Eigentlich aber konnte man bei dieser Gelegenheit die Bemerkung recht

wahr finden, daß man keinen Zustand, der länger dauern, ja der

eigentlich ein Beruf, eine Lebensweise werden soll, mit einer

Feierlichkeit anfangen dürfe. Man feire nur, was glücklich vollendet

ist; alle Zeremonien zum Anfange erschöpfen Lust und Kräfte, die das

Streben hervorbringen und uns bei einer fortgesetzten Mühe beistehen

sollen. Unter allen Festen ist das Hochzeitfest das unschicklichste;

keines sollte mehr in Stille, Demut und Hoffnung begangen werden als

dieses.

So schlich der Tag nun weiter, und Wilhelmen war noch keiner jemals so

alltäglich vorgekommen. Statt der gewöhnlichen Unterhaltung abends

fing man zu gähnen an; das Interesse an "Hamlet" war erschöpft, und

man fand eher unbequem, daß er des folgenden Tages zum zweitenmal

vorgestellt werden sollte. Wilhelm zeigte den Schleier des Geistes

vor; man mußte daraus schließen, daß er nicht wiederkommen werde.

Serlo war besonders dieser Meinung; er schien mit den Ratschlägen der

wunderbaren Gestalt sehr vertraut zu sein; dagegen ließen sich aber

die Worte: "Flieh! Jüngling, flieh!" nicht erklären. Wie konnte

Serlo mit jemanden einstimmen, der den vorzüglichsten Schauspieler

seiner Gesellschaft zu entfernen die Absicht zu haben schien.

Notwendig war es nunmehr, die Rolle des Geistes dem Polterer und die

Rolle des Königs dem Pedanten zu geben. Beide erklärten, daß sie

schon einstudiert seien, und es war kein Wunder, denn bei den vielen

Proben und der weitläufigen Behandlung dieses Stücks waren alle so

damit bekannt geworden, daß sie sämtlich gar leicht mit den Rollen

hätten wechseln können. Doch probierte man einiges in der

Geschwindigkeit, und als man spät genug auseinanderging, flüsterte

Philine beim Abschiede Wilhelmen leise zu: "Ich muß meine Pantoffeln

holen; du schiebst doch den Riegel nicht vor?" Diese Worte setzten

ihn, als er auf seine Stube kam, in ziemliche Verlegenheit; denn die

Vermutung, daß der Gast der vorigen Nacht Philine gewesen, ward

dadurch bestärkt, und wir sind auch genötigt, uns zu dieser Meinung zu

schlagen, besonders da wir die Ursachen, welche ihn hierüber

zweifelhaft machten und ihm einen andern, sonderbaren Argwohn

einflößen mußten, nicht entdecken können. Er ging unruhig einigemal

in seinem Zimmer auf und ab und hatte wirklich den Riegel noch nicht

vorgeschoben.

Auf einmal stürzte Mignon in das Zimmer, faßte ihn an und rief:

"Meister! Rette das Haus! Es brennt!" Wilhelm sprang vor die Türe,

und ein gewaltiger Rauch drängte sich die obere Treppe herunter ihm

entgegen. Auf der Gasse hörte man schon das Feuergeschrei, und der

Harfenspieler kam, sein Instrument in der Hand, durch den Rauch

atemlos die Treppe herunter. Aurelie stürzte aus ihrem Zimmer und

warf den kleinen Felix in Wilhelms Arme.

"Retten Sie das Kind!" rief sie, "wir wollen nach dem übrigen greifen."

Wilhelm, der die Gefahr nicht für so groß hielt, gedachte zuerst nach

dem Ursprunge des Brandes hinzudringen, um ihn vielleicht noch im

Anfange zu ersticken. Er gab dem Alten das Kind und befahl ihm, die

steinerne Wendeltreppe hinunter, die durch ein kleines Gartengewölbe

in den Garten führte, zu eilen und mit den Kindern im Freien zu

bleiben. Mignon nahm ein Licht, ihm zu leuchten. Wilhelm bat darauf

Aurelien, ihre Sachen auf ebendiesem Wege zu retten. Er selbst drang

durch den Rauch hinauf; aber vergebens setzte er sich der Gefahr aus.

Die Flamme schien von dem benachbarten Hause herüberzudringen und

hatte schon das Holzwerk des Bodens und eine leichte Treppe gefaßt;

andre, die zur Rettung herbeieilten, litten wie er vom Qualm und Feuer.

Doch sprach er ihnen Mut ein und rief nach Wasser; er beschwor sie,

der Flamme nur Schritt vor Schritt zu weichen, und versprach, bei

ihnen zu bleiben. In diesem Augenblick sprang Mignon herauf und rief:

"Meister! Rette deinen Felix! Der Alte ist rasend! Der Alte bringt

ihn um!" Wilhelm sprang, ohne sich zu besinnen, die Treppe hinab, und

Mignon folgte ihm an den Fersen.

Auf den letzten Stufen, die ins Gartengewölbe führten, blieb er mit

Entsetzen stehen. Große Bündel Stroh und Reisholz, die man daselbst

aufgehäuft hatte, brannten mit heller Flamme; Felix lag am Boden und

schrie; der Alte stand mit niedergesenktem Haupte seitwärts an der

Wand. "Was machst du, Unglücklicher?" rief Wilhelm. Der Alte schwieg,

Mignon hatte den Felix aufgehoben und schleppte mit Mühe den Knaben

in den Garten, indes Wilhelm das Feuer auseinanderzuzerren und zu

dämpfen strebte, aber dadurch nur die Gewalt und Lebhaftigkeit der

Flamme vermehrte. Endlich mußte er mit verbrannten Augenwimpern und

Haaren auch in den Garten fliehen, indem er den Alten mit durch die

Flamme riß, der ihm mit versengtem Barte unwillig folgte.

Wilhelm eilte sogleich, die Kinder im Garten zu suchen. Auf der

Schwelle eines entfernten Lusthäuschens fand er sie, und Mignon tat

ihr möglichstes, den Kleinen zu beruhigen. Wilhelm nahm ihn auf den

Schoß, fragte ihn, befühlte ihn und konnte nichts Zusammenhängendes

aus beiden Kindern herausbringen.

Indessen hatte das Feuer gewaltsam mehrere Häuser ergriffen und

erhellte die ganze Gegend. Wilhelm besah das Kind beim roten Schein

der Flamme; er konnte keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule

wahrnehmen. Er betastete es überall, es gab kein Zeichen von Schmerz

von sich, es beruhigte sich vielmehr nach und nach und fing an, sich

über die Flamme zu verwundern, ja sich über die schönen, der Ordnung

nach, wie eine Illumination, brennenden Sparren und Gebälke zu

erfreuen.

Wilhelm dachte nicht an die Kleider und was er sonst verloren haben

konnte; er fühlte stark, wie wert ihm diese beiden menschlichen

Geschöpfe seien, die er einer so großen Gefahr entronnen sah. Er

drückte den Kleinen mit einer ganz neuen Empfindung an sein Herz und

wollte auch Mignon mit freudiger Zärtlichkeit umarmen, die es aber

sanft ablehnte, ihn bei der Hand nahm und sie festhielt.

"Meister", sagte sie (noch niemals als diesen Abend hatte sie ihm

diesen Namen gegeben, denn anfangs pflegte sie ihn Herr und nachher

Vater zu nennen), "Meister! wir sind einer großen Gefahr entronnen:

dein Felix war am Tode."

Durch viele Fragen erfuhr endlich Wilhelm, daß der Harfenspieler, als

sie in das Gewölbe gekommen, ihr das Licht aus der Hand gerissen und

das Stroh sogleich angezündet habe. Darauf habe er den Felix

niedergesetzt, mit wunderlichen Gebärden die Hände auf des Kindes Kopf

gelegt und ein Messer gezogen, als wenn er ihn opfern wolle. Sie sei

zugesprungen und habe ihm das Messer aus der Hand gerissen; sie habe

geschrien, und einer vom Hause, der einige Sachen nach dem Garten zu

gerettet, sei ihr zu Hülfe gekommen, der müsse aber in der Verwirrung

wieder weggegangen sein und den Alten und das Kind allein gelassen

haben.

Zwei bis drei Häuser standen in vollen Flammen. In den Garten hatte

sich niemand retten können wegen des Brandes im Gartengewölbe.

Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner Sachen.

Er getraute sich nicht, die Kinder zu verlassen, und sah das Unglück

sich immer vergrößern.

Er brachte einige Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf

seinem Schoße eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand

fest. Endlich hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt

getan. Die ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam

herbei, die Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner

leichten Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie

zu den Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben

einem Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme.

Der anbrechende Tag brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und

nach zusammen. Jedermann hatte sich gerettet, niemand hatte viel

verloren.

Wilhelms Koffer fand sich auch wieder, und Serlo trieb, als es gegen

zehn Uhr ging, zur Probe von "Hamlet", wenigstens einiger Szenen, die

mit neuen Schauspielern besetzt waren. Er hatte darauf noch einige

Debatten mit der Polizei. Die Geistlichkeit verlangte: daß nach einem

solchen Strafgerichte Gottes das Schauspielhaus geschlossen bleiben

sollte, und Serlo behauptete: daß teils zum Ersatz dessen, was er

diese Nacht verloren, teils zur Aufheiterung der erschreckten Gemüter

die Aufführung eines interessanten Stückes mehr als jemals am Platz

sei. Diese letzte Meinung drang durch, und das Haus war gefüllt. Die

Schauspieler spielten mit seltenem Feuer und mit mehr

leidenschaftlicher Freiheit als das erstemal. Die Zuschauer, deren

Gefühl durch die schreckliche nächtliche Szene erhöht und durch die

Langeweile eines zerstreuten und verdorbenen Tages noch mehr auf eine

interessante Unterhaltung gespannt war, hatten mehr Empfänglichkeit

für das Außerordentliche. Der größte Teil waren neue, durch den Ruf

des Stücks herbeigezogene Zuschauer, die keine Vergleichung mit dem

ersten Abend anstellen konnten. Der Polterer spielte ganz im Sinne

des unbekannten Geistes, und der Pedant hatte seinem Vorgänger

gleichfalls gut aufgepaßt; daneben kam ihm seine Erbärmlichkeit sehr

zustatten, daß ihm Hamlet wirklich nicht unrecht tat, wenn er ihn,

trotz seines Purpurmantels und Hermelinkragens, einen

zusammengeflickten Lumpenkönig schalt.

Sonderbarer als er war vielleicht niemand zum Throne gelangt; und

obgleich die übrigen, besonders aber Philine, sich über seine neue

Würde äußerst lustig machten, so ließ er doch merken, daß der Graf,

als ein großer Kenner, das und noch viel mehr von ihm beim ersten

Anblick vorausgesagt habe; dagegen ermahnte ihn Philine zur Demut und

versicherte: sie werde ihm gelegentlich die Rockärmel pudern, damit er

sich jener unglücklichen Nacht im Schlosse erinnern und die Krone mit

Bescheidenheit tragen möge.

V. Buch, 14. Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Man hatte sich in der Geschwindigkeit nach Quartieren umgesehen, und

die Gesellschaft war dadurch sehr zerstreut worden. Wilhelm hatte das

Lusthaus in dem Garten, bei dem er die Nacht zugebracht, liebgewonnen;

er erhielt leicht die Schlüssel dazu und richtete sich daselbst ein;

da aber Aurelie in ihrer neuen Wohnung sehr eng war, mußte er den

Felix bei sich behalten, und Mignon wollte den Knaben nicht verlassen.

Die Kinder hatten ein artiges Zimmer in dem ersten Stocke eingenommen,

Wilhelm hatte sich in dem untern Saale eingerichtet. Die Kinder

schliefen, aber er konnte keine Ruhe finden.

Neben dem anmutigen Garten, den der eben aufgegangene Vollmond

herrlich erleuchtete, standen die traurigen Ruinen, von denen hier und

da noch Dampf aufstieg; die Luft war angenehm und die Nacht

außerordentlich schön. Philine hatte beim Herausgehen aus dem Theater

ihn mit dem Ellenbogen angestrichen und ihm einige Worte zugelispelt,

die er aber nicht verstanden hatte. Er war verwirrt und verdrießlich

und wußte nicht, was er erwarten oder tun sollte. Philine hatte ihn

einige Tage gemieden und ihm nur diesen Abend wieder ein Zeichen

gegeben. Leider war nun die Türe verbrannt, die er nicht zuschließen

sollte, und die Pantöffelchen waren in Rauch aufgegangen. Wie die

Schöne in den Garten kommen wollte, wenn es ihre Absicht war, wußte er

nicht. Er wünschte sie nicht zu sehen, und doch hätte er sich gar zu

gern mit ihr erklären mögen.

Was ihm aber noch schwerer auf dem Herzen lag, war das Schicksal des

Harfenspielers, den man nicht wieder gesehen hatte. Wilhelm fürchtete,

man würde ihn beim Aufräumen tot unter dem Schutte finden. Wilhelm

hatte gegen jedermann den Verdacht verborgen, den er hegte, daß der

Alte schuld an dem Brande sei. Denn er kam ihm zuerst von dem

brennenden und rauchenden Boden entgegen, und die Verzweiflung im

Gartengewölbe schien die Folge eines solchen unglücklichen Ereignisses

zu sein. Doch war es bei der Untersuchung, welche die Polizei

sogleich anstellte, wahrscheinlich geworden, daß nicht in dem Hause,

wo sie wohnten, sondern in dem dritten davon der Brand entstanden sei,

der sich auch sogleich unter den Dächern weggeschlichen hatte.

Wilhelm überlegte das alles in einer Laube sitzend, als er in einem

nahen Gange jemanden schleichen hörte. An dem traurigen Gesange, der

sogleich angestimmt ward, erkannte er den Harfenspieler. Das Lied,

das er sehr wohl verstehen konnte, enthielt den Trost eines

Unglücklichen, der sich dem Wahnsinne ganz nahe fühlt. Leider hat

Wilhelm davon nur die letzte Strophe behalten.

An die Türen will ich schleichen,

Still und sittsam will ich stehn,

Fromme Hand wird Nahrung reichen,

Und ich werde weitergehn.

Jeder wird sich glücklich scheinen,

Wenn mein Bild vor ihm erscheint,

Eine Träne wird er weinen,

Und ich weiß nicht, was er weint.

Unter diesen Worten war er an die Gartentüre gekommen, die nach einer

entlegenen Straße ging; er wollte, da er sie verschlossen fand, an den

Spalieren übersteigen; allein Wilhelm hielt ihn zurück und redete ihn

freundlich an. Der Alte bat ihn, aufzuschließen, weil er fliehen

wolle und müsse. Wilhelm stellte ihm vor, daß er wohl aus dem Garten,

aber nicht aus der Stadt könne, und zeigte ihm, wie sehr er sich durch

einen solchen Schritt verdächtig mache; allein vergebens! Der Alte

bestand auf seinem Sinne. Wilhelm gab nicht nach und drängte ihn

endlich halb mit Gewalt ins Gartenhaus, schloß sich daselbst mit ihm

ein und führte ein wunderbares Gespräch mit ihm, das wir aber, um

unsere Leser nicht mit unzusammenhängenden Ideen und bänglichen

Empfindungen zu quälen, lieber verschweigen als ausführlich mitteilen.

V. Buch, 15. Kapitel

Funfzehntes Kapitel

Aus der großen Verlegenheit, worin sich Wilhelm befand, was er mit dem

unglücklichen Alten beginnen sollte, der so deutliche Spuren des

Wahnsinns zeigte, riß ihn Laertes noch am selbigen Morgen. Dieser,

der nach seiner alten Gewohnheit überall zu sein pflegte, hatte auf

dem Kaffeehaus einen Mann gesehen, der vor einiger Zeit die heftigsten

Anfälle von Melancholie erduldete. Man hatte ihn einem

Landgeistlichen anvertraut, der sich ein besonders Geschäft daraus

machte, dergleichen Leute zu behandeln. Auch diesmal war es ihm

gelungen; noch war er in der Stadt, und die Familie des

Wiederhergestellten erzeigte ihm große Ehre.

Wilhelm eilte sogleich, den Mann aufzusuchen, vertraute ihm den Fall

und ward mit ihm einig. Man wußte unter gewissen Vorwänden ihm den

Alten zu übergeben. Die Scheidung schmerzte Wilhelmen tief, und nur

die Hoffnung, ihn wiederhergestellt zu sehen, konnte sie ihm

einigermaßen erträglich machen, so sehr war er gewohnt, den Mann um

sich zu sehen und seine geistreichen und herzlichen Töne zu vernehmen.

Die Harfe war mit verbrannt; man suchte eine andere, die man ihm auf

die Reise mitgab.

Auch hatte das Feuer die kleine Garderobe Mignons verzehrt, und als

man ihr wieder etwas Neues schaffen wollte, tat Aurelie den Vorschlag,

daß man sie doch endlich als Mädchen kleiden solle.

"Nun gar nicht!" rief Mignon aus und bestand mit großer Lebhaftigkeit

auf ihrer alten Tracht, worin man ihr denn auch willfahren mußte.

Die Gesellschaft hatte nicht viel Zeit, sich zu besinnen; die

Vorstellungen gingen ihren Gang.

Wilhelm horchte oft ins Publikum, und nur selten kam ihm eine Stimme

entgegen, wie er sie zu hören wünschte, ja öfters vernahm er, was ihn

betrübte oder verdroß. So erzählte zum Beispiel gleich nach der

ersten Aufführung "Hamlets" ein junger Mensch mit großer Lebhaftigkeit,

wie zufrieden er an jenem Abend im Schauspielhause gewesen. Wilhelm

lauschte und hörte zu seiner großen Beschämung, daß der junge Mann zum

Verdruß seiner Hintermänner den Hut aufbehalten und ihn hartnäckig das

ganze Stück hindurch nicht abgetan hatte, welcher Heldentat er sich

mit dem größten Vergnügen erinnerte.

Ein anderer versicherte: Wilhelm habe die Rolle des Laertes sehr gut

gespielt; hingegen mit dem Schauspieler, der den Hamlet unternommen,

könne man nicht ebenso zufrieden sein. Diese Verwechslung war nicht

ganz unnatürlich, denn Wilhelm und Laertes glichen sich, wiewohl in

einem sehr entfernten Sinne.

Ein dritter lobte sein Spiel, besonders in der Szene mit der Mutter,

aufs lebhafteste und bedauerte nur: daß eben in diesem feurigen

Augenblick ein weißes Band unter der Weste hervorgesehen habe, wodurch

die Illusion äußerst gestört worden sei.

In dem Innern der Gesellschaft gingen indessen allerlei Veränderungen

vor. Philine hatte seit jenem Abend nach dem Brande Wilhelmen auch

nicht das geringste Zeichen einer Annäherung gegeben. Sie hatte, wie

es schien vorsätzlich, ein entfernteres Quartier gemietet, vertrug

sich mit Elmiren und kam seltener zu Serlo, womit Aurelie wohl

zufrieden war. Serlo, der ihr immer gewogen blieb, besuchte sie

manchmal, besonders da er Elmiren bei ihr zu finden hoffte, und nahm

eines Abends Wilhelmen mit sich. Beide waren im Hereintreten sehr

verwundert, als sie Philinen in dem zweiten Zimmer in den Armen eines

jungen Offiziers sahen, der eine rote Uniform und weiße Unterkleider

anhatte, dessen abgewendetes Gesicht sie aber nicht sehen konnten.

Philine kam ihren besuchenden Freunden in das Vorzimmer entgegen und

verschloß das andere. "Sie überraschen mich bei einem wunderbaren

Abenteuer!" rief sie aus.

"So wunderbar ist es nicht", sagte Serlo; "lassen Sie uns den hübschen,

jungen, beneidenswerten Freund sehen; Sie haben uns ohnedem schon so

zugestutzt, daß wir nicht eifersüchtig sein dürfen."

"Ich muß Ihnen diesen Verdacht noch eine Zeitlang lassen", sagte

Philine scherzend; "doch kann ich Sie versichern, daß es nur eine gute

Freundin ist, die sich einige Tage unbekannt bei mir aufhalten will.

Sie sollen ihre Schicksale künftig erfahren, ja vielleicht das

interessante Mädchen selbst kennenlernen, und ich werde wahrscheinlich

alsdann Ursache haben, meine Bescheidenheit und Nachsicht zu üben;

denn ich fürchte, die Herren werden über ihre neue Bekanntschaft ihre

alte Freundin vergessen."

Wilhelm stand versteinert da; denn gleich beim ersten Anblick hatte

ihn die rote Uniform an den so sehr geliebten Rock Marianens erinnert;

es war ihre Gestalt, es waren ihre blonden Haare, nur schien ihm der

gegenwärtige Offizier etwas größer zu sein.

"Um des Himmels willen!" rief er aus, "lassen Sie uns mehr von Ihrer

Freundin wissen, lassen Sie uns das verkleidete Mädchen sehen. Wir

sind nun einmal Teilnehmer des Geheimnisses; wir wollen versprechen,

wir wollen schwören, aber lassen Sie uns das Mädchen sehen!"

"O wie er in Feuer ist!" rief Philine, "nur gelassen, nur geduldig,

heute wird einmal nichts draus."

"So lassen Sie uns nur ihren Namen wissen!" rief Wilhelm.

"Das wäre alsdann ein schönes Geheimnis", versetzte Philine.

"Wenigstens nur den Vornamen."

"Wenn Sie ihn raten, meinetwegen. Dreimal dürfen Sie raten, aber

nicht öfter; Sie könnten mich sonst durch den ganzen Kalender

durchführen."

"Gut", sagte Wilhelm; "Cecilie also?"

"Nichts von Cecilien!"

"Henriette?"

"Keineswegs! Nehmen Sie sich in acht! Ihre Neugierde wird

ausschlafen müssen."

Wilhelm zauderte und zitterte; er wollte seinen Mund auftun, aber die

Sprache versagte ihm. "Mariane?" stammelte er endlich, "Mariane!"

"Bravo!" rief Philine, "getroffen!" indem sie sich nach ihrer

Gewohnheit auf dem Absatze herumdrehte.

Wilhelm konnte kein Wort hervorbringen, und Serlo, der seine

Gemütsbewegung nicht bemerkte, fuhr fort, in Philinen zu dringen, daß

sie die Türe öffnen sollte.

Wie verwundert waren daher beide, als Wilhelm auf einmal heftig ihre

Neckerei unterbrach, sich Philinen zu Füßen warf und sie mit dem

lebhaftesten Ausdrucke der Leidenschaft bat und beschwor. "Lassen Sie

mich das Mädchen sehen", rief er aus, "sie ist mein, es ist meine

Mariane! Sie, nach der ich mich alle Tage meines Lebens gesehnt habe,

sie, die mir noch immer statt aller andern Weiber in der Welt ist!

Gehen Sie wenigstens zu ihr hinein, sagen Sie ihr, daß ich hier bin,

daß der Mensch hier ist, der seine erste Liebe und das ganze Glück

seiner Jugend an sie knüpfte. Er will sich rechtfertigen, daß er sie

unfreundlich verließ, er will sie um Verzeihung bitten, er will ihr

vergeben, was sie auch gegen ihn gefehlt haben mag, er will sogar

keine Ansprüche an sie mehr machen, wenn er sie nur noch einmal sehen

kann, wenn er nur sehen kann, daß sie lebt und glücklich ist!"

Philine schüttelte den Kopf und sagte: "Mein Freund, reden Sie leise!

Betriegen wir uns nicht; und ist das Frauenzimmer wirklich Ihre

Freundin, so müssen wir sie schonen, denn sie vermutet keinesweges,

Sie hier zu sehen. Ganz andere Angelegenheiten führen sie hierher,

und das wissen Sie doch, man möchte oft lieber ein Gespenst als einen

alten Liebhaber zur unrechten Zeit vor Augen sehen. Ich will sie

fragen, ich will sie vorbereiten, und wir wollen überlegen, was zu tun

ist. Ich schreibe Ihnen morgen ein Billett, zu welcher Stunde Sie

kommen sollen, oder ob Sie kommen dürfen; gehorchen Sie mir pünktlich,

denn ich schwöre, niemand soll gegen meinen und meiner Freundin Willen

dieses liebenswürdige Geschöpf mit Augen sehen. Meine Türen werde ich

besser verschlossen halten, und mit Axt und Beil werden Sie mich nicht

besuchen wollen."

Wilhelm beschwor sie, Serlo redete ihr zu; vergebens! Beide Freunde

mußten zuletzt nachgeben, das Zimmer und das Haus räumen.

Welche unruhige Nacht Wilhelm zubrachte, wird sich jedermann denken.

Wie langsam die Stunden des Tages dahinzogen, in denen er Philinens

Billett erwartete, läßt sich begreifen. Unglücklicherweise mußte er

selbigen Abend spielen; er hatte niemals eine größere Pein

ausgestanden. Nach geendigtem Stücke eilte er zu Philinen, ohne nur

zu fragen, ob er eingeladen worden. Er fand ihre Türe verschlossen,

und die Hausleute sagten: Mademoiselle sei heute früh mit einem jungen

Offizier weggefahren; sie habe zwar gesagt, daß sie in einigen Tagen

wiederkomme, man glaube es aber nicht, weil sie alles bezahlt und ihre

Sachen mitgenommen habe.

Wilhelm war außer sich über diese Nachricht. Er eilte zu Laertes und

schlug ihm vor, ihr nachzusetzen und, es koste, was es wolle, über

ihren Begleiter Gewißheit zu erlangen. Laertes dagegen verwies seinem

Freunde seine Leidenschaft und Leichtgläubigkeit. "Ich will wetten",

sagte er, "es ist niemand anders als Friedrich. Der Junge ist von

gutem Hause, ich weiß es recht wohl; er ist unsinnig in das Mädchen

verliebt und hat wahrscheinlich seinen Verwandten so viel Geld

angelockt, daß er wieder eine Zeitlang mit ihr leben kann."

Durch diese Einwendungen ward Wilhelm nicht überzeugt, doch

zweifelhaft. Laertes stellte ihm vor, wie unwahrscheinlich das

Märchen sei, das Philine ihnen vorgespiegelt hatte, wie Figur und Haar

sehr gut auf Friedrichen passe, wie sie bei zwölf Stunden Vorsprung so

leicht nicht einzuholen sein würden und hauptsächlich, wie Serlo

keinen von ihnen beiden beim Schauspiele entbehren könne.

Durch all diese Gründe wurde Wilhelm endlich nur so weit gebracht, daß

er Verzicht darauf tat, selbst nachzusetzen. Laertes wußte noch in

selbiger Nacht einen tüchtigen Mann zu schaffen, dem man den Auftrag

geben konnte. Es war ein gesetzter Mann, der mehreren Herrschaften

auf Reisen als Kurier und Führer gedient hatte und eben jetzt ohne

Beschäftigung stillelag. Man gab ihm Geld, man unterrichtete ihn von

der ganzen Sache, mit dem Auftrage, daß er die Flüchtlinge aufsuchen

und einholen, sie alsdann nicht aus den Augen lassen und die Freunde

sogleich, wo und wie er sie fände, benachrichtigen solle. Er setzte

sich in derselbigen Stunde zu Pferde und ritt dem zweideutigen Paare

nach, und Wilhelm war durch diese Anstalt wenigstens einigermaßen

beruhigt.

V. Buch, 16. Kapitel--1

Sechzehntes Kapitel

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 5 · 第 4 / 6 段