XLIII

Wer Jurii Swaroschitsch gekannt und wer ihn nicht gekannt hatte, wer ihn

liebte und wer ihn mißachtete, auch solche Menschen, die nie zuvor an

ihn gedacht haben, -- sie alle bedauerten ihn jetzt, als er gestorben

war.

Niemand konnte begreifen, weshalb er sich das Leben genommen hatte, aber

doch war jeder überzeugt, daß er ihn verstände und im Grunde seine

Gedanken teile. Dieser Selbstmord machte einen wunderbaren Eindruck, er

schien schön und die Schönheit hatte Tränen, Blumen und prächtige Reden

zur Folge.

Bei der Beerdigung waren die nächsten Angehörigen nicht zugegen, weil

Juriis Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und Ljalja seitdem

keinen Augenblick von ihm wich.

Nur Rjäsanzew nahm teil; er leitete auch die Beisetzungszeremonie. Die

Vereinsamung Juriis schien dadurch noch im Tode besonders

hervorzutreten; sein Bild wuchs zu größerer Bedeutung, seine Person

wurde noch erhabener, so daß die Trauer der Teilnehmenden sich nur noch

mehr verstärkte.

Viele schöne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer

farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der

durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt

aus.

Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten

beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina

sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schändung

und Hinrichtung führt. Trotzdem sie wußte, daß Jurii alles, was sich

zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war,

konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreißen, daß zwischen seinem

Selbstmord und dem »Geschehenen« ein Zusammenhang bestände, der niemals

zu enträtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld

auf sich; sie fühlte sich als das unglücklichste Geschöpf in der ganzen

Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, das Bild des Toten

umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, floß sie in

unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Haß gegen Ssanin über.

Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufällige Annäherung an ihn; aber noch

abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen

und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen

geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund

geschleudert worden, daß es für sie keine Rückkehr mehr gab. Als Ssanin

an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und

Widerwillen an und wandte sich momentan ab.

Die eisige Berührung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu

einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles,

was sie empfand und dachte; er verstand, daß er für sie von nun an stets

ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er überlegte

eine Weile, dann schloß er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen

mit seinen wehmütig herabhängenden gelben Haaren einherging.

»Höre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt,« meinte Ssanin.

Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertönten die

hohen Noten des Trauergesanges, der Baß von Pjotr Iliitsch zitterte

deutlich und schwermütig durch die Luft und verklang über den anderen

Stimmen.

»Das Ganze ist einfach zum Staunen,« sagte Iwanow. »Im Grunde war doch

dieser Mensch nur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an!«

»Ich bin überzeugt, mein Lieber,« erwiderte ihm Ssanin, »daß er drei

Sekunden vor dem Schuß noch nicht gewußt hatte, daß er losknallen wird.

Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben!«

»Das ist 'ne Sache ... Aber, -- seinen Platz hat er schließlich doch

gefunden.« Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen

unverständlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas

aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein

beruhigen konnte.

Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bäume standen

da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen

lugte noch grünes Gras unter der Schicht abgefallener Blätter hervor;

auf den Wegen waren die Blätter vom Wind in dichte Haufen

zusammengefegt, so daß gelbe Bäche über den ganzen Kirchhof zu fließen

schienen. Weiß schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau

standen Marmordenkmäler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den

Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden

Wesens kund, als wäre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen,

welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermütige Gestalt durch die

Alleen gegangen, hätte an den Gräbern gesessen und ohne Tränen und

Hoffnungen still für sich getrauert.

Die schwarze Erde hatte Jurii verschlungen und schloß sich wieder; um

die Gruft drängten noch lange Menschen, spähten mit banger fragender

Neugierde in die Finsternis ihres Schicksals und sangen ernste

Klagelieder.

In dem furchtbaren Augenblick, als der Deckel des Sarges aus dem

Gesichtsfeld verschwand und sich für immer ewige Erde zwischen den

Lebenden und dem Toten ausbreitete, schluchzte Karssawina gellend auf,

und die hohe weibliche Stimme erhob sich im Weinen hoch über den stillen

Kirchhof und den in Gram und Unruhe verstummten Menschen.

Karssawina nahm nicht mehr darauf Bedacht, daß die Leute ihr Geheimnis

erraten könnten. Und es errieten auch alle. Aber das Grauen des Todes,

der das Band zwischen dem in die Erde Gesenkten und dem weinenden jungen

Mädchen, die ihm ihr ganzes Leben, ihre Jugend, ihre Schönheit geben

wollte, zerschnitt, war so offensichtlich, daß niemand mit einem

heimlichen Gedanken die unverhüllte Frauenseele zu verletzen wagte.

Nur noch tiefer senkten sich voll unbewußter Achtung und voller Mitleid

die Köpfe.

Karssawina wurde fortgeführt, und ihr Schluchzen, das allmählich in ein

stilles hoffnungsloses Wimmern übergegangen war, verhallte in der Ferne.

Ueber der Gruft wuchs ein länglicher grüner Hügel auf, der unheimlich an

den unter ihm verborgenen Körper erinnerte. Schnell überdeckte man ihn

mit einer grünen Tanne, deren Zweige noch seine Seiten umschlossen.

Ssanin: Roman · 第 72 / 97 题