»Herrschaften, jetzt muß eine Rede kommen, ... Herrschaften, so geht es
doch nicht, wie?« sprach er geschäftig und doch in auffallend klagendem
Tone, bald zu einem, bald zum anderen.
»Bitten Sie doch Ssanin,« schlug Iwanow hinterlistig vor.
Schawrow sah ihn erstaunt an, aber Iwanows Gesicht sah so treuherzig und
offen aus, daß er ihm glaubte.
»Ssanin, Ssanin ... wo ist Ssanin, Herrschaften?« er eilte und spähte
mit seinen kurzsichtigen Blicken nach allen Seiten umher.
»Ah! Wladimir Petrowitsch ... reden Sie ein paar Worte ... so geht es
doch nicht!«
»Reden Sie selbst, wenn Sie Lust haben,« gab Ssanin verärgert zur
Antwort, während er noch immer der verstummten Stimme Karssawinas
nachlauschte. Er fühlte diese hohe, selbst im Weinen schöne Stimme noch
immer in der Luft schweben.
»Wenn ich reden könnte, würde ich es gewiß tun ... Er war doch im Grunde
genommen ein ganz bedeutender Mensch! -- -- -- Nun, ich bitte Sie ...
nur einige Worte!«
Ssanin sah ihm gerade ins Gesicht und rief ärgerlich: »Was ist hier viel
zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles!«
Seine scharfen lauten Worte schlugen mit überraschender Kraft und
Deutlichkeit durch. Im ersten Augenblick standen alle wie erstarrt, doch
ehe noch der größte Teil von ihnen zu einem Entschluß gekommen waren, ob
man die Worte gehört haben sollte oder nicht, rief Dubowa mit
zerrissener Stimme: »Das war niederträchtig gemein!«
»Warum?« Ssanin drehte den Kopf und zuckte die Achseln.
Dubowa wollte noch etwas erwidern, doch einige Mädchen umringten sie.
Alles kam in Bewegung. Unsichere, aber empörte Stimmen ertönten, rote
aufgeregte Gesichter tauchten auf, und als ob ein Windzug in einen
Haufen dürrer Blätter geschlagen hätte, so stieb die ganze Gesellschaft
am Grabe auseinander. Schawrow war ebenfalls weggelaufen, kam aber
wieder zurück. In einem getrennten Haufen gestikulierte Rjäsanzew in
voller Empörung.
Ssanin bemerkte oberflächlich ein entrüstetes Gesicht mit Brille, das
auf unbekannte Weise dicht unter seine Nase geraten war, sich aber
völlig schweigsam verhielt, und wandte sich Iwanow zu.
Iwanow war verwirrt. Als er Schawrow gegen Ssanin aufhetzte, ahnte er,
daß es zu einem Zwischenfall kommen würde, doch diese Erregung hatte er
nicht vorausgesehen. Einerseits entzückte ihn das Ganze durch seine
Schärfe, doch aber hatte er das unsichere Gefühl, sich in einer
unbequemen Situation zu befinden.
Er wußte nicht, wie er sich jetzt äußern sollte und blickte daher
unbestimmt über die Kreuze hinweg auf das weite Feld.
Schon längere Zeit hatte ein Gymnasiast vor seinen Augen gestanden, ohne
daß er ihn bis dahin bemerkte; plötzlich wurde er wütend. Eine Minute
lang blickte er dem Gymnasiasten mit kalten Augen gerade ins Gesicht.
»Wozu stehen Sie hier herum, -- -- vielleicht als Schmuck?«
Der Gymnasiast errötete: »Sehr witzig!« antwortete er schließlich.
»Um den Witz handelt es sich nicht, sondern ... scheeren Sie sich
gefälligst zum Teufel!«
In den Augen Iwanows zeigte sich so viel Wut, daß der Gymnasiast blaß
wurde und unschlüssig auf die Seite trat.
Ssanin sah mit schwachem Lächeln zu. Dann machte er eine wegwerfende
Handbewegung.
»Dummes Viehzeug!« meinte er mit aufrichtiger Trauer, den
Auseinandergehenden nachblickend.
Sogleich fühlte sich Iwanow beschämt, daß er über irgend etwas
unschlüssig sein konnte; seine Züge beruhigten sich, er steckte seinen
Stock hinter sich in den Boden, um sich darauf zu stützen und sagte:
»Laß sie zum Teufel gehen! Ziehen auch wir von dannen!«
»Schön, meinetwegen ...«
Sie gingen an Rjäsanzew vorbei, der sie feindselig anblickte, und dem
Häuflein, das sich um ihn drängte, und schritten dem Ausgang zu. Aber
schon von weitem merkte Ssanin eine Gruppe ihm wenig bekannter junger
Leute, die sich wie eine Hammelherde mit den Köpfen nach innen
aneinanderdrückten. In der Mitte stand Schawrow und sprach unter
hastigen Bewegungen auf sie ein, verstummte aber, sobald er Ssanin
erblickte. Alle Gesichter wandten sich diesem zu und auf allen lag ein
eigentümlicher Ausdruck: eine Mischung edler Entrüstung, feuriger
Empörung, kindischer Schüchternheit und naiver Neugierde.
»Da werden gegen dich Ränke geschmiedet,« sagte Iwanow.
Ssanin wurde plötzlich finster, so daß selbst Iwanow erstaunte, als er
den Ausdruck seines Gesichts erblickte. Als sich Schawrow von der Menge
der Studenten und jungen Mädchen mit teils erschreckten, teils
entzückten rosigen Gesichtern trennte und rot wie eine Rübe, die
kurzsichtigen Augen zusammengekniffen, auf Ssanin zuschritt, erwartete
ihn dieser in einer Haltung, wie wenn er jeden, der sich ihm näherte,
niederschlagen wollte.
Schawrow schien es zu erwarten, denn er wurde blaß und blieb etwas
entfernter, als nötig, vor Ssanin stehen. Die Studenten und die Mädchen
drängten ihm, wie eine kleine Herde hinter dem Bock, nach.
»Wünschen Sie noch etwas?« fragte Ssanin nicht laut.
»Wir? -- -- -- Nichts,« meinte Schawrow verwirrt. »Nur, -- -- -- wir
möchten Ihnen im Namen unserer ganzen Gruppe Genossen unsere
Unzufriedenheit und ...«
»Daran liegt mir sehr wenig, an Ihrer Unzufriedenheit,« stieß Ssanin
durch die zusammengepreßten Zähne mit Mienen, die nichts Gutes
verkündeten, hervor. »Sie haben mich gebeten, ich möchte über den
verstorbenen Swaroschitsch etwas sagen, und weil ich das sagte, was ich
für richtig halte, erklären Sie mir Ihre Unzufriedenheit. Meinetwegen
... Wenn Ihr nicht sentimentale dumme Jungen wäret, würde ich Euch
auseinandersetzen, daß ich recht habe, daß Swaroschitsch in der Tat wie
ein Dummkopf gelebt hat, sich mit Nichtigkeiten abquälte und den Tod
eines Narren gestorben ist, aber ihr ... ich habe mit euch ja einfach
eures Stumpfsinns, eurer Dummheit wegen nichts zu tun. Schert euch doch
alle zum Teufel! Pack ich euch an? ... Weg!«
Und Ssanin ging, indem er die Menge, welche ihm den Weg verlegte,
durchschritt, ohne umzuschauen, vorwärts.
»Stoßen Sie nicht!« protestierte Schawrow, rot, fast heulend, mit einer
Stimme, die wie Hahnenkrähen klang.
»Das ist geradezu empörend!« begann jemand, brach aber gleich wieder ab.
Ssanin und Iwanow traten auf die Straße hinaus; beide schwiegen eine
ganze Weile.
»Weshalb erbitterst du die Menschen so?« sagte endlich Iwanow. »Demnach
mußt du als ein ganz bösartiges Geschöpf bezeichnet werden.«
»Wenn es mit dir so ginge, wie mit mir, daß dir dein ganzes Leben lang
diese freiheitsliebenden jungen Menschen ohne Unterbrechung vor die Füße
laufen,« antwortete er ernst, »so hättest du sie noch ganz anders
angefaßt! ... Uebrigens, hol sie der Teufel!«
»Na, rege dich nicht auf, Freund!« sagte Iwanow halb im Scherz, halb
ernst, »weißt du was: wollen wir mal etwas Bier holen gehen und dann des
nun verstorbenen Knecht Gottes Jurii Nikolajewitsch gedenken ... wie?«
»Schön, meinetwegen ...« willigte Ssanin gleichgültig ein.
»Bis wir wiederkommen werden die andern schon fort sein,« fuhr Iwanow
lebhaft fort, »da werden wir gerade über dem Grabe für sein Heil trinken
können ... so, dem Toten als Ehrung und uns zum Vergnügen.«
»Meinetwegen.«
Als sie wieder auf den Kirchhof kamen, war kein Mensch mehr da. Die
Kreuze und Denkmäler standen wie in Erwartung und drückten bewegungslos
auf den gelbgewordenen Boden. Kein Lebewesen war zu sehen und zu hören;
nur eine glitschige schwarze Schlange glitt rasch über den Pfad und
rauschte im abgefallenen Laub.
»Ah, du Biest!« rief Iwanow und schrak zusammen; vergebens schlug er mit
dem Stock hinterher.
Am frischen Grab Juriis, wo es nach aufgerissener kalter Erde, nach
verfaulten alten Blättern und der grünen Tanne roch, stapelten sie im
Gras einen Haufen schwerer Bierflaschen auf.