XXXIII

Als man Sarudin unter dem Klange der Blechinstrumente beisetzte, sah

Jurii vom Fenster aus die ganze düstere und prächtige Prozession mit dem

schwarzbeflorten Pferd, dem Trauermarsch und der einzelnen

Offiziersmütze, die verwaist auf dem Deckel des Sarges lag, mit an. Es

gab viel Blumen, nachdenklich schöne Frauen und melancholische Musik.

In der Nacht, die diesem Tage folgte, war es Jurii besonders traurig

zumute.

Am Abend war er lange mit Karssawina spazieren gegangen, hatte immer

dieselben herrlichen verliebten Augen, den wundervollen Körper, der sich

ihm entgegenstreckte, angesehen; trotzdem aber war ihm selbst das

Zusammensein mit ihr schwer.

... Wie sonderbar und entsetzlich ist doch alles, sprach er vor sich

hin, während er angestrengt zu Boden blickte. Nun hat dieser Sarudin zu

leben aufgehört. Das war ein Offizier, hübsch, jung, sorgenlos; man

könnte glauben, daß er immer leben würde, daß das Schreckliche im Leben,

Qualen und Tod, für ihn nicht vorhanden wären. Mit ihm dürfte das keinen

Zusammenhang haben. Und dann kommt ein einziger Tag, und dieser Mensch

ist zerknüllt, in Staub zerrieben; er durchlebt nur ein ihm bekanntes

Drama und existiert schon nicht mehr und wird auch niemals mehr

existieren. Und am Ende ruht nur seine Mütze auf dem Deckel des Sarges.

Jurii verstummte und blickte wieder mit trauriger Anspannung auf den

Boden. Karssawina ging leicht neben ihm her, hörte ihm aufmerksam zu und

zupfte leise mit ihren vollen, runden Händen an der Spitze des weißen

Schirmes.

Sie dachte nicht an Sarudin und freute sich nur körperlich über die Nähe

Juriis. Unbewußt unterwarf sie ihm ihre Stimmung, machte, um ihm zu

gefallen, ein trauriges Gesicht und ging ebenfalls mit müden,

ausdruckslosen Schritten.

»Ja, es war sehr traurig, das alles mit anzusehen ... Und auch diese

Musik.«

Plötzlich machte sich Jurii Luft: »Ich klage Ssanin garnicht an. Er

konnte nicht anders handeln. Aber es ist entsetzlich, daß sich die Wege

dieser zwei Menschen so gekreuzt haben, ... entweder der eine oder der

andere mußte weichen. Es ist entsetzlich, daß der jeweilige Sieger

garnicht das Furchtbare seines Sieges begreift. Er hat einen Menschen

vom Erdboden fortgewischt und ist damit im Recht.«

»Ja, gewiß im Recht ...« Karssawina, die nicht auf alles gehört hatte,

belebte sich bei diesen Worten so, daß sich sogar ihre Brust anzuspannen

schien.

»Nein, aber ich sage doch, es ist entsetzlich,« fiel ihr Jurii mit

eifersüchtigem Haß ins Wort, nachdem er einen kurzen Blick auf ihr

belebtes Gesicht und ihre hohe Brust geworfen hatte.

»Warum denn? ...« fragte Karssawina, sofort wieder schüchtern und in

furchtbarer Verwirrung. Wie mit einem Hauch erloschen ihre Augen und

erröteten ihre Wangen.

»Weil es für jeden andern die schwerste Qual bedeuten würde, Zweifel,

Schwanken ... Der seelische Kampf müßte sich doch zeigen ... Ueber das,

was geschah ... Aber bei ihm gibt es keine Spur davon ... Er ... Nun, es

tut mir sehr leid, sagte er ... aber ich bin nicht schuld daran ...

Handelt es sich denn nur um die eine Schuld hier in diesem Fall ... Um

das direkte Recht ...«

»Um was handelt es sich denn? ...« fragte Karssawina unschlüssig und

leise mit tief gesenktem Kopf; offenbar fürchtete sie, ihn zu erzürnen.

»Das weiß ich nicht. Vielleicht ganz einfach: Der Mensch hat kein Recht,

eine Bestie zu sein,« rief Jurii scharf und herb mit einem Unterton des

Leidens. Sie gingen lange schweigend. Karssawina litt unter dem

Bewußtsein, daß sie sich Jurii entfremdet hatte, und für einen

Augenblick das liebliche, warme Band, das sie beide tief in der Seele

zusammenhielt, zerriß. Jurii fühlte selbst, daß seine Ausführungen

verwirrt und unklar herauskamen; ein schwerer Nebel legte sich um sein

Herz.

Er verabschiedete sich bald und ließ Karssawina in dem schmerzlichen

Bewußtsein unbefriedigten Zusammenseins und unverschuldeter Kränkung

zurück.

Zwar bemerkte er ihre Ratlosigkeit, aber es machte ihm, ohne daß er

wußte warum, ein eigenes Vergnügen, sie verletzt zu wissen, als wenn er

sich an ihr, die er liebte, für die schwere Beleidigung irgend eines

Menschen rächen müßte.

Zu Hause fühlte er sich unerträglich schlecht.

Beim Abendbrot erzählte Ljalja, sie hätte von Rjäsanzew gehört, daß die

Straßenjungen bei der Mühle, als man Ssoloveitschik abschnitt, über den

Zaun schrien und sangen: Der Jude hat sich aufgehängt, der Jude hat sich

aufgehängt ...

Nikolai Jegorowitsch brach in behagliches Gelächter aus und ließ sich

den Vers von seiner kleinen Ljalka immer von neuem vorsingen: »So, also

... der Jude hat sich aufgehängt, hahaha.«

Jurii ging in sein Zimmer, setzte sich hin, um das Heft seines Schülers

zu korrigieren und dachte mit unaussprechlichem Haß: Welch ungeheure

Summe von Bestialität liegt doch noch immer in den Menschen. Soll man

denn für dieses stumpfsinnige, dumme, rohe Pack leiden und sich opfern

...

Doch im selben Augenblick fühlte er, daß seine Gehässigkeit unschön sei;

er schämte sich seiner Erregung.

... Sie haben ja keine Schuld, ... sie wissen ja nicht, was sie tun ...

Aber ob sie es wissen oder nicht, ... in diesem Augenblick sind sie doch

Tiere ... Er gab sich Mühe, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern

ließ wieder das Bild Ssoloveitschiks vor seine Augen treten.

... Wie einsam doch der Mensch ist ... Da hat nun dieser einsame

Ssoloveitschik gelebt, hat in sich ein großes Herz, das für die ganze

Welt leiden wollte, zu jedem Opfer bereit, getragen. Und niemand ...

selbst ich nicht ... das durchschwirrte mit einem unangenehmen Stich

seinen Kopf ... bemerkten und schätzten ihn. Man verachtete ihn fast.

Und weshalb doch ... Nur weil er sich nicht zum Ausdruck bringen konnte;

vielleicht verstand er es nicht. Weil er immer in Eile, eben etwas

lästig war. Und gerade darin, in dieser Eilfertigkeit, dieser Lästigkeit

zeigte sich doch sein heißes Bemühen, sich uns allen zu nähern, allen

hilfsbereit und gefällig zu sein. Er war ein Heiliger, und wir hielten

ihn für einen Toren ...

Das Schuldbewußtsein plagte ihn so stark, daß er die Arbeit beiseite

schob und lange im Zimmer auf und nieder ging, ganz im Banne trüber,

unlösbar schmerzlicher Gedanken. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm

die Bibel, und, sie aufs Geradewohl aufschlagend, las er wieder eine

Stelle, die er sich öfter als die andern vornahm. Die Seiten waren dort

zerknifft und an den Rändern abgenutzt.

»In Zufall sind wir geboren und werden später sein, wie nie gewesen; der

Odem in unseren Nüstern ist Dampf und das Wort ein Funke in den

Bewegungen unseres Herzens.

Wenn er erlischt, wird der Körper zu Staub verwandelt und der Geist wird

zerstreut wie wehende Luft.

Und unser Name wird mit der Zeit vergessen werden und niemand erinnert

sich an unsere Taten; und unser Leben vergeht wie die Spur einer Wolke

und zerrinnt wie Nebel, den die Sonnenstrahlen zerstreuen und den die

Wärme beschwert.

Weil unser Leben ein Gleiten des Schatten ist, und es nicht gibt für uns

eine Rückkehr vom Tode, weil ein Siegel aufgedrückt ist und niemand

zurückkehrt.«

Jurii brach hier ab, denn er kam an die Stelle: ... daß es keinen Sinn

hätte, über den Tod nachzudenken, sondern daß man Leben wie Jugend

genießen müsse. Das aber wollte er nicht begreifen; es entsprach nicht

seinem krankhaften Trübsinn.

... Wie wahr, wie entsetzlich, wie unbegreiflich das ist ... Er

versuchte mit aller Anspannung, sich vorzustellen, wie sein Geist nach

dem Tode zerfließen würde. Aber es war ihm nicht möglich.

... Das ist entsetzlich ... Da sitze ich hier ... der Lebende ... der

nach Leben und Glück Lechzende und lese mein unabwendbares Todesurteil,

lese und kann mich nicht einmal dagegen auflehnen.

Die gleichen Gedanken, auch in diesen nämlichen Worten, hatte Jurii

bereits vielmals durchdacht. Schon längst waren sie an ihrer eigenen

Schwäche, die ihm ganz klar bewußt war, müde geworden; -- es verstimmte

und quälte ihn noch mehr.

Jurii griff sich in die Haare und rannte verzweifelt wie ein wildes Tier

im Käfig hin und her. Mit geschlossenen Augen, unendliche Müdigkeit im

Herzen, wandte er sich an irgend ein Wesen. Mit Zorn, doch ohne Kraft,

mit Haß und gleichzeitig mit einer stumpfen Bitte, die er aber selbst

nicht für eine solche gehalten hätte, suchte er den Menschen, der ihm

helfen würde.

... Gott! ... Was hat dir der Mensch getan, daß du seiner so spottest!

Warum verbirgst du dich vor ihm, wenn du in Wirklichkeit existierst.

Warum hast du es eingerichtet, daß ich selbst, wenn ich an dich glauben

wollte, nicht einmal an meinen Glauben glauben würde. Wenn du mir auch

antwortest, würde ich doch nicht glauben, daß du es bist und nicht ich

selbst. Wenn ich recht habe in meinem Verlangen nach Leben, warum nimmst

du mir dann das Recht, das du mir selbst gegeben hast. Wenn du Leiden

brauchst, gut, dein Wille geschehe. Wir würden sie ja aus Liebe zu dir

darbringen wollen, aber wir wissen doch nicht einmal, was wichtiger ist,

ein Baum oder wir. Selbst für den Baum gibt es eine Hoffnung ... Noch

gefällt, kann er Wurzeln schlagen, Aeste treiben, noch einmal aufleben.

Aber der Mensch stirbt und verschwindet. Wenn ich mich hinlege und nicht

mehr aufstehe, so wird niemand jemals erfahren, was mit mir geschah.

Vielleicht werde ich zu neuem Leben erwachen, aber ich werde doch nichts

davon wissen. Wenn ich nur das Eine wüßte, daß ich erst nach Milliarden,

nach Abermilliarden von Jahren wieder leben werde, so würde ich all die

Jahrtausende dieser Zeit geduldig und ohne Auflehnung in der ewigen

Finsternis warten ...

Und wiederum begann er zu lesen:

»Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der

Sonne.

Ein Geschlecht vergehet, das andere kommet, die Erde bleibet aber

ewiglich.

Die Sonne geht auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie

wieder daselbst aufgehe.

Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder

herum an den Ort, da er anfing.

Was ist's, das geschehen ist? ... Eben das hernach geschehen wird ...

Was ist's, das man getan hat ... Eben, das man hernach wieder tun wird.

Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind, also auch derer, so

hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein

werden.

Ssanin: Roman · 第 58 / 97 题