Als man Sarudin unter dem Klange der Blechinstrumente beisetzte, sah
Jurii vom Fenster aus die ganze düstere und prächtige Prozession mit dem
schwarzbeflorten Pferd, dem Trauermarsch und der einzelnen
Offiziersmütze, die verwaist auf dem Deckel des Sarges lag, mit an. Es
gab viel Blumen, nachdenklich schöne Frauen und melancholische Musik.
In der Nacht, die diesem Tage folgte, war es Jurii besonders traurig
zumute.
Am Abend war er lange mit Karssawina spazieren gegangen, hatte immer
dieselben herrlichen verliebten Augen, den wundervollen Körper, der sich
ihm entgegenstreckte, angesehen; trotzdem aber war ihm selbst das
Zusammensein mit ihr schwer.
... Wie sonderbar und entsetzlich ist doch alles, sprach er vor sich
hin, während er angestrengt zu Boden blickte. Nun hat dieser Sarudin zu
leben aufgehört. Das war ein Offizier, hübsch, jung, sorgenlos; man
könnte glauben, daß er immer leben würde, daß das Schreckliche im Leben,
Qualen und Tod, für ihn nicht vorhanden wären. Mit ihm dürfte das keinen
Zusammenhang haben. Und dann kommt ein einziger Tag, und dieser Mensch
ist zerknüllt, in Staub zerrieben; er durchlebt nur ein ihm bekanntes
Drama und existiert schon nicht mehr und wird auch niemals mehr
existieren. Und am Ende ruht nur seine Mütze auf dem Deckel des Sarges.
Jurii verstummte und blickte wieder mit trauriger Anspannung auf den
Boden. Karssawina ging leicht neben ihm her, hörte ihm aufmerksam zu und
zupfte leise mit ihren vollen, runden Händen an der Spitze des weißen
Schirmes.
Sie dachte nicht an Sarudin und freute sich nur körperlich über die Nähe
Juriis. Unbewußt unterwarf sie ihm ihre Stimmung, machte, um ihm zu
gefallen, ein trauriges Gesicht und ging ebenfalls mit müden,
ausdruckslosen Schritten.
»Ja, es war sehr traurig, das alles mit anzusehen ... Und auch diese
Musik.«
Plötzlich machte sich Jurii Luft: »Ich klage Ssanin garnicht an. Er
konnte nicht anders handeln. Aber es ist entsetzlich, daß sich die Wege
dieser zwei Menschen so gekreuzt haben, ... entweder der eine oder der
andere mußte weichen. Es ist entsetzlich, daß der jeweilige Sieger
garnicht das Furchtbare seines Sieges begreift. Er hat einen Menschen
vom Erdboden fortgewischt und ist damit im Recht.«
»Ja, gewiß im Recht ...« Karssawina, die nicht auf alles gehört hatte,
belebte sich bei diesen Worten so, daß sich sogar ihre Brust anzuspannen
schien.
»Nein, aber ich sage doch, es ist entsetzlich,« fiel ihr Jurii mit
eifersüchtigem Haß ins Wort, nachdem er einen kurzen Blick auf ihr
belebtes Gesicht und ihre hohe Brust geworfen hatte.
»Warum denn? ...« fragte Karssawina, sofort wieder schüchtern und in
furchtbarer Verwirrung. Wie mit einem Hauch erloschen ihre Augen und
erröteten ihre Wangen.
»Weil es für jeden andern die schwerste Qual bedeuten würde, Zweifel,
Schwanken ... Der seelische Kampf müßte sich doch zeigen ... Ueber das,
was geschah ... Aber bei ihm gibt es keine Spur davon ... Er ... Nun, es
tut mir sehr leid, sagte er ... aber ich bin nicht schuld daran ...
Handelt es sich denn nur um die eine Schuld hier in diesem Fall ... Um
das direkte Recht ...«
»Um was handelt es sich denn? ...« fragte Karssawina unschlüssig und
leise mit tief gesenktem Kopf; offenbar fürchtete sie, ihn zu erzürnen.
»Das weiß ich nicht. Vielleicht ganz einfach: Der Mensch hat kein Recht,
eine Bestie zu sein,« rief Jurii scharf und herb mit einem Unterton des
Leidens. Sie gingen lange schweigend. Karssawina litt unter dem
Bewußtsein, daß sie sich Jurii entfremdet hatte, und für einen
Augenblick das liebliche, warme Band, das sie beide tief in der Seele
zusammenhielt, zerriß. Jurii fühlte selbst, daß seine Ausführungen
verwirrt und unklar herauskamen; ein schwerer Nebel legte sich um sein
Herz.
Er verabschiedete sich bald und ließ Karssawina in dem schmerzlichen
Bewußtsein unbefriedigten Zusammenseins und unverschuldeter Kränkung
zurück.
Zwar bemerkte er ihre Ratlosigkeit, aber es machte ihm, ohne daß er
wußte warum, ein eigenes Vergnügen, sie verletzt zu wissen, als wenn er
sich an ihr, die er liebte, für die schwere Beleidigung irgend eines
Menschen rächen müßte.
Zu Hause fühlte er sich unerträglich schlecht.
Beim Abendbrot erzählte Ljalja, sie hätte von Rjäsanzew gehört, daß die
Straßenjungen bei der Mühle, als man Ssoloveitschik abschnitt, über den
Zaun schrien und sangen: Der Jude hat sich aufgehängt, der Jude hat sich
aufgehängt ...
Nikolai Jegorowitsch brach in behagliches Gelächter aus und ließ sich
den Vers von seiner kleinen Ljalka immer von neuem vorsingen: »So, also
... der Jude hat sich aufgehängt, hahaha.«
Jurii ging in sein Zimmer, setzte sich hin, um das Heft seines Schülers
zu korrigieren und dachte mit unaussprechlichem Haß: Welch ungeheure
Summe von Bestialität liegt doch noch immer in den Menschen. Soll man
denn für dieses stumpfsinnige, dumme, rohe Pack leiden und sich opfern
...
Doch im selben Augenblick fühlte er, daß seine Gehässigkeit unschön sei;
er schämte sich seiner Erregung.
... Sie haben ja keine Schuld, ... sie wissen ja nicht, was sie tun ...
Aber ob sie es wissen oder nicht, ... in diesem Augenblick sind sie doch
Tiere ... Er gab sich Mühe, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern
ließ wieder das Bild Ssoloveitschiks vor seine Augen treten.
... Wie einsam doch der Mensch ist ... Da hat nun dieser einsame
Ssoloveitschik gelebt, hat in sich ein großes Herz, das für die ganze
Welt leiden wollte, zu jedem Opfer bereit, getragen. Und niemand ...
selbst ich nicht ... das durchschwirrte mit einem unangenehmen Stich
seinen Kopf ... bemerkten und schätzten ihn. Man verachtete ihn fast.
Und weshalb doch ... Nur weil er sich nicht zum Ausdruck bringen konnte;
vielleicht verstand er es nicht. Weil er immer in Eile, eben etwas
lästig war. Und gerade darin, in dieser Eilfertigkeit, dieser Lästigkeit
zeigte sich doch sein heißes Bemühen, sich uns allen zu nähern, allen
hilfsbereit und gefällig zu sein. Er war ein Heiliger, und wir hielten
ihn für einen Toren ...
Das Schuldbewußtsein plagte ihn so stark, daß er die Arbeit beiseite
schob und lange im Zimmer auf und nieder ging, ganz im Banne trüber,
unlösbar schmerzlicher Gedanken. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm
die Bibel, und, sie aufs Geradewohl aufschlagend, las er wieder eine
Stelle, die er sich öfter als die andern vornahm. Die Seiten waren dort
zerknifft und an den Rändern abgenutzt.
»In Zufall sind wir geboren und werden später sein, wie nie gewesen; der
Odem in unseren Nüstern ist Dampf und das Wort ein Funke in den
Bewegungen unseres Herzens.
Wenn er erlischt, wird der Körper zu Staub verwandelt und der Geist wird
zerstreut wie wehende Luft.
Und unser Name wird mit der Zeit vergessen werden und niemand erinnert
sich an unsere Taten; und unser Leben vergeht wie die Spur einer Wolke
und zerrinnt wie Nebel, den die Sonnenstrahlen zerstreuen und den die
Wärme beschwert.
Weil unser Leben ein Gleiten des Schatten ist, und es nicht gibt für uns
eine Rückkehr vom Tode, weil ein Siegel aufgedrückt ist und niemand
zurückkehrt.«
Jurii brach hier ab, denn er kam an die Stelle: ... daß es keinen Sinn
hätte, über den Tod nachzudenken, sondern daß man Leben wie Jugend
genießen müsse. Das aber wollte er nicht begreifen; es entsprach nicht
seinem krankhaften Trübsinn.
... Wie wahr, wie entsetzlich, wie unbegreiflich das ist ... Er
versuchte mit aller Anspannung, sich vorzustellen, wie sein Geist nach
dem Tode zerfließen würde. Aber es war ihm nicht möglich.
... Das ist entsetzlich ... Da sitze ich hier ... der Lebende ... der
nach Leben und Glück Lechzende und lese mein unabwendbares Todesurteil,
lese und kann mich nicht einmal dagegen auflehnen.
Die gleichen Gedanken, auch in diesen nämlichen Worten, hatte Jurii
bereits vielmals durchdacht. Schon längst waren sie an ihrer eigenen
Schwäche, die ihm ganz klar bewußt war, müde geworden; -- es verstimmte
und quälte ihn noch mehr.
Jurii griff sich in die Haare und rannte verzweifelt wie ein wildes Tier
im Käfig hin und her. Mit geschlossenen Augen, unendliche Müdigkeit im
Herzen, wandte er sich an irgend ein Wesen. Mit Zorn, doch ohne Kraft,
mit Haß und gleichzeitig mit einer stumpfen Bitte, die er aber selbst
nicht für eine solche gehalten hätte, suchte er den Menschen, der ihm
helfen würde.
... Gott! ... Was hat dir der Mensch getan, daß du seiner so spottest!
Warum verbirgst du dich vor ihm, wenn du in Wirklichkeit existierst.
Warum hast du es eingerichtet, daß ich selbst, wenn ich an dich glauben
wollte, nicht einmal an meinen Glauben glauben würde. Wenn du mir auch
antwortest, würde ich doch nicht glauben, daß du es bist und nicht ich
selbst. Wenn ich recht habe in meinem Verlangen nach Leben, warum nimmst
du mir dann das Recht, das du mir selbst gegeben hast. Wenn du Leiden
brauchst, gut, dein Wille geschehe. Wir würden sie ja aus Liebe zu dir
darbringen wollen, aber wir wissen doch nicht einmal, was wichtiger ist,
ein Baum oder wir. Selbst für den Baum gibt es eine Hoffnung ... Noch
gefällt, kann er Wurzeln schlagen, Aeste treiben, noch einmal aufleben.
Aber der Mensch stirbt und verschwindet. Wenn ich mich hinlege und nicht
mehr aufstehe, so wird niemand jemals erfahren, was mit mir geschah.
Vielleicht werde ich zu neuem Leben erwachen, aber ich werde doch nichts
davon wissen. Wenn ich nur das Eine wüßte, daß ich erst nach Milliarden,
nach Abermilliarden von Jahren wieder leben werde, so würde ich all die
Jahrtausende dieser Zeit geduldig und ohne Auflehnung in der ewigen
Finsternis warten ...
Und wiederum begann er zu lesen:
»Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der
Sonne.
Ein Geschlecht vergehet, das andere kommet, die Erde bleibet aber
ewiglich.
Die Sonne geht auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie
wieder daselbst aufgehe.
Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder
herum an den Ort, da er anfing.
Was ist's, das geschehen ist? ... Eben das hernach geschehen wird ...
Was ist's, das man getan hat ... Eben, das man hernach wieder tun wird.
Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.
Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind, also auch derer, so
hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein
werden.