Ssoloveitschik stand noch ziemlich lange unbeweglich auf der Steintreppe
und starrte in den sternenlosen Himmel; mechanisch rieb er die mageren
Finger gegeneinander.
Der Wind bog hinter den schwarzen Scheunen und Schuppen, an deren
Eisenpfosten er klirrte, die Wipfel der Bäume, die sich wie Gespenster
lautlos drängten, hin und her; über ihnen zogen Wolken in furchtbarer
Hast, wie von einer unwiderstehlich mächtigen Bewegung erfaßt, vorbei.
Ihre schwarzen Massen bauten sich schweigend am Horizont auf, türmten
sich in unerreichbare Höhen; plötzlich brachen sie weit in der Ferne in
einem jähen Abgrund nieder. Man hätte glauben können, daß ihre
unübersehbaren Regimenter hinter dem weiten Rand der Erde ungeduldig
warteten und eins nach dem andern mit wehenden, dumpf grauen Fahnen in
eine phantastische Schlacht zöge. Ab und zu dröhnte mit dem ruhelosen
Wind das Tosen und Wuchten ihres Kampfes herüber.
Mit kindlicher Furcht blickte Ssoloveitschik hinauf; niemals früher
hatte er so stark als in dieser Nacht empfunden, wie klein und
ohnmächtig, fast garnicht existierend er sich inmitten dieses
grandiosen, sich verschlingenden Chaos ausnahm.
»-- -- -- Oh Gott, Gott,« seufzte er und sein Herz krümmte sich vor
Trauer.
Angesichts des Himmels und der tiefen Nacht war er nicht mehr derselbe
wie unter den Augen der Menschen. Die hastige Gefälligkeit der
verzerrten Bewegungen war in irgend eine Tiefe versunken, die häßlichen
Zähne, die den Eindruck eines fletschenden alten Köters hervorriefen,
verbargen sich hinter den dünnen Lippen eines jungen Juden; seine
schwarzen Augen blickten traurig und ernst.
Langsam ging er ins Zimmer zurück, löschte eine überflüssige Lampe aus,
rückte ungeschickt den Tisch an seinen alten Platz und setzte die Stühle
mit peinlicher Mühe zurecht. Durch die Zimmer zogen noch immer Schwalme
dünnen Tabaksrauches, auf dem Boden lag viel Schmutz, zertretene
Zigarettenstummel und abgebrannte Streichhölzer.
Ssoloveitschik holte den Besen und fegte das Zimmer aus. Wie immer
bemühte er sich, den Ort, wo er wohnte, mit einer seltsamen,
nachdenklichen Liebe so schön und gemütlich als möglich zu machen. Dann
brachte er aus der Kammer einen alten Eimer mit Schmutzwasser, krümelte
noch Brod hinein und ging über den dunklen Hof, wobei er, um das
Gleichgewicht zu halten, gezwungen war, den ganzen Körper auszurecken,
die Füße in trippelnden Schritten voreinanderzusetzen und mit dem freien
Arm hin und herzuschlenkern.
Um sich ein wenig Licht zu schaffen, hatte er die Lampe auf das
Fensterbrett gestellt; dennoch war es im Hof dunkel und bänglich.
Ssoloveitschik war froh, als er an der Hütte Sultans angelangt war.
Der zottige Hund kroch ihm keuchend entgegen und rasselte traurig mit
der eisernen Kette.
»Ah Sultan, still,« schrie Ssoloveitschik, um sich an seiner eigenen
lauten Stimme zu beruhigen. In der Finsternis stieß ihn der Hund mit der
nassen, kalten Schnauze an die Hand.
»Hier, hier,« Ssoloveitschik stellte den Eimer nieder.
Sultan glubschte und prustete im Eimer und Ssoloveitschik stand neben
ihm; er lächelte traurig in die Finsternis hinein.
-- -- -- Was kann ich tun, dachte er, kann ich denn die Menschen
zwingen, anders zu denken, als sie Lust haben? Ich hatte selbst
geglaubt, von ihnen zu hören, wie man leben und denken soll. Gott gab
mir keine Prophetenstimme ... Was muß ich also tun ...
Sultan knurrte freundlich.
»Friß schon, friß, ... ja, ja, ist ja gut ... Ich möchte dich schon von
der Kette losmachen, damit du ein bißchen herumlaufen kannst, aber ich
habe keinen Schlüssel. So bin ich zu schwach.«
-- -- -- Was für kluge, wunderbare Menschen das sind ... Und wieviel sie
wissen ... Und dennoch ... Oder vielleicht bin ich selbst schuld. Ich
müßte ein einziges Wort sagen. Und doch, ... dieses Wort fand ich nicht.
-- --
Fern hinter der Stadt erklang ein gedehntes trübseliges Pfeifen. Sultan
hob den Kopf und lauschte. Man konnte hören, wie von seiner Schnauze
schwere Tropfen klingend in den Eimer fielen.
»Aber friß doch weiter, da pfeift der Zug ...«
Sultan seufzte schwer.
-- -- -- Und werden einmal die Menschen so leben können ... oder
vielleicht können sie es garnicht. -- -- -- Ssoloveitschik sprach diesen
letzten Satz laut in die Luft.
Ein endloses Menschenheer, das aus der Finsternis heraufstieg und wieder
in sie hineinwallte, schob sich plötzlich an seinen Augen vorüber. Eine
Reihe von Jahrhunderten ohne Anfang und Ende, eine Kette von Leiden ohne
Lichtstrahl, ohne Sinn, ohne Erlösung ... Und oben, wo Gott thront,
herrscht ewiges Schweigen. -- -- --
Sultan klapperte mit dem leeren Eimer, stieß ihn um und wedelte unter
schwachem Kettengeklirr mit dem Schwanz.
»Nu, ... hast du gefressen, ... nu ...«
Ssoloveitschik streichelte den rauhen Rücken, fühlte einen Augenblick an
der Hand den lebendigen, sich zärtlich biegenden Körper und ging ins
Haus.
Weit hinter ihm klirrte Sultan mit der Kette; auf dem Hof war es etwas
heller, aber gerade dagegen erschien das alte, schwarze Gebäude der
Mühle mit dem zum Himmel ragenden Schornstein und dem schmalen,
sargartigen Schuppen noch dunkler und furchtbarer. Ein schmaler
Lichtstreifen schob sich vom Fenster durch das Vorgärtchen. Schwankende
Köpfe zarter Blumen hoben sich von ihm ab, bewegten sich unter dem
schwarzen Himmel, der seine grauen Fahnen unendlich entfaltet hatte,
geängstigt hin und her, als wenn sie die dumpfe Ahnung des Sterbens
heranschleichen fühlten.
Ssoloveitschik ging ins Zimmer; er war von der erdrückenden Trauer,
etwas unwiderbringlich verloren zu haben und jetzt ganz einsam zu sein,
durchdrungen. Er setzte sich an den Tisch und begann langsam und schwer
zu weinen.