über den Roman »Ssanin« von Artzibaschew von Professor Dr. Karl
Voll.
Artzibaschew gilt in russischen Schriftstellerkreisen als ein sehr
begabter junger Mann. Sein Roman »Ssanin« ist in der Tat, rein nach
seiner Schreibweise beurteilt, talentvoll und künstlerisch zu nennen,
obschon das Buch in Komposition und Handlung sehr unreif und auch
unbedeutend ist. Die wissenschaftliche Bedeutung der Erörterungen
erotischer Fragen halte ich dagegen für wertlos und ganz dilettantisch.
Ssanin will die freie Liebe, das genügt ihm und soll auch dem Leser
genügen; auf eine regelrechte ernsthafte Besprechung der für und wider
seine Ansicht geltend machenden Gründe läßt er sich nicht ein. Was er
aber zu gesunder reiner »Lebensanschauung« sagt, ist arg jugendlich.
Die Uebersetzung ist zwar leicht leserlich; aber obschon ich selbst
nicht russisch kann, so glaube ich doch sagen zu dürfen, daß sie nicht
gerade charakteristisch im Ton ist. Sie ist glatt, mehr aus
Oberflächlichkeit, als durch Feile. Die Darstellung geschlechtlicher
Vorgänge ist unverhüllt und krankhaft erotisch, in jener nervös
krankhaften Weise sogar, daß sie ansteckend wirkt. Man wird sich zumal
in jungen -- oder auch vorgeschrittenen -- Jahren dieser aufreizenden
Wirkung kaum ohne Mühe entziehen können. Das Buch ist Gift, vor allem
für die Jugend, worunter ich nicht allein die heranwachsende Jugend
verstehe; das ausgesprochen Krankhafte kann meines Erachtens dadurch
nachgewiesen werden, daß der Roman schon nahe an sadistischen
Schilderungen steht. Im Gegensatz zu der Behauptung, die Kurt Aram in
seiner beigelegten Besprechung aufstellt, ergaben sich die jungen
Mädchen, soweit sie aus besseren Kreisen stammen, durchaus nicht
freiwillig ihrem Freund oder Verführer, sondern selbst, wenn
Artzibaschew vorher alles mögliche beibringt, um die Mädchen in
erotische Hitze hineinzutreiben, so unterliegen sie regelmäßig nur der
brutalen Gewalt und es werden dann auch für die eine der Damen dann
sadistische Mißhandlungen angedeutet.
Aus diesem Grunde ist es mir nun aber schwer, zu beurteilen, ob der
Verfasser noch bona fide gehandelt hat. Es kann sein, daß er nach dem
Spruch zu betrachten ist: kratzt den Russen und ihr werdet den Barbaren
sehen; dann wäre es möglich, daß ihm, im Lande der Knute, solch
sadistische Betrachtungsweise nicht als Zeichen pornographischer Erotik
anzurechnen ist. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein, und ich
neige persönlich zu der Annahme, daß die aufreizende Wirkung
beabsichtigt war, nicht um ehrlicherweise ein soziales Programm zu
vertreten, sondern um die Sinne zu kitzeln.
Jedenfalls ist die Frage aufzuwerfen, ob das Buch jenes
kulturhistorische Interesse hat, um seine Uebersetzung zu rechtfertigen,
und ob wir in Deutschland uns diese Leistung eines jungen erotischen
Doktrinärs vorsetzen lassen sollen. Ich glaube beide Fragen mit nein
beantworten zu dürfen. Dagegen glaube ich, daß bei dem Verleger ein
dolus nicht gegeben oder wenigstens nicht nachweisbar sein wird.
gez. Dr. Karl Voll.