dem Theater noch im Publiko. Es war ihr mit allem wenig Ernst; die
Frauen haßten sie durchgängig, und die Männer hätten sie lieber unter
vier Augen als auf dem Theater gesehen, und so war ihr schönes und für
die Bühne selbst glückliches Talent verloren. Die übrigen Glieder der
Gesellschaft gaben sich desto mehr Mühe; Madame Melina besonders tat
sich durch Fleiß und Aufmerksamkeit sehr hervor. Sie merkte, wie
sonst, Wilhelmen seine Grundsätze ab, richtete sich nach seiner
Theorie und seinem Beispiel und hatte zeither ein ich weiß nicht was
in ihrem Wesen, das sie interessanter machte. Sie erlangte bald ein
richtiges Spiel und gewann den natürlichen Ton der Unterhaltung
vollkommen und den der Empfindung bis auf einen gewissen Grad. Sie
wußte sich in Serlos Launen zu schicken und befliß sich des Singens
ihm zu Gefallen, worin sie auch bald so weit kam, als man dessen zur
geselligen Unterhaltung bedarf.
Durch einige neu angenommene Schauspieler ward die Gesellschaft noch
vollständiger, und indem Wilhelm und Serlo jeder in seiner Art wirkte,
jener bei jedem Stücke auf den Sinn und Ton des Ganzen drang, dieser
die einzelnen Teile gewissenhaft durcharbeitete, belebte ein
lobenswürdiger Eifer auch die Schauspieler, und das Publikum nahm an
ihnen einen lebhaften Anteil.
"Wir sind auf einem guten Wege", sagte Serlo einst, "und wenn wir so
fortfahren, wird das Publikum auch bald auf dem rechten sein. Man
kann die Menschen sehr leicht durch tolle und unschickliche
Darstellungen irremachen; aber man lege ihnen das Vernünftige und
Schickliche auf eine interessante Weise vor, so werden sie gewiß
darnach greifen.
Was unserm Theater hauptsächlich fehlt und warum weder Schauspieler
noch Zuschauer zur Besinnung kommen, ist, daß es darauf im ganzen zu
bunt aussieht und daß man nirgends eine Grenze hat, woran man sein
Urteil anlehnen könnte. Es scheint mir kein Vorteil zu sein, daß wir
unser Theater gleichsam zu einem unendlichen Naturschauplatze
ausgeweitet haben; doch kann jetzt weder Direktor noch Schauspieler
sich in die Enge ziehen, bis vielleicht der Geschmack der Nation in
der Folge den rechten Kreis selbst bezeichnet. Eine jede gute
Sozietät existiert nur unter gewissen Bedingungen, so auch ein gutes
Theater. Gewisse Manieren und Redensarten, gewisse Gegenstände und
Arten des Betragens müssen ausgeschlossen sein. Man wird nicht ärmer,
wenn man sein Hauswesen zusammenzieht."
Sie waren hierüber mehr oder weniger einig und uneinig. Wilhelm und
die meisten waren auf der Seite des englischen, Serlo und einige auf
der Seite des französischen Theaters.
Man ward einig, in leeren Stunden, deren ein Schauspieler leider so
viele hat, in Gesellschaft die berühmtesten Schauspiele beider Theater
durchzugehen und das Beste und Nachahmenswerte derselben zu bemerken.
Man machte auch wirklich einen Anfang mit einigen französischen
Stücken. Aurelie entfernte sich jedesmal, sobald die Vorlesung anging.
Anfangs hielt man sie für krank; einst aber fragte sie Wilhelm
darüber, dem es aufgefallen war.
"Ich werde bei keiner solchen Vorlesung gegenwärtig sein", sagte sie,
"denn wie soll ich hören und urteilen, wenn mir das Herz zerrissen
ist? Ich hasse die französische Sprache von ganzer Seele."
"Wie kann man einer Sprache feind sein", rief Wilhelm aus, "der man
den größten Teil seiner Bildung schuldig ist und der wir noch viel
schuldig werden müssen, ehe unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?"
"Es ist kein Vorurteil!" versetzte Aurelie, "ein unglücklicher
Eindruck, eine verhaßte Erinnerung an meinen treulosen Freund hat mir
die Lust an dieser schönen und ausgebildeten Sprache geraubt. Wie ich
sie jetzt von ganzem Herzen hasse! Während der Zeit unserer
freundschaftlichen Verbindung schrieb er Deutsch, und welch ein
herzliches, wahres, kräftiges Deutsch! Nun, da er mich los sein
wollte, fing er an, Französisch zu schreiben, das vorher manchmal nur
im Scherze geschehen war. Ich fühlte, ich merkte, was es bedeuten
sollte. Was er in seiner Muttersprache zu sagen errötete, konnte er
nun mit gutem Gewissen hinschreiben. Zu Reservationen, Halbheiten und
Lügen ist es eine treffliche Sprache; sie ist eine perfide Sprache!
Ich finde, Gott sei Dank! kein deutsches Wort, um "perfid" in seinem
ganzen Umfange auszudrücken. Unser armseliges treulos ist ein
unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genuß, mit übermut
und Schadenfreude. Oh, die Ausbildung einer Nation ist zu beneiden,
die so feine Schattierungen in einem Worte auszudrücken weiß!
Französisch ist recht die Sprache der Welt, wert, die allgemeine
Sprache zu sein, damit sie sich nur alle untereinander recht betrügen
und belügen können! Seine französischen Briefe ließen sich noch immer
gut genug lesen. Wenn man sich's einbilden wollte, klangen sie warm
und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen waren es Phrasen,
vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle Freude an der ganzen Sprache,
an der französischen Literatur, selbst an dem schönen und köstlichen
Ausdruck edler Seelen in dieser Mundart verdorben; mich schaudert,
wenn ich ein französisches Wort höre!"
Auf diese Weise konnte sie stundenlang fortfahren, ihren Unmut zu
zeigen und jede andere Unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen.
Serlo machte früher oder später ihren launischen äußerungen mit
einiger Bitterkeit ein Ende; aber gewöhnlich war für diesen Abend das
Gespräch zerstört.
überhaupt ist es leider der Fall, daß alles, was durch mehrere
zusammentreffende Menschen und Umstände hervorgebracht werden soll,
keine lange Zeit sich vollkommen erhalten kann. Von einer
Theatergesellschaft so gut wie von einem Reiche, von einem Zirkel
Freunde so gut wie von einer Armee läßt sich gewöhnlich der Moment
angeben, wenn sie auf der höchsten Stufe ihrer Vollkommenheit, ihrer
übereinstimmung, ihrer Zufriedenheit und Tätigkeit standen; oft aber
verändert sich schnell das Personal, neue Glieder treten hinzu, die
Personen passen nicht mehr zu den Umständen, die Umstände nicht mehr
zu den Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden war,
fällt nunmehr bald auseinander. So konnte man sagen, daß Serlos
Gesellschaft eine Zeitlang so vollkommen war, als irgend eine deutsche
sich hätte rühmen können. Die meisten Schauspieler standen an ihrem
Platze; alle hatten genug zu tun, und alle taten gern, was zu tun war.
Ihre persönlichen Verhältnisse waren leidlich, und jedes schien in
seiner Kunst viel zu versprechen, weil jedes die ersten Schritte mit
Feuer und Munterkeit tat. Bald aber entdeckte sich, daß ein Teil doch
nur Automaten waren, die nur das erreichen konnten, wohin man ohne
Gefühl gelangen kann, und bald mischten sich die Leidenschaften
dazwischen, die gewöhnlich jeder guten Einrichtung im Wege stehen und
alles so leicht auseinanderzerren, was vernünftige und wohldenkende
Menschen zusammenzuhalten wünschen.
Philinens Abgang war nicht so unbedeutend, als man anfangs glaubte.
Sie hatte mit großer Geschicklichkeit Serlo zu unterhalten und die
übrigen mehr oder weniger zu reizen gewußt. Sie ertrug Aureliens
Heftigkeit mit großer Geduld, und ihr eigenstes Geschäft war,
Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine Art von Bindungsmittel fürs
Ganze, und ihr Verlust mußte bald fühlbar werden.
Serlo konnte ohne eine kleine Liebschaft nicht leben. Elmire, die in
weniger Zeit herangewachsen und, man könnte beinahe sagen, schön
geworden war, hatte schon lange seine Aufmerksamkeit erregt, und
Philine war klug genug, diese Leidenschaft, die sie merkte, zu
begünstigen. "Man muß sich", pflegte sie zu sagen, "beizeiten aufs
Kuppeln legen; es bleibt uns doch weiter nichts übrig, wenn wir alt
werden." Dadurch hatten sich Serlo und Elmire dergestalt genähert,
daß sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und der kleine
Roman interessierte sie beide um so mehr, als sie ihn vor dem Alten,
der über eine solche Unregelmäßigkeit keinen Scherz verstanden hätte,
geheimzuhalten alle Ursache hatten. Elmirens Schwester war mit im
Verständnis, und Serlo mußte beiden Mädchen daher vieles nachsehen.
Eine ihrer größten Untugenden war eine unmäßige Näscherei, ja, wenn
man will, eine unleidliche Gefräßigkeit, worin sie Philinen
keinesweges glichen, die dadurch einen neuen Schein von
Liebenswürdigkeit erhielt, daß sie gleichsam nur von der Luft lebte,
sehr wenig aß und nur den Schaum eines Champagnerglases mit der
größten Zierlichkeit wegschlürfte.
Nun aber mußte Serlo, wenn er seiner Schönen gefallen wollte, das
Frühstück mit dem Mittagessen verbinden und an dieses durch ein
Vesperbrot das Abendessen anknüpfen. Dabei hatte Serlo einen Plan,
dessen Ausführung ihn beunruhigte. Er glaubte eine gewisse Neigung
zwischen Wilhelmen und Aurelien zu entdecken und wünschte sehr, daß
sie ernstlich werden möchte. Er hoffte den ganzen mechanischen Teil
der Theaterwirtschaft Wilhelmen aufzubürden und an ihm, wie an seinem
ersten Schwager, ein treues und fleißiges Werkzeug zu finden. Schon
hatte er ihm nach und nach den größten Teil der Besorgung unmerklich
übertragen, Aurelie führte die Kasse, und Serlo lebte wieder wie in
früheren Zeiten ganz nach seinem Sinne. Doch war etwas, was sowohl
ihn als seine Schwester heimlich kränkte.
Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von
anerkanntem Verdienste zu verfahren; es fängt nach und nach an,
gleichgültig gegen sie zu werden, und begünstigt viel geringere, aber
neu erscheinende Talente; es macht an jene übertriebene Forderungen
und läßt sich von diesen alles gefallen.
Serlo und Aurelie hatten Gelegenheit genug, hierüber Betrachtungen
anzustellen. Die neuen Ankömmlinge, besonders die jungen und
wohlgebildeten, hatten alle Aufmerksamkeit, allen Beifall auf sich
gezogen, und beide Geschwister mußten die meiste Zeit, nach ihren
eifrigsten Bemühungen, ohne den willkommenen Klang der
zusammenschlagenden Hände abtreten. Freilich kamen dazu noch
besondere Ursachen. Aureliens Stolz war auffallend, und von ihrer
Verachtung des Publikums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte
zwar jedermann im einzelnen, aber seine spitzen Reden über das Ganze
waren doch auch öfters herumgetragen und wiederholt worden. Die neuen
Glieder hingegen waren teils fremd und unbekannt, teils jung,
liebenswürdig und hülfsbedürftig und hatten also auch sämtlich Gönner
gefunden.
Nun gab es auch bald innerliche Unruhen und manches Mißvergnügen; denn
kaum bemerkte man, daß Wilhelm die Beschäftigung eines Regisseurs
übernommen hatte, so fingen die meisten Schauspieler um desto mehr an,
unartig zu werden, als er nach seiner Weise etwas mehr Ordnung und
Genauigkeit in das Ganze zu bringen wünschte und besonders darauf
bestand, daß alles Mechanische vor allen Dingen pünktlich und
ordentlich gehen solle.
In kurzer Zeit war das ganze Verhältnis, das wirklich eine Zeitlang
beinahe idealisch gehalten hatte, so gemein, als man es nur irgend bei
einem herumreisenden Theater finden mag. Und leider in dem
Augenblicke, als Wilhelm durch Mühe, Fleiß und Anstrengung sich mit
allen Erfordernissen des Metiers bekannt gemacht und seine Person
sowohl als seine Geschäftigkeit vollkommen dazu gebildet hatte, schien
es ihm endlich in trüben Stunden, daß dieses Handwerk weniger als
irgendein anders den nötigen Aufwand von Zeit und Kräften verdiene.
Das Geschäft war lästig und die Belohnung gering. Er hätte jedes
andere lieber übernommen, bei dem man doch, wenn es vorbei ist, der
Ruhe des Geistes genießen kann, als dieses, wo man nach überstandenen
mechanischen Mühseligkeiten noch durch die höchste Anstrengung des
Geistes und der Empfindung erst das Ziel seiner Tätigkeit erreichen
soll. Er mußte die Klagen Aureliens über die Verschwendung des
Bruders hören, er mußte die Winke Serlos mißverstehen, wenn dieser ihn
zu einer Heirat mit der Schwester von ferne zu leiten suchte. Er
hatte dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das tiefste
drückte, indem der nach dem zweideutigen Offizier fortgeschickte Bote
nicht zurückkam, auch nichts von sich hören ließ und unser Freund
daher seine Mariane zum zweitenmal verloren zu haben fürchten mußte.
Zu eben der Zeit fiel eine allgemeine Trauer ein, wodurch man genötigt
ward, das Theater auf einige Wochen zu schließen. Er ergriff diese
Zwischenzeit, um jenen Geistlichen zu besuchen, bei welchem der
Harfenspieler in der Kost war. Er fand ihn in einer angenehmen Gegend,
und das erste, was er in dem Pfarrhofe erblickte, war der Alte, der
einem Knaben auf seinem Instrumente Lektion gab. Er bezeugte viel
Freude, Wilhelmen wiederzusehen, stand auf und reichte ihm die Hand
und sagte: "Sie sehen, daß ich in der Welt doch noch zu etwas nütze
bin; Sie erlauben, daß ich fortfahre, denn die Stunden sind eingeteilt."
Der Geistliche begrüßte Wilhelmen auf das freundlichste und erzählte
ihm, daß der Alte sich schon recht gut anlasse und daß man Hoffnung zu
seiner völligen Genesung habe.
Ihr Gespräch fiel natürlich auf die Methode, Wahnsinnige zu kurieren.
"Außer dem Physischen", sagte der Geistliche, "das uns oft
unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt und worüber ich einen
denkenden Arzt zu Rate ziehe, finde ich die Mittel, vom Wahnsinne zu
heilen, sehr einfach. Es sind ebendieselben, wodurch man gesunde
Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man errege ihre
Selbsttätigkeit, man gewöhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen
Begriff, daß sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben,
daß das außerordentliche Talent, das größte Glück und das höchste
Unglück nur kleine Abweichungen von dem Gewöhnlichen sind; so wird
sich kein Wahnsinn einschleichen und, wenn er da ist, nach und nach
wieder verschwinden. Ich habe des alten Mannes Stunden eingeteilt, er
unterrichtet einige Kinder auf der Harfe, er hilft im Garten arbeiten
und ist schon viel heiterer. Er wünscht von dem Kohle zu genießen,
den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er die Harfe auf den
Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der
Knabe ja auch brauchen könne. Als Geistlicher suche ich ihm über
seine wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein tätiges Leben
führt so viele Ereignisse herbei, daß er bald fühlen muß, daß jede Art
von Zweifel nur durch Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe
sachte zu Werke; wenn ich ihm aber noch seinen Bart und seine Kutte
wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen: denn es bringt uns nichts
näher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern auszeichnen, und
nichts erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen Sinne
mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer
Erziehung und in unsern bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns
und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten."
Wilhelm verweilte bei diesem vernünftigen Manne einige Tage und erfuhr
die interessantesten Geschichten, nicht allein von verrückten Menschen,
sondern auch von solchen, die man für klug, ja für weise zu halten
pflegt und deren Eigentümlichkeiten nahe an den Wahnsinn grenzen.
Dreifach belebt aber ward die Unterhaltung, als der Medikus eintrat,
der den Geistlichen, seinen Freund, öfters zu besuchen und ihm bei
seinen menschenfreundlichen Bemühungen beizustehen pflegte. Es war
ein ältlicher Mann, der bei einer schwächlichen Gesundheit viele Jahre
in Ausübung der edelsten Pflichten zugebracht hatte. Er war ein
großer Freund vom Landleben und konnte fast nicht anders als in freier
Luft sein; dabei war er äußerst gesellig und tätig und hatte seit
vielen Jahren eine besondere Neigung, mit allen Landgeistlichen
Freundschaft zu stiften. Jedem, an dem er eine nützliche
Beschäftigung kannte, suchte er auf alle Weise beizustehen; andern,
die noch unbestimmt waren, suchte er eine Liebhaberei einzureden; und
da er zugleich mit den Edelleuten, Amtmännern und Gerichtshaltern in
Verbindung stand, so hatte er in Zeit von zwanzig Jahren sehr viel im
stillen zur Kultur mancher Zweige der Landwirtschaft beigetragen und
alles, was dem Felde, Tieren und Menschen ersprießlich ist, in
Bewegung gebracht und so die wahrste Aufklärung befördert. Für den
Menschen, sagte er, sei nur das eine ein Unglück, wenn sich irgendeine
Idee bei ihm festsetze, die keinen Einfluß ins tätige Leben habe oder
ihn wohl gar vom tätigen Leben abziehe. "Ich habe", sagte er,
"gegenwärtig einen solchen Fall an einem vornehmen und reichen Ehepaar,
wo mir bis jetzt noch alle Kunst mißglückt ist; fast gehört der Fall
in Ihr Fach, lieber Pastor, und dieser junge Mann wird ihn nicht
weitererzählen.
In der Abwesenheit eines vornehmen Mannes verkleidete man, mit einem
nicht ganz lobenswürdigen Scherze, einen jungen Menschen in die
Hauskleidung dieses Herrn. Seine Gemahlin sollte dadurch angeführt
werden, und ob man mir es gleich nur als eine Posse erzählt hat, so
fürchte ich doch sehr, man hatte die Absicht, die edle, liebenswürdige
Dame vom rechten Wege abzuleiten. Der Gemahl kommt unvermutet zurück,
tritt in sein Zimmer, glaubt sich selbst zu sehen und fällt von der
Zeit an in eine Melancholie, in der er die überzeugung nährt, daß er
bald sterben werde.
Er überläßt sich Personen, die ihm mit religiösen Ideen schmeicheln,
und ich sehe nicht, wie er abzuhalten ist, mit seiner Gemahlin unter
die Herrenhuter zu gehen und den größten Teil seines Vermögens, da er
keine Kinder hat, seinen Verwandten zu entziehen."
"Mit seiner Gemahlin?" rief Wilhelm, den diese Erzählung nicht wenig
erschreckt hatte, ungestüm aus.
"Und leider", versetzte der Arzt, der in Wilhelms Ausrufung nur eine
menschenfreundliche Teilnahme zu hören glaubte, "ist diese Dame mit
einem noch tiefern Kummer behaftet, der ihr eine Entfernung von der
Welt nicht widerlich macht. Eben dieser junge Mensch nimmt Abschied
von ihr, sie ist nicht vorsichtig genug, eine aufkeimende Neigung zu
verbergen; er wird kühn, schließt sie in seine Arme und drückt ihr das
große, mit Brillanten besetzte Porträt ihres Gemahls gewaltsam wider
die Brust. Sie empfindet einen heftigen Schmerz, der nach und nach
vergeht, erst eine kleine Röte und dann keine Spur zurückläßt. Ich
bin als Mensch überzeugt, daß sie sich nichts weiter vorzuwerfen hat;
ich bin als Arzt gewiß, daß dieser Druck keine üblen Folgen haben
werde, aber sie läßt sich nicht ausreden, es sei eine Verhärtung da,
und wenn man ihr durch das Gefühl den Wahn benehmen will, so behauptet
sie, nur in diesem Augenblick sei nichts zu fühlen; sie hat sich fest
eingebildet, es werde dieses übel mit einem Krebsschaden sich endigen,
und so ist ihre Jugend, ihre Liebenswürdigkeit für sie und andere
völlig verloren."
"Ich Unglückseliger!" rief Wilhelm, indem er sich vor die Stirne
schlug und aus der Gesellschaft ins Feld lief. Er hatte sich noch nie
in einem solchen Zustande befunden.
V. Buch, 16. Kapitel--2
Der Arzt und der Geistliche, über diese seltsame Entdeckung höchlich
erstaunt, hatten abends genug mit ihm zu tun, als er zurückkam und bei
dem umständlichem Bekenntnis dieser Begebenheit sich aufs lebhafteste
anklagte. Beide Männer nahmen den größten Anteil an ihm, besonders da
er ihnen seine übrige Lage nun auch mit schwarzen Farben der
augenblicklichen Stimmung malte.
Den andern Tag ließ sich der Arzt nicht lange bitten, mit ihm nach der
Stadt zu gehen, um ihm Gesellschaft zu leisten, um Aurelien, die ihr
Freund in bedenklichen Umständen zurückgelassen hatte, wo möglich
Hülfe zu verschaffen.
Sie fanden sie auch wirklich schlimmer, als sie vermuteten. Sie hatte
eine Art von überspringendem Fieber, dem um so weniger beizukommen war,
als sie die Anfälle nach ihrer Art vorsätzlich unterhielt und
verstärkte. Der Fremde ward nicht als Arzt eingeführt und betrug sich
sehr gefällig und klug. Man sprach über den Zustand ihres Körpers und
ihres Geistes, und der neue Freund erzählte manche Geschichten, wie
Personen ungeachtet einer solchen Kränklichkeit ein hohes Alter
erreichen könnten; nichts aber sei schädlicher in solchen Fällen als
eine vorsätzliche Erneuerung leidenschaftlicher Empfindungen.
Besonders verbarg er nicht, daß er diejenigen Personen sehr glücklich
gefunden habe, die bei einer nicht ganz herzustellenden kränklichen
Anlage wahrhaft religiöse Gesinnungen bei sich zu nähren bestimmt
gewesen wären. Er sagte das auf eine sehr bescheidene Weise und
gleichsam historisch und versprach dabei, seinen neuen Freunden eine
sehr interessante Lektüre an einem Manuskript zu verschaffen, das er
aus den Händen einer nunmehr abgeschiedenen vortrefflichen Freundin
erhalten habe. "Es ist mir unendlich wert", sagte er, "und ich
vertraue Ihnen das Original selbst an. Nur der Titel ist von meiner
Hand: "Bekenntnisse einer schönen Seele"."
über diätetische und medizinische Behandlung der unglücklichen,
aufgespannten Aurelie vertraute der Arzt Wilhelmen noch seinen besten
Rat, versprach zu schreiben und womöglich selbst wiederzukommen.
Inzwischen hatte sich in Wilhelms Abwesenheit eine Veränderung
vorbereitet, die er nicht vermuten konnte. Wilhelm hatte während der
Zeit seiner Regie das ganze Geschäft mit einer gewissen Freiheit und
Liberalität behandelt, vorzüglich auf die Sache gesehen und besonders
bei Kleidungen, Dekorationen und Requisiten alles reichlich und
anständig angeschafft, auch, um den guten Willen der Leute zu erhalten,
ihrem Eigennutze geschmeichelt, da er ihnen durch edlere Motive nicht
beikommen konnte; und er fand sich hierzu um so mehr berechtigt, als
Serlo selbst keine Ansprüche machte, ein genauer Wirt zu sein, den
Glanz seines Theaters gerne loben hörte und zufrieden war, wenn
Aurelie, welche die ganze Haushaltung führte, nach Abzug aller Kosten
versicherte, daß sie keine Schulden habe, und noch soviel hergab, als
nötig war, die Schulden abzutragen, die Serlo unterdessen durch
außerordentliche Freigebigkeit gegen seine Schönen und sonst etwa auf
sich geladen haben mochte.
Melina, der indessen die Garderobe besorgte, hatte, kalt und
heimtückisch wie er war, der Sache im stillen zugesehen und wußte bei
der Entfernung Wilhelms und bei der zunehmenden Krankheit Aureliens
Serlo fühlbar zu machen, daß man eigentlich mehr einnehmen, weniger
ausgeben und entweder etwas zurücklegen oder doch am Ende nach Willkür
noch lustiger leben könne. Serlo hörte das gern, und Melina wagte
sich mit seinem Plane hervor.
"Ich will", sagte er, "nicht behaupten, daß einer von den
Schauspielern gegenwärtig zuviel Gage hat: es sind verdienstvolle
Leute, und sie würden an jedem Orte willkommen sein; allein für die
Einnahme, die sie uns verschaffen, erhalten sie doch zuviel. Mein
Vorschlag wäre, eine Oper einzurichten, und was das Schauspiel
betrifft, so muß ich Ihnen sagen, Sie sind der Mann, allein ein ganzes
Schauspiel auszumachen. Müssen Sie jetzt nicht selbst erfahren, daß
man Ihre Verdienste verkennt? Nicht, weil Ihre Mitspieler
vortrefflich, sondern weil sie gut sind, läßt man Ihrem
außerordentlichen Talente keine Gerechtigkeit mehr widerfahren.
Stellen Sie sich, wie wohl sonst geschehen ist, nur allein hin, suchen
Sie mittelmäßige, ja ich darf sagen: schlechte Leute für geringe Gage
an sich zu ziehen, stutzen Sie das Volk, wie Sie es so sehr verstehen,
im Mechanischen zu, wenden Sie das übrige an die Oper, und Sie werden
sehen, daß Sie mit derselben Mühe und mit denselben Kosten mehr
Zufriedenheit erregen und ungleich mehr Geld als bisher gewinnen
werden."
Serlo war zu sehr geschmeichelt, als daß seine Einwendungen einige
Stärke hätten haben sollen. Er gestand Melinan gern zu, daß er bei
seiner Liebhaberei zur Musik längst so etwas gewünscht habe; doch sehe
er freilich ein, daß die Neigung des Publikums dadurch noch mehr auf
Abwege geleitet und daß bei so einer Vermischung eines Theaters, das
nicht recht Oper, nicht recht Schauspiel sei, notwendig der überrest
von Geschmack an einem bestimmten und ausführlichen Kunstwerke sich
völlig verlieren müsse.