Mit diesem seltsamen Blatte eilte er zu Serlo zurück, der es las und

wieder las und endlich mit bedenklicher Miene versicherte: die Sache

sei von Wichtigkeit; man müsse wohl überlegen, ob man es wagen dürfe

und könne. Sie sprachen vieles hin und wider; Aurelie war still und

lächelte von Zeit zu Zeit, und als nach einigen Tagen wieder davon die

Rede war, gab sie nicht undeutlich zu verstehen, daß sie es für einen

Scherz von Serlo halte. Sie bat Wilhelmen, völlig außer Sorge zu sein

und den Geist geduldig zu erwarten.

überhaupt war Serlo von dem besten Humor; denn die abgehenden

Schauspieler gaben sich alle mögliche Mühe, gut zu spielen, damit man

sie ja recht vermissen sollte, und von der Neugierde auf die neue

Gesellschaft konnte er auch die beste Einnahme erwarten.

Sogar hatte der Umgang Wilhelms auf ihn einigen Einfluß gehabt. Er

fing an, mehr über Kunst zu sprechen, denn er war am Ende doch ein

Deutscher, und diese Nation gibt sich gern Rechenschaft von dem, was

sie tut. Wilhelm schrieb sich manche solche Unterredung auf; und wir

werden, da die Erzählung hier nicht so oft unterbrochen werden darf,

denjenigen unsrer Leser, die sich dafür interessieren, solche

dramaturgische Versuche bei einer andern Gelegenheit vorlegen.

Besonders war Serlo eines Abends sehr lustig, als er von der Rolle des

Polonius sprach, wie er sie zu fassen gedachte. "Ich verspreche",

sagte er, "diesmal einen recht würdigen Mann zum besten zu geben; ich

werde die gehörige Ruhe und Sicherheit, Leerheit und Bedeutsamkeit,

Annehmlichkeit und geschmackloses Wesen, Freiheit und Aufpassen,

treuherzige Schalkheit und erlogene Wahrheit da, wo sie hingehören,

recht zierlich aufstellen. Ich will einen solchen grauen, redlichen,

ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm aufs allerhöflichste

vorstellen und vortragen, und dazu sollen mir die etwas rohen und

groben Pinselstriche unsers Autors gute Dienste leisten. Ich will

reden wie ein Buch, wenn ich mich vorbereitet habe, und wie ein Tor,

wenn ich bei guter Laune bin. Ich werde abgeschmackt sein, um jedem

nach dem Maule zu reden, und immer so fein, es nicht zu merken, wenn

mich die Leute zum besten haben. Nicht leicht habe ich eine Rolle mit

solcher Lust und Schalkheit übernommen."

"Wenn ich nur auch von der meinigen soviel hoffen könnte", sagte

Aurelie. "Ich habe weder Jugend noch Weichheit genug, um mich in

diesen Charakter zu finden. Nur eins weiß ich leider: das Gefühl, das

Ophelien den Kopf verrückt, wird mich nicht verlassen."

"Wir wollen es ja nicht so genau nehmen", sagte Wilhelm; "denn

eigentlich hat mein Wunsch, den Hamlet zu spielen, mich bei allem

Studium des Stücks aufs äußerste irregeführt. Je mehr ich mich in die

Rolle studiere, desto mehr sehe ich, daß in meiner ganzen Gestalt kein

Zug der Physiognomie ist, wie Shakespeare seinen Hamlet aufstellt.

Wenn ich es recht überlege, wie genau in der Rolle alles zusammenhängt,

so getraue ich mir kaum, eine leidliche Wirkung hervorzubringen."

"Sie treten mit großer Gewissenhaftigkeit in Ihre Laufbahn", versetzte

Serlo. "Der Schauspieler schickt sich in die Rolle, wie er kann, und

die Rolle richtet sich nach ihm, wie sie muß. Wie hat aber

Shakespeare seinen Hamlet vorgezeichnet? Ist er Ihnen denn so ganz

unähnlich?"

"Zuvörderst ist Hamlet blond", erwiderte Wilhelm.

"Das heiß ich weit gesucht", sagte Aurelie. "Woher schließen Sie

das?"

"Als Däne, als Nordländer ist er blond von Hause aus und hat blaue

Augen."

"Sollte Shakespeare daran gedacht haben?"

"Bestimmt find ich es nicht ausgedrückt, aber in Verbindung mit andern

Stellen scheint es mir unwidersprechlich. Ihm wird das Fechten sauer,

der Schweiß läuft ihm vom Gesichte, und die Königin spricht: "Er ist

fett, laßt ihn zu Atem kommen." Kann man sich ihn da anders als blond

und wohlbehäglich vorstellen? Denn braune Leute sind in ihrer Jugend

selten in diesem Falle. Paßt nicht auch seine schwankende Melancholie,

seine weiche Trauer, seine tätige Unentschlossenheit besser zu einer

solchen Gestalt, als wenn Sie sich einen schlanken, braunlockigen

Jüngling denken, von dem man mehr Entschlossenheit und Behendigkeit

erwartet?"

"Sie verderben mir die Imagination", rief Aurelie, "weg mit Ihrem

fetten Hamlet! Stellen Sie uns ja nicht Ihren wohlbeleibten Prinzen

vor! Geben Sie uns lieber irgendein Quiproquo, das uns reizt, das uns

rührt. Die Intention des Autors liegt uns nicht so nahe als unser

Vergnügen, und wir verlangen einen Reiz, der uns homogen ist."

V. Buch, 7. Kapitel

Siebentes Kapitel

Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den

Vorzug verdiene. Serlo versicherte, es sei ein vergeblicher,

mißverstandener Streit; beide könnten in ihrer Art vortrefflich sein,

nur müßten sie sich in den Grenzen ihrer Gattung halten.

"Ich bin selbst noch nicht ganz im klaren darüber", versetzte Wilhelm.

"Wer ist es auch?" sagte Serlo, "und doch wäre es der Mühe wert, daß

man der Sache näherkäme."

Sie sprachen viel herüber und hinüber, und endlich war folgendes

ungefähr das Resultat ihrer Unterhaltung:

Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der

Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloß in der äußern Form,

nicht darin, daß die Personen in dem einen sprechen und daß in dem

andern gewöhnlich von ihnen erzählt wird. Leider viele Dramen sind

nur dialogierte Romane, und es wäre nicht unmöglich, ein Drama in

Briefen zu schreiben.

Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt

werden; im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muß langsam gehen,

und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es

wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwickelung aufhalten. Das

Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur muß sich nach dem

Ende drängen und nur aufgehalten werden. Der Romanheld muß leidend,

wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem dramatischen

verlangt man Wirkung und Tat. Grandison, Clarisse, Pamela, der

Landpriester von Wakefield, Tom Jones selbst sind, wo nicht leidende,

doch retardierende Personen, und alle Begebenheiten werden

gewissermaßen nach ihren Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt der

Held nichts nach sich, alles widersteht ihm, und er räumt und rückt

die Hindernisse aus dem Wege oder unterliegt ihnen.

So vereinigte man sich auch darüber, daß man dem Zufall im Roman gar

wohl sein Spiel erlauben könne; daß er aber immer durch die

Gesinnungen der Personen gelenkt und geleitet werden müsse; daß

hingegen das Schicksal, das die Menschen ohne ihr Zutun durch

unzusammenhängende äußere Umstände zu einer unvorgesehenen Katastrophe

hindrängt, nur im Drama statthabe; daß der Zufall wohl pathetische,

niemals aber tragische Situationen hervorbringen dürfe; das Schicksal

hingegen müsse immer fürchterlich sein und werde im höchsten Sinne

tragisch, wenn es schuldige und unschuldige, voneinander unabhängige

Taten in eine unglückliche Verknüpfung bringt.

Diese Betrachtungen führten wieder auf den wunderlichen "Hamlet" und

auf die Eigenheiten dieses Stücks. Der Held, sagte man, hat

eigentlich auch nur Gesinnungen; es sind nur Begebenheiten, die zu ihm

stoßen, und deswegen hat das Stück etwas von dem Gedehnten des Romans;

weil aber das Schicksal den Plan gezeichnet hat, weil das Stück von

einer fürchterlichen Tat ausgeht und der Held immer vorwärts zu einer

fürchterlichen Tat gedrängt wird, so ist es im höchsten Sinne tragisch

und leidet keinen andern als einen tragischen Ausgang.

Nun sollte Leseprobe gehalten werden, welche Wilhelm eigentlich als

ein Fest ansah. Er hatte die Rollen vorher kollationiert, daß also

von dieser Seite kein Anstoß sein konnte. Die sämtlichen Schauspieler

waren mit dem Stücke bekannt, und er suchte sie nur, ehe sie anfingen,

von der Wichtigkeit einer Leseprobe zu überzeugen. Wie man von jedem

Musikus verlange, daß er bis auf einen gewissen Grad vom Blatte

spielen könne, so solle auch jeder Schauspieler, ja jeder wohlerzogene

Mensch sich üben, vom Blatte zu lesen, einem Drama, einem Gedicht,

einer Erzählung sogleich ihren Charakter abzugewinnen und sie mit

Fertigkeit vorzutragen. Alles Memorieren helfe nichts, wenn der

Schauspieler nicht vorher in den Geist und Sinn des guten

Schriftstellers eingedrungen sei; der Buchstabe könne nichts wirken.

Serlo versicherte, daß er jeder andern Probe, ja der Hauptprobe

nachsehen wolle, sobald der Leseprobe ihr Recht widerfahren sei: "Denn

gewöhnlich", sagte er, "ist nichts lustiger, als wenn Schauspieler von

Studieren sprechen; es kommt mir ebenso vor, als wenn die Freimäurer

von Arbeiten reden."

Die Probe lief nach Wunsch ab, und man kann sagen, daß der Ruhm und

die gute Einnahme der Gesellschaft sich auf diese wenigen

wohlangewandten Stunden gründete.

"Sie haben wohlgetan, mein Freund", sagte Serlo, nachdem sie wieder

allein waren, "daß Sie unsern Mitarbeitern so ernstlich zusprachen,

wenn ich gleich fürchte, daß sie Ihre Wünsche schwerlich erfüllen

werden."

"Wieso?" versetzte Wilhelm.

"Ich habe gefunden", sagte Serlo, "daß, so leicht man der Menschen

Imagination in Bewegung setzen kann, so gern sie sich Märchen erzählen

lassen, ebenso selten ist es, eine Art von produktiver Imagination bei

ihnen zu finden. Bei den Schauspielern ist dieses sehr auffallend.

Jeder ist sehr wohl zufrieden, eine schöne, lobenswürdige, brillante

Rolle zu übernehmen; selten aber tut einer mehr, als sich mit

Selbstgefälligkeit an die Stelle des Helden setzen, ohne sich im

mindesten zu bekümmern, ob ihn auch jemand dafür halten werde. Aber

mit Lebhaftigkeit zu umfassen, was sich der Autor beim Stück gedacht

hat, was man von seiner Individualität hingeben müsse, um einer Rolle

genugzutun, wie man durch eigene überzeugung, man sei ein ganz anderer

Mensch, den Zuschauer gleichfalls zur überzeugung hinreiße, wie man

durch eine innere Wahrheit der Darstellungskraft diese Bretter in

Tempel, diese Pappen in Wälder verwandelt, ist wenigen gegeben. Diese

innere Stärke des Geistes, wodurch ganz allein der Zuschauer getäuscht

wird, diese erlogene Wahrheit, die ganz allein Wirkung hervorbringt,

wodurch ganz allein die Illusion erzielt wird, wer hat davon einen

Begriff?

Lassen Sie uns daher ja nicht zu sehr auf Geist und Empfindung dringen!

Das sicherste Mittel ist, wenn wir unsern Freunden mit Gelassenheit

zuerst den Sinn des Buchstabens erklären und ihnen den Verstand

eröffnen. Wer Anlage hat, eilt alsdann selbst dem geistreichen und

empfindungsvollen Ausdrucke entgegen; und wer sie nicht hat, wird

wenigstens niemals ganz falsch spielen und rezitieren. Ich habe aber

bei Schauspielern, so wie überhaupt, keine schlimmere Anmaßung

gefunden, als wenn jemand Ansprüche an Geist macht, solange ihm der

Buchstabe noch nicht deutlich und geläufig ist."

V. Buch, 8. Kapitel

Achtes Kapitel

Wilhelm kam zur ersten Theaterprobe sehr zeitig und fand sich auf den

Brettern allein. Das Lokal überraschte ihn und gab ihm die

wunderbarsten Erinnerungen. Die Wald- und Dorfdekoration stand genau

so wie auf der Bühne seiner Vaterstadt auch bei einer Probe, als ihm

an jenem Morgen Mariane lebhaft ihre Liebe bekannte und ihm die erste

glückliche Nacht zusagte. Die Bauernhäuser glichen sich auf dem

Theater wie auf dem Lande; die wahre Morgensonne beschien, durch einen

halb offenen Fensterladen hereinfallend, einen Teil der Bank, die

neben der Türe schlecht befestigt war; nur leider schien sie nicht wie

damals auf Marianens Schoß und Busen. Er setzte sich nieder, dachte

dieser wunderbaren übereinstimmung nach und glaubte zu ahnen, daß er

sie vielleicht auf diesem Platze bald wiedersehen werde. Ach, und es

war weiter nichts, als daß ein Nachspiel, zu welchem diese Dekoration

gehörte, damals auf dem deutschen Theater sehr oft gegeben wurde.

In diesen Betrachtungen störten ihn die übrigen ankommenden

Schauspieler, mit denen zugleich zwei Theater- und Garderobenfreunde

hereintreten und Wilhelmen mit Enthusiasmus begrüßten. Der eine war

gewissermaßen an Madame Melina attachiert; der andere aber ein ganz

reiner Freund der Schauspielkunst und beide von der Art, wie sich jede

gute Gesellschaft Freunde wünschen sollte. Man wußte nicht zu sagen,

ob sie das Theater mehr kannten oder liebten. Sie liebten es zu sehr,

um es recht zu kennen; sie kannten es genug, um das Gute zu schätzen

und das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung war ihnen das

Mittelmäßige nicht unerträglich, und der herrliche Genuß, mit dem sie

das Gute vor und nach kosteten, war über allen Ausdruck. Das

Mechanische machte ihnen Freude, das Geistige entzückte sie, und ihre

Neigung war so groß, daß auch eine zerstückelte Probe sie in eine Art

von Illusion versetzte. Die Mängel schienen ihnen jederzeit in die

Ferne zu treten, das Gute berührte sie wie ein naher Gegenstand. Kurz,

sie waren Liebhaber, wie sie sich der Künstler in seinem Fache

wünscht. Ihre liebste Wanderung war von den Kulissen ins Parterre,

vom Parterre in die Kulissen, ihr angenehmster Aufenthalt in der

Garderobe, ihre emsigste Beschäftigung, an der Stellung, Kleidung,

Rezitation und Deklamation der Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr

lebhaftestes Gespräch über den Effekt, den man hervorgebracht hatte,

und ihre beständigste Bemühung, den Schauspieler aufmerksam, tätig und

genau zu erhalten, ihm etwas zugute oder zuliebe zu tun und ohne

Verschwendung der Gesellschaft manchen Genuß zu verschaffen. Sie

hatten sich beide das ausschließliche Recht verschafft, bei Proben und

Aufführungen auf dem Theater zu erscheinen. Sie waren, was die

Aufführung "Hamlets" betraf, mit Wilhelmen nicht bei allen Stellen

einig; hie und da gab er nach, meistens aber behauptete er seine

Meinung, und im ganzen diente diese Unterhaltung sehr zur Bildung

seines Geschmacks. Er ließ die beiden Freunde sehen, wie sehr er sie

schätze, und sie dagegen weissagten nichts weniger von diesen

vereinten Bemühungen als eine neue Epoche fürs deutsche Theater.

Die Gegenwart dieser beiden Männer war bei den Proben sehr nützlich.

Besonders überzeugten sie unsre Schauspieler, daß man bei der Probe

Stellung und Aktion, wie man sie bei der Aufführung zu zeigen gedenke,

immerfort mit der Rede verbinden und alles zusammen durch Gewohnheit

mechanisch vereinigen müsse. Besonders mit den Händen solle man ja

bei der Probe einer Tragödie keine gemeine Bewegung vornehmen; ein

tragischer Schauspieler, der in der Probe Tabak schnupft, mache sie

immer bange: denn höchstwahrscheinlich werde er an einer solchen

Stelle bei der Aufführung die Prise vermissen. Ja sie hielten dafür,

daß niemand in Stiefeln probieren solle, wenn die Rolle in Schuhen zu

spielen sei. Nichts aber, versicherten sie, schmerze sie mehr, als

wenn die Frauenzimmer in den Proben ihre Hände in die Rockfalten

versteckten.

Außerdem ward durch das Zureden dieser Männer noch etwas sehr Gutes

bewirkt, daß nämlich alle Mannspersonen exerzieren lernten. "Da so

viele Militärrollen vorkommen", sagten sie, "sieht nichts betrübter

aus, als Menschen, die nicht die mindeste Dressur zeigen, in

Hauptmanns- und Majorsuniform auf dem Theater herumschwanken zu sehen."

Wilhelm und Laertes waren die ersten, die sich der Pädagogik eines

Unteroffiziers unterwarfen, und setzten dabei ihre Fechtübungen mit

großer Anstrengung fort.

So viel Mühe gaben sich beide Männer mit der Ausbildung einer

Gesellschaft, die sich so glücklich zusammengefunden hatte. Sie

sorgten für die künftige Zufriedenheit des Publikums, indes sich

dieses über ihre entschiedene Liebhaberei gelegentlich aufhielt. Man

wußte nicht, wieviel Ursache man hatte, ihnen dankbar zu sein,

besonders da sie nicht versäumten, den Schauspielern oft den

Hauptpunkt einzuschärfen, daß es nämlich ihre Pflicht sei, laut und

vernehmlich zu sprechen. Sie fanden hierbei mehr Widerstand und

Unwillen, als sie anfangs gedacht hatten. Die meisten wollten so

gehört sein, wie sie sprachen, und wenige bemühten sich, so zu

sprechen, daß man sie hören könnte. Einige schoben den Fehler aufs

Gebäude, andere sagten, man könne doch nicht schreien, wenn man

natürlich, heimlich oder zärtlich zu sprechen habe.

Unsre Theaterfreunde, die eine unsägliche Geduld hatten, suchten auf

alle Weise diese Verwirrung zu lösen, diesem Eigensinne beizukommen.

Sie sparten weder Gründe noch Schmeicheleien und erreichten zuletzt

doch ihren Endzweck, wobei ihnen das gute Beispiel Wilhelms besonders

zustatten kam. Er bat sich aus, daß sie sich bei den Proben in die

entferntesten Ecken setzen und, sobald sie ihn nicht vollkommen

verstanden, mit dem Schlüssel auf die Bank pochen möchten. Er

artikulierte gut, sprach gemäßigt aus, steigerte den Ton stufenweise

und überschrie sich nicht in den heftigsten Stellen. Die pochenden

Schlüssel hörte man bei jeder Probe weniger; nach und nach ließen sich

die andern dieselbe Operation gefallen, und man konnte hoffen, daß das

Stück endlich in allen Winkeln des Hauses von jedermann würde

verstanden werden.

Man sieht aus diesem Beispiel, wie gern die Menschen ihren Zweck nur

auf ihre eigene Weise erreichen möchten, wieviel Not man hat, ihnen

begreiflich zu machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und

wie schwer es ist, denjenigen, der etwas zu leisten wünscht, zur

Erkenntnis der ersten Bedingungen zu bringen, unter denen sein

Vorhaben allein möglich wird.

V. Buch, 9. Kapitel

Neuntes Kapitel

Man fuhr nun fort, die nötigen Anstalten zu Dekorationen und Kleidern,

und was sonst erforderlich war, zu machen. über einige Szenen und

Stellen hatte Wilhelm besondere Grillen, denen Serlo nachgab, teils in

Rücksicht auf den Kontrakt, teils aus überzeugung und weil er hoffte,

Wilhelmen durch diese Gefälligkeit zu gewinnen und in der Folge desto

mehr nach seinen Absichten zu lenken.

So sollte zum Beispiel König und Königin bei der ersten Audienz auf

dem Throne sitzend erscheinen, die Hofleute an den Seiten und Hamlet

unbedeutend unter ihnen stehen. "Hamlet", sagte er, "muß sich ruhig

verhalten; seine schwarze Kleidung unterscheidet ihn schon genug. Er

muß sich eher verbergen als zum Vorschein kommen. Nur dann, wenn die

Audienz geendigt ist, wenn der König mit ihm als Sohn spricht, dann

mag er herbeitreten und die Szene ihren Gang gehen."

Noch eine Hauptschwierigkeit machten die beiden Gemälde, auf die sich

Hamlet in der Szene mit seiner Mutter so heftig bezieht. "Mir sollen",

sagte Wilhelm, "in Lebensgröße beide im Grunde des Zimmers neben der

Haupttüre sichtbar sein, und zwar muß der alte König in völliger

Rüstung, wie der Geist, auf ebender Seite hängen, wo dieser

hervortritt. Ich wünsche, daß die Figur mit der rechten Hand eine

befehlende Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam über die

Schulter sehe, damit sie dem Geiste völlig gleiche in dem Augenblicke,

da dieser zur Türe hinausgeht. Es wird eine sehr große Wirkung tun,

wenn in diesem Augenblick Hamlet nach dem Geiste und die Königin nach

dem Bilde sieht. Der Stiefvater mag dann im königlichen Ornat, doch

unscheinbarer als jener, vorgestellt werden."

So gab es noch verschiedene Punkte, von denen wir zu sprechen

vielleicht Gelegenheit haben.

"Sind Sie auch unerbittlich, daß Hamlet am Ende sterben muß?" fragte

Serlo.

"Wie kann ich ihn am Leben erhalten", sagte Wilhelm, "da ihn das ganze

Stück zu Tode drückt? Wir haben ja schon so weitläufig darüber

gesprochen."

"Aber das Publikum wünscht ihn lebendig.'

"Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist's

unmöglich. Wir wünschen auch, daß ein braver, nützlicher Mann, der an

einer chronischen Krankheit stirbt, noch länger leben möge. Die

Familie weint und beschwört den Arzt, der ihn nicht halten kann: und

sowenig als dieser einer Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag,

sowenig können wir einer anerkannten Kunstnotwendigkeit gebieten. Es

ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die

Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht, die sie haben

sollen."

"Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen."

"Gewissermaßen; aber ein großes Publikum verdient, daß man es achte,

daß man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will,

behandle. Man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gefühl und

Geschmack für das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem

Vergnügen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei

dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie

einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es künftig

aufzuklären; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den

man nutzt, zu verewigen."

So handelten sie noch manches ab, das sich besonders auf die Frage

bezog: was man noch etwa an dem Stücke verändern dürfe und was

unberührt bleiben müsse. Wir lassen uns hierauf nicht weiter ein,

sondern legen vielleicht künftig die neue Bearbeitung "Hamlets" selbst

demjenigen Teile unsrer Leser vor, der sich etwa dafür interessieren

könnte.

V. Buch, 10. Kapitel

Zehntes Kapitel

Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte übermäßig lange gedauert. Serlo

und Wilhelm fanden noch manches zu besorgen: denn ungeachtet der

vielen Zeit, die man zur Vorbereitung verwendet hatte, waren doch sehr

notwendige Anstalten bis auf den letzten Augenblick verschoben worden.

So waren zum Beispiel die Gemälde der beiden Könige noch nicht fertig,

und die Szene zwischen Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so

großen Effekt hoffte, sah noch sehr mager aus, indem weder der Geist

noch sein gemaltes Ebenbild dabei gegenwärtig war. Serlo scherzte bei

dieser Gelegenheit und sagte: "Wir wären doch im Grunde recht übel

angeführt, wenn der Geist ausbliebe, die Wache wirklich mit der Luft

fechten und unser Souffleur aus der Kulisse den Vortrag des Geistes

supplieren müßte."

"Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch unsern Unglauben

verscheuchen", versetzte Wilhelm; "er kommt gewiß zur rechten Zeit und

wird uns so gut als die Zuschauer überraschen."

"Gewiß", rief Serlo, "ich werde froh sein, wenn das Stück morgen

gegeben ist: es macht uns mehr Umstände, als ich geglaubt habe."

"Aber niemand in der Welt wird froher sein als ich, wenn das Stück

morgen gespielt ist", versetzte Philine, "sowenig mich meine Rolle

drückt. Denn immer und ewig von einer Sache reden zu hören, wobei

doch nichts weiter herauskommt als eine Repräsentation, die, wie so

viele hundert andere, vergessen werden wird, dazu will meine Geduld

nicht hinreichen. Macht doch in Gottes Namen nicht soviel Umstände!

Die Gäste, die vom Tische aufstehen, haben nachher an jedem Gerichte

was auszusetzen; ja wenn man sie zu Hause reden hört, so ist es ihnen

kaum begreiflich, wie sie eine solche Not haben ausstehen können."

"Lassen Sie mich Ihr Gleichnis zu meinem Vorteile brauchen, schönes

Kind", versetzte Wilhelm. "Bedenken Sie, was Natur und Kunst, was

Handel, Gewerke und Gewerbe zusammen schaffen müssen, bis ein Gastmahl

gegeben werden kann. Wieviel Jahre muß der Hirsch im Walde, der Fisch

im Fluß oder Meere zubringen, bis er unsre Tafel zu besetzen würdig

ist, und was hat die Hausfrau, die Köchin nicht alles in der Küche zu

tun! Mit welcher Nachlässigkeit schlürft man die Sorge des

entferntesten Winzers, des Schiffers, des Kellermeisters beim

Nachtische hinunter, als müsse es nur so sein. Und sollten deswegen

alle diese Menschen nicht arbeiten, nicht schaffen und bereiten,

sollte der Hausherr das alles nicht sorgfältig zusammenbringen und

zusammenhalten, weil am Ende der Genuß nur vorübergehend ist? Aber

kein Genuß ist vorübergehend: denn der Eindruck, den er zurückläßt,

ist bleibend, und was man mit Fleiß und Anstrengung tut, teilt dem

Zuschauer selbst eine verborgene Kraft mit, von der man nicht wissen

kann, wie weit sie wirkt."

"Mir ist alles einerlei", versetzte Philine, "nur muß ich auch diesmal

erfahren, daß Männer immer im Widerspruch mit sich selbst sind. Bei

all eurer Gewissenhaftigkeit, den großen Autor nicht verstümmeln zu

wollen, laßt ihr doch den schönsten Gedanken aus dem Stücke."

"Den schönsten?" rief Wilhelm.

"Gewiß den schönsten, auf den sich Hamlet selbst was zugute tut."

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 5 · 第 2 / 6 段