Aber warum sind denn nur auch gerade die schlechtesten und
unfreundlichsten Wohnungen immer so gesucht, als hätten viele Menschen
eine angeborne Vorliebe just für Spelunken und weder Augen, Nasen noch
Nerven überhaupt? Woher kommt das? --
Ja, diese schlechten Wohnungen, -- hören wir entgegnen, sind halt viel
wohlfeiler als jene gut eingerichteten, und darauf muß der gemeine Mann
bei so theurer Zeit vor Allem sehen. Sie liegen auch nicht so weit ab vom
Mittelpunkte des Verkehrs und des täglichen Erwerbes wie jene luftigern,
besser eingerichteten, die draußen vor den Thoren, an irgend einem Ende
der Stadt stehen!
Hierin liegt Etwas, wenigstens für den ersten Blick, wenn auch ein wenig
Bewegung in freier Luft, bevor man sich halbe Tage lang ununterbrochen
in eine Fabrikstube setzt, hinter einen Webstuhl stellt, gewiß weit mehr
anzurathen als zu vermeiden ist. Doch lassen wir die Antwort gelten und
fragen nur: warum sieht's denn bei diesen an sich schon so schlechten
Wohnungen auch ~drinnen~ so liederlich und verwahrlost aus? Warum stößt
man innert den vier Wänden noch extra auf Unreinlichkeit, Unordnung
und verkommenes Wesen? Warum wird der letzte Lichtstrahl durch die
schmuzigen Scheiben auch noch abgewehrt? die feuchte Luft noch besonders
verpestet? die morsche Diele mit einer Kruste Unraths eigens überzogen?
der beschränkte, schlecht eingetheilte Raum durch Unordnung noch mehr
verstellt?
Da kann nicht mehr von Einschränkung, von Genügsamkeit die Rede sein.
Dieß zeigt vielmehr, daß für solche Bewohner Reinlichkeit, Ordnung,
Wohnlichkeit überhaupt keinen Werth haben, daß ihnen im Gegentheil eine
derartige Umgebung zusagen muß, ihr Wesen und Treiben darin sich nicht
belästigt, nicht beengt findet, sondern beides vielmehr ganz zu einander
paßt. Wenn man mit Recht behauptet, von der Wohnung und Umgebung des
Menschen lasse sich auf diesen selbst und seine Neigungen und Gesinnungen
schließen, so sieht es eben in solchen Leuten selber nur zu oft dumpfig,
lichtscheu, unsauber, verschlossen aus. Die innere Unordnung versteckt
sich hinter die äußere wie hinter einen Schild und Scheuern, Lüften,
Ordnungschaffen thäte in derlei Köpfen und Herzen nicht minder Noth wie in
den von ihnen bewohnten Zimmern und Kammern und Vorräumen.
Dieß inwendige Verlottern kommt nicht plötzlich über Nacht. Häufig ist
schon früh bei der Erziehung gefehlt, der Sinn für Reinlichkeit und
Ordnung nicht geübt und genährt worden: der Vater war wenig zu Hause,
die Mutter hatte alle Hände voll zu thun und griff's sonst nicht zum
geschicktesten an, die Umgebung war auch nicht darnach, wo hätte da das
Kind drauf merken lernen? Später aber war man an die Vernachlässigung
gewöhnt. Bei dieser Gleichgültigkeit bleibt es nun nicht, es setzt sich
allmälig noch Andres dran und macht aus arg ärger.