XXVI

Gewaltsam waren den müden Sinnen immer neue Genüsse abgetrotzt worden

und doch reagierte der Körper, den die Ausschweifungen bis zu Schmerzen

gepeinigt hatten, immer von neuem auf die eine Tatsache: Weib! ...

Das Weib stand vor Woloschin nur nackt, stets zugänglich; in jedem

Augenblick seines Lebens setzten Frauenkleider, die sich vollen,

biegsamen Figuren eng anschmiegten, seine Nerven in Spannung, bis seine

Knie scharf erzitterten und alle Muskeln an ihm zerrten.

In Petersburg hatte er einen ganzen Haufen luxuriöser und gutgepflegter

Weiber zurückgelassen, die in jeder Nacht seinen Körper mit den

raffiniertesten Perversitäten aufpeitschten. Am Tage lag in seinen

Händen die Leitung eines wichtigen, umfangreichen Werkes, von dem die

Existenz vieler Menschen, die für ihn arbeiten mußten, abhängig war;

doch sobald er es gegen Abend verließ, stürzten sich alle seine Gedanken

auf das eine Ziel: Weib! ...

Als er wenige Tage zuvor von Petersburg abgereist, weil in seiner Fabrik

ein umfangreicher Streik eingesetzt hatte, entstanden vor seinen Augen

welke Träume von blutjungen, unberührten Frauen kleiner Provinznester.

Er stellte sie sich scheu und ängstlich, saftig wie Waldpilzchen vor,

und schon von der Ferne her sog er gierig ihren aufreizenden Duft von

Jugendfrische und Reinheit in sich ein.

Nachdem er die Verbindungen mit den hungrigen, schmutzigen und innerlich

erbitterten Leuten frei zerrissen hatte, erfrischte er seinen

bleichsüchtigen, zermürbten Körper mit Parfüms und der schneeweißen

Sauberkeit eines hellen Kostüms, nahm eine Droschke und fuhr zu Sarudin.

Auf dem Wege zu ihm zitterte er fast vor Ungeduld, obgleich ihn seine

Gesellschaft eigentlich chokierte.

Der Offizier saß am Fenster zum Garten, trank kalten Tee und bemühte

sich, in bessere Stimmung zu kommen.

... Ein sehr schöner Abend, wiederholte er sich mechanisch, aber er

konnte seine Gedanken nicht an diesen einfachen Phrasen festhalten; er

war mit sich selbst unzufrieden; er schämte sich.

Er fürchtete Lyda. Seit dem Tage ihrer Auseinandersetzung hatte er sie

nicht mehr gesehen. Sie stand jetzt ganz anders vor seinen Augen, als in

der Zeit ihrer Hingabe.

... Wie dem auch sein mag; die Sache ist sicher noch nicht zu Ende. Man

muß auf irgend eine Weise das Kind los werden. Oder ... sollte man

einfach darauf spucken? ...

... Was mag sie jetzt tun? ... Vor ihm tauchte das hübsche Gesicht des

Mädchens auf, aber mit drohendem, rachsüchtigem Ausdruck, mit

festzusammengepreßten Lippen und seinen rätselhaften Augen.

... Und wenn sie mir hier einen Tanz aufführen wird. -- So Eine, wie

sie, läßt die Geschichte nicht ruhig ablaufen ... Ich müßte doch

eigentlich etwas ...

Das Gespenst eines entsetzlichen Skandals, der sich in seiner Form noch

gar nicht voraussehen ließ, tauchte vor ihm auf; sein Herz begann feige

schneller zu schlagen.

... Aber am Ende, fragte er sich immer, was kann sie denn schließlich

tun ... Nichts! ... Dann erhellte sich etwas in seinem Hirn, alles wurde

klar und einfach, und er war zuletzt überzeugt, daß nichts passieren

würde.

... Sie ersäuft sich? ... Nun, mag sie der Teufel holen ... Ich habe sie

auch nicht mit Gewalt zu mir hergeschleppt. Sie sagt, daß sie nicht

meine Geliebte war ... Was bedeutet das viel? ... Das Ganze zeigt doch

nur, daß ich ein hübscher Kerl bin. Daß ich sie heiraten werde, habe ich

niemals versprochen.

... Sonderbar, bei Gott! ... Sarudin zuckte mit den Achseln; wieder

legte sich in diesem Moment der trübe, bange Druck in seine Seele ...

Aber doch, auf jeden Fall gibt's Klatschereien, ... ich werde mich schon

nirgends mehr zeigen dürfen ... Ein wenig zitternd führte seine Hand das

Glas mit kaltem Tee zum Mund.

Er war ebenso reinlich und hübsch wie immer, aber zumute war ihm, als

wenn auf ihm, auf seiner ganzen Persönlichkeit, auf dem Gesicht, dem

schneeweißen Kittel, den Händen, ja selbst auf dem Herzen ein

schmutziger Fleck läge, der langsam weiter um sich frißt.

... Eh, das geht schon mit der Zeit vorüber, ist ja nicht das erste Mal,

tröstete er sich. Doch in seinem Innern wollte sich das unbekannte

Gefühl nicht damit beruhigen lassen.

Woloschin trat ein, scharrte mit den Stiefelsohlen und zeigte

nachsichtig die kleinen Zähne in einem zufriedenen Lächeln. Mit einem

Mal erfüllte sich das ganze Zimmer mit dem Geruch von Parfüms, Tabak und

Moschus, der den Duft des grünen Gartens und der Kühle ablöste.

»Ah, Pawl Lwowitsch,« Sarudin erschrak etwas.

Woloschin begrüßte ihn, setzte sich ebenfalls ans Fenster und zündete

eine Zigarre an. In Sarudins Augen schien er so selbstsicher, so

elegant, daß dieser leichten Neid darüber empfand. Aus allen Kräften

bemühte er sich, ein ebenso sorgloses und keckes Aussehen zu gewinnen.

Aber seine Augen liefen die ganze Zeit ruhelos umher. Seitdem ihm Lyda

das Wort Rindvieh ins Gesicht geschleudert hatte, kam es ihm vor, daß

jeder Mensch davon wüßte und innerlich über ihn spottete.

Mit Lächeln und alten, aber ungeschickten Witzen begann Woloschin über

Kleinigkeiten zu schwätzen, doch wurde es ihm schwer, den Ton aufrecht

zu halten; das ungeduldige Verlangen nach dem Worte _Weib_ preßte sich

bald durch alle seine Witze, die Erzählungen von Petersburg und den

Streik in seiner Fabrik.

Er wollte die Pause, die durch das Anrauchen einer neuen Zigarre

entstanden war, ausnutzen, schwieg aber noch eine Weile und blickte

Sarudin zunächst nur ausdrucksvoll ins Gesicht.

Etwas Schlüpfrig-Schamloses glitt aus seinem Blick in die Augen des

Offiziers herüber, und dieser verstand ihn sofort. Woloschin rückte sein

Pincenez zurecht und lächelte weiter. Sofort spiegelte sich dieses

Lächeln auf dem hübschen Gesicht Sarudins wieder; doch dadurch nahm es

einen frechen Ausdruck an.

»Sie verlieren hier Ihre Zeit wohl auch nicht,« fragte Woloschin, ein

Auge listig und bestimmt zusammenkneifend.

Sarudin antwortete mit einer prahlerisch wegwerfenden Bewegung der

Schultern:

»Das ist so schon Sitte. Was sollte man hier auch anderes tun.«

Sie lachten und schwiegen. Woloschin erwartete gierig Details; unter

seinem linken Knie zog sich krampfhaft eine kleine Ader an. Aber Sarudin

dachte wiederum nicht mehr an die Einzelheiten, die Woloschin meinte,

sondern an all das, was ihn seit Tagen quälte.

Er wandte sich ein wenig zum Garten hinaus und trommelte mit seinen

Fingern unruhig auf dem Fensterbrett.

Der Besuch wartete schweigend, und Sarudin empfand die Notwendigkeit,

wieder in den eingeschlagenen Ton hineinzukommen.

»Ich weiß,« begann er mit gemachter Selbstsicherheit. »Ihr von der

Hauptstadt meint, die hiesigen Frauen hätten was Besonderes. Aber ihr

irrt euch gewaltig. Allerdings die haben Frische, doch dafür fehlt ihnen

die Eleganz, ... wie sollte ich es sagen ... nun -- die Kunst, zu

lieben.«

Woloschin bebte im Augenblick. Seine Stimme nahm einen anderen Klang an:

»Ja, allerdings ... Aber auch das wird schließlich langweilig. Unsere

Damen aus Petersburg haben keinen Körper, verstehen Sie ... Das sind

Nervenknäuel, und weiter nichts, während hier ...«

»Das ist schon wahr,« gab Sarudin zu. Unmerklich wurde er aufgeheitert,

behaglich drehte er seinen Schnurrbart.

»Ziehen Sie der elegantesten Hauptstädterin das Korsett vom Leibe und

Sie sehen dort ... Halt, hier haben Sie's ... Kennen Sie den neuesten

Witz? ...«

»Welchen. Ich kenne ihn gewiß noch nicht.« Sarudin beugte sich mit

entflammtem Interesse vornüber.

»So ... er ist recht bezeichnend. Eine Pariser Kokotte ...« und

Woloschin erzählte ausführlich und kunstgerecht eine raffiniert

schamlose Geschichte, in der gemeine Gier und magere Frauenbrüste zu

einem so berückenden und benebelnden Bild ineinandergriffen, daß Sarudin

nervös zu lachen und sich hin- und herzuwerfen begann, als wenn er am

Spieße steckte.

»Ja, das Allerwichtigste bei den Weibern sind die Brüste. Eine Frau mit

mangelhafter Büste existiert einfach nicht für mich,« schloß Woloschin

und klappte seine Augen, die sich mit einer weißen Hülle zu überziehen

schienen, nach oben.

Sarudin kam Lydas Brust in Erinnerung, zart, hell, rosig, mit

elastischen Wölbungen, die wie Trauben einer unbekannten herrlichen

Frucht aussahen. Er erinnerte sich, wie sie stets danach lechzte, daß er

ihre Brust küßte. Plötzlich wurde es ihm peinlich, mit Woloschin weiter

darüber zu sprechen, gleichzeitig auch schmerzlich zumute, daß nunmehr

alles vorbei war und nicht zurückkehren würde.

Doch überzeugt, daß dieses Gefühl eines Mannes und Offiziers unwürdig

sei, erwiderte er gleich darauf mit unnatürlicher Uebertreibung:

»Jeder hat seinen Gott! Für mich ist an der Frau der Rücken, wissen Sie,

so -- seine Biegung das Wichtigste.«

»Ja,« meinte nervös gedehnt Woloschin, »bei einigen Frauen, besonders

bei sehr jungen ...«

Der Bursche, der die Lampe anstecken wollte, trampelte mit seinen

plumpen Kommißstiefeln herein. Solange er sich am Tische zu schaffen

machte, mit dem Zylinder klirrte und Streichhölzer anrieb, schwiegen

Woloschin und Sarudin; bei dem aufflammenden Lampenlicht sah man nur

ihre glänzenden Augen und die krankhaft aufzuckenden Zigarettenfeuer.

Nachdem er fortgegangen war, griffen sie sofort wieder dasselbe Thema

auf; das Wort Weib hing nackt und schamlos, zu perversen, fast sinnlosen

Formen ausgezogen, in der Luft. Die Renommiersucht des Männchens packte

Sarudin. Das unerträgliche Verlangen, Woloschin zu überbieten, riß ihn

fort; um sich zu rühmen, welch prachtvolles Frauenzimmer ihm gehört

hatte, fing er an von Lyda zu sprechen und enthüllte mit jedem Wort die

geheimen Quellen seiner Lust mehr und mehr. In völliger Nacktheit stand

Lyda vor Woloschins Augen; in den süßesten Geheimnissen ihres Körpers

und ihrer Leidenschaften entblößt, wie ein Vieh, das zum Markt getrieben

und durch den Dreck geschleift wird. Die Gedanken dieser Männer krochen

über sie dahin, beleckten sie, kneteten ihren Körper, ihre Triebe,

verspotteten sie nach ihren augenblicklichen Gelüsten; stinkendes Gift

troff auf dieses herrliche Mädchen, das nichts gewollt hatte, als Lust

und Liebe zu verschenken. Sie liebten die Frauen nicht, dankten ihnen

nicht für die gereichte Gunst; alles spornte sie an, sie zu demütigen

und zu verletzen, ihnen den infamsten und unerträglichsten Schmerz

zuzufügen.

Im Zimmer wurde es dumpf und raucherfüllt. Ihre verschwitzten Körper

dünsteten schwer und ungesund aus, die Augen glitzten trüb, ihre Stimmen

klangen abgebrochen, gedämpft, wie das Scharren wildgewordener Tiere.

Hinter dem Fenster erhob sich auf leisen Sohlen die Mondnacht; aber die

ganze Welt mit allen Farben, Tönen und Reichtümern war irgendwohin

verschwunden, in der Erde versunken. Allein das nackte Weib blieb vor

ihren Augen. Bald zwängten sich diese Bilder so gewaltsam in ihre

Einbildung, daß es ihnen unumgänglich notwendig schien, diese Lyda zu

sehen, die sie schon nicht mehr Lyda oder gar Lydia, sondern kurzweg

Lydka nannten.

Sarudin ließ eine Droschke rufen, und sie fuhren nach einem gewissen

Stadtviertel.

Ssanin: Roman · 第 49 / 97 题