Sie kamen auf den Boulevard, schritten ihn herunter und bogen in einen
entlegenen Stadtteil ein, auf dessen kahlen Straßen viel mehr Licht
schwamm.
Die trockenen Bretter des Bürgersteigs hoben sich deutlich von der
schwarzen Erde ab und über ihnen öffnete sich der blasse Himmel, auf dem
dunstige Wolkenfetzen zerstreut hingen. Nur hin und wieder funkelte ein
Stern.
»Hier ist es!« Von Deutz klinkte eine niedrige Pforte auf und verschwand
im Augenblick.
Sofort schlug in der Nähe ein alter, heiserer Köter an; dann schrie
jemand von einer kleinen Holztreppe herunter: »Sultan, -- -- Still.«
Ein ungeheurer, verwahrloster Hof lag vor ihnen. An seinem einen Ende
stand wie mit Kohle hingezeichnet, die stumpfe Masse einer Dampfmühle,
auf der sich ein dünner, schwarzer Schornstein traurig zu den fernen
Wolken hinaufreckte. Um sie herum lagen schwarze Schuppen. Nirgends war
ein Baum zu sehen, nur unter den Fenstern des Seitenflügels stand in
einem kleinen Vorgärtchen einsam ein Bäumchen. Dort war ein Fenster
geöffnet und eine Garbe grellen Lichts durchdrang die trübe Finsternis
und die durchsichtig grünen Blätter.
»Na, das ist ein trostloser Flecken,« meinte Ssanin.
»Die Mühle arbeitet wohl schon lange nicht mehr,« erkundigte sich Jurii.
»Oh ja, die steht schon eine ganze Weile,« antwortete von Deutz. Im
Vorbeigehen schaute er in das erleuchtete Fenster und wandte sich dann
mit ungewöhnlich zufriedener Stimme zu ihnen:
»Oho, es ist ja schon eine ganze Menge Volk drin.«
Jurii und Ssanin blickten ebenfalls durch das Vorgärtchen hinüber. In
dem hellen, fröhlichen Viereck sah man schwarze Köpfe sich bewegen;
blauer Tabakdunst schwamm darüber.
Jemand lehnte sich in die Dunkelheit hinaus; die dunkle verschobene
Gestalt, der krause Kopf, von einer Gloriole langer Haare umgeben,
verdeckte die ganze Oeffnung.
»Wer da? ...« wurde laut gefragt.
»Von uns,« schrie Jurii zurück.
Sie stiegen die Steintreppe hinauf und stießen auf einen Menschen, der
ihnen in bereitwilliger Eile die Hände drückte.
»Ich dachte schon, daß Sie werden garnicht mehr kommen ...« sprach er
mit stark jüdischem Akzent.
»Ssoloveitschik ... Ssanin,« stellte von Deutz vor und drückte
freundlich die kalte, sehr zapplige Hand des Unsichtbaren.
Dieser kicherte verwirrt und schüchtern.
»Sehr angenehm für mich ... Wissen Sie, ich habe doch so viel gehört von
Ihnen und sehen Sie, -- -- -- es ist sehr ...« Ssoloveitschik sprach in
der Aufregung ganz zusammenhanglos, schob sich dabei nach rückwärts,
hörte aber nicht einen Moment auf, Ssanins Hand zu drücken. Mit seinem
Rücken stieß er auf Jurii und trat von Deutz auf den Fuß.
»Verzeihen Sie mir gütigst, Alexander Adolphowitsch,« rief er Ssanin
verlassend; er klammerte sich jetzt an Deutz an.
Dadurch verwickelten sie sich alle in dem dunklen Flur, sodaß lange Zeit
hindurch keiner von ihnen die Tür oder einer den andern finden konnte.
Im Vorzimmer hingen auf Nägeln, die von dem ordnungsliebenden
Ssoloveitschik eigens für diesen Abend eingeschlagen waren, Hüte und
Mützen. Auf dem Fensterbrett stand eine enge Reihe von Gläsern der
verschiedensten Formen, die für den Tee vorbereitet waren. Auch dieses
Vorzimmer war schon von Tabaksrauch durchzogen. Bei Licht besehen,
stellte sich Ssoloveitschik als ein junger Jude dar, mit schwarzen
Augen, krausem Haar, einem schönen mageren Gesicht und verdorbenen
Zähnen, die sich jeden Augenblick bei seinem schüchternen, gefälligen
Lächeln zeigten.
Die Eintretenden wurden von einem Chor lebhafter und heller Stimmen
empfangen.
Jurii erblickte vor allen Karssawina, die am Fensterbrett saß; sofort
nahm alles für ihn ein besonderes freudiges Aussehen an, als wenn hier
nicht eine Zusammenkunft im dumpfen vollgerauchten Zimmer wäre, sondern
ein Frühlingsfest auf einer Waldlichtung.
Sie lächelte ihm verwirrt entgegen.
»Nun meine Herrschaften, nun -- -- -- wir werden wohl sein vollzählig,«
rief Ssoloveitschik; er mußte seine kränkliche und unsichere Stimme
anstrengen, weil er ihr einen hellen, fröhlichen Klang zu geben
versuchte. Beim Sprechen konnte er gewisse sonderbare Handbewegungen
nicht unterlassen.
»Sie müssen schon mich entschuldigen, Jurii Nikolajewitsch, ich glaube,
daß ich Sie habe angestoßen,« wendete er sich an Jurii; vor Höflichkeit
bog er sich ganz auseinander.
»Tut ja nichts.« Jurii ergriff ihn gutmütig an der Hand.
»Alle sind wir nicht! Aber hol sie der Teufel, die andern,« rief ein
gutgewachsener, hübscher Student. An seiner breiten, kräftigen Stimme
konnte man gleich den sicheren, selbstbewußten Menschen erkennen.
Ssoloveitschik sprang zum Tisch und schellte schleunigst mit einer
kleinen Glocke, wobei er selbst, vergnügt über diesen kleinen Scherz,
den er seit dem Morgen vorbereitet hatte, lächelte.
»Aber lassen Sie doch das!« erboste sich der Student. »Immer schleppen
Sie irgendwelche Dummheiten heran. Diese Feierlichkeit ist doch wirklich
überflüssig.«
»Ich habe es nicht, -- -- -- ich wollte ... habe ja nur ...«
Ssoloveitschik kicherte verlegen, steckte aber die Glocke sofort in die
Tasche.
»Ich glaube, den Tisch rücken wir in die Mitte des Zimmers!« sprach der
Student wieder.
»Sofort ... Werde sofort ...« Eilig stürzte sich Ssoloveitschik auf den
Tisch und packte ihn in ohnmächtiger Anstrengung am Rande an.
»Aber doch die Lampe ... Werfen Sie die Lampe nur nicht um,« rief
Dubowa.
»So beruhigen Sie sich doch. Es ist ja nicht so eilig,« mischte sich der
Student wieder ein.
»Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein,« schlug Ssanin ihm liebenswürdig
vor.
»Aber ich bitte sehr,« sagte Ssoloveitschik so hastig, daß die Worte
kaum unterscheidbar ineinander klangen.
Ssanin schob den Tisch in die Mitte des Zimmers und solange er damit zu
tun hatte, blickten alle auf seinen Rücken und seine Schultern, deren
Linien unter dem dünnen Stoff seiner russischen Bluse leicht hin und her
liefen.
»Nun, Hoshijenko, Sie als Initiator des Ganzen haben die Antrittsrede zu
halten,« sagte die blasse, farblose Dubowa. Aus ihren klugen, häßlichen
Augen ließ sich kaum ersehen, ob sie es ernsthaft meinte oder sich über
den breiten Studenten lustig machen wollte.
»Meine Herrschaften,« begann Hoshijenko, indem er seine Stimme anhob.
»Sie wissen alle natürlich, aus welchem Grunde wir uns versammelt haben.
Deshalb könnten wir eine Einleitung eigentlich entbehren, aber ...«
Ssanin unterbrach ihn lächelnd: »Ich für meine Person weiß leider nicht,
warum ich mich versammelt habe. Es hieß so etwas, es würde hier Bier
geben ... Uebrigens, die Einleitung will ich gerne entbehren.«
Hoshijenko sah herablassend über die Lampe auf ihn hin und fuhr fort:
»Der Zweck unseres Zirkels ist, auf dem Wege gegenseitigen Lesens, der
Besprechung des Gelesenen, und dann des selbständigen Referierens ...«
»Wie meinen Sie ... gegenseitigen Lesens,« rief Dubowa dazwischen und es
war wieder nicht zu verstehen, ob sie im Ernst fragte oder zum Spott.
Der dicke Hoshijenko errötete etwas.
»Ich wollte sagen ... gemeinsamen Lesens. So ist also der Zweck unseres
Zirkels, indem er beiläufig die geistige Entwicklung seiner Mitglieder
fördert, die individuellen Anschauungen herauszuarbeiten, um dadurch die
Entstehung einer Parteiorganisation auf sozialdemokratischer Grundlage
in unserer Stadt in die Wege zu leiten.«
»Aha,« schrie Iwanow gedehnt und rieb sich andauernd den Nacken, dicht
unter dem Kopfhaar, -- »so läuft der Hase.«
»Aber das kommt erst später. Vorläufig wollen wir uns aber keine so
weiten ...«
»Oder engen ...« brach Dubowa wieder in ihrem sonderbaren Ton
dazwischen.
»... Aufgaben stellen,« der dicke Hoshijenko tat, als wenn er nicht
gehört hätte, »sondern werden mit der Ausarbeitung eines Leseplans
beginnen. Was auch, wie ich vorschlagen möchte, die Tagesordnung unserer
heutigen Versammlung bilden soll.«
»Ssoloveitschik! ... Und Ihre Arbeiter ... Werden Sie kommen? ...«
»Aber gewiß, ja!« Ssoloveitschik schnellte aus seiner gebückten Stellung
in die Höhe, als wenn ihn jemand gebissen hätte und sprang mit seiner
Antwort zu Dubowa herüber. »Man ist sie schon holen gegangen.«
»Ssoloveitschik, regen Sie sich doch nicht jedesmal auf. Seien Sie doch
ruhig,« bemerkte Hoshijenko in strengem Ton.
»Sie kommen schon,« rief Schawrow, der ernst und aufmerksam fast mit
ehrfurchtsvoller Miene den Ausführungen Hoshijenkos zugehört hatte.
Hinter dem Fenster ertönte das Knarren der Pforte und gleich darauf
wieder das heisere Bellen des Hundes.
Ssoloveitschik sprang impulsiv mit unverkennbarem Entzücken aus dem
Zimmer.
»Sultan, ... still ...« schrie er schrill von der Steintreppe herab.
Man hörte schwere Schritte, Stimmen und Husten.
Ein kleiner Student der technischen Hochschule, der Hoshijenko ziemlich
ähnlich sah, nur daß er brünett und häßlich war, trat ein; hinter ihm
kamen verwirrt und ungeschickt zwei Arbeiter. Ueber ihre schmutzigen
roten Hemden hatten sie Jacken gezogen; ihre Hände sahen schon von
weitem geschwärzt aus.
Der eine von ihnen war hoch gewachsen, hager mit bart- und blutlosem
Gesicht, auf dem die langjährige Unterernährung, die ewige Sorge und der
tief in die Seele eingepreßte Grimm unverwischbare Furchen gezogen
hatten. Der andere sah wie ein Athlet aus, war breitschultrig,
kraushaarig und schön; er machte den Eindruck eines Bauernburschen, der
zum ersten Mal in die fremden städtischen Verhältnisse, in denen ihm
zunächst noch alles lächerlich vorkommt, untergetaucht war. Hinter ihnen
schlüpfte, sich mit der Seite voranschiebend, Ssoloveitschik durch.
»Meine Herrschaften, nun ...« wollte er feierlich beginnen.
Wie gewöhnlich fiel ihm Hoshijenko nervös ins Wort:
»Aber lassen Sie doch!« Dann fuhr er selbst fort: »Guten Abend,
Genossen.«
Der Technologe übernahm sofort die Vorstellung: »Erlauben Sie, hier
Piszow und dies Kudriawi.«
Schwer und vorsichtig schritten die beiden Arbeiter durch das Zimmer und
schüttelten verlegen die Hände, die ihnen von den meisten Anwesenden mit
besonderer Zuvorkommenheit entgegengereicht wurden.
Piszow, der Bauer, lächelte unentschlossen und Kudriawi -- er war mager
und blaß -- machte mit dem langen, dünnen Hals Bewegungen, als wenn er
an dem engen Hemdkragen ersticken müßte.
Dann setzten sie sich nebeneinander ans Fenster zu Karssawina, die auf
dem Fensterbrett hockte.
»Aber warum ist denn Nikolajew nicht gekommen? ...« fragte unzufrieden
Hoshijenko.
»Nikolajew konnte nicht!« antwortete zuvorkommend Piszow.
»Nikolajew ist besoffen wie ein Stint,« fiel ihm düster und abgerissen
Kudriawi ins Wort, wobei er eigentümlich nervös mit dem Hals zuckte.
»Ah so, ... so ...« Hoshijenko nickte ungeschickt mit dem Kopf.
Unwillkürlich erschien Jurii Swaroschitsch diese Bewegung widerwärtig,
und von diesem Augenblick an sah er in dem Studenten seinen persönlichen
Feind.
»Also wählte er den besseren Teil,« bemerkte Iwanow in tiefem
Nachdenken. Der Hund schlug im Hofe an.
»Noch einer,« sagte Dubowa.
»Wenn nicht zu guter Letzt die Polizei ...« meinte mit gemachter
Nachlässigkeit Hoshijenko.
»Das würde Ihnen wohl ganz gut in den Kram passen, wenn es die Polizei
wäre,« versetzte sofort Dubowa.
Ssanin blickte auf ihre intelligenten Augen, die aus ihrem häßlichen
Gesicht interessiert hervorsprangen. Sie nicht allein verfeinerten es;
auch der helle Zopf, der über die Achsel auf die Brust geworfen war,
umrahmte es sehr niedlich von der Seite ... Welch ein famoses Mädchen,
dachte Ssanin, ohne die Augen von ihr abzuwenden.
Ssoloveitschik wollte wieder in die Höhe fahren, erschrak aber
rechtzeitig und tat, als ob er auf dem Tisch nach einer Zigarette
suchte. Aber Hoshijenko, der wie gespitzt auf jede seiner Bewegungen zu
lauern schien, hatte es auch diesmal wieder bemerkt und machte eine
abweisende strenge Geste, durch die seine Antwort auf Dubowas Einwurf
abgelenkt wurde. Ssoloveitschik klappte unter ihr plötzlich zusammen;
ihm schien das Verständnis aufzudämmern, daß sein einfacher Wunsch,
allen Menschen zu helfen und gefällig zu sein, bei weitem keine so
schroffe Zurückweisung verdiente.
»Vielleicht kümmern Sie sich nicht in einem fort um Ssoloveitschik,«
rief Dubowa zu Hoshijenko herüber. »Seien Sie doch ruhig.«
Rasch und lärmend trat Nowikow ins Zimmer.
»Nun, da bin ich,« bemerkte er mit freudigem Lächeln.
»Das konstatieren wir,« Ssanin nickte ihm zu.
Nowikow lächelte verlegen und flüsterte ihm beim Händedruck eilig und
wie zu seiner Rechtfertigung ins Ohr:
»Lydia Petrowna hat Besuch bekommen.«
»Na, sollen wir uns auch weiterhin mit Privat-Unterhaltungen
unterhalten,« fragte wütend der Technologe.
»Beginnen wir doch meinetwegen!«
»Hatten Sie denn noch garnicht begonnen?« erkundigte sich Nowikow
erfreut, während er den Arbeitern, die eilig vor ihm aufgestanden waren,
die Hände drückte.
Es war ihnen peinlich, daß ihnen der Arzt, der sie im Krankenhaus von
oben herab behandelte, jetzt die Hand als Genosse reichte.
»Ja, mit Ihnen soll einer anfangen,« zischte Hoshijenko unangenehm durch
die Zähne. Dann fuhr er fort:
»Also, meine Herrschaften, uns allen wäre es natürlich erwünscht, unsere
Weltanschauung zu erweitern. Da wir nun glauben, daß die beste
Möglichkeit der Selbstentwickelung und Selbstbildung durch
systematisches, gemeinsames Lesen und durch Gedankenaustausch über das
Gelesene gegeben wird, so haben wir beschlossen, einen kleinen Zirkel zu
bilden ...«
»So ...« Piszow atmete begeistert auf und ließ seine freudig glänzenden
Augen über alle Köpfe gleiten.
»Die Frage dreht sich nur noch darum, was wir jetzt lesen sollen.
Vielleicht ist jemand bereit, ein Programm vorzuschlagen.«
Schawrow zupfte an seiner Brille herum, dann erhob er sich langsam, ein
Heft in der Hand.
»Ich glaube,« begann er mit trockener, langweiliger Stimme, »daß wir
unser Lesen unbedingt in zwei Teile zerlegen müssen, wie? Es ist
unzweifelhaft, daß sich jede Bildung aus zwei Teilen zusammensetzt, aus
der Kenntnis des Lebens, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, und der
Kenntnisse der Lebensvorgänge als solcher.«
»Schawrow spricht gescheiter,« bemerkte Dubowa.
»Das erstere wird durch das Lesen von Büchern erreicht, die
Naturwissenschaften zur Grundlage haben, das zweite durch Lektüre
künstlerischer Literatur, und die wird uns mitten in das Leben
einführen.«
Dubowa konnte nicht zur Ruhe kommen: »Wenn wir so langsam
weitersprechen, schlafen wir alle ein.« In ihren Augen leuchtete
zärtlicher Spott wie ein lustiges Feuer auf.
»Ich bemühe mich, so zu sprechen, daß mich alle verstehen können, wie?«
erwiderte Schawrow sanftmütig.
»Nun, Gott mit Ihnen, sprechen Sie schon, wie Sie wollen.« Dubowa machte
eine wegwerfende Handbewegung. Auch Karssawina lachte zärtlich über
Schawrow und warf vor Lachen den Kopf so weit in den Nacken zurück, daß
sich ihr voller, weißer Hals zeigte.
»Ich habe ein Programm zusammengestellt, aber vielleicht würde es
langweilig sein, es vorzulesen. Darum möchte ich zunächst vorschlagen --
zu -- lesen: Der Ursprung der Familie von Engels, und daneben: Darwin,
und als Belletristisches: Tolstoi.«
»Tolstoi gewiß.« Zum ersten Mal beteiligte sich von Deutz, der bis
dahin, nur neugierig auf alles starrend, Zigaretten geraucht hatte, an
der Diskussion. Auch jetzt zündete er sich, sehr befriedigt von seinem
Einwurf, eine neue Zigarette an.
Schawrow wartete, Gott weiß warum, bis die Zigarette in Brand gesetzt
war, dann fuhr er methodisch fort:
»Tschechow, Ibsen, Knut Hamsun ...«
»Aber das hat man doch schon längst gelesen!« Karssawina war sehr
erstaunt. Jurii lauschte mit Freude ihrer klingenden Stimme und schloß
sich ihr sofort an:
»Selbstverständlich! Schawrow vergißt ganz, daß er hier nicht bei seinen
Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das für eine komische
Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsun.«
Schawrow führte ruhig und weitschweifig einige Einwände zur Verteidigung
seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich
sagen wollte.
»Nein,« widersprach ihm Jurii laut und entschieden, während er den Blick
Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fühlte und darüber froh wurde.
»Ich kann da nicht zustimmen.«
Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je länger er sprach, um so
mehr gab er sich Mühe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er spürte, daß
es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen
Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wäre.
Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit
scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich für gebildeter, intelligenter
und vor allem für einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte
er diesen Zirkel nur gegründet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu
spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berührte ihn unangenehm und zwang
ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher
nicht bekannt gewesen, und er war daher nicht fähig, sie in vollem
Umfange zu bekämpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und
stürzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende
garnicht vorauszusehen war, schloß sich an. Der Technologe, Iwanow,
Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den
Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein
unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr
herausfinden konnte.
Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der
Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhörte, öffnete ihr
Fenster zum Vorgärtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der
Brust verschränkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt,
durch die nächtliche Finsternis.
Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmählich traten aus dem
schwarzen Dunkel die trächtigen Bäume, der beleuchtete Vorgartenzaun und
weiter hinten ein trüb schwankender Lichtfleck, der über das Gras auf
den Fußpfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab
ihr Schultern und Nacken mit kühlen Strichen, -- leise bewegte er zarte,
einzelne Härchen an ihrer Schläfe. Karssawina hob den Kopf und
unterschied in der allmählich klarer werdenden Finsternis den
unaufhörlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte
über Jurii, über ihre Liebe nach und glückliche schwere Gedanken
erfüllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schön, hier zu
sitzen, sich mit dem glühenden Körper der Nacht hinzugeben und dabei mit
ganzem Herzen der einen aufreizenden Männerstimme zuzuhören, die für sie
ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang.
Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lärmen; es stellte sich
immer klarer heraus, daß jeder einzelne sich für gebildeter und
intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein
schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten
erbitterte.
»Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann müssen wir auf den Urgrund
aller Ideen zurückgehen.« Jurii schrie es mit hartnäckiger Anstrengung,
-- einen gleichen hartnäckigen Glanz in den Augen. Er fürchtete, in
Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung
zurückweichen zu müssen. Er wußte nicht, daß sie ganz allein auf seine
Stimme hörte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte
zu achten.
»Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen?« fragte Hoshijenko
spöttisch.
»Meiner nach? ... Nun, Confucius, das Evangelium, den Ecclesiast ...«
Hoshijenko lächelte schadenfroh; dachte aber garnicht daran, daß er
bisher noch kein einziges dieser Bücher gelesen hatte.
»Aber was wollen Sie denn? ... Das geht doch nicht, wie?« meinte
Schawrow gedehnt.
»Die Psalter und das Leben der Heiligen ... nur los!« bemerkte ironisch
der Technologe.
»Wie in der Kirche,« kicherte Piszow.
Jurii wurde vor Wut dunkelrot.
»Ich scherze nicht. Wollen Sie logisch sein ...«
»Und was erzählten Sie vorhin über Christus? ...« fiel ihm von Deutz
triumphierend ins Wort.
»Was ich gesagt habe? ... Wenn man an das Studium des Lebens herangeht,
so, -- -- so will man sich eine bestimmte Weltanschauung bilden, um die
gesamten Beziehungen zwischen sich und den Menschen zu klären. Dann ist
doch wohl das Richtigste: zunächst hält man sich bei der titanischen
Arbeit jener Menschen auf, die die besten Repräsentanten des
Menschengeschlechts waren. Sie haben ja in ihrem eigenen Leben alles
getan, um die verschiedensten Zusammenhänge in der menschlichen
Gesellschaft von den einfachsten bis zu den kompliziertesten, zu prüfen
und festzustellen.«
Hoshijenko, der die ganze Zeit über wie gespannt saß, fiel ihm jetzt
gewaltsam ins Wort: »Bitte sehr, ich erkläre mich damit durchaus nicht
einverstanden. Bitte, ich kann das unter keiner Bedingung zugeben.«
Nowikow überschrie ihn: »Aber ich bin ganz derselben Meinung. Sehr
richtig war das.«
Wieder entstand ein sinnloser, brutaler Wirrwarr der Reden, in dem man
weder Anfang noch Ende einer Ansicht herausfinden konnte.
Ssoloveitschik, der sofort, als die anderen zu sprechen begannen, sich
schweigend in die Ecke gesetzt hatte, achtete intensiv auf jedes Wort.
Zuerst lag auf seinem Gesicht ungeteilte Aufmerksamkeit, die in ihrem
Ernst fast kindlich wirkte. Dann schärfte sich in seinen Mienen mehr und
mehr der Zug voller Verständnislosigkeit und innigen Leides.
Ssanin schwieg, trank Tee und rauchte. Man konnte Aerger und Langeweile
aus ihm herauslesen. Als nun gar gehässige Nuancen das wirre Geschrei
durchtönten, erhob er sich, drückte seine Zigarette aus und sagte:
»Ja, wißt ihr, Herrschaften, eure Geschichte hier wird mit der Zeit
langweilig.«
»Wirklich. Von ganzem Herzen langweilig,« unterstützte ihn Dubowa.
»Oh Eitelkeit aller Eitelkeiten, Qual für den Geist!« sprach Iwanow in
einem Ton, als ob er diese Phrasen die ganze Zeit auf der Zunge gehabt
und nur auf die Gelegenheit gewartet hätte, sie anzubringen.
»Und weshalb finden Sie das,« fragte wütend der brünette Technologe.
Ssanin schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und wendete sich an Jurii:
»Glauben Sie ernsthaft, daß man sich nach irgend welchen Büchern eine
gewisse Weltanschauung aufbauen könne?«
»Aber gewiß!«
»Ganz im Gegenteil. Wenn dem so wäre, müßte man ja die ganze Menschheit
auf eine Form bringen können. Man brauchte ihr nur Bücher von einer
Richtung zu lesen geben. Nein, die Weltanschauung wird nur vom Leben
selbst gestaltet. In dem ist die Literatur und selbst das menschliche
Denken ein verschwindender Teil. Die Weltanschauung ist keine Theorie
des Lebens. -- -- Nein, gewiß nicht! Ganz allein die -- nun, warten Sie,
-- die Stimmung der einzelnen Persönlichkeit. Und diese Stimmung wird so
oft wechseln, solange der Mensch seine lebende Seele besitzt. Folglich
kann es überhaupt nicht eine singuläre, abgeschlossene Weltanschauung
geben, für die sie so energisch eintreten könnten.«
»Aber wieso denn nicht,« rief Jurii empört. Wieder trat auf das Gesicht
Ssanins der Ausdruck von Langeweile.
»Natürlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie möglich
wäre, so müßte ja unser Denken völlig zum Stillstand kommen. Aber das
gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein
neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort muß man hören, ohne sich
vorher durch Begrenzungen festzulegen. -- -- Wozu übrigens darüber
diskutieren,« fiel er sich plötzlich, über seine Interessiertheit
erstaunt, selbst in die Rede. »Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch
eins möchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, -- Sie haben doch
wahrscheinlich schon hunderte von Büchern gelesen, vom Ecclesiast bis
auf den Marx -- noch keine Weltanschauung gebildet.«
»Ich hätte mir keine gebildet? ...« Jurii fühlte sich tief verletzt.
»Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend
ist sie.«
»Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ...«
Piszow kicherte. »Eh, du!« herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an,
drohend den Hals anreckend.
Mit naivem Entzücken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, -- -- -- wie
klug er doch ist, dachte sie.
Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Körper durchwühlte ein
schamhaftes, frohes Gefühl, das ihr aber nicht bewußt wurde. Als wenn
sich diese beiden nicht aus allgemeinen Gründen stritten, sondern nur,
um vor ihr zu glänzen.
»Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne
jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz
klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen
und anzunehmen; dabei fürchtet jeder, daß man ihn selbst überreden
könnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist öde und platt.«
»Erlauben Sie mal,« schrie Hoshijenko.
»Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben,
sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Büchern in der Hand
gehabt. Und doch regen Sie sich darüber auf, daß nicht alle so denken,
wie Sie. Außerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen
Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte.«
Hoshijenko schwieg verwundert, als ob ihm etwas ganz Unerhörtes gesagt
worden wäre.
»Jurii Nikolajewitsch,« fuhr Ssanin lustig fort, »seien Sie mir nicht
böse, wenn ich Ihnen vorhin etwas derb gekommen bin. Ich sehe, daß in
Ihnen tatsächlich ein Zwiespalt vorgeht.«
Jurii errötete; er war unsicher, ob er sich verletzt fühlen müsse oder
nicht. »Wieso? ... Weshalb ein Zwiespalt? ...« Ebenso wie auf dem
Herwege berührte ihn auch jetzt die zärtliche, beruhigende Stimme
Ssanins angenehm.
»Das wissen Sie doch selbst,« erwiderte ihm Ssanin lächelnd. »Und auf
dieses kindische Unternehmen hier, da, wirklich, da muß man einfach
spucken; sonst läßt man es sich tatsächlich noch zu nahe gehen.«
»Hören Sie mal,« schrie Hoshijenko wieder tief errötend. »Sie erlauben
sich aber zu viel.«
»Weniger als Sie.«
»Was -- als ich?«
»Denken Sie nur,« sagte Ssanin lustig. »In jedem Ihrer gehässigen Worte
liegt sicher viel mehr Grobheit und Taktlosigkeit, als in einem
vergnügten von mir.«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Das ist nicht meine Schuld.«
»Was?«
Ohne zu antworten, nahm Ssanin den Hut und sagte: »Ich gehe fort. Das
wird wirklich zu uninteressant.«
»Eine gute Tat. Und Bier gab es auch nicht mal,« stimmte ihm Iwanow bei
und ging ins Vorzimmer hinaus.