»Weißt du was?« sagte Ssanin, als sie eine Stunde später auf die dunkle
Straße hinaustraten.
»Was denn?«
»Begleite mich zum Bahnhof, ich will von hier fort.«
Iwanow blieb stehen.
»Warum?«
»Mir wird es hier zu langweilig.«
»Hast wohl Angst gekriegt?«
»Nicht im geringsten. Möchte einfach weg von hier, weiter nichts.«
»Wozu denn das?«
»Mein Freund, stelle nicht erst dumme Fragen. Ich will, das ist alles
... Solange man die Menschen nicht kennt, glaubt man immer, sie würden
einem doch noch etwas geben ... Es waren hier ein paar interessante
Leute. Karssawina kam mir neu vor, Semionow war noch am Leben, Lyda
hätte vielleicht einen anderen Weg gehen können ... Jetzt aber ist es
langweilig. Alle fallen mir auf die Nerven. Genügt dir diese Erklärung
nicht? Verstehst du, ich habe diese Leute solange es nur ging, ertragen;
-- -- -- länger kann ich's nicht.«
Iwanow schaute ihn lange an.
»Nun schön, gehn wir also,« sagte er, »du nimmst doch noch von deiner
Familie Abschied, ja?«
»Ah, zum Teufel mit ihnen! Die sind mir am meisten über!«
»Aber deine Sachen mußt du doch mitnehmen?«
»Ich habe nur sehr wenig ... Geh du durch den Garten und ich laufe in
mein Zimmer und reiche dir dann den Koffer zum Fenster raus. Sonst sehen
sie's, hängen sich mit Fragen an mich an, und was soll ich denn sagen,
was trösten könnte?«
»So--o!« Iwanow senkte für eine Minute den Blick und schlug verächtlich
mit der Hand durch die Luft. »Für mich ist es recht traurig ... aber was
liegt daran!«
»Fahre doch mit!«
»Wohin?«
»Das ist ja ganz egal. Das werden wir schon später merken.«
»Ich habe kein Geld.«
»Ich ebenso wenig!« lachte Ssanin.
»Nein, fahr schon allein ... Am fünfzehnten fängt meine Schule an. So
bleibt schon alles im alten Geleise!«
Ssanin schwieg und schaute Iwanow gerade in die Augen, und ebenso gerade
blickte ihn Iwanow an. Doch mit einem Mal wurde es diesem peinlich
zumute, er zog sich zusammen, als wenn ein Spiegel sein Gesicht als
tierische Fratze zurückgeworfen hätte.
Ssanin wandte sich ab.
Sie gingen durch den Hof.
Ssanin trat in das Haus, Iwanow bog in den abendlichen Garten ein, wo
ihn der Schatten des späten Herbstes und der Duft stiller Verwesung
traurig umschloß. Ueber Gras und Büsche, begleitet vom Rauschen der
Blätter und Aechzen der Zweige, kam er zum Fenster von Ssanins Zimmer.
Es war offen und dunkel.
Ssanin war inzwischen durch den Saal gegangen; an der Balkontür, von wo
er bekannte Stimmen hörte, blieb er stehen.
»Was willst du also von mir?« klang die Stimme Lydas zu ihm herüber; er
war von ihrem matten, gequälten Ton überrascht.
»Nichts will ich,« erwiderte Nowikow, seine Stimme hörte sich offenbar
gegen seinen Willen, mürrisch und verdrießlich an, »es kommt mir nur
komisch vor, daß du die Sache so ansiehst, als wenn du mir ein Opfer
bringst. Ich wollte doch ...«
»Schön,« brach es aus Lyda heraus. Die kristallenen Töne naher Tränen
drangen unerwartet durch die Stille der Abenddämmerung: »Nicht ich ...
du bringst mir also das Opfer ... du! Ich weiß es! Was willst du also
noch hören?«
Nowikow gab einen verwirrten und ratlosen »Hm«-Laut von sich; man konnte
aber herausmerken, daß er sich Mühe gab, seine Ratlosigkeit zu
verbergen.
»Wie wenig scheinst du mich zu verstehen! Ich liebe dich, und daher kann
von einem Opfer keine Rede sein ... Aber wenn du selbst unser
Zusammensein als ein Opfer von einem von uns beiden ansiehst, welch ein
Leben soll dann für uns werden?«
Nowikows Stimme wurde fester und sicherer, fast froher, als hätte er
jetzt das Wichtigste herausgefunden und wäre glücklich, Lyda überzeugen
zu können.
»Du mußt es begreifen ... Wir können nur unter einer Bedingung
zusammenleben: daß an kein Opfer, weder von deiner, noch von meiner
Seite zu denken ist ... Eins von beiden: entweder wir lieben uns, und
dann ist unsere Zusammengehörigkeit vernünftig und naturgemäß, oder wir
lieben uns nicht, und dann ...«
Lyda schluchzte plötzlich auf.
»Was weinst du!« fragte Nowikow erstaunt und erregt. »Ich verstehe dich
nicht! Ich glaube, -- -- ich kann doch nichts Verletzendes gesagt haben
... Höre doch auf! Ich hatte uns beide ganz gleich im Auge ... Aber das
ist doch zum Teufel! Was weinst du eigentlich! ... Man darf sich kein
Wort erlauben --«
»Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ...« Die gedrückte, bemitleidenswerte
Stimme Lydas klang unsagbar traurig, voll unfaßbarer, ohnmächtiger
Klage.
Ssanin machte eine verdrossene Miene und ging in sein Zimmer.
-- -- -- Nun, Lyda ist wohl auch fertig! dachte er. Am Ende hätte sie
besser getan, wenn sie damals ins Wasser gegangen wäre -- -- aber
vielleicht kommt sie trotz allem noch in die Höhe ... Man kann es nie
voraussehen!
Iwanow hörte hinter dem Fenster Ssanin etwas eilig zusammensuchen; dann
raschelte er mit Papier und ließ etwas fallen.
»Bist du bald fertig?« fragte er ungeduldig. Es war ihm langweilig und
bedrückend, in der blassen Dämmerung des Herbstabends unter dem
finsteren Fenster zu stehen, hinter sich den dunklen geheimnisvollen
Garten. Das Rauschen erinnerte ihn an seinen Traum.
»Sofort,« antwortete Ssanin so dicht am Fenster, daß Iwanow
zusammenfuhr. Die Finsternis im Fenster geriet in Schwanken; dann hob
sich von ihr der Handkoffer und das weiße Gesicht Ssanins ab.
»Halt fest!«
»Nun, gehn wir los!«
Sie schritten schnell durch den Garten.
Blasse Dämmerung und der feine kalte Geruch der abgekühlten Erde lag um
ihnen. Die Bäume standen schon ziemlich kahl; alles machte einen
ungeheuer leeren geräumigen Eindruck. Hinter dem Fluß erlosch allmählich
die Abendröte, und das Wasser erglänzte einsam, vergessen und verlassen
hinter dem Garten, der mit einem Mal ebenfalls für niemanden mehr von
Interesse schien.
Als sie zum Bahnhof kamen, brannten schon Signalfeuer auf den unzähligen
schwarzen Gleispaaren, und die Lokomotive eines abfahrtbereiten Zuges
keuchte gleichmäßig und schwer. Menschen liefen umher, klappten mit den
Türen, riefen einander an und schimpften mit herben, gehässigen Stimmen,
gleichsam, als wären alle in trauriger Stimmung und suchten das unter
der Maske der Gehässigkeit zu verbergen. Ein dunkler Haufen ratloser
Bauern mit Bündeln beladen, drängte sich auf dem Bahnsteig.
Im Wartesaal tranken sich Ssanin und Iwanow noch einmal zu.
»Nun, Glück auf die Reise!« wünschte Iwanow traurig.
»Ich habe immer gleiches Glück, Freund,« lächelte Ssanin. »Ich verlange
nichts vom Schicksal, ich erwarte auch nichts von ihm. Und das Ziel der
Reise ist doch niemals glücklich. Alter und Tod, weiter bleibt nichts!
...«
Sie gingen zusammen auf den Bahnsteig und blieben vor dem Waggon stehen:
»Na, Lebewohl!«
»Lebewohl!«
Es war beiden unerwartet, daß sie sich küßten.
Knirschend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung.
»Ach, Bruder, wie lieb, wie lieb du mir geworden bist!« rief plötzlich
Iwanow Ssanin zu. »Der einzige wahre Mensch bist du für mich!«
»Und du bist der einzige, der mich gern hat,« Ssanin lächelte, er sprang
auf das Trittbrett eines vorbeirollenden Wagens.
»Abgefahren!« rief er lustig. »Lebewohl!«
»Lebewohl!«
Schnell eilten die Wagen an Iwanow vorbei, als ob sie sich plötzlich
verabredet hätten, von ihm fortzulaufen. In der Dunkelheit huschte die
rote Laterne vorbei und strahlte lange, noch lange rot im Finstern, so
daß sie sich garnicht zu entfernen schien.
Iwanow sah dem Zug nach; er fühlte sich traurig und niedergeschlagen.
Unmutig schlenderte er durch die Straßen der Stadt und schaute auf die
armseligen, kleinlichen Lichter.
-- -- -- Sich bis zu Ende durchsaufen, was? fragte er sich, und das
blasse, dürre Gespenst eines farb- und klanglosen Lebens trat mit ihm
ins Wirtshaus ein.