Mechanisch fügte Rjäsanzew hinzu: »Und weiter nichts.«

»Und was sollte auch weiter sein? ...« fragte Karssawina mit zitternden

Lippen.

Iwanow erhob sich und murmelte, indem er die Streichhölzer vom Tisch

nahm:

»Eine kapitale Dummheit! Das ist wahr.«

»Wie, schämen Sie sich nicht!« brauste Karssawina empört auf.

Jurii sah angeekelt Iwanows lange gerade Haare an und wandte sich wieder

ab.

»Ja, sehen Sie, hier haben Sie nun auch den Ssoloveitschik,« sagte

Rjäsanzew mit unbestimmbarer offener Handbewegung und wieder mit

fröhlichem Augenzwinkern. »Ich dachte auch, als ich es hörte: Nun welch

ein Stück Dreck ... So ... ein Judenbengel. Und da sehen Sie nun ... Mit

einem Mal zeigt er sich, so -- -- -- wie garnicht von dieser Welt ... Es

gibt doch keine höhere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine

Mitmenschen hingeben will.«

»Nun, der hat es doch garnicht für seine Mitmenschen geopfert. -- -- --

Wozu macht er überhaupt soviel Wesen davon, ... dieser Kerl ... ist doch

selbst nur ein Vieh ...« dachte Iwanow und sah mit Haß und Verachtung

auf das satte glatte Gesicht Rjäsanzews; aus irgend einem Grunde warf er

plötzlich auch seiner weißen Weste, die seinen starken Leib

faltenziehend umschloß, einen wütenden Blick zu.

»Das ist gleich ... Man fühlt den Drang dazu heraus.«

»Das ist bei weitem nicht gleich,« erwiderte Iwanow beharrlich ... »Eine

Schneckenseele und weiter nichts.«

Sein sonderbarer Haß gegen Ssoloveitschik wirkte auf alle abstoßend.

Karssawina erhob sich und flüsterte Jurii zu, gleichsam als ob sie ihm

besonders vertraue:

»Ich gehe fort. Ich halte es einfach nicht aus, er ist mir widerlich.«

»Ja,« nickte ihr Jurii zu. »Eine unerhörte Roheit.«

Nach Karssawina gingen Ljalja und Rjäsanzew. Iwanow wurde nachdenklich,

rauchte schweigend seine Zigarette zu Ende, schaute mit bösen Augen in

die Ecke und ging ebenfalls. Als er auf die Straße trat und beim Gehen

gewohnheitsmäßig mit den Armen schlenkerte, dachte er aufgeregt und

böse: -- -- -- Dieses dumme Volk bildet sich natürlich ein, daß ich ihre

Empfindungen nicht verstehen könnte. Reizend ... Ich weiß, was sie

fühlen. Besser als sie selbst ... Ich weiß, daß es keine größere Liebe

gibt, als wenn ein Mensch sein Leben für den Nächsten opfert. Aber sich

aufzuhängen, weil einer nicht zu den Menschen taugt ... na, das bleibt

eben ein Unsinn ...

Und indem er sich einer Menge von Werken, die er gelesen hatte,

erinnerte, begann er in ihnen nach dem Sinn zu suchen, der ihm die Tat

Ssoloveitschiks so, wie er es wünschte, erklären könnte. Doch trotzdem

sich die Bücher gehorsam auf den Seiten aufblätterten, die er gerade

brauchte, redeten sie nur mit toter Zunge das, was er selbst verlangte,

zu ihm. Sein Hirn arbeitete angestrengt und war so mit den gedruckten

Gedanken verflochten, daß er selbst nicht mehr unterscheiden konnte,

wenn er Eigenes dachte und wo er sich nur des Gelesenen erinnerte.

Als er nach Hause kam, legte er sich aufs Bett, streckte die langen

Beine aus und dachte ununterbrochen weiter darüber nach, bis er endlich

einschlief. Erst am späten Abend wachte er wieder auf.

Ssanin: Roman · 第 57 / 97 题