8. Gutachten

des kgl. Oberstudienrats J. Nicklas in München.

Der Roman »Ssanin« von Artzibaschew ist nach meiner Meinung eine

Publikation ohne künstlerischen bezw. literarischen Wert. Das Werk, das

die jetzige Jugend Rußlands schildern will, wie sie von revolutionären

Ideen und Handlungen zur Erotomanie überging, entbehrt vor allem des

Rückgrates eines jeden literarischen Kunstwerks, der Handlung und der

Charaktere. Der Verfasser läßt seine »Helden«, die mit Ausnahme des

Egoisten Ssanin blasierte, abgelebte, lüsterne, erbärmliche junge Leute

sind, lediglich Zigaretten rauchen, in breiter, selbstgefälliger und

geschwätzigster Weise ohne tiefere Kenntnis der Welt über alles

mögliche, namentlich über ihre weltschmerzlichen Gefühle Raisonnements

anstellen; da sie sich in ihrem überreizten Empfinden in der Welt nicht

zurechtfinden und keinen Begriff von der Bedeutung der Pflicht und der

Arbeit haben, gefallen sie sich fortgesetzt in nichtigen

Gefühlsentladungen und suchen den Wert des Lebens in der Befriedigung

sexuellen Genusses. Nur die Darstellung der psychologischen Vorgänge in

der Brust der gefallenen Mädchen Lyda und Karssawina erhebt sich zu

einer gewissen literarischen Bedeutsamkeit.

Die Uebersetzung ist in fließender und gewandter Sprache gegeben, wenn

sie auch nicht immer frei ist von Inkorrektheiten.

Eine kulturhistorische Bedeutung, wie sie etwa Goethes »Werthers Leiden«

hat, oder gar einen wissenschaftlichen Wert kann ich dem Buche nicht

beimessen; denn auch ohne diesen Roman hat die Welt Kenntnis von den

gegenwärtigen soziologisch wichtigen Verhältnissen Rußlands und von

seiner Jugend. Diese Bedeutung kann das Werk schon deshalb nicht haben,

weil das Geschlechtsproblem nicht in ernster, zurückhaltender und

taktvoller Weise behandelt ist, sondern weil die Absicht des Verfassers

immer wieder allzu deutlich hervortritt, unter dem Deckmantel

künstlerischer Offenbarung auf den Kitzel niedriger Sinnlichkeit und auf

gemeine und teilweise perverse Instinkte zu spekulieren. Geradezu

abstoßend, ekelerregend und schamlos sind die unflätigen Szenen, in

denen ausführlich, eingehend und mit breiter Behaglichkeit dargestellt

wird, wie Sarudin gegenüber Lyda, sowie Jurii und besonders Ssanin dem

Mädchen Karssawina gegenüber sich benehmen. (S. 211 ff., 430 ff., 439

ff., 470 ff.)

Diese Darstellungen haben mit Kunst gar nichts zu schaffen, da sie nicht

die mindeste ästhetische Befriedigung hervorrufen und himmelweit

entfernt sind von einer Erhebung zu höherer sittlicher oder ästhetischer

Auffassung; sie gehen nur darauf aus, die Lüsternheit zu erwecken.

Schon diese Stellen allein würden das Urteil rechtfertigen, daß das Buch

geeignet ist, eine Verwirrung in die Vorstellungen von Sittlichkeit zu

bringen; aber auch noch viele andere Partien sind geeignet, die normalen

sittlichen Empfindungen der Leser zu verletzen. (S. 233, 248 ff., 311,

316 ff., 338, 419 f., 494.)

Auch das Vorwort, besonders S. VIII, wo von der Organisation der

Ssaninisti und von Verbindungen zum freien Geschlechtsgenuß unter

Gymnasiasten und Gymnasiastinnen die Rede ist, ist angetan, die Jugend

sittlich zu gefährden; es ist dies umsomehr zu befürchten, als

anzunehmen ist, daß das Buch, falls es frei gegeben würde, besonders von

der Jugend gelesen werden würde.

Die Rücksicht auf die körperliche und seelische Gesundheit unserer

Jugend verlangt gebieterisch, die deutsche Jugend vor der Lektüre

solcher literarischer Erzeugnisse zu schützen, und zwar umsomehr, als

die Welt nichts verliert, wenn das in Rußland beschlagnahmte Buch auch

in Deutschland verboten wird.

München, 15. Januar 1909.

gez. J. Nicklas, K. Oberstudienrat.

Ssanin: Roman · 第 16 / 97 题