dieser Art, über die Anmaßung, das Publikum zu bilden, statt sich von
ihm bilden zu lassen, und beide vereinigten sich mit großer
überzeugung, daß man nur Geld einnehmen, reich werden oder sich lustig
machen solle, und verbargen sich kaum, daß sie nur jener Personen los
zu sein wünschten, die ihrem Plane im Wege standen. Melina bedauerte,
daß die schwächliche Gesundheit Aureliens ihr kein langes Leben
verspreche, dachte aber gerade das Gegenteil. Serlo schien zu
beklagen, daß Wilhelm nicht Sänger sei, und gab dadurch zu verstehen,
daß er ihn für bald entbehrlich halte. Melina trat mit einem ganzen
Register von Ersparnissen, die zu machen seien, hervor, und Serlo sah
in ihm seinen ersten Schwager dreifach ersetzt. Sie fühlten wohl, daß
sie sich über diese Unterredung das Geheimnis zuzusagen hatten, wurden
dadurch nur noch mehr aneinandergeknüpft und nahmen Gelegenheit,
insgeheim über alles, was vorkam, sich zu besprechen, was Aurelie und
Wilhelm unternahmen, zu tadeln und ihr neues Projekt in Gedanken immer
mehr auszuarbeiten.
So verschwiegen auch beide über ihren Plan sein mochten und sowenig
sie durch Worte sich verrieten, so waren sie doch nicht politisch
genug, in dem Betragen ihre Gesinnungen zu verbergen. Melina
widersetzte sich Wilhelmen in manchen Fällen, die in seinem Kreise
lagen, und Serlo, der niemals glimpflich mit seiner Schwester
umgegangen war, ward nur bitterer, je mehr ihre Kränklichkeit zunahm
und je mehr sie bei ihren ungleichen, leidenschaftlichen Launen
Schonung verdient hätte.
Zu eben dieser Zeit nahm man "Emilie Galotti" vor. Dieses Stück war
sehr glücklich besetzt, und alle konnten in dem beschränkten Kreise
dieses Trauerspiels die ganze Mannigfaltigkeit ihres Spieles zeigen.
Serlo war als Marinelli an seinem Platze, Odoardo ward sehr gut
vorgetragen, Madame Melina spielte die Mutter mit vieler Einsicht,
Elmire zeichnete sich in der Rolle Emiliens zu ihrem Vorteil aus,
Laertes trat als Appiani mit vielem Anstand auf, und Wilhelm hatte ein
Studium von mehreren Monaten auf die Rolle des Prinzen verwendet. Bei
dieser Gelegenheit hatte er sowohl mit sich selbst als mit Serlo und
Aurelien die Frage oft abgehandelt: welch ein Unterschied sich
zwischen einem edlen und vornehmen Betragen zeige und inwiefern jenes
in diesem, dieses aber nicht in jenem enthalten zu sein brauche.
Serlo, der selbst als Marinelli den Hofmann rein, ohne Karikatur
vorstellte, äußerte über diesen Punkt manchen guten Gedanken. "Der
vornehme Anstand", sagte er, "ist schwer nachzuahmen, weil er
eigentlich negativ ist und eine lange anhaltende übung voraussetzt.
Denn man soll nicht etwa in seinem Benehmen etwas darstellen, das
Würde anzeigt: denn leicht fällt man dadurch in ein förmliches,
stolzes Wesen; man soll vielmehr nur alles vermeiden, was unwürdig,
was gemein ist; man soll sich nie vergessen, immer auf sich und andere
achthaben, sich nichts vergeben, andern nicht zuviel, nicht zuwenig
tun, durch nichts gerührt scheinen, durch nichts bewegt werden, sich
niemals übereilen, sich in jedem Momente zu fassen wissen und so ein
äußeres Gleichgewicht erhalten, innerlich mag es stürmen, wie es will.
Der edle Mensch kann sich in Momenten vernachlässigen, der vornehme
nie. Dieser ist wie ein sehr wohlgekleideter Mann: er wird sich
nirgends anlehnen, und jedermann wird sich hüten, an ihn zu streichen;
er unterscheidet sich vor andern, und doch darf er nicht allein
stehenbleiben; denn wie in jeder Kunst, also auch in dieser, soll
zuletzt das Schwerste mit Leichtigkeit ausgeführt werden; so soll der
Vornehme ungeachtet aller Absonderung immer mit andern verbunden
scheinen, nirgends steif, überall gewandt sein, immer als der Erste
erscheinen und sich nie als ein solcher aufdringen.
Man sieht also, daß man, um vornehm zu scheinen, wirklich vornehm sein
müsse; man sieht, warum Frauen im Durchschnitt sich eher dieses
Ansehen geben können als Männer, warum Hofleute und Soldaten am
schnellsten zu diesem Anstande gelangen."
Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, allein Serlo half ihm
wieder auf, indem er ihm über das Einzelne die feinsten Bemerkungen
mitteilte und ihn dergestalt ausstattete daß er bei der Aufführung,
wenigstens in den Augen der Menge, einen recht feinen Prinzen
darstellte.
Serlo hatte versprochen, ihm nach der Vorstellung die Bemerkungen
mitzuteilen, die er noch allenfalls über ihn machen würde; allein ein
unangenehmer Streit zwischen Bruder und Schwester hinderte jede
kritische Unterhaltung. Aurelie hatte die Rolle der Orsina auf eine
Weise gespielt, wie man sie wohl niemals wieder sehen wird. Sie war
mit der Rolle überhaupt sehr bekannt und hatte sie in den Proben
gleichgültig behandelt; bei der Aufführung selbst aber zog sie, möchte
man sagen, alle Schleusen ihres individuellen Kummers auf, und es ward
dadurch eine Darstellung, wie sie sich kein Dichter in dem ersten
Feuer der Empfindung hätte denken können. Ein unmäßiger Beifall des
Publikums belohnte ihre schmerzlichen Bemühungen, aber sie lag auch
halb ohnmächtig in einem Sessel, als man sie nach der Aufführung
aufsuchte.
Serlo hatte schon über ihr übertriebenes Spiel, wie er es nannte, und
über die Entblößung ihres innersten Herzens vor dem Publikum, das doch
mehr oder weniger mit jener fatalen Geschichte bekannt war, seinen
Unwillen zu erkennen gegeben und, wie er es im Zorn zu tun pflegte,
mit den Zähnen geknirscht und mit den Füßen gestampft. "Laßt sie",
sagte er, als er sie von den übrigen umgeben in dem Sessel fand, "sie
wird noch ehstens ganz nackt auf das Theater treten, und dann wird
erst der Beifall recht vollkommen sein."
"Undankbarer!" rief sie aus, "Unmenschlicher! Man wird mich bald
nackt dahin tragen, wo kein Beifall mehr zu unsern Ohren kommt!" Mit
diesen Worten sprang sie auf und eilte nach der Türe. Die Magd hatte
versäumt, ihr den Mantel zu bringen, die Portechaise war nicht da; es
hatte geregnet, und ein sehr rauher Wind zog durch die Straßen. Man
redete ihr vergebens zu, denn sie war übermäßig erhitzt; sie ging
vorsätzlich langsam und lobte die Kühlung, die sie recht begierig
einzusaugen schien. Kaum war sie zu Hause, als sie vor Heiserkeit
kaum ein Wort mehr sprechen konnte; sie gestand aber nicht, daß sie im
Nacken und den Rücken hinab eine völlige Steifigkeit fühlte. Nicht
lange, so überfiel sie eine Art von Lähmung der Zunge, so daß sie ein
Wort fürs andere sprach; man brachte sie zu Bette, durch häufig
angewandte Mittel legte sich ein übel, indem sich das andere zeigte.
Das Fieber ward stark und ihr Zustand gefährlich.
Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. Sie ließ Wilhelm
rufen und übergab ihm einen Brief. "Dieses Blatt", sagte sie, "wartet
schon lange auf diesen Augenblick. Ich fühle, daß das Ende meines
Lebens bald herannaht; versprechen Sie mir, daß Sie es selbst abgeben
und daß Sie durch wenige Worte meine Leiden an dem Ungetreuen rächen
wollen. Er ist nicht fühllos, und wenigstens soll ihn mein Tod einen
Augenblick schmerzen."
Wilhelm übernahm den Brief, indem er sie jedoch tröstete und den
Gedanken des Todes von ihr entfernen wollte.
"Nein", versetzte sie, "benehmen Sie mir nicht meine nächste Hoffnung.
Ich habe ihn lange erwartet und will ihn freudig in die Arme
schließen."
Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene Manuskript an. Sie ersuchte
Wilhelmen, ihr daraus vorzulesen, und die Wirkung, die es tat, wird
der Leser am besten beurteilen können, wenn er sich mit dem folgenden
Buche bekannt gemacht hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer
armen Freundin ward auf einmal gelindert. Sie nahm den Brief zurück
und schrieb einen andern, wie es schien in sehr sanfter Stimmung; auch
forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er irgend durch die
Nachricht ihres Todes betrübt werden sollte, zu trösten, ihn zu
versichern, daß sie ihm verziehen habe und daß sie ihm alles Glück
wünsche.
Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen
Ideen zu beschäftigen, die sie sich aus dem Manuskript eigen zu machen
suchte, woraus ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen mußte. Die
Abnahme ihrer Kräfte war nicht sichtbar, und unvermutet fand sie
Wilhelm eines Morgens tot, als er sie besuchen wollte.
Bei der Achtung, die er für sie, gehabt, und bei der Gewohnheit, mit
ihr zu leben, war ihm ihr Verlust sehr schmerzlich. Sie war die
einzige Person, die es eigentlich gut mit ihm meinte, und die Kälte
Serlos in der letzten Zeit hatte er nur allzusehr gefühlt. Er eilte
daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten, und wünschte sich auf
einige Zeit zu entfernen. Von der andern Seite war für Melina diese
Abreise sehr erwünscht: denn dieser hatte sich bei der weitläufigen
Korrespondenz, die er unterhielt, gleich mit einem Sänger und einer
Sängerin eingelassen, die das Publikum einstweilen durch
Zwischenspiele zur künftigen Oper vorbereiten sollten. Der Verlust
Aureliens und Wilhelms Entfernung sollten auf diese Weise in der
ersten Zeit übertragen werden, und unser Freund war mit allem
zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf einige Wochen erleichterte.
Er hatte sich eine sonderbar wichtige Idee von seinem Auftrage gemacht.
Der Tod seiner Freundin hatte ihn tief gerührt, und da er sie so
frühzeitig von dem Schauplatze abtreten sah, mußte er notwendig gegen
den, der ihr Leben verkürzt und dieses kurze Leben ihr so qualvoll
gemacht, feindselig gesinnt sein.
Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden nahm er sich doch
vor, bei überreichung des Briefs ein strenges Gericht über den
ungetreuen Freund ergehen zu lassen, und da er sich nicht einer
zufälligen Stimmung vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in
der Ausarbeitung pathetischer als billig ward. Nachdem er sich völlig
von der guten Komposition seines Aufsatzes überzeugt hatte, machte er,
indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner Abreise. Mignon war
beim Einpacken gegenwärtig und fragte ihn, ob er nach Süden oder nach
Norden reise, und als sie das letzte von ihm erfuhr, sagte sie. "So
will ich dich hier wieder erwarten." Sie bat ihn um die Perlenschnur
Marianens, die er dem lieben Geschöpf nicht versagen konnte; das
Halstuch hatte sie schon. Dagegen steckte sie ihm den Schleier des
Geistes in den Mantelsack, ob er ihr gleich sagte, daß ihm dieser Flor
zu keinem Gebrauch sei.
Melina übernahm die Regie, und seine Frau versprach, auf die Kinder
ein mütterliches Auge zu haben, von denen sich Wilhelm ungern losriß.
Felix war sehr lustig beim Abschied, und als man ihn fragte, was er
wolle mitgebracht haben, sagte er: "Höre! bringe mir einen Vater mit."
Mignon nahm den Scheidenden bei der Hand, und indem sie, auf die
Zehen gehoben, ihm einen treuherzigen und lebhaften Kuß, doch ohne
Zärtlichkeit, auf die Lippen drückte, sagte sie: "Meister! vergiß uns
nicht und komm bald wieder."
Und so lassen wir unsern Freund unter tausend Gedanken und
Empfindungen seine Reise antreten und zeichnen hier noch zum Schlusse
ein Gedicht auf, das Mignon mit großem Ausdruck einigemal rezitiert
hatte und das wir früher mitzuteilen durch den Drang so mancher
sonderbaren Ereignisse verhindert wurden.
Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.
Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen,
Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.
Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen;
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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