen schon die Kinder hin, man weiß nicht, woher
das kommt, wann es angefangen, hat nie einen Feind bemerkt: unsichtbar
in der dumpfigen Luft schwebend hat dieser auf das zarte Leben gedrückt,
immer schwerer und schwerer, bis er's endlich erstickt. »Die Luft ist ja
Nichts! man lebt nicht von der Luft!« -- nun, so stirbt man aber doch von
ihr.