Tanarow zischte schadenfroh durch die Zähne: »So ...«

Von Deutz blickte ihn erschrocken an, und die letzten Farben

verschwanden aus seinem Gesicht; er wurde gelb und hölzern.

»In diesem Falle ...« Tanarow erhob die Stimme und gab ihr einen

drohenden Unterklang.

Ssanin sah mit plötzlich aufkommendem Widerwillen seine schmale Stirn

und engen Reithosen an; er ließ ihn gar nicht zu Ende sprechen.

»Und so weiter und so weiter. Das kenne ich alles. Aber mit Sarudin

werde ich mich nicht schlagen.«

Von Deutz wendete sich rasch um; Tanarow richtete sich auf und fragte

mit einer verachtungsvollen Miene, scharf jede Silbe ausprägend:

»Aus welchen Gründen?«

Ssanin lächelte, und sein Widerwille verschwand ebenso schnell, wie er

gekommen war.

»Ganz einfach. Erstens, weil ich keinen Wunsch habe, Sarudin zu töten,

zweitens und wohl hauptsächlich, weil ich selbst nicht wünsche, von ihm

getötet zu werden.«

»Aber ...« begann Tanarow mit einer verzerrten Miene.

»Ich will nicht -- und damit fertig!« Ssanin stand auf. »Soll ich Ihnen

etwa noch auseinandersetzen, warum? ... Fällt mir gar nicht ein! Ich tue

es nicht ... Ich sage es, das genügt!«

Die tiefe Verachtung auf einen Menschen, der eine Forderung nicht

annimmt, verband sich in Tanarow mit der unverrückbaren Ueberzeugung,

daß auch kein Zivilist die Tapferkeit und Aufopferung besitzen könne,

sich zu schlagen. Daher war er nicht im geringsten verwundert, --

vielmehr freute ihn die Weigerung beinahe.

»Das ist schon Ihre Sache,« sagte er, ohne aus seiner Verachtung ein

Hehl zu machen. »Aber ich muß Sie in diesem Falle davon in Kenntnis

setzen ...«

»Auch das kenne ich,« lächelte Ssanin, »aber davon möchte ich Sarudin

geradezu abraten ...«

»Wie?« Tanarow lächelte ebenfalls, während er die Mütze vom Fensterbrett

nahm.

»Ich rate ihm, mich nicht anzufassen, sonst prügle ich ihn so durch, daß

...«

»Hören Sie mal!« Von Deutz brauste plötzlich auf, »ich kann es nicht

erlauben ... Sie höhnen geradezu ... Und begreifen Sie denn wirklich

nicht, daß eine Forderung ablehnen, -- das ist ... das ist ...«

Er bekam einen ziegelroten Kopf, die trüben Augen sprangen aus den

Höhlen, und auf den Lippen entstand ein kleines Strudelchen aus

Speichel.

Ssanin sah ihm mit Neugierde auf die Lippen und sagte:

»Und dieser Mensch hält sich noch für einen Anhänger Tolstois!«

Von Deutz hob den Kopf hoch und zitterte.

»Ich möchte Sie bitten!« rief er schrill, aber doch beschämt, daß er

einen guten Bekannten, mit dem er erst kurz vorher über viele wichtige

und interessante Gegenstände gesprochen hatte, anbrüllen mußte. »Ich

möchte Sie bitten, derartige Bemerkungen zu unterlassen. Sie gehören

nicht zur Sache!«

»Im Gegenteil!« erwiderte Ssanin. »Sogar recht sehr!«

»Aber ich bitte Sie ...« schrie hysterisch von Deutz, den Speichel um

sich spritzend, »das ist ganz ... mit einem Worte ...«

»Nun genug doch!« sagte Ssanin ungehalten, indem er dem Speichelregen

auswich. »Denken Sie darüber, wie Sie wollen, und Sarudin können Sie

bestellen, daß er ein Dummkopf ist.«

»Sie haben kein Recht!« heulte von Deutz mit verzweifelter Stimme.

»Sehr schön, sehr schön,« wiederholte Tanarow vergnügt. »Gehen wir!«

»Nein,« schrie von Deutz immer noch in demselben weinerlichen Ton und

fuchtelte mit seinen langen Armen wie toll in der Luft umher: »wie

untersteht er sich ... das ist geradezu ... unerhört ist das! ...«

Ssanin sah ihn an, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging aus dem

Zimmer.

»Wir werden alles wortgetreu unserem Freunde mitteilen,« rief ihm

Tanarow nach.

»Schön, teilen Sie es ihm nur mit!« antwortete er, ohne sich umzudrehen,

und schloß die Tür hinter sich.

»-- -- -- Welch Esel ist dieser Offizier im Grunde, und doch, -- -- es

genügt, daß er sich diese Marotte ummantelt, und er wird reserviert und

ganz gescheit!« dachte Ssanin, als er hörte, wie Tanarow den schreienden

von Deutz beruhigte.

»Nein, das kann man nicht so ohne weiteres hingehen lassen!« erklärte

der lange Offizier aufgeregt. Er sah traurig ein, daß er durch dieses

Vorkommnis einen interessanten Bekannten verloren hatte und, da er nicht

wußte, wie es zu ändern wäre, erbitterte er sich noch mehr und verdarb

die Sache augenscheinlich nur um so gründlicher.

»Wolodja,« rief Lyda leise in der Tür ihres Zimmers.

»Was?« Ssanin blieb stehen.

»Komm her ... ich brauche dich.«

Ssanin trat in ihr kleines Zimmer ein, in dem es dunkel war und grün von

Bäumen, die das Fenster verstellten, und wo es nach Parfüms, Puder und

jungen Mädchen roch.

»Wie schön es hier bei dir ist!« sagte er mit tiefem Seufzer der

Erleichterung.

Lyda stand mit dem Gesicht dem Fenster zugewandt; auf ihren Schultern

und Wangen lag weich und schön das grüne Lichtgemenge, das vom Garten

her hineingeworfen wurde.

»Nun, was wolltest du?« fragte Ssanin zart. Lyda schwieg und atmete

häufig und schwer.

»Was hast du?«

»Du wirst nicht ... das Duell ...?« fragte Lyda mit gepreßter Stimme,

ohne sich umzudrehen.

»Nein,« antwortete Ssanin kurz.

Lyda schwieg.

»Nun, was weiter?«

Ihr Kinn zitterte. Sie wendete sich plötzlich zu ihm und sprach mit

erstickter Stimme, schnell und zusammenhanglos.

»Das ... das kann ich nicht begreifen ...«

»Ah,« erwiderte der Bruder mit einer ärgerlichen Grimasse, »tut mir

aufrichtig leid, daß du es nicht begreifst!«

Die niederträchtige, stumpfsinnige Dummheit der Menschen, die von allen,

von Schlechten und Guten, von Schönen und Häßlichen, gleich ausgestrahlt

wird, ermüdete ihn. Er drehte sich um und ging hinaus.

Lyda sah ihm nach. Plötzlich faßte sie sich mit beiden Händen an den

Kopf und stürzte aufs Bett. Der lange dunkle Zopf löste sich schön wie

ein weicher molliger Schweif auf der weißen Decke. In diesem Augenblick

war Lyda so kraftvoll schön und geschmeidig, daß sie trotz ihrer

Verzweiflung und Tränen wunderbar lebendig und jung aussah. Durch das

Fenster blickte der vom Sonnenlicht durchsättigte grüne Garten herein;

das ganze Zimmer strahlte freudig und hell; -- -- -- Lyda sah nichts.

Ssanin: Roman · 第 52 / 97 题