Im breiten Korridor des Klostergasthauses roch es nach Brot, Weihrauch
und dem Samowar. Ein behender, gesunder Mönch sauste mit einem Samowar,
der rund wie eine Wassermelone war, an Jurii vorbei.
»Väterchen,« rief Jurii, aber unwillkürlich wurde er durch die
Anredeform in Verwirrung gebracht; er erwartete, daß auch der Mönch ihn
verwundert anstarren müsse.
»Was belieben? ...« fragte dieser ruhig und höflich, wobei sein Gesicht
kaum aus den Dampfwolken hervorguckte.
»Zu Ihnen muß heute eine Gesellschaft aus der Stadt gekommen sein.«
»Die ist auf Zimmer sieben,« entgegnete der Mönch so rasch, als ob er
gerade auf diese Frage gelauert hätte. »Bemühen Sie sich bitte hier
hinaus auf das Balkonchen.«
Jurii öffnete die Tür zum Zimmer sieben. In dem großen Raum war es
dunkel und wahrscheinlich auch durch Tabaksrauch ganz undurchsichtig
geworden. Hinter der Tür zum Balkon dagegen sah es hell aus; Flaschen
klangen, Menschen bewegten sich unter Schreien und Lachen.
»Das Leben ist eine unheilbare Krankheit,« vernahm Jurii durch den Rauch
Schawrows Stimme.
»Und du selber bist ein unheilbarer Dummkopf,« schrie ihm Iwanow unter
kräftigem Lachen zurück. »Sieh mal einer an, wie die Phrasen aus dir
herausplatzen!«
Als Jurii zu ihnen hinaustrat, kamen ihm alle mit freudigen, trunkenen
Ausrufen entgegen. Schawrow sprang von seinem Platz auf, riß dabei fast
die Decke vom Tisch herunter, kroch hinter ihm vor und murmelte
verliebt, während er Juriis Hand in der seinen drückte:
»Das ist aber schön, daß Sie gekommen sind. Besten Dank bei Gott. In der
Tat ... Meiner Treu ...«
Jurii nahm zwischen Ssanin und Pjotr Iliitsch Platz und schaute sich um.
Der Balkon war von zwei Lampen und einer Laterne hell beleuchtet; man
hatte den Eindruck, daß hinter den Grenzen des Lichts eine
undurchdringliche schwarze Mauer stand. Sobald sich Jurii jedoch von dem
Licht abwandte, sah er noch ziemlich klar den grünlichen Streifen der
Abendröte, die bucklige Silhouette des Berges, die Wipfel der nächsten
Bäume und weit unten die schwach erglänzende, einschlafende Oberfläche
des Flusses.
Falter und Käfer kamen aus dem Walde ans Feuer geflogen, wirbelten
herum, schwenkten nieder, erhoben sich, und krochen vom Lichte
angesengt, langsam über den Tisch.
Jurii schaute sie an und wurde traurig.
-- -- -- Wir Menschen sind ganz ebenso, dachte er. Wir fliegen geradeso
aufs Feuer los, auf jede glänzende Idee, zerschlagen uns an ihr, und
sterben in Leiden. Wir glauben, daß diese Idee ein Ausdruck des
Weltwillens sei und sie ist doch nur ein Brennen unseres Gehirns.
»Nun trinken wir aus!« rief ihm Ssanin freundlich zu und reichte die
Flasche herüber.
»Schön,« sagte Jurii melancholisch und dachte auch sofort, daß das
Trinken vielleicht das einzige sei, was ihm noch übrig bleibe. Sie
stießen an und stürzten das Glas herunter. Der Wodka schien Jurii
widerwärtig wie heißes, bitteres Gift. Mit eklem Zittern am ganzen
Körper griff er zu den Speisen. Aber auch sie bewahrten lange einen
abstoßenden Geschmack und wollten nicht durch die Kehle rutschen.
-- -- -- Nein, ich muß um jeden Preis von hier fort, sagte er sich. Aber
wohin denn? ... Es ist doch überall dieselbe Geschichte. Sich selbst
kann man nicht entrinnen. Wenn der Mensch über sein Leben hinauswächst,
so wird es ihn nirgends und in keiner Form befriedigen. Ob in diesem
Nest oder in Petersburg; das ist alles gleich.
»Meiner Meinung nach ist der Mensch an sich ... nichts!« schrie Schawrow
laut.
Jurii sah sein plattes Gesicht mit den Brillengläsern und den
langweiligen Augen und dachte, daß ein solcher Mensch in der Tat schon
an sich ein Nichts sei.
»Das Individuum ist eine Null, nur Persönlichkeiten, die aus der Masse
hervorgehen und mit ihr nicht die Fühlung verlieren, also, die sich der
Menge nicht entgegenstellen, wie es die bourgeoisen Helden zu tun
belieben, ich sage ihnen, nur die besitzen eine wirkliche Kraft, --
wie?«
»Aber worin soll denn diese Kraft liegen,« entgegnete Iwanow wütend,
indem er sich gewichtig mit beiden Ellenbogen der gekreuzten Arme auf
den Tisch stemmte ... »Im Kampfe mit der bestehenden Ordnung? ...
Meinetwegen ... Aber im Kampf für ihr eigenes Glück, was hilft ihnen da
die Masse? -- -- --«
»Aha, Sie sind ja ein ... Uebermensch ... Sie brauchen irgend ein
besonderes Glück ... Ein eigenes ... Aber wir Menschen der Menge
glauben, daß wir gerade im Kampfe für das allgemeine Glück auch unser
Glück finden werden. Verstehen Sie, der Triumph einer Idee, das ist
Glück ...«
»Und wenn die Idee Fehler besitzt? ...«
»Das ist ganz gleich,« Schawrow schüttelte energisch den Kopf, als müsse
er von vornherein jede Berufung auf eine höhere Instanz ablehnen. »Man
braucht nur zu glauben ...«
»Spucke doch darauf,« rief ihm Iwanow verächtlich zu. »Jeder Mensch
glaubt, daß das, was er treibt, gerade das Wichtigste und Notwendigste
ist. Daran glaubt sogar ein Damenschneider. Du wußtest es auch ... Hast
es wahrscheinlich nur vergessen ... Die Pflicht deiner Freunde ist, dich
daran zu erinnern, Bruder.«
Jurii schaute mit grundlosem Haß in Iwanows Gesicht, das von dem
getrunkenen Wodka blaß geworden war; es sah verschwitzt aus und die
großen, grauen Augen blickten glanzlos in das Licht.
»Und worin liegt dann Ihrer Meinung nach das Glück?« fragte Jurii mit
verzerrten Mienen.
»Auf keinen Fall sicher darin, das ganze liebe Leben lang zu jammern und
auf jedem Schritt sich zu fragen: Halt, da nieste ich doch eben ... habe
ich's auch gut gemacht ... Wird daraus womöglich nicht für jemanden
Schaden entstehen ... Habe ich durch dieses Niesen meine Berufung
erfüllt? -- -- --«
Jurii sah in den kalten Augen klar die Abneigung gegen sich geschrieben
und krümmte sich unter dem Gedanken, daß sich Iwanow über ihn lustig
machen könnte.
-- -- -- Nun, das werden wir doch sehen, sagte er sich ... »Das ist kein
Programm,« erklärte er und gab sich Mühe, in jedem Zug seine Entrüstung
zu zeigen und die vollkommenste Verachtung auszudrücken.
»Sie brauchen unbedingt ein Programm? Nun, ich ... was ich will, was ich
kann, das tue ich ... da haben Sie ein Programm.«
Schawrow war empört ... »Das ist ein nettes Programm, wie? ... Gar nicht
zu sagen.«
Jurii schwieg und machte nur eine abwehrende Bewegung mit der Schulter.
Eine Zeitlang saßen alle schweigend und tranken ... Dann wandte sich
Jurii zu Ssanin und begann von dem, was er für das beste hielt, zu
reden. Er sah Iwanow nicht an, sprach aber doch nur für ihn. Ihm schien
es, daß er jetzt nur einige Worte im Zusammenhang zu sagen brauche, um
seine Gedanken vollständig zum Ausdruck zu bringen, und niemand würde
imstande sein, ihn zu widerlegen. Aber zu seiner Empörung brüllte Iwanow
bei Juriis ersten Worten, daß ein Mensch nicht ohne einen Gott leben
könne und daß er sich, wenn er einen gestürzt hätte, sofort einen
anderen suchen müsse, damit sein Leben nicht ganz sinnlos wäre, über die
Schultern weg:
»Aha, das Märchen von Katharina -- -- das haben wir schon gehört.«
Jurii überhörte geflissentlich den Ausfall und fuhr in der
Auseinandersetzung seiner Anschauungen fort. Von der Diskussion
hingerissen, bemerkte er garnicht, daß er mit einem Male das, was für
ihn selbst noch eine Quelle des Zweifels war, sehr energisch vertrat.
Erst am selben Morgen hatte er sich noch Fragen über Glauben und
Nichtglauben gestellt. Aber jetzt im Streit zeigte sich, daß er alles
schon in sich durchdacht und auf den festesten Grundlagen zu stehen
hatte.
Schawrow hörte ihn mit Ehrfurcht und rührseliger Freude an. Ssanin
lächelte und Iwanow schaute halb abgewandt hin und warf bei jedem
Gedanken, der Jurii originell und individuell vorkam, ein verächtliches:
»Auch das haben wir schon längst gehört« dazwischen.
Jurii brauste endlich auf:
»Hören Sie, das haben wir auch schon oft genug gehört. Es gibt nichts
Leichteres, als so ein »gehört« einzuwerfen. Wenn man keine Einwände
findet, sich damit zu beruhigen. Können Sie nur das eine reden: Gehört,
gehört, so habe ich ebensogut das Recht, zu sagen: Nichts, garnichts
haben Sie gehört.«
Iwanow erblaßte, und seine Augen rollten aufgeregt.
»Vielleicht,« sagte er mit unverhohlenem Spott und dem Wunsch, zu
verletzen, »haben wir wirklich noch nichts gehört. Weder von tragischem
Nachdenken, noch über die Unmöglichkeit, ohne Gott zu leben, noch über
den nackten Menschen auf der entblößten Erde.« -- -- Jeden Satz sprach
er in einem Ton, der wie auf Stelzen ging. Doch plötzlich schrie er böse
und abgerissen auf: »Denken Sie lieber mal etwas Neues aus.«
Jurii fühlte, daß in Iwanows Hohn ein wahrer Kern stecke. Er erinnerte
sich mit einem Mal, wie viele wissenschaftliche Werke er schon
durchgearbeitet hatte. Sowohl über Anarchismus, wie über Marxismus, über
Individualismus, über den Uebermenschen und den verklärten Christen,
über den mystischen Anarchismus, und noch über vieles Andere. In der Tat
hatten alle das schon gehört, aber doch änderte sich in ihnen nichts
gegen früher und in ihm selbst lag immer noch das schwere Gefühl
geistiger Unbefriedigung. Dennoch kam ihm nicht für eine Sekunde der
Gedanke, nun zu schweigen. Er sprach mit aller Schärfe weiter, obgleich
er selbst sah, daß er damit mehr Iwanow verletzte, als daß er seine
Gedanken begründete.
Iwanow geriet in Wut; er wurde jetzt einfach fürchterlich. Sein Gesicht
erhielt einen noch blasseren Schein, die Augen wölbten sich in ihren
Höhlen und seine Stimme donnerte wild und grob.
Da mischte sich Ssanin mit verdrießlichen und gelangweilten Zügen in
ihren Streit: »Aber so hören Sie doch endlich auf, meine Herren. Wird
Ihnen denn das nicht mit der Zeit langweilig. Man kann doch keinen
Menschen dafür hassen, daß er nach seiner Manier denkt.«
»Das ist kein Denken mehr, nein, das ist nichts als Schwindel,« schrie
Iwanow. »Da will einer zeigen, daß er tiefer und feiner denkt als wir
alle ... und nicht ...«
»Mit welchem Recht behaupten Sie das? ... Warum soll ich das gerade
wollen und nicht Sie?«
»Hören Sie,« rief Ssanin laut und strenge. »Wenn Sie sich beide prügeln
wollen, so gehen Sie hinaus und tuen Sie es, wo es Ihnen Spaß macht.
Aber Sie haben kein Recht, uns andere zu zwingen, Ihre unsinnigen
Zänkereien mit anzuhören.«
Iwanow und Jurii schwiegen. Sie waren beide rot und zerzaust; sie
vermieden es, einander anzuschauen. Eine ziemlich lange Zeit herrschte
peinliche Stille.
Dann begann Pjotr Iliitsch melancholisch zu singen:
»Vielleicht wird man auf einem stummen Hügel
Die ernste Bahre Rußlands einst errichten. --«
»Sei unbesorgt, die errichtet man schon, wenn's nötig ist,« warf Iwanow
hin.
»Sei dem, wie's sei,« sagte Pjotr Iliitsch unterwürfig, setzte aber sein
Glas nieder und schenkte Jurii Wodka ein: »Hören Sie auf zu denken,
trinken Sie lieber.«
-- -- -- ach alles zum Teufel jagen zu können, -- -- er nahm das Glas
und goß es in einem Zug hinunter.
Im selben Moment fühlte er sonderbarerweise das dringende Verlangen,
Iwanow möchte diese Heldentat bemerken und vor ihm Achtung bekommen. Und
hätte Iwanow es in diesem Augenblick auf irgend eine Weise angedeutet,
würde Jurii zu ihm Freundlichkeit und sogar Zärtlichkeit empfunden
haben, aber er rührte sich garnicht, und sofort bezwang dieser den
herabwürdigenden Wunsch. Er wurde von der nackten ekelhaften Empfindung
einer Unmenge Wodka, die in seinen Därmen brannte und ihm in die Nase
stieg, bis zur Uebelkeit gepeinigt.
»Bravo, Jurii Nikolajewitsch, bei Gott,« rief Schawrow.
Durch dieses Lob fühlte sich Jurii nur beschämt.
Er suchte mit Mühe die Wodkawelle, die an seinen Mund heranquoll, zu
überwinden. Lange konnte er unter dem physischen Ekel, der ihn
durchschauerte, nicht zu sich kommen. Er schob die Speisen auf dem Tisch
hin und her, fand etwas und ließ es dann wieder liegen. Alles schien ihn
wie Gift anzuekeln.
»Ja, bei solchen Menschen hüte ich mich, sie Menschen zu nennen,«
vernahm Jurii, als er wieder zu sehen und hören begann, Pjotr Iliitschs
gewichtigen Baß.
»Du hütest dich davor ... Bravo Onkelchen,« gab ihm Iwanow schadenfroh
zurück. Trotzdem Jurii nicht den Anfang des Gesprächs gehört hatte,
erriet er dennoch an dem Ton, daß sich die Rede auf Menschen wie ihn
bezog.
»Ja, da hüte ich mich. Ein Mensch muß ... ein General sein,« bekundete
Pjotr Iliitsch deutlich und gemessen.
»Ist aber nicht immer möglich ... Wie steht es denn mit Ihnen selbst?
...« bemerkte Jurii, ohne hochzublicken, unter bitterem Zittern über die
empfundene Kränkung.
»Ich ... gewiß doch, ... ich bin ein General ... im Innern meiner
Seele.«
»Bravo,« brüllte Iwanow so entzückt, daß sich irgend ein Nachtvogel
erschreckt zum Walde hinstürzte und dort in den Zweigen niederbrach.
»Aber auch nur in der Seele,« Jurii war bestrebt, seine Ironie zu
bewahren. Ihn plagte die krankhafte Einbildung, daß sich alle gegen ihn
verschworen hätten und ihn erniedrigen und demütigen wollten.
Pjotr Iliitsch sah ihn erst von oben herab, dann von der Seite her
eindringlich an.
»Ganz ... wie es sich gebührt ... Wenn auch nur in der Seele ... Schadet
nichts ... ist auch was wert. Der eine ist alt und betrunken und arm,
wie ich ... der ist ein General in der Seele, der andere ist jung und
kräftig ... nun, der ist ein General auch im Leben ... Jedem das Seine
... Und solche Menschen, welche weinen, welche feig sind, ah, da hüte
ich mich schönstens, die noch Menschen zu nennen.«
Jurii erwiderte etwas, aber in dem Lachen und Lärmen der anderen gingen
seine Worte ungehört unter. Und gerade diese Entgegnung hatte er für
ganz vernichtend gehalten. Er wiederholte sie noch lauter, doch man
hörte ihn wieder nicht. Die neue Kränkung floß wie Gift durch seinen
ganzen Körper. Es schien ihm, daß ihn alle verachteten.
»Uebrigens, ich bin ja einfach besoffen,« dachte er unerwartet. In
diesem Augenblick begriff er auch, daß er tatsächlich betrunken war und
nichts mehr zu sich nehmen dürfe.
Sein Kopf schwamm hin und her ... Die Flammen der Lampe und der Laterne
standen dicht vor seinen Augen und sein Gesichtskreis verengte sich ganz
eigentümlich. Alles, was ihm vor die Augen kam, war klar und hell, aber
rings umher breitete sich die Finsternis. Auch die Stimmen erklangen
ganz ungewöhnlich. Trotzdem man betäubend laut sprach, ließ sich kein
einziges Wort unterscheiden.
»Du sagst ein Traum?« fragte wichtig Pjotr Iliitsch.
»In der Tat, ein interessanter Traum,« antwortete Iwanow.
»Ja, da liegt was drin, in den Träumen ...« betonte mit Nachdruck der
Sänger.
»Siehst du, da habe ich mich gestern schlafen gelegt ... Ja, -- -- hatte
mir für den kommenden Schlaf ein Büchelchen vorgenommen, wollte mir den
Kopf ein bißchen ausfegen, so ... vorher reinigen. War darin
verschiedenes, eitel und Plage. Da kommt mir ein Artikel vor die Augen,
wo, wie, wann, und wer verflucht wurde. Ich sehe, es handelt sich nur um
eine geistige und seelische Sache ... Ich lese, lese ihn und lese und
sehe, mit jeder Zeile wird es immer erschrecklicher. Ich komme an eine
Stelle, in der es heißt, wer und wofür man dem Anathema verfällt. Da sah
ich ein, allerdings ohne besondere Verwunderung, daß ... gerade ich in
einem fort anathematisiert werden müßte. Als ich nun absolute Sicherheit
hatte, daß ich von allen bestehenden Kirchen verflucht werden muß, warf
ich das Buch beiseite, rauchte eine Weile und schlief ein, ich sage dir,
über meinen Platz im Weltall war ich vollständig beruhigt. Durch den
Schlummer versuchte ich die Frage zu lösen: Wie nun, wenn Millionen
gelebt und mich aus vollster Ueberzeugung mit dem Fluch belegt hätten,
so ... und also bei dem Punkt bin ich gerade eingeschlafen ... die Frage
blieb sozusagen im Keim. Da begann ich zu fühlen, daß mein rechtes Auge
gar kein Auge mehr war, sondern der Papst Pius der Zehnte und mein
linkes so etwas wie der Patriarch in Konstantinopel. Und beide
verfluchten einander. Und durch eine solche sonderbare Verwandlung der
Dinge erwachte ich wieder.«
»Und weiter nichts? ...« fragte Ssanin.
»Im Gegenteil, Bruder ... Ich schlief von neuem ein.«
»Nun? ...«
»Nun, dann hatte mein Geist überhaupt keine Ruhe mehr. Irgend ein Haus
stand mir vor den Augen. Aber nicht unseres, ein ganz unbekanntes. Und
im größten Zimmer lief ich von einer Ecke in die andere. Und du,
Onkelchen Pjotr Iliitsch, du warst auch irgendwo in der Nähe. Versteht
ihr, er sprach und ich hörte zu, aber ich sah ihn nicht, glaube ich,
doch ich verstand ihn: -- -- -- >Ich merke,< sagte dieser Pjotr
Iliitsch, >wie die Köchin betet.< -- -- -- Und ich begreife auch
momentan, daß in der Küche auf der Schlafbank die Köchin in der Tat
betet. -- -- -- >Mir mag es unklar sein und verstehen kann ich es auch
nicht, aber ein Mensch, der reinen Herzens ist, ... begreifst du das,
reinen Herzens ... Als sie nun betete und uns alle erwähnte, da
passierte noch nichts, aber als sie dich, mich und Ssanin erwähnte, so
...< Als Onkelchen dies sprach, da fühlte ich, daß etwas ganz
Ungewöhnliches geschehen muß ... >Nicht umsonst beten doch alle
einfachen Leute vom Tage der Schöpfung an ...< Und da leuchtete es mir
ein, gerade zur rechten Zeit, daß es garnicht anders sein konnte, als
daß Gott der Köchin erschienen war. Und Pjotr Iliitsch zerfloß
vollständig in nichts, aber doch redete er immer weiter ... >Ihr soll
sich eine Erscheinung gezeigt haben ...< Dabei fühlte ich mich weiter
garnicht schlecht, denn wenn es auch nicht gerade Gott war, so gab es
also doch etwas ... es ist immerhin schmeichelhaft ... Ihr erschien zwar
keine Erscheinung, aber dennoch eine Erscheinung. Darauf existierte das
Onkelchen überhaupt nicht mehr. Ich wurde unruhig ... Dieses andere, das
keine Erscheinung war, hatte meine Ruhe vollständig vernichtet. Um sie
wieder herzustellen, mußte man unverzüglich das zerstören, was sich in
der Zimmerecke befand und was winselte. Offenbar war es einfach eine
Maus. Sie nagte an etwas und nagte es durch ... Sie schien sogar darüber
erfreut zu sein. Schwermut packte mich ... die Maus nagte und nagte
immerzu ... gleichmäßig und im Takt ... Und dabei erwachte ich gerade.«
»Wärst du doch lieber noch eine Weile nicht aufgewacht,« bemerkte
Ssanin.
»Ja, später habe ich das selber eingesehen.«
Trotz des scherzhaften Tones, in dem Iwanow seinen Traum erzählte,
merkte man doch, daß er auf ihn einen starken Eindruck gemacht hatte,
der sich in der Tiefe seiner Seele in unbegreiflicher Furcht
verwandelte. Er lächelte verzerrt und griff wieder zum Bier.
Alle schwiegen. In diesem Schweigen schien die Finsternis hinter dem
Balkon noch näher heranzurücken; keinem war mehr fröhlich, allen nur
bange und gelangweilt zumute. Der unbegreifliche Traum drang mit dem
dünnen Stachel trübseligen Grauens durch Spott und Unglauben hindurch in
die Herzen.
»Ja,« sagte feierlich Pjotr Iliitsch, »klug seid ihr alle ... Klug wie
die Teufel ... Aber es existiert etwas, ... es existiert. Ihr kennt es
nicht, aber doch -- -- -- es spricht zu euch.«
Lag es an den Worten des Sängers oder an den lauten Stimmen, die durch
die vom Wodka bedrückten Gehirne krochen oder an der plötzlich
aufgeflammten Nähe des Geheimnisses von Leben und Tod; irgend etwas
hallte in der Seele eines jeden von ihnen traurig wieder.
-- -- -- Vielleicht existiert es wirklich ...
Ssanin erhob sich; sein wie immer ruhiges Gesicht sah gelangweilt aus.
Er gähnte und schob die Hand abwehrend durch die Luft:
»Das sind alles Aengste! Wenn ihr euch nur noch etwas zur Nacht graulich
machen könnt. Sterben wir, dann merken wir's.«
Er zündete langsam eine Zigarette an und schritt zur Tür hinaus. Auf dem
Balkon wurde weiter gebrüllt und gestritten, und in dem Lärm der lauten
betrunkenen Stimmen flatterten auf dem Tisch noch immer lautlose Falter,
die auf das Feuer zugeflogen waren, halb versengt herum.
Ssanin trat in den Hof des Gasthauses hinaus; die laue Nacht strich
erfrischend über seinen erhitzten Körper.
Wie ein Goldei lugte der Mond hinter der Waldecke hervor und sein halb
märchenhaftes Licht glitt flüssig über die schwarze Erde. Hinter dem
Garten, aus dem ein zäher und süßer Geruch von Birnen und Pflaumen
drang, schimmerte trüb das weiße Gebäude des zweiten Gasthauses hervor.
Ein Fenster blickte Ssanin von dort durch die grünen Blätter hell an.
In der Finsternis schallte das Klatschen barfüßiger Schritte, dem
Auftreten von Tierpfoten ähnlich. Ssanin konnte mit seinen Augen, die
nicht an die Finsternis gewöhnt waren, kaum die Silhouette eines Knaben
erkennen.
»Wohin willst du?« fragte er.
»Zu Fräulein Karssawina, -- -- -- die Lehrerin.«
»Wozu? ...« Ssanin fiel es bei ihrem Namen wieder ein, wie sie nackt
ganz durchtränkt vom Licht der hellen Sonne und ihrer Jugend vor ihm am
Ufer stand.
»Ich muß ihnen einen Zettel bringen,« antwortete der Knabe.
»Aha, na, sie wird wohl im anderen Gasthaus sein. Also, mein Sohn, walle
dorthin.«
Wieder klatschte der Knabe wie ein Tierchen mit den bloßen Sohlen auf
den Boden und verschwand in der Finsternis so schnell, als ob er sich in
den Büschen versteckt hätte.
Ssanin schritt langsam hinter ihm her und atmete mit voller Brust die
Gartenluft, dicht wie Honig, ein.
Er trat an dem Gasthaus dicht unter das beleuchtete Fenster heran und
ein Streifen Licht legte sich über sein nachdenkliches und ruhiges
Gesicht. Im Licht waren unter dem grünen Laub große schwere Birnen
sichtbar. Ssanin erhob sich auf die Zehenspitzen und pflückte eine; im
Fenster sah er Karssawina.
Sie stand im Profil, im Hemd; über ihre runden Schultern glitten
Lichtstupfen wie Atlasblenden.
Ganz in Gedanken versunken, blickte sie unverwandt nach unten auf den
Boden. Wahrscheinlich erregte sie das, woran sie dachte, mit Scham und
Freude; denn ihre Augenlider zitterten und ihre Lippen lächelten. Dieses
Lächeln erstaunte Ssanin. Eine unfaßbare Zärtlichkeit und Leidenschaft
bebte darin, als lächelte das Mädchen einem nahen Kusse entgegen.
Er stand und schaute auf sie hin, ein Gefühl, das stärker war als er
selbst, hatte ihn ergriffen. Karssawina dachte darüber nach, was mit ihr
geschehen war, es war ihr qualvoll, niederdrückend und süß ums Herz.
-- -- -- Mein Gott, fragte sie sich mit einer reinen Empfindung, wie sie
wohl die knospenbrechende Blume ergreifen mag, bin ich denn wirklich so
verdorben. -- -- --
Mit tiefster Freude erinnerte sie sich dabei an die unbegreiflich
hinreißende Empfindung, die von ihr Besitz genommen hatte, als sie sich
zum ersten Mal Jurii unterwarf.
-- -- -- Mein Liebster, es zog sie heiß und ermattend in Gedanken zu
ihm. Wieder sah Ssanin, wie ihre Wimpern zuckten und ihre rosigen Lippen
lächelten.
Der abscheulich rohen Szene, die später vorgefallen war, gedachte sie
garnicht mehr. Irgend eine geheime Bewegung riß sie immer wieder aus der
Ecke heraus, in der wie ein dünner Splitter eine krankhaft verletzte
Ratlosigkeit stecken geblieben war.
Es wurde gegen die Zimmertür geklopft.
»Wer ist da?« fragte Karssawina den Kopf erhebend.
»Ich bringe einen Brief,« piepste die Stimme des Knaben hinter der Tür.
Karssawina warf ein großes Tuch um, und der barfüßige Knabe bis an die
Knie mit Schmutz bespritzt, trat herein; er riß eilig die Mütze vom
Kopf.
»Das Fräulein haben ihn Ihnen zugeschickt,« sagte er.
Dubowa schrieb an Karssawina:
»Sinotschka, wenn es Dir irgend möglich ist, so komme noch heute in die
Stadt zurück. Der Schulinspektor ist angekommen und wird morgen bei uns
inspizieren. Es geht nicht gut, daß Du dann gerade fehlst.«
»Was ist denn los? ...« fragte die alte Tante.
»Ola schreibt ... Der Schulinspektor ist gekommen.«
Der Knabe rieb einen Fuß an den anderen.
»Sie haben mächtigen Fetz gemacht, daß Sie auch sicher kommen sollen.«
»Gehst du hin? ...«
»Wie kann ich denn allein gehen. Es ist doch finster.«
»Der Mond ist ja da,« mischte sich der Knabe ein. »Es ist ganz hell.«
»Ja, ich müßte eigentlich gehen,« meinte Karssawina unschlüssig.
»Gewiß, du mußt gehen. Nachher hast du Aerger.«
»Also ja, ich gehe,« das Mädchen nickte entschlossen mit dem Kopf.
Sie zog sich rasch an, befestigte den Hut und ging zur Tante.
»Auf Wiedersehen, Tante.«
»Auf Wiedersehen, Kindchen. Jesus mit dir.«
»Und willst du mit mir gehen,« fragte sie den Knaben.
Der Knabe drückte sich hin und her und rieb sich wieder den Fuß.
»Ich bin hier zu Muttern gekommen. Sie ist hier bei den Mönchen, auf
Wäsche.«
»Aber wie soll ich denn allein gehen, Grischa? ...«
»Nun gut, also, ich komme mit.« Der Knabe warf mit starkem Entschluß die
Haare zurück.
Sie traten in den Garten hinaus und die blaue Nacht umfaßte das Mädchen
ganz weich und behutsam.
»Wie gut riecht es hier,« sagte sie; gleich aber schrie sie erschrocken
auf, als sie plötzlich auf Ssanin stieß.
»Das bin ich ja,« meldete er sich lächelnd.
Karssawina reichte ihm durch das Dunkel ihre Hand, die noch vor Schreck
bebte.
»Sieh mal, was für 'ne Angst, ...« bemerkte Grischa herablassend. Das
Mädchen lächelte verwirrt.
»Es ist nichts zu sehen,« suchte sie sich zu rechtfertigen.
»Wo wollen Sie denn noch hin?«
»In die Stadt. Deshalb hat man mir den Jungen geschickt.«
»Allein? ...«
»Nein, ich gehe mit ihm. Er soll mein Ritter sein.«
»'n Ritter,« wiederholte Grischa grinsend und rieb sich sein Bein.
»Und was tun Sie hier? ...«
»Wir sind in flüssigen Angelegenheiten hier,« erklärte Ssanin scherzend.
»Wer ... wir? ...«
»Schawrow, Swaroschitsch, Iwanow -- --«
»Auch Jurii Nikolajewitsch ist mit Ihnen?« Es war ihr bange und
angenehm, diesen Namen laut auszusprechen, als blickte sie in eine tiefe
Höhle.
»Und was? ...«
»So? ... Ich hatte ihn hier allein getroffen,« sie errötete noch tiefer,
wie schon bei der ersten Antwort. »Nun auf Wiedersehen.«
Ssanin hielt die gereichte Hand eine Weile zärtlich in der seinen.
»Erlauben Sie, daß ich Sie aufs andere Ufer übersetze. Warum sollen Sie
erst ringsherum laufen?«
»Nein, wozu denn,« erwiderte sie mit unbegreiflicher Schüchternheit.
»Laß ihn lieber übersetzen. Auf dem Damm ist es dreckig genug,« sagte
mit Autorität der barfüßige Grischa.
»Nun schön ... Dann kannst du zur Mutter gehen.«
»Aber fürchtest du dich nicht, nachher allein übers Feld zu laufen,«
fragte Grischa solide.
»Ich werde sie doch bis zur Stadt begleiten.«
»Und wo bleibt dann Ihre Gesellschaft? ...«
»Die saufen sich hier noch bis zum Morgen durch. Und sie sind mir auch
so schon zur Genüge über.«
»Nun, wenn Sie so freundlich sein wollen. Dann kannst du ja gehen,
Grischa.«
»Auf Wiedersehen. Fräuleinchen.«
Der Knabe schien sich wieder plötzlich in dem Gesträuch zu verlieren.
Karssawina blieb mit Ssanin allein.
»Geben Sie mir Ihren Arm, sonst könnten Sie noch vom Berg abstürzen.«
Karssawina reichte ihm den Arm; sie fühlte mit eigenartig beklemmender
und stickiger Erregung seine eisenharten Muskeln, die sich unter dem
dünnen Hemd bewegten. So gingen sie durch den Wald zum Flusse hinunter,
stießen sich unwillkürlich an und empfanden bei jedem Schritt die
Elastizität und Wärme ihrer Körper. Im Walde stand eine ununterbrochene
Finsternis, als ob sie ewig wäre, und es schien, daß es dort keine Bäume
gab, sondern nur diese dichte, wärmeatmende Finsternis.
»Oh, wie dunkel ...«
»Tut nichts,« sagte leise, dicht an ihrem Ohr Ssanin; in seiner Stimme
zitterte etwas. »Ich liebe den Wald des Nachts noch mehr. Im nächtlichen
Wald verlieren die Menschen ihre gewohnten Gesichter, sie werden viel
rätselhafter, kühner, interessanter.«
Die Erde glitt unter ihren Füßen ab und sie mußten sich mit Mühe
aufeinander stützen, um nicht zu fallen.
Durch das Dunkel, durch das Anschmiegen des elastischen und festen
Körpers, durch die Nähe des starken Mannes, der ihr immer gefallen
hatte, bemächtigte sich des Mädchens eine unbekannte Aufregung. Sie
wurde rot und ihr Arm schien auf dem Ssanins zu brennen. Oft lachte sie
auf; es klang hoch und kurz.
Unter ihnen wurde es allmählich lichter und über dem Fluß leuchtete
schon hell und ruhig der Mond. Die Kühle des Wassers schlug ihnen ins
Gesicht und der schwere Wald atmete so düster und geheimnisvoll zurück,
als trete er sie dem Flusse ab.
»Und wo ist Ihr Boot? ...«
»Hier!«
Das Boot hob sich wie gezeichnet von der glatten hellen Fläche ab.
Während Ssanin die Ruder anlegte, ging Karssawina ein wenig mit den
Händen die Balance haltend, zum Steuer und setzte sich dort nieder. Mit
einem Mal wurde sie phantastisch von dem blauen Mond und der
schwankenden Wiederspiegelung des Wassers beleuchtet.
Ssanin stieß das Boot ab und sprang hinein. Mit leisem Knirschen glitt
es über den Sand, klang im Wasser und kam schnell ins Mondlicht, während
es hinter sich breite Wellen, die sich leicht entfernten, zurückließ.
»Lassen Sie, ich werde rudern ...« Karssawina war voll von einer
mächtigen gebieterischen Kraft, die sie zum Ausdruck bringen wollte.
»Ich liebe es, selbst zu rudern.«
»Gut, setzen Sie sich hierher,« rief Ssanin mitten im Boot stehend.
Wieder stieg sie leicht und geschmeidig über die Bänke an ihm vorbei und
berührte mit den Fingerspitzen kaum seine ausgestreckte Hand. Ssanin
schaute sie, als sie neben ihm war, von unten herauf an und ihre Brust
berührte kaum die seine, während sie ihm doch den kräftigen Geruch ihres
frischen Körpers zustrahlte.
Sie glitten über das Wasser. Um sie spiegelte sich der blaue Himmel
wieder, sodaß das Boot im hellen ruhigen Luftraum zu schweben schien!
Karssawina saß aufrecht, bewegte kaum die Ruder und plätscherte mit dem
Wasser, während sie ihren Busen elastisch anhob.
Ssanin lehnte am Steuer, schaute sie an, ihre Brust, auf die man so
schön den heißen Kopf hätte legen können, ihre runden geschmeidigen
Arme, die sich so kräftig und zärtlich um den Nacken schmiegen mochten,
ihren jugendlichen wonnevollen Körper, den man so toll und alles
vergessend an sich zu reißen wünschte. Der Mond leuchtete auf ihr weißes
Gesicht mit den schwarzen Strichen über den Augen und den glänzenden
Augen selbst, glitt über ihre weiße Bluse, die leicht auf ihrer Brust
anlag, über den Rock auf den vollen Knieen und in Ssanin ging etwas vor,
als wenn er mit ihr immer weiter und weiter in ein fernes Märchenreich
schwimme, und sich immer mehr von den Menschen, der Vernunft, und den
vernünftigen menschlichen Gesetzen entferne.
»Wie schön ist es heute,« sagte Karssawina sich umschauend.
»Ja, schön!« erwiderte er leise.
Sie lachte plötzlich ...
»Aus irgend einem Grunde möchte ich den Hut ins Wasser werfen und den
Zopf aufreißen,« rief sie einem unbewußten Drang nachgebend.
»Sehr gut, tun Sie es nur!« Ssanin sprach noch leiser.
Aber sie wurde wieder verschämt und verstummte.
Und von neuem stiegen in der Seele des Mädchens Erinnerungen, die von
der Nacht, der Schwüle und der Freiheit hervorgerufen waren, auf; es war
ihr wieder peinlich und doch angenehm, um sich zu schauen.
Ihr schien immer mehr, daß Ssanin unmöglich von dem nichts wissen
konnte, was mit ihr vorgegangen war. Dadurch wurde ihr Gefühl aber nur
stärker und komplizierter. Ein unbändiges, ihr kaum bewußtes Verlangen
überkam sie, ihm anzudeuten, daß sie nicht immer ein so zurückhaltendes
stilles Mädchen sei, daß sie sich ganz anders, auch nackt und schamlos,
benehmen könnte. Diese instinktive Regung berührte sie freudig und ließ
ihr Herz leichter schlagen.
»Kennen Sie Jurii Nikolajewitsch schon lange?« fragte sie mit unruhiger
Stimme.
»Nein,« erwiderte Ssanin. »Warum?«
»So? ... Nicht wahr, er ist doch ein hübscher netter Kerl.«
Durch ihre Worte klang fast kindliche Schüchternheit, als ob sie sich
bei einem erwachsenen Menschen, der sie liebkosen und bestrafen konnte,
eine Ueberraschung ausbat.