Der Gesamteindruck des Werkes in literarischer Hinsicht ist kein
günstiger. Es fehlt der einheitliche Aufbau und die das Ganze mehr oder
minder beherrschende Haupthandlung. Es sind vielmehr aneinandergereihte,
innerlich wenig oder gar nicht verknüpfte Bilder, meist Gruppenbilder
von Personen, die der Verfasser uns eigens vorführt, um interessante
Typen aus dem russischen Gesellschaftsleben zu zeigen. So ist meines
Erachtens die Bezeichnung »Roman« nicht recht angebracht. Die Bilder
sind mit starkem Realismus gezeichnet und gewähren in der Tat tiefe
Einblicke in die russischen Verhältnisse, da sie sowohl das
landschaftliche, das soziale und das geistige Milieu, überhaupt das
Zuständliche, wie auch das individuelle Seelenleben anschaulich und
eindrucksvoll schildern. Insofern kommt dem »Ssanin« ohne Zweifel ein
kulturhistorischer Wert zu. Was aber den literarischen Genuß empfindlich
beeinträchtigt, ist die breite Wiedergabe zahlreicher, meist ziemlich
oberflächlicher philosophischer Erörterungen und Monologe, die -- im
Gegensatz zum Vorwort sei dies betont -- häufig nichts von Erotik
enthalten. Direkt unkünstlerisch, ja unästhetisch wirkt nach meinem
Geschmack die Behandlung geschlechtlicher Vorgänge -- ich lasse dabei
zunächst die moralische Seite außer acht. Wenn das Weib sonst in der
schönen Literatur auftritt, selbst da, wo ihm eine im ganzen
erniedrigende Rolle zugewiesen wird -- ich erinnere nur an Sudermanns
neuesten Roman »Das hohe Lied« -- so trägt seine Erscheinung doch
wenigstens stellenweise das Gepräge echter Schönheit und Weiblichkeit im
edlen Sinne. Das fehlt hier bei Artzibaschew ganz. Stets ist nur vom
Weib in rein physischer Beziehung, ich möchte sagen, in zynischer
Nacktheit, die Rede, von seinen Schenkeln, Brüsten, dem Rücken usw. --
sei es in der Phantasie des Mannes oder in Wirklichkeit. Und selbst der
Bruder tritt der Schwester mit solchen Empfindungen gegenüber, diese
einseitige Auffassung und Vorstellung des Verfassers hat literarisch
einen schweren, meines Erachtens seine ganze künstlerische Qualität in
Frage stellenden Mangel zur Folge, nämlich die Unfähigkeit zum
Differenzieren, was gerade bei einem so schwierigen Problem, wie dem des
Weibes und des Sexuallebens, besonders schwer ins Gewicht fällt.
Darunter leidet namentlich auch seine Charakterschilderung der Männer in
ihrem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Man hat das Gefühl, wie wenn
alle diese Männer das Weib durch genau die gleiche Brille besehen,
gleich begehrlich, gleichweit entfernt von jeder noch so bescheidenen
Würdigung des weiblichen Charakters als etwas nicht rein Sinnlichen,
Animalischen.
Nun mag vielleicht seine Grundauffassung vom Weib seitens des Mannes in
Rußland typisch sein -- ich kann mir das zwar nicht recht vorstellen,
daß in der Heimat der Frauenemanzipation und des weiblichen
Studententums die Frau keine andere Stellung gegenüber dem Manne sich zu
erringen vermochte und stehe diesem »Typus« des russischen
Gesellschaftslebens skeptisch gegenüber -- künstlerisch ist sie gewiß
nicht. Die Verwickelungen, die das Buch enthält, stehen zum Teil auf
sehr schwachen Füßen, oft spielen Zufälligkeiten, die keinerlei
logischen und psychologischen Zusammenhang mit dem sonstigen Verlauf der
Dinge haben (Karssawina und Ssanin im intimen Verkehr) eine
ausschlaggebende Rolle, und Lösungen (wie der Selbstmord Juriis) der
Konflikte treten mitunter ganz plötzlich und unmotiviert ein.
So darf denn meines Erachtens der literarische Wert des Buches trotz
mancher anerkennenswerter Lichtseiten im ganzen nicht hoch angeschlagen
werden. Schwerwiegende Mängel treten zu sehr in den Vordergrund, als daß
der Gesamteindruck ein erfreulicher genannt werden könnte.
2. Ueber die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer
Fragen.
Wissenschaftlich, d. h. in der Absicht, unser Wissen über das
menschliche Liebesleben irgendwie zu fördern, hat der Verfasser
erotische Fragen sicher nicht behandelt. Nicht ein höherer Zweck, wie
ihn das wissenschaftliche Streben im Auge hat, sondern einfach die
Absicht, Zustände und Anschauungen wie sie sind, darzustellen, hat dem
Verfasser die Feder geführt. Dann kann ich -- unbeschadet meiner
späteren Ausführungen unter Nr. 4 -- gleich hier beifügen, daß dem
Verfasser nach meiner Meinung auch kein verwerflicher Nebenzweck, etwa
absichtlichen Sinnenreizes bei Darstellung geschlechtlicher Vorgänge,
vorgeschwebt hat.