von Professor Dr. Karl Brunner in Pforzheim.
Erster Teil.
Das Vorwort des einen Uebersetzers (André Villard) ist in seinen starken
Uebertreibungen und in seiner einseitigen Tendenz, die dem Buch selber
gar nicht in dem Maße eigen ist, geradezu irreführend und zwar, wie mir
scheint, in der Absicht, dem Roman einen sensationellen Empfehlungsbrief
mit auf den Weg zu geben. Ich halte diese Vorrede für bedenklich vom
literarischen wie vom ethischen Standpunkt aus, und zwar aus dem Grunde,
weil sie ein vorurteilsloses Herantreten an das Buch erschwert, ja für
viele unmöglich macht und diesem eine Tendenz vindiziert, die, so an die
Reklameglocke gehängt, den Verdacht erweckt, als wäre die Uebertragung
des Romans auf den deutschen Büchermarkt in dem Bestreben erfolgt, durch
Hervorkehren der erotischen Reize als den Aeußerungen einer neuen, fast
möchte man sagen, beglückenden Weltanschauung auf das Lesepublikum
bestechend zu wirken.
Kann dies nicht ohne starke Uebertreibungen, ja Entstellungen des
Inhalts des Romans geschehen, so ist der Verfasser des Vorworts auch um
solche Uebertreibungen nicht verlegen, wenn es sich darum handelt, diese
meines Erachtens unter § 184 Ziffer 1 fallenden Versuche einer mit
Sensationsmitteln arbeitenden Reklame mit hochtrabenden, den
oberflächlichen Leser bestrickenden Redewendungen von politischen,
kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen und Tendenzen des Buches
so zu verschleiern, daß sie nicht ohne weiteres faßbar erscheinen. Aber
ein dünn verschleiertes Objekt erotischer Neigungen ist erfahrungsgemäß
viel geheimnis- und reizvoller, als ein unverhülltes. Und wenn
beispielsweise S. 8 auf den wilden sexuellen Rausch, der auf den Ssanin
zurückgeht, in ziemlicher Breite hingewiesen wird. Anmerkung. Die Stelle
lautet: »Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurückgeht, hat
auch schon genug von sich hören lassen. Die Organisation der Ssaninisti,
die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum
ungehinderten Geschlechtsgenuß unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen,
die orgiastischen Klubs, die fälschlicherweise behaupteten, die
Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve
taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit für sich.« -- So muß
das den oben ausgesprochenen Verdacht um so mehr bekräftigen, als
derartige »orgiastische Klubs« in Rußland längst vor dem Erscheinen des
Ssanin bestanden haben, hier also gewissermaßen künstlich herbeigezogen
werden, als eine Folge des Romans. Daran ändert nichts die scheinbare
Verurteilung solcher Exzesse durch den Vorredner. Wenn aber tatsächlich
solche »Propaganda-Vereine der freien Liebe« u. a. in Schüler- und
Schülerinnenkreisen, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, ihre
Daseinsberechtigung auf Ssanin zurückführen, dann möchte man wahrlich
noch vor Beginn der Lektüre selbst das Buch weit, weit wegwünschen aus
dem Bannkreis deutschen Lebens -- zurück in den tiefen moralischen
Sumpf, aus dem es erwachsen ist.
Doch damit habe ich noch nicht das Buch selbst charakterisieren wollen.
Es sind dies nur Gedanken, die die Vorrede nahelegt.
Es erwächst mir nur die Pflicht, durch eine eingehende Kritik des
Vorwortes diese meine Auffassung zu begründen, um dann im zweiten Teil
meines Gutachtens das Buch selbst zu behandeln.
Wenn ich auf die kaum acht Seiten umfassenden Vorbemerkungen so
ausführlich eingehe, so dürfte das in der starken Wirkung dieser
Darlegungen seine Berechtigung finden.
Mir scheint, als hätte selten ein Verleger einen so geschickten
Verkünder der Sensation, die zudem der Roman selbst gar nicht hat,
gefunden. Offenbar haben die Ausführungen Villards über das Buch viel
mehr als dieses selbst die Auffassung weiterer Kreise über Ssanin
beeinflußt und die Lust es zu lesen hervorgerufen und gesteigert. Ich
konnte das aus dem Mund verschiedener Leute erfahren, die den Ssanin vom
Hörensagen kennen, wie ich es auch aus den Kritiken über das Buch
ersehen konnte, deren Abhängigkeit vom Vorwort unverkennbar ist.
* * * * *
Auf Seite 8 heißt es: »Selbst wenn er (Ssanin) nicht durch seine
künstlerischen Qualitäten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der
modernen Literatur Rußlands geworden wäre, hätten ihm doch
kulturhistorische Gründe bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die
gegenwärtige Epoche, also die, welche die revolutionäre ablöste,
psychologisch und soziologisch nicht beurteilen können, ohne den
»Ssanin« als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt
der Betrachtung zu ziehen.«
Welche starke Uebertreibung in diesem Lobpreis der künstlerischen
Qualitäten des Buches liegt, wird im zweiten Teil zu beweisen sein.
»Die kulturhistorischen Gründe«, die Ssanin als den charakteristischen
Niederschlag der ganzen jetzigen Epoche in den Mittelpunkt der
Betrachtung stellen sollen, sind keineswegs so besonderer,
eigentümlicher Art. Vielmehr lassen sich gerade die Prinzipien der
freien Liebe und ihre Betätigung längst vor der Revolution, so gut wie
in der Revolution und nach ihr, als in breiten Kreisen der russischen
Intelligenz vorhanden, nachweisen (s. u.). Durch diese Einreihung an
hervorragender, kulturhistorischer Stelle sollte nur dem Buch, das eine
realistische Schilderung tatsächlicher, keineswegs neuer Zustände
bietet, eine interessante Folie gegeben werden.
Auf Seite 9 heißt es: »Interessanter ist die Feststellung, wie es
überhaupt dazu kam, daß ein ganzes Volk für seine Gesamtäußerungen mit
einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und daß ein
einziges Werk -- eben der Roman Ssanin -- genügt, um sie hervorzurufen,
und sie mit seinem Namen zu decken. -- -- --
Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht -- wohl
aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen
Lebens ausprägt ... Einst beschränkte sie sich auf den Adel, -- heute
umfaßt sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe -- die
Intelligenz.«
»Ein ganzes Volk« -- bedeutet doch etwas anderes -- auch für Rußland --,
als wie wenige Zeilen weiter unten gesagt ist mit der Bezeichnung
»russische Gesellschaft«. Denn abgesehen davon, daß selbst diese Kreise
der Intelligenz keineswegs ein irgendwie einheitliches Gepräge tragen,
kommen doch für jedwede Beobachtung des russischen Lebens in seiner
Gesamtheit die Millionen von Angehörigen anderer sozialer Schichten in
Betracht, die selbst in ihrer Stagnation und Hemmung eine Macht bilden,
wie die Bauern, wenn sie nicht, wie die sozialistischen Kreise der
Städtebevölkerung eine aktive Rolle spielen.
Doch selbst diese Beschränkung des Begriffs »russisches Volk« zugegeben,
-- heißt es nicht _die Tatsachen vergewaltigen_, wenn man 1. die ganze
russische Gesellschaft »für ihre Gesamtäußerungen _nur noch erotische
Beziehungen_ finden läßt«, das lehrt uns ja der Roman mit seinen
zahlreichen Personen ganz und gar nicht -- und 2. »mit einem Mal« und
zwar »durch ein einziges Werk« so etwas hervorgerufen sehen will? Die
erste kühne Bemerkung muß jeden auf die Lektüre des Buches äußerst
gespannt machen. Denn selbst die Rolle der Erotik im Siecle de Louis
XIV. oder im Zeitalter der französischen Revolution, die dem
Geschichtskenner denkbar wichtig und tiefgehend erscheint, muß weit
zurücktreten, gegenüber einer so absolut allgemein gewordenen Lebens-
und Weltanschauung, wie sie uns hier verkündigt wird. Wohl folgen auf
Perioden ungeheuren Aufschwungs des Gemeinsinns und der Opferwilligkeit,
kurz der praktisch betätigten Begeisterung für hohe Ideale, wie sie der
russischen Revolutionsbewegung ohne Zweifel zugrunde lagen, solche des
Gegenteils, sei es stumpfer Apathie oder krassen Egoismus. Und gerade
der slavische Rassencharakter neigt mehr als ein anderer besonders stark
zu solchen Widersprüchen. Aber daß eine große Volksbewegung die im Zug
der Zeit liegt und sich wohl vorübergehend -- aus inneren sozialen,
kulturellen und nicht zum wenigsten religiösen Gründen -- unterdrücken,
niemals aber mehr ganz ausrotten läßt, eine Bewegung, die bei allem
Terrorismus so gut wie einstens die französische Revolution vom
Idealismus getragen war, sich ganz und gar auf den Standpunkt des
Zynismus zurückwerfen läßt -- durch ein einziges »Buch der
Contre-Revolution«, das zu behaupten ist eine Ungeheuerlichkeit. Aber es
klingt äußerst pikant, wenn gesagt wird: »Nichts hat in Rußland die
sozialrevolutionäre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war,
so endgültig der Zersetzung zugeführt, wie Ssanin mit seiner erotischen
Suggestion.«
Der Uebersetzer Villard, der solche Ungeheuerlichkeiten als Kenner der
russischen Verhältnisse, der er sein will, im Vorwort geschrieben hat,
kann nicht als so naiv erscheinen, daß er sich dessen nicht bewußt
gewesen wäre. Ich sehe in seinem Vorwort, das von Widersprüchen mit
feststehenden Tatsachen und mit dem Inhalt des Romans strotzt, einen
plumpen Versuch »einer erotischen Suggestion« auf den Leser um seine
eigenen Worte zu gebrauchen, d. h. einer Spekulation auf die besondere
Empfänglichkeit des Lesers für Erotika. Und dieser Suggestion kann sich
angesichts solch hoher Studienzwecke, wie sie die Vorrede vorspiegelt,
mit Beziehung auf den Ausgang der russischen Revolution, für die sich
doch alle Welt lebhaft interessiert hat, gar mancher nicht entziehen.
Ich behaupte, -- ich habe an einzelnen, sogar graß erscheinenden Stellen
mit urteilsfähigen Lesern, die die Vorrede nicht kannten, die Probe
darauf gemacht -- daß man, ohne die Vorrede gelesen zu haben, an dem
Buch als Ganzem keinen oder wenigstens keinen erheblicheren Anstoß
nehmen kann, als an zahlreichen anderen Büchern auch, die ungehindert im
Verkehr sind und daß die meisten der inkriminierten Stellen geradezu
besonders aufgesucht werden müssen, um an ihnen etwas Schlimmes zu
finden. Ich behaupte aber zugleich, daß das Vorwort geradezu diese
Stellen heraushebt, indem es der Erotik in dem Buch einen solchen
Einfluß zuschreibt mit der Aeußerung: »Wohl noch niemals wurden durch
ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft
von Grund aus verändert zum Ausdruck gebracht.«
Mit wenigen Ausnahmen werden die meisten Leser nach Einblick in die
Vorrede auch in den Kreisen, denen allein das Buch für 6,50 Mark
zugänglich ist, -- Anmerkung: Ich betone das, weil mir im Kampf gegen
die schlechte Literatur öfters entgegen gehalten wurde, daß Bücher mit
verhältnismäßig hohem Preise, schon ihres beschränkteren Leserkreises
wegen nicht zur Schundliteratur gerechnet werden könnten, -- von
vornherein ihr besonderes Augenmerk auf die erotischen Stellen richten
und darüber die künstlerische Seite des Werkes und die tatsächlich
interessante Darstellung des sozialen und kulturellen Lebens, kurz die
wissenschaftliche Seite, vernachlässigen oder die oft langatmigen, nicht
eben tiefen Philosopheme einfach überschlagen, bis sie wieder den von
dem Vorwort angedeuteten Spuren begegnen. Dadurch bekommt das Werk einen
Charakter, den ihm der Verfasser ganz und gar nicht gegeben hat.
Statt daß der Leser mit einem auf das Große gerichteten Interesse eine
realistische, meines Erachtens überhaupt kaum tendenziös gefärbte
Schilderung der Verhältnisse und Zustände in der russischen Gesellschaft
hinnimmt, muß er sich im Vorwort suggerieren lassen, daß es sich hier um
»das Neue« handelt, das man sucht, er muß sich sagen lassen, daß es sich
hier -- ausgerechnet in diesem Buch -- um die Veränderung einer gesamten
Anschauung von Grund aus handle, er hört -- und das wird vielen aus
gesellschaftlichen Gründen verkappten Anhängern der »freien Liebe«
willkommen sein, -- daß die Ssaninisten, »endlich die leidige
Konspirativität, die traditionelle Geheimniskrämerei beiseite werfen
können«, daß die Erotomanie -- frei von gesellschaftlichen Vorurteilen
eben wegen jener fundamentalen Umwälzung der Gesellschaftsanschauungen,
nun stolz das Haupt erheben darf -- nur soll sie es nicht so laut und
lärmend machen, wie die Ssaninisten, sondern mit »behutsamem Stolz.«
Diese Ausführungen des Vorworts stehen, wie bereits angedeutet, in
völligem Widerspruch 1. mit den Tatsachen der Wirklichkeit wie 2. mit
dem Inhalt des Romans und involvieren eine Tendenz, die meines Erachtens
mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen ist, denn sie machen erst den
Roman zu einem sittlich minderwertigen Literaturprodukt, das er, an sich
betrachtet, nicht ist.
Fürs erste (Widerspruch mit den Tatsachen) mögen einige wenige Hinweise
genügen. Aus eigener Kenntnis und auf speziell eingezogene Erkundigungen
weiß ich, daß sich bei russischen und polnischen Studenten, die bei uns
auf deutschen Hochschulen weilen, das weitaus größte Interesse in der
Betätigung erotischer Neigungen erschöpft -- ein besonders grasser Fall
ist erst unlängst in Karlsruhe vorgekommen, der mit Mord und Selbstmord
endete. Und beim russischen Militär, insbesondere beim Offizierskorps,
ist eine ähnliche oder noch niedrigere Stellung des Weibes, wie sie ihm
in diesem Roman der Offizier Sarudin zuweist, wahrlich schon längst
traditionell geworden. Ich kann dafür Belege aus unserem hiesigen
industriellen Leben beibringen, die ich mir für diesen Zweck aus
authentischen Quellen verschafft habe.
Eine einzige hiesige Firma hat zusammen mit ihrem Pariser Hause während
des russisch-japanischen Krieges Bijouterie für Damen nach Ostasien,
speziell an ihr eigenes dafür errichtetes Geschäftshaus in Charbin im
Betrag von 4-5 Mill. Frcs. geliefert -- für die mit der russischen Armee
ausgerückten Scharen von Halbweltdamen. Nach Beendigung des Krieges
mußte das Importhaus dieser Firma in Charbin wieder ganz aufhören, und
der Vertreter einer anderen hiesigen Bijouteriefirma, der persönlich
monatelang auf dem Kriegsschauplatz war, kann grauenhafte Dinge von der
Erotik im russischen Lager erzählen, der man ja wohl mit Recht einen
großen Teil der Schuld gibt an der Niederlage der Russen.
Daß solche Anschauungen bei russischen Studenten, wie bei russischen
Offizieren herrschten, wußte man im Grunde genommen bei uns und überall;
man stieß sich nicht einmal daran, man nahm das eben als »russisch« hin,
als Ausdruck der Korruption gewisser Kreise, mit denen wir sonst keine
Gemeinschaft suchen.
Wenn aber, wie das im Vorwort geschieht, diese speziell »slavische
Schweinerei« -- so hört man sie wohl gelegentlich bei uns nennen -- auf
eine allgemein menschliche Basis gestellt wird, wenn damit eine
Passivität gegenüber aller Auflehnung gegen die staatliche Ordnung,
namentlich aber die Befriedigung eines persönlichen Freiheitsdranges
(»Ich lebe für mich« Seite 12), verknüpft wird, so liegt darin meines
Erachtens eine schwere Gefahr, zugleich aber auch eine ungeheuere
Anmaßung der Träger jener zersetzenden Weltanschauung, die die Kraft der
slavischen Rasse so verhängnisvoll untergraben hat, die auch
erschreckend am Mark der romanischen Völker nagt und auch in unserem
Volk, besonders durch die herrschenden Richtungen in der Literatur,
immer mehr Boden gewinnt. Es ist wohl kein Zufall, daß sich ein Franzose
-- als solchen darf ich wohl Herrn A. Villard, den Verfasser des
Vorworts, vermuten -- so lebhaft zum Propheten des neuen Evangeliums der
freien Liebe aufwirft.
Wenn in der Tat das Buch als Ausdruck einer längst vorhandenen Stimmung
»dessen was in der Jugend schon seit Jahren gärte --« so korrigiert Kurt
Aram in der »Frankfurter Zeitung« das Vorwort -- (»Frkf. Ztg.« 1908, 16.
September, Abendblatt), nicht als Ausgang einer neuen Bewegung -- auch
nur annähernd die Wirkung in Rußland hervorrief, die die Vorrede
andeutet -- ich kann das mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln
nicht genügend beurteilen, habe aber Nachforschungen in Rußland selbst
angestellt, über die literarischen Wirkungen des Buches, deren Ergebnis
ich nachzutragen hoffe --, wenn diese Wirkungen tatsächlich
hervorgerufen wurden, dann ist bei der Sensationssucht, mit der unsere
Presse sowohl wie nicht selten auch aus rein geschäftlichen Gründen
unser Buchhandel spekuliert (vgl. den Fall Ganter), nicht
ausgeschlossen, daß auch bei uns das Buch eine Mission erfüllt -- von
erschreckender Wirkung. Denn die Faktoren, die einem Buch -- ohne
Rücksicht auf seinen Inhalt und wirklichen Wert -- einen Riesenerfolg
bereiten, sind vollkommen unberechenbar, wie die Schicksale mancher
literarischer Produkte der jüngsten Zeit beweisen.
Die reklamehaften Behauptungen des Vorworts stehen aber zweitens auch im
Widerspruch mit dem Roman und seinem Inhalt selbst. Aus der
überschwenglichen Art, wie hier im Vorwort gerade die erotische Seite
des »Ssanin« dargestellt wird, möchte ich fast den Schluß ziehen, daß
die erotischen Momente, die im Roman selbst für das ins Auge gefaßte
Publikum zu nüchtern behandelt sind, im Vorwort zum Zweck größeren
Erfolgs aufgebauscht, ja direkt in falsches Licht der Beurteilung
gerückt werden.
Sonst könnte Villard nicht von »Veränderungen der gesamten Anschauungen
einer Gesellschaft von Grund aus« sprechen, er könnte auch nicht
sprechen vom Beiseitewerfen der traditionellen Geheimniskrämerei in
solchen Dingen. Die beiden praktischen Vertreter der freien Liebe im
»Ssanin« sind genau so befangen in den konventionellen Schranken und
genau so ehrbar nach außen, wie solche Leute bei uns zu sein pflegen.
Ja, wenn sie noch die Schranken durchbrächen und in ihrer »neuen
Weltanschauung« sich vor die breite Oeffentlichkeit stellten, das denkt
und wünscht sich offenbar der Uebersetzer, der Autor ist ganz anderer
Meinung.
Zunächst konnte der im Vorwort besprochene Zusammenhang zwischen dem
Sexualleben und der russischen Revolution einem, der von sexuellen
Erregungen, von besonderen seelischen Schwingungen bei derartigen
sozialen Erschütterungen gehört hat, einleuchtend erscheinen, zumal,
wenn es sich um solche Erscheinungen während der Revolution handelt, von
denen Villard (S. 11) andeutungsweise spricht. Der Hinweis auf die
Anarchisten mit ihrem Terrorismus, die Villard als die Pfadfinder
Ssanins und der Ssaninisten bezeichnet, erinnert daran, daß in den
Kreisen der Anarchisten in der Tat auch »ein sexueller Rausch«
herrschte, freilich ganz anderer Art, als der von Villard angedeutete,
-- Anmerkung: Die von Villard geradezu als vorbildlich für die russische
Intelligenz hingestellte Betätigung der freien Liebe, seitens der
terroristischen Anarchisten, ist bekanntlich eine propagandistische
Forderung des Anarchismus überhaupt, -- nämlich eine pathologische
Ausprägung des Sexuallebens, der Sadismus.
Ueber diesen sagt Forel (Die sexuelle Frage, S. 239) in Uebereinstimmung
mit Lombroso, daß »durch Kampf und Schlacht und die vom Krieg
entfesselte Mordlust aufgeregte Soldaten zu viehischen sexuellen,
wollüstigen Exzessen geführt werden.« Ein erschütternder,
sinnverwirrender Beleg dafür findet sich speziell mit Bezug auf die
russische Revolution bei Bloch (Das Sexualleben unserer Zeit, 2. und 3.
Aufl., S. 646 ff.) mitgeteilt von Magnus Hirschfeld: »Ein Beitrag zur
Psychologie der russischen Revolution« (Entwicklungsgeschichte eines
algotagnistischen Revolutionärs, von diesem selbst verfaßt).
Von sadistischen Regungen ist aber in vorliegendem Roman nur ganz selten
andeutungsweise die Rede, solche Regungen kommen nach dem Urteil
hervorragender Sexualpsychologen häufig bei exzessiver Betätigung eines
normalen Geschlechtstriebes vor, sie geben darum auch dem »Ssanin«
keineswegs ein abnormes Gepräge.
Zweiter Teil.
(Disposition nach den im Schreiben des Untersuchungsrichters vom 31.
Dezember 1908 gestellten Fragen:)