Am Tage darauf rannte Dunja barfuß und bloßköpfig, in ihren dummen Augen
den Ausdruck erstarrten Schreckens, auf Ssanin zu, als er auf einem
Gartenwege das Unkraut ausjätete, und schrie ihm eine Phrase ins Ohr,
die ihr offenbar eingetrichtert worden war:
»Wladimir Petrowitsch, die Herren Offiziere wünschen Sie zu sprechen
...«
Ssanin war nicht verwundert; er hatte erwartet, daß ihm Sarudin eine
Forderung schicken würde.
»Wünschen sie es sehr?« fragte er scherzhaft.
Aber Dunja schien etwas Furchtbares zu ahnen; sie bedeckte sich nicht,
wie gewöhnlich, das Gesicht mit dem Aermel, sondern sah ihm gerade voll
hilfloser Teilnahme ins Gesicht.
Ssanin lehnte den Spaten an einen Baum, schnallte den Gürtel ab, band
ihn wieder fester um, und ging, sich nach seiner Manier ein wenig in den
Hüften wiegend, ins Haus.
... Das sind aber dumme Jungens. Das sind Idioten! dachte er ärgerlich
über Sarudin und seine Zeugen, wollte sie aber dadurch nicht einmal in
Gedanken beleidigen; er gab damit nur seiner aufrichtigen Meinung
Ausdruck.
Als er durch das Haus ging, trat Lyda aus der Tür ihres Zimmers und
blieb an der Schwelle stehen. Ihr Gesicht war gespannt und blaß; in
ihrem Blick lag Schmerz. Sie bewegte die Lippen, sagte aber nichts. In
diesem Augenblick hielt sie sich für das unglücklichste und
verbrecherischste Geschöpf in der Welt.
Im Gastzimmer saß Maria Iwanowna hilflos im Fauteuil. Auch sie machte
ein ängstliches, unglückliches Gesicht, und die einem Hühnerlappen
ähnliche Haube hing ratlos auf der einen Seite hinab. Sie sah Ssanin mit
ebensolchen bittenden Augen an, bewegte ebenfalls die Lippen und
schwieg, wie Lyda.
Ssanin warf ihr einen lächelnden Blick zu, wollte stehen bleiben, kam
aber gleich davon ab und ging weiter.
Im Saal saßen, auf den Stühlen, die der Tür am nächsten standen, Tanarow
und von Deutz. Sie saßen nicht wie gewöhnlich, sondern stramm
aufgerichtet und die Beine nebeneinandergestellt, als ob sie sich in
ihren weißen Kitteln und den engen blauen Reithosen furchtbar unbequem
fühlten. Bei Ssanins Eintritt erhoben sie sich langsam und unschlüssig;
sie wußten augenscheinlich nicht, wie sie sich weiter zu benehmen
hätten.
»Guten Tag, meine Herren,« sagte Ssanin laut, auf sie zukommend, und
reichte ihnen die Hand.
Von Deutz war einen Augenblick verlegen, aber Tanarow verneigte sich
beim Händedruck übertrieben rasch und tief, sodaß Ssanin eine Weile
seinen Nacken mit dem kurzgeschnittenen Haar vor den Augen hatte.
»Nun, was wollen Sie mir Schönes erzählen?« fragte Ssanin. Er merkte die
zuvorkommende Höflichkeit Tanarows und wunderte sich, wie gewandt und
sicher der Offizier die Dummheit der verlogenen Zeremonie durchmachte.
Von Deutz richtete sich auf und wollte seinem langen Gesicht einen
kühlen Ausdruck geben, erzielte aber nur einige verlegene Mienen. Es
berührte eigentümlich, daß der sonst so schweigsame und schüchterne
Tanarow sofort das Wort ergriff.
»Unser Freund, Viktor Sergejewitsch Sarudin, gab uns die Ehre, in seinem
Namen mit Ihnen Rücksprache zu nehmen,« deutlich und kühl, wie von einem
in Bewegung gesetzten Apparat, kamen die Worte aus Tanarows Mund.
»Aha!« versetzte Ssanin mit geöffnetem Mund und komischer Feierlichkeit.
»Das ist aber nett von Ihnen.«
»Jawohl,« fuhr Tanarow mit zusammengezogenen Augenbrauen beharrlich und
fest fort, »er glaubt, Grund zu der Annahme zu haben, daß Ihr Benehmen
ihm gegenüber nicht ganz ...«
»Ja gewiß ... ich verstehe schon ...« fiel Ssanin, der die Geduld
verlor, ein. »Ich habe ihn fast die Treppe hinuntergeworfen ... Was kann
da schon _nicht ganz_ erklärlich sein!«
Tanarow gab sich Mühe, ihn zu verstehen; es gelang ihm aber nicht und so
fuhr er fort:
»Jawohl ... Er verlangt nun, daß Sie Ihre Worte zurücknehmen.«
»Ja, ganz recht ...« Auch der lange von Deutz hielt es für nötig
einzugreifen und trat wie ein Storch von einem Bein aufs andere.
»Wie könnte ich sie denn zurücknehmen? Ein Wort ist doch kein Sperling,
fliegt es heraus, so kann man es nicht wieder einfangen,« erwiderte
Ssanin, allein mit den Augen lachend.
Tanarow schwieg eine Weile und blickte Ssanin ratlos an.
... Mein Gott, was für wütende Blicke der mir zuschmeißt, dachte Ssanin.
»Wir sind hier nicht um zu scherzen ...« brach Tanarow, der mit einem
Male zu begreifen anfing und sofort puterrot wurde, zornig los:
»Wollen Sie Ihre Worte zurücknehmen oder nicht?«
Ssanin schwieg ... Wirklich ein kompletter Trottel! dachte er fast
bedauernd und nahm sich einen Stuhl.
»Ich würde vielleicht meine Worte zurücknehmen, um Sarudin ein Vergnügen
zu machen und ihn zu beruhigen,« sprach er ernst; »umsomehr, als das für
mich absolut nichts bedeuten würde. Aber erstens ist Sarudin dumm und
wird es nicht so auffassen, wie er müßte. Statt sich zu beruhigen, wird
er daran seine Freude haben, -- und dann, zweitens, gefällt mir Sarudin
absolut nicht. Unter diesen Umständen lohnt es sich auch nicht, die
Worte zurückzunehmen ...«