XXXV

Die Sonne schien hell wie im Frühling, aber es lag ein herbstlicher Zug

in der unfaßbar sanftmütigen Stille, die zwischen den Bäumen, um welche

schon gelbe absterbende Farben leuchteten, schwebte. In ihr tönten die

einsamen Vogelstimmen wehmütig abgebrochen und grell klang das Summen

der großen Insekten, die unheimlich über ihrem vergehenden Reichtum

schwirrten, wo es nicht Blumen und Gräser mehr gab und nur das Unkraut

hoch und wild aufschoß.

Jurii schlenderte langsam die Gartenwege entlang und schaute mit

weitaufgerissenen, in tiefem Nachdenken erstarrten Augen auf alles hin,

auf den Himmel, auf die gelben und grünen Blätter, die stillen

Gartenwege und das gläserne Wasser, als wenn er all dies zum letzten Mal

sehen sollte und es nun fest in sein Gedächtnis einprägen mußte, um es

niemals mehr zu vergessen.

Trübsal umzog weich sein Herz, aber ihr Ursprung war ihm selbst nicht

klar. Immer schien es ihm so, daß sich ein wunderbares Ereignis, welches

sein konnte und doch niemals war und nie mehr kommen wird, mit jedem

Augenblick von ihm weiter und weiter entfernte.

Ein schmerzliches Gefühl flüsterte ihm zu, daß alles nur durch seine

eigene Schuld geschehen wäre. Vielleicht war es die Jugend und ihr

junges Glück, das er nicht aufzugreifen verstand, und das nun nicht mehr

wiederkehrte, vielleicht die gewaltige, menschheitsbefreiende Tätigkeit,

die ihm aus den Fingern geglitten war, obgleich er sie eine Zeitlang in

ihrem Kernpunkte hatte mitergreifen können. Doch wie es gekommen war,

konnte Jurii nicht fassen. Er war überzeugt, daß er in der Tiefe seines

Wesens Kräfte barg, die für das Zersprengen ganzer Weltklippen

ausreichen würden und einen Geist, der so ferne Horizonte zu umschließen

vermochte, wie nur irgend einer in der Welt. Woher er diese Sicherheit

nahm, hätte er nicht erklären können; er würde sich auch geschämt haben,

sie zu einem Menschen, selbst dem Allernächsten zu äußern. Aber die

Sicherheit blieb bestehen. Auch zu Zeiten, wo er klar fühlte, wie

schnell er ermüdete, wie vieles er nicht wagte, wie er in Wirklichkeit

nur von einem Winkel aus über das Leben nachgrübeln konnte, war er ihrer

sicher.

... Was gibt es auch viel, dachte Jurii, ins Wasser blickend, in dem

sich die verkehrten Ufer mit gelben und roten Spitzen besetzt

widerspiegelten.

... Vielleicht ist das auch noch das Schönste und Klügste ... In diesem

Augenblick schien ihm das Bild eines Menschen verlockend schön, der voll

Geist und Verständnis abseits vom Leben steht und das sinnlose Treiben

der dem Tode Geweihten betrachtet.

Aber er merkte bald, daß in diesem Gedanken etwas Leeres lag. Und aus

dieser Leere stieg der Wunsch empor, daß es jetzt jemanden gäbe, der

sieht und versteht, wie schön sich Jurii Swaroschitsch in der Pose eines

über dem Leben Stehenden ausnimmt. Bald ertappte er sich jedoch wieder

bei dieser Selbstgefälligkeit und fühlte sich bitter beschämt.

Da begann er, um den schweren Druck, der auf seinem Bewußtsein lastete,

loszuwerden, sich zum tausendsten Mal zu sagen, daß der breite und

scheinbar so grandiose Strom des Lebens, wer auch an seinen Irrläufen

Schuld trage, schließlich doch schwach und dumpf in das schwarze Loch

des Todes hineinstürze. Dort gibt es keine Wertschätzung mehr, keine

Ueberlegung, wie und wozu der Mensch lebe.

... Ist es nicht ganz gleich, ob ich als ein Volkstribun sterbe, als der

größte Gelehrte, der tiefsinnigste Schriftsteller oder als ein leer

herumlaufender von Trübsal geplagter russischer Intelligenzler. Alles

derselbe Unsinn, dachte Jurii mit trüber Schwermut und ging nach Hause.

In dem durchsichtigen Schweigen des neuen Tages, durch das nur die

eigenen Gedanken deutlich hervortönten und in dem man das langsame,

unabwendbare Absterben des Vergangenen in jedem Nerv empfand, war ihm

immer schwerer zumute.

... Da läuft Ljalja, dachte Jurii, als er etwas Rosiges und Lustiges

hinter den grünen und gelben Büschen flimmern sah. Die glückliche Ljalka

lebt wie ein Falter mit dem heutigen Tage, braucht nichts, verlangt

nichts, als ihr Glück, ach, wenn ich auch so leben könnte.

Doch dieser Gedanke glitt nur über die Oberfläche; er stieß ihn selbst

von sich. Sein Geist, seine Trübsal, die Qualen, unter welchen er so

schmerzlich litt, schienen ihm eine ungewöhnliche Seltenheit und

Kostbarkeit, die er ganz gewiß nicht gegen das Schmetterlingsleben

Ljaljas eintauschen mochte.

»Jura, Jura,« schrie Ljalja mit klangvoll singender Stimme, obgleich sie

nur in einer Entfernung von drei Schritten vor ihm stand. Schweigsam,

ganz mit dem Lächeln eines mutwilligen Geheimniskrämers reichte sie ihm

ein schmales, rosiges Kuvert.

»Von wem?« fragte Jurii unfreundlich.

»Von Sinotschka Karssawina, Täubchen,« erklärte Ljalja feierlich,

gleichzeitig in mysteriösem Ton; sie drohte ihm mit dem Finger.

Jurii errötete furchtbar. Ihm schien in diesem Ueberreichen von

parfümierten Briefchen in rosigem Kuvert etwas Abgeschmacktes zu liegen,

durch das er sich selbst nur als glücklicher Empfänger bis zu einem

gewissen Grade lächerlich machte. Doch mit einem Ruck riß er sich

zusammen, einem Igel gleich steckte er aber noch immer nach allen Seiten

stechende Nadeln heraus. Ljalja, die neben ihm herlief, bemerkte nichts.

Mit dem eigenartigen Entzücken, mit dem sentimentale Schwestern an den

Liebesaffären ihrer geliebten Brüder teilnehmen, begann sie ihm

zuzutuscheln, wie sehr sie Karssawina liebe und wie sie sich darauf

freue, daß er sie einmal heiraten wird.

Das unglückselige Wort »heiraten« spiegelte sich auf Jurii in neuem

Erröten und zornblitzenden Augen wieder. Der echte Provinz-Roman mit

rosigen Zettelchen, den Schwestern als Vermittlerinnen, mit der

legitimen Ehe, der Wirtschaft, dem Weibchen, den Kindern, stand gerade

in der abgeschmacktesten, waschlappigsten, pflaumenweichsten

Zuckersyrupform, die er am meisten verabscheute, vor ihm.

»Ach, laß doch bitte, was für dummes Zeug,« wehrte er fast erbittert

Ljalja ab. Seine Bewegungen waren so grob, daß sie sich gekränkt fühlte.

»Was für Komödie spielst du? ... Bist du wirklich verliebt, was schadet

es denn,« schmollte sie. Mit unbewußter weiblicher Rachsucht traf sie

ihn gerade an der empfindlichsten Stelle, indem sie hinzufügte: »Ich

kann nicht begreifen, weswegen ihr alle aus euch die großartigsten

Helden machen wollt.«

Sie schwenkte ihr rosiges Kleid herum, zeigte verächtlich die

durchbrochenen Strümpfchen und schritt wie eine erzürnte Prinzessin ins

Haus.

Jurii sah ihr noch wütender nach, errötete noch mehr und riß das Kuvert

auf.

... Jurii Nikolajewitsch, wenn Sie wollen und können, so kommen Sie

heute ins Kloster. Ich werde mit meiner Tante dort sein. Sie ist bei der

Beichte und kommt nicht aus der Kirche heraus. Mir ist entsetzlich

langweilig, ich möchte über vieles mit Ihnen sprechen. Kommen Sie doch.

Es ist vielleicht nicht richtig, daß ich Ihnen schreibe, aber kommen

müssen Sie doch! ...

Jurii vergaß an alles, was er bisher gedacht hatte und las den letzten

Satz mit sonderbarer Aufregung, geradezu in physischer Freude. In dem

einen kurzen Satz spiegelte sich das junge, reine Mädchen, das

zuversichtlich und naiv das Geheimnis seiner Liebe äußert, ungemein

deutlich wieder. Als ob sie nun zu ihm kommen müsse, machtlos,

schüchtern, liebend; sie kann nicht mehr kämpfen, weiß nicht mehr, was

geschieht, sie fühlt nur, daß sie sich ganz seinen Armen hingeben muß.

Die unerwartete Nähe der Entscheidung durchschüttelte seinen ganzen

Körper, brachte ihn zu ergreifendem Beben. Einfach und unvermeidlich

fühlte er jetzt ihre dürstende Jugend, ihren reinen Körper, der sich vor

ihm zum ersten Mal entblößen würde, den Duft der weiblichen Haare, die

erschreckten, glücklichen Augen, mit Tränen, die wie Tauperlen

erglänzten. Der Versuch, ironisch zu lächeln, gelang ihm nicht, alles

ging in einem solchen Schwung gierigen Glückes unter, daß er sich

vorkam, als flatterte er wie ein Vogel über die Wipfel des Gartens empor

zum blauen, sonnendurchtränkten, freien Raum.

Den ganzen Tag war sein Herz licht; er empfand in seinem Körper eine so

starke Kraft, daß ihm jede Bewegung vollen, frischen Genuß bereitete.

Gegen Abend nahm er eine Droschke, um nicht durch den Sand laufen zu

müssen, und fuhr zum Kloster hinaus; unbewußt schämte er sich vor der

ganzen Welt und lächelte ihr doch zu. An der Anlegestelle stieg er ins

Boot und ein kräftiger Bauer ruderte ihn flink zum Kloster hinüber.

Jurii konnte immer noch nicht verstehen, was er eigentlich durchlebte.

Erst als das Boot aus der Wirrnis der engen Gänge auf die breite

Wasserfläche hinausschoß und der Fluß ihm den feuchten Duft der Tiefe

weich ins Gesicht atmete, empfand er mit voller Seele, daß er glücklich

war und daß ihm das rosige parfümierte Kuvert dieses Glück gebracht

hatte.

... Und ist es im Grunde genommen nicht ganz gleich ... Jurii hielt es

doch für nötig, Karssawina in Gedanken zu verteidigen. Sie lebt doch in

einem solchen Kreis. Ein kleinstädtischer Roman, gut, mag es auch ein

solcher werden.

Mit rhythmischem Gekräusel lief das Wasser neben dem Boot einher und

beleckte seine Ränder. Der grüne Berg, mit seinem breiten, eigenartigen

Atmen von der Dämmerung und Feuchtigkeit des Waldes geschwängert, wuchs

ihm schnell entgegen. Der Sand rasselte, lärmend sprang die hinter dem

Boot vergleitende Welle noch einmal auf und zurück. Jurii stieg aus dem

Boot, gab mit einem Gefühl der Beschämung dem Bootsmann einen halben

Rubel und schritt den Bergpfad hinauf.

Stiller Abend ging schon durch den Wald; seine Schatten legten sich um

den Berg. Von der Erde hoben sich nachdenklich ernste Nebel, die gelben

Blätter waren in der Dämmerung unsichtbar geworden, der Wald schien

wieder sommerlich grün und dicht. Oben in der Klosterumfriedung war es

noch ruhiger und rein wie in einer Kirche. Die Pappeln standen würdig

und streng wie bei einem Gebet; unter ihnen gingen wie lautlose

Abendschatten lange, schwarze Mönche auf und nieder. In den dunklen

Oeffnungen der Kirchentüren flimmerten kleine Flämmchen vor den

Heiligenbildern; ein unfaßbar zarter Geruch wandte sich herum, und man

konnte nicht verstehen, ob es nach altem Weihrauch oder nach

verwelkenden Pappelblättern roch.

»Ah, guten Tag, Swaroschitsch,« brüllte jemand hinter ihm.

Jurii blickte sich rasch um und sah Schawrow, Iwanow, Ssanin und Pjotr

Iliitsch. Sie kamen in dunklem, lärmvollem Haufen über den Hof, und die

schwarzen Mönche schauten unruhig auf sie hin; selbst die Pappeln

schienen ihre gebetartige Unbeweglichkeit, durch den plötzlichen Lärm

und die Bewegung verwirrt, eingebüßt zu haben.

»Wir haben Großes vor,« erklärte Schawrow und trat als erster an Jurii,

der ihm besondere Achtung einflößte, heran. Durch seine runden

Brillengläser blickte er ihm freundlich in die Augen.

»Das ist ja ganz nett,« murmelte Jurii gezwungen.

»Vielleicht beteiligen Sie sich daran.«

»Nein, danke bestens ... ich bin nicht allein hier.« Jurii trat

ungeduldig einen Schritt zurück.

»Na, was denn,« versetzte Iwanow mit herber Gutmütigkeit und packte ihn

unter dem Arm. »Kommen Sie doch mit uns!«

Jurii stemmte sich unfreundlich gegen den Boden, und so zogen sie sich

eine Weile etwas lächerlich nach verschiedenen Richtungen hin und her.

»Nein, bei Gott, es geht nicht! Vielleicht komme ich später noch zu

Ihnen heran,« wiederholte Jurii, mehr und mehr in seinen überreizten Ton

verfallend. Ihm kam diese freundschaftliche Aufdringlichkeit

unangebracht und taktlos vor.

»Nun gut,« Iwanow, der nichts bemerkt hatte, ließ ihn los. »Also werden

wir Sie erwarten. Kommen Sie doch!«

»Schön, schön ...«

Sie gingen aus der Umfriedung fort, sie lachten, schlenkerten mit den

Armen; dann wurde es rings herum wieder ehrfurchtsvoll still wie bei

einem Gebet. Jurii nahm die Mütze ab und trat mit einer Mischung von

Spott und Schüchternheit in die Kirche.

Gleich nachdem er eine der dunklen Kolonnen umbogen hatte, sah er in der

Dämmerung Karssawina in ihrem grauen Jackett und einem runden Strohhut,

der ihr das Aussehen einer Gymnasiastin gab, vor sich auftauchen. Das

Herz zitterte ihm, und dieses Zittern war dem Erschrecken eines Vogels

und dem Beben einer Katze vor dem Sprung gleichermaßen ähnlich. Alles an

ihr erschien ihm so reizvoll, daß er es auf der Zunge als angenehmen

Geschmack zu verspüren glaubte; ihr Jackett, wie der Hut und die

schwarzen Haare, die auf dem Nacken in einer Spirale verschlungen waren.

Das gab ihr das Aussehen einer Gymnasiastin; bei einem so reifen,

erwachsenen Mädchen wirkte es fast rührend.

Sie fühlte Juriis Nähe, sah sich um und ihre schwarzen Augen spiegelten,

trotzdem sie bescheiden ernst blieben, in ihren Tiefen die erschrockene

Freude wieder.

»Guten Tag,« sagte er mit gedämpfter und doch zu lauter Stimme, im

Augenblick unschlüssig, ob es sich hier schicke, ihr die Hand zu reichen

oder nicht. Die benachbarten Beterinnen blickten sich nach ihnen um und

verwirrten Jurii mit ihren dunklen pergamentfarbenen Gesichtern noch

mehr.

Er errötete. Karssawina, die seine Verlegenheit gleichsam mitfühlte, kam

ihm mit mütterlichem Gefühl zu Hilfe. Sie lächelte ganz leise und drohte

ihm zärtlich mit verliebten Augen.

Jurii war selig und wurde mäuschenstill.

Sie schaute nicht mehr auf ihn und bekreuzigte sich oft, aber Jurii

wußte während der ganzen Zeit, daß sie seine Nähe empfand. Diese

ungreifbaren Regungen spannten zwischen sie ein geheimes elastisches

Band ein, welches das Herz schlagen und ersterben ließ, und alles um sie

geheimnisvoll und wunderbar veränderte.

Dem Diakon auf der Kanzel, dem Aufleuchten der Lichter, den betenden und

singenden Menschen, den schweren Seufzern und den einsam dröhnenden

Schritten am Eingang sah Jurii mit wichtigen und strengen Augen zu. In

dieser Stille hörte er deutlich sein kleines Herz, das sich leicht und

fröhlich gegen die schwere Stimmung der Kirche auflehnen wollte.

Er stand ohne Bewegung, blickte auf den weißen Hals unter den schwarzen

Haaren, auf die weiche Biegung der Taille, die sich unter dem grauen

Jackett herausfühlen ließ, und es wurde ihm manchmal so gut, daß der

Schlag des Herzens seine ganze Brust durchfloß. Er wünschte so zu

stehen, daß ihn alle sähen ... Und obgleich er an nichts glaubte, weder

an das Singen, noch das Lesen der Bibelsprüche, noch an die Lämpchen vor

den Heiligenbildern, fühlte er doch auch nichts anderes als gutmütige

Freundlichkeit für sie. Er bekam selbst Mut, seine Stimmung zu

analysieren und mit der trübseligen Gehässigkeit des Morgens, der sie

vollständig unähnlich war, zu vergleichen.

... Also kann man doch glücklich sein, fragte er sich innerlich lächelnd

und gab sich sofort die ernste Antwort: Sicherlich! Alles, was ich über

den Tod dachte, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Fehlen eines

vernünftigen Zweckes im Leben, das mag alles ganz wahr und vernünftig

sein, aber glücklich kann man trotzdem werden. Ich bin glücklich! Und

gerade dank diesem wunderbaren Mädchen, von dem ich vor kurzem noch

keine Ahnung hatte.

Ihm stieg die komische Idee in den Kopf, wie sie sich einst, als sie

noch kleine, lächerliche Kinder waren, irgendwo hätten begegnen, sich

anblicken, sich wieder trennen können, ohne zu wissen, daß sie einmal

füreinander das allerteuerste auf der Welt sein, sich einander lieb

haben werden und daß sie für ihn alle Geheimnisse ihres Körpers

enthüllen wird.

Der letzte Gedanke schloß sich ganz unerwartet an, er wurde von ihm fast

beschämt. Gleichzeitig aber fühlte er sich so gut und frei, daß er bis

in die Haarwurzeln errötete; er fürchtete sich lange, sie wieder

anzublicken.

Karssawina, die da in Gedanken von ihm entkleidet wurde, stand lieblich

und rein vor ihm und betete ohne Worte zu Gott, daß Jurii sie so innig

und zart lieben möge wie sie ihn.

Wahrscheinlich teilte sich von ihr auch Jurii eine reinigende Welle mit,

denn die schamlosen Gedanken glitten mit einem Mal von ihm fort; in

seiner Seele wurde es klar und friedlich.

Tränen der Rührung und der Liebe traten warm in seine Augen. Er hob die

Blicke, sah das Gold des Heiligenstockes, welches in den Kerzenfeuern

Funken sprühte, darüber die zwei Arme des Kreuzes, die sich ihm bei

jedem Blick tiefer zusenkten; in Gedanken rief er mit längst vergessener

innerlicher Spannung: Gott, wenn du existierst, so lasse es sein, daß

dieses Mädchen mich liebt, und daß ich sie immer lieben werde so wie

jetzt.

Er schämte sich dieser Gefühlsaufwallung ein wenig, aber diesmal

lächelte er nur herablassend über sich.

... Das ist doch nur so ... dachte er.

»Gehen wir hinaus,« raunte ihm Karssawina zu; sie flüsterte es, aber es

klang fast wie ein Seufzer.

Sie gingen gravitätisch, mit Frieden in der Seele, als ob sie die leise

singenden und laut lesenden Stimmen, Seufzer und das Flimmern der

Lichter mit sich forttragen wollten, auf die Terrasse hinaus. Sie gingen

nebeneinander längs der Einfriedung und traten dann durch die alte

Pforte auf den Bergabhang. Hier war niemand; die alte weiße Mauer mit

dem Türmchen, an dem der Putz herunterhing, trennte sie von all den

Menschen.

Unter ihren Füßen kräuselten sich längs des Abhangs die Wipfel der

Eichen, und weit unten erglänzte eben und glatt wie geschliffenes Glas

der Fluß. Die grünen Felder und Wiesen dehnten sich hinter dem dunklen

Horizont weit in die Ferne hinein.

Schweigend schritten sie bis an den Rand des Abhanges und blieben

unschlüssig, was sie anfangen sollten, stehen. Sie fürchteten sich vor

etwas und wagten es nicht. Es schien, daß sie niemals die Kraft finden

würden, es zu sagen und zu tun. Doch Karssawina hob den Kopf, und es kam

dann ganz unvermutet und einfach, daß ihre Lippen Juriis Lippen trafen.

Sie wurde leichenblaß, schrak auf und erstarrte dann. Jurii umarmte sie

schweigend; er fühlte zum ersten Mal ihren warmen, biegsamen Körper in

seinen Armen.

Um sie wurde es still. Ihnen schien die ganze Welt in dieser

feierlichen, gespannten Stille zu ersterben.

In ihren Ohren gellte etwas; Jurii kam es vor, daß irgendwo eine

unsichtbare, unhörbare Glocke gebieterisch ihre Begegnungsstunde schlug.

Plötzlich riß sich Karssawina los, lächelte ihm noch einmal zu und lief

fort. »Die Tante wird mich suchen, warten Sie eine Weile, ich komme

wieder ...«

Jurii konnte sich später niemals erinnern, ob sie ihm diese Worte mit

einer klingenden fröhlichen Stimme, die im dunklen Walde widerhallte,

zurief oder ob ihm der warme Abendwind nur ein abgebrochenes, gleitendes

Flüstern zutrug.

Er setzte sich aufs Gras und fuhr mit der Hand durch die Haare.

... Wie töricht und wundervoll schön das doch alles ist, dachte er mit

seligem Lächeln. Er schloß die Augen, zuckte die Achseln und warf in

diesem Augenblick alle seine früheren Gedanken, Zweifel und Leiden von

sich.

Karssawina lief in die Pforte hinein und blieb noch einmal stehen. Ihr

Herz pochte ungestüm und ihr Gesicht brannte. Sie drückte ihre Hand fest

auf die wogende linke Brust und lehnte sich für einen Moment an die

Wand.

Dann öffnete sie die Augen, schaute verwundert umher, atmete leicht auf,

raffte den schwarzen Rock und lief mit schnellen Füßchen nach dem

Gasthaus. Noch aus der Ferne rief sie der alten dunklen Tante, die auf

den Steinstufen saß und sie erwartete, zu:

»Da bin ich schon, Tantchen, da bin ich ja schon.«

Ssanin: Roman · 第 61 / 97 题