Karssawina erriet an seiner Stimme, daß er über sie lächele und wurde
über und über rot.
»Nein, wirklich ... und wie sehr er ... Er hat wahrscheinlich viel
durchgemacht.«
»Wahrscheinlich! Daß er unglücklich ist, stimmt ... Doch haben Sie mit
ihm Mitleid?«
»Gewiß!« sie sagte es mit gemacht naivem Ton.
»Ja, das ist begreiflich. Nur fassen Sie das Wort unglücklich sehr
eigenartig auf. Sie glauben doch sicher, daß ein seelisch
unbefriedigter, über alles nachdenkender Mensch nicht einfach
unglücklich und bemitleidenswert sei, sondern etwas ganz anderes, etwas
Besonders darstellt ... Er ist kräftiger, stärker. Das ewige Hin- und
Herschleudern seiner Taten von rechts nach links erscheint Ihnen als ein
schöner Zug, der dem Menschen das Recht gibt, sich höher als andere
einzuschätzen, das heißt nicht so sehr das Recht auf Mitleid, wie auf
Achtung und Liebe.«
»Aber wie denn anders? ...« fragte sie naiv.
Sie hatte noch nie viel mit Ssanin gesprochen. Doch sie hörte ihn stets
als einen ganz eigenartigen Menschen beurteilen, und sie empfand in
seiner Gegenwart die Nähe von etwas Neuem, Interessantem, das sie
erregte.
Ssanin lächelte: »Es gab eine Zeit, wo der Mensch ein beschränktes
viehisches Leben führte, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, was
er treibt und fühlt. Dann kam die Zeit des bewußten Lebens. Die zweite
Stufe war die der Umwertung aller Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche. Auf
dieser steht auch Jurii Swaroschitsch, der letzte der Mohikaner einer in
die Ewigkeit versinkenden Periode menschlicher Entwickelung. Wie alles,
was am Ende steht, sog er alle Säfte seiner Zeit in sich ein. Bis in das
Innere seiner Seele ist er durch sie vergiftet. Er kennt kein Leben als
dieses eine ... Alles, was er tut, ruft in ihm endlosen Streit darüber
hervor, ob es gut, ob es schlecht ist. Das ist bei ihm bis zur
Lächerlichkeit übertrieben. Als er der Partei beitrat, zweifelte er, ob
es nicht unter seiner Würde sei, in Reih und Glied mit den andern zu
stehen. Seit seinem Austritt aus der Partei quält ihn wieder der
Gedanke, ob es nicht erniedrigend ist, sich abseits von der allgemeinen
Bewegung zu halten. Uebrigens, solche Menschen gibt's in Menge. Es ist
die Mehrzahl ... Jurii Swaroschitsch bildet nur darin eine Ausnahme, daß
er nicht so dumm ist wie die anderen und daß der Kampf mit sich selbst
in ihm nicht lächerliche, sondern manchmal wirklich tragische Formen
annimmt. Irgend ein Nowikow, der mästet sich nur an seinen Zweifeln und
Leiden wie eine im Stall eingesperrte Zuchtsau, Swaroschitsch aber, der
schleppt vielleicht tatsächlich eine Katastrophe in sich herum.«
Ssanin hielt plötzlich an. Seine eigene laute Stimme und die täglichen
einfachen Worte, scheuchten den nächtlichen Zauber fort; das tat ihm
leid. Er schwieg still, sah nur das Mädchen an, ihre schwarzen
Augenbrauen auf dem weißen Gesicht, ihre hohe Brust.
»Ich verstehe nicht, wie Sie so von Jurii Nikolajewitsch reden können.
Als wenn er selbst daran schuld wäre, daß er so ist und nicht anders.
Wenn ein Mensch vom Leben unbefriedigt ist, so steht er also höher als
das Leben.«
»Ein Mensch kann niemals höher als das Leben stehen. Er ist selbst nur
ein Teilchen des Lebens. Unbefriedigt kann es wohl sein, aber die
Ursachen liegen in seiner eigenen Person. Er kann es entweder nicht oder
wagt es nicht, sich von dem Reichtum des Lebens so viel anzueignen, wie
er tatsächlich für sich bedarf. Die einen sind lebenslang in einem
Gefängnis eingesperrt, die andern wagen einfach nicht aus ihrem Bauer
herauszufliegen, so wie Vögel, die schon zu lange in einem festgehalten
wurden. Der Mensch ist solange eine harmonische Verbindung von Geist und
Seele, wie sie noch nicht durchbrochen ist. Auf natürlichem Wege wird
sie nur durch das Nahen des Todes gelöst, aber auch wir selbst können
sie aufheben -- -- -- durch eine mißglückte Weltanschauung. Wir haben
die Wünsche unseres Körpers als Bestialität gebrandmarkt, fingen an, uns
ihrer zu schämen, umkleideten sie mit einer erniedrigenden Form, und
schafften ihnen eine einseitige Existenz. Diejenigen unter uns, die
ihrem Charakter nach schwach sind, fristen ein Leben in Ketten. Aber
solche, denen die Kräfte nur infolge der falschen Lebensauffassung, an
die sie gebunden sind, fehlen, das sind Märtyrer. Die unterdrückte
Energie reißt an ihren Fesseln, der Körper verlangt nach Freude und
quält sich selbst. Ihr ganzes Leben lang krochen sie zwischen
Zwiespälten, klammern sich an jeden Strohhalm in der Sphäre neuer
sittlicher Ideale und schließlich grämen sie sich zu Tode in der Furcht,
zu leben und zu fühlen.«
Mit unerwarteter Kraft fiel ihm Karssawina ins Wort:
»Ja, ja, so ist es!«
Eine Menge neuer, unerwarteter Gedanken stieg leicht in ihr auf. Sie
schaute mit glänzenden Augen um sich und die machtvolle prächtige
Schönheit der Fülle, die im unbeweglichen Fluß, im finstern Wald, in der
Tiefe des blauen Himmels mit dem nachdenklichen Mond, um sie ausgegossen
war, strömte in tiefen Wellen in ihren Körper und ihre Seele ein.
Des Mädchens begann sich jenes eigentümliche Gefühl zu bemächtigen, das
ihr bereits bekannt war, das sie liebte und fürchtete, das Gefühl trüben
Suchens nach der Auslösung von Kraft und Bewegung, -- -- von Glück.
»Ich träume immer von der glücklichen Zeit,« sprach Ssanin nach einer
Weile, »wo zwischen den Menschen und dem Glück nichts mehr stehen wird,
wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugänglichen Genüssen
hingeben kann.«
»Und was dann? ... Wieder Barbarei? ...«
»Nein! Das Zeitalter, in dem die Menschen nur mit dem Unterleib lebten,
war zwar barbarisch grob und arm ... unseres aber, wo der Körper dem
Geist unterworfen ist und in die Rumpelkammer gedrängt wurde, ist auch
nur sinnlos schwach. Doch die Menschheit hat nicht umsonst gelebt. Sie
wird neue Lebensbedingungen ausfinden ... in denen es keinen Platz mehr
geben wird ... weder für Bestialität noch für Asketik.«
»Sagen Sie bitte ... und die Liebe ... gibt sie Pflichten ...« fragte
Karssawina unerwartet.
»Nein, -- -- denn die Pflichten, die die Liebe gibt, sind für den
Menschen nur durch die Eifersucht schwer geworden. Die Eifersucht aber
wurde allein durch die Sklaverei ins Leben gerufen. Jede Sklaverei zieht
Böses nach sich. Die Menschen sollen die Liebe genießen ... ohne Furcht
und Entsagung, ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle
Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zufälligkeiten,
Ueberraschungen und Verbindungen erweitern.«
-- -- -- ich habe doch damals nichts gefürchtet, dachte das Mädchen mit
Stolz und sah Ssanin plötzlich an, als säße er zum ersten Mal vor ihr.
Groß und kräftig lehnte er am Steuer, mit von der Nacht verdunkelten
Augen; seine breiten Schultern waren unbeweglich wie aus Eisen.
Unverwandt blickte ihn Karssawina mit bangem Interesse an. Mit einem Mal
kam ihr der Gedanke, daß sie vor sich eine ganze Welt unbekannter,
eigenartiger Gefühle und Kräfte liegen habe; ihr kam der Wunsch, sie in
sich aufzunehmen.
... er ist doch sehr interessant, schwirrte es fein durch ihren Kopf.
Sie lächelte sich selbst verstohlen zu, aber eine stechende Aufregung
durchzuckte ihren ganzen Körper mit nervösem Zittern.
Wahrscheinlich fühlte auch Ssanin diese plötzliche Flutwelle weiblicher
Neugierde, denn er atmete selbst kräftiger und stärker auf. Die Ruder
verwickelten sich in der engen Straße, in die das Boot langsam
hineinglitt und fielen aus den Händen des Mädchens. Auch in ihrem Innern
schien ganz ebenso etwas niedergefallen zu sein.
»Ich kann hier nicht weiter,« sagte sie schuldbewußt. »Es ist zu
schwer.« Ihre Stimme klang wie zu Boden gesunken, leise und melodisch in
der dunklen, schmalen Wasserenge, wo das unsichtbare Gekräusel der
Wellen still für sich plätscherte.
Ssanin erhob sich und ging auf sie zu.
»Wohin wollen Sie?« rief sie mit unerklärlichem Schrecken.
»Lassen Sie mich.«
Karssawina stand auf und wollte zum Steuer gehen. Das Boot schwankte,
als ob es unter den Füßen fortgleiten wollte. Sie mußte sich
unwillkürlich an Ssanin anklammern, wobei sie mit ihrer elastischen
Brust stark gegen ihn stieß. In diesem Augenblick, in dem ihr selbst
nichts bewußt wurde, in dem sie nichts glaubte und nichts mehr erriet,
hielt sie selber diese Berührung an und verstärkte sie noch, als müßte
sie sich im Fluge an ihn anschmiegen. Und so fing er in einer Sekunde
mit seiner ganzen Person den märchenhaften Zauber der Nähe einer Frau in
sich auf. Sie verstand sein Gefühl in der Fülle ihres Wesens, empfand
die ganze Stärke seiner Erregung und wurde daran trunken, bevor sie
begriffen hatte, was sie tat.
... Ahaaaaa, riß es sich erstaunt und entzückt durch Ssanins Brust;
schmerzhaft und leidenschaftlich umarmte er sie, so daß sie sich hinten
übergebeugt fast in der Luft befand und instinktiv nach dem fallenden
Hut und der Frisur griff. Das Boot schwankte noch stärker, und die
unsichtbaren Wellen stieben mit aufgewirbeltem Lärmen an die Ufer.
»Was tun Sie? ...« schrie sie schwach auf. »Lassen Sie mich. Um
Gotteswillen, was tun Sie? ...« Sie flüsterte atemlos, während sie sich
nach kurzem, lautlosen Schweigen aus seinen stählernen Armen reißen
wollte.
Aber kräftig, ihre weiche Brust fast zerquetschend, preßte Ssanin das
Mädchen an sich ... ihr wurde schwül, alles, was zwischen ihnen als
Scheidewand stand, war mit einem Mal irgendwohin versunken.
Ringsherum war Stille, würziger Geruch von Wasser und Gräsern,
eigentümliche Kälte und Glut und Schweigen. Plötzlich senkten sich ihre
Arme, sie fühlte sich selbst von einer völligen Willenlosigkeit
überwunden, lag ohne etwas zu sehen oder wahrzunehmen am Boden und gab
sich dem fremden männlichen Willen und seiner Stärke mit brennenden
Schmerzen und taumelndem Genusse hin.