Wer Jurii Swaroschitsch gekannt und wer ihn nicht gekannt hatte, wer ihn
liebte und wer ihn mißachtete, auch solche Menschen, die nie zuvor an
ihn gedacht haben, -- sie alle bedauerten ihn jetzt, als er gestorben
war.
Niemand konnte begreifen, weshalb er sich das Leben genommen hatte, aber
doch war jeder überzeugt, daß er ihn verstände und im Grunde seine
Gedanken teile. Dieser Selbstmord machte einen wunderbaren Eindruck, er
schien schön und die Schönheit hatte Tränen, Blumen und prächtige Reden
zur Folge.
Bei der Beerdigung waren die nächsten Angehörigen nicht zugegen, weil
Juriis Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und Ljalja seitdem
keinen Augenblick von ihm wich.
Nur Rjäsanzew nahm teil; er leitete auch die Beisetzungszeremonie. Die
Vereinsamung Juriis schien dadurch noch im Tode besonders
hervorzutreten; sein Bild wuchs zu größerer Bedeutung, seine Person
wurde noch erhabener, so daß die Trauer der Teilnehmenden sich nur noch
mehr verstärkte.
Viele schöne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer
farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der
durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt
aus.
Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten
beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina
sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schändung
und Hinrichtung führt. Trotzdem sie wußte, daß Jurii alles, was sich
zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war,
konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreißen, daß zwischen seinem
Selbstmord und dem »Geschehenen« ein Zusammenhang bestände, der niemals
zu enträtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld
auf sich; sie fühlte sich als das unglücklichste Geschöpf in der ganzen
Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, das Bild des Toten
umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, floß sie in
unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Haß gegen Ssanin über.
Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufällige Annäherung an ihn; aber noch
abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen
und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen
geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund
geschleudert worden, daß es für sie keine Rückkehr mehr gab. Als Ssanin
an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und
Widerwillen an und wandte sich momentan ab.
Die eisige Berührung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu
einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles,
was sie empfand und dachte; er verstand, daß er für sie von nun an stets
ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er überlegte
eine Weile, dann schloß er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen
mit seinen wehmütig herabhängenden gelben Haaren einherging.
»Höre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt,« meinte Ssanin.
Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertönten die
hohen Noten des Trauergesanges, der Baß von Pjotr Iliitsch zitterte
deutlich und schwermütig durch die Luft und verklang über den anderen
Stimmen.
»Das Ganze ist einfach zum Staunen,« sagte Iwanow. »Im Grunde war doch
dieser Mensch nur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an!«
»Ich bin überzeugt, mein Lieber,« erwiderte ihm Ssanin, »daß er drei
Sekunden vor dem Schuß noch nicht gewußt hatte, daß er losknallen wird.
Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben!«
»Das ist 'ne Sache ... Aber, -- seinen Platz hat er schließlich doch
gefunden.« Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen
unverständlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas
aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein
beruhigen konnte.
Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bäume standen
da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen
lugte noch grünes Gras unter der Schicht abgefallener Blätter hervor;
auf den Wegen waren die Blätter vom Wind in dichte Haufen
zusammengefegt, so daß gelbe Bäche über den ganzen Kirchhof zu fließen
schienen. Weiß schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau
standen Marmordenkmäler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den
Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden
Wesens kund, als wäre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen,
welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermütige Gestalt durch die
Alleen gegangen, hätte an den Gräbern gesessen und ohne Tränen und
Hoffnungen still für sich getrauert.
Die schwarze Erde hatte Jurii verschlungen und schloß sich wieder; um
die Gruft drängten noch lange Menschen, spähten mit banger fragender
Neugierde in die Finsternis ihres Schicksals und sangen ernste
Klagelieder.
In dem furchtbaren Augenblick, als der Deckel des Sarges aus dem
Gesichtsfeld verschwand und sich für immer ewige Erde zwischen den
Lebenden und dem Toten ausbreitete, schluchzte Karssawina gellend auf,
und die hohe weibliche Stimme erhob sich im Weinen hoch über den stillen
Kirchhof und den in Gram und Unruhe verstummten Menschen.
Karssawina nahm nicht mehr darauf Bedacht, daß die Leute ihr Geheimnis
erraten könnten. Und es errieten auch alle. Aber das Grauen des Todes,
der das Band zwischen dem in die Erde Gesenkten und dem weinenden jungen
Mädchen, die ihm ihr ganzes Leben, ihre Jugend, ihre Schönheit geben
wollte, zerschnitt, war so offensichtlich, daß niemand mit einem
heimlichen Gedanken die unverhüllte Frauenseele zu verletzen wagte.
Nur noch tiefer senkten sich voll unbewußter Achtung und voller Mitleid
die Köpfe.
Karssawina wurde fortgeführt, und ihr Schluchzen, das allmählich in ein
stilles hoffnungsloses Wimmern übergegangen war, verhallte in der Ferne.
Ueber der Gruft wuchs ein länglicher grüner Hügel auf, der unheimlich an
den unter ihm verborgenen Körper erinnerte. Schnell überdeckte man ihn
mit einer grünen Tanne, deren Zweige noch seine Seiten umschlossen.