»Ich, der Prediger, war König,« wiederholte Jurii laut und fast drohend
mit einer ihm selbst unerklärlichen ingrimmigen Trübsal. Er erschrak vor
seiner eigenen Stimme und sah sich erschreckt um, ob nicht jemand hinter
ihm gehört hätte ... Dann griff er nach einem Blatt Papier und begann
halb mechanisch gleichsam einem unbewußten Drange nachgebend, das
niederzuschreiben, was ihm immer wieder und wieder durch den Kopf
gegangen war.
Ich beginne diese Niederschrift, die mit meinem Tode enden soll ...
Pfui, wie abgeschmackt, rief er mit Ekel, und stieß das Blatt Papier so
heftig von sich, daß es vom Tisch herunterfiel und sich in leichten
Kreisbewegungen auf den Boden niedersenkte.
Und Ssoloveitschik ... dieser kleine armselige Kerl sagte sich doch
nicht, daß es abgeschmackt sei, nachdem er zu der Ueberzeugung gelangt
war, daß er das Leben nicht verstehen könne.
Jurii bemerkte garnicht, daß er sich mit einem Mal einen Menschen als
Beispiel anführte, den er noch jetzt als klein und armselig bezeichnete
...
Nun, was schon ... ich fühle, daß ich früher oder später auf die gleiche
Weise enden werde. Es gibt eben keinen anderen Ausweg! ... Weshalb
keinen ... weil doch ...
Jurii blieb stehen. Er verstand alles, wie ihm schien, sehr gut und
hatte soeben erst das ganze Problem klar im Kopf gehabt, fand aber jetzt
keine Worte mehr, um sich seine Fragen zu beantworten.
In seiner Seele wurde mit einem Mal etwas schlaff; ein Gedanke war
hinuntergefallen und verloren gegangen.
»Unsinn, alles Unsinn,« schrie Jurii laut voll Wut.
Die Lampe war fast völlig ausgebrannt. Das Licht wurde trübe und
unangenehm; in der Finsternis grenzte es nur einen kleinen Kreis um
Juriis Kopf ab.
... Warum starb ich nicht damals, als ich ein Kind war und an
Lungenentzündung krank lag. Jetzt wäre es so ruhig um mich ...
In derselben Sekunde rückte auch schon mechanisch das Bild vor seine
Augen, daß er damals gestorben wäre; er erschrak darüber so, daß in ihm
alles abzusterben schien. Dann hätte ich ja auch nicht das gesehen, was
ich alles noch sah, noch erlebte ... Nein, das wäre ebenso fürchterlich
gewesen.
Jurii riß den Kopf in die Höhe und sprang auf:
»So kann man ja verrückt werden.«
Er schritt zum Fenster und wollte es aufstoßen; doch die Jalousie wurde
von einem Bolzen festgehalten. Er nahm einen Bleistift und drückte ihn
mit Anstrengung durch. Draußen dröhnte etwas stark gegen die Mauer; der
Laden öffnete sich leicht, und reine, überklare Luft drang durch das
Fenster hinein.
Jurii schaute stumpf auf den Himmel, auf dem schon die Morgenröte lag.
Rein und kühl war der Morgen. An der einen Seite überzog sich der helle,
blaue Himmel mit starkem anschwellenden Rosa ... Die sieben Sterne des
großen Bären erblaßten und sanken unter. Der große, zärtlich-blaue,
kristallene Morgenstern strahlte leise, mit hellem feuchtem Glanz in die
aufgehende Dämmerung hinein. Scharfer, kühler Wind zog vom Osten heran,
und weißer Nebeldampf schwebte in leichten gebogenen Streifen vor ihm
über das dunkelgrüne, taubedeckte Gartengras. Er blieb an den hohen
Winden- und Hopfengewächsen hängen; über dem kaum gekräuselten,
durchsichtigen Wasser des Flusses, über den weißen Lilien, deren es so
viele am Ufer gab. Der durchsichtige blaue Himmel wurde von
Wolkenhäufchen, die in rosiges Feuer gehüllt waren, dicht besetzt ...
einsame und fast ganz erblaßte Sterne versanken spurlos und verschwanden
im bodenlosen Blau. Am Flusse tastete sich feuchter, weißlicher Nebel
hoch, langsam streifenweise schwankte er über dem tiefen, kühlen Wasser,
floß zwischen den Bäumen in die feuchte, grüne Tiefe des Gartens, in dem
immer noch leichte durchsichtige Dämmerung herrschte. Und durch die
matte Luft schien noch immer ein eigenartiger Silberlaut zu schweben.
Alles war so schön und still, als ob sich die verliebte Erde ganz
entblößte, um sich auf die große, genußerfüllte Feier des
Sonnenaufgangs, die noch nicht war, deren Wehen aber schon leicht und
rosig über ihr zitterte, vorzubereiten.
Jurii legte sich schlafen, doch das Licht beunruhigte ihn, der Kopf
schmerzte, und vor seinen Augen zuckte etwas schmerzlich ohne
Unterbrechung hin und her.