Gewaltsam waren den müden Sinnen immer neue Genüsse abgetrotzt worden
und doch reagierte der Körper, den die Ausschweifungen bis zu Schmerzen
gepeinigt hatten, immer von neuem auf die eine Tatsache: Weib! ...
Das Weib stand vor Woloschin nur nackt, stets zugänglich; in jedem
Augenblick seines Lebens setzten Frauenkleider, die sich vollen,
biegsamen Figuren eng anschmiegten, seine Nerven in Spannung, bis seine
Knie scharf erzitterten und alle Muskeln an ihm zerrten.
In Petersburg hatte er einen ganzen Haufen luxuriöser und gutgepflegter
Weiber zurückgelassen, die in jeder Nacht seinen Körper mit den
raffiniertesten Perversitäten aufpeitschten. Am Tage lag in seinen
Händen die Leitung eines wichtigen, umfangreichen Werkes, von dem die
Existenz vieler Menschen, die für ihn arbeiten mußten, abhängig war;
doch sobald er es gegen Abend verließ, stürzten sich alle seine Gedanken
auf das eine Ziel: Weib! ...
Als er wenige Tage zuvor von Petersburg abgereist, weil in seiner Fabrik
ein umfangreicher Streik eingesetzt hatte, entstanden vor seinen Augen
welke Träume von blutjungen, unberührten Frauen kleiner Provinznester.
Er stellte sie sich scheu und ängstlich, saftig wie Waldpilzchen vor,
und schon von der Ferne her sog er gierig ihren aufreizenden Duft von
Jugendfrische und Reinheit in sich ein.
Nachdem er die Verbindungen mit den hungrigen, schmutzigen und innerlich
erbitterten Leuten frei zerrissen hatte, erfrischte er seinen
bleichsüchtigen, zermürbten Körper mit Parfüms und der schneeweißen
Sauberkeit eines hellen Kostüms, nahm eine Droschke und fuhr zu Sarudin.
Auf dem Wege zu ihm zitterte er fast vor Ungeduld, obgleich ihn seine
Gesellschaft eigentlich chokierte.
Der Offizier saß am Fenster zum Garten, trank kalten Tee und bemühte
sich, in bessere Stimmung zu kommen.
... Ein sehr schöner Abend, wiederholte er sich mechanisch, aber er
konnte seine Gedanken nicht an diesen einfachen Phrasen festhalten; er
war mit sich selbst unzufrieden; er schämte sich.
Er fürchtete Lyda. Seit dem Tage ihrer Auseinandersetzung hatte er sie
nicht mehr gesehen. Sie stand jetzt ganz anders vor seinen Augen, als in
der Zeit ihrer Hingabe.
... Wie dem auch sein mag; die Sache ist sicher noch nicht zu Ende. Man
muß auf irgend eine Weise das Kind los werden. Oder ... sollte man
einfach darauf spucken? ...
... Was mag sie jetzt tun? ... Vor ihm tauchte das hübsche Gesicht des
Mädchens auf, aber mit drohendem, rachsüchtigem Ausdruck, mit
festzusammengepreßten Lippen und seinen rätselhaften Augen.
... Und wenn sie mir hier einen Tanz aufführen wird. -- So Eine, wie
sie, läßt die Geschichte nicht ruhig ablaufen ... Ich müßte doch
eigentlich etwas ...
Das Gespenst eines entsetzlichen Skandals, der sich in seiner Form noch
gar nicht voraussehen ließ, tauchte vor ihm auf; sein Herz begann feige
schneller zu schlagen.
... Aber am Ende, fragte er sich immer, was kann sie denn schließlich
tun ... Nichts! ... Dann erhellte sich etwas in seinem Hirn, alles wurde
klar und einfach, und er war zuletzt überzeugt, daß nichts passieren
würde.
... Sie ersäuft sich? ... Nun, mag sie der Teufel holen ... Ich habe sie
auch nicht mit Gewalt zu mir hergeschleppt. Sie sagt, daß sie nicht
meine Geliebte war ... Was bedeutet das viel? ... Das Ganze zeigt doch
nur, daß ich ein hübscher Kerl bin. Daß ich sie heiraten werde, habe ich
niemals versprochen.
... Sonderbar, bei Gott! ... Sarudin zuckte mit den Achseln; wieder
legte sich in diesem Moment der trübe, bange Druck in seine Seele ...
Aber doch, auf jeden Fall gibt's Klatschereien, ... ich werde mich schon
nirgends mehr zeigen dürfen ... Ein wenig zitternd führte seine Hand das
Glas mit kaltem Tee zum Mund.
Er war ebenso reinlich und hübsch wie immer, aber zumute war ihm, als
wenn auf ihm, auf seiner ganzen Persönlichkeit, auf dem Gesicht, dem
schneeweißen Kittel, den Händen, ja selbst auf dem Herzen ein
schmutziger Fleck läge, der langsam weiter um sich frißt.
... Eh, das geht schon mit der Zeit vorüber, ist ja nicht das erste Mal,
tröstete er sich. Doch in seinem Innern wollte sich das unbekannte
Gefühl nicht damit beruhigen lassen.
Woloschin trat ein, scharrte mit den Stiefelsohlen und zeigte
nachsichtig die kleinen Zähne in einem zufriedenen Lächeln. Mit einem
Mal erfüllte sich das ganze Zimmer mit dem Geruch von Parfüms, Tabak und
Moschus, der den Duft des grünen Gartens und der Kühle ablöste.
»Ah, Pawl Lwowitsch,« Sarudin erschrak etwas.
Woloschin begrüßte ihn, setzte sich ebenfalls ans Fenster und zündete
eine Zigarre an. In Sarudins Augen schien er so selbstsicher, so
elegant, daß dieser leichten Neid darüber empfand. Aus allen Kräften
bemühte er sich, ein ebenso sorgloses und keckes Aussehen zu gewinnen.
Aber seine Augen liefen die ganze Zeit ruhelos umher. Seitdem ihm Lyda
das Wort Rindvieh ins Gesicht geschleudert hatte, kam es ihm vor, daß
jeder Mensch davon wüßte und innerlich über ihn spottete.
Mit Lächeln und alten, aber ungeschickten Witzen begann Woloschin über
Kleinigkeiten zu schwätzen, doch wurde es ihm schwer, den Ton aufrecht
zu halten; das ungeduldige Verlangen nach dem Worte _Weib_ preßte sich
bald durch alle seine Witze, die Erzählungen von Petersburg und den
Streik in seiner Fabrik.
Er wollte die Pause, die durch das Anrauchen einer neuen Zigarre
entstanden war, ausnutzen, schwieg aber noch eine Weile und blickte
Sarudin zunächst nur ausdrucksvoll ins Gesicht.
Etwas Schlüpfrig-Schamloses glitt aus seinem Blick in die Augen des
Offiziers herüber, und dieser verstand ihn sofort. Woloschin rückte sein
Pincenez zurecht und lächelte weiter. Sofort spiegelte sich dieses
Lächeln auf dem hübschen Gesicht Sarudins wieder; doch dadurch nahm es
einen frechen Ausdruck an.
»Sie verlieren hier Ihre Zeit wohl auch nicht,« fragte Woloschin, ein
Auge listig und bestimmt zusammenkneifend.
Sarudin antwortete mit einer prahlerisch wegwerfenden Bewegung der
Schultern:
»Das ist so schon Sitte. Was sollte man hier auch anderes tun.«
Sie lachten und schwiegen. Woloschin erwartete gierig Details; unter
seinem linken Knie zog sich krampfhaft eine kleine Ader an. Aber Sarudin
dachte wiederum nicht mehr an die Einzelheiten, die Woloschin meinte,
sondern an all das, was ihn seit Tagen quälte.
Er wandte sich ein wenig zum Garten hinaus und trommelte mit seinen
Fingern unruhig auf dem Fensterbrett.
Der Besuch wartete schweigend, und Sarudin empfand die Notwendigkeit,
wieder in den eingeschlagenen Ton hineinzukommen.
»Ich weiß,« begann er mit gemachter Selbstsicherheit. »Ihr von der
Hauptstadt meint, die hiesigen Frauen hätten was Besonderes. Aber ihr
irrt euch gewaltig. Allerdings die haben Frische, doch dafür fehlt ihnen
die Eleganz, ... wie sollte ich es sagen ... nun -- die Kunst, zu
lieben.«
Woloschin bebte im Augenblick. Seine Stimme nahm einen anderen Klang an:
»Ja, allerdings ... Aber auch das wird schließlich langweilig. Unsere
Damen aus Petersburg haben keinen Körper, verstehen Sie ... Das sind
Nervenknäuel, und weiter nichts, während hier ...«
»Das ist schon wahr,« gab Sarudin zu. Unmerklich wurde er aufgeheitert,
behaglich drehte er seinen Schnurrbart.
»Ziehen Sie der elegantesten Hauptstädterin das Korsett vom Leibe und
Sie sehen dort ... Halt, hier haben Sie's ... Kennen Sie den neuesten
Witz? ...«
»Welchen. Ich kenne ihn gewiß noch nicht.« Sarudin beugte sich mit
entflammtem Interesse vornüber.
»So ... er ist recht bezeichnend. Eine Pariser Kokotte ...« und
Woloschin erzählte ausführlich und kunstgerecht eine raffiniert
schamlose Geschichte, in der gemeine Gier und magere Frauenbrüste zu
einem so berückenden und benebelnden Bild ineinandergriffen, daß Sarudin
nervös zu lachen und sich hin- und herzuwerfen begann, als wenn er am
Spieße steckte.
»Ja, das Allerwichtigste bei den Weibern sind die Brüste. Eine Frau mit
mangelhafter Büste existiert einfach nicht für mich,« schloß Woloschin
und klappte seine Augen, die sich mit einer weißen Hülle zu überziehen
schienen, nach oben.
Sarudin kam Lydas Brust in Erinnerung, zart, hell, rosig, mit
elastischen Wölbungen, die wie Trauben einer unbekannten herrlichen
Frucht aussahen. Er erinnerte sich, wie sie stets danach lechzte, daß er
ihre Brust küßte. Plötzlich wurde es ihm peinlich, mit Woloschin weiter
darüber zu sprechen, gleichzeitig auch schmerzlich zumute, daß nunmehr
alles vorbei war und nicht zurückkehren würde.
Doch überzeugt, daß dieses Gefühl eines Mannes und Offiziers unwürdig
sei, erwiderte er gleich darauf mit unnatürlicher Uebertreibung:
»Jeder hat seinen Gott! Für mich ist an der Frau der Rücken, wissen Sie,
so -- seine Biegung das Wichtigste.«
»Ja,« meinte nervös gedehnt Woloschin, »bei einigen Frauen, besonders
bei sehr jungen ...«
Der Bursche, der die Lampe anstecken wollte, trampelte mit seinen
plumpen Kommißstiefeln herein. Solange er sich am Tische zu schaffen
machte, mit dem Zylinder klirrte und Streichhölzer anrieb, schwiegen
Woloschin und Sarudin; bei dem aufflammenden Lampenlicht sah man nur
ihre glänzenden Augen und die krankhaft aufzuckenden Zigarettenfeuer.
Nachdem er fortgegangen war, griffen sie sofort wieder dasselbe Thema
auf; das Wort Weib hing nackt und schamlos, zu perversen, fast sinnlosen
Formen ausgezogen, in der Luft. Die Renommiersucht des Männchens packte
Sarudin. Das unerträgliche Verlangen, Woloschin zu überbieten, riß ihn
fort; um sich zu rühmen, welch prachtvolles Frauenzimmer ihm gehört
hatte, fing er an von Lyda zu sprechen und enthüllte mit jedem Wort die
geheimen Quellen seiner Lust mehr und mehr. In völliger Nacktheit stand
Lyda vor Woloschins Augen; in den süßesten Geheimnissen ihres Körpers
und ihrer Leidenschaften entblößt, wie ein Vieh, das zum Markt getrieben
und durch den Dreck geschleift wird. Die Gedanken dieser Männer krochen
über sie dahin, beleckten sie, kneteten ihren Körper, ihre Triebe,
verspotteten sie nach ihren augenblicklichen Gelüsten; stinkendes Gift
troff auf dieses herrliche Mädchen, das nichts gewollt hatte, als Lust
und Liebe zu verschenken. Sie liebten die Frauen nicht, dankten ihnen
nicht für die gereichte Gunst; alles spornte sie an, sie zu demütigen
und zu verletzen, ihnen den infamsten und unerträglichsten Schmerz
zuzufügen.
Im Zimmer wurde es dumpf und raucherfüllt. Ihre verschwitzten Körper
dünsteten schwer und ungesund aus, die Augen glitzten trüb, ihre Stimmen
klangen abgebrochen, gedämpft, wie das Scharren wildgewordener Tiere.
Hinter dem Fenster erhob sich auf leisen Sohlen die Mondnacht; aber die
ganze Welt mit allen Farben, Tönen und Reichtümern war irgendwohin
verschwunden, in der Erde versunken. Allein das nackte Weib blieb vor
ihren Augen. Bald zwängten sich diese Bilder so gewaltsam in ihre
Einbildung, daß es ihnen unumgänglich notwendig schien, diese Lyda zu
sehen, die sie schon nicht mehr Lyda oder gar Lydia, sondern kurzweg
Lydka nannten.
Sarudin ließ eine Droschke rufen, und sie fuhren nach einem gewissen
Stadtviertel.