VIII

Jurii Swaroschitsch beschäftigte sich seit langem mit Malerei; er liebte

sie und opferte ihr seine ganze freie Zeit. Einmal hatte er davon

geträumt, Kunstmaler zu werden. Zuerst hinderte ihn Geldmangel an der

Ausführung seiner Pläne, später kam die Parteitätigkeit dazwischen,

schließlich griff er nur hin und wieder einmal zu Pinsel und Palette.

Da ihm jede Schulung fehlte, brachte ihm seine Kunst nur Unzufriedenheit

und Enttäuschung. Jedesmal, wenn die Arbeit plötzlich nicht mehr weiter

gehen wollte, erregte sich Jurii furchtbar und litt tagelang unter dem

Bewußtsein seiner künstlerischen Unzulänglichkeit. Gelang ihm aber

wirklich einmal ein Werk, so geriet er in träumerisches Nachdenken; dann

fraß der Gedanke an ihm, daß sein ganzes Arbeiten zwecklos sei und ihm

doch kein Glück bringen könne.

Von Karssawina war Jurii entzückt.

Er liebte solche hochgewachsenen und vollen Frauen mit den reinen

Stimmen und etwas sentimentalen Augen. Aber alles, was er von

Karssawinas Reinheit und seelischer Feinheit empfand, war nur durch ihre

Schönheit, ihr zärtliches Wesen in ihm hervorgerufen worden. Aus irgend

einem Grunde jedoch wollte er sich das selbst nicht eingestehen und

suchte sich mit aller Mühe zu überzeugen, daß ihm nicht die Schultern,

die Brust und die Augen dieses Mädchens gefielen, sondern ihre

Jungfräulichkeit und Unberührtheit. Zwar hätte er nicht leugnen können,

daß ihn gerade diese jungfräuliche Unberührtheit in Erregung versetzte;

trotzdem schienen ihm seine Gedanken in dieser Gestalt edler und besser.

Doch schon vom ersten Abend an entstand in ihm ganz langsam die unklare

Gier, welche er von früher her kannte, die ihm aber bis jetzt noch nicht

zum Bewußtsein gekommen war, Karssawina ihrer Reinheit zu berauben. Es

waren Gedanken, wie sie stets in ihm auftauchten, wenn er auffallend

schönen Mädchen begegnete.

Diesmal aber schlugen sie einen besonderen, eigenartigen Weg ein. Je

mehr er sich mit Karssawina beschäftigte und ihr blühendes Leben vor

Augen sah, um so dringender wurde er von dem Wunsche gepackt, das Symbol

dieses Lebens zu malen.

Kaum war die Idee in ihm aufgetaucht, als er sich auch schon voll

Begeisterung auf sie stürzte, ganz berauscht von ihr und fest überzeugt,

sie dieses Mal bis zu Ende durchführen zu können.

Er spannte sich eine große Leinwand auf und machte sich mit fieberhafter

Eile, als befürchtete er, sich zu verspäten, an das Bild. Sowie er die

ersten Pinselstriche hingeklatscht hatte und auf der Leinwand

strahlende, saftige Flecken erschienen, bebte er am ganzen Körper vor

Begeisterung und Kraft; sein zukünftiges Werk stand in allen

Einzelheiten leicht und interessant vor seinen Augen.

Je weiter die Arbeit vorschritt, um so stärkere technische

Schwierigkeiten, die ihm unüberwindlich erschienen, ergaben sich. Was

ihm die Phantasie hell und kraftvoll vorgespiegelt hatte, wurde auf der

Leinwand schwach und flach. Auch die Einzelheiten, die ihn zuerst so

stark anzogen, lockten ihn jetzt nicht mehr; sie verwirrten ihn nur und

blendeten ihn.

Jurii hielt sich nicht länger bei den Details auf und begann statt ihrer

die Striche breit und nachlässig anzulegen. Allmählich trat ein

oberflächlich hingeworfenes, graues Frauenzimmer hervor, ohne jede

Originalität; alles matt und schwerfällig. Jurii trat ein paar Schritte

zurück, eine Zeitlang starrte er abwesend auf die bunte Fläche. Dann sah

er plötzlich ein, daß sein Bild nichts Persönliches ausdrückte, sondern

einfach die Kartons von Much nachahmte; selbst seine Idee war nur banal

gewesen.

Ihm wurde matt und traurig zumute.

Hätte er nicht geglaubt, daß Weinen beschämend sei, so wären ihm jetzt

die Tränen gekommen. Am liebsten würde er den Kopf in die Hände

vergraben haben, schluchzend und über irgend etwas klagend, nur nicht

über seine eigene Kraftlosigkeit. Doch so saß er nur finster vor seinem

Bilde und dachte, daß sich das Leben selbst langweilig und schwächlich

abrolle und nichts mehr enthalte, was ihn anregen könne. Und plötzlich

überfiel ihn geradezu mit Entsetzen der Gedanke, daß er vielleicht dazu

verurteilt sei, noch viele Jahre in diesem Neste zuzubringen.

-- -- -- Dann besser der Tod, dachte Jurii und ein Kälteschauer überlief

ihn. Und unter der Anspannung, in der sich sein Hirn befand, setzte sich

dieser Gedanke sofort in den Wunsch um, den Tod zu malen.

Jurii griff zum Messer und begann mit einer Gehässigkeit, die ihn selbst

empörte, sein »Leben« abzuschaben. Gleichzeitig aber ärgerte es ihn, daß

dieses Bild, an welchem er mit solcher Begeisterung gemalt hatte, jetzt

nur mit Mühe von der Leinwand verschwinden wollte.

Die Farben lösten sich nur wie unwillig, das Messer schmierte, sprang ab

und machte jedesmal zu Juriis größter Wut einige Risse in den Grund.

Dann stellte es sich heraus, daß die neuen Kohlenstriche nicht auf der

öligen Unterlage sitzen wollten, und dies verursachte ihm wiederum

geradezu körperliche Schmerzen.

Er griff zum Pinsel und begann sofort Braun aufzusetzen, verlor aber

gleich wieder alle Energie und malte langsam, nachlässig, unter schwerem

und trübem Nachsinnen weiter.

Das Bild, das er jetzt im Kopfe hatte, verlor nicht, sondern gewann

geradezu durch die Oberflächlichkeit der Pinselführung und den matten,

schleppenden Ton der Farben. Dazu war die ursprüngliche Idee des Todes

wie von selbst geschwunden, das Motiv wurde unter Juriis Pinsel zu einer

Darstellung des Greisentums. Er malte es in der Gestalt einer

abgerackerten, knochigen, alten Frau, die auf einem ausgetretenen Wege,

einen Sarg auf dem Rücken, in grauer, trauriger Dämmerung

dahinschleicht.

Man rief Jurii zum Mittagessen, aber er ließ sich nicht aufhalten,

sondern malte ununterbrochen weiter. Später kam auch Nowikow und begann

ein Gespräch mit ihm, doch er hörte ebensowenig hin, blieb stetig bei

seiner Arbeit und gab ihm keine Antwort.

Nowikow ließ sich aufseufzend auf dem Divan nieder; er war es ganz

zufrieden, schweigen und denken zu können. Zu Jurii war er nur gekommen,

weil er es nicht ertragen konnte, allein zu Hause zu sein.

Die Ablehnung Lydas quälte ihn sehr; aber er war sich selbst nicht klar,

ob er sich ihrer mehr schämte oder an ihr seelisch verkümmerte. Die

Klatschereien über Lyda und Sarudin waren ihm noch nicht zu Ohren

gekommen, trotzdem sie schon überall in der Stadt aufstiegen. Daher war

er auf niemanden eifersüchtig, sondern litt nur unter der Zerstörung

seines Traumes, der ihm eine Zeitlang nahe und glänzend erschienen war,

so daß er sich bereits voll seinem Glück hingegeben hatte.

Obgleich er, während er auf Juriis Bild starrte, darüber nachsann, wie

jetzt auch sein Leben verderben und alt werden mußte, kam ihm nicht

einen Augenblick lang der Gedanke, daß er sterben könne. Er begriff nur,

daß es nunmehr, seitdem er sein persönliches Leben aufgegeben hatte,

seine Pflicht sei, für andere Menschen zu leben. So war ihm bereits

unklar der Gedanke aufgetaucht, hier alles stehen und liegen zu lassen

und nach Petersburg zu fahren, wo er wieder die Beziehungen zur Partei

anknüpfen konnte. Von dort bis zum Tode war es nicht weit.

Schon das Bewußtsein, daß ihm diese Idee, die ihm erhaben und schön

dünkte, ganz allein gehöre, gab ihm Trost. Sein eigenes Bild umrahmte

sich vor seinen Augen mit einer lichten, schwermütigen Glorie, und durch

den unwillkürlichen leisen Vorwurf gegen Lyda, der sich darin zeigte,

wurde er so tief gerührt, daß ihn fast ein trockenes Weinen ergriff.

Allmählich wurde ihm das Nachdenken langweilig. Jurii malte

ununterbrochen fort und schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Nowikow erhob

sich mit seiner angeborenen Bequemlichkeit und trat auf ihn zu.

Vorläufig fehlte dem Bilde noch jede tiefere Ausführung, aber gerade

deswegen machten seine grellen Andeutungen auf Nowikow einen tiefen

Eindruck. Ihm schien das Bild wunderbar. Er öffnete ein wenig den Mund

und blickte mit naiver, unverhohlener Begeisterung auf Jurii.

»Nun was?« fragte Jurii zur Seite blickend.

Ssanin: Roman · 第 27 / 97 题