XXXII

Bei der Schnelligkeit, mit der sich in einer kleinen Stadt jede

Neuigkeit verbreitet, war es sofort bekannt geworden, daß sich am selben

Abend zwei Menschen das Leben genommen hatten. Jurii Swaroschitsch

erfuhr es von Iwanow, der gerade zu ihm kam, als Jurii von einem

Unterricht zurückkehrte. Er hatte sich eben an die Staffelei gestellt,

um an Ljaljas Bild zu malen. Sie saß ihm in leichter heller Bluse, mit

nacktem Hälschen und durchschimmernden rosigen Armen. Die Sonne

leuchtete durch das Zimmer, entzündete in goldigen Funken die buschigen

Haare; die ganze Ljalja sah so jung, reinlich und lustig wie ein

goldener Vogel aus.

»Guten Tag!« Iwanow schleuderte mit großartiger Bewegung seinen Hut auf

den Tisch.

»Aha, was bringen Sie neues?« fragte Jurii und lächelte ihm freundlich

zu. Er war in zufriedener, heiterer Stimmung, weil er endlich einen

Schüler gefunden hatte und nicht mehr dem Vater auf dem Halse zu liegen

brauchte, sondern jetzt auf eigenen Füßen stand. Dazu kam auch der

Einfluß, den die glückliche Ljalja auf jeden Menschen in ihrer Nähe

ausstrahlte.

»Sehr vieles,« antwortete Iwanow mit unbestimmtem Ausdruck in seinen

grauen Augen. »Der eine hat sich den Kopf zersprengt, -- -- der andere

hat sich aufgehängt, den dritten holt der Teufel, damit er nicht hinter

den Weibern schwenkt.«

»Was heißt das? ...« Jurii starrte verwundert auf Iwanow.

»Beruhigen Sie sich, den dritten habe ich schon selber hinzugedichtet,

-- -- -- bitte, zur Steigerung des Effekts, und weil der Reim so schön

ist, aber bei zweien ist es Tatsache ... Schicksal! Heute nacht erschoß

sich Sarudin und soeben hört man so was, Ssoloveitschik hätte sich

aufgehängt ... Da haben Sie es ...«

»Aber das ist ja nicht möglich,« rief Ljalja, mit erschrockenen aber vor

Neugierde strahlenden Augen aufspringend.

Jurii legte eilig die Palette zur Seite und ging auf Iwanow zu:

»Sie scherzen nicht? ...«

»Wer denkt an Scherze!«

Wie immer bemühte er sich ein philosophisch gleichgültiges Aussehen zu

markieren, aber man konnte ihm anmerken, daß ihm bange und unangenehm

zumute war.

»Warum sich erschossen ... Weil ihn Ssanin geschlagen hatte ... Und weiß

es Ssanin ...« Ljalja klammerte sich an Iwanow.

»Offenbar ja ... Ssanin weiß es schon seit gestern Nacht,« antwortete

Iwanow.

»Und wie? ...« fragte unwillkürlich Jurii.

Iwanow zuckte die Achseln. Schon mehrere Mal hatte er Gelegenheit

gehabt, sich mit Jurii über Ssanin zu streiten und er regte sich jetzt

schon im Voraus auf.

»Nichts, was soll denn sein,« erwiderte er ärgerlich.

»Aber wie man es auch nimmt, er ist doch die Ursache,« bemerkte Ljalja.

Sie machte ein bedeutungsvolles Gesicht.

»Na, und wenn schon ... Hätte doch dieser Idiot nicht auf ihn los gehen

sollen. Ssanin ist an der Sache ganz unschuldig. Das ist alles recht

bedauerlich, natürlich, es muß aber auf das Konto von Sarudins Dummheit

gesetzt werden.«

»Na, die Ursachen liegen wohl tiefer. Sarudin lebt in einem gewissen

Milieu -- -- --«

»Und wenn er in einem solchen dummen Milieu lebte und sich ihm

unterwarf, so ist das nur ein Beweis dafür, daß er selbst ein Esel war

...«

Jurii schwieg; er rieb die Finger mechanisch aneinander. Es war ihm

peinlich, so über einen Verstorbenen urteilen zu hören, trotzdem er

nicht einmal den Grund für dieses Gefühl hätte angeben können.

»Nun gut, Sarudin -- -- -- das ist begreiflich ... Aber doch

Ssoloveitschik ... das hätte ich niemals gedacht ...« Ljalja zog

unschlüssig die Augenbrauen an. »Weshalb der nur? ...«

»Weiß es Gott? ...« bemerkte Iwanow. »Er war immer so ein Eingänger. War

niemals ganz bei sich.«

In diesem Augenblick kamen Rjäsanzew und Karssawina; er in einem Wagen,

sie zu Fuß. Sie trafen sich unten an der Haustür und man hörte schon von

der Terrasse her die hohe, ratlos fragende Stimme Karssawinas und die

fröhliche und scherzhafte Rjäsanzews, wie er sie immer schönen jungen

Frauen gegenüber gebrauchte.

Als erste trat Karssawina herein, man sah ihr das aufgeregte Interesse

an: »Anatoli Pawlowitsch kommt von dort.«

Rjäsanzew schloß bedächtig die Tür und machte sein gewohntes zufriedenes

Gesicht; er zündete sich noch im Gehen eine Zigarette an.

»Na, das sind schöne Sachen,« meinte er. Im Augenblick füllte sich das

Zimmer mit seiner gesunden Stimme und seiner selbstsicheren

Fröhlichkeit. »Auf diese Weise wird in unserer Stadt bald keine Jugend

mehr übrig bleiben.«

Karssawina setzte sich schweigend nieder; ihr schönes Gesicht war

verstimmt.

»Na, legen Sie los,« sagte Iwanow.

»Nun, was ...« Rjäsanzew sah noch immer zufrieden aus, wenn auch

allmählich der fröhliche Einschlag schwand. In derselben Weise wie

Ljalja zog er seine Brauen an.

»Als ich gestern Abend aus dem Klub herauskomme, läuft mir plötzlich

Sarudins Bursche in die Arme. Der Hochwohlgeborene, heulte er schon von

weitem, haben sich erschossen. Ich springe in eine Droschke und hin.

Komme an, fast das ganze Regiment ist schon da. Er liegt auf dem Bett,

der Kittel offen ...«

»Und wie erschoß er sich? ...« Ljalja hängte sich neugierig in seinen

Arm.

»In die Schläfe ... Die Kugel hat den Schädel zertrümmert und ist dann

in die Decke gegangen.«

»Aus einem Browning?« fragte interessiert Jurii.

»Aus dem Browning. Ein schlimmer Skandal. Sogar die Wand ist mit Blut

bespritzt. Das ganze Gesicht ist ihm zerrissen. Ja, es ist doch ganz

entsetzlich ... wie ihn Ssanin getroffen hatte.« Und wieder fröhlich

zuckte Rjäsanzew mit den Achseln. »Ein energischer Kerl.«

»Ja, allerdings ein kräftiger Bursche,« Iwanow schloß sich ihm

befriedigt an.

»Widerwärtig,« Jurii ekelte es.

Karssawina sah schüchtern zu ihm hinüber. »Aber er ist doch garnicht

schuld ... Er konnte doch nicht warten, bis ...«

»Ja,« Rjäsanzew steckte eine unbestimmte Miene auf. »Aber auch gleich so

zuzuschlagen. Das Duell wurde ihm doch angeboten.«

»Es ist reizend, ganz reizend ...« Iwanow zuckte empört mit den Achseln.

»Nein, eigentlich ... ein Duell wäre Dummheit gewesen,« gab Jurii

nachdenklich zu.

»Selbstredend,« Karssawina stellte sich sofort auf seine Seite.

Aber auf Jurii machte es den Eindruck, daß sie sich freue, Ssanin

rechtfertigen zu können und das reizte ihn sofort zu neuem Widerspruch.

»Aber auch auf diese Weise ist es ja nichts anderes als ...«

»Bestialität ... wie Sie wollen!« sagte ihm Rjäsanzew vor. Jurii dachte,

daß Rjäsanzew der satten Bestie selbst nicht allzu fern stände. Doch er

wollte nicht auch mit ihm noch Zank beginnen; er schwieg und war froh,

als sich Karssawina mit Rjäsanzew herumstritt und Ssanin ebenfalls

scharf verurteilte.

Karssawina, die von Juriis Gesicht einen geärgerten Zug aufgefangen

hatte, suchte ihn wieder zu versöhnen, indem sie auf seine Meinung

einging, obgleich ihr Ssanins Kraft und Entschiedenheit imponierte. Als

Rjäsanzew dann aber über Kultur zu sprechen anfing, schien ihr selbst

seine Meinung falsch und unbegründet und sie fand ganz wie Jurii, daß er

nicht fähig sei, darüber zu urteilen.

Jetzt geriet auch Iwanow in Zorn; hartnäckig wandte er sich nur an

Rjäsanzew.

»Denk doch einmal einer an. Welch eine hohe Stufe der Zivilisation! ...

Einem Menschen seine Nase wegzuschießen ... oder ihm einen eisernen

Stock in den Bauch zu stoßen? ... Sehr schön! Reizend!«

»Und mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, ist das besser? ...«

»Aber gewiß doch! ... Viel besser! ... Was macht schließlich eine Faust

aus? ... Eine Beule geht auf und ... weiter nichts. Von einer Faust kann

keinem Menschen Schaden entstehen.«

»Das kommt auf die Auffassung an. Aber darum handelt es sich garnicht!«

»Und worum denn.« Iwanow verzog verächtlich die platten Lippen. »Meiner

Ansicht nach sollte man sich überhaupt nicht schlagen. Wozu denn solchen

Unfug treiben ... Aber wenn es schon einmal zum Schlagen kommt, dann

wenigstens ohne Gliederverrenkungen ... Das ist doch klar.«

»Er hatte ihm fast das Auge ausgeschlagen,« versetzte Rjäsanzew

ironisch. »Das ist zwar keine Gliederverrenkung, sehr richtig, aber

erlauben Sie, -- der Zerstörung eines Organs kommt es doch bedenklich

nahe.«

»Hm, das Auge gewiß. Wenn man ein Auge ausschlägt, so wird dadurch dem

Menschen ein Schaden zugefügt. Schön, aber ich sage, Gedärme wiegt ein

Auge doch noch nicht auf. Immerhin ist das noch nicht gleich ein

Totschlag, ein Auge.«

»Und Sarudin ist doch daran zugrunde gegangen ...«

»Nun, das war schon sein eigener Entschluß.«

Jurii drehte unschlüssig sein Bärtchen.

»Für mich persönlich, -- das sage ich ganz offen, -- ist das alles eine

ungelöste Frage. Ich weiß selbst nicht, wie ich an Ssanins Stelle

handeln würde. Aufs Duell gehen, gewiß, das ist eine Dummheit, aber sich

mit den Fäusten verprügeln, das ist natürlich auch nicht schön.«

»Aber was soll ein Mensch tun, der dazu gezwungen wird?«

Jurii zuckte traurig die Schultern. Alle schwiegen.

»Nein, wer zu bedauern ist, das ist Ssoloveitschik,« bemerkte Rjäsanzew

nach einer Pause; doch sein Gesicht, das selbstgefällig und lustig

blieb, paßte nicht zu seinen Worten.

Allen fiel mit einem Male ein, daß bisher noch keiner von ihnen auch nur

mit einem Worte nach Ssoloveitschik gefragt hatte; sie empfanden es

jetzt um so stärker als peinliche Nachlässigkeit.

»Wissen Sie, wo der sich aufgehängt hat ... Hinter der Scheune, neben

der Hundehütte. Er ließ den Hund von der Kette los und hängte sich auf.«

Rjäsanzew erzählte es in aller Ruhe; Karssawina und Jurii klang im

selben Moment eine dünne Stimme in den Ohren: Sultan ... still ...

»Und versteht ihr ... er hat sogar einen Zettel hinterlassen,« fuhr

Rjäsanzew fort, ohne den vergnügten Glanz in den Augen verbergen zu

können. »Ich habe ihn mir sogar abgeschrieben. Es ist doch sozusagen ein

_document humain_.« Aus seiner Seitentasche zog er ein Notizbuch heraus.

»-- -- -- Wozu soll ich leben, wenn ich selbst nicht weiß, wie man leben

muß. Solche Menschen wie ich können der Menschheit kein Glück bringen.«

Rjäsanzew las es vor und verstummte plötzlich, ganz unerwartet, es wurde

eigentümlich still.

Im Zimmer war es, als ob ein blasser und trauriger Schatten

hindurchschliche. Karssawinas Augen füllten sich mit schweren Tränen,

Ljalja errötete, wie wenn sie jeden Augenblick losweinen wollte, und

Jurii trat mit krankhaftem Lächeln ans Fenster.

Ssanin: Roman · 第 56 / 97 题