Sobald sich Karssawina nur niederlegte, schlief sie auch augenblicklich
ein, wie wenn sie ein Schlag über den Schädel zu Boden geworfen hätte.
Doch schon am frühen Morgen erwachte sie wieder nach schwerem kurzem
Schlaf, am ganzen Körper krank und kalt wie eine Leiche. Die
Verzweiflung in ihr schien nicht zur Ruhe gegangen zu sein; nicht für
eine Minute fühlte sie ein Vergessen des Geschehenen. Sie sah sich
scharf nach jeder Kleinigkeit um, als ob sie irgend etwas herausfinden
müßte, das in ihrer Umgebung seit dem letzten Tage anders geworden war.
Aber hell und ruhig, wie an jedem Morgen, sahen sie die Heiligenbilder
aus der Ecke, die Fenster und der Boden, die Möbel und der hellblonde
Kopf Dubowas, die im andern Bett in festem Schlaf lag, an. Alles war so
einfach wie immer, nur ihr armes zerknautschtes Kleid, das sie lässig
über den Stuhl geworfen hatte, schien von etwas zu erzählen.
Die Röte, die der kurze Schlaf auf ihrem Gesicht hervorgerufen hatte,
wurde mehr und mehr von einer toten Blässe fortgeschoben und ihre
schwarzen Augenbrauen hoben sich dagegen so deutlich ab, als ob ihr
Gesicht noch wie gestern vom Monde beschienen wäre.
Mit erstaunlicher Klarheit und mit der Prägnanz eines kranken Gehirns
stand vor ihr wieder das Erlebte auf; am klarsten sah sie, wie sie am
Morgen durch die verschlafenen Straßen der Vorstadt lief. Die Sonne, die
sich soeben über die vom Tau besprenkelten Dächer und Zäune erhoben
hatte, leuchtete ihr schonungslos blendend, wie nie zuvor, ins Gesicht.
Durch die geschlossenen Läden verfolgten sie, wie durch heuchlerisch
geschlossene Lider, die feindseligen Fenster der kleinbürgerlichen
Häuser. Einsame Straßenpassanten schauten sich nach ihr um. Sie lief
unter der gleitenden Morgensonne hin, verwickelte sich in einzelne
Bahnen ihres langen Rockes und konnte den grünen samtenen Pompadour kaum
in den Fingern halten. Wie eine Verbrecherin schlich sie längs der Zäune
mit unsicheren, schwankenden Schritten entlang ... Wenn sich in diesem
Augenblick die ganze Menschheit mit geöffneten Mäulern und gierigen
Augen in ihren Weg gestürzt und sie mit höhnenden Rufen und Worten, die
infam wie Knuten einschnitten, verfolgt hätte, wäre es ihr ebenso
gleichgültig gewesen; weiter würde sie, taumelnd unter den Schlägen,
ziel- und sinnlos mit leerer Trauer in der Seele, vorwärts gelaufen
sein.
Schon im Felde, als im Nebel die schallenden Ruderschläge, die stürmisch
die Wellen durchschnitten, verstummten, erfaßte sie plötzlich die
furchtbare Last, die auf sie niedergefallen war. Ihr Herz, Vernunft und
Leben wurde zu matter Verzweiflung. Sie schrie auf, ließ den Pompadour
auf den nassen Sand fallen und griff sich an den Kopf. Von diesem
Augenblick an befand sie sich nur noch im Banne der Worte, die ihr von
jetzt ab jeder Mensch entgegenschleudern konnte. Ihr eigener Wille war
in der gestrigen Nacht, die wie ein wütender Rausch hinter ihr lag,
verloren gegangen. Es gab nur noch ein Ungewöhnliches, wahnsinnig
Ergreifendes, etwas so kraftvolles wie niemals zuvor.
Und doch konnte sie sich nicht erklären, wie es geschehen war, daß sie
sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben
auszufüllen schien, vergessen konnte.
In körperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor,
und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fühlte, wie
bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Körper von eisiger Kühle
durchströmt wurde.
Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten,
unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnäßten Bäume
hellgrün und gelb aufleuchteten.
Ihre Gedanken zogen an ihr vorüber, wie schwarzer Rauch, den der Wind
hin- und hertreibt. Wenn jemand ihre Seele hätte entfalten und wie ein
Buch durchblättern können, er wäre von Entsetzen gepackt worden.
Auf dem Hintergrunde ihres ungewöhnlich kräftigen und frischen Lebens,
in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von
sonnendurchleuchtetem Blut getränkt war, ballten sich furchtbare Bilder
ineinander.
Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr
Bewußtsein ein, leidenschaftliche Trauer über den Verlust der reinen
hellen Liebe zu Jurii preßte ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch
eine trübe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden
Gesichtern, die sich vor ihr drängten, überschwemmt.
Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustürzen, sich vor ihm auf den
Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und
dann für immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder überfiel sie bei
dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie
wünschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu
müssen, einfach, indem sie zu leben aufhörte. Dann wieder schien ihr
plötzlich, daß es vielleicht noch möglich wäre, alles gut zu machen. Die
Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben,
-- -- -- sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte
durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des
männlichen Körpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch
die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlos betäubt, lag sie ohne
Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett.
Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen
und die erregten Mienen der Freundin.
»Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewöhnt.«
Als Karssawina am frühen Morgen zurückgekehrt war, hatte sie Dubowa nur
halb im Schlaf gefragt: »Wie siehst du denn zerzaust aus?« sie war aber
sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fühlte sie, daß etwas
geschehen war, und im Hemd, barfuß, ging sie auf die Freundin zu:
»Was ist dir? ... Fehlt dir etwas?« sie fragte zärtlich und besorgt, wie
eine ältere Schwester.
Karssawina zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag erwartete, doch ihre
rosigen Lippen verzogen sich nur zu einem falschen Lächeln und eine
Stimme, die ihr selbst fremd erschien, antwortete viel zu lustig:
»Aber nichts! Garnichts! Ich habe nur zu wenig geschlafen.«
So war das erste Wort der Lüge gefallen und es vernichtete ohne Rest die
Erinnerung an das frühere freie, aufrechte Mädchen. Dies Eine war
gewesen; jetzt wurde es zu einer Anderen. Und dies Andere war verlogen,
feig und beschmutzt.
Während Dubowa sich wusch und ankleidete, blickte Karssawina sie
verstohlen an; die Freundin kam ihr hell und rein vor; sie selbst
dagegen wie eine dunkle, zertretene Kröte. Diese Empfindung ergriff sie
so stark, daß ihr der Teil des Zimmers, in dem sich Dubowa bewegte,
sonnendurchleuchtet erschien, während ihre Ecke in feuchte, klebrige
Finsternis versank. Karssawina erinnerte sich, wie erhaben sie sich in
ihrer Gloriole der Schönheit und Frische über die farblose, alternde
Freundin gefühlt hatte; Gram und Wehmut weinten jetzt in ihr mit Tränen
schwer wie Blutstropfen.
Doch alles das spielte sich tief in ihrem Innern ab; äußerlich blieb sie
ruhig, fast fröhlich. Sie zog ihr schönes blaues Kleid an, nahm Hut und
Schirm und ging mit ihren gewöhnlichen Schritten, die den Eindruck
machten, daß sie klar wie starke Wassertropfen niederfielen, in die
Schule. Dort hatte sie bis zum Mittag zu tun, dann kam sie nach Hause.
Unterwegs begegnete ihr Lydia Ssanina. Die beiden jungen Mädchen standen
von der Sonne überströmt, lächelten mit leidenschaftlichen Lippen und
sprachen von allerlei Nichtigkeiten.
In Lyda entstand sofort wieder krankhafter Haß auf das sorglose
glückliche Mädchen und Karssawina beneidete Lyda um das Glück, so schön,
lustig und unberührt zu sein.
Jede sah in dem Leben der anderen eine schreiende Ungerechtigkeit.
-- -- -- Ich bin doch besser als sie ... Warum hat sie Glück und ich bin
so unglücklich, liefen die Gedanken einer jeden eilig hin und her.
Nach dem Mittagessen nahm Karssawina ein Buch zur Hand, setzte sich ans
Fenster und begann wieder teilnahmslos und unverwandt auf das Licht und
die Wärme des Gartens, der seine letzten Sommertage erlebte,
niederzuschauen.
Der erste scharfe Schmerz war vorüber. In ihrer Seele verschwamm alles
in indifferenter krankhafter Müdigkeit.
-- -- -- Nun sei's denn ... ich gehe unter ... So ist es mir also
bestimmt ... Ich werde sterben, wiederholte sie sich apathisch.
Da sah Karssawina Ssanin kommen; noch früher, als er sie bemerkte.
Er ging stolz und ruhig durch den Garten, sah sich nach allen Seiten um
und strich mit seinen Händen über die Zweige der Büsche, als ob er sie
zärtlich begrüßen wollte.
In die Höhe schnellend, das Buch an die Brust gepreßt, starrte sie
erregt auf ihn, bis er ans Fenster herantrat.
»Grüß Gott,« sagte er ihr die Hand reichend.
Bevor sie noch aufstehen und sich aus dem halb bewußtlosen Sturm der
Empfindungen freimachen konnte, wiederholte Ssanin mit beharrlicher
Zärtlichkeit: »Nun, grüß dich doch Gott!« In seiner Stimme lag etwas,
das Karssawina der Möglichkeit, aufzuschreien, in die Höhe zu springen,
fortzulaufen, beraubte.