Ver.04.29.93*END*
This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.
Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5
Johann Wolfgang von Goethe
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten Wunden abermals eine
frische dritte, die ihm nicht wenig unbequem war. Aurelie wollte
nicht zugeben, daß er sich eines Wundarztes bediente; sie selbst
verband ihn unter allerlei wunderlichen Reden, Zeremonien und Sprüchen
und setzte ihn dadurch in eine sehr peinliche Lage. Doch nicht er
allein, sondern alle Personen, die sich in ihrer Nähe befanden, litten
durch ihre Unruhe und Sonderbarkeit; niemand aber mehr als der kleine
Felix. Das lebhafte Kind war unter einem solchen Druck höchst
ungeduldig und zeigte sich immer unartiger, je mehr sie es tadelte und
zurechtwies.
Der Knabe gefiel sich in gewissen Eigenheiten, die man auch Unarten zu
nennen pflegt und die sie ihm keinesweges nachzusehen gedachte. Er
trank zum Beispiel lieber aus der Flasche als aus dem Glase, und
offenbar schmeckten ihm die Speisen aus der Schüssel besser als von
dem Teller. Eine solche Unschicklichkeit wurde nicht übersehen, und
wenn er nun gar die Türe aufließ oder zuschlug und, wenn ihm etwas
befohlen wurde, entweder nicht von der Stelle wich oder ungestüm
davonrannte, so mußte er eine große Lektion anhören, ohne daß er
darauf je einige Besserung hätte spüren lassen. Vielmehr schien die
Neigung zu Aurelien sich täglich mehr zu verlieren; in seinem Tone war
nichts Zärtliches, wenn er sie Mutter nannte, er hing vielmehr
leidenschaftlich an der alten Amme, die ihm denn freilich allen Willen
ließ.
Aber auch diese war seit einiger Zeit so krank geworden, daß man sie
aus dem Hause in ein stilles Quartier bringen mußte, und Felix hätte
sich ganz allein gesehen, wäre nicht Mignon auch ihm als ein
liebevoller Schutzgeist erschienen. Auf das artigste unterhielten
sich beide Kinder miteinander; sie lehrte ihm kleine Lieder, und er,
der ein sehr gutes Gedächtnis hatte, rezitierte sie oft zur
Verwunderung der Zuhörer. Auch wollte sie ihm die Landkarten erklären,
mit denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie jedoch nicht mit
der besten Methode verfuhr. Denn eigentlich schien sie bei den
Ländern kein besonderes Interesse zu haben, als ob sie kalt oder warm
seien. Von den Weltpolen, von dem schrecklichen Eise daselbst und von
der zunehmenden Wärme, je mehr man sich von ihnen entfernte, wußte sie
sehr gut Rechenschaft zu geben. Wenn jemand reiste, fragte sie nur,
ob er nach Norden oder nach Süden gehe, und bemühte sich, die Wege auf
ihren kleinen Karten aufzufinden. Besonders wenn Wilhelm von Reisen
sprach, war sie sehr aufmerksam und schien sich immer zu betrüben,
sobald das Gespräch auf eine andere Materie überging. Sowenig man sie
bereden konnte, eine Rolle zu übernehmen oder auch nur, wenn gespielt
wurde, auf das Theater zu gehen, so gern und fleißig lernte sie Oden
und Lieder auswendig und erregte, wenn sie ein solches Gedicht,
gewöhnlich von der ernsten und feierlichen Art, oft unvermutet wie aus
dem Stegreife deklamierte, bei jedermann Erstaunen.
Serlo, der auf jede Spur eines aufkeimenden Talentes zu achten gewohnt
war, suchte sie aufzumuntern; am meisten aber empfahl sie sich ihm
durch einen sehr artigen, mannigfaltigen und manchmal selbst muntern
Gesang, und auf ebendiesem Wege hatte sich der Harfenspieler seine
Gunst erworben.
Serlo, ohne selbst Genie zur Musik zu haben oder irgendein Instrument
zu spielen, wußte ihren hohen Wert zu schätzen; er suchte sich sooft
als möglich diesen Genuß, der mit keinem andern verglichen werden kann,
zu verschaffen. Er hatte wöchentlich einmal Konzert, und nun hatte
sich ihm durch Mignon, den Harfenspieler und Laertes, der auf der
Violine nicht ungeschickt war, eine wunderliche kleine Hauskapelle
gebildet.
Er pflegte zu sagen: "Der Mensch ist so geneigt, sich mir dem
Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen
die Eindrücke des Schönen und Vollkommenen ab, daß man die Fähigkeit,
es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. Denn einen
solchen Genuß kann niemand ganz entbehren, und nur die Ungewohntheit,
etwas Gutes zu genießen, ist Ursache, daß viele Menschen schon am
Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergnügen finden.
Man sollte", sagte er, "alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,
ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es
möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen."
Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermaßen natürlich waren,
konnte es den Personen, die ihn umgaben, nicht an angenehmer
Unterhaltung fehlen. Mitten in diesem vergnüglichen Zustande brachte
man Wilhelmen eines Tags einen schwarzgesiegelten Brief. Werners
Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht, und er erschrak nicht
wenig, als er den Tod seines Vaters nur mit einigen Worten angezeigt
fand. Nach einer unerwarteten, kurzen Krankheit war er aus der Welt
gegangen und hatte seine häuslichen Angelegenheiten in der besten
Ordnung hinterlassen.
Diese unvermutete Nachricht traf Wilhelmen im Innersten. Er fühlte
tief, wie unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, solange sie
sich mit uns des irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachlässigt und
nur dann erst die Versäumnis bereut, wenn das schöne Verhältnis
wenigstens für diesmal aufgehoben ist. Auch konnte der Schmerz über
das zeitige Absterben des braven Mannes nur durch das Gefühl gelindert
werden, daß er auf der Welt wenig geliebt, und durch die überzeugung,
daß er wenig genossen habe.
Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf seine eigenen Verhältnisse,
und er fühlte sich nicht wenig beunruhigt. Der Mensch kann in keine
gefährlichere Lage versetzt werden, als wenn durch äußere Umstände
eine große Veränderung seines Zustandes bewirkt wird, ohne daß seine
Art zu empfinden und zu denken darauf vorbereitet ist. Es gibt
alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht nur ein desto
größerer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, daß er zu dem
neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.
Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich
selbst noch nicht einig werden konnte. Seine Gesinnungen waren edel,
seine Absichten lauter, und seine Vorsätze schienen nicht verwerflich.
Das alles durfte er sich mit einigem Zutrauen selbst bekennen; allein
er hatte Gelegenheit genug gehabt zu bemerken, daß es ihm an Erfahrung
fehle, und er legte daher auf die Erfahrung anderer und auf die
Resultate, die sie daraus mit überzeugung ableiteten, einen
übermäßigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was ihm
fehlte, glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles Denkwürdige,
was ihm in Büchern und im Gespräch vorkommen mochte, zu erhalten und
zu sammeln unternähme. Er schrieb daher fremde und eigene Meinungen
und Ideen, ja ganze Gespräche, die ihm interessant waren, auf und
hielt leider auf diese Weise das Falsche so gut als das Wahre fest,
blieb viel zu lange an einer Idee, ja man möchte sagen an einer
Sentenz hängen und verließ dabei seine natürliche Denk- und
Handelsweise, indem er oft fremden Lichtern als Leitsternen folgte.
Aureliens Bitterkeit und seines Freundes Laertes kalte Verachtung der
Menschen bestachen öfter als billig war sein Urteil: niemand aber war
ihm gefährlicher gewesen als Jarno, ein Mann, dessen heller Verstand
von gegenwärtigen Dingen ein richtiges, strenges Urteil fällte, dabei
aber den Fehler hatte, daß er diese einzelnen Urteile mit einer Art
von Allgemeinheit aussprach, da doch die Aussprüche des Verstandes
eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmtesten Falle gelten und
schon unrichtig werden, wenn man sie auf den nächsten anwendet.
So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst einig zu werden
strebte, immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser
Verwirrung ward es seinen Leidenschaften um so leichter, alle
Zurüstungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und ihn über das, was er zu
tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.
Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich hatte er
auch täglich immer mehr Ursache, an eine andere Einrichtung seines
Schauspiels zu denken. Er mußte entweder seine alten Kontrakte
erneuern, wozu er keine große Lust hatte, indem mehrere Mitglieder,
die sich für unentbehrlich hielten, täglich unleidlicher wurden; oder
er mußte, wohin auch sein Wunsch ging, der Gesellschaft eine ganz neue
Gestalt geben.
Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er Aurelien und Philinen
auf; und die übrigen Gesellen, die sich nach Engagement sehnten,
ließen unserm Freunde gleichfalls keine Ruhe, so daß er mit ziemlicher
Verlegenheit an einem Scheidewege stand. Wer hätte gedacht, daß ein
Brief von Wernern, der ganz im entgegengesetzten Sinne geschrieben war,
ihn endlich zu einer Entschließung hindrängen sollte. Wir lassen nur
den Eingang weg und geben übrigens das Schreiben mit weniger
Veränderung.
V. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
"--So war es, und so muß es denn auch wohl recht sein, daß jeder bei
jeder Gelegenheit seinem Gewerbe nachgeht und seine Tätigkeit zeigt.
Der gute Alte war kaum verschieden, als auch in der nächsten
Viertelstunde schon nichts mehr nach seinem Sinne im Hause geschah.
Freunde, Bekannte und Verwandte drängten sich zu, besonders aber alle
Menschenarten, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu gewinnen haben.
Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; die einen
holten Wein und Kuchen, die andern tranken und aßen; niemanden sah ich
aber ernsthafter beschäftigt als die Weiber, indem sie die Trauer
aussuchten.
Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn ich bei dieser
Gelegenheit auch an meinen Vorteil dachte, mich deiner Schwester so
hilfreich und tätig als möglich zeigte und ihr, sobald es nur
einigermaßen schicklich war, begreiflich machte, daß es nunmehr unsre
Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die unsre Väter aus
allzugroßer Umständlichkeit bisher verzögert hatten.
Nun mußt du aber ja nicht denken, daß es uns eingefallen sei, das
große, leere Haus in Besitz zu nehmen. Wir sind bescheidner und
vernünftiger; unsern Plan sollst du hören. Deine Schwester zieht nach
der Heirat gleich in unser Haus herüber, und sogar auch deine Mutter
mit.
"Wie ist das möglich?" wirst du sagen; "ihr habt ja selbst in dem
Neste kaum Platz." Das ist eben die Kunst, mein Freund! Die
geschickte Einrichtung macht alles möglich, und du glaubst nicht,
wieviel Platz man findet, wenn man wenig Raum braucht. Das große Haus
verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute Gelegenheit darbietet; das
daraus gelöste Geld soll hundertfältige Zinsen tragen.
Ich hoffe, du bist damit einverstanden, und wünsche, daß du nichts von
den unfruchtbaren Liebhabereien deines Vaters und Großvaters geerbt
haben mögest. Dieser setzte seine höchste Glückseligkeit in eine
Anzahl unscheinbarer Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl sagen
niemand, mit ihm genießen konnte: jener lebte in einer kostbaren
Einrichtung, die er niemand mit sich genießen ließ. Wir wollen es
anders machen, und ich hoffe deine Beistimmung.
Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen Hause keinen Platz
als den an meinem Schreibepulte, und noch seh ich nicht ab, wo man
künftig eine Wiege hinsetzen will; aber dafür ist der Raum außer dem
Hause desto größer. Die Kaffeehäuser und Klubs für den Mann, die
Spaziergänge und Spazierfahrten für die Frau, und die schönen
Lustörter auf dem Lande für beide. Dabei ist der größte Vorteil, daß
auch unser runder Tisch ganz besetzt ist und es dem Vater unmöglich
wird, Freunde zu sehen, die sich nur desto leichtfertiger über ihn
aufhalten, je mehr er sich Mühe gegeben hat, sie zu bewirten.
Nur nichts überflüssiges im Hause! nur nicht zu viel Möbeln,
Gerätschaften, nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und
dann auf eine vernünftige Weise jeden Tag getan, was dir beliebt. Nur
keine Garderobe, immer das Neueste und Beste auf dem Leibe; der Mann
mag seinen Rock abtragen und die Frau den ihrigen vertrödeln, sobald
er nur einigermaßen aus der Mode kömmt. Es ist mir nichts
unerträglicher als so ein alter Kram von Besitztum. Wenn man mir den
kostbarsten Edelstein schenken wollte mit der Bedingung, ihn täglich
am Finger zu tragen, ich würde ihn nicht annehmen; denn wie läßt sich
bei einem toten Kapital nur irgendeine Freude denken? Das ist also
mein lustiges Glaubensbekenntnis: seine Geschäfte verrichtet, Geld
geschafft, sich mit den Seinigen lustig gemacht und um die übrige Welt
sich nicht mehr bekümmert, als insofern man sie nutzen kann.
Nun wirst du aber sagen: wie ist denn in eurem saubern Plane an mich
gedacht? Wo soll ich unterkommen, wenn ihr mir das väterliche Haus
verkauft und in dem eurigen nicht der mindeste Raum übrigbleibt?'
Das ist freilich der Hauptpunkt, Brüderchen, und auf den werde ich dir
gleich dienen können, wenn ich dir vorher das gebührende Lob über
deine vortrefflich angewendete Zeit werde entrichtet haben.
Sage nur, wie hast du es angefangen, in so wenigen Wochen ein Kenner
aller nützlichen und interessanten Gegenstände zu werden? Soviel
Fähigkeiten ich an dir kenne, hätte ich dir doch solche Aufmerksamkeit
und solchen Fleiß nicht zugetraut. Dein Tagebuch hat uns überzeugt,
mit welchem Nutzen du die Reise gemacht hast; die Beschreibung der
Eisen- und Kupferhämmer ist vortrefflich und zeigt von vieler Einsicht
in die Sache. Ich habe sie ehemals auch besucht; aber meine Relation,
wenn ich sie dagegenhalte, sieht sehr stümpermäßig aus. Der ganze
Brief über die Leinwandfabrikation ist lehrreich und die Anmerkung
über die Konkurrenz sehr treffend. An einigen Orten hast du Fehler in
der Addition gemacht, die jedoch sehr verzeihlich sind.
Was aber mich und meinen Vater am meisten und höchsten freut, sind
deine gründlichen Einsichten in die Bewirtschaftung und besonders in
die Verbesserung der Feldgüter. Wir haben Hoffnung, ein großes Gut,
das in Sequestration liegt, in einer sehr fruchtbaren Gegend zu
erkaufen. Wir wenden das Geld, das wir aus dem väterlichen Hause
lösen, dazu an; ein Teil wird geborgt, und ein Teil kann stehenbleiben;
und wir rechnen auf dich, daß du dahin ziehst, den Verbesserungen
vorstehst, und so kann, um nicht zuviel zu sagen, das Gut in einigen
Jahren um ein Drittel an Wert steigen; man verkauft es wieder, sucht
ein größeres, verbessert und handelt wieder, und dazu bist du der Mann.
Unsere Federn sollen indes zu Hause nicht müßig sein, und wir wollen
uns bald in einen beneidenswerten Zustand versetzen.
Jetzt lebe wohl! Genieße das Leben auf der Reise und ziehe hin, wo du
es vergnüglich und nützlich findest. Vor dem ersten halben Jahre
bedürfen wir deiner nicht; du kannst dich also nach Belieben in der
Welt umsehen: denn die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf
Reisen. Lebe wohl, ich freue mich, so nahe mit dir verbunden, auch
nunmehr im Geist der Tätigkeit mit dir vereint zu werden."
So gut dieser Brief geschrieben war und soviel ökonomische Wahrheiten
er enthalten mochte, mißfiel er doch Wilhelmen auf mehr als eine Weise.
Das Lob, das er über seine fingierten statistischen, technologischen
und ruralischen Kenntnisse erhielt, war ihm ein stiller Vorwurf; und
das Ideal, das ihm sein Schwager vom Glück des bürgerlichen Lebens
vorzeichnete, reizte ihn keineswegs; vielmehr ward er durch einen
heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit auf die
entgegengesetzte Seite getrieben. Er überzeugte sich, daß er nur auf
dem Theater die Bildung, die er sich zu geben wünschte, vollenden
könne, und schien in seinem Entschlusse nur desto mehr bestärkt zu
werden, je lebhafter Werner, ohne es zu wissen, sein Gegner geworden
war. Er faßte darauf alle seine Argumente zusammen und bestätigte bei
sich seine Meinung nur um desto mehr, je mehr er Ursache zu haben
glaubte, sie dem klugen Werner in einem günstigen Lichte darzustellen,
und auf diese Weise entstand eine Antwort, die wir gleichfalls
einrücken.
V. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
"Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht,
daß sich nichts mehr dazusetzen läßt. Du wirst mir aber verzeihen,
wenn ich sage, daß man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten
und tun und doch auch recht haben kann. Deine Art, zu sein und zu
denken, geht auf einen unbeschränkten Besitz und auf eine leichte,
lustige Art zu genießen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen, daß
ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.
Zuerst muß ich dir leider bekennen, daß mein Tagebuch aus Not, um
meinem Vater gefällig zu sein, mit Hülfe eines Freundes aus mehreren
Büchern zusammengeschrieben ist und daß ich wohl die darin enthaltenen
Sachen und noch mehrere dieser Art weiß, aber keineswegs verstehe noch
mich damit abgeben mag. Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabrizieren,
wenn mein eigenes Inneres voller Schlacken ist? und was, ein Landgut
in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber uneins bin?
Daß ich dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin,
auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine
Absicht. Noch hege ich ebendiese Gesinnungen, nur daß mir die Mittel,
die mir es möglich machen werden, etwas deutlicher sind. Ich habe
mehr Welt gesehen, als du glaubst, und sie besser benutzt, als du
denkst. Schenke deswegen dem, was ich sage, einige Aufmerksamkeit,
wenn es gleich nicht ganz nach deinem Sinne sein sollte.
Wäre ich ein Edelmann, so wäre unser Streit bald abgetan; da ich aber
nur ein Bürger bin, so muß ich einen eigenen Weg nehmen, und ich
wünsche, daß du mich verstehen mögest. Ich weiß nicht, wie es in
fremden Ländern ist, aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine
gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf personelle Ausbildung möglich.
Ein Bürger kann sich Verdienst erwerben und zur höchsten Not seinen
Geist ausbilden; seine Persönlichkeit geht aber verloren, er mag sich
stellen, wie er will. Indem es dem Edelmann, der mit den Vornehmsten
umgeht, zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen Anstand zu geben,
indem dieser Anstand, da ihm weder Tür noch Tor verschlossen ist, zu
einem freien Anstand wird, da er mit seiner Figur, mit seiner Person,
es sei bei Hofe oder bei der Armee, bezahlen muß: so hat er Ursache,
etwas auf sie zu halten und zu zeigen, daß er etwas auf sie hält.
Eine gewisse feierliche Grazie bei gewöhnlichen Dingen, eine Art von
leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen kleidet ihn
wohl, weil er sehen läßt, daß er überall im Gleichgewicht steht. Er
ist eine öffentliche Person, und je ausgebildeter seine Bewegungen, je
sonorer seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes Wesen
ist, desto vollkommner ist er. Wenn er gegen Hohe und Niedre, gegen
Freunde und Verwandte immer ebenderselbe bleibt, so ist nichts an ihm
auszusetzen, man darf ihn nicht anders wünschen. Er sei kalt, aber
verständig; verstellt, aber klug. Wenn er sich äußerlich in jedem
Momente seines Lebens zu beherrschen weiß, so hat niemand eine weitere
Forderung an ihn zu machen, und alles übrige, was er an und um sich
hat, Fähigkeit, Talent, Reichtum, alles scheinen nur Zugaben zu sein.
Nun denke dir irgendeinen Bürger, der an jene Vorzüge nur einigen
Anspruch zu machen gedächte; durchaus muß es ihm mißlingen, und er
müßte desto unglücklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu jener
Art zu sein Fähigkeit und Trieb gegeben hätte.
Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man
aus ihm Könige oder königähnliche Figuren erschaffen kann, so darf er
überall mit einem stillen Bewußtsein vor seinesgleichen treten; er
darf überall vorwärtsdringen, anstatt daß dem Bürger nichts besser
ansteht als das reine, stille Gefühl der Grenzlinie, die ihm gezogen
ist. Er darf nicht fragen: "Was bist du?" sondern nur: "Was hast du?
welche Einsicht, welche Kenntnis, welche Fähigkeit, wieviel Vermögen?"
Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles gibt, so
gibt der Bürger durch seine Persönlichkeit nichts und soll nichts
geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein, und was er
scheinen will, ist lächerlich oder abgeschmackt. Jener soll tun und
wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten
ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt,
daß in seinem Wesen keine Harmonie sei noch sein dürfe, weil er, um
sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen
muß.
An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmaßung der Edelleute und
die Nachgiebigkeit der Bürger, sondern die Verfassung der Gesellschaft
selbst schuld; ob sich daran einmal etwas ändern wird und was sich
ändern wird, bekümmert mich wenig; genug, ich habe, wie die Sachen
jetzt stehen, an mich selbst zu denken und wie ich mich selbst und das,
was mir ein unerläßliches Bedürfnis ist, rette und erreiche.
Ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen Ausbildung meiner
Natur, die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung.
Ich habe, seit ich dich verlassen, durch Leibesübung viel gewonnen;
ich habe viel von meiner gewöhnlichen Verlegenheit abgelegt und stelle
mich so ziemlich dar. Ebenso habe ich meine Sprache und Stimme
ausgebildet, und ich darf ohne Eitelkeit sagen, daß ich in
Gesellschaften nicht mißfalle. Nun leugne ich dir nicht, daß mein
Trieb täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche Person zu sein
und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kömmt
meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung
steht, und das Bedürfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden,
damit ich nach und nach auch bei dem Genuß, den ich nicht entbehren
kann, nur das Gute wirklich für gut, und das Schöne für schön halte.
Du siehst wohl, daß das alles für mich nur auf dem Theater zu finden
ist und daß ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch rühren
und ausbilden kann. Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch
so gut persönlich in seinem Glanz als in den obern Klassen; Geist und
Körper müssen bei jeder Bemühung gleichen Schritt gehen, und ich werde
da so gut sein und scheinen können als irgend anderswo. Suche ich
daneben noch Beschäftigungen, so gibt es dort mechanische Quälereien
genug, und ich kann meiner Geduld tägliche übung verschaffen.
Disputiere mit mir nicht darüber; denn eh du mir schreibst, ist der
Schritt schon geschehen. Wegen der herrschenden Vorurteile will ich
meinen Namen verändern, weil ich mich ohnehin schäme, als Meister
aufzutreten. Lebe wohl. Unser Vermögen ist in so guter Hand, daß ich
mich darum gar nicht bekümmere; was ich brauche, verlange ich
gelegentlich von dir; es wird nicht viel sein, denn ich hoffe, daß
mich meine Kunst auch nähren soll."
Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm auf der Stelle Wort hielt
und zu Serlos und der übrigen großen Verwunderung sich auf einmal
erklärte: daß er sich zum Schauspieler widme und einen Kontrakt auf
billige Bedingungen eingehen wolle. Man war hierüber bald einig, denn
Serlo hatte schon früher sich so erklärt, daß Wilhelm und die übrigen
damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die ganze verunglückte
Gesellschaft, mit der wir uns so lange unterhalten haben, ward auf
einmal angenommen, ohne daß jedoch, außer etwa Laertes, sich einer
gegen Wilhelmen dankbar erzeigt hätte. Wie sie ohne Zutrauen
gefordert hatten, so empfingen sie ohne Dank. Die meisten wollten
lieber ihre Anstellung dem Einflusse Philinens zuschreiben und
richteten ihre Danksagungen an sie. Indessen wurden die
ausgefertigten Kontrakte unterschrieben, und durch eine unerklärliche
Verknüpfung von Ideen entstand vor Wilhelms Einbildungskraft in dem
Augenblicke, als er seinen fingierten Namen unterzeichnete, das Bild
jenes Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schoß gelegen. Auf
einem Schimmel kam die liebenswürdige Amazone aus den Büschen, nahte
sich ihm und stieg ab. Ihr menschenfreundliches Bemühen hieß sie
gehen und kommen; endlich stand sie vor ihm. Das Kleid fiel von ihren
Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt fing an zu glänzen, und sie
verschwand. So schrieb er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne zu
wissen, was er tat, und fühlte erst, nachdem er unterzeichnet hatte,
daß Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand
leise wegzuziehen versucht hatte.
V. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich aufs Theater begab, war
von Serlo nicht ohne Einschränkung zugestanden worden. Jener
verlangte, daß "Hamlet" ganz und unzerstückt aufgeführt werden sollte,
und dieser ließ sich das wunderliche Begehren insofern gefallen, als
es möglich sein würde. Nun hatten sie hierüber bisher manchen Streit
gehabt; denn was möglich oder nicht möglich sei und was man von dem
Stück weglassen könne, ohne es zu zerstücken, darüber waren beide sehr
verschiedener Meinung.
Wilhelm befand sich noch in den glücklichen Zeiten, da man nicht
begreifen kann, daß an einem geliebten Mädchen, an einem verehrten
Schriftsteller irgend etwas mangelhaft sein könne. Unsere Empfindung
von ihnen ist so ganz, so mit sich selbst übereinstimmend, daß wir uns
auch in ihnen eine solche vollkommene Harmonie denken müssen. Serlo
hingegen sonderte gern und beinah zuviel; sein scharfer Verstand
wollte in einem Kunstwerke gewöhnlich nur ein mehr oder weniger
unvollkommenes Ganze erkennen. Er glaubte, so wie man die Stücke
finde, habe man wenig Ursache, mit ihnen so gar bedächtig umzugehen,
und so mußte auch Shakespeare, so mußte besonders "Hamlet" vieles
leiden.
Wilhelm wollte gar nicht hören, wenn jener von der Absonderung der
Spreu von dem Weizen sprach. "Es ist nicht Spreu und Weizen
durcheinander", rief dieser, "es ist ein Stamm, äste, Zweige, Blätter,
Knospen, Blüten und Früchte. Ist nicht eins mit dem andern und durch
das andere?" Jener behauptete, man bringe nicht den ganzen Stamm auf
den Tisch; der Künstler müsse goldene äpfel in silbernen Schalen
seinen Gästen reichen. Sie erschöpften sich in Gleichnissen, und ihre
Meinungen schienen sich immer weiter voneinander zu entfernen.
Gar verzweifeln wollte unser Freund, als Serlo ihm einst nach langem
Streit das einfachste Mittel anriet, sich kurz zu resolvieren, die
Feder zu ergreifen und in dem Trauerspiele, was eben nicht gehen wolle
noch könne, abzustreichen, mehrere Personen in eine zu drängen, und
wenn er mit dieser Art noch nicht bekannt genug sei oder noch nicht
Herz genug dazu habe, so solle er ihm die Arbeit überlassen, und er
wolle bald fertig sein.
"Das ist nicht unserer Abrede gemäß", versetzte Wilhelm. "Wie können
Sie bei soviel Geschmack so leichtsinnig sein?"
"Mein Freund", rief Serlo aus, "Sie werden es auch schon werden. Ich
kenne das Abscheuliche dieser Manier nur zu wohl, die vielleicht noch
auf keinem Theater in der Welt stattgefunden hat. Aber wo ist auch
eins so verwahrlost als das unsere? Zu dieser ekelhaften
Verstümmelung zwingen uns die Autoren, und das Publikum erlaubt sie.
Wieviel Stücke haben wir denn, die nicht über das Maß des Personals,
der Dekorationen und Theatermechanik, der Zeit, des Dialogs und der
physischen Kräfte des Akteurs hinausschritten? Und doch sollen wir
spielen und immer spielen und immer neu spielen. Sollen wir uns dabei
nicht unsers Vorteils bedienen, da wir mit zerstückelten Werken
ebensoviel ausrichten als mit ganzen? Setzt uns das Publikum doch
selbst in den Vorteil! Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige
Menschen aller neuern Nationen haben Gefühl für ein ästhetisches Ganze;
sie loben und tadeln nur stellenweise; sie entzücken sich nur
stellenweise: und für wen ist das ein größeres Glück als für den
Schauspieler, da das Theater immer nur ein gestoppeltes und
gestückeltes Wesen bleibt."
"Ist!" versetzte Wilhelm; "aber muß es denn auch so bleiben, muß denn
alles bleiben, was ist? überzeugen Sie mich ja nicht, daß Sie recht
haben; denn keine Macht in der Welt würde mich bewegen können, einen
Kontrakt zu halten, den ich nur im gröbsten Irrtum geschlossen hätte."
Serlo gab der Sache eine lustige Wendung und ersuchte Wilhelmen, ihre
öftern Gespräche über "Hamlet" nochmals zu bedenken und selbst die
Mittel zu einer glücklichen Bearbeitung zu ersinnen.
Nach einigen Tagen, die er in der Einsamkeit zugebracht hatte, kam
Wilhelm mit frohem Blicke zurück. "Ich müßte mich sehr irren", rief
er aus, "wenn ich nicht gefunden hätte, wie dem Ganzen zu helfen ist;
ja ich bin überzeugt, daß Shakespeare es selbst so würde gemacht haben,
wenn sein Genie nicht auf die Hauptsache so sehr gerichtet und nicht
vielleicht durch die Novellen, nach denen er arbeitete, verführt
worden wäre."
"Lassen Sie hören", sagte Serlo, indem er sich gravitätisch aufs
Kanapee setzte; "ich werde ruhig aufhorchen, aber auch desto strenger
richten."
Wilhelm versetzte: "Mir ist nicht bange; hören Sie nur. Ich
unterscheide nach der genausten Untersuchung, nach der reiflichsten
überlegung in der Komposition dieses Stücks zweierlei: das erste sind
die großen innern Verhältnisse der Personen und der Begebenheiten, die
mächtigen Wirkungen, die aus den Charakteren und Handlungen der
Hauptfiguren entstehen, und diese sind einzeln vortrefflich und die
Folge, in der sie aufgestellt sind, unverbesserlich. Sie können durch
keine Art von Behandlung zerstört, ja kaum verunstaltet werden. Diese
sind's, die jedermann zu sehen verlangt, die niemand anzutasten wagt,
die sich tief in die Seele eindrücken und die man, wie ich höre,
beinahe alle auf das deutsche Theater gebracht hat. Nur hat man, wie
ich glaube, darin gefehlt, daß man das zweite, was bei diesem Stück zu
bemerken ist, ich meine die äußern Verhältnisse der Personen, wodurch
sie von einem Orte zum andern gebracht oder auf diese und jene Weise
durch gewisse zufällige Begebenheiten verbunden werden, für allzu
unbedeutend angesehen, nur im Vorbeigehn davon gesprochen oder sie gar
weggelassen hat. Freilich sind diese Fäden nur dünn und lose, aber
sie gehen doch durch's ganze Stück und halten zusammen, was sonst
auseinanderfiele, auch wirklich auseinanderfällt, wenn man sie
wegschneidet und ein übriges getan zu haben glaubt, daß man die Enden
stehenläßt.
Zu diesen äußern Verhältnissen zähle ich die Unruhen in Norwegen, den
Krieg mit dem jungen Fortinbras, die Gesandtschaft an den alten Oheim,
den geschlichteten Zwist, den Zug des jungen Fortinbras nach Polen und
seine Rückkehr am Ende; angleichen die Rückkehr des Horatio von
Wittenberg, die Lust Hamlets, dahin zu gehen, die Reise des Laertes
nach Frankreich, seine Rückkunft, die Verschickung Hamlets nach
England, seine Gefangenschaft beim Seeräuber, der Tod der beiden
Hofleute auf den Uriasbrief: alles dieses sind Umstände und
Begebenheiten, die einen Roman weit und breit machen können, die aber
der Einheit dieses Stücks, in dem besonders der Held keinen Plan hat,
auf das äußerste schaden und höchst fehlerhaft sind."
"So höre ich Sie einmal gerne!" rief Serlo.
"Fallen Sie mir nicht ein", versetzte Wilhelm, "Sie möchten mich nicht
immer loben. Diese Fehler sind wie flüchtige Stützen eines Gebäudes,
die man nicht wegnehmen darf, ohne vorher eine feste Mauer
unterzuziehen. Mein Vorschlag ist also, an jenen ersten, großen
Situationen gar nicht zu rühren, sondern sie sowohl im ganzen als
einzelnen möglichst zu schonen, aber diese äußern, einzelnen,
zerstreuten und zerstreuenden Motive alle auf einmal wegzuwerfen und
ihnen ein einziges zu substituieren."
"Und das wäre?" fragte Serlo, indem er sich aus seiner ruhigen
Stellung aufhob.
"Es liegt auch schon im Stücke", erwiderte Wilhelm, "nur mache ich den
rechten Gebrauch davon. Es sind die Unruhen in Norwegen. Hier haben
Sie meinen Plan zur Prüfung.
Nach dem Tode des alten Hamlet werden die erst eroberten Norweger
unruhig. Der dortige Statthalter schickt seinen Sohn Horatio, einen
alten Schulfreund Hamlets, der aber an Tapferkeit und Lebensklugheit
allen andern vorgelaufen ist, nach Dänemark, auf die Ausrüstung der
Flotte zu dringen, welche unter dem neuen, der Schwelgerei ergebenen
König nur saumselig vonstatten geht. Horatio kennt den alten König,
denn er hat seinen letzten Schlachten beigewohnt, hat bei ihm in
Gunsten gestanden, und die erste Geisterszene wird dadurch nicht
verlieren. Der neue König gibt sodann dem Horatio Audienz und schickt
den Laertes nach Norwegen mit der Nachricht, daß die Flotte bald
anlanden werde, indes Horatio den Auftrag erhält, die Rüstung
derselben zu beschleunigen; dagegen will die Mutter nicht einwilligen,
daß Hamlet, wie er wünschte, mit Horatio zur See gehe."
"Gott sei Dank!" rief Serlo, "so werden wir auch Wittenberg und die
hohe Schule los, die mir immer ein leidiger Anstoß war. Ich finde
Ihren Gedanken recht gut: denn außer den zwei einzigen fernen Bildern,
Norwegen und der Flotte, braucht der Zuschauer sich nichts zu denken;
das übrige sieht er alles, das übrige geht alles vor, anstatt daß
sonst seine Einbildungskraft in der ganzen Welt herumgejagt würde."
"Sie sehen leicht", versetzte Wilhelm, "wie ich nunmehr auch das
übrige zusammenhalten kann. Wenn Hamlet dem Horatio die Missetat
seines Stiefvaters entdeckt, so rät ihm dieser, mit nach Norwegen zu
gehen, sich der Armee zu versichern und mit gewaffneter Hand
zurückzukehren. Da Hamlet dem König und der Königin zu gefährlich
wird, haben sie kein näheres Mittel, ihn loszuwerden, als ihn nach der
Flotte zu schicken und ihm Rosenkranz und Güldenstern zu Beobachtern
mitzugeben; und da indes Laertes zurückkommt, soll dieser bis zum
Meuchelmord erhitzte Jüngling ihm nachgeschickt werden. Die Flotte
bleibt wegen ungünstigen Windes liegen; Hamlet kehrt nochmals zurück,
seine Wanderung über den Kirchhof kann vielleicht glücklich motiviert
werden; sein Zusammentreffen mit Laertes in Opheliens Grabe ist ein
großer, unentbehrlicher Moment. Hierauf mag der König bedenken, daß
es besser sei, Hamlet auf der Stelle loszuwerden; das Fest der Abreise,
der scheinbaren Versöhnung mit Laertes wird nun feierlich begangen,
wobei man Ritterspiele hält und auch Hamlet und Laertes fechten. Ohne
die vier Leichen kann ich das Stück nicht schließen; es darf niemand
übrigbleiben. Hamlet gibt, da nun das Wahlrecht des Volks wieder
eintritt, seine Stimme sterbend dem Horatio."
"Nur geschwind", versetzte Serlo, "setzen Sie sich hin und arbeiten
das Stück aus; die Idee hat völlig meinen Beifall; nur daß die Lust
nicht verraucht."
V. Buch, 5. Kapitel
Fünftes Kapitel
Wilhelm hatte sich schon lange mit einer übersetzung "Hamlets"
abgegeben; er hatte sich dabei der geistvollen Wielandschen Arbeit
bedient, durch die er überhaupt Shakespearen zuerst kennenlernte. Was
in derselben ausgelassen war, fügte er hinzu, und so war er im Besitz
eines vollständigen Exemplars in dem Augenblicke, da er mit Serlo über
die Behandlung so ziemlich einig geworden war. Er fing nun an, nach
seinem Plane auszuheben und einzuschieben, zu trennen und zu verbinden,
zu verändern und oft wiederherzustellen; denn so zufrieden er auch
mit seiner Idee war, so schien ihm doch bei der Ausführung immer, daß
das Original nur verdorben werde.
Sobald er fertig war, las er es Serlo und der übrigen Gesellschaft vor.
Sie bezeugten sich sehr zufrieden damit; besonders machte Serlo
manche günstige Bemerkung.
"Sie haben", sagte er unter anderm, "sehr richtig empfunden, daß
äußere Umstände dieses Stück begleiten, aber einfacher sein müssen,
als sie uns der große Dichter gegeben hat. Was außer dem Theater
vorgeht, was der Zuschauer nicht sieht, was er sich vorstellen muß,
ist wie ein Hintergrund, vor dem die spielenden Figuren sich bewegen.
Die große, einfache Aussicht auf die Flotte und Norwegen wird dem
Stücke sehr gut tun; nähme man sie ganz weg, so ist es nur eine
Familienszene, und der große Begriff, daß hier ein ganzes königliches
Haus durch innere Verbrechen und Ungeschicklichkeiten zugrunde geht,
wird nicht in seiner ganzen Würde dargestellt. Bliebe aber jener
Hintergrund selbst mannigfaltig, beweglich, konfus: so täte er dem
Eindrucke der Figuren Schaden."
Wilhelm nahm nun wieder die Partie Shakespeares und zeigte, daß er für
Insulaner geschrieben habe, für Engländer, die selbst im Hintergrunde
nur Schiffe und Seereisen, die Küste von Frankreich und Kaper zu sehen
gewohnt sind, und daß, was jenen etwas ganz Gewöhnliches sei, uns
schon zerstreue und verwirre.
Serlo mußte nachgeben, und beide stimmten darin überein, daß, da das
Stück nun einmal auf das deutsche Theater solle, dieser ernstere,
einfachere Hintergrund für unsre Vorstellungsart am besten passen
werde.
Die Rollen hatte man schon früher ausgeteilt; den Polonius übernahm
Serlo; Aurelie Ophelien; Laertes war durch seinen Namen schon
bezeichnet; ein junger, untersetzter, muntrer, neuangekommener
Jüngling erhielt die Rolle des Horatio; nur wegen des Königs und des
Geistes war man in einiger Verlegenheit. Für beide Rollen war nur der
alte Polterer da. Serlo schlug den Pedanten zum Könige vor; wogegen
Wilhelm aber aufs äußerste protestierte. Man konnte sich nicht
entschließen.
Ferner hatte Wilhelm in seinem Stücke die beiden Rollen von Rosenkranz
und Güldenstern stehenlassen. "Warum haben Sie diese nicht in eine
verbunden?" fragte Serlo, "diese Abbreviatur ist doch so leicht
gemacht."
"Gott bewahre mich vor solchen Verkürzungen, die zugleich Sinn und
Wirkung aufheben!" versetzte Wilhelm. "Das, was diese beiden Menschen
sind und tun, kann nicht durch einen vorgestellt werden. In solchen
Kleinigkeiten zeigt sich Shakespeares Größe. Dieses leise Auftreten,
dieses Schmiegen und Biegen, dies Jasagen, Streicheln und Schmeicheln,
diese Behendigkeit, dies Schwänzeln, diese Allheit und Leerheit, diese
rechtliche Schurkerei, diese Unfähigkeit, wie kann sie durch einen
Menschen ausgedrückt werden? Es sollten ihrer wenigstens ein Dutzend
sein, wenn man sie haben könnte; denn sie sind bloß in Gesellschaft
etwas, sie sind die Gesellschaft, und Shakespeare war sehr bescheiden
und weise, daß er nur zwei solche Repräsentanten auftreten ließ.
überdies brauche ich sie in meiner Bearbeitung als ein Paar, das mit
dem einen, guten, trefflichen Horatio kontrastiert."
"Ich verstehe Sie", sagte Serlo, "und wir können uns helfen. Den
einen geben wir Elmiren (so nannte man die älteste Tochter des
Polterers); es kann nicht schaden, wenn sie gut aussehen, und ich will
die Puppen putzen und dressieren, daß es eine Lust sein soll."
Philine freute sich außerordentlich, daß sie die Herzogin in der
kleinen Komödie spielen sollte. "Das will ich so natürlich machen",
rief sie aus, "wie man in der Geschwindigkeit einen zweiten heiratet,
nachdem man den ersten ganz außerordentlich geliebt hat. Ich hoffe
mir den größten Beifall zu erwerben, und jeder Mann soll wünschen, der
dritte zu werden."
Aurelie machte ein verdrießliches Gesicht bei diesen äußerungen; ihr
Widerwille gegen Philinen nahm mit jedem Tage zu.
"Es ist recht schade", sagte Serlo, "daß wir kein Ballett haben; sonst
sollten Sie mir mit Ihrem ersten und zweiten Manne ein Pas de deux
tanzen, und der Alte sollte nach dem Takt einschlafen, und Ihre
Füßchen und Wädchen würden sich dort hinten auf dem Kindertheater ganz
allerliebst ausnehmen."
"Von meinen Wädchen wissen Sie ja wohl nicht viel", versetzte sie
schnippisch, "und was meine Füßchen betrifft", rief sie, indem sie
schnell unter den Tisch reichte, ihre Pantöffelchen heraufholte und
nebeneinander vor Serlo hinstellte: "hier sind die Stelzchen, und ich
gebe Ihnen auf, niedlichere zu finden."
"Es war Ernst!" sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe betrachtete.
Gewiß, man konnte nicht leicht etwas Artigers sehen.
Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von der Gräfin zum
Geschenk erhalten, einer Dame, deren schöner Fuß berühmt war.
"Ein reizender Gegenstand!" rief Serlo, "das Herz hüpft mir, wenn ich
sie ansehe."
"Welche Verzuckungen!" sagte Philine.
"Es geht nichts über ein Paar Pantöffelchen von so feiner, schöner
Arbeit", rief Serlo; "doch ist ihr Klang noch reizender als ihr
Anblick." Er hub sie auf und ließ sie einigemal hintereinander
wechselsweise auf den Tisch fallen.
"Was soll das heißen? Nur wieder her damit!" rief Philine.
"Darf ich sagen", versetzte er mit verstellter Bescheidenheit und
schalkhaftem Ernst, "wir andern Junggesellen, die wir nachts meist
allein sind und uns doch wie andre Menschen fürchten und im Dunkeln
uns nach Gesellschaft sehnen, besonders in Wirtshäusern und fremden
Orten, wo es nicht ganz geheuer ist, wir finden es gar tröstlich, wenn
ein gutherziges Kind uns Gesellschaft und Beistand leisten will. Es
ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, man schaudert, die Türe
tut sich auf, man erkennt ein liebes, pisperndes Stimmchen, es
schleicht was herbei, die Vorhänge rauschen, klipp! klapp! die
Pantoffeln fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. Ach der
liebe, der einzige Klang, wenn die Absätzchen auf den Boden
aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je feiner klingt's. Man spreche
mir von Philomelen, von rauschenden Bächen, vom Säuseln der Winde und
von allem, was je georgelt und gepfiffen worden ist, ich halte mich an
das Klipp! Klapp!--Klipp! Klapp! ist das schönste Thema zu einem
Rondeau, das man immer wieder von vorne zu hören wünscht."
Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den Händen und sagte: "Wie ich sie
krummgetreten habe! Sie sind mir viel zu weit." Dann spielte sie
damit und rieb die Sohlen gegeneinander. "Was das heiß wird!" rief
sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die Wange hielt, dann
wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte. Er war gutmütig genug,
nach der Wärme zu fühlen, und "Klipp! Klapp!" rief sie, indem sie ihm
einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, daß er schreiend die
Hand zurückzog. "Ich will euch lehren, bei meinen Pantoffeln was
anders denken!" sagte Philine lachend.
"Und ich will dich lehren, alte Leute wie Kinder anführen!" rief Serlo
dagegen, sprang auf, faßte sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen
Kuß, deren jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar künstlich
abzwingen ließ. über dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und
wickelten sich um die Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und
Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand mit
Verdruß auf.
V. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Obgleich bei der neuen Bearbeitung "Hamlets" manche Personen
weggefallen waren, so blieb die Anzahl derselben doch immer noch groß
genug, und fast wollte die Gesellschaft nicht hinreichen.
"Wenn das so fortgeht", sagte Serlo, "wird unser Souffleur auch noch
aus dem Loche hervorsteigen müssen, unter uns wandeln und zur Person
werden."
"Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert", versetzte Wilhelm.
"Ich glaube nicht, daß es einen vollkommenern Einhelfer gibt", sagte
Serlo. "Kein Zuschauer wird ihn jemals hören; wir auf dem Theater
verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu
gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich
zulispelt. Er fühlt, welchen Teil seiner Rolle der Schauspieler
vollkommen innehat, und ahnet von weitem, wenn ihn das Gedächtnis
verlassen will. In einigen Fällen, da ich die Rolle kaum überlesen
konnte, da er sie mir Wort vor Wort vorsagte, spielte ich sie mit
Glück; nur hat er Sonderbarkeiten, die jeden andern unbrauchbar machen
würden: er nimmt so herzlichen Anteil an den Stücken, daß er
pathetische Stellen nicht eben deklamiert, aber doch affektvoll
rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr als einmal irregemacht."
"So wie er mich", sagte Aurelie, "mit einer andern Sonderbarkeit einst
an einer sehr gefährlichen Stelle steckenließ."
"Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit möglich?" fragte Wilhelm.
"Er wird", versetzte Aurelie, "bei gewissen Stellen so gerührt, daß er
heiße Tränen weint und einige Augenblicke ganz aus der Fassung kommt;
und es sind eigentlich nicht die sogenannten rührenden Stellen, die
ihn in diesen Zustand versetzen; es sind, wenn ich mich deutlich
ausdrücke, die schönen Stellen, aus welchen der reine Geist des
Dichters gleichsam aus hellen, offenen Augen hervorsieht, Stellen, bei
denen wir andern uns nur höchstens freuen und worüber viele Tausende
wegsehen."
"Und warum erscheint er mit dieser zarten Seele nicht auf dem
Theater?"
"Ein heiseres Organ und ein steifes Betragen schließen ihn von der
Bühne und seine hypochondrische Natur von der Gesellschaft aus",
versetzte Serlo. "Wieviel Mühe habe ich mir gegeben, ihn an mich zu
gewöhnen! aber vergebens. Er liest vortrefflich, wie ich nicht wieder
habe lesen hören; niemand hält wie er die zarte Grenzlinie zwischen
Deklamation und affektvoller Rezitation."
"Gefunden!" rief Wilhelm, "gefunden! Welch eine glückliche Entdeckung!
Nun haben wir den Schauspieler, der uns die Stelle vom rauhen
Pyrrhus rezitieren soll."
"Man muß so viel Leidenschaft haben wie Sie", versetzte Serlo, "um
alles zu seinem Endzwecke zu nutzen."
"Gewiß, ich war in der größten Sorge", rief Wilhelm, "daß vielleicht
diese Stelle wegbleiben müßte, und das ganze Stück würde dadurch
gelähmt werden."
"Das kann ich doch nicht einsehen", versetzte Aurelie.
"Ich hoffe, Sie werden bald meiner Meinung sein", sagte Wilhelm.
"Shakespeare führt die ankommenden Schauspieler zu einem doppelten
Endzweck herein. Erst macht der Mann, der den Tod des Priamus mit so
viel eigner Rührung deklamiert, tiefen Eindruck auf den Prinzen selbst;
er schärft das Gewissen des jungen, schwankenden Mannes: und so wird
diese Szene das Präludium zu jener, in welcher das kleine Schauspiel
so große Wirkung auf den König tut. Hamlet fühlt sich durch den
Schauspieler beschämt, der an fremden, an fingierten Leiden so großen
Teil nimmt; und der Gedanke, auf ebendie Weise einen Versuch auf das
Gewissen seines Stiefvaters zu machen, wird dadurch bei ihm sogleich
erregt. Welch ein herrlicher Monolog ist's, der den zweiten Akt
schließt! Wie freue ich mich darauf, ihn zu rezitieren:
"Oh! welch ein Schurke, welch ein niedriger Sklave bin ich!--Ist es
nicht ungeheuer, daß dieser Schauspieler hier, nur durch Erdichtung,
durch einen Traum von Leidenschaft seine Seele so nach seinem Willen
zwingt, daß ihre Wirkung sein ganzes Gesicht entfärbt:--Tränen im Auge!
Verwirrung im Betragen! Gebrochene Stimme! Sein ganzes Wesen von
einem Gefühl durchdrungen! und das alles um nichts--um Hekuba!--Was
ist Hekuba für ihn oder er für Hekuba, daß er um sie weinen sollte?""
"Wenn wir nur unsern Mann auf das Theater bringen können!" sagte
Aurelie.
"Wir müssen", versetzte Serlo, "ihn nach und nach hineinführen. Bei
den Proben mag er die Stelle lesen, und wir sagen, daß wir einen
Schauspieler, der sie spielen soll, erwarten, und so sehen wir, wie
wir ihm näherkommen."
Nachdem sie darüber einig waren, wendete sich das Gespräch auf den
Geist. Wilhelm konnte sich nicht entschließen, die Rolle des lebenden
Königs dem Pedanten zu überlassen, damit der Polterer den Geist
spielen könne, und meinte vielmehr, daß man noch einige Zeit warten
sollte, indem sich doch noch einige Schauspieler gemeldet hätten und
sich unter ihnen der rechte Mann finden könnte.
Man kann sich daher denken, wie verwundert Wilhelm war, als er unter
der Adresse seines Theaternamens abends folgendes Billett mit
wunderbaren Zügen versiegelt auf seinem Tische fand:
"Du bist, o sonderbarer Jüngling, wir wissen es, in großer
Verlegenheit. Du findest kaum Menschen zu deinem "Hamlet", geschweige
Geister. Dein Eifer verdient ein Wunder; Wunder können wir nicht tun,
aber etwas Wunderbares soll geschehen. Hast du Vertrauen, so soll zur
rechten Stunde der Geist erscheinen! Habe Mut und bleibe gefaßt! Es
bedarf keiner Antwort; dein Entschluß wird uns bekannt werden."