XXIV

Sie kamen auf den Boulevard, schritten ihn herunter und bogen in einen

entlegenen Stadtteil ein, auf dessen kahlen Straßen viel mehr Licht

schwamm.

Die trockenen Bretter des Bürgersteigs hoben sich deutlich von der

schwarzen Erde ab und über ihnen öffnete sich der blasse Himmel, auf dem

dunstige Wolkenfetzen zerstreut hingen. Nur hin und wieder funkelte ein

Stern.

»Hier ist es!« Von Deutz klinkte eine niedrige Pforte auf und verschwand

im Augenblick.

Sofort schlug in der Nähe ein alter, heiserer Köter an; dann schrie

jemand von einer kleinen Holztreppe herunter: »Sultan, -- -- Still.«

Ein ungeheurer, verwahrloster Hof lag vor ihnen. An seinem einen Ende

stand wie mit Kohle hingezeichnet, die stumpfe Masse einer Dampfmühle,

auf der sich ein dünner, schwarzer Schornstein traurig zu den fernen

Wolken hinaufreckte. Um sie herum lagen schwarze Schuppen. Nirgends war

ein Baum zu sehen, nur unter den Fenstern des Seitenflügels stand in

einem kleinen Vorgärtchen einsam ein Bäumchen. Dort war ein Fenster

geöffnet und eine Garbe grellen Lichts durchdrang die trübe Finsternis

und die durchsichtig grünen Blätter.

»Na, das ist ein trostloser Flecken,« meinte Ssanin.

»Die Mühle arbeitet wohl schon lange nicht mehr,« erkundigte sich Jurii.

»Oh ja, die steht schon eine ganze Weile,« antwortete von Deutz. Im

Vorbeigehen schaute er in das erleuchtete Fenster und wandte sich dann

mit ungewöhnlich zufriedener Stimme zu ihnen:

»Oho, es ist ja schon eine ganze Menge Volk drin.«

Jurii und Ssanin blickten ebenfalls durch das Vorgärtchen hinüber. In

dem hellen, fröhlichen Viereck sah man schwarze Köpfe sich bewegen;

blauer Tabakdunst schwamm darüber.

Jemand lehnte sich in die Dunkelheit hinaus; die dunkle verschobene

Gestalt, der krause Kopf, von einer Gloriole langer Haare umgeben,

verdeckte die ganze Oeffnung.

»Wer da? ...« wurde laut gefragt.

»Von uns,« schrie Jurii zurück.

Sie stiegen die Steintreppe hinauf und stießen auf einen Menschen, der

ihnen in bereitwilliger Eile die Hände drückte.

»Ich dachte schon, daß Sie werden garnicht mehr kommen ...« sprach er

mit stark jüdischem Akzent.

»Ssoloveitschik ... Ssanin,« stellte von Deutz vor und drückte

freundlich die kalte, sehr zapplige Hand des Unsichtbaren.

Dieser kicherte verwirrt und schüchtern.

»Sehr angenehm für mich ... Wissen Sie, ich habe doch so viel gehört von

Ihnen und sehen Sie, -- -- -- es ist sehr ...« Ssoloveitschik sprach in

der Aufregung ganz zusammenhanglos, schob sich dabei nach rückwärts,

hörte aber nicht einen Moment auf, Ssanins Hand zu drücken. Mit seinem

Rücken stieß er auf Jurii und trat von Deutz auf den Fuß.

»Verzeihen Sie mir gütigst, Alexander Adolphowitsch,« rief er Ssanin

verlassend; er klammerte sich jetzt an Deutz an.

Dadurch verwickelten sie sich alle in dem dunklen Flur, sodaß lange Zeit

hindurch keiner von ihnen die Tür oder einer den andern finden konnte.

Im Vorzimmer hingen auf Nägeln, die von dem ordnungsliebenden

Ssoloveitschik eigens für diesen Abend eingeschlagen waren, Hüte und

Mützen. Auf dem Fensterbrett stand eine enge Reihe von Gläsern der

verschiedensten Formen, die für den Tee vorbereitet waren. Auch dieses

Vorzimmer war schon von Tabaksrauch durchzogen. Bei Licht besehen,

stellte sich Ssoloveitschik als ein junger Jude dar, mit schwarzen

Augen, krausem Haar, einem schönen mageren Gesicht und verdorbenen

Zähnen, die sich jeden Augenblick bei seinem schüchternen, gefälligen

Lächeln zeigten.

Die Eintretenden wurden von einem Chor lebhafter und heller Stimmen

empfangen.

Jurii erblickte vor allen Karssawina, die am Fensterbrett saß; sofort

nahm alles für ihn ein besonderes freudiges Aussehen an, als wenn hier

nicht eine Zusammenkunft im dumpfen vollgerauchten Zimmer wäre, sondern

ein Frühlingsfest auf einer Waldlichtung.

Sie lächelte ihm verwirrt entgegen.

»Nun meine Herrschaften, nun -- -- -- wir werden wohl sein vollzählig,«

rief Ssoloveitschik; er mußte seine kränkliche und unsichere Stimme

anstrengen, weil er ihr einen hellen, fröhlichen Klang zu geben

versuchte. Beim Sprechen konnte er gewisse sonderbare Handbewegungen

nicht unterlassen.

»Sie müssen schon mich entschuldigen, Jurii Nikolajewitsch, ich glaube,

daß ich Sie habe angestoßen,« wendete er sich an Jurii; vor Höflichkeit

bog er sich ganz auseinander.

»Tut ja nichts.« Jurii ergriff ihn gutmütig an der Hand.

»Alle sind wir nicht! Aber hol sie der Teufel, die andern,« rief ein

gutgewachsener, hübscher Student. An seiner breiten, kräftigen Stimme

konnte man gleich den sicheren, selbstbewußten Menschen erkennen.

Ssoloveitschik sprang zum Tisch und schellte schleunigst mit einer

kleinen Glocke, wobei er selbst, vergnügt über diesen kleinen Scherz,

den er seit dem Morgen vorbereitet hatte, lächelte.

»Aber lassen Sie doch das!« erboste sich der Student. »Immer schleppen

Sie irgendwelche Dummheiten heran. Diese Feierlichkeit ist doch wirklich

überflüssig.«

»Ich habe es nicht, -- -- -- ich wollte ... habe ja nur ...«

Ssoloveitschik kicherte verlegen, steckte aber die Glocke sofort in die

Tasche.

»Ich glaube, den Tisch rücken wir in die Mitte des Zimmers!« sprach der

Student wieder.

»Sofort ... Werde sofort ...« Eilig stürzte sich Ssoloveitschik auf den

Tisch und packte ihn in ohnmächtiger Anstrengung am Rande an.

»Aber doch die Lampe ... Werfen Sie die Lampe nur nicht um,« rief

Dubowa.

»So beruhigen Sie sich doch. Es ist ja nicht so eilig,« mischte sich der

Student wieder ein.

»Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein,« schlug Ssanin ihm liebenswürdig

vor.

»Aber ich bitte sehr,« sagte Ssoloveitschik so hastig, daß die Worte

kaum unterscheidbar ineinander klangen.

Ssanin schob den Tisch in die Mitte des Zimmers und solange er damit zu

tun hatte, blickten alle auf seinen Rücken und seine Schultern, deren

Linien unter dem dünnen Stoff seiner russischen Bluse leicht hin und her

liefen.

»Nun, Hoshijenko, Sie als Initiator des Ganzen haben die Antrittsrede zu

halten,« sagte die blasse, farblose Dubowa. Aus ihren klugen, häßlichen

Augen ließ sich kaum ersehen, ob sie es ernsthaft meinte oder sich über

den breiten Studenten lustig machen wollte.

»Meine Herrschaften,« begann Hoshijenko, indem er seine Stimme anhob.

»Sie wissen alle natürlich, aus welchem Grunde wir uns versammelt haben.

Deshalb könnten wir eine Einleitung eigentlich entbehren, aber ...«

Ssanin unterbrach ihn lächelnd: »Ich für meine Person weiß leider nicht,

warum ich mich versammelt habe. Es hieß so etwas, es würde hier Bier

geben ... Uebrigens, die Einleitung will ich gerne entbehren.«

Hoshijenko sah herablassend über die Lampe auf ihn hin und fuhr fort:

»Der Zweck unseres Zirkels ist, auf dem Wege gegenseitigen Lesens, der

Besprechung des Gelesenen, und dann des selbständigen Referierens ...«

»Wie meinen Sie ... gegenseitigen Lesens,« rief Dubowa dazwischen und es

war wieder nicht zu verstehen, ob sie im Ernst fragte oder zum Spott.

Der dicke Hoshijenko errötete etwas.

»Ich wollte sagen ... gemeinsamen Lesens. So ist also der Zweck unseres

Zirkels, indem er beiläufig die geistige Entwicklung seiner Mitglieder

fördert, die individuellen Anschauungen herauszuarbeiten, um dadurch die

Entstehung einer Parteiorganisation auf sozialdemokratischer Grundlage

in unserer Stadt in die Wege zu leiten.«

»Aha,« schrie Iwanow gedehnt und rieb sich andauernd den Nacken, dicht

unter dem Kopfhaar, -- »so läuft der Hase.«

»Aber das kommt erst später. Vorläufig wollen wir uns aber keine so

weiten ...«

»Oder engen ...« brach Dubowa wieder in ihrem sonderbaren Ton

dazwischen.

»... Aufgaben stellen,« der dicke Hoshijenko tat, als wenn er nicht

gehört hätte, »sondern werden mit der Ausarbeitung eines Leseplans

beginnen. Was auch, wie ich vorschlagen möchte, die Tagesordnung unserer

heutigen Versammlung bilden soll.«

»Ssoloveitschik! ... Und Ihre Arbeiter ... Werden Sie kommen? ...«

»Aber gewiß, ja!« Ssoloveitschik schnellte aus seiner gebückten Stellung

in die Höhe, als wenn ihn jemand gebissen hätte und sprang mit seiner

Antwort zu Dubowa herüber. »Man ist sie schon holen gegangen.«

»Ssoloveitschik, regen Sie sich doch nicht jedesmal auf. Seien Sie doch

ruhig,« bemerkte Hoshijenko in strengem Ton.

»Sie kommen schon,« rief Schawrow, der ernst und aufmerksam fast mit

ehrfurchtsvoller Miene den Ausführungen Hoshijenkos zugehört hatte.

Hinter dem Fenster ertönte das Knarren der Pforte und gleich darauf

wieder das heisere Bellen des Hundes.

Ssoloveitschik sprang impulsiv mit unverkennbarem Entzücken aus dem

Zimmer.

»Sultan, ... still ...« schrie er schrill von der Steintreppe herab.

Man hörte schwere Schritte, Stimmen und Husten.

Ein kleiner Student der technischen Hochschule, der Hoshijenko ziemlich

ähnlich sah, nur daß er brünett und häßlich war, trat ein; hinter ihm

kamen verwirrt und ungeschickt zwei Arbeiter. Ueber ihre schmutzigen

roten Hemden hatten sie Jacken gezogen; ihre Hände sahen schon von

weitem geschwärzt aus.

Der eine von ihnen war hoch gewachsen, hager mit bart- und blutlosem

Gesicht, auf dem die langjährige Unterernährung, die ewige Sorge und der

tief in die Seele eingepreßte Grimm unverwischbare Furchen gezogen

hatten. Der andere sah wie ein Athlet aus, war breitschultrig,

kraushaarig und schön; er machte den Eindruck eines Bauernburschen, der

zum ersten Mal in die fremden städtischen Verhältnisse, in denen ihm

zunächst noch alles lächerlich vorkommt, untergetaucht war. Hinter ihnen

schlüpfte, sich mit der Seite voranschiebend, Ssoloveitschik durch.

»Meine Herrschaften, nun ...« wollte er feierlich beginnen.

Wie gewöhnlich fiel ihm Hoshijenko nervös ins Wort:

»Aber lassen Sie doch!« Dann fuhr er selbst fort: »Guten Abend,

Genossen.«

Der Technologe übernahm sofort die Vorstellung: »Erlauben Sie, hier

Piszow und dies Kudriawi.«

Schwer und vorsichtig schritten die beiden Arbeiter durch das Zimmer und

schüttelten verlegen die Hände, die ihnen von den meisten Anwesenden mit

besonderer Zuvorkommenheit entgegengereicht wurden.

Piszow, der Bauer, lächelte unentschlossen und Kudriawi -- er war mager

und blaß -- machte mit dem langen, dünnen Hals Bewegungen, als wenn er

an dem engen Hemdkragen ersticken müßte.

Dann setzten sie sich nebeneinander ans Fenster zu Karssawina, die auf

dem Fensterbrett hockte.

»Aber warum ist denn Nikolajew nicht gekommen? ...« fragte unzufrieden

Hoshijenko.

»Nikolajew konnte nicht!« antwortete zuvorkommend Piszow.

»Nikolajew ist besoffen wie ein Stint,« fiel ihm düster und abgerissen

Kudriawi ins Wort, wobei er eigentümlich nervös mit dem Hals zuckte.

»Ah so, ... so ...« Hoshijenko nickte ungeschickt mit dem Kopf.

Unwillkürlich erschien Jurii Swaroschitsch diese Bewegung widerwärtig,

und von diesem Augenblick an sah er in dem Studenten seinen persönlichen

Feind.

»Also wählte er den besseren Teil,« bemerkte Iwanow in tiefem

Nachdenken. Der Hund schlug im Hofe an.

»Noch einer,« sagte Dubowa.

»Wenn nicht zu guter Letzt die Polizei ...« meinte mit gemachter

Nachlässigkeit Hoshijenko.

»Das würde Ihnen wohl ganz gut in den Kram passen, wenn es die Polizei

wäre,« versetzte sofort Dubowa.

Ssanin blickte auf ihre intelligenten Augen, die aus ihrem häßlichen

Gesicht interessiert hervorsprangen. Sie nicht allein verfeinerten es;

auch der helle Zopf, der über die Achsel auf die Brust geworfen war,

umrahmte es sehr niedlich von der Seite ... Welch ein famoses Mädchen,

dachte Ssanin, ohne die Augen von ihr abzuwenden.

Ssoloveitschik wollte wieder in die Höhe fahren, erschrak aber

rechtzeitig und tat, als ob er auf dem Tisch nach einer Zigarette

suchte. Aber Hoshijenko, der wie gespitzt auf jede seiner Bewegungen zu

lauern schien, hatte es auch diesmal wieder bemerkt und machte eine

abweisende strenge Geste, durch die seine Antwort auf Dubowas Einwurf

abgelenkt wurde. Ssoloveitschik klappte unter ihr plötzlich zusammen;

ihm schien das Verständnis aufzudämmern, daß sein einfacher Wunsch,

allen Menschen zu helfen und gefällig zu sein, bei weitem keine so

schroffe Zurückweisung verdiente.

»Vielleicht kümmern Sie sich nicht in einem fort um Ssoloveitschik,«

rief Dubowa zu Hoshijenko herüber. »Seien Sie doch ruhig.«

Rasch und lärmend trat Nowikow ins Zimmer.

»Nun, da bin ich,« bemerkte er mit freudigem Lächeln.

»Das konstatieren wir,« Ssanin nickte ihm zu.

Nowikow lächelte verlegen und flüsterte ihm beim Händedruck eilig und

wie zu seiner Rechtfertigung ins Ohr:

»Lydia Petrowna hat Besuch bekommen.«

»Na, sollen wir uns auch weiterhin mit Privat-Unterhaltungen

unterhalten,« fragte wütend der Technologe.

»Beginnen wir doch meinetwegen!«

»Hatten Sie denn noch garnicht begonnen?« erkundigte sich Nowikow

erfreut, während er den Arbeitern, die eilig vor ihm aufgestanden waren,

die Hände drückte.

Es war ihnen peinlich, daß ihnen der Arzt, der sie im Krankenhaus von

oben herab behandelte, jetzt die Hand als Genosse reichte.

»Ja, mit Ihnen soll einer anfangen,« zischte Hoshijenko unangenehm durch

die Zähne. Dann fuhr er fort:

»Also, meine Herrschaften, uns allen wäre es natürlich erwünscht, unsere

Weltanschauung zu erweitern. Da wir nun glauben, daß die beste

Möglichkeit der Selbstentwickelung und Selbstbildung durch

systematisches, gemeinsames Lesen und durch Gedankenaustausch über das

Gelesene gegeben wird, so haben wir beschlossen, einen kleinen Zirkel zu

bilden ...«

»So ...« Piszow atmete begeistert auf und ließ seine freudig glänzenden

Augen über alle Köpfe gleiten.

»Die Frage dreht sich nur noch darum, was wir jetzt lesen sollen.

Vielleicht ist jemand bereit, ein Programm vorzuschlagen.«

Schawrow zupfte an seiner Brille herum, dann erhob er sich langsam, ein

Heft in der Hand.

»Ich glaube,« begann er mit trockener, langweiliger Stimme, »daß wir

unser Lesen unbedingt in zwei Teile zerlegen müssen, wie? Es ist

unzweifelhaft, daß sich jede Bildung aus zwei Teilen zusammensetzt, aus

der Kenntnis des Lebens, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, und der

Kenntnisse der Lebensvorgänge als solcher.«

»Schawrow spricht gescheiter,« bemerkte Dubowa.

»Das erstere wird durch das Lesen von Büchern erreicht, die

Naturwissenschaften zur Grundlage haben, das zweite durch Lektüre

künstlerischer Literatur, und die wird uns mitten in das Leben

einführen.«

Dubowa konnte nicht zur Ruhe kommen: »Wenn wir so langsam

weitersprechen, schlafen wir alle ein.« In ihren Augen leuchtete

zärtlicher Spott wie ein lustiges Feuer auf.

»Ich bemühe mich, so zu sprechen, daß mich alle verstehen können, wie?«

erwiderte Schawrow sanftmütig.

»Nun, Gott mit Ihnen, sprechen Sie schon, wie Sie wollen.« Dubowa machte

eine wegwerfende Handbewegung. Auch Karssawina lachte zärtlich über

Schawrow und warf vor Lachen den Kopf so weit in den Nacken zurück, daß

sich ihr voller, weißer Hals zeigte.

»Ich habe ein Programm zusammengestellt, aber vielleicht würde es

langweilig sein, es vorzulesen. Darum möchte ich zunächst vorschlagen --

zu -- lesen: Der Ursprung der Familie von Engels, und daneben: Darwin,

und als Belletristisches: Tolstoi.«

»Tolstoi gewiß.« Zum ersten Mal beteiligte sich von Deutz, der bis

dahin, nur neugierig auf alles starrend, Zigaretten geraucht hatte, an

der Diskussion. Auch jetzt zündete er sich, sehr befriedigt von seinem

Einwurf, eine neue Zigarette an.

Schawrow wartete, Gott weiß warum, bis die Zigarette in Brand gesetzt

war, dann fuhr er methodisch fort:

»Tschechow, Ibsen, Knut Hamsun ...«

»Aber das hat man doch schon längst gelesen!« Karssawina war sehr

erstaunt. Jurii lauschte mit Freude ihrer klingenden Stimme und schloß

sich ihr sofort an:

»Selbstverständlich! Schawrow vergißt ganz, daß er hier nicht bei seinen

Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das für eine komische

Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsun.«

Schawrow führte ruhig und weitschweifig einige Einwände zur Verteidigung

seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich

sagen wollte.

»Nein,« widersprach ihm Jurii laut und entschieden, während er den Blick

Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fühlte und darüber froh wurde.

»Ich kann da nicht zustimmen.«

Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je länger er sprach, um so

mehr gab er sich Mühe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er spürte, daß

es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen

Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wäre.

Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit

scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich für gebildeter, intelligenter

und vor allem für einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte

er diesen Zirkel nur gegründet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu

spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berührte ihn unangenehm und zwang

ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher

nicht bekannt gewesen, und er war daher nicht fähig, sie in vollem

Umfange zu bekämpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und

stürzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende

garnicht vorauszusehen war, schloß sich an. Der Technologe, Iwanow,

Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den

Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein

unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr

herausfinden konnte.

Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der

Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhörte, öffnete ihr

Fenster zum Vorgärtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der

Brust verschränkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt,

durch die nächtliche Finsternis.

Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmählich traten aus dem

schwarzen Dunkel die trächtigen Bäume, der beleuchtete Vorgartenzaun und

weiter hinten ein trüb schwankender Lichtfleck, der über das Gras auf

den Fußpfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab

ihr Schultern und Nacken mit kühlen Strichen, -- leise bewegte er zarte,

einzelne Härchen an ihrer Schläfe. Karssawina hob den Kopf und

unterschied in der allmählich klarer werdenden Finsternis den

unaufhörlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte

über Jurii, über ihre Liebe nach und glückliche schwere Gedanken

erfüllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schön, hier zu

sitzen, sich mit dem glühenden Körper der Nacht hinzugeben und dabei mit

ganzem Herzen der einen aufreizenden Männerstimme zuzuhören, die für sie

ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang.

Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lärmen; es stellte sich

immer klarer heraus, daß jeder einzelne sich für gebildeter und

intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein

schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten

erbitterte.

»Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann müssen wir auf den Urgrund

aller Ideen zurückgehen.« Jurii schrie es mit hartnäckiger Anstrengung,

-- einen gleichen hartnäckigen Glanz in den Augen. Er fürchtete, in

Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung

zurückweichen zu müssen. Er wußte nicht, daß sie ganz allein auf seine

Stimme hörte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte

zu achten.

»Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen?« fragte Hoshijenko

spöttisch.

»Meiner nach? ... Nun, Confucius, das Evangelium, den Ecclesiast ...«

Hoshijenko lächelte schadenfroh; dachte aber garnicht daran, daß er

bisher noch kein einziges dieser Bücher gelesen hatte.

»Aber was wollen Sie denn? ... Das geht doch nicht, wie?« meinte

Schawrow gedehnt.

»Die Psalter und das Leben der Heiligen ... nur los!« bemerkte ironisch

der Technologe.

»Wie in der Kirche,« kicherte Piszow.

Jurii wurde vor Wut dunkelrot.

»Ich scherze nicht. Wollen Sie logisch sein ...«

»Und was erzählten Sie vorhin über Christus? ...« fiel ihm von Deutz

triumphierend ins Wort.

»Was ich gesagt habe? ... Wenn man an das Studium des Lebens herangeht,

so, -- -- so will man sich eine bestimmte Weltanschauung bilden, um die

gesamten Beziehungen zwischen sich und den Menschen zu klären. Dann ist

doch wohl das Richtigste: zunächst hält man sich bei der titanischen

Arbeit jener Menschen auf, die die besten Repräsentanten des

Menschengeschlechts waren. Sie haben ja in ihrem eigenen Leben alles

getan, um die verschiedensten Zusammenhänge in der menschlichen

Gesellschaft von den einfachsten bis zu den kompliziertesten, zu prüfen

und festzustellen.«

Hoshijenko, der die ganze Zeit über wie gespannt saß, fiel ihm jetzt

gewaltsam ins Wort: »Bitte sehr, ich erkläre mich damit durchaus nicht

einverstanden. Bitte, ich kann das unter keiner Bedingung zugeben.«

Nowikow überschrie ihn: »Aber ich bin ganz derselben Meinung. Sehr

richtig war das.«

Wieder entstand ein sinnloser, brutaler Wirrwarr der Reden, in dem man

weder Anfang noch Ende einer Ansicht herausfinden konnte.

Ssoloveitschik, der sofort, als die anderen zu sprechen begannen, sich

schweigend in die Ecke gesetzt hatte, achtete intensiv auf jedes Wort.

Zuerst lag auf seinem Gesicht ungeteilte Aufmerksamkeit, die in ihrem

Ernst fast kindlich wirkte. Dann schärfte sich in seinen Mienen mehr und

mehr der Zug voller Verständnislosigkeit und innigen Leides.

Ssanin schwieg, trank Tee und rauchte. Man konnte Aerger und Langeweile

aus ihm herauslesen. Als nun gar gehässige Nuancen das wirre Geschrei

durchtönten, erhob er sich, drückte seine Zigarette aus und sagte:

»Ja, wißt ihr, Herrschaften, eure Geschichte hier wird mit der Zeit

langweilig.«

»Wirklich. Von ganzem Herzen langweilig,« unterstützte ihn Dubowa.

»Oh Eitelkeit aller Eitelkeiten, Qual für den Geist!« sprach Iwanow in

einem Ton, als ob er diese Phrasen die ganze Zeit auf der Zunge gehabt

und nur auf die Gelegenheit gewartet hätte, sie anzubringen.

»Und weshalb finden Sie das,« fragte wütend der brünette Technologe.

Ssanin schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und wendete sich an Jurii:

»Glauben Sie ernsthaft, daß man sich nach irgend welchen Büchern eine

gewisse Weltanschauung aufbauen könne?«

»Aber gewiß!«

»Ganz im Gegenteil. Wenn dem so wäre, müßte man ja die ganze Menschheit

auf eine Form bringen können. Man brauchte ihr nur Bücher von einer

Richtung zu lesen geben. Nein, die Weltanschauung wird nur vom Leben

selbst gestaltet. In dem ist die Literatur und selbst das menschliche

Denken ein verschwindender Teil. Die Weltanschauung ist keine Theorie

des Lebens. -- -- Nein, gewiß nicht! Ganz allein die -- nun, warten Sie,

-- die Stimmung der einzelnen Persönlichkeit. Und diese Stimmung wird so

oft wechseln, solange der Mensch seine lebende Seele besitzt. Folglich

kann es überhaupt nicht eine singuläre, abgeschlossene Weltanschauung

geben, für die sie so energisch eintreten könnten.«

»Aber wieso denn nicht,« rief Jurii empört. Wieder trat auf das Gesicht

Ssanins der Ausdruck von Langeweile.

»Natürlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie möglich

wäre, so müßte ja unser Denken völlig zum Stillstand kommen. Aber das

gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein

neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort muß man hören, ohne sich

vorher durch Begrenzungen festzulegen. -- -- Wozu übrigens darüber

diskutieren,« fiel er sich plötzlich, über seine Interessiertheit

erstaunt, selbst in die Rede. »Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch

eins möchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, -- Sie haben doch

wahrscheinlich schon hunderte von Büchern gelesen, vom Ecclesiast bis

auf den Marx -- noch keine Weltanschauung gebildet.«

»Ich hätte mir keine gebildet? ...« Jurii fühlte sich tief verletzt.

»Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend

ist sie.«

»Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ...«

Piszow kicherte. »Eh, du!« herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an,

drohend den Hals anreckend.

Mit naivem Entzücken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, -- -- -- wie

klug er doch ist, dachte sie.

Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Körper durchwühlte ein

schamhaftes, frohes Gefühl, das ihr aber nicht bewußt wurde. Als wenn

sich diese beiden nicht aus allgemeinen Gründen stritten, sondern nur,

um vor ihr zu glänzen.

»Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne

jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz

klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen

und anzunehmen; dabei fürchtet jeder, daß man ihn selbst überreden

könnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist öde und platt.«

»Erlauben Sie mal,« schrie Hoshijenko.

»Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben,

sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Büchern in der Hand

gehabt. Und doch regen Sie sich darüber auf, daß nicht alle so denken,

wie Sie. Außerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen

Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte.«

Hoshijenko schwieg verwundert, als ob ihm etwas ganz Unerhörtes gesagt

worden wäre.

»Jurii Nikolajewitsch,« fuhr Ssanin lustig fort, »seien Sie mir nicht

böse, wenn ich Ihnen vorhin etwas derb gekommen bin. Ich sehe, daß in

Ihnen tatsächlich ein Zwiespalt vorgeht.«

Jurii errötete; er war unsicher, ob er sich verletzt fühlen müsse oder

nicht. »Wieso? ... Weshalb ein Zwiespalt? ...« Ebenso wie auf dem

Herwege berührte ihn auch jetzt die zärtliche, beruhigende Stimme

Ssanins angenehm.

»Das wissen Sie doch selbst,« erwiderte ihm Ssanin lächelnd. »Und auf

dieses kindische Unternehmen hier, da, wirklich, da muß man einfach

spucken; sonst läßt man es sich tatsächlich noch zu nahe gehen.«

»Hören Sie mal,« schrie Hoshijenko wieder tief errötend. »Sie erlauben

sich aber zu viel.«

»Weniger als Sie.«

»Was -- als ich?«

»Denken Sie nur,« sagte Ssanin lustig. »In jedem Ihrer gehässigen Worte

liegt sicher viel mehr Grobheit und Taktlosigkeit, als in einem

vergnügten von mir.«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»Das ist nicht meine Schuld.«

»Was?«

Ohne zu antworten, nahm Ssanin den Hut und sagte: »Ich gehe fort. Das

wird wirklich zu uninteressant.«

»Eine gute Tat. Und Bier gab es auch nicht mal,« stimmte ihm Iwanow bei

und ging ins Vorzimmer hinaus.

Ssanin: Roman · 第 46 / 97 题