XLIV

»Weißt du was?« sagte Ssanin, als sie eine Stunde später auf die dunkle

Straße hinaustraten.

»Was denn?«

»Begleite mich zum Bahnhof, ich will von hier fort.«

Iwanow blieb stehen.

»Warum?«

»Mir wird es hier zu langweilig.«

»Hast wohl Angst gekriegt?«

»Nicht im geringsten. Möchte einfach weg von hier, weiter nichts.«

»Wozu denn das?«

»Mein Freund, stelle nicht erst dumme Fragen. Ich will, das ist alles

... Solange man die Menschen nicht kennt, glaubt man immer, sie würden

einem doch noch etwas geben ... Es waren hier ein paar interessante

Leute. Karssawina kam mir neu vor, Semionow war noch am Leben, Lyda

hätte vielleicht einen anderen Weg gehen können ... Jetzt aber ist es

langweilig. Alle fallen mir auf die Nerven. Genügt dir diese Erklärung

nicht? Verstehst du, ich habe diese Leute solange es nur ging, ertragen;

-- -- -- länger kann ich's nicht.«

Iwanow schaute ihn lange an.

»Nun schön, gehn wir also,« sagte er, »du nimmst doch noch von deiner

Familie Abschied, ja?«

»Ah, zum Teufel mit ihnen! Die sind mir am meisten über!«

»Aber deine Sachen mußt du doch mitnehmen?«

»Ich habe nur sehr wenig ... Geh du durch den Garten und ich laufe in

mein Zimmer und reiche dir dann den Koffer zum Fenster raus. Sonst sehen

sie's, hängen sich mit Fragen an mich an, und was soll ich denn sagen,

was trösten könnte?«

»So--o!« Iwanow senkte für eine Minute den Blick und schlug verächtlich

mit der Hand durch die Luft. »Für mich ist es recht traurig ... aber was

liegt daran!«

»Fahre doch mit!«

»Wohin?«

»Das ist ja ganz egal. Das werden wir schon später merken.«

»Ich habe kein Geld.«

»Ich ebenso wenig!« lachte Ssanin.

»Nein, fahr schon allein ... Am fünfzehnten fängt meine Schule an. So

bleibt schon alles im alten Geleise!«

Ssanin schwieg und schaute Iwanow gerade in die Augen, und ebenso gerade

blickte ihn Iwanow an. Doch mit einem Mal wurde es diesem peinlich

zumute, er zog sich zusammen, als wenn ein Spiegel sein Gesicht als

tierische Fratze zurückgeworfen hätte.

Ssanin wandte sich ab.

Sie gingen durch den Hof.

Ssanin trat in das Haus, Iwanow bog in den abendlichen Garten ein, wo

ihn der Schatten des späten Herbstes und der Duft stiller Verwesung

traurig umschloß. Ueber Gras und Büsche, begleitet vom Rauschen der

Blätter und Aechzen der Zweige, kam er zum Fenster von Ssanins Zimmer.

Es war offen und dunkel.

Ssanin war inzwischen durch den Saal gegangen; an der Balkontür, von wo

er bekannte Stimmen hörte, blieb er stehen.

»Was willst du also von mir?« klang die Stimme Lydas zu ihm herüber; er

war von ihrem matten, gequälten Ton überrascht.

»Nichts will ich,« erwiderte Nowikow, seine Stimme hörte sich offenbar

gegen seinen Willen, mürrisch und verdrießlich an, »es kommt mir nur

komisch vor, daß du die Sache so ansiehst, als wenn du mir ein Opfer

bringst. Ich wollte doch ...«

»Schön,« brach es aus Lyda heraus. Die kristallenen Töne naher Tränen

drangen unerwartet durch die Stille der Abenddämmerung: »Nicht ich ...

du bringst mir also das Opfer ... du! Ich weiß es! Was willst du also

noch hören?«

Nowikow gab einen verwirrten und ratlosen »Hm«-Laut von sich; man konnte

aber herausmerken, daß er sich Mühe gab, seine Ratlosigkeit zu

verbergen.

»Wie wenig scheinst du mich zu verstehen! Ich liebe dich, und daher kann

von einem Opfer keine Rede sein ... Aber wenn du selbst unser

Zusammensein als ein Opfer von einem von uns beiden ansiehst, welch ein

Leben soll dann für uns werden?«

Nowikows Stimme wurde fester und sicherer, fast froher, als hätte er

jetzt das Wichtigste herausgefunden und wäre glücklich, Lyda überzeugen

zu können.

»Du mußt es begreifen ... Wir können nur unter einer Bedingung

zusammenleben: daß an kein Opfer, weder von deiner, noch von meiner

Seite zu denken ist ... Eins von beiden: entweder wir lieben uns, und

dann ist unsere Zusammengehörigkeit vernünftig und naturgemäß, oder wir

lieben uns nicht, und dann ...«

Lyda schluchzte plötzlich auf.

»Was weinst du!« fragte Nowikow erstaunt und erregt. »Ich verstehe dich

nicht! Ich glaube, -- -- ich kann doch nichts Verletzendes gesagt haben

... Höre doch auf! Ich hatte uns beide ganz gleich im Auge ... Aber das

ist doch zum Teufel! Was weinst du eigentlich! ... Man darf sich kein

Wort erlauben --«

»Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ...« Die gedrückte, bemitleidenswerte

Stimme Lydas klang unsagbar traurig, voll unfaßbarer, ohnmächtiger

Klage.

Ssanin machte eine verdrossene Miene und ging in sein Zimmer.

-- -- -- Nun, Lyda ist wohl auch fertig! dachte er. Am Ende hätte sie

besser getan, wenn sie damals ins Wasser gegangen wäre -- -- aber

vielleicht kommt sie trotz allem noch in die Höhe ... Man kann es nie

voraussehen!

Iwanow hörte hinter dem Fenster Ssanin etwas eilig zusammensuchen; dann

raschelte er mit Papier und ließ etwas fallen.

»Bist du bald fertig?« fragte er ungeduldig. Es war ihm langweilig und

bedrückend, in der blassen Dämmerung des Herbstabends unter dem

finsteren Fenster zu stehen, hinter sich den dunklen geheimnisvollen

Garten. Das Rauschen erinnerte ihn an seinen Traum.

»Sofort,« antwortete Ssanin so dicht am Fenster, daß Iwanow

zusammenfuhr. Die Finsternis im Fenster geriet in Schwanken; dann hob

sich von ihr der Handkoffer und das weiße Gesicht Ssanins ab.

»Halt fest!«

»Nun, gehn wir los!«

Sie schritten schnell durch den Garten.

Blasse Dämmerung und der feine kalte Geruch der abgekühlten Erde lag um

ihnen. Die Bäume standen schon ziemlich kahl; alles machte einen

ungeheuer leeren geräumigen Eindruck. Hinter dem Fluß erlosch allmählich

die Abendröte, und das Wasser erglänzte einsam, vergessen und verlassen

hinter dem Garten, der mit einem Mal ebenfalls für niemanden mehr von

Interesse schien.

Als sie zum Bahnhof kamen, brannten schon Signalfeuer auf den unzähligen

schwarzen Gleispaaren, und die Lokomotive eines abfahrtbereiten Zuges

keuchte gleichmäßig und schwer. Menschen liefen umher, klappten mit den

Türen, riefen einander an und schimpften mit herben, gehässigen Stimmen,

gleichsam, als wären alle in trauriger Stimmung und suchten das unter

der Maske der Gehässigkeit zu verbergen. Ein dunkler Haufen ratloser

Bauern mit Bündeln beladen, drängte sich auf dem Bahnsteig.

Im Wartesaal tranken sich Ssanin und Iwanow noch einmal zu.

»Nun, Glück auf die Reise!« wünschte Iwanow traurig.

»Ich habe immer gleiches Glück, Freund,« lächelte Ssanin. »Ich verlange

nichts vom Schicksal, ich erwarte auch nichts von ihm. Und das Ziel der

Reise ist doch niemals glücklich. Alter und Tod, weiter bleibt nichts!

...«

Sie gingen zusammen auf den Bahnsteig und blieben vor dem Waggon stehen:

»Na, Lebewohl!«

»Lebewohl!«

Es war beiden unerwartet, daß sie sich küßten.

Knirschend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung.

»Ach, Bruder, wie lieb, wie lieb du mir geworden bist!« rief plötzlich

Iwanow Ssanin zu. »Der einzige wahre Mensch bist du für mich!«

»Und du bist der einzige, der mich gern hat,« Ssanin lächelte, er sprang

auf das Trittbrett eines vorbeirollenden Wagens.

»Abgefahren!« rief er lustig. »Lebewohl!«

»Lebewohl!«

Schnell eilten die Wagen an Iwanow vorbei, als ob sie sich plötzlich

verabredet hätten, von ihm fortzulaufen. In der Dunkelheit huschte die

rote Laterne vorbei und strahlte lange, noch lange rot im Finstern, so

daß sie sich garnicht zu entfernen schien.

Iwanow sah dem Zug nach; er fühlte sich traurig und niedergeschlagen.

Unmutig schlenderte er durch die Straßen der Stadt und schaute auf die

armseligen, kleinlichen Lichter.

-- -- -- Sich bis zu Ende durchsaufen, was? fragte er sich, und das

blasse, dürre Gespenst eines farb- und klanglosen Lebens trat mit ihm

ins Wirtshaus ein.

Ssanin: Roman · 第 74 / 97 题