9. Gutachten

des Dr. H. Schneegans, Univ.-Professor, Würzburg.

Dem mir im Schreiben des kgl. Untersuchungsrichters E. A.-V.-Z. VII

610-08 Tab. Nr. 73/08 E. vom 28. Dezember 1908 auferlegten Auftrage, ein

Gutachten abzugeben ȟber den literarischen und kulturhistorischen Wert

des Romans »_Ssanin_« von Artzibaschew, über die wissenschaftliche

Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen in ihm und die Güte der

Uebersetzung, sowie darüber, ob die Darstellung geschlechtlicher

Vorgänge (s. insbesondere S. 88-90, 94, 96, 196-197, 211-213, 231-233,

236, 246-248, 316-318, 419-421, 430, 435, 439-443, 445-446, 470-473,

494) durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaßen in den

Hintergrund gedrängt wird, daß das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des

normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird«, erlaube ich mir im

folgenden nachzukommen.

Zunächst glaube ich feststellen zu müssen, daß nach meiner Ansicht im

Roman von einer _wissenschaftlichen_ Bedeutung oder Tendenz keine Rede

sein kann. Ich wüßte nicht, welche »wissenschaftlichen Zwecke« hier

vorherrschen sollten. Eine wissenschaftliche »Belehrung« über erotische

Fragen will der Roman nicht geben. Er ist nicht wissenschaftlicher als

irgend ein anderer Roman. Es wäre ein ungerechtfertigter Mißbrauch, wenn

er diesen Namen beanspruchen wollte. Eine andere Sache ist es natürlich,

ob man vielleicht in späterer Zeit aus der Darstellung erotischer

Vorgänge, resp. der Erörterung erotischer Fragen in diesem Roman für

eine Kulturgeschichte Rußlands im zwanzigsten Jahrhundert Nutzen wird

ziehen können. Das glaube ich allerdings, doch gilt das mutatis mutandis

von jedem kulturgeschichtlich interessanten Roman.

Was die _literarische_ Bedeutung des Romans betrifft, so ist er an und

für sich als dichterische Komposition nach meinem Dafürhalten keine

hervorragende Leistung. Die ziemlich lose aneinander gereihten Bilder

der Liebesverhältnisse mäßiger russischer Kleinstädter vermögen kein

sonderliches ästhetisches Interesse zu erwecken. Es fehlt dem Roman an

Geschlossenheit der Handlung und an der Erzählung einer spannenden

Begebenheit, die Personen sind nicht alle scharf gezeichnet, einige

Nebenfiguren heben sich nicht von den andern ab. Im schönsten gelungen

ist die Schilderung der Naturvorgänge und am tiefsten die Darstellung

der psychischen Zustände der einzelnen Personen.

Die wirkliche Bedeutung des Romans ist aber gewiß nach der

_kulturgeschichtlichen_ Seite zu suchen. Darüber sagt treffend das

Vorwort S. VIII: »Man wird die gegenwärtige Epoche, also die, welche die

revolutionäre ablöste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen

können, ohne den Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den

Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen.« Nach dem Scheitern der

Revolution zog sich die »Intelligenz« in Rußland, wie aus S. X, XI

hervorgeht, von der Politik zurück. »Man suchte nach dem Neuen.« Dieses

Neue fand man, wie es scheint, in der praktischen Ausübung der freien

Liebe. »Man sah, daß es Gebiete des täglichen Lebens gab, die, trotzdem

sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals

hätte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem

Zeitpunkt das erlösende »Wort« für die unbewußten Empfindungen

gesprochen worden wäre.« Dieses Wort sprach Ssanin aus. Deshalb gilt

nach dem Vorwort Artzibaschew als der charakteristische Vertreter des

heutigen Rußland. Der Roman scheint ungeheuren Anklang gefunden zu

haben, da nach kurzer Zeit die 10000 Exemplare der ersten Auflage

vergriffen waren. »Für jeden gesunden Menschen,« heißt es im Vorwort S.

XII »ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollständig

eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin

nun kommt Ssanin den oben erwähnten sozialen Unterströmungen entgegen

und weist ihnen den offenen Weg.« Wenn das in der Tat in Rußland

zutrifft, so bedeutet das für die russische Gesellschaft zugleich den

Bankerott in sittlicher und infolgedessen auch in politischer Beziehung.

Deshalb dürfte in letzterer Hinsicht das Buch weit entfernt sein, eine

Gefahr für die russische Regierung zu bedeuten. Die schwachen, jedem

Liebestaumel sofort erliegenden und bei jeder Schwierigkeit zum

Selbstmord als letzter Zuflucht greifenden Menschen, die der Roman

darstellt, sind keine Revolutionäre, die den Staat in irgend welche

Gefahr stürzen könnten. Ssanin, der »Held« des Romans, ist ein

blasierter, gleichgültiger, kalter Egoist. Er hat so wenig Pietät

gefühlt, daß er z. B. seine Mutter als Idiotin bezeichnet, er hat so

wenig Sinn für Freundschaft, daß er auf dem Grabe eines Freundes, dem er

die Geliebte geraubt hat, als man ihn bittet, auf ihn eine Grabrede zu

halten, antwortet: »Was ist hier zu reden? Die Welt ist um einen

Dummkopf ärmer geworden, das ist alles«; er ist so frei von moralischen

Bedenken, daß er z. B. seiner schwangeren Schwester den Rat erteilt, sie

möchte die Frucht ihres Leibes abtreiben. Den höchsten Zweck der

Menschheit erblickt er in folgendem: Er träumt »immer von der

glücklichen Zeit, wo zwischen den Menschen und dem Glück nichts mehr

stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm

zugänglichen Genüssen hingeben kann ... Die Menschen sollen die Liebe

genießen ... ohne Furcht und Entsagung ... ganz schrankenlos ... Und

dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von

Zufälligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern«. S. 469. Und

diese Freiheit gilt nach diesem russischen Evangelium ebenso für die

Frauen wie für die Männer. Heißt es doch nach S. 179: Entweder müsse man

»ewige Keuschheit bewahren oder sich _und auch der Frau_ natürlich volle

Freiheit gewähren, um sich dem Genuß der Liebe und Leidenschaft voll und

ganz hinzugeben.« So werden wir uns nicht wundern, daß Ssanin dem

Liebhaber seiner Schwester Nowikow gegenüber es zu rechtfertigen sucht,

daß sie sich einem andern Mann vorher hingegeben hat. Es sei nicht

schlimmer, als wenn _er_ eine Frau vorher geliebt habe. Und diesem

Gedanken gibt er den drastischen Ausdruck: »Wie oft bist du auf dem

Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier

gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund.«

Aus dieser Stelle mag sogleich hervorgehen, wie kraß die Ausdrucksweise

des Buches ist. Daß ein Roman, der in Liebesfragen eine so vollständige

Freiheit predigt, auch in der Schilderung erotischer Dinge kein Blatt

vor den Mund nimmt, ist selbstverständlich. Freilich einige der oben als

das sittliche Gefühl besonders verletzenden angeführten Stellen sind im

Ausdruck nicht so sehr derb. (S. 94, 96, 196-197, 211-213, 430, 435,

465-466, 494.) -- Dagegen sind die Stellen 88-90, 316-318, 419-421,

439-441, 472 recht kräftig. Immerhin sprechen sie nicht in

unverhüllterer Weise von erotischen Dingen als zahlreiche Stellen in den

Romanen Zolas (so in Nana, Pot Bouille, Germinal, Fécondité, oder in

Daudets Sapho, oder in zahllosen anderen französischen Romanen, die in

aller Händen sind. Ob obige Stellen das Scham- und Sittlichkeitsgefühl

des normal empfindenden Lesers verletzen, ist sehr schwer zu sagen.

Einem in der modernen Literatur nur einigermaßen bewanderten Leser

werden sie nicht besonders auffallen. In der antiken Literatur oder der

Renaissanceliteratur aller Kulturvölker, namentlich Italiens und

Frankreichs, finden sich Stellen, die noch viel freier von der

physischen Liebe reden. Eine Lektüre für die heranwachsende Jugend ist

das Buch natürlich nicht. Doch ist es weniger die Darstellung erotischer

Vorgänge, als die Predigt einer ganz schrankenlosen, über jedes

sittliche Bedenken sich hinwegsetzenden egoistischen Liebe -- oder um

dieses schöne Wort nicht zu entwürdigen, Befriedigung niederer Instinkte

--, die auf die Jugend verderblich wirken könnte. Ein in seinen

Grundsätzen nur einigermaßen gefestigter Leser wird das Buch viel eher

als »document humain« auffassen und auf die wenig interessanten

Persönlichkeiten des Buches das Wort Dantes anwenden: _Non ragioniam di

lor, ma guarda e passa._ (Sprechen wir nicht von ihnen; schau sie an und

gehe deines Weges).

Was endlich die Uebersetzung anlangt, so ist über die Güte derselben ein

wissenschaftliches Urteil nicht abzugeben, wenn man nicht das Original

zum Vergleich daneben hält. Uebrigens wäre es mir gegebenenfalls nicht

möglich, diesen Vergleich anzustellen, da ich kein Russisch verstehe. So

kann ich denn nur im allgemeinen sagen, daß die Uebersetzung sich leicht

und flüssig liest. Nur einige Ausdrücke fielen mir auf, die sich deutsch

merkwürdig ausnehmen. So S. 11, wenn von dem »_gedunsenen_, aber gut

gebauten und kräftigen Körper« die Rede ist, oder den Ausdruck S. 24

»Als Lyda an den Männern vorüberschritt, _zog_ sie den ganzen Körper ein

wenig an« oder S. 48 wenn vom »versterbenden Tag« gesprochen wird, oder

S. 242 »Was _gehst_ du denn gleich in die Höhe?« statt »springst du«

oder etwas ähnliches.

Damit meine ich auf alle Punkte, über die ich befragt worden bin, eine

Antwort erteilt zu haben. Eines kgl. Landgerichts hochachtungsvoll

ergebener

gez. Dr. H. Schneegans, Kgl. Univ.-Professor.

Ssanin: Roman · 第 17 / 97 题