Darüber vermag ich mich nicht zu äußern in Ermangelung russischer
Sprachkenntnisse. Aber der Eindruck, den die sprachliche Form in der
vorliegenden Uebersetzung macht, ist fast durchweg günstig. Ich habe nur
an einigen Stellen Anstoß an Wortformen genommen, die anscheinend auf
kleine Mängel in der Sprachkenntnis zurückgehen, u. a. an dem öfters
wiederkehrenden Adjektiv »bange«, das -- entgegen unserem Sprachgebrauch
-- zu sachlichen Qualifikationen verwendet wird, so S. 263, 359, 364 und
373.
4. Wird die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge durch die
vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaßen in den Hintergrund
gedrängt, daß das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden
Lesers nicht verletzt wird?
Die so gestellte Frage muß ich bejahen. Wer ohne Voreingenommenheit an
die Lektüre des Ganzen herantritt, kann wohl an der oft bis zum Krassen,
Frivolen, ja Zynischen gesteigerten Realistik (bes. S. 196-197, 215,
231-233, 248, Kap. 26, S. 318, 428-429, 440-441 u. a.) Anstoß nehmen. Er
wird aber aus dieser Realistik nicht dem Autor einen sittlichen Vorwurf
machen, weil meines Erachtens auch das Ausmalen widerlicher Vorgänge,
die Darstellung abstoßender, niedriger Denkweise nirgends in der Absicht
geboten ist, Freude an pikanten, den Sinnenreiz erregenden Szenen zu
bezeigen und diese Freude etwa auf andere zu übertragen.
Die ganze Eigenart des Buches, das den Eindruck starker Wahrheitsliebe
und rückhaltloser Ehrlichkeit macht, ist nicht auf den gemeinen Grundton
pornographischer Schreibweise gestimmt. Der Verfasser, der nun einmal
die Zustände der russischen Gesellschaft ohne Schminke schildern wollte,
mußte die Farbe so auftragen, wenn aus einem Gemälde überhaupt etwas
Echtes, Brauchbares werden, wenn dabei ein »kulturhistorischer« rein
»wissenschaftlicher« Zweck im Auge behalten werden sollte.
Wenn ich krasse Vorkommnisse zu erzählen und dekadente Stimmungen zu
schildern habe, dann kann ich jene nicht formlos und diese nicht ideal
hinstellen -- will ich nicht der höchsten sittlichen Pflicht als Autor
mich entledigen. So sind nun einmal die Dinge in Rußland. Würde sie
Artzibaschew nicht schildern, wie sie sind, sondern, wie er sie haben
möchte, dann läge in Anbetracht zahlreicher Stellen seines »Ssanin« ein
Bestreben vor, das bei solch rauhem Realismus, wie er da zum Ausdruck
kommt, als äußerst bedenklich bezeichnet werden müßte. Das schließt aber
ohne Zweifel die Behauptung in sich, daß wir es hier mit einem
ausgesprochenen Tendenzroman zu tun haben. Und dieser Behauptung
widerspreche ich mit Entschiedenheit.
Wer sie verteidigt, der verurteilt indirekt den Ssanin als eine
pornographische Schrift. Denn wenn das geschlechtliche Leben und alles,
was damit zusammenhängt, nicht wirklich so wäre, wie es uns hier vor
Augen geführt wird, wenn es vom Autor mit seiner angeblichen Tendenz nur
so erdacht wäre, um die Unterlage einer neuen, erotischen Weltanschauung
zu bilden, -- das Vorwort Villards will das glauben machen -- dann müßte
sich allerdings das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal
empfindenden Lesers schwer verletzt fühlen.
Zustände und Anschauungen, noch dazu in einem fremden Lande, die aus
tausend Ursachen so geworden sind, die können wir aber, ob wir nun
Kenntnis davon haben oder nicht, ob sie sittlich gut oder verwerflich
sind, nicht ändern, nicht ablehnen, nicht durch literarische
Konfiskationen usw. beseitigen, Zumutungen aber, Aufdringlichkeiten
unsittlicher Art, kurzum Tendenzen, die im Gehirn eines Schriftstellers
ihren Ursprung haben, können wir ablehnen, von uns fernhalten, ebenso
gut wie die Zudringlichkeiten von Leuten, die uns am Leib und Leben, an
Hab und Gut schädigen wollen, nötigenfalls unter Anrufung des
gesetzlichen Schutzes. _Wer dem Ssanin des Artzibaschew anstelle der
harten und herben Realistik der Tatsachen eine solche Tendenz
vindiziert, der tut ihm meines Erachtens unrecht._
Indem nun aber das oben im ersten Teil meines Gutachtens ausführlich
erörterte Vorwort in denkbar anspruchsvollster Weise dem Buch eine
geradezu das Ganze beherrschende _erotische Tendenz_ zuschreibt, und
indem es die Schilderung der _ungeheuerlichen Wirkung solcher Tendenz_
dem, der das Buch zu lesen beabsichtigt, als die beste Empfehlung, die
wirksamste Reklame zur Weiterempfehlung aufdrängt, stempelt es, wie
ich oben bereits ausgeführt habe, das ganze Buch _zu einem
erotisch-tendenziösen_. Es zerstört seine nüchterne Realistik und nimmt
ihm seinen unverkennbaren kulturhistorischen, belehrenden,
wissenschaftlichen Charakter.
Ich stehe nicht an, zum Schluß meines Gutachtens meine Meinung dahin
zusammenzufassen: _Artzibaschews Ssanin an sich halte ich vom Standpunkt
des § 183 Ziffer 1 des St.-G.-B. für einwandfrei. Die vorliegende
deutsche Ausgabe jedoch mit Villards Vorwort fällt meines Erachtens
unter den Begriff einer unzüchtigen Schrift im Sinne des erwähnten
Paragraphen._
Pforzheim, 2. Februar 1909.
gez.: Prof. Dr. Karl Brunner.