IX

Sie gingen den Boulevard hinauf und hinunter, ohne Bekannten zu begegnen

und lauschten interesselos der Musikkapelle, die wie gewöhnlich im

Stadtgarten spielte. Jedesmal setzte sie mit falschen Intonationen ein,

kam im Takt immer mehr auseinander, sodaß man hätte glauben können, die

Musiker versuchten im Spiel einander zuvorzukommen; trotz alldem klang

aber die Melodie von ferne zart und traurig. Stets dieselben

Spaziergänger kamen an ihnen vorüber, flirteten miteinander und ihr

Lachen, ihre aufgeregten, heißen Stimmen paßten nicht zu der stillen,

traurigen Musik, dem stillen, traurigen Abend; sie versetzten Jurii in

eine verdrießliche, gehässige Stimmung.

Als sie wieder einmal am Ende des Boulevard angelangt waren und gerade

umkehren wollten, trat Ssanin an sie heran und begrüßte sie vergnügt.

Doch er gefiel Jurii offensichtlich nicht und so wollte das Gespräch

nicht recht in Fluß kommen. Mit einemmal verletzte es auch Jurii, daß

Ssanin alles, was ihm vor die Augen kam, mit seinem leichten Spott

übergoß; jedes Wort klang ihm schmerzhaft in den Ohren. Seine Stimmung

veränderte sich auch nicht, als Iwanow auf sie zukam und sich ihnen

ebenfalls mit lauter Fröhlichkeit anschloß.

»Wo wollen Sie denn hin?« fragte Nowikow den Lehrer, um dadurch dessen

Fragen zuvorzukommen.

»Ich will meine Freunde freihalten,« erwiderte dieser lachend, zog eine

Flasche Wodka aus der Tasche und zeigte sie mit feierlicher Miene im

Kreise herum. Ssanin stimmte sofort in das Lachen ein.

Jurii erschien das Lachen und der Wodka wiederum unnatürlich und platt;

widerwillig wendete er den Kopf ab. Trotzdem es Ssanin bemerkte, ging er

nicht darauf ein und behielt ruhig sein vergnügtes Lächeln bei. Iwanow

jedoch machte eine zweideutige Miene und sagte in gedehntem Baß:

»Ich danke dir, Herr, daß ich nicht bin, wie diese Zöllner.«

Jurii errötete: -- Der muß natürlich auch noch seinen Senf drauf geben,

dachte er verächtlich, zuckte mit den Schultern und trat zur Seite.

»Nowikow, du unbewußter Pharisäer, so komme du wenigstens mit uns mit,«

drang Iwanow in ihn.

»Um welches Teufels willen? ...«

»Nun, um einen zu nehmen.«

Nowikow gab nicht gleich eine Antwort, sondern überblickte mit

gleichgültigen Mienen den Boulevard; es schmerzte ihn, daß er Lyda

nirgends erblickte.

»Lyda sitzt zu Hause und büßt ihre Sünden,« bemerkte Ssanin lächelnd.

»Dummheiten,« murmelte verlegen Nowikow, »ich habe einen Kranken.«

»Der auch ohne deine Hilfe verrecken wird,« fiel ihm Iwanow ins Wort.

»Uebrigens können wir uns auch ebenso ohne deine Hilfe dem Wodka

widmen.«

-- und uns besaufen! Und das ist noch das beste, dachte Nowikow bitter.

Laut sagte er: »Nun gut, gehen wir!«

Sie verabschiedeten sich flüchtig von Jurii und schritten fort; er hörte

noch von weitem den groben Baß Iwanows und das harmlos-zärtliche Lachen

Ssanins.

Er ging wieder, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, den Boulevard

hinunter, bis ihn Frauenstimmen anriefen. Sina Karssawina und die

Lehrerin Dubowa saßen auf einer der Boulevardbänke, und ihre Figuren in

dunklen Kleidern und ohne Hüte, aber mit Büchern unter den Armen, waren

in dem tiefen Schatten kaum erkennbar.

Rasch und erfreut trat er auf sie zu.

»Woher kommen Sie?« fragte er, sie begrüßend.

»Wir waren in der Bibliothek,« gab Karssawina zur Antwort.

Dubowa rückte schweigend zur Seite, sodaß an ihrer Seite Platz wurde;

aber trotzdem Jurii wünschte, sich an Karssawinas Seite zu setzen, wagte

er es nicht recht und ließ sich neben der häßlichen Lehrerin nieder.

»Warum machen Sie ein so ärgerliches, wütendes Gesicht?« fragte Dubowa,

wobei sie ihre schmalen und trockenen Lippen gewohnheitsmäßig mißmutig

aneinanderpreßte.

»Sieht es denn so aus? Es ist heiter genug und denn, ich glaube, es ist

hier tatsächlich etwas langweilig.«

»Vielleicht liegt's an Ihnen?« erwiderte spöttisch Dubowa.

»Und verstehen Sie, hier was anzufangen?«

»Ja, ich habe keine Zeit zu greinen!«

»Ich auch nicht.«

»Na, dann quietschen Sie eben,« -- scherzte Dubowa.

»Das ist nun einmal mein Leben. Ich habe sogar das Lachen verlernt.«

In seiner Stimme lag eine so bittere Nuance, daß die Mädchen

unwillkürlich stille wurden.

Auch Jurii schwieg; dann lächelte er: »Ein Freund von mir sagte einmal,

daß mein Leben sehr erstaunlich sei.«

»In welchem Sinne?«

»Ich lebe, wie man nicht leben soll,« antwortete er bestimmt, ohne daß

er zuvor von einem Menschen derartiges gehört hätte.

Jurii hielt sein ganzes Leben für mißraten und sich selbst für einen

außerordentlich unglücklichen Menschen. Darin verbarg sich für ihn eine

traurige Genugtuung, und es machte ihm Vergnügen, sich über sein Leben

und die Menschen zu beklagen. Zu Männern sprach er niemals davon, weil

er instinktiv fühlte, daß sie ihm nicht glauben würden. Aber Frauen und

besonders jungen und schönen Mädchen erzählte er gern und lange von

sich. Er war hübsch und sprach schön, und die Frauen hatten mit ihm

stets das Mitleid, das mit Verliebtheit durchsetzt ist.

Auch diesmal, im Scherz begonnen, ging Jurii leicht in den gewohnten,

sentimentalen Ton über und redete viel über sein Leben. Nach seinen

Worten mußte man glauben, daß er, ein Mensch von ungeheurer Kraft und

bedeutender Veranlagung, an dem Milieu und den Umständen zerbrochen war

und daß man ihn auch in der Partei nicht verstanden hatte. Wenn aus ihm

nicht ein Volksführer, sondern ein Student wurde, der aus irgend einem

nichtigen Anlaß verschickt worden war, so trug daran nur eine fatale

Zufälligkeit und menschliche Dummheit, nicht er selber, die Schuld.

Jurii kam, wie allen Menschen mit großer Eigenliebe, niemals der Gedanke

in den Kopf, daß diese Auffassung keineswegs außerordentliche Kraft

beweise und daß jeder geniale Mensch von gleichen Zufälligkeiten und

Personen umgeben ist. Ihm schien, daß nur ihn allein ein schweres,

unüberwindliches Schicksal verfolge.

Doch da alles, was er erzählte, voller Farben und Leben war, machte es

auf die Mädchen den Eindruck, als ob es wirklich der Wahrheit ähnlich

sei. Sie glaubten seinen Worten, bemitleideten ihn und wurden mit ihm

traurig.

Die Musik spielte ebenso ungleichmäßig und sentimental wie vorher, der

Abend war finster und nachdenklich, und ihnen allen wurde es träumerisch

befangen zumute.

Als Jurii schwieg, richtete Dubowa eine Frage an ihn, die eigentlich nur

den eigenen Gedanken, wie langweilig und eintönig ihr Leben sei, und wie

bald sie alt würde, ohne Liebe und Glück gekostet zu haben,

beantwortete.

»Sagen Sie, Jurii Nikolajewitsch, ist Ihnen niemals der Gedanke an

Selbstmord gekommen?«

»Weshalb fragen Sie mich danach?«

»So!«

Alle schwiegen. Jurii vergaß die Antwort.

»Sie waren also im Komitee?«[1] fragte Karssawina voller Neugierde.

[Fußnote 1: Es ist das lokale Komitee der politischen Partei gemeint, zu

der Jurii gehörte. Es galt als ein besonderes Verdienst, ihm

anzugehören.]

»Ja,« antwortete Jurii kurz und wie gezwungen; das Eingeständnis war ihm

aber doch angenehm, weil er glaubte, daß es ihm in den Augen des

hübschen Mädchens ein neues, geheimnisvolles Interesse verleihen würde.

Und der Eindruck, den diese kurze Bejahung auf Karssawina und Dubowa

machte, war so stark, daß sie beide in Schweigen verfielen und nur hin

und wieder einen fast ehrerbietigen Blick über Jurii streifen ließen. Er

fühlte sich von dieser guten Stimmung zärtlich geliebkost; um sie nicht

zu stören, vermied er jede Bewegung und saß andächtig neben den Mädchen.

Die Luft um sie wurde von der Sehnsucht, die sich aus ihnen allen

drängte, durchsättigt und schien sich schwerer um sie zu legen, in leise

Kreise getrieben, von den fern herüberschallenden Melodien. Endlich

erhob sich Karssawina, sah mit freudig glänzenden Augen, in denen sie

mühsam ihre unbewußte Erregung zurückhielt, auf Jurii und Dubowa und

rief ihnen zu: »Gehen wir, Herrschaften, gehen wir doch, es wird spät.

Wir verbummeln uns ja hier.« Und wieder glücklich lachend, fügte sie

hinzu: »Jurii Nikolajewitsch, diesmal aber sind Sie Schuld!«

Jurii neigte fröhlich den Kopf, trat an ihre Seite und wartete, indem er

ebenfalls ohne Grund in ihr leises freies Lachen einstimmte, auf Dubowa,

die etwas schwerfälliger aufstand und erst die Bücher in ihrem Arm

zurechtschob, ehe sie sich ihnen anschloß.

Jurii begleitete die Mädchen nach Haus. Unterwegs sprachen sie lebhaft

und lachten viel; die traurige Stimmung war verflogen.

»Welch ein netter Kerl ist er,« sagte Karssawina, als Jurii fortging.

»Sieh, sieh, verlieb dich nicht!« Dubowa drohte mit den Fingern.

»Nun, was dir gleich in den Kopf kommt,« rief Karssawina mit

verborgenem, instinktivem Schrecken.

Jurii kam in leichter und freudiger Erregung nach Hause.

Er blickte auf das begonnene Bild, empfand nichts Sonderliches dabei und

legte sich vergnügt schlafen.

Und in der Nacht träumte er wollüstige und sonnige Bilder, träumte er

von jungen und schönen Frauen.

X

Am nächsten Abend ging Jurii wieder auf denselben Platz, wo er

Karssawina und Dubowa begegnet war.

Den ganzen Tag über machte es ihm Vergnügen, sich an den Abend, den er

mit ihnen verbracht hatte, zu erinnern und er wünschte, sie wieder zu

treffen, mit ihnen über dasselbe zu sprechen und wieder den gleichen

Ausdruck von Teilnahme und Zärtlichkeit in den lustigen und hingebenden

Augen Karssawinas zu sehen. Der Abend war überaus heiter, war still und

schwül. Auf dem Boulevard traf er außer einigen flüchtigen Bekannten

keinen Menschen.

Jurii schüttelte den Kopf, ärgerlich über das verdrießliche Gefühl, das

in seiner Brust Platz griff, als wenn er von jemandem beleidigt worden

wäre, und ging langsam, stumpf vor sich auf die Füße blickend, über den

Boulevard.

»Wie langweilig,« dachte er, »was soll man jetzt anfangen?«

Plötzlich kam ihm mit eiligen Schritten der Student Schawrow entgegen,

der seine freie Hand auf und nieder schwenkte und ihm schon von ferne

höflich zulächelte.

»Was bummeln Sie herum,« fragte Schawrow freundlich, blieb stehen und

reichte Swaroschitsch die Hand.

»Es ist langweilig, ich habe nichts zu tun. Und wo wollen Sie hin?«

Juriis Worte klangen faul und herablassend. Er sprach stets in diesem

Tone mit Schawrow, auf den er, als ehemaliges Komiteemitglied, wie auf

ein einfaches Studentchen, das ein wenig Revolution mitspielt,

herabblickte.

Schawrow lächelte mit der Selbstgefälligkeit eines glücklichen Menschen:

»Wir haben heute einen Volksvortrag,« und er wies auf einen Stoß dünner,

bunter Broschüren hin, die er im Arm trug.

Jurii nahm aus seiner Hand mechanisch eine der Broschüren, schlug

sie auf und las den langen, dürren Titel eines populären,

sozialwissenschaftlichen Artikels, den er selbst schon längst gelesen

und wieder vergessen hatte.

»Wo ist denn Ihr Vortrag?« fragte er mit demselben herablassenden

Lächeln die Broschüre wieder zurückgebend.

»In der städtischen Volksschule.« Schawrow nannte die Schule, in der

Karssawina und Dubowa unterrichteten.

Jurii erinnerte sich, daß Ljalja ihm bereits von diesen Vorträgen

erzählte, ohne daß er damals besonders darauf geachtet hatte.

»Darf ich mit Ihnen mitgehen?«

»Bitte,« Schawrow gab mit freudigem Lächeln seine Einwilligung. Er hielt

Jurii für einen echten Mitkämpfer und, indem er dessen Parteirolle

übertrieb, empfand er für ihn eine Achtung, die beinahe an Verliebtheit

grenzte.

»Ich interessiere mich sehr für diese Geschichte.« Jurii hielt es doch

für nötig, dies hinzuzufügen, dachte aber in Wirklichkeit nur daran, daß

ein Abend ausgefüllt und es ihm möglich sein würde, Karssawina zu

begegnen.

»Bitte, bitte,« wiederholte Schawrow.

»Nun, so gehen wir denn.«

Und sie schritten rasch den Boulevard entlang, bogen zur Brücke um, an

deren beiden Seiten ein herber Wassergeruch emporstieg und traten

endlich in das zweistöckige Schulgebäude ein, wo sich bereits Menschen

zu versammeln begannen.

In dem großen, noch dunklen Saal, der mit geraden Reihen von Stühlen und

Bänken durchstellt war, schimmerte ihnen die Leinwand für den

Projektionsapparat weiß entgegen, und aus irgendwelchen Ecken wurde

zurückhaltendes, heiteres Lachen vernehmbar. Neben dem Fenster, durch

das der verfinsterte Himmel und die Gipfel tiefgrüner Bäume sichtbar

wurden, standen Ljalja und Dubowa. Sie begrüßten Jurii mit freudigen

Ausrufen.

»Das ist aber schön, daß du mitgekommen bist! ...«

Dubowa drückte ihm kräftig die Hand.

»Warum fangt ihr denn nicht an?« fragte Jurii, der verstohlen durch den

dunklen Saal schaute, ohne doch Karssawina zu bemerken. »Und beteiligt

sich Sinaida Pawlowna nicht?« fügte er in unebenem Ton ein wenig

enttäuscht hinzu.

Aber in diesem Augenblick zuckte am Katheder, dicht an der Leinwand, ein

Streichholz auf und beleuchtete das Gesicht Karssawinas, die im Begriff

war, einige Lichter anzustecken.

»Wie sollte ich nicht dabei sein,« rief sie mit klingender Stimme und

streckte Jurii von oben her die Hand hin. Erfreut, aber schweigend,

reichte er ihr die seine und sie sprang elastisch vom Katheder herab,

während sie sich leicht auf ihn stützte, wobei sie in sein Gesicht den

eigenartigen Duft von Frische und Gesundheit hinüberströmte.

»Es ist Zeit anzufangen,« sagte Schawrow, der geschäftig aus dem

nächsten Zimmer kam.

Schwer mit seinen klobigen Stiefeln auftrampfend, ging der Diener im

Saal umher und zündete die Kerzen an, sodaß es bald von hellen, lustigen

Lichtern wimmelte.

Schawrow öffnete die Tür zum Korridor und rief laut:

»Bitte, meine Herrschaften, es beginnt.«

Ein Füßescharren, erst scheu, dann eiliger wurde laut, und durch die

Türen drängten sich die Haufen der Besucher in den Saal.

Jurii sah sie mit Neugierde an. Das gewohnheitsmäßige eindringliche

Interesse des Propagandisten wurde in ihm rege. Da tauchten alte und

junge Leute auf und auch Kinder waren unter ihnen; sie stachen mit ihren

frischen Köpfen hell von den dunklen Kleidern der hinter ihnen

Drängenden ab. In der ersten Reihe hatte niemand Platz zu nehmen gewagt;

sie wurde erst später durch einige Damen, die Jurii unbekannt waren und

wenig interessant aussahen, den dicken Schulinspektor und die Lehrer und

Lehrerinnen des Knaben- und Mädchenprogymnasiums besetzt.

Der ganze übrige Saal aber schien im Augenblick überschwemmt von Leuten

in Jacken und Joppen, von Soldaten, Bauern, Weibern und zahlreichen

Kindern in bunten Hemdblusen.

Jurii setzte sich neben Karssawina an den Tisch und hörte aufmerksam

hin, wie Schawrow ruhig, aber schlecht, über das allgemeine Wahlrecht

vorzulesen begann.

Schawrow hatte eine dumpfe starke Stimme und alles, was er las, machte

dadurch den Eindruck einer trockenen statistischen Tabelle.

Und doch hörte man ihm aufmerksam zu; nur in der ersten Reihe fingen die

Vertreter der Intelligenz bald an zu tuscheln und sich zu bewegen. Jurii

wurde dadurch gestört und ärgerte sich; er bedauerte, daß Schawrow so

schlecht vorlas. Als er merkte, daß dieser müde wurde, neigte er sich zu

Karssawina und flüsterte ihr ins Ohr: »Lassen Sie mich doch zu Ende

lesen.«

Karssawina warf durch ihre Wimpern einen zärtlichen Blick auf ihn: »Das

ist sehr schön! Lesen Sie!«

»Läßt es sich denn machen?« fragte Jurii nun, indem er ihr, wie einem

heimlichen Verbündeten, zulächelte.

»Gewiß geht es, alle werden damit zufrieden sein.«

Sie benutzte eine kurze Pause, um es Schawrow zu sagen. Dieser war müde

und empfand selbst lästig, daß seine Stimme so häßlich klang. Er

willigte ein, indem er deutlich seine Freude darüber zeigte.

»Bitte, bitte,« sagte er; nach seiner Gewohnheit wiederholte er das

Wort, ihm dadurch eine besondere Wichtigkeit verleihend, und trat seinen

Platz ab.

Jurii liebte es vorzulesen; er verstand es.

Ohne auf jemanden hinzusehen, stieg er auf das Katheder und begann mit

markigem, kraftvollem Ton. Mehrmals schaute er sich nach Karssawina um

und jedesmal begegnete er dann ihren blinkenden und ausdrucksvollen

Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Verwirrt und erfreut lächelnd

wandte er sich dann wieder zum Buch und suchte sein Vorlesen noch

eindringlicher zu gestalten. Und er war überzeugt, daß er für sie irgend

etwas unergründlich Schönes und Interessantes darstellen müsse.

Als er geendet hatte, klatschte ihm auch die erste Reihe Beifall zu.

Jurii verneigte sich ernst, und vom Katheder forttretend, lächelte er im

geheimen zu Karssawina hinüber, als wenn er sagen wollte: Für dich ist

das alles.

Das Publikum fing an, mit den Füßen zu scharren, Stühle wurden gerückt,

Zwiegespräche setzten ein, und langsam gingen die Anwesenden

auseinander.

Jurii achtete kaum darauf, daß er noch ein paar Leuten vorgestellt

wurde, die ihm Liebenswürdigkeiten über sein Lesen sagten.

Nach und nach verlöschten die Lichter, und nun schien es mit einem Male

noch dunkler zu werden, als es je vordem im Saal gewesen war.

»Ich danke Ihnen,« sagte Schawrow, Jurii herzlich die Hand drückend.

»Wenn man bei uns nur immer so vorlesen könnte.«

Die Veranstaltung der Bildungsabende lag in seinen Händen, und er hielt

sich daher für verpflichtet, Jurii in ausführlicher Weise zu danken, als

ob ihm eine persönliche Gefälligkeit erwiesen worden wäre. Dabei klang

aber durch seinen Worten unwillkürlich die Nuance, als ob er ihm im

Namen des ganzen Volkes spreche. Er benahm sich sehr ernst und

gewichtig.

»Für das Volk wird bei uns viel zu wenig getan,« sagte er mit Mienen,

als weihe er Jurii in ein großes Geheimnis ein. »Und wenn wirklich mal

irgend etwas geschieht, dann auch nur ganz oberflächlich und nachlässig.

Es scheint mir in der Tat sonderbar; -- -- um einigen Herrschaften, die

sich langweilen, ein Vergnügen zu machen, werden Sänger, Schauspieler,

Deklamatoren nach Dutzenden auf das Podium gestellt; um aber dem Volk

etwas zu bieten, muß sich solch elender Vorleser wie ich ans Pult

setzen.« Mit gutmütiger Ironie schwenkte er seine Hand hin und her. »Und

das Beste ist, -- alle sind noch damit zufrieden. Ja, -- was hätte es

denn auch zu wollen, das Volk --« seine Stimme wurde bitter,

schmerzlich.

»Das ist ganz richtig,« sagte Dubowa. »Es ist widerwärtig, etwas

Gedrucktes in die Hand zu nehmen. In den Zeitungen werden ganze Spalten

damit gefüllt, wie wunderbar irgendwelche Schauspieler spielen und hier

...«

»Und wie schön doch unsere Sachen hier stehen,« meinte Schawrow und

begann zärtlich seine Broschüren zusammenzupacken.

»Die reine Einfalt,« dachte Jurii, aber die Anwesenheit Karssawinas, und

sein eigener Erfolg stimmten ihn weich und gutmütig. Die Einfachheit

Schawrows rührte ihn sogar ein wenig.

»Wohin gehen Sie jetzt?« fragte ihn Dubowa, als sie auf die Straße

hinaustraten.

Draußen war es nicht viel heller als in den Zimmern, obgleich am Himmel

schon die Sterne aufleuchteten.

»Schawrow und ich gehen zu Ratowa,« fuhr sie selber fort. »Und Sie

begleiten Sina?«

»Mit Vergnügen,« gab Jurii aufrichtig zur Antwort.

So trennten sie sich.

Den ganzen Weg bis zu der Wohnung Karssawinas, die sie mit Dubowa

gemeinsam in einem kleinen Häuschen gemietet hatte, sprachen sie über

den Eindruck, den die Vorlesung in ihnen hervorgerufen hatte, und Jurii

gewann mehr und mehr die Ueberzeugung, daß von ihm etwas Wunderschönes

und sehr Wichtiges geleistet worden war.

Ssanin: Roman · 第 29 / 97 题