Am frühen Morgen, als die Sonne noch schräg und weich niederstrahlte,
gingen Iwanow und Ssanin zur Stadt hinaus.
Der Tau glänzte unter der Sonne und funkelte in vielen Feuerchen; im
Schatten wurde das Gras unter ihm silbergrau. An den Seiten des Weges
gingen entlang den dürren, alten Weiden Pilger zum Kloster; ihre roten
und weißen Kopftücher, Bastschuhe, Röcke und Hemden leuchteten bunt in
den Lichtbüscheln, die durch die Zaunspalten hindurchdrangen.
Vom Kloster her wurden die Glocken geläutet. In der Morgenruhe klang ihr
kräftiger Ton wie ausgewaschen; in besonderer Reinheit dröhnte er über
die freiliegende Steppe, flog wahrscheinlich bis an die stillen Wälder
heran, die wie eine Fata Morgana dicht am Rand des Horizonts blau
schimmerten. Auf dem Wege klang scharf und abgebrochen die Glocke eines
zurückfahrenden Dreigespanns; laut schallten die derben, geschäftlich
klingenden Stimmen der Pilger dazwischen.
»Wir sind früh aus den Federn gekrochen,« meinte Iwanow.
Ssanin schaute sich fröhlich um. »Wahrhaftig, wir haben Zeit, den Tag
abzuwarten.«
Sie setzten sich unterhalb eines Zaunes gerade auf den Sand und zogen
mit Genuß den Zigarettenrauch ein. Die Bauern, die hinter ihren Wagen
zur Stadt gingen, sahen sich nach ihnen um, die Dirnen und Frauen, die
in leeren Karren hin- und hergeschleudert wurden, lachten laut und
zeigten mit fröhlich spöttischen Augen auf die beiden. Iwanow schenkte
ihnen keine Aufmerksamkeit, aber Ssanin nickte ihnen vergnügt zu. Der
ganze Weg leuchtete unter dem klangvollen weiblichen Lachen auf.
Es wurde heiß.
Endlich trat der Verkäufer eines Schnapsmonopolladens auf die
Steintreppe hinaus, ein hochgewachsener Mann in Hemdärmeln.
Schlüsselrasselnd öffnete er die Tür. Ein Weib mit rotem Kopftuch
schlüpfte hinter ihm hinein.
»Ah, die Bahn ist uns schon frei gemacht,« begrüßte Iwanow das Ereignis.
Sie gingen hinein und kauften Wodka, dann bei demselben Weib im roten
Kopftuch grüne Gurken.
»Oho, Freund, du bist wohl reich geworden,« meinte Iwanow, als Ssanin
die Börse aus der Tasche zog.
»Ein Vorschuß,« lachte dieser. »Zur großen Schande meiner Mutter habe
ich mich bei einem Versicherungsagenten als Schreiber vermietet. Habe
mit einem Schlag ein Kapital und die mütterliche Verachtung erworben.«
»Jetzt wird es sich doch bedeutend bequemer gehen,« meinte Iwanow, als
sie wieder auf den Weg hinaustraten.
»Und wie, wenn wir noch die Stiefel ausziehen wollten.«
»Kann man machen!«
Die beiden zogen die Stiefel aus und gingen barfuß.
Die Füße versanken tief im warmen Sand; sie wurden nach dem Druck der
engen Stiefel angenehm erfrischt. Der Sand schob sich zwischen die
Zehen, rieb aber den Fuß nicht, sondern schien ihn im Gegenteil zu
liebkosen.
»Famos,« rief Ssanin voll Freude.
Die Sonne strahlte immer stärker und stärker.
Vor ihnen stiegen ferne Dünste auf, alles schien sich blau und
durchsichtig aufzulösen. An den Telegraphenpfählen, die neben den
Gleisen einer Bahn plötzlich über ihren Weg liefen, sang der Draht,
darauf saßen Schwalben und zwitscherten kokett zu ihnen herab. Ein Zug
mit blauen, gelben und grünen Waggons sauste über die Böschung. An den
Fenstern und auf den Plattformen sahen sie verschlafene, zerdrückte
Gesichter; er tauchte auf und verschwand. Auf der hintersten Plattform
standen zwei Mädchen in hellen Hüten, mit frischen neckischen
Gesichtern, die der Morgenwind angeregt hatte. Mit ihren Augen
begleiteten sie unverwandt die fröhlichen barfüßigen Männer. Ssanin
lächelte ihnen zu und tanzte ein paar Walzerpas auf dem Sande, daß seine
nackten Fersen in der Sonne aufglänzten.
Sie kamen an einer Wiese vorbei, wo das Gras feucht und dicht war; es
war ebenso angenehm und vergnüglich, sie mit bloßen Füßen zu
durchlaufen.
»Wunderschön,« sagte Iwanow.
»Tatsache, es liegt gar keine Notwendigkeit vor, zu sterben,« gab Ssanin
zurück.
Iwanow warf ihm einen Seitenblick zu; es schien ihm, daß sich Ssanin bei
diesen Worten Sarudins erinnern müßte, obgleich bereits einige Zeit seit
der Beerdigung Sarudins vergangen war. Aber Ssanin erinnerte sich
offenbar an nichts; das berührte Iwanow zwar eigentümlich, gefiel ihm
aber trotzdem.
Hinter der Wiese setzte wieder die Landstraße ein, wieder mit Wagen,
Bauern und lachenden Weibern überfüllt. Dann kamen Bäume und Schilf, das
unter Sonnenstrahlen glänzende Wasser wurde sichtbar und endlich der
Klosterberg, von dem wie ein goldener Stern das Kreuz herabstrahlte.
Am Ufer lagen bunte Boote; Bauern, in Westen und farbige Blusen
gekleidet, saßen herum; nach langem, fröhlichen Feilschen mieteten
Ssanin und Iwanow von ihnen ein Boot.
Iwanow nahm die Ruder zur Hand, Ssanin setzte sich an das Steuer und das
Boot glitt leicht und schnell am Ufer entlang, bald im Schatten
verschwindend, dann im Licht aufleuchtend, hinter ihm zogen die
Silberwellen glatte Streifen. Iwanow ruderte schnell und geschickt mit
häufigen gleichmäßigen Schlägen, unter denen das Boot erzitterte und
sich dann wieder keuchend anhob. Manchmal streiften die Ruder knackend
die dichten Zweige und diese schwankten lange und nachdenklich über der
dunklen Tiefe des Ufers. Ssanin legte sich manchmal stark auf das
Steuerruder, so daß das Wasser mit freudigem Geräusch quirlte und
aufschäumte. Einmal drängte sich das Boot jäh in eine schmale
Wasserstraße, zwischen überhängende Büsche, wo es kühl und dunkel war.
Das Wasser war hier von vollendeter Klarheit. Bis in die Tiefe von zwei
Metern konnte man darin Haufen gelber Steine sehen und die Rudel
rotflossiger Fische, die herdenweise hin- und herzogen.
Iwanow meinte: »Das wäre auch die allergeeignetste Stelle.« Seine Stimme
hallte lustig wieder. Knirschend stieß das Boot ans Ufer; mit einem
übertriebenen Satz sprang Iwanow hinaus.
»Auf der Erde das ganze Menschengeschlecht,« sang er mit mächtigem Baß,
von dem die Luft aufgerührt wurde und dröhnte. Lachend sprang Ssanin
hinter ihm aus dem Boot und lief schnell, während er bis an die Kniee im
hohen, satten Ufergras versank, die Böschung hinauf.
»Eine bessere wäre weiß Gott nicht zu finden,« rief er.
»Und wozu auch lange suchen,« schrie Iwanow von unten zurück und holte
aus dem Boote Wodka, Brot und einen Packen Kleinigkeiten. Alles das
brachte er an einen kleinen Hügel, unter der Krone eines breiten Baumes,
und breitete es auf dem Grase aus.
»Nun, sei bei Lucullus zu Gaste.«
»Und laß es dir schmecken wie er,« endete Ssanin.
»Nichts ist vollkommen,« sagte Iwanow in scherzhaftem Aerger, »das
Gläschen haben wir doch vergessen.«
»Schade! Wirklich schade. Na, wir wollen nicht trauern. Wir machen uns
eins.«
Und ohne an etwas anderes zu denken, als daß sein Körper Licht, Wärme,
das Grüne und seine eigenen leichten Bewegungen genießen konnte,
kletterte er auf einen Baum, wählte sich einen grünen, weichen Zweig und
begann an ihm herumzuschnitzen. Das saftige Holz gab dem Messer leicht
nach und weiße duftende Späne schütteten sich auf das grüne Gras. Iwanow
schob sich auf dem Rücken zurecht, hob den Kopf und blickte zu ihm
herauf; in dieser Lage ging der Atem so leicht und bequem, daß er die
ganze Zeit über vergnügt vor sich hin schmunzelte. Als der Zweig auf das
Gras hinunterfiel, sprang Ssanin mit einem kurzen Satze ab und höhlte
dann aus dem Holz ein Gläschen aus, wobei er sich Mühe gab, nicht die
Rinde zu verletzen. So wurde es auch eben und hübsch.
»Bruder, ich will nachher baden,« sagte Iwanow, während er Ssanins
Arbeit aufmerksam verfolgte.
»Das ist eine gute Idee,« Ssanin warf das fertige Gläschen in die Luft
und fing es wieder auf.
Sie setzten sich aufs Gras, begannen mit Appetit Wodka zu trinken und
grüne, saftige Gurken zu essen.
»Ich halte es nicht länger aus,« sagte Iwanow. »Meine Seele schreit
danach.« Er konnte nicht schwimmen und ging daher an der flachsten,
durchsichtigsten Stelle, wo der ebene sandige Boden noch gut sichtbar
war, ins Wasser. Ohne Eile kleidete sich Ssanin aus, sah zu Iwanow
hinüber, sprang im Laufschritt ins Wasser, warf sich mit einem Aufschrei
in die Wellen und schwamm quer über den Fluß.
»Du ersäufst,« schrie Iwanow. »Sicher, -- du ersäufst!«
»I wo,« gab Ssanin fauchend und lachend zurück. »Unterzugehen, Bruder,
das verstehe ich nicht!«
Ihre lustigen Stimmen schwebten weit und freudig über den hellen Fluß
und die grüne Wiese fort. Später gingen sie heraus und wälzten sich
nackt im weichen, feuchten Grase.
»Herrlich,« sagte Iwanow, indem er seinen breiten Rücken mit den darauf
glänzenden Wassertropfen der Sonne zuwendete.
»Schlagen wir hier unsere Zelte auf,« rief Iwanow.
»Ach, hol sie doch der Teufel, es ist auch ohne Hütten schön. Mir hängen
verschiedene Hütten schon lang zum Halse heraus.«
»Hoha, trik brik!« brüllte Iwanow und machte groteske lustige
Tanzschritte.
Ssanin stellte sich ihm gegenüber auf, lachte aus vollem Halse und
begann ähnliche Pas.
Ihre nackten Körper glänzten in der Sonne und die Muskeln gingen schnell
und kräftig unter der gespannten Haut.
»Uff,« Iwanow keuchte.
Ssanin tanzte noch eine Weile allein, stand dann Kopf und schloß mit
einem eleganten Salto mortale.
»Komm her, sonst trinke ich dir den ganzen Wodka aus,« rief ihm Iwanow
zu.
Nachdem sie sich angekleidet hatten, legten sie sich wieder zum Essen
hin und tranken den Wodka zu Ende.
»Jetzt wäre kaltes Bier geradezu wun--derbar --,« sagte Iwanow
träumerisch.
»Fahren wir los ... gelt? ...«
Sie liefen um die Wette zum Boot herunter, sprangen beide fast
gleichzeitig hinein, schaukelten und fuhren kräftig davon.
»Es ist schwül,« sagte Ssanin, indem er sich auf dem Boden des Bootes
lagerte und vor der Sonne die Augen zusammenkniff.
»Wir werden Regen bekommen ... Geh doch ans Steuer, zum Teufel.«
»Ih, du wirst auch alleine fertig.«
Iwanow spritzte mit dem Ruder auf ihn und helle zarte Tropfen, durch und
durch von der Sonne durchflutet, stieben wie ein Wassersturz umher.
»Auch dafür, Freund, nun sei bedankt,« sang Ssanin.
Als sie an einer grünen Insel vorbeifuhren, hörten sie lustige Rufe,
Wasserplätschern, und klingendes, fröhliches Frauenlachen. Es war ein
Feiertag und sehr viele Leute waren aus der Stadt gekommen, um sich zu
erholen und zu baden.
»Mädchen baden,« sagte Iwanow.
»Wollen mal hinschauen,« meinte Ssanin.
»Sie werden's merken.«
»Nein, wir legen hier an und schleichen durch das Schilf.«
»Ach, laß sie doch,« sagte Iwanow, errötete aber dabei.
»Gehen wir doch. Man soll nichts versäumen.«
»Aber das ist nicht anständig,« Iwanow zuckte scherzend die Achseln.
»Weshalb denn nicht?«
»Wahrscheinlich sind das noch sehr jungfräuliche, junge Damen. Das
schickt sich doch wirklich nicht.«
»Du Dummkopf,« rief Ssanin lachend, »dabei möchtest du es selber gern.«
»Ja, wenn es junge Mädchen sind, gewiß, interessant wäre es schon.«
»Nun, so gehen wir also.«
»Aber laß doch.«
»Pfui,« rief Ssanin. »Es gibt doch keinen Mann, der nicht eine hübsche
nackte Frau ganz gern ansähe. Und sicher gibt es auch keinen, der nicht
wenigstens einmal im Leben, und wenn auch nur verstohlen, eine gesehen
hätte.«
»Das ist wahr ... Aber wenn du so urteilst, dann solltest du einfach,
geradezu hingehen. Siehst du, du versteckst dich doch!«
»So ist es viel verlockender, mein Freund,« bemerkte Ssanin lustig.
»Das mag dich zwar sehr gelüsten, aber ich rate dir, halte dein Fleisch
davon zurück.«
»Etwa von wegen der Keuschheit? ...«
»Vielleicht!«
»Dummheit -- -- vielleicht! Ein Vielleicht gibt's dabei gewiß nicht.
Einen anderen Zweck könnte es überhaupt nicht geben.«
»Nun schön.«
»Siehst du, aber diese Keuschheit steckt doch nicht in uns.«
»So dich dein Auge verlockt, reiße es aus,« sagte Iwanow.
»Schmeiße doch nicht mit solchem Blödsinn um dich, wie dieser
Swaroschitsch. Gab dir Gott ein Auge, so hast du nicht nötig, es
auszureißen.«
Iwanow zuckte lächelnd die Achseln.
»Also Bruder,« -- Ssanin steuerte das Boot zum Ufer, »wenn du beim
Anblick einer nackten Frau gar keine Erregung empfändest, dann wärst du
wirklich ein keuscher Mensch. Und ich wäre der erste, der deine
Keuschheit bewunderte. Zwar würde ich es dir nicht nachmachen,
wahrscheinlich sogar würde ich dich ins Irrenhaus bringen. Aber solange
in dir noch all die Triebe vorhanden sind und nach außen drängen und du
sie dann nur gewaltsam wie einen Hund an der Kette zurückhalten mußt,
dann ist deine ganze Keuschheit keinen Pfifferling wert.«
»Das stimmt schon. Aber wenn ein Mensch sich nicht selbst zurückhalten
wollte, so könnte man unter Umständen recht viel Unheil anrichten.«
»Was für Unheil? Wenn auch die Wollust mitunter Böses mit sich bringt,
so ist sie gewiß nicht selbst, für sich, daran schuld.«
»Richtig, richtig, erkläre nicht erst weiter.«
»Nun, also gehn wir!«
»War ich denn dagegen? ...«
»Ein Dummkopf bist du. Tritt doch leiser auf,« sagte Ssanin lächelnd.
Sie schlichen fast auf dem Bauch über das duftende Gras hinweg und
schoben das rauschende Schilf mit den Händen vor sich auseinander.
»Sieh doch, Bruder,« rief Iwanow hitzig.
Es mußten Mädchen aus der besseren Gesellschaft sein, die dort badeten;
man konnte es an den farbigen Röcken, Blusen und Hüten erkennen, die auf
dem Grase lagerten. Die einen waren im Wasser, plätscherten, bespritzten
einander und das Wasser berieselte weich ihre zarten Schultern, Arme und
Brüste. Eine von ihnen, hochgewachsen, ganz von Sonnenlicht durchtränkt,
stand rosig und zart am Ufer und lachte. Von diesem Lachen erzitterte
fröhlich ihr rosiger Leib und die mädchenhaften Brüste. Sie schien im
Sonnenlicht ganz durchsichtig.
»Oh, Bruder,« sagte Ssanin mit ernstem Entzücken.
Iwanow wich erschrocken zurück.
»Was hast du? ...«
»Ruhig, das ist Karssawina.«
»Wirklich? ... und ich habe sie gar nicht erkannt. Aber nein, wie
wundervoll sie ist.«
»Tja,« Iwanow lächelte breit und gierig.
Sie wurden gehört, vielleicht auch gesehen. Ein Schrei und Lachen
erscholl; Karssawina stürzte sich erschrocken, geschmeidig ihnen
entgegen und warf sich ins durchsichtige Wasser. Auf der Oberfläche
blieb nur ihr rosiges Gesicht mit den glänzenden Augen.
Glücklich und aufgeregt liefen Ssanin und Iwanow voller Hast, obgleich
sie sich immer wieder im Schilf verwickelten, zurück.
»Ach, es ist herrlich auf der Welt,« rief Ssanin, reckte und streckte
sich breit und sang laut:
Räuberschiffe ziehn, die schnellen
Von den Inseln mutig fort,
Scharf durchschneiden sie die Wellen
Stjenka Rjasin trägt ihr Bord.
Hinter den grünen Bäumen hörte man noch lange das eilige, verwirrte
Gelächter der Frauen, die beschämt und doch belustigt waren.
»Ein Gewitter kommt!« Iwanow schaute auf den Himmel, als sie zum Boot
zurückgekehrt waren. Die Bäume wurden schon dunkel und ihre Schatten
glitten schnell über die grüne Wiese.
»Ehe, Bruder, laufe nur!«
»Wohin, -- dem Gewitter läuft doch keiner davon,« schrie Ssanin zurück.
Leise und windlos rückte die Wolke immer näher heran; ganz plötzlich war
ihre Farbe zu einem schweren Bleigrau geworden. Alles verfiel in stille
Betäubung, schien duftiger und dunkler.
»Das wird uns bis auf die Haut begießen,« meinte Iwanow. »Stecken wir
uns aus Kummer eine Zigarette an.«
Ein schwaches Feuerchen blitzte auf. In dem schwachen gelben Licht unter
der drückenden Finsternis, die von oben immer tiefer herunterwuchtete,
lag etwas Seltsames.
Ein scharfer Windstoß stieß heran, drehte sich lärmend und riß das
Feuerchen fort. Am Boot zerschellte ein schwerer Tropfen, ein anderer
sprang Ssanin auf die Stirn. Und mit einem Mal trommelte es über den
Blättern und klatschte auf das Wasser. Alles wurde im Augenblick
schwarz; der Regen goß wie mit Eimern und übertönte mit seinem
wunderbaren, breiten Schall alle Laute ringsherum.
»Auch das ist schön,« sagte Ssanin, während er die Schultern hin und her
rieb, an denen das nasse Hemd ankleben wollte.
»Schlecht gerade nicht,« erwiderte Iwanow. Dabei saß er aber wie ein
begossener Pudel da.
Die Wolke wurde nicht leichter, doch der Regen schwächte sich ebenso
schnell wieder ab, wie er gekommen war, bespritzte nur noch unregelmäßig
das nasse Laub, die Menschen und das Wasser, auf dessen Oberfläche er
wie mit stählernen Nägeln wieder in die Höhe sprang. In der Luft lag es
düster und irgendwo hinter dem Wald zuckte ein Blitz.
»Nun, nach Hause ... Wie? ...«
»Ganz egal ... Meinetwegen auch nach Hause!«
Sie fuhren auf die breite Fläche des Flusses hinaus, über dem eine
plumpe Wolke in düsterem niedrigem Klumpen herabhing. Die Blitze zuckten
immer häufiger und grelle Feuer zerschnitten den schwarzen Himmel. Es
hatte völlig zu regnen aufgehört. In der Luft wurde es trocken; es
begann erregend nach dem Gewitter zu riechen. Schwarze zottige Vögel
flogen dicht an der Oberfläche des Wassers entlang. Die Bäume standen
dunkel und unbeweglich und hoben sich deutlich gegen den bleiernen
Himmel ab.
»Uff, uff,« schrie Iwanow.
Als sie über den Sand schritten, der von Regen festgestampft worden war,
blieb hinter ihnen alles dunkel und schweigsam zurück.
»Nun wird es erst losgehen.«
Die Wolke senkte sich immer tiefer herab; sie drückte ihren
unheimlichen, weißgrauen Leib fast gegen die Erde.
Aber plötzlich brach der Wind wieder mit neuer Kraft durch, wirbelte den
Staub und die Blätter in die Höhe, der ganze Himmel zerriß unter
furchtbarem Krachen, Glänzen, Wiederdröhnen in zwei Hälften.
»Oho ho ho ho, ...« rief Ssanin und strengte sich an, das Gerassel zu
übertönen, das alles umher betäubte.
Doch er konnte selbst seine Stimme nicht hören.
Als sie über das Feld hinauskamen, herrschte vollständige Finsternis.
Nur wenn der Blitz zuckte, hoben sich ihre scharfen, dunklen Gestalten
vom glatten Sande ab und zeigten in der schwarzen Luft eigentümlich
hastig abgeschnittene Formen. Alles um sie dröhnte und krächzte.
»Oh, ah, oh,« schrie Ssanin wieder.
»Was?« rief Iwanow aus allen Kräften zurück.
Ein Blitz funkelte und er sah ein glückliches Gesicht mit strahlenden
Augen.
Iwanow konnte die Antwort nicht verstehen. Er fürchtete sich ein wenig
vor dem Gewitter. Als es wieder einmal aufblitzte, breitete Ssanin die
Arme aus, sein ganzes Wesen strömte in dem Gefühl von Kraft und Leben
über. Aus voller Kehle stieß er gedehnte und glückliche Rufe aus; dem
Donner, der mit wütendem Brüllen, Krachen und Dröhnen den Himmel von
einem Ende der mächtigen Freiheit zum anderen durchrollte, jubelte er
seine Freude entgegen.