Nowikow sagte einfach und begeistert: »Sehr ... gut!«

In diesem Augenblick fühlte sich Jurii ganz als Genie, das mit

Verachtung auf sein Werk herabblickt. Er seufzte gefühlvoll auf, warf

den Pinsel hin, so daß die Sofaecke bespritzt wurde und trat zur Seite,

ohne das Bild nur mit einem Blick zu streifen.

»Eh, Bruder,« sagte er. Beinahe hätte er sich und Nowikow in diesem

Augenblick die trübe Erkenntnis eingestanden, die einen Moment von der

Freude am Erfolge durchbrochen worden war, daß er doch nicht imstande

sei, die Skizze ernsthaft auszuführen. Statt dessen aber meinte er nur

wegwerfend:

»Das nützt doch alles nichts.«

Nowikow wollte das für eine Pose Juriis halten, aber in dieser Minute

gab ihm sein eigener, enttäuschungsvoller Gram einen Stich durch das

Herz und er dachte: Wahr. Sehr wahr. Doch wenige Sekunden später

erwiderte er ganz ohne Ueberlegung:

»Was meinst du, es nützt nicht?«

Jurii konnte diese Frage nicht gleich beantworten und schwieg; auch

Nowikow blickte nur noch einmal flüchtig auf das Bild und legte sich

dann auf den Divan.

»Weißt du, Bruder,« begann er, »sogar deinen Artikel im »Süden« habe ich

gelesen. Er ist ganz gut.«

»Hol ihn der Teufel,« rief Jurii mit einer Erbitterung, die ihm völlig

unverständlich war; er erinnerte sich plötzlich der Worte Semionows.

Dann fuhr er fort: »Was erreicht man mit dem allem? ... Man wird weiter

rauben, hinrichten und Gewalttätigkeiten begehen. Mit Artikeln ist da

gar nichts zu machen; es tut mir leid, daß ich ihn überhaupt geschrieben

habe. Was ist nun schon? ... Einige Idioten werden ihn lesen. Welchen

Zweck hat das? ... Und schließlich, was geht es mich an. Weswegen soll

ich mit dem Kopf die Wände einrennen?«

Vor den Augen Juriis zogen die ersten Jahre seiner Parteitätigkeit

vorüber. Die geheimen Zusammenkünfte, die Propaganda, die Gefahr und die

Mißerfolge, der heiße Enthusiasmus und die völlige Apathie gerade jener

Schichten, für die er kämpfen wollte. Er ging im Zimmer auf und ab und

machte eine wegwerfende Handbewegung.

Nowikow brauste plötzlich auf.

»Von dem Standpunkt aus lohnte es sich überhaupt nicht, irgend was zu

tun.« Und sich Ssanins erinnernd, fügte er hinzu: »Egoisten seid ihr

alle! Weiter nichts.«

»Ja, es verlohnt sich in Wirklichkeit nicht, etwas zu tun,« setzte Jurii

zu sprechen ein; er befand sich plötzlich, unter dem Einfluß der

gleichen Erinnerung und der matten Dämmerung, die schon ganz sachte

alles im Zimmer zum Erblassen brachte, in einer glühenden, aufrichtigen

Stimmung. Während er fortfuhr, schien er sich immer mehr zu erregen:

»Wollen wir wirklich über die Menschheit sprechen, so sage, was bedeuten

denn alle unsere Bemühungen. Diese Konstitutionen, diese Revolutionen,

-- und wir können uns doch noch nicht einmal annähernd die Perspektive

vorstellen, die die Menschheit in der Zukunft entlang laufen wird.

Vielleicht, vielleicht liegen gerade in der Freiheit, von der wir

träumen, die ersten Keime der Zersetzung? Vielleicht, nachdem der Mensch

sein Ideal erreicht haben wird, geht es wieder mit ihm rückwärts, und

schließlich läuft er von neuem auf allen Vieren ... Und dann wird die

ganze Geschichte von vorne anfangen. Oder denkt man auch nur an sich

selber. Sage doch,« -- schrie er plötzlich schmerzlich auf, -- »was kann

ich im allerbesten Fall erreichen? ... Natürlich, ich kann mit meinen

Talenten und Taten, wenn alles gut geht, Ruhm einsammeln. Ich kann mich

an der Ehrerbietung von allerlei Volk besaufen ... Sehr schön, von

solchen, die noch niedriger stehen, als ich, also gerade die, welche ich

noch nicht einmal achten kann. Deren Anerkennung mir in der Wirklichkeit

nicht einen Pfifferling wert sein sollte. Und so ... leben, leben bis

zum Ende! ... Weiter nichts! Und war ich noch so bedeutend, -- am Ende

wird mir der Lorbeerkranz an den kahlen Schädel wachsen, daß es mir nur

Ekel hervorruft.«

»So? ... Vor dir selbst? ...« fragte Nowikow mit gemachtem Spott, völlig

unklar, warum er eigentlich fragte und woher ihm die Lust zum Spotten

kam.

Aber Jurii achtete garnicht darauf. Er fuhr, voll Trauer in seinen

Worten, fort, zu reden, ohne zu merken, mit welcher Befriedigung er

ihnen lauschte; sie schienen ihm prachtvoll und eindringlich und riefen

in ihm ein eigensinniges, erhebendes Gefühl hervor.

»Und schlimmstenfalls bleibe ich ein unbekanntes Genie, ein lächerlicher

Schwärmer, wert als Objekt für Witzblätter zu dienen, ein Mensch ohne

Sinn und Verstand. Keinem zu Nutzen ...«

Nowikow fiel ihm ins Wort. Er wünschte sich seine eigenen Gedanken

wegreden zu können, wenn er auch fühlte, wie zwecklos dieses Gerede war.

»Aha! -- -- -- Niemandem nützlich, sagst du! Du merkst also selbst, das

heißt, du gestehst ...«

»Welch ein komischer Kerl du bist,« unterbrach ihn seinerseits Jurii.

»Meinst du wirklich, daß ich mir nicht ganz klar bin, wofür man leben

und was man glauben könnte? ... Vielleicht würde ich mich mit Freuden

kreuzigen lassen, wenn ich nur wüßte, daß mein Tod die Welt retten wird.

Aber so, was ich auch tun mag, an der Endsumme, die einmal die

Geschichte ziehen muß, ändere ich verdammt wenig. Ach, garnichts, und

der ganze Nutzen, den ich bringen kann, -- -- -- Ihr redet ja immer vom

Nutzen, -- -- -- das ist ja alles so gering, so nichtig, -- -- -- und

wenn ich überhaupt nicht wäre, die Welt hätte keinen Jota Nachteil

davon. Aber es gehört sich nun einmal so, und ich muß für diesen Wert,

geringer als ein Jota, leben und leiden und qualvoll auf meinen Tod

warten. -- -- -- Als anständiger Mensch, -- -- --«

Es fiel Jurii garnicht auf, daß er allmählich auf ein anderes Thema

übergegangen war und zuletzt nicht mehr auf Nowikows Worte antwortete,

sondern zu sich selbst sprach, zu seinen eigenen, sonderbaren und

unbestimmten Empfindungen. In diesem Augenblick erinnerte er sich wieder

Semionows Reden über den Tod und ein kaltes, widerwärtiges Grauen lief

ihm den Rücken herunter.

»Weißt du, diese Unvermeidlichkeit quält mich,« sagte er still und

vertrauensvoll, indem er mechanisch durch das dunkel gewordene Fenster

schaute. »Ich weiß, daß alles ganz natürlich ist, daß es dagegen gar

kein Ankämpfen gibt, -- -- aber doch, es ist entsetzlich und

abscheulich.«

Nowikow verstand, daß in diesen Worten etwas Richtiges liegen mochte; er

wurde noch trübseliger. Dennoch zwang er sich, ruhig und nüchtern zu

erwidern: »Der Tod ist eine nützliche, physiologische Erscheinung.«

-- -- Welch ein Narr ist das, dachte wütend Jurii; aufgeregt gab er ihm

zur Antwort:

»Ach mein Gott, was geht es mich im Grunde an, ob unser Tod jemandem

Nutzen bringt oder nicht. Alles Unsinn!«

»Und deine Kreuzigung? ...«

»Das ist eine ganz andere Sache,« antwortete er unentschlossen und mit

einemmal ernüchtert.

»Du widersprichst dir selbst,« bemerkte Nowikow; er fühlte seine

Ueberlegenheit, war aber doch großmütig genug, Jurii in diesem

Augenblick nicht anzusehen.

Jurii fing diesen Ton auf. Er war empört und erhitzte sich aufs äußerste

über Nowikows Ruhe. Wild fuhr er sich mit seinen Händen durch die

widerspenstigen, schwarzen Haare, und schrie wütend:

»Ich widerspreche mir überhaupt nicht. Das ist ganz klar. Es ist ein

großer Unterschied, ob ich selbst nach meinem eigenen Wunsche sterbe

...«

»Ganz egal ist es, mein Lieber.« Nowikow fuhr in seinem überlegenen Ton

fort, ohne aufzublicken. »Was euch kränkt, -- -- -- ihr wollt eben alle

Feuerwerk und Applaus haben. Egoismus, mein Lieber, das ist alles.«

»Und wenn schon, das ändert an der Sache nichts.«

Das Gespräch verwickelte sich. Jurii merkte, daß etwas nicht in Ordnung

war, er konnte aber nicht mehr den Faden herausfinden, der ihm noch eine

Minute vorher, so straff gespannt wie eine Saite schien. Aergerlich

rannte er im Zimmer auf und ab und dachte wie immer in solchen Fällen,

um sich selbst zu beruhigen: Es kann einfach nichts Vernünftiges

herauskommen, wenn die Stimmung nicht klappt. Mal spricht man so klar,

daß einem alles wie selbstverständlich vor den Augen liegt, und ein

anderes Mal wieder ist es einem, als ob die Zunge im Munde festgebunden

wäre. Alles platzt dann so ungeschickt und grob heraus, ja, das kommt

schon vor.

Sie schwiegen beide eine Weile. Jurii lief immer noch im Zimmer umher,

dann blieb er kurze Zeit vor dem Fenster stehen. Er starrte hinaus.

Plötzlich wendete er sich um und griff zur Mütze.

»Gehen wir etwas spazieren,« sagte er hastig.

»Gut, gehen wir!« Nowikow willigte mit der geheimen Hoffnung ein, daß

ihnen der Zufall vielleicht Lyda Ssanina in den Weg führen werde.

Ssanin: Roman · 第 28 / 97 题