XXXIX

Sobald sich Karssawina nur niederlegte, schlief sie auch augenblicklich

ein, wie wenn sie ein Schlag über den Schädel zu Boden geworfen hätte.

Doch schon am frühen Morgen erwachte sie wieder nach schwerem kurzem

Schlaf, am ganzen Körper krank und kalt wie eine Leiche. Die

Verzweiflung in ihr schien nicht zur Ruhe gegangen zu sein; nicht für

eine Minute fühlte sie ein Vergessen des Geschehenen. Sie sah sich

scharf nach jeder Kleinigkeit um, als ob sie irgend etwas herausfinden

müßte, das in ihrer Umgebung seit dem letzten Tage anders geworden war.

Aber hell und ruhig, wie an jedem Morgen, sahen sie die Heiligenbilder

aus der Ecke, die Fenster und der Boden, die Möbel und der hellblonde

Kopf Dubowas, die im andern Bett in festem Schlaf lag, an. Alles war so

einfach wie immer, nur ihr armes zerknautschtes Kleid, das sie lässig

über den Stuhl geworfen hatte, schien von etwas zu erzählen.

Die Röte, die der kurze Schlaf auf ihrem Gesicht hervorgerufen hatte,

wurde mehr und mehr von einer toten Blässe fortgeschoben und ihre

schwarzen Augenbrauen hoben sich dagegen so deutlich ab, als ob ihr

Gesicht noch wie gestern vom Monde beschienen wäre.

Mit erstaunlicher Klarheit und mit der Prägnanz eines kranken Gehirns

stand vor ihr wieder das Erlebte auf; am klarsten sah sie, wie sie am

Morgen durch die verschlafenen Straßen der Vorstadt lief. Die Sonne, die

sich soeben über die vom Tau besprenkelten Dächer und Zäune erhoben

hatte, leuchtete ihr schonungslos blendend, wie nie zuvor, ins Gesicht.

Durch die geschlossenen Läden verfolgten sie, wie durch heuchlerisch

geschlossene Lider, die feindseligen Fenster der kleinbürgerlichen

Häuser. Einsame Straßenpassanten schauten sich nach ihr um. Sie lief

unter der gleitenden Morgensonne hin, verwickelte sich in einzelne

Bahnen ihres langen Rockes und konnte den grünen samtenen Pompadour kaum

in den Fingern halten. Wie eine Verbrecherin schlich sie längs der Zäune

mit unsicheren, schwankenden Schritten entlang ... Wenn sich in diesem

Augenblick die ganze Menschheit mit geöffneten Mäulern und gierigen

Augen in ihren Weg gestürzt und sie mit höhnenden Rufen und Worten, die

infam wie Knuten einschnitten, verfolgt hätte, wäre es ihr ebenso

gleichgültig gewesen; weiter würde sie, taumelnd unter den Schlägen,

ziel- und sinnlos mit leerer Trauer in der Seele, vorwärts gelaufen

sein.

Schon im Felde, als im Nebel die schallenden Ruderschläge, die stürmisch

die Wellen durchschnitten, verstummten, erfaßte sie plötzlich die

furchtbare Last, die auf sie niedergefallen war. Ihr Herz, Vernunft und

Leben wurde zu matter Verzweiflung. Sie schrie auf, ließ den Pompadour

auf den nassen Sand fallen und griff sich an den Kopf. Von diesem

Augenblick an befand sie sich nur noch im Banne der Worte, die ihr von

jetzt ab jeder Mensch entgegenschleudern konnte. Ihr eigener Wille war

in der gestrigen Nacht, die wie ein wütender Rausch hinter ihr lag,

verloren gegangen. Es gab nur noch ein Ungewöhnliches, wahnsinnig

Ergreifendes, etwas so kraftvolles wie niemals zuvor.

Und doch konnte sie sich nicht erklären, wie es geschehen war, daß sie

sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben

auszufüllen schien, vergessen konnte.

In körperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor,

und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fühlte, wie

bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Körper von eisiger Kühle

durchströmt wurde.

Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten,

unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnäßten Bäume

hellgrün und gelb aufleuchteten.

Ihre Gedanken zogen an ihr vorüber, wie schwarzer Rauch, den der Wind

hin- und hertreibt. Wenn jemand ihre Seele hätte entfalten und wie ein

Buch durchblättern können, er wäre von Entsetzen gepackt worden.

Auf dem Hintergrunde ihres ungewöhnlich kräftigen und frischen Lebens,

in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von

sonnendurchleuchtetem Blut getränkt war, ballten sich furchtbare Bilder

ineinander.

Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr

Bewußtsein ein, leidenschaftliche Trauer über den Verlust der reinen

hellen Liebe zu Jurii preßte ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch

eine trübe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden

Gesichtern, die sich vor ihr drängten, überschwemmt.

Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustürzen, sich vor ihm auf den

Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und

dann für immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder überfiel sie bei

dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie

wünschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu

müssen, einfach, indem sie zu leben aufhörte. Dann wieder schien ihr

plötzlich, daß es vielleicht noch möglich wäre, alles gut zu machen. Die

Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben,

-- -- -- sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte

durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des

männlichen Körpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch

die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlos betäubt, lag sie ohne

Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett.

Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen

und die erregten Mienen der Freundin.

»Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewöhnt.«

Als Karssawina am frühen Morgen zurückgekehrt war, hatte sie Dubowa nur

halb im Schlaf gefragt: »Wie siehst du denn zerzaust aus?« sie war aber

sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fühlte sie, daß etwas

geschehen war, und im Hemd, barfuß, ging sie auf die Freundin zu:

»Was ist dir? ... Fehlt dir etwas?« sie fragte zärtlich und besorgt, wie

eine ältere Schwester.

Karssawina zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag erwartete, doch ihre

rosigen Lippen verzogen sich nur zu einem falschen Lächeln und eine

Stimme, die ihr selbst fremd erschien, antwortete viel zu lustig:

»Aber nichts! Garnichts! Ich habe nur zu wenig geschlafen.«

So war das erste Wort der Lüge gefallen und es vernichtete ohne Rest die

Erinnerung an das frühere freie, aufrechte Mädchen. Dies Eine war

gewesen; jetzt wurde es zu einer Anderen. Und dies Andere war verlogen,

feig und beschmutzt.

Während Dubowa sich wusch und ankleidete, blickte Karssawina sie

verstohlen an; die Freundin kam ihr hell und rein vor; sie selbst

dagegen wie eine dunkle, zertretene Kröte. Diese Empfindung ergriff sie

so stark, daß ihr der Teil des Zimmers, in dem sich Dubowa bewegte,

sonnendurchleuchtet erschien, während ihre Ecke in feuchte, klebrige

Finsternis versank. Karssawina erinnerte sich, wie erhaben sie sich in

ihrer Gloriole der Schönheit und Frische über die farblose, alternde

Freundin gefühlt hatte; Gram und Wehmut weinten jetzt in ihr mit Tränen

schwer wie Blutstropfen.

Doch alles das spielte sich tief in ihrem Innern ab; äußerlich blieb sie

ruhig, fast fröhlich. Sie zog ihr schönes blaues Kleid an, nahm Hut und

Schirm und ging mit ihren gewöhnlichen Schritten, die den Eindruck

machten, daß sie klar wie starke Wassertropfen niederfielen, in die

Schule. Dort hatte sie bis zum Mittag zu tun, dann kam sie nach Hause.

Unterwegs begegnete ihr Lydia Ssanina. Die beiden jungen Mädchen standen

von der Sonne überströmt, lächelten mit leidenschaftlichen Lippen und

sprachen von allerlei Nichtigkeiten.

In Lyda entstand sofort wieder krankhafter Haß auf das sorglose

glückliche Mädchen und Karssawina beneidete Lyda um das Glück, so schön,

lustig und unberührt zu sein.

Jede sah in dem Leben der anderen eine schreiende Ungerechtigkeit.

-- -- -- Ich bin doch besser als sie ... Warum hat sie Glück und ich bin

so unglücklich, liefen die Gedanken einer jeden eilig hin und her.

Nach dem Mittagessen nahm Karssawina ein Buch zur Hand, setzte sich ans

Fenster und begann wieder teilnahmslos und unverwandt auf das Licht und

die Wärme des Gartens, der seine letzten Sommertage erlebte,

niederzuschauen.

Der erste scharfe Schmerz war vorüber. In ihrer Seele verschwamm alles

in indifferenter krankhafter Müdigkeit.

-- -- -- Nun sei's denn ... ich gehe unter ... So ist es mir also

bestimmt ... Ich werde sterben, wiederholte sie sich apathisch.

Da sah Karssawina Ssanin kommen; noch früher, als er sie bemerkte.

Er ging stolz und ruhig durch den Garten, sah sich nach allen Seiten um

und strich mit seinen Händen über die Zweige der Büsche, als ob er sie

zärtlich begrüßen wollte.

In die Höhe schnellend, das Buch an die Brust gepreßt, starrte sie

erregt auf ihn, bis er ans Fenster herantrat.

»Grüß Gott,« sagte er ihr die Hand reichend.

Bevor sie noch aufstehen und sich aus dem halb bewußtlosen Sturm der

Empfindungen freimachen konnte, wiederholte Ssanin mit beharrlicher

Zärtlichkeit: »Nun, grüß dich doch Gott!« In seiner Stimme lag etwas,

das Karssawina der Möglichkeit, aufzuschreien, in die Höhe zu springen,

fortzulaufen, beraubte.

Ssanin: Roman · 第 67 / 97 题