Bei der Schnelligkeit, mit der sich in einer kleinen Stadt jede
Neuigkeit verbreitet, war es sofort bekannt geworden, daß sich am selben
Abend zwei Menschen das Leben genommen hatten. Jurii Swaroschitsch
erfuhr es von Iwanow, der gerade zu ihm kam, als Jurii von einem
Unterricht zurückkehrte. Er hatte sich eben an die Staffelei gestellt,
um an Ljaljas Bild zu malen. Sie saß ihm in leichter heller Bluse, mit
nacktem Hälschen und durchschimmernden rosigen Armen. Die Sonne
leuchtete durch das Zimmer, entzündete in goldigen Funken die buschigen
Haare; die ganze Ljalja sah so jung, reinlich und lustig wie ein
goldener Vogel aus.
»Guten Tag!« Iwanow schleuderte mit großartiger Bewegung seinen Hut auf
den Tisch.
»Aha, was bringen Sie neues?« fragte Jurii und lächelte ihm freundlich
zu. Er war in zufriedener, heiterer Stimmung, weil er endlich einen
Schüler gefunden hatte und nicht mehr dem Vater auf dem Halse zu liegen
brauchte, sondern jetzt auf eigenen Füßen stand. Dazu kam auch der
Einfluß, den die glückliche Ljalja auf jeden Menschen in ihrer Nähe
ausstrahlte.
»Sehr vieles,« antwortete Iwanow mit unbestimmtem Ausdruck in seinen
grauen Augen. »Der eine hat sich den Kopf zersprengt, -- -- der andere
hat sich aufgehängt, den dritten holt der Teufel, damit er nicht hinter
den Weibern schwenkt.«
»Was heißt das? ...« Jurii starrte verwundert auf Iwanow.
»Beruhigen Sie sich, den dritten habe ich schon selber hinzugedichtet,
-- -- -- bitte, zur Steigerung des Effekts, und weil der Reim so schön
ist, aber bei zweien ist es Tatsache ... Schicksal! Heute nacht erschoß
sich Sarudin und soeben hört man so was, Ssoloveitschik hätte sich
aufgehängt ... Da haben Sie es ...«
»Aber das ist ja nicht möglich,« rief Ljalja, mit erschrockenen aber vor
Neugierde strahlenden Augen aufspringend.
Jurii legte eilig die Palette zur Seite und ging auf Iwanow zu:
»Sie scherzen nicht? ...«
»Wer denkt an Scherze!«
Wie immer bemühte er sich ein philosophisch gleichgültiges Aussehen zu
markieren, aber man konnte ihm anmerken, daß ihm bange und unangenehm
zumute war.
»Warum sich erschossen ... Weil ihn Ssanin geschlagen hatte ... Und weiß
es Ssanin ...« Ljalja klammerte sich an Iwanow.
»Offenbar ja ... Ssanin weiß es schon seit gestern Nacht,« antwortete
Iwanow.
»Und wie? ...« fragte unwillkürlich Jurii.
Iwanow zuckte die Achseln. Schon mehrere Mal hatte er Gelegenheit
gehabt, sich mit Jurii über Ssanin zu streiten und er regte sich jetzt
schon im Voraus auf.
»Nichts, was soll denn sein,« erwiderte er ärgerlich.
»Aber wie man es auch nimmt, er ist doch die Ursache,« bemerkte Ljalja.
Sie machte ein bedeutungsvolles Gesicht.
»Na, und wenn schon ... Hätte doch dieser Idiot nicht auf ihn los gehen
sollen. Ssanin ist an der Sache ganz unschuldig. Das ist alles recht
bedauerlich, natürlich, es muß aber auf das Konto von Sarudins Dummheit
gesetzt werden.«
»Na, die Ursachen liegen wohl tiefer. Sarudin lebt in einem gewissen
Milieu -- -- --«
»Und wenn er in einem solchen dummen Milieu lebte und sich ihm
unterwarf, so ist das nur ein Beweis dafür, daß er selbst ein Esel war
...«
Jurii schwieg; er rieb die Finger mechanisch aneinander. Es war ihm
peinlich, so über einen Verstorbenen urteilen zu hören, trotzdem er
nicht einmal den Grund für dieses Gefühl hätte angeben können.
»Nun gut, Sarudin -- -- -- das ist begreiflich ... Aber doch
Ssoloveitschik ... das hätte ich niemals gedacht ...« Ljalja zog
unschlüssig die Augenbrauen an. »Weshalb der nur? ...«
»Weiß es Gott? ...« bemerkte Iwanow. »Er war immer so ein Eingänger. War
niemals ganz bei sich.«
In diesem Augenblick kamen Rjäsanzew und Karssawina; er in einem Wagen,
sie zu Fuß. Sie trafen sich unten an der Haustür und man hörte schon von
der Terrasse her die hohe, ratlos fragende Stimme Karssawinas und die
fröhliche und scherzhafte Rjäsanzews, wie er sie immer schönen jungen
Frauen gegenüber gebrauchte.
Als erste trat Karssawina herein, man sah ihr das aufgeregte Interesse
an: »Anatoli Pawlowitsch kommt von dort.«
Rjäsanzew schloß bedächtig die Tür und machte sein gewohntes zufriedenes
Gesicht; er zündete sich noch im Gehen eine Zigarette an.
»Na, das sind schöne Sachen,« meinte er. Im Augenblick füllte sich das
Zimmer mit seiner gesunden Stimme und seiner selbstsicheren
Fröhlichkeit. »Auf diese Weise wird in unserer Stadt bald keine Jugend
mehr übrig bleiben.«
Karssawina setzte sich schweigend nieder; ihr schönes Gesicht war
verstimmt.
»Na, legen Sie los,« sagte Iwanow.
»Nun, was ...« Rjäsanzew sah noch immer zufrieden aus, wenn auch
allmählich der fröhliche Einschlag schwand. In derselben Weise wie
Ljalja zog er seine Brauen an.
»Als ich gestern Abend aus dem Klub herauskomme, läuft mir plötzlich
Sarudins Bursche in die Arme. Der Hochwohlgeborene, heulte er schon von
weitem, haben sich erschossen. Ich springe in eine Droschke und hin.
Komme an, fast das ganze Regiment ist schon da. Er liegt auf dem Bett,
der Kittel offen ...«
»Und wie erschoß er sich? ...« Ljalja hängte sich neugierig in seinen
Arm.
»In die Schläfe ... Die Kugel hat den Schädel zertrümmert und ist dann
in die Decke gegangen.«
»Aus einem Browning?« fragte interessiert Jurii.
»Aus dem Browning. Ein schlimmer Skandal. Sogar die Wand ist mit Blut
bespritzt. Das ganze Gesicht ist ihm zerrissen. Ja, es ist doch ganz
entsetzlich ... wie ihn Ssanin getroffen hatte.« Und wieder fröhlich
zuckte Rjäsanzew mit den Achseln. »Ein energischer Kerl.«
»Ja, allerdings ein kräftiger Bursche,« Iwanow schloß sich ihm
befriedigt an.
»Widerwärtig,« Jurii ekelte es.
Karssawina sah schüchtern zu ihm hinüber. »Aber er ist doch garnicht
schuld ... Er konnte doch nicht warten, bis ...«
»Ja,« Rjäsanzew steckte eine unbestimmte Miene auf. »Aber auch gleich so
zuzuschlagen. Das Duell wurde ihm doch angeboten.«
»Es ist reizend, ganz reizend ...« Iwanow zuckte empört mit den Achseln.
»Nein, eigentlich ... ein Duell wäre Dummheit gewesen,« gab Jurii
nachdenklich zu.
»Selbstredend,« Karssawina stellte sich sofort auf seine Seite.
Aber auf Jurii machte es den Eindruck, daß sie sich freue, Ssanin
rechtfertigen zu können und das reizte ihn sofort zu neuem Widerspruch.
»Aber auch auf diese Weise ist es ja nichts anderes als ...«
»Bestialität ... wie Sie wollen!« sagte ihm Rjäsanzew vor. Jurii dachte,
daß Rjäsanzew der satten Bestie selbst nicht allzu fern stände. Doch er
wollte nicht auch mit ihm noch Zank beginnen; er schwieg und war froh,
als sich Karssawina mit Rjäsanzew herumstritt und Ssanin ebenfalls
scharf verurteilte.
Karssawina, die von Juriis Gesicht einen geärgerten Zug aufgefangen
hatte, suchte ihn wieder zu versöhnen, indem sie auf seine Meinung
einging, obgleich ihr Ssanins Kraft und Entschiedenheit imponierte. Als
Rjäsanzew dann aber über Kultur zu sprechen anfing, schien ihr selbst
seine Meinung falsch und unbegründet und sie fand ganz wie Jurii, daß er
nicht fähig sei, darüber zu urteilen.
Jetzt geriet auch Iwanow in Zorn; hartnäckig wandte er sich nur an
Rjäsanzew.
»Denk doch einmal einer an. Welch eine hohe Stufe der Zivilisation! ...
Einem Menschen seine Nase wegzuschießen ... oder ihm einen eisernen
Stock in den Bauch zu stoßen? ... Sehr schön! Reizend!«
»Und mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, ist das besser? ...«
»Aber gewiß doch! ... Viel besser! ... Was macht schließlich eine Faust
aus? ... Eine Beule geht auf und ... weiter nichts. Von einer Faust kann
keinem Menschen Schaden entstehen.«
»Das kommt auf die Auffassung an. Aber darum handelt es sich garnicht!«
»Und worum denn.« Iwanow verzog verächtlich die platten Lippen. »Meiner
Ansicht nach sollte man sich überhaupt nicht schlagen. Wozu denn solchen
Unfug treiben ... Aber wenn es schon einmal zum Schlagen kommt, dann
wenigstens ohne Gliederverrenkungen ... Das ist doch klar.«
»Er hatte ihm fast das Auge ausgeschlagen,« versetzte Rjäsanzew
ironisch. »Das ist zwar keine Gliederverrenkung, sehr richtig, aber
erlauben Sie, -- der Zerstörung eines Organs kommt es doch bedenklich
nahe.«
»Hm, das Auge gewiß. Wenn man ein Auge ausschlägt, so wird dadurch dem
Menschen ein Schaden zugefügt. Schön, aber ich sage, Gedärme wiegt ein
Auge doch noch nicht auf. Immerhin ist das noch nicht gleich ein
Totschlag, ein Auge.«
»Und Sarudin ist doch daran zugrunde gegangen ...«
»Nun, das war schon sein eigener Entschluß.«
Jurii drehte unschlüssig sein Bärtchen.
»Für mich persönlich, -- das sage ich ganz offen, -- ist das alles eine
ungelöste Frage. Ich weiß selbst nicht, wie ich an Ssanins Stelle
handeln würde. Aufs Duell gehen, gewiß, das ist eine Dummheit, aber sich
mit den Fäusten verprügeln, das ist natürlich auch nicht schön.«
»Aber was soll ein Mensch tun, der dazu gezwungen wird?«
Jurii zuckte traurig die Schultern. Alle schwiegen.
»Nein, wer zu bedauern ist, das ist Ssoloveitschik,« bemerkte Rjäsanzew
nach einer Pause; doch sein Gesicht, das selbstgefällig und lustig
blieb, paßte nicht zu seinen Worten.
Allen fiel mit einem Male ein, daß bisher noch keiner von ihnen auch nur
mit einem Worte nach Ssoloveitschik gefragt hatte; sie empfanden es
jetzt um so stärker als peinliche Nachlässigkeit.
»Wissen Sie, wo der sich aufgehängt hat ... Hinter der Scheune, neben
der Hundehütte. Er ließ den Hund von der Kette los und hängte sich auf.«
Rjäsanzew erzählte es in aller Ruhe; Karssawina und Jurii klang im
selben Moment eine dünne Stimme in den Ohren: Sultan ... still ...
»Und versteht ihr ... er hat sogar einen Zettel hinterlassen,« fuhr
Rjäsanzew fort, ohne den vergnügten Glanz in den Augen verbergen zu
können. »Ich habe ihn mir sogar abgeschrieben. Es ist doch sozusagen ein
_document humain_.« Aus seiner Seitentasche zog er ein Notizbuch heraus.
»-- -- -- Wozu soll ich leben, wenn ich selbst nicht weiß, wie man leben
muß. Solche Menschen wie ich können der Menschheit kein Glück bringen.«
Rjäsanzew las es vor und verstummte plötzlich, ganz unerwartet, es wurde
eigentümlich still.
Im Zimmer war es, als ob ein blasser und trauriger Schatten
hindurchschliche. Karssawinas Augen füllten sich mit schweren Tränen,
Ljalja errötete, wie wenn sie jeden Augenblick losweinen wollte, und
Jurii trat mit krankhaftem Lächeln ans Fenster.