Der Abend war dunkel und dumpf. Ueber den Wipfeln der schwarzen,
versteinerten Bäume drängten in schweren Klumpen Wolken dahin, von einem
Ende des Himmels bis zum andern, schnell, als wenn sie einem
unsichtbaren Ziel zueilen müßten. In ihren grünlichen Lücken tauchten
blasse Sterne auf und nieder. Der Himmel quoll über von unaufhörlicher,
unheimlicher Bewegung; auf der Erde kauerte alles in gespannter
Erwartung.
In dieser Stille hörten sich die Stimmen streitender Menschen so
widerwärtig schrill und zänkisch an, wie das Kläffen kleiner, unruhiger
Köter.
»Wie dem auch sei,« stieß, mit den langen Beinen wie ein Storch
stolpernd, von Deutz hervor. »Aber das Christentum hat der Menschheit
als einzige volkstümlich humanitäre Lehre einen unvergänglichen Reichtum
gegeben.«
»Was Sie nicht sagen,« erwiderte Jurii, der hinter ihm ging, mit einer
hartnäckigen Kopfbewegung, während er zornig auf seinen Rücken blickte.
»Im Kampfe gegen die tierischen Instinkte hat sich das Christentum
ebenso unzulänglich gezeigt, wie alle and -- -- --«
»Wieso denn gezeigt? ...« rief voll Empörung von Deutz. »Die ganze
Zukunft liegt frei vor dem Christentum. Und dann von ihm wie von einer
abgetanen Sache sprechen. -- -- --«
»Das Christentum hat keine Zukunft,« fiel ihm Jurii mit grundloser
Erbitterung ins Wort. »Wenn das Christentum die Menschheit nicht in der
Zeit seiner höchsten Entwickelung unterjochen konnte, wenn es nur einem
Haufen Schurken in die Hände geraten konnte, die es als Werkzeug ihrer
frechen Betrügereien gebrauchten, dann ist es jetzt, wo bereits das Wort
Christentum abgeschmackt klingt, doppelt lächerlich und komisch, irgend
ein Wunder seiner Erneuerung abzuwarten. Die Geschichte verzeiht
niemals. Was einmal von der Bühne herunter ist, kommt niemals wieder
herauf.«
Der hölzerne Bürgersteig war unter den Füßen kaum sichtbar. Ging man
unter den Bäumen, war überhaupt nichts mehr zu erkennen, auch die
Stimmen machten, weil man keine Gesichter unterscheiden konnte, einen
unnatürlichen Eindruck. Stieß einer oder der andere gegen einen
Straßenpfosten, so wurde seine Stimme sofort noch aufgeregter und
wütender.
»Das Christentum von der Bühne fort? ...« rief von Deutz. In seinem Ton
klang übertriebenes Staunen und Entrüstung.
»Natürlich! Weg, -- -- einfach weg,« beharrte Jurii. »Sie tuen so
erstaunt, als wenn man das gar nicht ausdenken dürfe. Wie der
Mosesglauben zur rechten Zeit von der Szene abgetreten ist, wie Buddha
und die hellenischen Götter für uns nicht mehr leben, so ist auch
Christus gestorben. Das Gesetz der Evolution ... was erschrecken Sie
denn davor! Sie glauben doch wohl nicht an die Göttlichkeit seiner
Lehre.«
»Selbstredend nicht,« fauchte verletzt von Deutz. Er antwortete weniger
auf die Frage als auf den verletzenden Ton Juriis.
»Wollen Sie also wirklich die Behauptung aufstellen, daß der Mensch ein
ewiges Gesetz schaffen kann?« ... dieser Idiot, dachte er im stillen
weiter. Die unerschütterliche Sicherheit, daß dieser Mensch niemals
imstande sein würde, das, was für ihn selbst so tagesklar und einfach
war, zu verstehen, die angenehme Empfindung, daß jener dümmer sei,
verband sich im Kopfe Juriis unsinnigerweise mit dem wütenden Verlangen,
ihn unter allen Umständen zu überzeugen und umzustimmen.
»Zugegeben, daß dem selbst so wäre,« erwiderte dieser jetzt ebenfalls
erbittert. »Aber das Christentum ist nun einmal zur Grundlage der
Zukunft geworden. Es ist nicht zugrunde gegangen, sondern wie ein jeder
Same in den Boden gesunken, -- seine Früchte werden ...«
»Wer hat denn davon gesprochen -- ich nicht,« schrie Jurii, aus dem
Konzept gebracht und darüber noch erboster. »Ich wollte sagen ...«
»Nein, erlauben Sie bitte,« fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort,
er fürchtete wieder die Oberhand zu verlieren. Im Gehen drehte er sich
fortgesetzt um und kam dabei stets vom Bürgersteig herunter. »Sie haben
grade so gesagt ...«
»Wenn ich sage, daß es nicht so war, dann war es eben nicht so ... Es
ist eigentümlich,« unterbrach ihn Jurii seinerseits. Er empfand
einfachen, bitteren Haß, bei dem Gedanken, daß dieser Dummkopf von
Offizier einen Augenblick glauben konnte, er wäre der Intelligentere.
»Ich wollte sagen ...«
»Nun, mag sein. Verzeihen Sie bitte, daß ich Sie nicht richtig
verstanden habe.« Von Deutz zuckte mit nachsichtigem Lächeln seine
schmalen Achseln; es sollte heißen, daß er Jurii für zurückgeschlagen
halte, und daß alle Entgegnungen nichts anderes mehr sein würden, als
eine verspätete Retirade.
Jurii begriff das und fühlte sich dadurch so furchtbar gekränkt, daß
sich seine Kehle zuschnürte.
»Ich will gar nicht die ungeheure Bedeutung des Christentums leugnen.«
»Dann widersprechen Sie sich,« verschluckte sich von Deutz mit neuem
triumphierendem Entzücken. Es war ihm durchaus klar, daß Jurii unendlich
dümmer wäre, als er und daß er augenscheinlich nicht annähernd das
wußte, was in seinem Hirne so harmonisch aufgestapelt war.
»Das kommt _Ihnen_ so vor, daß ich mir widerspreche. Aber tatsächlich
gerade im Gegenteil, ... mein Gedanke ist ganz logisch. Ist nicht meine
Schuld, wenn Sie ... mich nicht verstehen wollen,« rief Jurii mit
verletzender Schärfe, durch die er das Gefühl des Leidens in sich
unterdrücken wollte. »Ich sagte vorher und das sage ich auch jetzt, ...
das Christentum ist ein durch und durch wiedergekäuter Stoff, und von
ihm, so wie er ist, hat man keine Ernährung zu erwarten.«
»Nun ja ... Aber, wollen Sie denn den wohltuenden Einfluß des
Christentums leugnen. ... Das heißt, daß es einfach zur Grundlage wurde
...« Auch von Deutz erhob seine Stimme, mit hilfloser Eile suchte er
seine weiteren Schlüsse, die ihm bei dieser Wendung des Gesprächs zu
entgleiten drohten, wieder einzufangen.
»Das leugne ich gar nicht!«
»Aber ich leugne es!« mischte sich plötzlich Ssanin, der die ganze Zeit
schweigend hinter ihnen herging, lächelnd ins Gespräch. Seine Stimme war
leicht und ruhig und schnitt eigentümlich in den wirbelnden, ätzenden
Ton des Streites ein.
Jurii schwieg. Er fühlte sich durch diese kühle Stimme und den
offensichtlichen Spott, der aus ihr herausklang, verletzt; aber er fand
kein Wort zur Entgegnung. Für ihn war es stets peinlich und unbequem,
mit Ssanin zu streiten, -- als wenn all die Worte, welche er gewöhnlich
brauchte, bei Ssanin nicht am richtigen Platz waren. Dann fühlte er
sich, als müßte er eine Mauer umstürzen, während seine Füße auf glattem
Eis standen.
Von Deutz konnte nicht schweigen. In seiner Erregung über den
unerwarteten Angriff stolperte er und klirrte schrill mit den Sporen;
dazwischen schrie er mit sich überschlagender Stimme: »Aber warum denn
das, wenn ich fragen darf?«
»Ganz einfach -- -- -- so,« erklärte Ssanin mit unfaßbarem Unterklang.
»Wie denn _so_? ... Wenn man solche Behauptungen aufstellt, muß man sie
auch beweisen.«
»Wozu hätte ich es nötig, sie zu beweisen?«
»Was heißt das: ... wozu? ...«
»Gar nichts habe ich zu beweisen. Es ist meine Ueberzeugung; aber Sie zu
überzeugen, fehlt mir der geringste Wunsch. Es hätte auch keinen Zweck.«
»Wenn man in dieser Weise urteilen will,« sagte Jurii zurückhaltend, »so
könnte man wohl die ganze Literatur zum alten Eisen werfen.«
»Aber nicht im geringsten! Die Literatur, nein, das ist eine wichtige
und interessante Sache. Die Literatur, -- -- ja, nämlich die, die ich so
bezeichne, die ist nicht dazu da, mit jedem dahergelaufenen Kopfwackler
zu polemisieren. Der selbst nichts zu tun hat, und nur alle Menschen mit
seiner Klugheit breitschlagen möchte. Sie baut das ganze Leben um,
dringt von Generation zu Generation in das Blut der Menschheit hinein.
Wenn man die Literatur vernichten wollte, würden im Leben viel Farben
verbleichen.«
Von Deutz blieb stehen, ließ Jurii vorbeigehen, und als Ssanin neben ihn
kam, sagte er zu ihm:
»Nein, bitte, die Idee, die Sie da eben streifen, interessiert mich aufs
äußerste.«
»Mein Gedanke ist sehr einfach. Wenn Sie durchaus wollen, will ich ihn
Ihnen klar machen. Meiner Meinung nach hat das Christentum in der
Geschichte eine traurige Rolle gespielt. In der Zeit, als die Menschheit
ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte und nur wenig daran fehlte, daß
alle Demütigen und Unglücklichen zur Vernunft kämen und mit einem Stoß
die ganze unerträgliche und ungerechte Ordnung der Dinge zerschlagen
hätten, -- -- -- einfach alles vernichteten, was sich von fremdem Blute
nährt, ja, gerade in dieser Zeit erschien das stille, demütige, viel
verheißende Christentum. Es verurteilte den Kampf, versprach innere
Seligkeit, säuselte die Menschen in einen sanften Schlummer ein, brachte
eine Religion des >Nicht dem Bösen mit Gewalt widerstehen<, nun kurz
ausgedrückt, ließ den ganzen Dampf ab. Die gewaltigen Charaktere, die
durch den jahrhundertelangen Schmerz zum Kampf erzogen worden waren,
gingen wie die blödesten Idioten in die Arena hinab und mit einem Mut,
der unendlich bessere Verwendung verdient hätte, zogen sie sich mit
eigenen Händen die Haut in Striemen herunter! ... Ihre Feinde haben
natürlich garnichts Besseres gewünscht. Und jetzt sind wieder
Jahrhunderte nötig, es muß wieder unendliche Versklavung und Knebelung
kommen, um die Empörung in Schwung zu bringen. Der menschlichen
Persönlichkeit, die zu wild war, um zum Sklaven zu werden, zog das
Christentum ein Bußhemd über und verbarg darunter alle Farben des freien
menschlichen Geistes ... Die Starken, die sofort im Augenblick ihr Glück
in ihre Hände nehmen konnten, hat es betrogen, den Schwerpunkt ihres
Lebens in irgend eine Zukunft verlegt, in den Traum an etwas nicht
Existierendes, an etwas, das keiner von ihnen jemals erblicken kann ...
Und alle Schönheit des Lebens verschwand dadurch: Der Stolz, die freie
Leidenschaft, die Willenskraft, und nur die Pflicht ist übrig geblieben
und dann, -- der unsinnige Traum an das kommende goldene Zeitalter,
golden natürlich für die anderen. Ja, das Christentum hat eine häßliche
Rolle gespielt und der Name Jesu Christi wird noch lange wie ein Fluch
auf der Menschheit lasten.«
Von Deutz blieb plötzlich stehen und man konnte trotz der Dunkelheit
bemerken, wie sich seine langen Arme hoben und senkten.
»Nun wissen Sie -- -- --« er stammelte in Schreck und Ratlosigkeit.
Auch in Jurii regte sich ein eigenartiges Gefühl. Einerseits schien in
Ssanins Worten nichts Besonderes zu liegen, auch konnte ja Ssanin wie
Jurii alles aussprechen, was er dachte und für gut hielt. Aber doch
wieder legte sich, gleich einem Schatten des »Unbewußten«, ein schwerer
Druck auf sein stehengebliebenes Denken. Die Existenz dieser vererbten
Furcht hatte Jurii längst vergessen; er kam niemals darauf, sie sich zu
vergegenwärtigen. Jetzt empfand er sie um so intensiver; es verletzte
ihn.
»Denken Sie denn garnicht an die blutige Messe, die über die Menschheit
losgebrochen wäre, wenn sie das Christentum nicht abgewendet hätte,«
fragte er Ssanin mit eigentümlich nervösem Grimm.
»Eh,« Ssanin wehrte mit der Hand ab. »Unter dem Deckmantel des
Christentums wurden zuerst die Arenen mit Märtyrerblut berieselt, dann
tötete man Menschen, steckte sie in Gefängnisse, warf sie in
Irrenhäuser, tagaus, tagein, noch jetzt strömt Blut in solcher Menge, --
-- kein Weltumsturz wäre imstande, ein größeres Quantum in Fluß zu
bringen. Am schlimmsten ist ja, daß die Menschen noch immer jede
Verbesserung mit Blut, durch Revolution erkämpfen müssen. Warum stellen
sie denn als Grundlage ihrer Existenz die Humanität und Nächstenliebe
auf. Eine platte Tragödie, Lüge und Heuchelei kommt da zutage, weder
Fisch noch Fleisch. Ich würde jetzt lieber eine Weltkatastrophe als das
trübe waschlappig-schleimige Leben von zwei Jahrtausenden kommen sehen!«
Jurii erwiderte nichts. Es war eigentümlich, daß sein Denken sich nicht
über dem Sinn der Worte halten konnte, sondern sich stets an die
Persönlichkeit Ssanins klammerte. Ihm schien dessen absolute Sicherheit
äußerst beleidigend, ja, geradezu unerträglich.
»Sagen Sie bitte,« meinte er plötzlich, ohne daß er selbst erwartet
hätte, er würde dem dringenden Verlangen, Ssanin zu verletzen,
nachgeben. »Warum sprechen Sie immer in einem Ton, als ob Sie kleine
Kinder belehren wollten?«
Von Deutz wunderte sich über Juriis Angriffe, wurde verwirrt und hielt
sich für verpflichtet, ein paar begütigende Worte vor sich hinzumurmeln.
»Da haben Sie's,« auch Ssanin war ärgerlich. »Warum sind Sie denn böse?«
Jurii fühlte selbst, daß er ausfallend geworden war und daß er nicht
weitergehen dürfe, aber die Erregung, die sich tief in ihm eingefressen
hatte und der, bis auf die Nerven nackte Eigensinn rissen ihn fort.
»Ihr Ton ist wirklich unangenehm,« gab er hartnäckig, fast drohend
zurück.
»Es ist nun einmal so meine Art zu reden,« meinte Ssanin, trotz des
erkennbaren Aergers, doch mit dem Wunsche zu beruhigen.
»Er ist aber nicht überall angebracht! Ich begreife überhaupt nicht,
warum Sie immer mit solchem Aplomb auftreten ...«
»Wahrscheinlich in dem Bewußtsein, daß ich klüger bin als Sie,«
antwortete Ssanin noch ruhiger.
Jurii blieb, von Kopf bis zu den Füßen durchgehend erzitternd, stehen:
»Hören Sie mal,« obgleich man sein Gesicht nicht erkennen konnte, fühlte
man, daß es blaß wurde.
»Regen Sie sich doch nicht auf,« Ssanin hielt ihn liebenswürdig zurück.
»Ich hatte gar nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Ich habe Ihnen nur
meine aufrichtige Meinung gesagt. Und dieselbe Meinung haben Sie von
mir, von Deutz hat sie von uns beiden, -- -- -- was wollen Sie, das ist
ganz natürlich ...« Ssanins Stimme war so aufrichtig und zart, daß es
nur komisch gewesen wäre, mit dem aufgeregten Schreien fortzufahren.
Jurii schwieg eine Minute still. Von Deutz, der offenbar die unangenehme
Situation für ihn mitempfand, klirrte ernsthaft mit den Sporen und
atmete schwer und deutlich.
»Aber ich spreche es doch nicht aus,« sagte Jurii gepreßt.
»Recht schade darum! Ich habe vorhin Ihrer Diskussion mit Deutz
zugehört; in jedem ihrer Worte klang ganz handgreiflich und verletzend
dasselbe durch. Es handelt sich also nur um die Form. Ich sage frei
heraus, was ich denke, und Sie tun es nicht. Das aber wird auf die Dauer
uninteressant. Wenn Sie aufrichtig sein wollten, wären Sie viel
genießbarer.«
Von Deutz lachte plötzlich kleinlich auf: »Das ist aber originell!« Er
verschluckte sich wieder einmal vor Entzücken.
Jurii antwortete nichts. Aber sein Aerger legte sich. Er wurde sogar im
Augenblick innerlich froh. Immerhin bedrückte es ihn, daß er schließlich
hatte nachgeben müssen; doch das wollte er nicht zu erkennen geben.
Von Deutz war inzwischen mit seinem Entzücken zu Ende gekommen, und
erklärte nunmehr gewichtig:
»Auf diese Weise würde es aber zu primitiv hergehen.«
»Müssen Sie denn alles durchaus verwickelt und kompliziert haben? ...«
Von Deutz zuckte die Achseln und wurde nachdenklich.