»Das werden wir sehen ...« antwortete er.
Sie wollte von seinen Knieen hinuntergleiten, aber er zog sie sofort
wieder an sich und unterwürfig blieb sie sitzen. Es schien ihr selbst
eigentümlich, daß sie weder Zorn noch Widerwillen gegen ihn empfand.
Auch später, wenn sie sich dieser Nacht erinnerte, war ihr alles
unbegreiflich und wie im Traum. Alles um sie schwieg; alles war dunkel,
feierlich, unbeweglich, wie wenn es sich bewußt wäre, ein schweres
Geheimnis wahren zu müssen. Das Licht des Mondes, das die schwarzen
Waldeswipfel glatt abschnitt, blieb sonderbar unbeweglich und
gespensterhaft in einer Richtung liegen. Die unfaßbare Finsternis
blickte sie vom Ufer her mit bodenlosen Augen an; alles erstarrte in
gespannter Erwartung vor irgend etwas, das geschehen mußte. Sie hatte
keine Kraft und keinen Willen mehr, um zu sich zu kommen, sich zu
erinnern, daß sie einen anderen liebte, um wieder das frühere freie
Mädchen zu werden und die männliche Brust zurückzustoßen. Sie sträubte
sich auch garnicht, als er sie wieder zu küssen begann und nahm fast
bewußtlos den neuen brennenden Genuß hin, während sie mit
halbgeschlossenen Augen immer tiefer in die unbekannte Welt, die sie
geheimnisvoll zu locken suchte, hineinglitt. In Minuten kam es ihr vor,
daß sie nichts sah, nichts hörte, nichts empfand. Allein jede seiner
Bewegungen, jeden seiner Angriffe auf ihren unterworfenen Körper nahm
sie doch mit gemischten Regungen von Erniedrigung und heischender
Neugier wahr.
Die Verzweiflung, die sich dicht um ihr Herz wand, flüsterte ihr
zerbrochene, sich kaum biegende Gedanken zu.
-- -- -- Jetzt ist ja alles gleich, ganz gleich, sprach sie zu sich, und
die geheimnisvolle körperliche Neugierde wollte durchaus wissen, was
dieser ferne und nahe, so feindselige und so kräftige Mensch mit ihr
noch beginnen könnte.
Später, als er sie losgelassen und, neben ihr sitzend, zu rudern
begonnen hatte, schloß sie halb liegend die Augen. Trotzdem sie sich
bemühte, alles Leben von sich abzuwerfen, erzitterte sie unter jedem
Stoß seiner Arme, die ihr jetzt so gut bekannt waren und die sich nun
taktmäßig über ihrem Busen bewegten.
Mit leisem Knistern stieß das Boot ans Ufer. Karssawina öffnete die
Augen. Ringsumher dehnte sich Feld, Wasser und weißer Nebel. Der Mond
leuchtete blaß und unklar, wie ein Gespenst, das an der Morgendämmerung
vergehen muß. Es war schon hell und durchsichtig. Durch die Luft zog der
erste leise Windstoß vor dem Morgenrot.
»Darf ich Sie jetzt begleiten,« fragte Ssanin leise.
»Nein, ich -- -- -- allein ...« antwortete sie mechanisch.
Ssanin hob sie in die Arme und trug sie mit dem Genuß kraftvoller
Anstrengung aus dem Boote; er war noch voll von der überströmenden
Empfindung seiner Liebe und dankbarer Zärtlichkeit. Bevor er sie auf den
Boden niedersetzte, preßte er sie noch einmal stark an sich. Karssawina
taumelte; sie konnte sich nicht auf den Füßen halten.
»O, du Schönheit, du,« sagte Ssanin inbrünstig, als ob seine ganze Seele
in einer Flut von Leidenschaft und Mitleid vor ihr entströmen wollte.
Sie lächelte mit unbewußtem Stolz.
Ssanin ergriff sie bei den Händen und zog sie an sich.
»Küß du mich einmal!«
-- -- -- Jetzt ist doch alles gleich, -- -- -- warum hat er soviel
Mitleid mit mir, warum ist er so nahe bei mir? ... Es ist alles ganz
gleich, man braucht nichts mehr denken ... Zusammenhanglos schwirrten
die Gedanken durch Karssawinas Kopf; klingend und zärtlich küßte sie
Ssanin auf die Lippen.
»Nun lebe wohl,« flüsterte sie; sie verwickelte sich in ihre eigenen
Worte ... Sie bemerkte gar nicht, was sie sagte.
»Liebste, sei mir nicht böse ...« sprach Ssanin mit stiller Bitte.
Als sie dann allein den Damm entlang schritt, taumelnd, sich in die
Röcke verwickelnd, sah ihr Ssanin traurig nach. Es packte ihn
schmerzlich, wenn er an die unnötigen Leiden dachte, die sie noch zu
ertragen haben wird, und über die sie sich, wie er glaubte, nicht würde
erheben können.
Ihre Gestalt löste sich im Nebel auf und verlor sich, während sie immer
weiter der Morgenröte entgegenschritt. Als sie nicht mehr zu sehen war,
sprang Ssanin mit Macht in das Boot und unter den mächtigen
triumphierenden Ruderschlägen schlug das Wasser lärmend und glücklich
gegen die Planken. An einer breiten Stelle des Flusses unter dem
Morgenhimmel, inmitten der weißen wogenden Nebel, warf Ssanin die Ruder
hin, sprang in voller Größe auf die Bank und schrie aus aller Kraft laut
und freudig in den Morgen hinein.
Wald und Nebel lebten auf und antworteten ihm mit dem gleichen,
fröhlichen weitverhallenden Rufe.