Weich und liebevoll quoll die Dämmerung, von Gräser- und Blumenduft
durchtränkt, durchs offene Fenster herein. Ssanin saß hinter dem Tisch
und las bei den letzten Tagesstrahlen eine Erzählung von Tschechow, die
er ganz besonders liebte, -- -- -- ein alter Vikar, umringt von
Menschen, umgeben von Achtung, Weihrauchdunst, umkleidet mit goldenem
Talare, Brillantenkreuzen und allgemeiner Ehrfurcht stirbt -- --
Im Zimmer war es ebenso kühl und rein, wie auf dem Hof, der leichte Atem
des Abends lief frei durch den Raum, füllte Ssanins Brust, bewegte seine
weichen Haare, und hätschelte seine festen Schultern, die aufmerksam und
ernst über das Buch gebeugt waren.
Ssanin las, sann nach, bewegte die Lippen; er war so einem großen
kleinen Jungen ähnlich, der über seinem Schmöker vertieft die ganze Welt
vergessen hat. Je weiter er las, um so stärker durchdrangen ihn traurige
Gedanken über das schwere Grauen, das im menschlichen Leben liegt, über
den Stumpfsinn und die Roheit der Masse; er fühlte wieder, wie fern er
ihr stand. Sicher wäre es sehr nett gewesen, mit dem alten Vikar bekannt
zu sein; sein Leben wäre dann gewiß nicht so einsam verlaufen.
Die Tür zum Zimmer öffnete sich und Nowikow trat herein. Ssanin schaute
sich um.
»Ah, guten Tag,« er schob das Buch von sich. »Nun, was bringst du
Neues?« Nowikow drückte ihm schwach die Hand; sein Lächeln gab nur eine
blasse, traurige Grimasse.
»Nichts. Alles ist ebenso gräßlich wie es früher war.«
Er machte eine abwehrende Handbewegung und trat zum Fenster.
Von Ssanins Platz aus war nur seine gut gebaute Figur sichtbar; durch
den erlöschenden Hintergrund der Abenddämmerung wurde von ihr ein zarter
Schatten zurückgeworfen.
Ssanin betrachtete ihn lange voll Aufmerksamkeit.
Als er zum ersten Mal Nowikow, der wie vor den Kopf gestoßen war, zu
Lyda schleppte, die selbst völlig ratlos, dem früheren stolzen und
schönen Mädchen gar nicht mehr glich, sprachen die beiden kein Wort über
das, was ihre Seelen bis zum tiefen Grunde erschütterte. Ssanin
verstand, daß sie unglücklich werden mußten, sobald erst das erste Wort
gesprochen wäre, doppelt unglücklich aber, wenn sie weiterschwiegen. Er
fühlte, daß sie nur durch Leid hindurchtastend, das, was für ihn klar
und selbstverständlich war, finden konnten.
Aber er versuchte nicht, sie vorwärtszustoßen, weil er schon damals
erkannte, daß sich diese beiden Menschen in einem geschlossenen Zirkel
bewegten, in dem sie sich doch unvermeidlich früher oder später treffen
mußten.
-- -- -- Nun es wird schon gut werden, dachte Ssanin. Sie werden es
verschmerzen. Im Leide können sie nur reiner und inniger werden.
Als er jetzt Nowikow einsam am Fenster stehen sah, sagte er sich, daß
diese Zeit gekommen wäre. Schweigend blickte jener auf den verlöschenden
Himmel. Er war von dem seltsamen Gefühl erfüllt, in dem sich Trauer nach
einem unwiederbringlich verlorenen Glück zart mit dem Zittern
sehnsuchtsvoller Erwartung nach neuem Glück verbindet. In dieser traurig
feinen Dämmerung stellte er sich Lyda klarer als je schüchtern,
unglücklich, von allen gedemütigt vor. Es trieb ihn, sich vor ihr auf
die Kniee zu werfen, ihre kalten Finger mit Küssen zu erwärmen und sie
durch seine allvergessende, große Liebe zu neuem Leben zu erwecken.
Alles in ihm verlangte nach diesem Opfer; doch er hatte nicht die Kraft,
zu ihr zu gehen.
Ssanin empfand auch diese Stimmung. Langsam erhob er sich, warf den Kopf
nach hinten und sagte:
»Lyda ist im Garten. Gehen wir.«
Mit einer erbarmungswürdigen Regung des Schmerzes, und doch glücklich,
zog sich Nowikows Herz zusammen. Eine lichte Zuckung lief über sein
Gesicht und verschwand. Es war ersichtlich, wie stark seine Finger beim
Drehen des Schnurrbartes zitterten.
»Wie also? ... Gehen wir nun zu ihr? ...« Ssanin wiederholte es mit
gemessener Stimme, als wenn er an eine wichtige aber selbstverständliche
Angelegenheit heranträte.
An diesem Ton begriff Nowikow, daß Ssanin alles in ihm verstand; er
empfand eine große Erleichterung, gleichzeitig aber naiven, kindischen
Schreck.
»... Also gehen wir!« sagte Ssanin noch einmal zart, ergriff Nowikows
Schultern und schob ihn zur Tür.
»Nun gut, ja,« murmelte Nowikow. Eine rührselige Zärtlichkeit, der
Wunsch, Ssanin zu umarmen, stieg in ihm auf. Aber er hatte doch nicht
den Mut dazu, er sah ihm nur mit tiefen, feuchten Blicken ins Gesicht.
Im Garten war es dunkel, es roch nach warmem Thon. Die Baumdurchschläge
leuchteten in der Dämmerung wie gotische Fenster. Ueber den weißen
Lichtungen rauchte feiner, gelber Nebel; es war, als ginge ein
unsichtbares Wesen zwischen den schweigenden Sträuchern und leise
erzitterten die schlafbefangenen Gräser und Blumen bei seiner
Annäherung.
Am Ufer war es heller; die Dämmerung umfaßte erst die Hälfte des
Flusses, der sich noch immer glänzend gegen die dunklen Wiesen abhob.
Lyda saß hier dicht am Wasser und ihre feine, gesenkte Silhouette stach
weiß vom Grase ab, wie ein geheimnisvoller Schatten, der über dem Wasser
trauert.
Jene leichte, kühne Ueberlegenheit, die sich ihrer unter dem Einfluß der
beruhigenden Stimme des Bruders bemächtigt hatte, verschwand ebenso
rasch wieder, als sie gekommen war. An ihre Stelle schlichen sich die
schwarzen Gespenster Scham und Furcht, legten sich neben sie und
flüsterten ihr von neuem zu, daß sie kein Recht mehr auf ein anderes
Glück, ja nicht einmal selbst auf ihr Leben hätte.
Ganze Tage lang saß sie mit dem Buche im Garten, weil sie der Mutter
nicht mehr einfach und gerade in die Augen zu blicken vermochte.
Tausende Mal empörte sich alles in ihr. Immer wieder sagte sie sich, daß
die Mutter nichts mit ihrem Leben zu tun hätte. Aber jedesmal, wenn sie
sich ihr näherte, änderte sich ihre Stimme und in ihren Augen zeigte
sich ein scheuer, schuldbewußter Ausdruck. Die Mutter wurde durch ihre
Verwirrung, ihr Erröten, die unsichere Stimme, den irren Blick
beunruhigt. Peinliche Verhöre folgten nun; argwöhnische Augen liefen
hinter ihr her und quälten sie, bis sie sich zu verstecken begann.
So saß sie auch an diesem Abend, verfolgte gramvoll die am Horizont
niedersteigende Dämmerung und dachte ihre schweren, auswegslosen
Gedanken durch.
Sie begriff nicht, warum es ihr nicht möglich war, das Leben zu
verstehen. Nur eine unfaßbare Ahnung, unentwirrbar wie ein Polyp,
klebrig und bedrückend, erhob sich vor ihren Augen.
Eine Menge von Schriften, die sie gelesen hatte, eine Reihe von großen
und freien Ideen durchzogen ihr Hirn. Maß sie an ihnen ihre
Handlungsweise, dann war sie nicht nur natürlich; sie war auch schön.
Niemandem hatte sie Böses getan; sich und einem zweiten Menschen gab sie
reiche Lust.
Ohne diese Lust hätte sie nichts von der Fülle ihrer Jugend gewußt und
das Leben wäre trostlos, wie ein Baum im Herbst, geblieben, wenn alle
Blätter abgefallen sind. Der Einwurf, daß die Kirche den Bund mit diesem
Manne nicht sanktioniert hatte, kam ihr lächerlich vor; schon längst
waren alle Stützen dieser traditionellen Forderung durch das freie,
menschliche Denken zerbröckelt und zermürbt worden. Schließlich kam sie
zu dem Schluß, daß sie sich eigentlich freuen müßte, wie sich eine Blume
freut, die sich an einem sonnigen Morgen von neuem Leben befruchtet
fühlt. Aber in ihrem Innern litt Lyda doch, sah sich tief am Boden eines
Abgrundes, tiefer gesunken als alle Menschen; sie war zur Letzten der
Letzten geworden. Mochte sie auch die erhabensten Ideen, unverrückbare
Wahrheiten zu Hilfe rufen, vor dem kommenden Tage der Schande schmolzen
sie dahin, wie Wachs im Feuer schmilzt. Anstatt den Menschen, die sie
wegen ihres Stumpfsinns und ihrer Beschränktheit verachtete, den Fuß auf
den Nacken zu setzen, dachte sie nur daran, wie sie sich retten und jene
täuschen könne.
In dieser ganzen Zeit fühlte sich Lyda, wenn sie einsam weinte und ihre
Tränen sorgsam vor jedem Menschen verbarg, oder wenn sie plötzlich in
stumpfe Verzweiflung versank, nachdem sie ihrer Umgebung falsche
Fröhlichkeit vorgeheuchelt hatte, doch stets, wie eine Blume zum warmen
Sonnenstrahl, nur zu Nowikow hingezogen. Aber wie ein niederträchtiges
Verbrechen schien ihr der Plan, sich von ihm retten zu lassen. Oft
loderte in ihr wilde Verzweiflung darüber auf, daß sie von seiner
Vergebung und Liebe abhängen solle. Doch stärker als ihr Stolz, stärker
als der innere Protest war das Bewußtsein ihrer Ohnmacht und die Liebe
zum Leben. Statt sich über die menschliche Dummheit zu empören, zitterte
sie vor ihr, statt Nowikow frei in die Augen zu blicken, demütigte sie
sich wie eine Sklavin vor ihm.
In diesem zerspaltenen Mädchen lag etwas Bemitleidenswertes und
Hilfloses, wie in einem Vogel, dem die Schwingen gebrochen sind und der
sich nun nicht mehr fortbewegen kann.
In Augenblicken, in denen ihre Qualen ganz unerträglich werden wollten,
kam ihr stets der Bruder in den Kopf; dann füllte sich ihre Seele mit
naiver Bewunderung. Ihr war es klar, daß ihm nichts heilig sei, daß er
sie, die Schwester, nur mit den Blicken des Mannes betrachtete. Sicher
war er egoistisch, unmoralisch, aber doch blieb er der einzige Mensch,
in dessen Gegenwart ihr leichter wurde, mit dem sie ohne Scham über die
intimsten Geheimnisse ihres Lebens sprechen konnte. In seiner
Anwesenheit nahm alles andere einfache und nichtige Formen an! -- -- --
Sie war schwanger, nun gut, was hat das weiter zu bedeuten, -- -- -- sie
hatte eine Liebes-Affäre hinter sich, um so besser, also hatte es ihr
gradso gefallen; man wird sie verachten und demütigen wollen, was macht
es denn? ... Das Leben, die Sonne und die Freiheit liegen vor ihr und
Menschen gibt es überall. Die Mutter wird leiden, na, wenn sie es
durchaus will? ... Das ist ihre Sache! Lyda hat das Leben der Mutter
nicht mit angesehen, als diese ihre Jugend durchkostete, und die Mutter
wird Lyda nicht mehr beobachten, wenn sie erst gestorben ist. Zufällig
auf der Lebensbahn begegnet, nur eine Strecke des Weges miteinander
gehend, können und dürfen sie nicht einander die Bahn versperren.
Lyda sah ein, daß sie allein niemals so frei werden würde, wie Ssanin.
Um so zu denken, mußte sie sich dem Einfluß dieses starken und freien
Mannes unterwerfen. Doch mit um so stärkerer Bewunderung und größerer
Zärtlichkeit blickte sie auf ihn, -- -- -- eigenartige, zügellose
Gedanken flatterten durch ihre Seele. Wenn er doch ein Fremder, nicht
der Bruder wäre ... dachte sie zaghaft und scheu; doch sie erstickte
schleunigst den Schluß dieses beschämenden, aber verlockenden Gedankens.
Und wieder wendeten sich dann ihre Gedanken Nowikow zu; sie wartete und
hoffte auf seine Liebe.
So schloß dieser Zauberkreis ab; kraftlos zerschlug sich Lyda in ihm.
Die letzten Kräfte und Farben ihrer jungen, hellen Seele gingen darin
verloren.
Sie hörte Schritte und schaute sich um.
Nowikow und Ssanin kamen auf sie schweigend zu; ohne darauf zu achten,
schritten sie durch das hohe Gras gradeaus. Man konnte ihre Gesichter in
der blassen Dämmerung nicht gut erkennen, aber eine plötzliche Ahnung
blitzte in Lyda auf, daß der gefürchtete Moment nahe sei. Sie sah aus,
als wenn sie das Leben verließe, so blaß und schwach wurde sie.
»Nun, hier,« sagte Ssanin, »ich habe dir Nowikow gebracht, was er will,
wird er dir selbst sagen. Bleib ruhig hier, ich gehe Tee trinken.«
Jäh wandte er sich um; mit weiten Schritten ging er ins Haus. Eine
Zeitlang, nur ganz allmählich in der Dunkelheit versinkend, schimmerte
noch sein weißes Hemd zu ihnen herüber; dann verschwand es hinter den
Bäumen. Es wurde so still, daß man garnicht glauben konnte, er wäre
fortgegangen und stehe nicht mehr im Schatten der Bäume.
Nowikow und Lyda begleiteten ihn mit den Blicken und beide verstanden,
daß in dieser einen Bewegung schon alles gesagt war; jetzt mußte man es
nur noch einmal in Worten wiederholen.
»Lydia Petrowna,« sprach Nowikow leise, und der Klang seiner Stimme trug
so viel Trauer, war so rührend aufrichtig, daß sich Lydas Herz zart
zusammenzog.
-- -- -- Es kann einem auch leid um ihn tun ... Wie unglücklich und gut
er ist, dachte sie mit wehmütiger Freude.
»Ich weiß alles, Lydia Petrowna,« fuhr Nowikow fort, er fühlte, wie die
Rührung über sein Tun und das Mitleid mit ihrer traurigen Gestalt in ihm
wuchs. »Aber ich liebe Sie wie vorher. Vielleicht werden Sie auch mich
einmal lieb gewinnen. Sagen Sie, wollen Sie meine Frau werden ...« -- --
-- ich brauche ihr nichts weiter zu erzählen; sie braucht nicht zu
wissen, welch Opfer ich ihr bringe. -- -- --
Lyda schwieg. Es war so still, daß man das flinke Aufschlagen des
Wassers hörte, das gegen das Gebüsch des Ufers plätscherte.
»Beide sind wir unglücklich,« sagte plötzlich aus der Tiefe seiner
Seele, für sich selbst unerwartet, Nowikow. »Aber vielleicht werden wir
zu zweien das Leben leichter tragen können.«
Lyda erhob ihr Gesicht zu ihm:
»Ja, vielleicht ...« antwortete sie einfach, aber ihre Augen sagten: --
-- -- Gott sei mein Zeuge, daß ich eine gute Frau sein werde, ich werde
dich immer lieben und alles mit dir fühlen.
Nowikow verstand diesen Blick; er ließ sich rasch und impulsiv neben ihr
auf die Kniee nieder und begann ihre zitternde Hand zu küssen. Er
zitterte selbst am ganzen Körper vor Erregung und plötzlicher froher
Leidenschaft. Diese Erregung teilte sich Lyda so tief und leuchtend mit,
daß das schmerzliche bange Gefühl der Scham mit einem Mal verschwunden
war.
-- -- Nun, jetzt ist alles zu Ende, ich werde wieder glücklich sein, --
-- du, mein Lieber, mein Armer, dachte sie, glückliche Tränen weinend.
Sie zog ihre Hand nicht zurück, sie beugte sich selbst auf die weichen
Haare Nowikows, die ihr stets gefallen hatten, herab und küßte sie. Die
Erinnerung an Sarudin huschte grell an ihr vorüber; erlosch aber sofort
wieder.
Als Ssanin, der fand, daß nun Zeit genug für Erklärungen verflossen
wäre, zu ihnen zurückkam, hielten sich Lyda und Nowikow bei den Händen
und sprachen leise und vertrauensvoll miteinander. Nowikow sagte ihr,
daß er niemals aufhören könne, sie zu lieben; Lyda ihm, daß sie ihn von
nun an immer lieben werde. Es war die Wahrheit; denn Lyda verlangte nach
Liebe und Glück, sie hoffte sie in ihm zu finden und liebte ihre
Hoffnung.
Beide glaubten, niemals so glücklich gewesen zu sein. Als sie Ssanin
erblickten, schwiegen sie still und schauten ihn mit verwirrten,
freudigen und vertrauensvollen Augen an.
»Nun, ich verstehe,« sagte Ssanin ernst, als er sie erblickte, »... Gott
sei's gedankt. Wenn Ihr nur glücklich werdet.« Er wollte noch etwas
hinzufügen, mußte aber niesen und tat es so laut und zufrieden, daß es
über den ganzen Fluß schallte. »Feucht ist es hier. Na, seht zu, daß ihr
keinen Schnupfen kriegt,« er rieb die Augen.
Vergnügt lachte Lyda auf und glücklich und schön klang es vom Flusse
zurück.
»Ich gehe! ...« sagte Ssanin.
»Wohin? ...«
»Da ist Swaroschitsch gekommen und dann der eine Offizier, der
Tolstoischwärmer, -- -- -- wie heißt er doch gleich, dieser lange
Deutsche?«
»Von Deutz,« half Lyda mit grundlosem Lächeln ein.
»Ja, ... er! Sie wollen uns zu einer Besprechung abholen. Na, ich sagte
ihnen, daß ihr nicht hier wäret.«
»Warum?« fragte Lyda, noch immer lachend.
»Bleib du nur hier sitzen. Ich hätte mir auch lieber hier ein Eckchen
zurecht gemacht, wenn ich nur jemanden dazu hätte.«
Wieder ging Ssanin fort; diesmal endgültig.
Es wurde Abend. Im dunklen fließenden Wasser schwankten die Sterne.