"Und der wäre?" rief Serlo.

"Wenn Sie eine Perücke aufhätten", versetzte Philine, "würde ich sie

Ihnen ganz säuberlich abnehmen: denn es scheint nötig, daß man Ihnen

das Verständnis eröffne."

Die andern dachten nach, und die Unterhaltung stockte. Man war

aufgestanden, es war schon spät, man schien auseinandergehen zu wollen.

Als man so unentschlossen dastand, fing Philine ein Liedchen, auf

eine sehr zierliche und gefällige Melodie, zu singen an:

Singet nicht in Trauertönen

Von der Einsamkeit der Nacht;

Nein, sie ist, o holde Schönen,

Zur Geselligkeit gemacht.

Wie das Weib dem Mann gegeben

Als die schönste Hälfte war,

Ist die Nacht das halbe Leben,

Und die schönste Hälfte zwar.

Könnt ihr euch des Tages freuen,

Der nur Freuden unterbricht?

Er ist gut, sich zu zerstreuen;

Zu was anderm taugt er nicht.

Aber wenn in nächt'ger Stunde

Süßer Lampe Dämmrung fließt

Und vom Mund zum nahen Munde

Scherz und Liebe sich ergießt;

Wenn der rasche, lose Knabe,

Der sonst wild und feurig eilt,

Oft bei einer kleinen Gabe

Unter leichten Spielen weilt;

Wenn die Nachtigall Verliebten

Liebevoll ein Liedchen singt,

Das Gefangnen und Betrübten

Nur wie Ach und Wehe klingt:

Mit wie leichtem Herzensregen

Horchet ihr der Glocke nicht,

Die mit zwölf bedächt'gen Schlägen

Ruh und Sicherheit verspricht!

Darum an dem langen Tage

Merke dir es, liebe Brust:

Jeder Tag hat seine Plage,

Und die Nacht hat ihre Lust.

Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie geendigt hatte, und Serlo

rief ihr ein lautes Bravo zu. Sie sprang zur Tür hinaus und eilte mit

Gelächter fort. Man hörte sie die Treppe hinunter singen und mit den

Absätzen klappern.

Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie blieb vor Wilhelmen, der

ihr eine gute Nacht wünschte, noch einige Augenblicke stehen und sagte.

"Wie sie mir zuwider ist! recht meinem innern Wesen zuwider! bis auf

die kleinsten Zufälligkeiten. Die rechte braune Augenwimper bei den

blonden Haaren, die der Bruder so reizend findet, mag ich gar nicht

ansehn, und die Schramme auf der Stirne hat mir so was Widriges, so

was Niedriges, daß ich immer zehn Schritte von ihr zurücktreten möchte.

Sie erzählte neulich als einen Scherz, ihr Vater habe ihr in ihrer

Kindheit einen Teller an den Kopf geworfen, davon sie noch das Zeichen

trage. Wohl ist sie recht an Augen und Stirne gezeichnet, daß man

sich vor ihr hüten möge."

Wilhelm antwortete nichts, und Aurelie schien mit mehr Unwillen

fortzufahren:

"Es ist mir beinahe unmöglich, ein freundliches, höfliches Wort mit

ihr zu reden, so sehr hasse ich sie, und doch ist sie so anschmiegend.

Ich wollte, wir wären sie los. Auch Sie, mein Freund, haben eine

gewisse Gefälligkeit gegen dieses Geschöpf, ein Betragen, das mich in

der Seele kränkt, eine Aufmerksamkeit, die an Achtung grenzt und die

sie, bei Gott, nicht verdiente"

"Wie sie ist, bin ich ihr Dank schuldig", versetzte Wilhelm; "ihre

Aufführung ist zu tadeln; ihrem Charakter muß ich Gerechtigkeit

widerfahren lassen."

"Charakter!" rief Aurelie, "glauben Sie, daß so eine Kreatur einen

Charakter hat? O ihr Männer, daran erkenne ich euch! Solcher Frauen

seid ihr wert!"

"Sollten Sie mich in Verdacht haben, meine Freundin?" versetzte

Wilhelm. "Ich will von jeder Minute Rechenschaft geben, die ich mit

ihr zugebracht habe."

"Nun, nun", sagte Aurelie, "es ist spät, wir wollen nicht streiten.

Alle wie einer, einer wie alle! Gute Nacht, mein Freund! gute Nacht,

mein feiner Paradiesvogel!"

Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme.

"Ein andermal", versetzte Aurelie, "ein andermal. Man sagt, sie

hätten keine Füße, sie schwebten in der Luft und nährten sich vom

äther. Es ist aber ein Märchen", fuhr sie fort, "eine poetische

Fiktion. Gute Nacht, laßt Euch was Schönes träumen, wenn Ihr Glück

habt."

Sie ging in ihr Zimmer und ließ ihn allein; er eilte auf das seinige.

Halb unwillig ging er auf und nieder. Der scherzende, aber

entschiedne Ton Aureliens hatte ihn beleidigt: er fühlte tief, wie

unrecht sie ihm tat. Philine konnte er nicht widrig, nicht unhold

begegnen; sie hatte nichts gegen ihn verbrochen, und dann fühlte er

sich so fern von jeder Neigung zu ihr, daß er recht stolz und

standhaft vor sich selbst bestehen konnte.

Eben war er im Begriffe, sich auszuziehen, nach seinem Lager zu gehen

und die Vorhänge aufzuschlagen, als er zu seiner größten Verwunderung

ein Paar Frauenpantoffeln vor dem Bett erblickte; der eine stand, der

andere lag.--Es waren Philinens Pantoffeln, die er nur zu gut erkannte;

er glaubte auch eine Unordnung an den Vorhängen zu sehen, ja es

schien, als bewegten sie sich; er stand und sah mit unverwandten Augen

hin.

Eine neue Gemütsbewegung, die er für Verdruß hielt, versetzte ihm den

Atem; und nach einer kurzen Pause, in der er sich erholt hatte, rief

er gefaßt:

"Stehen Sie auf, Philine! Was soll das heißen? Wo ist Ihre Klugheit,

Ihr gutes Betragen? Sollen wir morgen das Märchen des Hauses werden?"

Es rührte sich nichts.

"Ich scherze nicht", fuhr er fort, "diese Neckereien sind bei mir übel

angewandt."

Kein Laut! Keine Bewegung!

Entschlossen und unmutig ging er endlich auf das Bette zu und riß die

Vorhänge voneinander. "Stehen Sie auf", sagte er, "wenn ich Ihnen

nicht das Zimmer diese Nacht überlassen soll."

Mit großem Erstaunen fand er sein Bette leer, die Kissen und Decken in

schönsten Ruhe. Er sah sich um, suchte nach, suchte alles durch und

fand keine Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, den

Schränken war nichts zu sehen; er suchte emsiger und emsiger; ja ein

boshafter Zuschauer hätte glauben mögen, er suche, um zu finden.

Kein Schlaf stellte sich ein; er setzte die Pantoffeln auf seinen

Tisch, ging auf und nieder, blieb manchmal bei dem Tische stehen, und

ein schelmischer Genius, der ihn belauschte, will versichern: er habe

sich einen großen Teil der Nacht mit den allerliebsten Stelzchen

beschäftigt; er habe sie mit einem gewissen Interesse angesehen,

behandelt, damit gespielt und sich erst gegen Morgen in seinen

Kleidern aufs Bette geworfen, wo er unter den seltsamsten Phantasien

einschlummerte.

Und wirklich schlief er noch, als Serlo hereintrat und rief "Wo sind

Sie? Noch im Bette? Unmöglich! Ich suchte Sie auf dem Theater, wo

noch so mancherlei zu tun ist."

V. Buch, 11. Kapitel

Eilftes Kapitel

Vor- und Nachmittag verflossen eilig. Das Haus war schon voll, und

Wilhelm eilte, sich anzuziehen. Nicht mit der Behaglichkeit, mit der

er die Maske zum erstenmal anprobierte, konnte er sie gegenwärtig

anlegen; er zog sich an, um fertig zu werden. Als er zu den Frauen

ins Versammlungszimmer kam, beriefen sie ihn einstimmig, daß nichts

recht sitze; der schöne Federbusch sei verschoben, die Schnalle passe

nicht; man fing wieder an, aufzutrennen, zu nähen, zusammenzustecken.

Die Symphonie ging an, Philine hatte etwas gegen die Krause

einzuwenden, Aurelie viel an dem Mantel auszusetzen. "Laßt mich, ihr

Kinder!" rief er, "diese Nachlässigkeit wird mich erst recht zum

Hamlet machen." Die Frauen ließen ihn nicht los und fuhren fort zu

putzen. Die Symphonie hatte aufgehört, und das Stück war angegangen.

Er besah sich im Spiegel, drückte den Hut tiefer ins Gesicht und

erneuerte die Schminke.

In diesem Augenblick stürzte jemand herein und rief: "Der Geist! der

Geist!"

Wilhelm hatte den ganzen Tag nicht Zeit gehabt, an die Hauptsorge zu

denken, ob der Geist auch kommen werde. Nun war sie ganz weggenommen,

und man hatte die wunderlichste Gastrolle zu erwarten. Der

Theatermeister kam und fragte über dieses und jenes; Wilhelm hatte

nicht Zeit, sich nach dem Gespenst umzusehen, und eilte nur, sich am

Throne einzufinden, wo König und Königin schon von ihrem Hofe umgeben

in aller Herrlichkeit glänzten; er hörte nur noch die letzten Worte

des Horatio, der über die Erscheinung des Geistes ganz verwirrt sprach

und fast seine Rolle vergessen zu haben schien.

Der Zwischenvorhang ging in die Höhe, und er sah das volle Haus vor

sich. Nachdem Horatio seine Rede gehalten und vom Könige abgefertigt

war, drängte er sich an Hamlet, und als ob er sich ihm, dem Prinzen,

präsentiere, sagte er: "Der Teufel steckt in dem Harnische! Er hat

uns alle in Furcht gejagt."

In der Zwischenzeit sah man nur zwei große Männer in weißen Mänteln

und Kapuzen in den Kulissen stehen, und Wilhelm, dem in der

Zerstreuung, Unruhe und Verlegenheit der erste Monolog, wie er glaubte,

mißglückt war, trat, ob ihn gleich ein lebhafter Beifall beim Abgehen

begleitete, in der schauerlichen dramatischen Winternacht wirklich

recht unbehaglich auf. Doch nahm er sich zusammen und sprach die so

zweckmäßig angebrachte Stelle über das Schmausen und Trinken der

Nordländer mit der gehörigen Gleichgültigkeit, vergaß, so wie die

Zuschauer, darüber des Geistes und erschrak wirklich, als Horatio

ausrief: "Seht her, es kommt!" Er fuhr mit Heftigkeit herum, und die

edle, große Gestalt, der leise, unhörbare Tritt, die leichte Bewegung

in der schwer scheinenden Rüstung machten einen so starken Eindruck

auf ihn, daß er wie versteinert dastand und nur mit halber Stimme:

"Ihr Engel und himmlischen Geister, beschützt uns!" ausrufen konnte.

Er starrte ihn an, holte einigemal Atem und brachte die Anrede an den

Geist so verwirrt, zerstückt und gezwungen vor, daß die größte Kunst

sie nicht so trefflich hätte ausdrücken können.

Seine übersetzung dieser Stelle kam ihm sehr zustatten. Er hatte sich

nahe an das Original gehalten, dessen Wortstellung ihm die Verfassung

eines überraschten, erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gemüts

einzig auszudrücken schien.

"Sei du ein guter Geist, sei ein verdammter Kobold, bringe Düfte des

Himmels mit dir oder Dämpfe der Hölle, sei Gutes oder Böses dein

Beginnen, du kommst in einer so würdigen Gestalt, ja ich rede mit dir,

ich nenne dich Hamlet, König, Vater, o antworte mir!"-Man spürte im

Publiko die größte Wirkung. Der Geist winkte, der Prinz folgte ihm

unter dem lautesten Beifall.

Das Theater verwandelte sich, und als sie auf den entfernten Platz

kamen, hielt der Geist unvermutet inne und wandte sich um; dadurch kam

ihm Hamlet etwas zu nahe zu stehen. Mit Verlangen und Neugierde sah

Wilhelm sogleich zwischen das niedergelassene Visier hinein, konnte

aber nur tiefliegende Augen neben einer wohlgebildeten Nase erblicken.

Furchtsam ausspähend stand er vor ihm; allein als die ersten Töne aus

dem Helme hervordrangen, als eine wohlklingende, nur ein wenig rauhe

Stimme sich in den Worten hören ließ: "Ich bin der Geist deines

Vaters", trat Wilhelm einige Schritte schaudernd zurück, und das ganze

Publikum schauderte. Die Stimme schien jedermann bekannt, und Wilhelm

glaubte eine ähnlichkeit mit der Stimme seines Vaters zu bemerken.

Diese wunderbaren Empfindungen und Erinnerungen, die Neugierde, den

seltsamen Freund zu entdecken, und die Sorge, ihn zu beleidigen,

selbst die Unschicklichkeit, ihm als Schauspieler in dieser Situation

zu nahe zu treten, bewegten Wilhelmen nach entgegengesetzten Seiten.

Er veränderte während der langen Erzählung des Geistes seine Stellung

so oft, schien so unbestimmt und verlegen, so aufmerksam und so

zerstreut, daß sein Spiel eine allgemeine Bewunderung so wie der Geist

ein allgemeines Entsetzen erregte. Dieser sprach mehr mit einem

tiefen Gefühl des Verdrusses als des Jammers, aber eines geistigen,

langsamen und unübersehlichen Verdrusses. Es war der Mißmut einer

großen Seele, die von allem Irdischen getrennt ist und doch

unendlichen Leiden unterliegt. Zuletzt versank der Geist, aber auf

eine sonderbare Art: denn ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor,

der wie ein Dampf aus der Versenkung zu steigen schien, legte sich

über ihn weg und zog sich mit ihm hinunter.

Nun kamen Hamlets Freunde zurück und schwuren auf das Schwert. Da war

der alte Maulwurf so geschäftig unter der Erde, daß er ihnen, wo sie

auch stehen mochten, immer unter den Füßen rief: "Schwört!" und sie,

als ob der Boden unter ihnen brennte, schnell von einem Ort zum andern

eilten. Auch erschien da, wo sie standen, jedesmal eine kleine Flamme

aus dem Boden, vermehrte die Wirkung und hinterließ bei allen

Zuschauern den tiefsten Eindruck.

Nun ging das Stück unaufhaltsam seinen Gang fort, nichts mißglückte,

alles geriet; das Publikum bezeigte seine Zufriedenheit; die Lust und

der Mut der Schauspieler schien mit jeder Szene zuzunehmen.

V. Buch, 12. Kapitel

Zwölftes Kapitel

Der Vorhang fiel, und der lebhafteste Beifall erscholl aus allen Ecken

und Enden. Die vier fürstlichen Leichen sprangen behend in die Höhe

und umarmten sich vor Freuden. Polonius und Ophelia kamen auch aus

ihren Gräbern hervor und hörten noch mit lebhaftem Vergnügen, wie

Horatio, als er zum Ankündigen heraustrat, auf das heftigste

beklatscht wurde. Man wollte ihn zu keiner Anzeige eines andern

Stücks lassen, sondern begehrte mit Ungestüm die Wiederholung des

heutigen.

"Nun haben wir gewonnen", rief Serlo, "aber auch heute abend kein

vernünftig Wort mehr! Alles kommt auf den ersten Eindruck an. Man

soll ja keinem Schauspieler übelnehmen, wenn er bei seinen Debüts

vorsichtig und eigensinnig ist."

Der Kassier kam und überreichte ihm eine schwere Kasse. "Wir haben

gut debütiert", rief er aus, "und das Vorurteil wird uns zustatten

kommen. Wo ist denn nun das versprochene Abendessen? Wir dürfen es

uns heute schmecken lassen."

Sie hatten ausgemacht, daß sie in ihren Theaterkleidern beisammen

bleiben und sich selbst ein Fest feiern wollten. Wilhelm hatte

unternommen, das Lokal, und Madame Melina, das Essen zu besorgen.

Ein Zimmer, worin man sonst zu malen pflegte, war aufs beste gesäubert,

mit allerlei kleinen Dekorationen umstellt und so herausgeputzt

worden, daß es halb einem Garten, halb einem Säulengange ähnlich sah.

Beim Hereintreten wurde die Gesellschaft von dem Glanz vieler Lichter

geblendet, die einen feierlichen Schein durch den Dampf des süßesten

Räucherwerks, das man nicht gespart hatte, über eine wohl geschmückte

und bestellte Tafel verbreiteten. Mit Ausrufungen tobte man die

Anstalten und nahm wirklich mit Anstand Platz; es schien, als wenn

eine königliche Familie im Geisterreiche zusammenkäme. Wilhelm saß

zwischen Aurelien und Madame Melina; Serlo zwischen Philinen und

Elmiren; niemand war mit sich selbst noch mit seinem Platze

unzufrieden.

Die beiden Theaterfreunde, die sich gleichfalls eingefunden hatten,

vermehrten das Glück der Gesellschaft. Sie waren einigemal während

der Vorstellung auf die Bühne gekommen und konnten nicht genug von

ihrer eignen und von des Publikums Zufriedenheit sprechen; nunmehr

ging's aber ans Besondere; jedes ward für seinen Teil reichlich

belohnt.

Mit einer unglaublichen Lebhaftigkeit ward ein Verdienst nach dem

andern, eine Stelle nach der andern herausgehoben. Dem Souffleur, der

bescheiden am Ende der Tafel saß, ward ein großes Lob über seinen

rauhen Pyrrhus; die Fechtübung Hamlets und Laertes' konnte man nicht

genug erheben; Opheliens Trauer war über allen Ausdruck schön und

erhaben; von Polonius' Spiel durfte man gar nicht sprechen; jeder

Gegenwärtige hörte sein Lob in dem andern und durch ihn.

Aber auch der abwesende Geist nahm seinen Teil Lob und Bewunderung

hinweg. Er hatte die Rolle mit einem sehr glücklichen Organ und in

einem großen Sinne gesprochen, und man wunderte sich am meisten, daß

er von allem, was bei der Gesellschaft vorgegangen war, unterrichtet

schien. Er glich völlig dem gemalten Bilde, als wenn er dem Künstler

gestanden hätte, und die Theaterfreunde konnten nicht genug rühmen,

wie schauerlich es ausgesehen habe, als er unfern von dem Gemälde

hervorgetreten und vor seinem Ebenbilde vorbeigeschritten sei.

Wahrheit und Irrtum habe sich dabei so sonderbar vermischt, und man

habe wirklich sich überzeugt, daß die Königin die eine Gestalt nicht

sehe. Madame Melina ward bei dieser Gelegenheit sehr gelobt, daß sie

bei dieser Stelle in die Höhe nach dem Bilde gestarrt, indes Hamlet

nieder auf den Geist gewiesen.

Man erkundigte sich, wie das Gespenst habe hereinschleichen können,

und erfuhr vom Theatermeister, daß zu einer hintern Türe, die sonst

immer mit Dekorationen verstellt sei, diesen Abend aber, weil man den

gotischen Saal gebraucht, frei geworden, zwei große Figuren in weißen

Mänteln und Kapuzen hereingekommen, die man voneinander nicht

unterscheiden können, und so seien sie nach geendigtem dritten Akt

wahrscheinlich auch wieder hinausgegangen.

Serlo lobte besonders an ihm, daß er nicht so schneidermäßig gejammert

und sogar am Ende eine Stelle, die einem so großen Helden besser zieme,

seinen Sohn zu befeuern, angebracht habe. Wilhelm hatte sie im

Gedächtnis behalten und versprach, sie ins Manuskript nachzutragen.

Man hatte in der Freude des Gastmahls nicht bemerkt, daß die Kinder

und der Harfenspieler fehlten; bald aber machten sie eine sehr

angenehme Erscheinung. Denn sie traten zusammen herein, sehr

abenteuerlich ausgeputzt; Felix schlug den Triangel, Mignon das

Tamburin, und der Alte hatte die schwere Harfe umgehangen und spielte

sie, indem er sie vor sich trug. Sie zogen um den Tisch und sangen

allerlei Lieder. Man gab ihnen zu essen, und die Gäste glaubten den

Kindern eine Wohltat zu erzeigen, wenn sie ihnen so viel süßen Wein

gäben, als sie nur trinken wollten; denn die Gesellschaft selbst hatte

die köstlichen Flaschen nicht geschont, welche diesen Abend als ein

Geschenk der Theaterfreunde in einigen Körben angekommen waren. Die

Kinder sprangen und sangen fort, und besonders war Mignon ausgelassen,

wie man sie niemals gesehen. Sie schlug das Tamburin mit aller

möglichen Zierlichkeit und Lebhaftigkeit, indem sie bald mit

druckendem Finger auf dem Felle schnell hin und her schnurrte, bald

mit dem Rücken der Hand, bald mit den Knöcheln daraufpochte, ja mit

abwechselnden Rhythmen das Pergament bald wider die Knie, bald wider

den Kopf schlug, bald schüttelnd die Schellen allein klingen ließ und

so aus dem einfachsten Instrumente gar verschiedene Töne hervorlockte.

Nachdem sie lange gelärmt hatten, setzten sie sich in einen

Lehnsessel, der gerade Wilhelmen gegenüber am Tische leer geblieben

war.

"Bleibt von dem Sessel weg!" rief Serlo, "er steht vermutlich für den

Geist da; wenn er kommt, kann's euch übel gehen."

"Ich fürchte ihn nicht", rief Mignon; "kommt er, so stehen wir auf.

Es ist mein Oheim, er tut mir nichts zuleide." Diese Rede verstand

niemand, als wer wußte, daß sie ihren vermeintlichen Vater den "Großen

Teufel" genannt hatte.

Die Gesellschaft sah einander an und ward noch mehr in dem Verdacht

bestärkt, daß Serlo um die Erscheinung des Geistes wisse. Man

schwatzte und trank, und die Mädchen sahen von Zeit zu Zeit furchtsam

nach der Türe.

Die Kinder, die, in dem großen Sessel sitzend, nur wie Pulcinellpuppen

aus dem Kasten über den Tisch hervorragten, fingen an, auf diese Weise

ein Stück aufzuführen. Mignon machte den schnurrenden Ton sehr artig

nach, und sie stießen zuletzt die Köpfe dergestalt zusammen und auf

die Tischkante, wie es eigentlich nur Holzpuppen aushalten können.

Mignon ward bis zur Wut lustig, und die Gesellschaft, sosehr sie

anfangs über den Scherz gelacht hatte, mußte zuletzt Einhalt tun.

Aber wenig half das Zureden, denn nun sprang sie auf und raste, die

Schellentrommel in der Hand, um den Tisch herum. Ihre Haare flogen,

und indem sie den Kopf zurück und alle ihre Glieder gleichsam in die

Luft warf, schien sie einer Mänade ähnlich, deren wilde und beinah

unmögliche Stellungen uns auf alten Monumenten noch oft in Erstaunen

setzen.

Durch das Talent der Kinder und ihren Lärm aufgereizt, suchte

jedermann zur Unterhaltung der Gesellschaft etwas beizutragen. Die

Frauenzimmer sangen einige Kanons, Laertes ließ eine Nachtigall hören,

und der Pedant gab ein Konzert pianissimo auf der Maultrommel.

Indessen spielten die Nachbarn und Nachbarinnen allerlei Spiele, wobei

sich die Hände begegnen und vermischen, und es fehlte manchem Paare

nicht am Ausdruck einer hoffnungsvollen Zärtlichkeit. Madame Melina

besonders schien eine lebhafte Neigung zu Wilhelmen nicht zu verhehlen.

Es war spät in der Nacht, und Aurelie, die fast allein noch

Herrschaft über sich behalten hatte, ermahnte die übrigen, indem sie

aufstand, auseinanderzugehen.

Serlo gab noch zum Abschied ein Feuerwerk, indem er mit dem Munde auf

eine fast unbegreifliche Weise den Ton der Raketen, Schwärmer und

Feuerräder nachzuahmen wußte. Man durfte die Augen nur zumachen, so

war die Täuschung vollkommen. Indessen war jedermann aufgestanden,

und man reichte den Frauenzimmern den Arm, sie nach Hause zu führen.

Wilhelm ging zuletzt mit Aurelien. Auf der Treppe begegnete ihnen der

Theatermeister und sagte: "Hier ist der Schleier, worin der Geist

verschwand. Er ist an der Versenkung hängengeblieben, und wir haben

ihn eben gefunden."--"Eine wunderbare Reliquie!" rief Wilhelm und nahm

ihn ab.

In dem Augenblicke fühlte er sich am linken Arme ergriffen und

zugleich einen sehr heftigen Schmerz. Mignon hatte sich versteckt

gehabt, hatte ihn angefaßt und ihn in den Arm gebissen. Sie fuhr an

ihm die Treppe hinunter und verschwand.

Als die Gesellschaft in die freie Luft kam, merkte fast jedes, daß man

für diesen Abend des Guten zuviel genossen hatte. Ohne Abschied zu

nehmen, verlor man sich auseinander.

Wilhelm hatte kaum seine Stube erreicht, als er seine Kleider abwarf

und nach ausgelöschtem Licht ins Bett eilte. Der Schlaf wollte

sogleich sich seiner bemeistern; allein ein Geräusch, das in seiner

Stube hinter dem Ofen zu entstehen schien, machte ihn aufmerksam.

Eben schwebte vor seiner erhitzten Phantasie das Bild des

geharnischten Königs; er richtete sich auf, das Gespenst anzureden,

als er sich von zarten Armen umschlungen, seinen Mund mit lebhaften

Küssen verschlossen und eine Brust an der seinigen fühlte, die er

wegzustoßen nicht Mut hatte.

V. Buch, 13. Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Wilhelm fuhr des andern Morgens mit einer unbehaglichen Empfindung in

die Höhe und fand sein Bett leer. Von dem nicht völlig

ausgeschlafenen Rausche war ihm der Kopf düster, und die Erinnerung an

den unbekannten nächtlichen Besuch machte ihn unruhig. Sein erster

Verdacht fiel auf Philinen, und doch schien der liebliche Körper, den

er in seine Arme geschlossen hatte, nicht der ihrige gewesen zu sein.

Unter lebhaften Liebkosungen war unser Freund an der Seite dieses

seltsamen, stummen Besuches eingeschlafen, und nun war weiter keine

Spur mehr davon zu entdecken. Er sprang auf, und indem er sich anzog,

fand er seine Türe, die er sonst zu verriegeln pflegte, nur angelehnt

und wußte sich nicht zu erinnern, ob er sie gestern abend

zugeschlossen hatte.

Am wunderbarsten aber erschien ihm der Schleier des Geistes, den er

auf seinem Bette fand. Er hatte ihn mit heraufgebracht und

wahrscheinlich selbst dahin geworfen. Es war ein grauer Flor, an

dessen Saum er eine Schrift mit schwarzen Buchstaben gestickt sah. Er

entfaltete sie und las die Worte: "Zum ersten- und letztenmal! Flieh!

Jüngling, flieh!" Er war betroffen und wußte nicht, was er sagen

sollte.

In eben dem Augenblick trat Mignon herein und brachte ihm das

Frühstück. Wilhelm erstaunte über den Anblick des Kindes, ja man kann

sagen, er erschrak. Sie schien diese Nacht größer geworden zu sein;

sie trat mit einem hohen, edlen Anstand vor ihn hin und sah ihm sehr

ernsthaft in die Augen, so daß er den Blick nicht ertragen konnte.

Sie rührte ihn nicht an wie sonst, da sie gewöhnlich ihm die Hand

drückte, seine Wange, seinen Mund, seinen Arm oder seine Schulter

küßte, sondern ging, nachdem sie seine Sachen in Ordnung gebracht,

stillschweigend wieder fort.

Die Zeit einer angesetzten Leseprobe kam nun herbei; man versammelte

sich, und alle waren durch das gestrige Fest verstimmt. Wilhelm nahm

sich zusammen, so gut er konnte, um nicht gleich anfangs gegen seine

so lebhaft gepredigten Grundsätze zu verstoßen. Seine große übung

half ihm durch; denn übung und Gewohnheit müssen in jeder Kunst die

Lücken ausfüllen, welche Genie und Laune so oft lassen würden.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 5 · 第 3 / 6 段