XXV

Ssoloveitschik stand noch ziemlich lange unbeweglich auf der Steintreppe

und starrte in den sternenlosen Himmel; mechanisch rieb er die mageren

Finger gegeneinander.

Der Wind bog hinter den schwarzen Scheunen und Schuppen, an deren

Eisenpfosten er klirrte, die Wipfel der Bäume, die sich wie Gespenster

lautlos drängten, hin und her; über ihnen zogen Wolken in furchtbarer

Hast, wie von einer unwiderstehlich mächtigen Bewegung erfaßt, vorbei.

Ihre schwarzen Massen bauten sich schweigend am Horizont auf, türmten

sich in unerreichbare Höhen; plötzlich brachen sie weit in der Ferne in

einem jähen Abgrund nieder. Man hätte glauben können, daß ihre

unübersehbaren Regimenter hinter dem weiten Rand der Erde ungeduldig

warteten und eins nach dem andern mit wehenden, dumpf grauen Fahnen in

eine phantastische Schlacht zöge. Ab und zu dröhnte mit dem ruhelosen

Wind das Tosen und Wuchten ihres Kampfes herüber.

Mit kindlicher Furcht blickte Ssoloveitschik hinauf; niemals früher

hatte er so stark als in dieser Nacht empfunden, wie klein und

ohnmächtig, fast garnicht existierend er sich inmitten dieses

grandiosen, sich verschlingenden Chaos ausnahm.

»-- -- -- Oh Gott, Gott,« seufzte er und sein Herz krümmte sich vor

Trauer.

Angesichts des Himmels und der tiefen Nacht war er nicht mehr derselbe

wie unter den Augen der Menschen. Die hastige Gefälligkeit der

verzerrten Bewegungen war in irgend eine Tiefe versunken, die häßlichen

Zähne, die den Eindruck eines fletschenden alten Köters hervorriefen,

verbargen sich hinter den dünnen Lippen eines jungen Juden; seine

schwarzen Augen blickten traurig und ernst.

Langsam ging er ins Zimmer zurück, löschte eine überflüssige Lampe aus,

rückte ungeschickt den Tisch an seinen alten Platz und setzte die Stühle

mit peinlicher Mühe zurecht. Durch die Zimmer zogen noch immer Schwalme

dünnen Tabaksrauches, auf dem Boden lag viel Schmutz, zertretene

Zigarettenstummel und abgebrannte Streichhölzer.

Ssoloveitschik holte den Besen und fegte das Zimmer aus. Wie immer

bemühte er sich, den Ort, wo er wohnte, mit einer seltsamen,

nachdenklichen Liebe so schön und gemütlich als möglich zu machen. Dann

brachte er aus der Kammer einen alten Eimer mit Schmutzwasser, krümelte

noch Brod hinein und ging über den dunklen Hof, wobei er, um das

Gleichgewicht zu halten, gezwungen war, den ganzen Körper auszurecken,

die Füße in trippelnden Schritten voreinanderzusetzen und mit dem freien

Arm hin und herzuschlenkern.

Um sich ein wenig Licht zu schaffen, hatte er die Lampe auf das

Fensterbrett gestellt; dennoch war es im Hof dunkel und bänglich.

Ssoloveitschik war froh, als er an der Hütte Sultans angelangt war.

Der zottige Hund kroch ihm keuchend entgegen und rasselte traurig mit

der eisernen Kette.

»Ah Sultan, still,« schrie Ssoloveitschik, um sich an seiner eigenen

lauten Stimme zu beruhigen. In der Finsternis stieß ihn der Hund mit der

nassen, kalten Schnauze an die Hand.

»Hier, hier,« Ssoloveitschik stellte den Eimer nieder.

Sultan glubschte und prustete im Eimer und Ssoloveitschik stand neben

ihm; er lächelte traurig in die Finsternis hinein.

-- -- -- Was kann ich tun, dachte er, kann ich denn die Menschen

zwingen, anders zu denken, als sie Lust haben? Ich hatte selbst

geglaubt, von ihnen zu hören, wie man leben und denken soll. Gott gab

mir keine Prophetenstimme ... Was muß ich also tun ...

Sultan knurrte freundlich.

»Friß schon, friß, ... ja, ja, ist ja gut ... Ich möchte dich schon von

der Kette losmachen, damit du ein bißchen herumlaufen kannst, aber ich

habe keinen Schlüssel. So bin ich zu schwach.«

-- -- -- Was für kluge, wunderbare Menschen das sind ... Und wieviel sie

wissen ... Und dennoch ... Oder vielleicht bin ich selbst schuld. Ich

müßte ein einziges Wort sagen. Und doch, ... dieses Wort fand ich nicht.

-- --

Fern hinter der Stadt erklang ein gedehntes trübseliges Pfeifen. Sultan

hob den Kopf und lauschte. Man konnte hören, wie von seiner Schnauze

schwere Tropfen klingend in den Eimer fielen.

»Aber friß doch weiter, da pfeift der Zug ...«

Sultan seufzte schwer.

-- -- -- Und werden einmal die Menschen so leben können ... oder

vielleicht können sie es garnicht. -- -- -- Ssoloveitschik sprach diesen

letzten Satz laut in die Luft.

Ein endloses Menschenheer, das aus der Finsternis heraufstieg und wieder

in sie hineinwallte, schob sich plötzlich an seinen Augen vorüber. Eine

Reihe von Jahrhunderten ohne Anfang und Ende, eine Kette von Leiden ohne

Lichtstrahl, ohne Sinn, ohne Erlösung ... Und oben, wo Gott thront,

herrscht ewiges Schweigen. -- -- --

Sultan klapperte mit dem leeren Eimer, stieß ihn um und wedelte unter

schwachem Kettengeklirr mit dem Schwanz.

»Nu, ... hast du gefressen, ... nu ...«

Ssoloveitschik streichelte den rauhen Rücken, fühlte einen Augenblick an

der Hand den lebendigen, sich zärtlich biegenden Körper und ging ins

Haus.

Weit hinter ihm klirrte Sultan mit der Kette; auf dem Hof war es etwas

heller, aber gerade dagegen erschien das alte, schwarze Gebäude der

Mühle mit dem zum Himmel ragenden Schornstein und dem schmalen,

sargartigen Schuppen noch dunkler und furchtbarer. Ein schmaler

Lichtstreifen schob sich vom Fenster durch das Vorgärtchen. Schwankende

Köpfe zarter Blumen hoben sich von ihm ab, bewegten sich unter dem

schwarzen Himmel, der seine grauen Fahnen unendlich entfaltet hatte,

geängstigt hin und her, als wenn sie die dumpfe Ahnung des Sterbens

heranschleichen fühlten.

Ssoloveitschik ging ins Zimmer; er war von der erdrückenden Trauer,

etwas unwiderbringlich verloren zu haben und jetzt ganz einsam zu sein,

durchdrungen. Er setzte sich an den Tisch und begann langsam und schwer

zu weinen.

Ssanin: Roman · 第 48 / 97 题