Ba-Rapulanen), welche fleißig den Ackerbau betreiben. Die Reise in den
folgenden Tagen bis an den Harts-River, den wir eine Tagreise oberhalb
Mamusa überschritten, führte durch die wildreichen Quagga-Ebenen. Das
Gras war niedrig, die Gegend ziemlich trocken und in Folge dessen das
Wild, das sich in wasser- und grasreichere Gegenden zurückgezogen,
seltener. Die Quellen des Maretsane-Flusses berührend, fand ich die
seichte Thalvertiefung ziemlich reich an Niederwald. Am 1. langte ich
bei einem großen Salzsee an, der ähnlich wie der Moffat-See von
Wassergeflügel reichlich belebt war. Leider erkrankte ich hier abermals
am Fieber und so war ich hier sowohl am Kalverts- wie an einem nahen
zweiten, dem Helmor-Salzsee in der Jagd nicht besonders glücklich.
Am 4. November weiterziehend, besuchte ich den Harm-Salzsee, an dessen
Ufer einige Boers in äußerst ärmlichen Verhältnissen von der Jagd und
vom Salzgewinne lebten; an den folgenden Tagten passirte ich den
Mackenzie- und Livingstone-Salzsee und langte nach einer mehrstündigen
Fahrt über sumpfartig aufgeweichtem Boden bei einem von hohen Binsen
umsäumten Weiher an, in dessen Mitte ein tiefes Felsenloch zu liegen
schien. Als wir uns der Stelle näherten, wurden wir förmlich von dem
Geschrei betäubt, das uns von seinen befiederten Bewohnern
tausendstimmig entgegenschallte. Ich glaube, es ist der einzige seiner
Art auf den Ebenen des Harts-River und Molapo. Wir schlugen in zwei
verlassenen holländischen Jagdhütten, um welche ringsum ein wahres
Golgatha von Antilopen- und Gnu-Knochen errichtet war, unser Nachtlager
auf. Ich bedauerte, daß mir zur gründlichen Untersuchung des Sumpfes ein
Kahn fehlte. Außer den mannigfachsten Sumpf- und Wasservögeln waren es
namentlich Finken, welche im Uferschilfe hausten; ein seltenes
Schauspiel brachte der Abend tausende und tausende von Schwalben kamen
von ihrer Tagesjagd von den unabsehbaren Ebenen herangeschwärmt, um
daselbst zu übernachten.
Am 9. überschritten wir zum ersten Mal den Harts-River, der durch Regen
angeschwollen, die Durchfahrt nicht wenig gefährdete. Den Harts-River
entlang ziehend, erreichten wir am 10. Mamusa und am folgenden Tage
Houmans-Vley. Während des Marsches fing ich einen mächtigen Landleguan.
Ich wurde von dem Farmer S. F. Houman freundlich aufgenommen; derselbe
machte mich auf einige Pavian-Skelete aufmerksam, welche auf dem Abhange
zum Harts-River lagen und erzählte mir folgende Jagdbegebenheit. Er war
vor einigen Wochen von vier Hunden gefolgt, ausgeritten, um einige
vermißte Schafe aufzusuchen. Als er heimkehrend sich etwa auf zwei
Meilen seinem Hause genähert hatte, traf er eine dreißig Stück zählende
Pavianheerde an. Trotz der Müdigkeit jagten die Hunde sofort auf
dieselben los, doch wurden sie von diesen übel zugerichtet. Während sich
die meisten Affen auf Bäume flüchteten und so die Hunde zerstreuten,
warfen sich einige der größeren Thiere zu gleicher Zeit auf je einen
Hund. Der unbewaffnete Farmer sprengte nun mit dem Pferde auf die Affen
ein und trennte das stärkste Männchen von der Truppe. Auf dieses hetzte
er seine muthigen vier Hunde, doch der Affe warf sich dem vordersten so
geschickt entgegen, daß er ihm mit seinem furchtbaren Gebiß die Kehle
ausriß. Im nächsten Momente hatte der zweite Angreifer ein gleiches
Schicksal erlitten und beide Hunde waren wenige Augenblicke später
verendet, die beiden anderen, noch jungen Hunde suchten unter dem Pferde
Schutz. Aufgebracht über den Verlust der Hunde eilte der Farmer heim,
bewaffnete sich und erlegte sechs Paviane.
Bevor ich noch von meinem Gastfreunde schied, theilte er mir noch etwas
über seine Abstammung mit. Sein Vater stammte aus Mecklenburg, wo er
durch Unvorsichtigkeit den Tod zweier seinem Vater angehörenden
Rennpferde verschuldete. Aus Furcht vor der Strafe verließ er mit einem
Kaufmannsschiffe die Heimat, kam in Capstadt an und siedelte sich später
hier an.
Am 14. verließ ich die Farm und zog weiter südlich und südwestlich nach
der Hallwater-Farm, welche ich von zahlreichen Koranna's bevölkert fand.
Je näher ich den Diamantenfeldern kam, desto trüber wurde meine
Stimmung. Ich hatte kaum 2 £ St. im Vermögen, dagegen eine Schuld von
120 £ St. an Herrn Jensen zu bezahlen, ohne daß ich je hoffen konnte aus
dem Verkaufe von Wagen und Ochsen diesen Betrag herauszuschlagen, da
solche in Diamantenfeldern billiger als in der Transvaal-Republik
erstanden werden können.
Am 20. langte ich in Christiana an und machte hier die interessante
Bekanntschaft eines Händlers mit Namen Sanders, der an der tropischen
Westküste Afrika's gereist war. Das Vaal-Riverthal nach abwärts ziehend,
stellte sich am 23. bei mir ein neuer heftiger Fieberanfall ein und
krank erreichte ich am 26. Kimberley.
XVI.
Mein letzter Aufenthalt in den Diamantenfeldern.
Wiederaufnahme der ärztlichen Praxis. -- Mein neues Heim und kleiner
Thiergarten in Bultfontein. -- Ausstellung meiner Sammlung im
Varieties-Theater zu Kimberley. -- Ausflug nach der Farm Wessels. -- Die
Gravirungen der Buschmänner. -- Hyänen- und Erdferkeljagden. -- Meine
Broschüre über die Eingebornenfrage. -- Irrige Auffassung derselben in
England. -- Ernste Zeiten für die Colonie und Griqualand-West. -- Major
Lanyon und Colonel Warren. -- Aufbruch nach der Küste.
[Illustration: Fingoknabe.]
Von allen Mitteln entblößt, traf ich zum vierten Male in den
Diamantenfeldern ein. Nach einundzwanzigmonatlicher Abwesenheit von
denselben konnte ich mir die Schwierigkeiten nicht verhehlen, welche
sich mir bei der Wiederaufnahme meiner ärztlichen Praxis
entgegenstellten, ich war neuerdings fast fremd geworden und doch bot
mir die Praxis die einzige Gelegenheit, meinen Verpflichtungen
nachzukommen. Unwillkürlich regte sich in mir der Wunsch zur Herstellung
meiner erschütterten Gesundheit in die Heimat zurückzukehren. Der
Gedanke, das mir selbst gestellte Problem nicht gelöst zu haben,
verbannte jedoch denselben vorläufig aus meiner Seele. In dieser
drückenden Lage entschloß ich mich schon einige Tage nach meiner Ankunft
eine Ausstellung der gesammelten naturhistorischen und ethnographischen
Objecte zu veranstalten, um mit dem Ertrage derselben später die
Heimreise antreten zu können. Da ich Herrn Werner von meiner Ankunft in
Kenntniß gesetzt hatte, fand sich dieser schon am ersten Tage außerhalb
Kimberley bei mir ein und lieh mir unaufgefordert eine Geldsumme, welche
es mir gestattete, die geplante Ausstellung in's Werk zu setzen. Ich zog
deshalb mit meinem Wagen nach Bultfontein, wo ich einfacher und
zurückgezogener leben konnte. Zudem fand sich gerade ein einsames
Häuschen in der Nachbarschaft meines Freundes, der, obwohl jetzt
verarmt, mir doch in meiner Krankheit treue Pflege angedeihen ließ. Die
gemiethete Wohnung bestand in einem aus Lehm ausgeführten viereckigen
Zimmer, hatte einen einfachen Lehmboden und war mit Zinkblech gedeckt,
welche Bedachung den Aufenthalt namentlich im Sommer recht unerträglich
machte.
Hier hatte ich nun meine Sammlungen untergebracht und wohnte mit meinem
Freunde Eberwald, welcher mir die ganze Zeit treu zur Seite stand und
unter meiner Aufsicht die Medicamente für meine Patienten bereitete. Das
Geschick war mir hold, schneller als ich es je zu hoffen gewagt,
vermehrte sich meine Praxis und hob meinen Muth; mit einiger Beruhigung
konnte ich in die nächste Zukunft blicken. Vor meinem Häuschen standen
die Ruinen einer dachlosen Küche, in dieselbe stellte ich den mit Herrn
Eberwald zu Anfang des Jahres 1877 gearbeiteten großen Löwenbehälter,
während ich im Umkreise derselben die Höfchen, Behälter und Käfige für
meine vierfüßigen Thiere und Vögel errichtete. Leute, die aus der
Colonie, aus dem Oranje-Freistaate aus dem Transvaal-Gebiete etc. nach
den Diamantenfeldern kamen, verfehlten nicht, meine zahmen Thiere (die
meisten waren vollkommen gezähmt) anzusehen und brachten mir bei
späteren Besuchen andere seltene Thiere mit.
[Illustration: Mein Haus in Bultfontein.]
Als sich im Jahre 1878 meine Praxis bedeutend vermehrt und Freund
Eberwald, mein Apotheker, alle Hände vollauf zu thun hatte, wurde die
Pflege der Thiere zwei Schwarzen übergeben, welche es leider an Sorge
und Nahrung fehlen ließen. Durch die Einflüsse der Witterung kamen
manche der Behälter, welche ich so groß wie möglich und der Lebensweise
der Thiere angemessen, construirt hatte, zu Schaden. Einzelne Thiere
entwichen und wurden von der umwohnenden, freien schwarzen Bevölkerung
erschlagen und verzehrt, andere wieder nicht richtig gepflegt und so
hatte ich, bevor ich die Diamantenfelder verlassen konnte, mehr als zwei
Drittel meiner Pfleglinge verloren. Um die großen, bald pyramiden-, bald
thurmähnlich geformten Käfige für kleinere Vögel hatte ich Epheu und
Lianen gepflanzt, so daß die armen Gefangenen im natürlichen
Laubschatten gegen die senkrechten Strahlen der afrikanischen Sonne
geschützt, munter umhersprangen und sangen. Der beschränkte Raum
gestattet es mir nicht, meine zweijährigen Beobachtungen an meinen
Gefangenen hier mitzutheilen, ich muß mich mit der Specification
derselben begnügen. Vor Allem muß ich meines Löwen erwähnen, der mir
ungewöhnlich anhänglich war, obwohl ich ihn der Besuche halber im Käfige
halten mußte. Oft steckte er seine Vorderpfoten aus dem Käfige, um mich
zu umarmen und gab mir seine Anhänglichkeit durch Liebkosungen zu
erkennen. Ich refusirte ein Offert von 100 £. St., als er fünf Monate
alt war und verlor ihn später, nachdem er mich das Doppelte gekostet.
Als ich vierzehn Tage behufs Gewinnung der Felsgravuren der Buschmänner
im Oranje-Freistaate weilte, wurde sein Käfig nicht gut gereinigt und
ich erkannte leider seine Todesursache zu spät. Er erlag einer
Amoniämie. Wenn er während seiner Krankheit mich zufällig auf meinem
Mosco vom Krankenbesuche heimkehrend, erblickte, sprang er so plötzlich
und unerwartet auf, daß die Besucher meines kleinen Thiergartens
auseinander stoben, während er sich schon an die weit von einander
abgehenden Gitterstäbe schmiegte, um sich von mir streicheln zu lassen.
[Illustration: Felsen-Gravirungen der Buschmänner.]
Ich hatte Schakale, die wiederholt wegliefen und wiederum zurückkehrten,
Springhasen, die sich wie Säuglinge hätscheln ließen, doch sie alle
konnten mir nicht den Verlust meines jungen Löwen »Prinz« ersetzen. Als
es mit ihm schon stark bergab ging und er nicht mehr aufrecht stehen
konnte, schleppte er sich, sowie er nur meine Stimme hörte, gegen das
Gitter hin. Ich hatte in meinem Thiergarten weiters Meerkatzen und
Paviane, Igel, Rohrrüßler, einen Caracal, Mangusten, das schwarz-weiß
gestreifte Wiesel, Schabrakenschakale, Wolfshyänen, Springhasen,
Berghasen und Erdeichhörnchen, gestreifte und Blindmäuse,
Schuppenthiere, Steenbock-, Deuker- und Springbockgazellen und einen
Klippschliefer etc., von Vögeln nenne ich drei braune südafrikanische
Adler, einen Schopfadler, zwei Arten von Gabelweihen, Rothfalken, sowie
Sperberarten, ferner Schlangenadler, braune und schwarze Aasgeier (^Gyps
socialis^), zwei Arten Uhu's, Ohreulen, Papageien, Mandelkrähen,
schwarze und weißgescheckte Krähen, Kernbeißer und insectenfressende
Singvögel, einen Tukan, Fischreiher, verschiedene Wildgänse, einen
Pelikan, einen Schlangenhalsvogel u. a. m.
Im Jänner des Jahres 1877 war ich, wie schon erwähnt, im Stande, im
Varieties-Theater in Kimberley eine Ausstellung meiner Sammlungen zu
veranstalten. Ich muß gestehen, daß mir diese Ausstellung, so viele
Freunde sie mir auch schuf, materiell keinen Nutzen brachte, im
Gegentheile mich in Schulden stürzte und ich gezwungen war, um mir die
Mittel zur Rückkehr nach Europa zu verschaffen, neuerdings meine
ärztliche Praxis aufzunehmen und die Gesammtersparnisse des Jahres 1877
auf Tilgung meiner Verpflichtungen zu verwenden.
Obgleich die Diamanten wieder im Preise gesunken, waren doch der
anhaltenden Dürre halber Cerealien theurer wie je; daher war es mir
willkommen, ein tüchtiges Roß als Reitthier zu erwerben, welches mir
dieselben Dienste leistete, als drei oder vier Pferde im Jahre 1873. Die
zunehmende Praxis im Jahre 1878 hatte meine Gesundheit -- denn ich bin
bis jetzt noch immer kränklich gewesen -- nicht gebessert, so daß ich in
der Zeit, zu welcher sich alle meine Patienten bis auf zwei Kinder
bedeutend wohler fühlten, die Diamantenfelder verließ, und mich für
kurze Zeit auf eine der Farmen in dem nahen Freistaate begab, wo ich von
dem Besitzer, Herrn Wessels, freundlich aufgenommen und mir ein Haus zur
Verfügung gestellt wurde. Auf dem Gebiete dieser Farm fand ich die schon
vor mir von dem Geologen Georg Stow und Kapitän Warren besichtigten
Gravirungen der Buschmänner, welche diese auf Bergeshöhen anbrachten.
Im Aussterben begriffen, bewohnen die Reste dieses Stammes einzelne
Theile der Cap-Colonie und haben bis heutigen Tages den Einflüssen der
Civilisation sich zu entziehen gewußt. Einst bewohnten sie felsige Höhen
und die Höhlen an den schroffen Abhängen derselben in der Cap-Colonie
und im Oranje-Freistaat. Sie scheinen die ältesten Bewohner Süd-Afrika's
zu sein und ein Theil derselben sich mit den vom Norden andrängenden
Banthu-Familien zu den Masarwa's, ein anderer Theil mit den noch früher
aus Nordnordosten einwandernden Hottentoten verschmolzen zu haben.
Von ihren Felsenhöhlen erspähen sie das Wild auf den Ebenen und jagen es
mit Bogen und Pfeil. Auf so tiefer intellectueller Stufe sie auch
standen, vermochten sie es, die Felswände der von ihnen bewohnten Höhen
mit Ockermalereien -- Thiere, Schildkröten, Leguane, Schlangen und
Thierkämpfe, sowie Kämpfe mit den sie bedrängenden Banthu's, die
Gestirne und andere in die Augen fallende Objecte darstellend -- zu
verzieren. Als das Wild nach und nach von den eingewanderten Europäern
erlegt worden war, stiegen die Buschmänner von ihren Höhen herab, um die
Heerden der Weißen zu erbeuten, welches Vorgehen einen gegen sie
eröffneten Vernichtungskampf zur Folge hatte. Der wahre Buschmann (es
gibt zu viele Mischlinge) liebt seine Felsenhöhen leidenschaftlich, und
hat er sich auch als Diener vermiethet, oder ist er, wie in früheren
Zeiten, dazu gezwungen worden, so entflieht er bei der nächsten sich
bietenden Gelegenheit, stiehlt ein Schaf und eilt seinen Höhen zu. Fälle
treuen Ausharrens bei ihren Dienstherren sind selten. War man bisher
gewohnt, dem Buschmann eine der tiefsten Stufen im Menschengeschlechte
einzuräumen, so wird man diese Meinung aufgeben, sobald man seine
Arbeiten näher kennen gelernt hat.
Kein Stamm in Süd-Afrika bis tief nach Central-Afrika hat so viel und
wahre Kunstfertigkeit in der Bearbeitung des Gesteins entwickelt, als
der Buschmann. Seine Geräthe sind sowohl aus Holz, Bein und der Schale
des Straußenei's als auch aus Stein gearbeitet. Seine Langweile hat er
sich mit Steinausmeißelungen vertrieben, die abermals mit
Steininstrumenten ausgeführt wurden und mit diesen seine ureinfachsten
Wohnsitze verherrlicht, seinen Kunstsinn bewiesen und sich Denkmäler
gesetzt, die Alles überdauern werden, was die übrigen hier lebenden
Stämme der beiden anderen südafrikanischen Völkerfamilien, der
Hottentoten und Banthu, geleistet haben.
[Illustration: Grabstichel.]
Die Zeichnungen in ihren Höhlenwohnungen sind mit verschiedenfärbigem
Ocker, meist auf Sandstein ausgeführt. Der Geologe Stow hat diesen
Arbeiten besondere Aufmerksamkeit gewidmet und zahlreiche Copien
derselben verfertigt. Ich hoffe auf meiner nächsten Forschungsreise nach
Afrika die größten Exemplare derselben zu erlangen, die von den Höhen
herabzubefördern mir diesmal aus Mangel an nöthigem Werkzeuge und
Arbeitskräften unmöglich war.
Die gesammten Buschmann-Curiositäten zerfallen in zwei Classen, und zwar
in Utensilien und Steinausmeißelungen. Zu den ersteren gehören:
Dreieckige, pfeilspitzartige Kieselschiefer etc., mit denen die
Contourlinien der Zeichnungen eingravirt und sonstige Hausarbeiten
verfertigt wurden, ferner Beschwersteine, welche an das obere Ende eines
unten angekohlten, zugespitzten 1½ bis 3 Fuß langen Stockes angeheftet,
mit dessen Hilfe eßbare Wurzeln ausgegraben oder wasserhaltige Stellen
aufgescharrt wurden. Oft findet man Steine mit nur theilweise
ausgeführter Höhlung, welche mit Hilfe eines Sandschmirgels und eines
anderen Gesteinstückes herzustellen versucht wurde. Was die
Steingravirungen anbetrifft, so sind diese an vielen Höhen blos in
geradlinigen oder in unzusammenhängenden schiefen Strichen //////
dargestellte Objecte, an anderen jedoch vollkommen ausgemeißelt. Solche
Stücke gehören zu den Besten ihrer Art und ich glaube, daß die von mir
mitgebrachten achtzehn Gravirungen bis zum heutigen Tage Unica in Europa
sind.
Von den aus Herrn Wessel's Farm mitgebrachten Stücken sind namentlich
folgende als gute Arbeiten hervorzuheben: Oberkörper eines Buschmann's;
Buschmannsfrau eine Last tragend; Linke Sohle eines erwachsenen
Buschmann's; Strauß mit Reiter; Strauß von einem Nashorn gestoßen;
Roibock-Gazellen; Eland-Antilopen; Buntbock-Antilope; Kopf einer
Gemsbock-Antilope; ein Gnu; ein Rind; ein Schakal eine Gazelle jagend.
Während meines Aufenthaltes auf dieser Farm im westlichen Gebirge des
Oranje-Freistaates gelang es mir, eine große Anzahl von Insecten,
Vogelbälgen und Pflanzen, zu erwerben und bevor ich noch die gastliche
Stätte verließ, nahm ich, von den umwohnenden Farmern dazu eingeladen,
an zwei interessanten Jagdausflügen Theil. Beide wurden von einer
größeren Anzahl von Berittenen und Eingebornen zu Fuß mit einer Meute
unternommen, und galten der Verfolgung der gestreiften Hyänen und
Erdhöhlen-Thiere. Mein Hauptzweck dabei war, womöglich lebende
Stachelschweine, Springhasen und Erdferkel zu erjagen. Die erste dieser
Jagden wurde bei Tage unternommen; wir umstellten zu Pferde eine
Felsenhöhe und sandten die Treiber mit den Hunden hinauf, leider
vergeblich, denn die Hyänen hatten sich schon geflüchtet.
Die Gegend, in welcher die zweite Jagd abgehalten werden sollte, wurde
von großen bebuschten und mit zahllosen brodlaibförmigen Termitenhügeln
bedeckten Grasebenen gebildet, welche ringsum, namentlich aber von
Osten, von mit Gebüsch bestandenen Felsenhöhen umsäumt waren. Jeder der
an der Jagd theilnehmenden Farmer hatte einige Hunde mitgebracht, welche
die Spur der ihre Höhlen verlassenden Nachtthiere aufnehmen sollten. Die
von meinen Freunden für unseren Ausflug gewählte Nacht war unstreitig
eine der reinsten und schönsten Mondscheinnächte, die ich in Afrika
erlebte. Da ich den Tag über entferntere Höhen der Gravirungen der
Buschmänner halber besichtigt hatte und auch am folgenden Tage einen
längeren Ausflug unternehmen wollte, ließ ich meinen Rappen daheim und
ritt ein mir von meinem Gastfreunde geliehenes Pferd, das an die Gegend
gewöhnt, mir bessere Dienste zu leisten versprach. Endlich wurde das
Zeichen zum Aufbruch gegeben und die Hundemeute zur Aufnahme der Spur
angefeuert. Wir mochten etwa sieben Minuten hingaloppirt haben, als zu
unserer Rechten am Fuße der Höhe das Hundegeheul vernehmbar wurde. Mit
einem lauten »Hurrah!« spornten wir die Pferde an und aufwärts ging es
durch das niedere Gestrüpp, wobei wir unseren Rennern die Zügel schlaff
anliegen ließen, da wir die vor uns im Grase zerstreut liegenden
Felsenblöcke nicht sehen konnten und das Ausweichen ihnen überlassen
mußten. Wir sahen vor uns einen sich wälzenden Hundeknäuel, in dessen
Mitte zeitweilig etwas Weißliches aufglitzerte. Es war ein
Stachelschwein, das die Hunde förmlich zerrissen hatten. Unter den
Säugethieren hat die Natur, abgesehen von dem Stachelkleide, diese
Thierspecies mit einer so gebrechlichen Haut versehen, daß ein Raubthier
beim Gebrauche seiner Fänge das Thier zu zerfleischen im Stande ist.
Kaum zur Stelle, waren wir herabgesprungen und hieben auf die Hunde los,
doch es war zu spät, und so fiel das Stachelschwein den eiligen Basuto's
als Beute zu. Ein ähnliches Schicksal hatten zwei andere
Stachelschweine, ein Springhase und ein schwarzweiß gestreifter
Mäusehund (das südafrikanische Stinkthier).
Einer frischen Spur folgend, waren die Hunde nach der Attaque auf den
Mäusehund in einem Bogen nach der Höhe zurückgegangen und stießen auf
ein Erdferkel (^Orycteropus capensis^). Von den Hunden gehetzt,
trachtete sich dieses in ein Erdloch einzugraben und hatte dies schon
theilweise ausgeführt, als wir zur Stelle gelangten. Trotz der vereinten
Anstrengungen unserer schwarzen Diener entkam das Erdferkel nach seinem
Baue, nachdem es die bei der Ausgrabung beschäftigten Männer wie Bälle
bei Seite geworfen hatte. Unter den Zahnarmen ist unstreitig das
Erdferkel das stärkste Thier. Seiner Gestalt nach länglich,
walzenförmig, besitzt es lange, mächtige Nägel an seinen Scharrhänden,
deren Muskulatur einzig in ihrer Art genannt werden darf. Dem
länglichen, walzenförmigen Körper ist der fleischige, keilförmige
Schwanz eine besondere Stütze. Im Nothfalle gebraucht ihn das Thier zur
Vertheidigung, sonst meist auf der Flucht, wenn es in weiten Sätzen
enteilt. Auch bedient es sich seiner, wenn es in hockender Stellung die
Termitenhaufen ausgräbt, denn es ist einer der größten südafrikanischen
Termitenfresser. Es besitzt eine sehr dicke, beborstete Haut, welcher
Schakalfänge wenig anhaben können; außerdem ein Paar lange Lauscher,
welche ihm sehr zu statten kommen. In der Colonie bedient man sich der
Haut, um daraus die kurzen, gedrehten Doppelriemen (Strappen) zu
verfertigen, die man den Zugthieren anlegt. Außer ihm stellen unter den
Vierfüßlern den Termiten namentlich das kurzschwänzige Schuppenthier,
die Wolfshyäne, die Mangusten und unter den Vögeln besonders die
Kiebitze nach.
Nachdem wir so den eigentlichen Zweck unserer Jagd nicht erreicht
hatten, gaben wir jeden anderen Versuch auf und ritten langsam heim. Auf
diesen Mißerfolg hin trachteten ich, sowie meine Freunde, einiger
lebender Thiere habhaft zu werden. Es gelang mir auch, zahlreiche Vögel
zu gewinnen, von denen jedoch die meisten, und darunter namentlich die
Siedelsperlinge, zu Grunde gingen. Auf einem von dieser Farm aus
unternommenen Ausfluge erspähte ich in einem Neste der letztgenannten
eine an fünf Fuß lange Cobra. Es gelang mir jedoch nicht eher das Thier
zu erlegen, als bis es viele der auffliegenden alten Vögel getödtet, und
eine Menge der Jungen und Eier verschlungen hatte.
Die Zeit meines letzten Aufenthaltes in den Diamantenfeldern in den
Jahren 1877--78 war, namentlich aber das letztere, für Süd-Afrika von
großer Bedeutung. Ich erinnere den Leser an den Krieg, den die Colonie
mit den an ihrer östlichen Grenze, sowie Griqualand-West mit den
westlich wohnenden Stämmen zu führen hatten, Kriege, welche das Vorspiel
zu dem Kampfe mit den Zulu's bildeten. Auch erwähne ich der
Einverleibung der Transvaal-Republik in den Verband englischer Colonien.
Meine unmaßgebliche Meinung geht dahin, daß diese Ereignisse für den
ganzen südlichen Theil Afrika's von größter Bedeutung waren, namentlich
rücksichtlich der Lösung der Eingebornenfrage.
[Illustration: Jagd auf Erdferkel.]
Ich erlaubte mir im April des Jahres 1877 meine Ansicht über diesen
Gegenstand in einer kleinen, sechzehn Seiten zählenden Broschüre: »^A
few words on the Native Question^« niederzulegen, und da so manches, was
ich in derselben besprach, seither in Erfüllung ging, will ich hier
einiges daraus dem Leser vorführen. Die Behandlung und Lösung der
Eingebornen-Frage, welche einen Vergleich mit den Verhältnissen in
Süd-Afrika anzustellen mich angeregt, anderseits die ehrenvolle
Aufforderung hervorragender Männer in Süd-Afrika gaben mir Veranlassung,
meine Ansichten in jener Broschüre darzulegen. Die Ereignisse der
letzten Jahre bis zum Zulukriege zeigen uns wohl, daß England in
Südafrika, wenn auch in anderer Weise als in Nordamerika, größere
Erfolge als andere Colonisatoren auf dem Festlande Afrika's errungen
hat. Im Allgemeinen war die Behandlungsweise eine ähnliche; allein das
Eingebornen-Element ist in seinem Charakter von jenem Nordamerika's
verschieden, weshalb eine gleiche Behandlung desselben unmöglich Erfolg
versprechen konnte, umsomehr, da es namentlich zwei Vorurtheile gab,
welche die europäischen Colonisten beherrschten. Das erste derselben sah
in den Eingebornen trotz ihrer angewohnten Laster die unschuldig
Bedrückten; das zweite im Gegensatze hiezu erblickte in den Schwarzen
den Weißen inferiore, kaum menschlich zu nennende Creaturen. Jene,
welche eine gemäßigtere Ansicht hatten, waren sowohl der Zahl als ihrem
Einflusse nach die Schwächsten und meist praktisch denkende Menschen,
welche als jahrelange Nachbarn in das Leben der Eingebornen leicht
Einblick nehmen konnten.
Als ich im Jahre 1875 jene Broschüre schrieb, war mir das Letztere nicht
bekannt, ich fand erst später, daß meine Idee mit jener vieler
erfahrener Colonisten übereinstimmte; sie gewann auch später die
Oberhand und wurde zur Staatsraison. Es gibt in Süd-Afrika
Eingebornenstämme, welche gegenwärtig in ihrer geistigen Beziehung, in
ihrer Auffassung etc. einem gewöhnlich entwickelten Kinde aus unserer
Mitte von etwa fünf bis sechs Jahren nicht unähnlich sind. Spezielle
Charakter-Eigenthümlichkeiten einzelner Eingebornenstämme erklären uns
ihre mindere oder höhere Culturstufe ähnlich wie Geistes- und
Gemüthsanlagen die Kinder einer europäischen civilisirten Familie
untereinander unterscheiden. Gutmütigkeit als Charakterzug bei dem
einen, Sinn für Industrie bei einem zweiten, Hang zum Diebstahle oder
Raubsucht bei anderen Stämmen finden wohl theilweise in der größeren
oder geringeren Gehirnmasse ihre Erklärung. Die Hottentotten, Griqua's
und Koranna's können wir füglich mit Kindern vergleichen, welche sich
willenlos von ihren Gespielen leiten lassen und namentlich nach allem
Glitzernden haschen. Eben deshalb wäre es verfehlt, den südafrikanischen
Eingebornen ohneweiters die Rechte eines Gebildeten einzuräumen, selbst
dann, wenn diese auf mechanischem Wege sich Lese- und Schreibkenntnisse
erworben haben. Von größtem Werthe scheint es mir, ihnen in einer leicht
verständlichen, leicht ausführbaren Weise die richtigen Begriffe der
Arbeit, den Bau der Wohnung, die Pflege und Ernährung des Körpers, den
Feldbau, die Viehzucht, beizubringen und sie dabei zu unterweisen, wie
sie ihren Nebenmenschen, ihren ungebildeten Stammesbrüdern, andererseits
dem Weißen gegenüber sich betragen sollen.
Einer der furchtbarsten Feinde der Civilisation war bis jetzt noch der
Aberglaube. Ich bin der Ansicht, daß wir denselben auf keine andere
Weise erfolgreich bekämpfen können, als indem wir die Eingebornen
Süd-Afrika's sich ihre Lebensbedürfnisse ohne Inanspruchnahme des
vermeintlichen Einflusses der Zauberer, Fetische und Regenbeschwörer
gewinnen lehren.
Ich erlaubte mir, die Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß den
südafrikanischen Schwarzen eine andere Zukunft bevorstehe, als den
Indianern Nordamerikas und daß man aus diesem Grunde gewisse
Krebsschäden, welche jene decimirten, von ihnen fernhalten müsse. Zu
solchen Maßregeln gehört die Beschränkung oder die vollkommene Sistirung
des Branntwein-Verkaufes an die Schwarzen in den Kolonien, sowie das
strenge Verbot, das Feuerwasser nach den nachbarlichen, unabhängigen
Eingebornenländern einzuführen. Einige der Stämme kamen uns schon jetzt
hilfreich entgegen, indem bei ihnen die Einfuhr sowie der Verkauf des
Feuerwassers nicht gestattet ist, und ich fühle mich glücklich, sagen zu
können, daß gegenwärtig dieses Verbot wenigstens in einem Theile Afrikas
gewiß zum Vortheile der dunklen Bevölkerung wie des weißen Mannes selbst
zur Geltung gekommen ist. Ferner erlaubte ich mir, darauf hinzuweisen,
daß sowohl die Regierung, als auch der einzelne Weiße im Umgange mit den
verschiedenen Stämmen den Charakter derselben, sowie jenen der
Häuptlinge wohl berücksichtigen müsse, ferner, daß die Ansuchen gewisser
Eingebornenherrscher um Einverleibung ihres Gebietes in den Verband
englischer Colonien äußerst vorsichtig aufzunehmen sind.
Was ich darüber in meiner Broschüre erwähnte, hat sich später in Bezug
auf den Batlapinen-Fürsten Mankuruan, den Bakwena-König Seschele, ferner
an den Damara's und an Khama, dem Bamangwato-Fürsten, als richtig
erwiesen; ich glaube auch daß meine Schilderung des Zulu-Charakters eine
getreue war. Ich bin längst von der Ansicht abgekommen, daß, nachdem die
Zulu-Macht gebrochen worden, Großbritannien seinen Colonialbesitz in
Süd-Afrika weiter ausdehnen solle. Ich glaube, daß der stabile
Aufenthalt eines oder mehrerer Vertreter (Commissaire) an den Höfen,
sowie Handels- und Colonisations-Verträge mit den einzelnen und
mächtigeren Eingebornenkönigen des centralen Süd-Afrika und des
südlichen Central-Afrika für die endliche Erschließung des Erdtheils die
besten Erfolge versprechen, jedoch unter der Voraussetzung, daß Gewehre
und Munition als Handelsartikel ausgeschlossen bleiben.
In Europa war bisher die irrige Ansicht verbreitet, daß die Engländer in
Süd-Afrika alles Land gierig verschlingen, dessen sie nur habhaft werden
können. Die Gegner und Kritiker der englischen Colonialpolitik in
Süd-Afrika scheinen jedoch nicht zu wissen, daß in den meisten Fällen
die betreffenden Landstriche den Engländern formell von den
verschiedenen Eingebornenherrschern angeboten wurden. Vor meiner dritten
Reise schwärmte ich sehr für die rasche Eröffnung einer Handelsstraße
nach Central-Afrika und dachte damals, es sei dies nicht anders
erreichbar, als indem das Gesammtgebiet zwischen dem Vaal und dem
Zambesi dem englischen Scepter unterworfen würde. Seither haben sich
meine Ansichten über diese englische Machtvergrößerung geändert und ich
weiß nun genau, daß Großbritannien die Annexion mehrerer spontan
angebotener Eingebornengebiete ausschlug. Meine Broschüre war damals,
eben am Vorabende mehrerer solcher Landabtretungs-Anbote von Seite
mehrerer Eingebornenfürsten, geschrieben worden, und darum glaubte ich
die Regierung darauf aufmerksam machen zu müssen, die größtmögliche
Vorsicht dabei zu beobachten.
So heißt es in derselben: »Da sehen wir Mankuruan, den Batlapinen-König
und einen der Batlapinen-Stämme, da den Barolongen-König Montsua u. A.
vor uns. Sie gestehen, daß sie uns angehören wollen, bevor wir sie
jedoch in den Verband unserer Unterthanen aufnehmen, stellen wir einige
Fragen. »Ist es Euer eigener Wille, Ihr Könige, oder seid Ihr die
Abgesandten Eures Volkes? Oder ist es die Ueberzeugung, zu der Ihr beide
gekommen seid? Warum wollt Ihr Unterthanen der Königin werden? Beruht
dies auf innigen Freundschaftsgefühlen den Makoa's gegenüber, die Ihr
Englishmans nennt? Oder ist dies weniger oder gar nicht der Fall und
geschieht es, weil Ihr Euch vor dem anderen Stamme der Weißen, den
Boers, zurückgesetzt fühlt, oder sie hasset oder fürchtet? Ihr sucht
vielleicht unsere Freundschaft, weil Ihr von einem Nachbarstamme
angefeindet werdet? Es mag jedoch auch sein, daß es zwei Herrscher in
Eurem Reiche gibt und einer dadurch, daß er der englischen Regierung
seinen Antheil, in Wirklichkeit jedoch das ganze Land anbietet, in
dieser Weise die Oberherrschaft über seinen Nebenbuhler zu erringen
sucht?
Haben wir auf diese Weise die Wahrheit über das Ebengesagte erfahren, so
ist es nöthig, sich den Charakter des anbietenden Eingebornenfürsten und
die Kulturstufe seines Stammes in allen Details klar zu machen und
darnach zu handeln. So gestanden die vorerwähnten Damara zwei Jahre nach
der Annexion ihres Gebietes ein, daß sie der letztgenannte der erwähnten
Gründe bewogen hätte, die Oberherrschaft Großbritanniens
anzusuchen.«[19]
Ich erwähnte, daß zur Zeit meines letzten Aufenthaltes in den
Diamantenfeldern der Krieg mit den Colonial-Kaffern ausbrach, daß
Griqualand-West, unsere Colonie, von ähnlichen Unglücksfällen
heimgesucht wurde, daß jedoch in beiden Kriegen das Recht bald den Sieg
davontrug. Wenn der Krieg in Griqualand-West, einem kleinen Ländchen mit
wenigen Weißen, so rasch und mit so geringen Menschenverlusten und
Unkosten glorreich zu Ende geführt wurde, so ist dies den beiden
Umständen zu verdanken, daß der Colonie ein erprobter Militär als
Gouverneur vorstand und die Diamantenfelder von beherzten
unerschrockenen Männern bewohnt wurden. Ja, dies zeigte sich namentlich
in der Geschichte dieser Provinz. Die Ereignisse und ihr Verlauf in den
letzten drei Jahren mögen schlagende Beweise für diese Behauptung sein.
Ich meine hier namentlich den Krieg, welchen diese Colonie mit den
Griqua's, Masarwa's und Batlapinen und ihren Häuptlingen Mora,
Donker-Maglas etc. zu bestehen hatte. Diese Eingebornen-Elemente, die zu
denen gehören, welche gegen die Tugenden des weißen Mannes taub
geblieben sind, waren durch andere unreine Elemente, aus dem
Colonialkriege entwichene Rebellen, weggelaufene farbige Diener etc.
verstärkt, von Westen her, von Kuruman und den Langbergen über die ihnen
zunächst wohnenden Ansiedler plötzlich hergefallen, hatten sie getödtet
und ihre Häuser geplündert, Unthaten, die eben zum Kriege führten. Die
schwarzen Räuber rechneten namentlich darauf, daß Griqualand-West von
der in einen Kaffernkrieg verwickelten Colonie keine Hilfskräfte
erlangen und von Schutzmannschaft entblößt sei, sowie daß sich die
Tausende der in den Diamantenfeldern arbeitenden Eingebornen im
geeigneten Augenblicke erheben und so die Hauptader der Provinz in
Schach haltend, diese durch das Niederbrennen der Gebäude und Ermordung
der Bewohner auf lange hin vernichten, sich selbst jedoch und die
Anstifter des Krieges mit der daselbst gewonnenen Beute
widerstandsfähiger machen könnten, während sie selbst, die wahren
Urheber, nach Gutdünken die ^Road-side hotels^ und ^stores^ (an den
Feldwegen liegende Einkehrhäuser und Gehöfte), sowie die Farmen plündern
würden.
[Fußnote 19: Vgl. den englischen Originaltext Anhang 7.]
Die Lage von Griqualand-West war damals gewiß eine kritische, ich selbst
Zeuge der höchst gefährlichen Situation, in der sich damals die Weißen
befanden. Zum Glück für Alle waren es beherzte Männer, welche nach dem
Säuberungsprocesse in den Diamantenfeldern zurückgeblieben waren,
glücklicherweise stand an der Spitze der Regierung ein Mann, der rasch
die Situation überblickend, sich zurechtfand (der frühere Gouverneur
Major Lanyon) und der in Colonel Warren, seinem Nachfolger im Commando
und den gegenwärtigen Gouverneur der Provinz den richtigen Mann fand,
der sich von keiner Gefahr einschüchtern ließ und rasch die besten
Verfügungen traf. So hatten sie Alle, wahrhaft Uebermenschliches
leistend, Griqualand-West befestigt, hatten ihre Frauen und Kinder vor
einem schmählichen Untergange bewahrt und dem Weißen Achtung verschafft,
ohne welche es diesen unmöglich wäre, mit den Farbigen im Frieden und
Einklang zu leben.
Major Lanyon erließ einen Aufruf, in welchem er die Bewohner der
Central-Diggings zur Verteidigung ihres neuen Heimatlandes anspornte und
in wenigen Tagen waren über sechshundert wehrfähige Männer beisammen,
welche sich bereit erklärten, ihr Blut für ihre Freunde und ihr neues
Heim zu opfern. Von diesen waren etwa zweihundert Volontärs, die übrigen
junge Leute, die sich unter sie aufnehmen ließen, oder Diamantengräber,
die zu einem bürgerlichen Freiwilligen-Corps zusammentraten. Rasch
wurden Pferde eingekauft und die Leute, ich möchte sagen Tag und Nacht
gedrillt (einexercirt), wobei meist von früheren, als Diamantengräber,
Diamantenkäufer oder in anderer Lebensstellung situirten Offizieren die
nöthige Unterweisung ertheilt wurde. Durch etwa vierhundert Basuto's
(Betschuana's vom Calcedon, reiche, Ackerbau treibende Eingeborne)
verstärkt, zogen sie gegen den gemeinschaftlichen Feind, der bei einem
Raubversuche überrascht, in seine Berge (Langberge und ihre Ausläufer)
zurückgeworfen wurde. Es entspann sich nun ein Guerillakrieg. Hatte man
einen felsigen, schon von Natur aus befestigten, mit Steinwällen durch
die Eingebornen noch unzugänglicher gemachten Felsenberg erstürmt, so
zog sich der Feind auf einen zweiten, und so weiter -- Hügel auf Hügel
mußte gestürmt und erobert werden und Colonel Warren bewies, daß er
Feldherrntalent besitze und die Männer der Diggings, daß sie es
verstehen »^how to do their duty!^«
Mit dem Ertrage meiner zunehmenden Praxis glaubte ich, etwa im December
desselben Jahres, die Diamantenfelder mit Europa vertauschen zu können,
doch konnte ich diesen meinen Vorsatz meines umfangreichen Gepäckes und
der noch zahlreicheren lebenden Thiere halber nicht sobald ausführen.
Die Fracht für die ersten beiden Sendungen, d. h. die während der ersten
und zweiten Reise gesammelten naturhistorischen und ethnographischen
Objecte hatte großmüthiger Weise Herr Naprstek in Prag beglichen. Auf
meiner Rückreise hatte mir derselbe gütige Freund 20, die geographische
Gesellschaft zu Wien 40 £ St. gesendet, welche Beträge jedoch kaum
hinreichten, um mir einen Wagen, dessen ich zum Transport meiner
lebenden Thiere nach der Seeküste bedurfte, anzuschaffen. Es war meine
Absicht, nicht vor December die Rückreise durch die Kolonie anzutreten.
Ich hoffte mir bis dahin nicht allein den noch fehlenden Betrag, sondern
auch eine eventuell nöthige Reservesumme zu verdienen, um den
Oranje-Freistaat und die Ostprovinz der Cap-Colonie zu einer Zeit zu
durchreisen, zu welcher ich mit Sicherheit auf gute Weide für meine
Zugthiere rechnen durfte. Ich hatte einundzwanzig Kisten mit den
Sammlungen durch einen Transportrider (Miethswagen) nach Port Elizabeth
vorausgesendet, wo sie von dem österreichischen Viceconsul, Herrn
Allenberg, in seinem Waarenhause bis zu meiner Ankunft in Port Elizabeth
aufbewahrt wurden. Ich selbst sträubte mich aber, mit einem Miethwagen
zu reisen, weil ich die Rückreise durch den Oranje-Freistaat und die
Colonie womöglich zu geognostischen und paläontologischen Studien
benützen und nicht ein Sklave des Kutschers sein wollte.
[Illustration: Colonel Warren.]
Ich gab meinen Vorsatz, im Dezember 1878 abzureisen, auf, da mich die
Zusendung von 220 Pfund St. -- 1000 fl. als hochherziges Geschenk Seiner
Majestät des Kaisers, 60 Pfund St. vom böhmischen Landesausschusse und
200 fl. vom Vereine »Svatobor«, sowie ein Darlehen von 1000 fl. welches
mir eine Gönnerin gewährte, -- in den Stand setzten, sechs Monate früher
die Diamantenfelder zu verlassen. Leider trafen mich auf der Rückreise
von den Diamantenfeldern nach Port Elizabeth eine Reihe von Unfällen,
welche einen großen Theil meiner zur Reise bestimmten Mittel
verschlangen, so daß ich mich genöthigt sah, mich in Cradock
niederzulassen und von Neuem als Arzt zu prakticiren. Im Monate August
1878 verließ ich endlich die Diamantenfelder und miethete als
Wagenlenker einen früheren Diener eines mir bekannten Kaufmannes in
Kimberley, außerdem nahm ich noch drei Kinder auf die Reise nach dem
Süden mit mir.
Unter meinen Bekannten und Patienten in den Diamantenfeldern hatte sich
namentlich ein Freund, mein unmittelbarer Nachbar in Bultfontein, durch
seine Zuvorkommenheit hervorgethan. Ich dachte ihm nun meine
Erkenntlichkeit dadurch am besten zu beweisen, daß ich einen seiner
Knaben mit mir nahm und ihm die Oberaufsicht über die lebenden Thiere
überließ, wobei ihn anfangs der braune Wagenlenker, später in der
Colonie ein Fingo, in der Verrichtung der gröberen Arbeiten unterstützen
sollte. Dafür versprach ich seinen Eltern, wenn er sich gefügig und brav
verhalten würde, ihn in meiner Heimat erziehen zu lassen. Damit er mir
jedoch während der Reise nicht zur Last falle und ich ungehindert meinen
Forschungen nachgehen könne, gaben ihm seine Eltern eine kleine
Betschuana-Dienerin, Bella, mit, welche ihm in seinen Arbeiten an die
Hand gehen sollte.
Das dritte Kind war der dreizehnjährige Sohn eines Holländers mit Namen
Schneemann, dessen Familie ich mehrere Wochen hindurch behandelt hatte
und welcher mir aus Dankbarkeit öfter bei meinen Arbeiten half und mir
sein ältestes Kind unter der Bedingung, ihn zum gebildeten Menschen zu
erziehen, als Bedienten mitgab. Der arme Schneemann, ein biederer
Charakter, war einer jener vom Mißgeschick Heimgesuchten, welche statt
des erhofften Glückes und Reichthumes in den Diamantenfeldern Elend,
Kummer und Sorgen einheimsten. Philipp, so hieß der Knabe, nahm es auf
sich, das Gespann zu führen. Bevor ich noch die Meeresküste erreichte,
sah ich mich in Cradock genöthigt, den erstgenannten Knaben seiner
Nachlässigkeit halber heim zu senden. Auch Philipp Schneemann konnte dem
Heimweh nicht widerstehen und so wurde er in Cradock seinem inzwischen
in den Bürgersdorfer District übersiedelten Vater übergeben.
Von den Diamantenfeldern scheidend, kann ich nicht umhin, mit dankbarem
Herzen meinen einstigen Patienten für ihr stets freundliches
Entgegenkommen und ihre mir so vielfach erwiesenen Gefälligkeiten zu
danken, sowie meinen besonderen Dank für die rege Teilnahme, den
aufrichtigen Rath und die mir so oft erwiesenen Freundschaftsdienste den
Herren: J. Wernherr, Alfonse Loewy, Ch. Hartley, R. Murray, Anthony
Davison, Gebrüder Peizer, Stransky und Durack, Wessels und Söhne, R. M.
Scholz, McKay, Burkner, Rothschild, Vries, den Familien der Herren A.
Kerr, Pinkney, Proksch, Fuchs, Scholtz, Stow, Bult, Ch. Sonnenberg, Ch.
Roberts; den Redactionen des »^Independent^«, der »^Diamond News^«, des
»^Diamondfield Advertisers^«, sowie der nicht mehr bestehenden »^Mining
Gazette^« und des »^Diamondfield^« auszusprechen. Desgleichen fühle ich
mich veranlaßt, Fräulein Mathilde Proksch, gegenwärtig Vorsteherin eines
»^Young Ladies Institute^« in Leydenburg, für ihre uneigennützige
Fürsorge bei Durchsicht der in den englischen südafrikanischen Zeitungen
veröffentlichten Artikel auf das Herzlichste zu danken.
XVII.
Durch die Colonie zur Küste.
Abreise von Bultfontein. -- Straußenzucht auf der Farm Ottersport. --
Straußenzucht im Allgemeinen. -- Meine erste Vorlesung in Colesberg. --
Cradock. -- Ein Unfall bei diesem Orte. -- Der Zulu-Krieg. -- Die
Ursachen der Mißerfolge in der Behandlung der südafrikanischen
Eingeborenen. -- Meine Artikel über den Zulukrieg. -- Kampfweise der
Zulu. -- Grahamstown. -- Reiche paläontologische Funde. -- Ankunft in
Port Elizabeth. -- Eine Löwenjagd. -- Ausflüge in die Umgebung. -- Meine
marinen Sammlungen. -- Meine Sammlungen in Gefahr. -- Die letzten Tage
auf afrikanischem Boden. -- Heimfahrt nach Europa, Projecte für die
Zukunft.
[Illustration: Bella.]
Meine Rückreise von den Diamantenfeldern nach der Meeresküste erlitt
eine längere Unterbrechung in Cradock, auch in Port Elizabeth und in der
Capstadt war ich zu längerem Aufenthalt veranlaßt.
Mich nach Süden wendend, überschritt ich den Modder-River, dessen tiefes
Bett uns während der Durchfahrt viele Schwierigkeiten entgegensetzte.
Der Modder-River bildet tiefe, äußerst fischreiche Lachen. Sein Thal ist
eigentlich eine tiefe, in den Laterit ausgewühlte Regenschlucht. Die
steilen, mit dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsenen Abhänge bieten
zahlreichen Vögeln Schutz und Aufenthalt. Eine der wenigen anziehenden
Scenerien an diesem Flusse ist jene an seiner Vereinigung mit dem
Rietflusse. Stellenweise sind auch seine Uferwände, wie die des
ebengenannten Zuflusses, schlammig (daher der Name Modder- oder
Schlammfluß), Stellen wo so manch' ermüdetes Zugthier der von den
Colonialhäfen mit langen Gespannen nach den Diamantenfeldern ziehenden
Fuhrleute einsinkend, sein Ende fand.
Ich berührte auf dieser Reise Jacobsdaal, welches seit meinem ersten
Besuche im Jahre 1872 ansehnlich zugenommen hatte, und wandte mich dann
gegen das Städtchen Philippolis. Auf dem Wege dahin passirte ich auch
das Riet-River-Hotel. Die frühere Canwaß- und Eisenblechconstruction war
nun zu einem massiven Steinhaus umgebaut worden und ich staunte nicht
wenig, als mich der Hotelier mit den Worten begrüßte: »Waren Sie nicht
vor sechs Jahren mit den Herren Michaelis und Rabinowitz in einem Karren
hier eingekehrt?«
[Illustration: Jacobsdaal im Jahre 1872.]
Auf der Farm Kalke fand ich einige Oolithgesteine und Fossilien,
letztere nach Süden hin an Häufigkeit stetig zunehmend. Das einförmige,
trostlose Landschaftsbild bewies mir, daß ich mich den Strichen näherte,
welche seit Jahr und Tag unter großer Dürre zu leiden hatten. Die Gegend
ringsum konnte im wahren Sinne des Wortes verbrannt, verdorrt genannt
werden, man sah nicht einen grünen Halm; das Braun der Felsen und der
Erde war der überwiegende Farbenton, welchen das Auge gewahrte.[20] Mein
Aufenthalt in Philippolis gestaltete sich durch den Verkehr mit den
Großhändlern Schultze, den Gebrüdern Liefmann, dem Postmeister
Försterlein, Dr. Knobel und Dr. Igel zu einem sehr angenehmen. Sie
unternahmen mit mir mehrere Ausflüge, deren naturhistorische und
ethnographische Ausbeute meinen Sammlungen sehr zu Statten kam. Unter
dem Erworbenen fanden sich mehrere lebende Vögel sowie eine
ausgewachsene Springbockgais und von Herrn Schultze erhielt ich eine
schöne Quarzdruse zum Geschenk, die ich bei meiner Durchreise im Jahre
1872 in seinem Hotel im Drawing-Room bemerkt, allein damals aus Mangel
an Mitteln nicht erstehen konnte, sowie von Herrn Försterlein ein
äußerst interessantes, ethnographisches Specimen. Es war ein Talisman in
einem kleinen, vier Zentimeter langen, zwei Zentimeter breiten, acht
Millimeter starken, an einem Ende schmäleren, schwarzen Holztäfelchen
und einem in das breiteste Enddrittel eingesetzten Bergkrystallstückchen
bestehend und dem Geber von einem ihm zum Danke verpflichteten
Basuto-Doctor geschenkt worden. Als es von Herrn Försterlein zufällig
einigen Basuto's gezeigt wurde, sprachen ihn diese darum an und machten
ihm verschiedene Kaufsofferte. Das bedeutendste davon bestand in zwei
feisten Rindern.
Auf dem Weitermarsche nach Süden war ich einige Tage auf der Farm
Ottersport des Herrn Schultze zu Gast, auf welcher ich die erste
Gelegenheit hatte, zahme Strauße zu beobachten. Die letzteren werden
gegenwärtig in Südafrika, namentlich in der Cap-Colonie und dem
Oranje-Freistaate in solcher Anzahl gezüchtet, daß man schon im Jahre
1879 über hunderttausend Thiere zählte. Der aus dieser Zucht gewonnene
Ertrag ersetzt weitaus den Verlust, der durch die stete Abnahme des
Handels mit Federn der wilden Strauße entsteht. Dem Ei entschlüpft, hat
das Küchlein einen Werth von 5 £ St., halb erwachsene Vögel werden mit
zwanzig bis fünfzig, Brütende bis zu 150 £ St. bezahlt. Die
Straußvogelzucht wird namentlich in jenen Gegenden betrieben, in welchen
die Schaf und Rinderzucht minder einträglich ist.
[Fußnote 20: Siehe Anhang 8.]
Das größte Hinderniß, mit dem die Straußenzüchter zu kämpfen haben, sind
eigenthümlicher Weise Parasiten. Wohl an fünf bis zu fünfundzwanzig
Percent der gezüchteten Thiere sterben in Folge von Band- und riesigen
Palisadenwürmern, von denen eine kleine Species der ersteren sich zu
tausenden und tausenden im Körper des Thieres vorfindet, die letzteren,
welche oft bis Meterlänge erreichen, die Musculatur des Vogels
durchfressen, ohne selbst das Herz zu verschonen. Uebrigens nehmen die
Parasiten oft schon von dem Ei des Straußes Besitz, bevor die Verhärtung
der Außenhaut desselben stattgefunden hat; ich entnehme dies aus dem
Berichte einer englischen Zeitung aus Süd-Afrika, welcher mir vor
einigen Tagen zukam und erzählte, daß man Straußeneier mit Würmern
gefüllt vorfand.[21]
Nachdem ich den Oranje-River an der Furth des Herrn Roß überschritten
hatte, erreichte ich Colesberg. Ich fand in demselben eine so
freundliche Aufnahme, daß ich aus Dankbarkeit nicht umhin konnte, einer
Einladung zu einem Vortrage Folge zu leisten; es war der erste, zu dem
ich mich erkühnte. Der Erfolg desselben veranlaßt mich, auch in anderen
Städten der Kolonie für die Eröffnung Central-Afrika's nach dem Süden zu
plaidiren. Namentlich verpflichteten mich hier die Herren Prediger
sowohl, als auch die Aerzte der Stadt und die Herren Abrahamson, Knobel,
Leviseur, Mader, Weekley. (Redacteur des Colesberg Advertisers) zu
lebhaftem Danke. Mit Herrn Knobel besuchte ich den Colesberg, der nicht
allein in geognostischer und paläontologischer Beziehung interessant ist
sondern auch dem Botaniker durch seine reiche Flora, dem Zoologen durch
das Vorkommen zahlreicher Berghasen, Klipschliefer, etc., Tag und
Nacht-Raubvögel, Höhlenstaare und Tauben, zahlreicher Schlangen und
Eidechsen, Kerbthiere und auch Arachniden reichlich den Aufstieg lohnt.
Von hier wandte ich mich nach Cradock; doch wählte ich der
Unfruchtbarkeit der Gegend halber nicht die kürzeste Route, sondern ging
westlich über Middleburg, da ich hier wenigstens an einer Stelle Futter
für die Zugthiere zu finden hoffte. Ich wandte mich zunächst nach
Kuilfontein, der Farm des Herrn Murray, wo Herr Knobel versteinerte
Rippen eines Thieres in einer Mauer gefunden hatte. Mit Erlaubniß des
Besitzers riß ich die Mauer nieder und fand prachtvolle, in harten
Sandstein eingeschlossene Skelettheile von Sauriern vor und zwar waren
es hauptsächlich die Dicynodon-Species, sowie Eidechsen und
krokodilartige Thiere, außerdem fand ich eine fossile Flora in
weißlichem Sandstein, welche den, namentlich in der östlichen
Capcolonie-Provinz häufiger auftretenden Dicynodon-Schichten aufliegt.
Ich blieb hier neun Tage lang und wäre wohl, mit Rücksicht auf das
gastliche Entgegenkommen von Seite des Besitzers und der reich
entlohnenden paläontologischen Funde, noch länger geblieben, wenn nicht
die Dürre der Gegend, die selbst dem Besitzer zu der enormen Auslage des
Futterkaufens für einen Theil seiner Hausthiere und das Absenden des
anderen in eine grasreiche Gegend des Oranje-Freistaates gezwungen
hatte, mich bewogen hätte, den Colesberger District so bald wie thunlich
zu verlassen.
[Fußnote 21: Siehe Anhang 9.]
Ich machte in Begleitung meines freundlichen Wirthes mehrere Ausflüge in
die Umgegend und traf stellenweise Thonschieferlagen mit kleinen
Muscheln und Schneckenschalen, sowie Spuren riesiger Eidechsen --
wahrscheinlich der Dicynodon-Art? An Wild trafen wir blos Springböcke,
Trappen, Knurrhähne, Rebhühner, Wildtauben und Wildenten. Ich erwarb in
Kuilfontein drei Fischreiher, welche, ziemlich zahm, alljährig in den
Weiden an der Quelle zu nisten pflegen. Meine weitere Reise bis nach
Cradock war der herrschenden Dürre halber ein wahrer Leidensweg.
Auf der Newport-Farm fand ich einige hübsche Fossilien, darunter
Abdrücke von eidechsenartigen Thieren. Auch hier wurde ich äußerst
freundlich aufgenommen und bedaure nur, daß ich der an mich ergangenen
Einladung, eine Jagd auf Berggazellen um die Thiere beobachten zu können
und eine reichlich lohnende Angelpartie mitzumachen, nicht Folge leisten
konnte. Die Newport-Farm-Scenerie ist unstreitig eine der anziehendsten
im Middleburger District und ich hoffe hier mit Erfolg auf meiner
nächsten Reise einen photographischen Apparat verwenden zu können.
[Illustration: Unfall bei Cradock.]
Auch in Middleburg hielt ich, hiezu aufgefordert, einen Vortrag über
meine Reisen und fand die liebenswürdigste Aufnahme bei den Bewohnern
des Städtchens. Ich bin namentlich den Herren Veidling, Heathcoth und
Dr. Moore, welch' letzterer später auch meine Praxis in Cradock
übernahm, zu Dank verpflichtet. Auch in der nächsten Umgebung von
Middleburg fand ich ein reiches Dicynodon-Lager und bedaure nur, daß die
graslose Strecke ringsum mir einen längeren Aufenthalt nicht erlaubte.
Da ich seitdem aus den mitgebrachten Fossilien erkannt, daß dieses Lager
auch Fischspecies aufweist, will ich auf meiner nächsten Forschungsreise
durch die südafrikanischen Colonien dem Orte meine vollste
Aufmerksamkeit widmen.
In Cradock angekommen, war es meine Absicht, meinen erschöpften
Zugthieren, von welchen leider einige in Folge des Futtermangels zu
Grunde gegangen waren, einige Tage Rast zu gönnen, doch sah ich mich
bald genöthigt, daselbst einige Monate zu verweilen, um meine bisher
erlittenen Verluste durch den Ertrag der ärztlichen Praxis zu decken. In
meiner mißlichen Lage war mir das herzliche Entgegenkommen der Bewohner
Cradocks ein wahrer Trost und ich fühle mich namentlich den Familien
Grey, Greaves, Green, Gillfillan, Smolmann, Armstrong, Turkington,
Leigh, Cawood, Woodland, Rice, Wolters, Rawstone und Gardener, sowie den
Herren Brown, Rudd, McLoud zu tiefem Danke verpflichtet. Auch den Herren
Mynheeren van Rensburg und Marais, sowie Mr. Forster von der
Gillfillan-Brücke gedenke ich hier in freundlicher Erinnerung.
Zur Zeit meines Aufenthaltes in Cradock war der Fish-River mehrmals
böser Laune. Ich war anfangs noch nicht dessen sicher, ob ich mich auf
einige Monate in der Stadt niederlassen und praktiziren sollte und
wohnte in meiner Arche etwa eine halbe Meile oberhalb der Stadt am
jenseitigen (rechten) Flußufer. Da ich jedoch schon über zwanzig
Patienten zu behandeln hatte, so ritt ich täglich mehrmals mit meinem
Mosco nach der Stadt. Ich hatte auf meinem Wege zur Brücke zwei meist
trockene Rinnsale zu passiren. Diese zwei etwa vier Meter tiefen, vom
Wasser ausgespülten Mulden bildeten, wie man mir mittheilte, nur sehr
selten und dann höchstens nur auf einige Stunden, meist nach sehr
heftigen Platzregen im westlichen Gebirge (Cradock liegt in einem wahren
Bergnetze) fließende Gewässer. Etwa 1½ Monate nach meiner Ankunft im
Weichbilde der Stadt fiel durch mehrere Tage (nach mehr denn
vierzehnmonatlicher schrecklicher Dürre in der Cap-Colonie) unausgesetzt
Regen, in Folge dessen der Hauptfluß anschwoll und auch jene Rinnsale
sich mit gelblicher, andere mit röthlicher, breiartiger flüssiger Masse
füllten. Ich war schon früh zur Stadt gerufen worden, konnte jedoch des
zahlreichen Krankenbesuches am Wagen halber, erst Nachmittags dahineilen
und als ich zu dem zweiten, sonst immer trockenen Zuflusse des zu meiner
Rechten etwa dreißig Schritte ab brausenden und schäumenden Fish-Rivers
kam, fand ich etwa dreißig Menschen am diesseitigen Ufer, die sich nicht
hinüberwagten -- es waren meist Wäscherinnen, welche Früh die Stadt
verlassen hatten, um ihrer Beschäftigung an den etwa 1½ englische Meilen
flußaufwärts liegenden schwefelhaltigen warmen Quellen nachzugehen, nun
aber nicht heimkehren konnten. Hätte ich meinen Krankenbesuch in der
Stadt nicht für sehr dringend gehalten, wäre ich wieder zum Wagen
zurückgeritten, da ich jedoch nach dem früh mir vom Krankenbette
zugekommenen Bulletin eine Verschlimmerung befürchtete, entschloß ich
mich, den zischenden Strudel vor mir zu durchreiten. Der röthliche dicke
Schwall war etwa acht bis neun Meter breit und schien mir an der
günstigsten Stelle 1½ Meter tief, leider hatte das Wasser unmittelbar
unter dieser Stelle ein Loch ausgehöhlt und bildete hier einen etwa drei
Meter hohen Katarakt, über welchen es laut schäumend sich mit den
tosenden Wellen des Fish-Rivers vereinigte. Ich kannte mein Pferd und
vertraute ihm meine Sicherheit an, selbst bestrebt, ihm seine
anscheinend schwere Arbeit zu erleichtern.
Bei den zwei ersten Schritten fühlte ich den Körper des Thieres
erzittern, ich munterte es auf, rasch bewegte es sich vorwärts; um es
von dem Loche zur Linken abzuhalten, hielt ich mehr nach der
entgegengesetzten Richtung, wo leider die Strömung zu stark war und das
Thier zum Falle brachte; doch waren noch unsere Köpfe über Wasser. Bevor
wir uns noch dem Katarakte genähert, hatte Mosco sich von selbst
emporgerafft und suchte mit einem Satze das jenseitige Ufer zu gewinnen
-- seine Absicht mißlang, er fiel auf die Vorderknie -- doch zum zweiten
Male raffte er sich auf, sein Körper zitterte so sehr, daß ich nicht
mehr mit ihm das Ufer lebend zu erreichen dachte, jeden Moment wähnte
ich ihn mit mir in die schäumende Tiefe zur Linken fortgespült -- da,
ohne angespornt zu werden, noch ein Versuch -- ein zweiter Satz und die
Vorderhufe hatten sich in den Lehmboden des jenseitigen Ufers
eingegraben, nur einige Secunden verharrte Mosko in dieser Stellung, ein
anderer Satz brachte ihn vollends auf's Trockene. Wir waren gerettet!
Während meines Aufenthaltes in Cradock war ich so sehr durch meine
Praxis in Anspruch genommen, daß ich meine seit dem Verlassen der
Diamantenfelder aufgenommenen paläontologischen Forschungen aufgeben
mußte. Ich hatte stets sechzig, zuweilen bis achtzig Personen auf der
Krankenliste und konnte nur selten aufs Land fahren, da mich meine
Stadt-Kranken zu sehr beschäftigten; Herr Kidger sen., der Inhaber eines
Geschäftes, war so gütig, mich mit einigen Dicynodon-Resten zu
beschenken.
In die Zeit meines Aufenthaltes in Cradock fällt auch die wichtigste
Episode, die sich in Süd-Afrika während der letzten fünfundzwanzig Jahre
abgespielt hatte -- der Zulu-Krieg. Für den Culturfortschritt in
Süd-Afrika war der Zulu-Krieg eine Notwendigkeit, doch darf man sich
nicht der Ansicht hinneigen, daß ihn Sir Bartle Frere eigenmächtig
hervorrief, und die englische Regierung in Südafrika ohne die
trifrigsten Gründe zu den Waffen griff. Das Vorgehen Sir Bartle Frere's
war einer der weisesten Schritte, die er, sowie überhaupt ein
Staatsmann, auf dem afrikanischen Kontinente thun konnte. Er sah die
Gefahr, die den Kolonien von dem Zulu-Lande drohte, er wußte von
Ketschwajo's Vorbereitungen und kannte die allgemeine Kampflust, mit
welcher die Zulu-Krieger Ketschwajo's nach einem Zusammenstoße mit den
Weißen lechzten. Bald waren es die Colonisten in Natal, bald die
Grenzbewohner der südöstlichen Districte der Transvaal-Colonie, die über
die Anmaßungen der Zulu's zu klagen hatten. In den letztverflossenen
Decennien hatten in beiden Ländern zahllose Flüchtlinge aus dem
Zulu-Lande Schutz vor den maßlosen Grausamkeiten ihres Königs und der
Induna's gesucht und gefunden.
Hätte die englische Regierung in Afrika nicht zuerst zu den Waffen
gegriffen, so wären die Zulu's wie eine blutgierige Meute Hunde über
Natal hereingebrochen, und in einer Woche hätten durch diesen Ueberfall
zwanzig- bis dreißigtausend Menschen ihr Leben eingebüßt. Ketschwajo
hatte es längst darauf abgesehen. Der dem Zulu-Herrscher eigene Stolz,
das sichere Vertrauen, das er auf die Unerschrockenheit und Tapferkeit,
sowie die anderen Eingebornenstämmen gegenüber verhältnißmäßig große
Anzahl seiner Krieger setzte, machten ihn siegesbewußt, lullten den
Tyrannen, dessen Vorbereitungsmanöver oft Hunderte von Menschenleben
kosteten, in den großen Traum ein, Herr von Natal zu werden. Dieser
Schlag hätte aber einen furchtbareren noch im Gefolge gehabt: die
Erhebung der meisten südafrikanischen Stämme gegen _alle Weißen_.
Wenn es in Süd-Afrika einige, in England jedoch zahlreiche Menschen
gibt, welche den Zulu-Krieg ^pro ipso^ als eine der größten
Ungerechtigkeiten ansehen, deren sich die englische Regierung in
Süd-Afrika schuldig gemacht, so beruht diese irrige Ansicht auf einem
vollkommenen Mißverständniß des Eingebornen-Charakters im Allgemeinen
und des Zulu-Charakters im Besonderen. Die Vertreter der ebenerwähnten
Ansicht sind meist Menschen, welche mit den Eingebornen nie in Berührung
kamen oder nie Gelegenheit hatten, die ungeheuchelte, nackte
Handlungsweise der Zulu's kennen zu lernen, die schließlich von einem
Vorurtheil befangen, stets und in Vorhinein in jedem Schwarzen einen
armen, bedrückten, gequälten und von den Weißen zurückgesetzten Menschen
sehen.
Als ich nach meiner Rückkehr von Afrika in England hochstehenden
Personen gegenüber, welche in verschiedenen Welttheilen durch Jahrzehnte
beschäftigt waren, den südafrikanischen Eingebornen eine erfreuliche
Zukunft in Aussicht stellte, staunte man überall. Man war von der
allgemeinen, bisher geltenden Idee des Aussterbens der schwarzen Race
und ihres Verdrängtwerdens von Seite der Weißen durchdrungen und glaubte
in dem Zulu-Kriege nur eine Bestätigung dieser Ansicht zu finden. Wenn
die Behandlung der Schwarzen von Seite der Weißen in vielen Weltgegenden
bisher zumeist Mißerfolge aufwies, so beruhten dieselben erstlich auf
einer irrigen Auffassung der Natur und Stellung des Eingebornen. Er
wurde entweder als ein untergeordnetes, kaum menschliches Wesen
angesehen und dann übel behandelt, oder er, das ungebildete Kind, wurde
belehrt, daß er seinem Lehrmeister und weißen Herrn vollkommen gleich
stehe. Da der Schwarze diese Identität nicht begreifen konnte, und er,
der ungebildete Unmündige, sich nun plötzlich als Gebildeter betragen,
das Kind den Erwachsenen spielen sollte, kam ein offener Widerspruch zu
Tage, dessen unmittelbare Folge ein schwerer Mißgriff des Weißen war; in
Folge dieser irrigen Auffassung gab man dem Kinde ferner seine eigene
vorzügliche Waffe in die Hand, welches nun nichts Eiligeres zu thun
hatte, als die vermeintliche Ebenbürtigkeit dem weißen Manne gegenüber
geltend zu machen und gegen ihn die Waffe zu gebrauchen. Ein weiterer,
sich nur allzubald rächender Fehler war drittens die Einfuhr und der
Verkauf alkoholhältiger Getränke, viertens die Einschleppung von
ansteckenden Krankheiten, und endlich fünftens, daß sich die zu dem
Verkehr mit den Eingebornen von dieser oder jener Regierung bestimmten
Personen (Commissäre etc.) als untauglich und ihres Amtes unwürdig
zeigten, und zwar dadurch, daß sie namentlich vor Allem ihre
persönlichen und die Vortheile ihrer Nächsten und weniger das Wohl der
Eingebornen im Auge hatten.
Was die beiden ersteren Punkte mit Rücksicht auf Süd-Afrika betrifft, so
glaube ich schon im vorigen Capitel darauf hingewiesen zu haben, daß man
gegenwärtig glücklicher Weise in das richtige Fahrwasser »^how to deal
with the natives^« eingelenkt habe. Der letzterwähnte Punkt kann in
Süd-Afrika gar nicht zur Sprache kommen. Die Berichte der Commissäre ^of
the native-affairs^ können nur zu leicht einer Prüfung unterzogen
werden. Für den geringsten Mißbrauch ihrer Amtsgewalt würde eine
sofortige strenge Bestrafung auf dem Fuße folgen. Bezüglich des dritten
Punktes sehen wir das Unglaubliche in Süd-Afrika möglich geworden, daß
Eingebornenfürsten dem Verkaufe des Feuerwassers steuern und daß auch
einige der Colonial-Regierungen die Ausfuhr desselben nach den
unabhängigen Eingebornenreichen verboten oder eingeschränkt haben.
Eine glückliche Lösung der Zulu-Frage, welche bei diesem kriegerischen
Volke nur mit Waffengewalt zu Stande kommen konnte, war für Süd-Afrika
von derselben Bedeutung, als eine solche der orientalischen Frage für
manche Staaten Europa's. Ein mehrjähriger Aufenthalt unter verschiedenen
Stämmen und mein Wirkungskreis als Arzt, bot mir hinreichende
Gelegenheit, so manche Ansicht derselben kennen zu lernen und über die
wirklichen Verhältnisse der einzelnen Stämme unter einander, ihre
Beziehungen zu den Engländern und Holländern Erfahrungen zu sammeln,
welche mich wenigstens theilweise zu der Veröffentlichung der dem Leser
schon bekannten Broschüre, sowie einer Reihe von Artikeln veranlaßten
Auf der Heimreise durch die Kolonie begriffen, ersah ich (der Leser möge
dies Geständniß entschuldigen) daß mir meine Zulubriefe, meine Reisen
wie auch meine Ausstellung in Kimberley zahlreiche Freunde erwarben. Der
erste dieser Artikel, welchen ich vor dem Ausbruche des Krieges schrieb
und in welchem ich unter Anderem die Kampfweise der Zulu's und die
Gefahr, welche für Afrika von Seite dieser Barbaren bevorstand,
schilderte, verspätete sich in Folge lebensgefährlicher Erkrankung des
Redacteurs des »^Eastern Star^« und erschien, von mir telegraphisch
urgirt, zufällig am selben Tage, an welchem die Nachricht von der
Niederlage der englischen Truppen bei Isandula die Cap-Colonie
erreichte; derselbe war vor dem Ausbruche des Krieges am 16. Jänner
abgesendet worden. Ich erlaube mir im Folgenden einige Citate aus
demselben anzuführen:
»Gibt es gegenwärtig etwas Wichtigeres, Gefahrdrohenderes auf dem
politischen Horizont Süd-Afrika's als jene dunkle Wolke im Osten, als
die Zulu-Frage? Schwarz, dicht geballt, blitzgeschwängert ist diese
Gewitterwolke, die ungebundene Masse eines der rohesten
Eingebornen-Elemente, welche unseren Blick in die Zukunft trübt und seit
Jahren den Frieden und die Wohlfahrt Süd-Afrika's bedroht.
Dort -- nördlich vom Tugelaflusse hängt das Damokles-Schwert über Deinem
Haupte, Süd-Afrika. Und dieses Schwert und jene Wolke? Ein blutdürstiger
Tyrann, dessen Macht auf Tausenden und abermals Tausenden entmenschter,
ihm wie eine Rotte wilder Wölfe in sklavischer Unterwürfigkeit
blindlings folgender Creaturen beruht. Doch wie ist es denn möglich, daß
solch' ein Wütherich so viele Jahre und in einer solchen Weise die
Civilisation hier um uns beeinträchtigen konnte, daß der Weiße jeden
Moment die drohende Meute über sich hereinzubrechen befürchten mußte?
Hast du denn geschlummert, britischer Löwe, daß du dir für die
beispiellose Sanftmuth, die du so oft den Zulu's gegenüber bewiesen, so
lange solch' eine schmähliche Stellung dem Zulutyrannen gegenüber
gefallen lassen mußtest? Ja, dort nördlich von der Tugela, in dem
schrecklichsten durch einen Eingebornenfürsten geschaffenen Gefängnisse
harrt der gordische Knoten Süd-Afrika's seiner Lösung.
Bei der Betrachtung dieser von Osten her verderbendrohenden Wolke haben
wir jedoch nicht allein das Furchtbare des ihr entströmenden Ungewitters
zu fürchten, sondern noch einen zweiten Umstand. Es ist das Verhältniß
zu den übrigen Wolken und Wölkchen, die auf dem Horizonte über uns
schweben. Obgleich Feinde des Zulustammes -- ja ihn hassend -- verbindet
doch den letzteren mit den meisten der südafrikanischen
Eingebornenstämme _ein Gedanke_, der von der Natur eingeimpfte, aus
einem allseitigen Neid hervorgegangene, trotz der wohlwollenden
Behandlung unter dem Gouverneur Sir Henry Barkly durch ein Gefühl einer
irrthümlichen Zurücksetzung gestärkte Haß der dunklen Racen den Weißen
gegenüber.
Von der größten Wichtigkeit ist es nun für uns, zu wissen, ob sich jene
kleinen Wolken, die meisten bedeutenden Stämme, beim Losbrechen jenes
Unwetters mit den Zulu's vereinigen werden oder nicht. Farbige, die sich
seit Jahren und Jahren zwischen den Weißen bewegten, die als Diener,
Aufseher etc. seit Decennien in des weißen Mannes Diensten standen,
Menschen, deren Dörfer um unsere Ansiedelungen liegen, und friedliche
Nachbarn geworden waren, Farbige, die, ob Bastard-Buschmänner,
Hottentotten oder Banthu's, den Zulu als einen Erbfeind haßten, welche
von demselben wiederholt bekriegt, von ihm Schreckliches erleiden mußten
-- lächelten zufrieden in sich hinein, so oft sie von dem arroganten
Auftreten Ketschwajo's hörten, freuten sich im Stillen, daß doch _ein
schwarzer_ Bruder (in Wirklichkeit ihr größter Feind) dem Weißen Trotz
und Hohn bot und zu bieten im Stande war. »Ja, die Zulumacht, die Macht
des blutdürstigen Ketschwajo, ist eine hohe Mauer, ist ein Felsen, über
den das Bleichgesicht nicht klimmen, den es nicht bezwingen kann.« Einen
weiteren Beweis der Zulumacht glaubten sie auch darin zu erblicken, daß
die meisten der Wächter des Weißen -- die schwarzen Policemen --
Zulumänner aus Natal, Flüchtlinge aus Ketschwajo's Gebiete waren. In
keinem Eingebornenlande Süd-Afrika's ist eine solche Rohheit und
Unmenschlichkeit, ist eine solche Barbarei zu beobachten, solch
thierische Wuth manifestirt, wie in Ketschwajo's Land. Ja, wir sehen,
daß selbst der regierende Stamm, die Zulu's selbst, auf die furchtbarste
Weise von ihrem Tyrannen mißhandelt werden, ebenso barbarisch wie die
Eingebornen es sind, sich ebenso sklavisch den Befehlen des Tyrannen
unterwerfen und ihre Mitmenschen abschlachten, um vielleicht bald darauf
selbst abgewürgt zu werden. Muth und Unerschrockenheit sind die einzigen
Tugenden, die wir den Zulu's zuerkennen müssen, doch da dieser
Charakterzug nur zur Stärkung der Macht eines Tyrannen und des Plünderns
halber zur Geltung kommt, büßt er das Lobenswerte ein und wird zur
entfesselten thierischen Wuth, mit der sich der Tiger auf sein Opfer
wirft. Bald in dieser, bald in jener Weise haben sich unsere Brüder in
Natal Drohungen und Erniedrigungen von Seite des Zulu-Fürsten gefallen
lassen. Jede der ihnen angethanen Schmähungen war eine Schmähung für uns
Alle, und es sind nun Tausende und Tausende, die gegenwärtig von der
südlichen Meeresküste bis zu dem nördlichen Bogen des Limpopo, von der
Mündung des Oranje-Rivers bis zur Tugela-Mündung welche, -- die Einen
ein Ende dieser Anmaßungen mit geballter Faust fordern, die Anderen aus
der Tiefe ihres Herzens darum flehen.
[Illustration: Kampfweise der Zulu.]
Jene von uns, die da glauben, daß die vom Zululande drohende Gefahr in
der Cap-Colonie, Griqualand-West u. s. w. weniger zu fürchten sei,
huldigen einer irrigen Auffassung. Das Zulu-Land ist ein Vulcan, von dem
ganz Süd-Afrika Verderben droht. Die Unzufriedenheit unter den
Eingebornenstämmen wird vom Zulu-Lande aus stets angefacht und genährt,
nur wir, die wir seit Jahren unter diesen Stämmen wohnen und uns die
Mühe nehmen, uns in den Charakter dieser Eingebornen einen Einblick zu
verschaffen, fühlen es, daß wir auf einem Vulcan stehen, dessen Ausbruch
nördlich von der Tugela zu suchen ist und dessen Lava-Erguß das gesammte
Süd-Afrika zu überschwemmen droht. Die niedrigsten den südafrikanischen
Eingebornen eigenen Laster finden im Zulu-Lande ihre Pflege. Haben die
Colonisten noch nicht das Zischen vernommen, mit dem die Lava aus dem
Zulu-Krater entströmt? Für jene, die es nicht vernommen, mag es in
Folgendem wieder klingen.
Ich hoffe, es gibt keinen unter uns, der dies nicht glaubt, aber wenn
einige dieser unglücklichen Mitbrüder noch existiren sollten, laßt sie
hingehen und sie, wenn auch nur kurze Zeit, am Ufer des Tugela wohnen.
Fragt sie bei ihrer Rückkehr! Ihr würdet in den früheren Freunden Hasser
der Zulu wiederfinden.
Wem tönt nicht der übliche Spruch der Zulu's in den Ohren.
»Blaßgesichter, Ihr wähnt Euch Indunas (Häuptlinge)? Glaubt Ihr dafür
geschaffen zu sein, zu befehlen, daß wir Eure Gesetze befolgen, die wir
hassen, Gebote, die Ihr gut und schön nennt? Ihr wollt uns arbeiten
lehren? Wir haben diese Schmach (arbeiten zu müssen) nie über uns
ergehen lassen, außer wenn uns des Königs Gebot hieß menschliche Schädel
zu brechen. Haß und Tod für Euch. Wir verachten Alles, was Ihr für uns
gethan, uns geschenkt habt. Schwachheit war es, nichts als elende
Schwachheit, Großmuth nennt Ihr es -- thut es nach Belieben, wir nicht!«
Jene, welche sich zu Vertheidigern der Zulu's aufwerfen, mögen sich
diesen Gedanken, der alle Ketschwajo-Zulu's beseelt und von ihnen
ausging, einprägen.
Ist die Zulu-Frage mit den Waffen glücklich gelöst, dann steht uns eine
frohe Zukunft bevor! Colonisten, ich bin kein Freund von Kriegen, nicht
vielleicht, weil es mir an persönlichem Muthe gebricht, sondern der
armen Opfer willen, die ein Krieg erheischt. Wenn sich mir nicht diese
aus Thatsachen durch mehrere Jahre geschöpfte Ueberzeugung aufgedrungen
hätte, ich würde nie diesen Krieg als eine Nothwendigkeit angesehen
haben.
Außer Ketschwajo's Zulu-Reiche finden wir noch ein zweites, ein
nördliches, das Matabele-Reich des La Bengula. Nur von vierzig wahren
Zulu-Kriegern und einigen ihrer Sklaven gegründet, hat es sich seit 1837
zu einem großen Reiche emporgearbeitet, und seine räuberischen Horden
haben sich noch nicht müde gemordet, denn das Matabele-Reich ist im
steten Wachsen begriffen.
Wäre das südliche Zulu-Land seit Jahren und Decennien nicht von allen
Seiten eng und straff umspannt worden, ein Gleiches hätte sich, und nur
noch in höherem Grade wie bei den Matabele, zugetragen; es hätte sich
durch Raub und Mord nach drei Seiten ausgedehnt. Während das zweite
Zulu-Reich im friedlichen von arbeitsamen und friedliebenden Stämmen
bewohnten Makalaka-Reiche gegründet wurde und sich so leicht im Sinne
eines Raubstaates ausdehnen konnte, wird Ketschwajo's südliches
Zulu-Reich im Süden von Natal, im Westen vom Oranje-Freistaat und der
Transvaal-Republik, im Norden von den kriegerischen Amaswazies, sowie im
Osten vom Meere umsäumt und dadurch noch eine zeitlang in Schach
gehalten. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung jedoch regte und bäumte sich
das Zulu-Element so zusehends, daß es immer arroganter und drohender
erschien und schon seit Jahren an einen Kampf mit der weißen Race
dachte. Die blutigen Manöver Ketschwajo's beweisen hinlänglich, was das
Zulu-Volk und sein Herrscher vorhatten. Die Wirthschaft der Zulu sehen
wir nur zu deutlich an den Matabele, deren Geschichte klar vor unseren
Blicken daliegt.«[22]
Diesem Artikel folgten andere, in welchen ich über die Kampfweise der
Zulu's berichtete und deren Inhalt auch später durch die Nachrichten vom
Schlachtfelde bestätigt wurde. In unbegrenztem Stolze und
Selbstbewußtsein hält sich der Zulu nicht nur für den tapfersten
Eingebornen Süd-Afrika's, sondern auch dem Weißen, seinen Waffen und
seiner Kriegsführung überlegen. Seine Kampfbegierde kommt seiner
Tapferkeit gleich und erklärt die rasche und mächtige Ausbreitung der
Zulu-Herrschaft. Ich möchte sie beinahe als das kriegerischeste und
kampfmuthigste unter den uncivilisirten Völkern bezeichnen. Wir
beobachten an ihnen nicht allein Muth und Tapferkeit, sondern auch einen
hervorragenden Sinn für Strategie. Bei ihrem Angriffe nützen sie alle
Vortheile des Terrains aus, hohe Grasfelder, Regenmulden, dichtes
Gestrüppe etc., dichte Nebel, sowie die nächtliche Zeit, um dem Feinde
so nahe als möglich zu kommen. Doch thun sie dies nicht, wie die
Colonial-Kafferstämme, um sich zu decken, sondern einzig und allein, um
den Feind zu überraschen. Ist dies jedoch nicht möglich, so gehen sie
über eine unbebuschte Grasebene auf den Feind los, ohne Rücksicht
darauf, ob sie sich dabei Stunden lang einem continuirlichen Gewehrfeuer
aussetzen müssen. Dadurch unterscheiden sie sich in ihrer Kampfweise im
Allgemeinen von den Colonial-Kaffern, Hottentotten und ihren Bastarden.
Die ersteren greifen in der Regel im offenen Kampfe an, doch ziehen sie
sich nach der ersten Niederlage sofort auf ihre bebuschten Höhen und den
Niederwald zurück und setzen von hier aus den Guerillakrieg fort. Die
Hottentotten etc. scheuen den offenen Kampf und ihnen ist im Allgemeinen
nur die letztere Kampfweise eigen. Die Zulu's hingegen zeigen eine
Todesverachtung, wie sie sonst bei keinen afrikanischen Farbigen
vorkommt.
Kopf, Brust und Füße mit thierischen Haaren, Hautstücken, Schwänzen oder
Federn phantastisch geschmückt, eilen die Zulu's unter gellendem
Jauchzen oder dem Absingen eines ihrer kriegerischen Lieder, ungeachtet
des Kugelregens und der ihnen entgegenblitzenden Bajonette gegen den
Feind vor. Während ihres Sturmlaufes trachten sie sich mit ihrem Schilde
zu decken, und indem die Linke, die den Schild hält, zugleich einen
Wurf- und zwei kurze Assagaie festhält, schwingt die Rechte einen
Wurfassagai, mit dem der Mann in der Regel auf eine Entfernung von
sechzig Schritten zu treffen weiß. Auf dreißig Schritte dem Feinde
genähert, schleudert er den zweiten und ergreift, ununterbrochen
heranstürmend, seine kurzen Assagaie, um sie im Handgemenge als Waffen
zu benützen. Dabei geschieht es oft, daß die Zulu-Krieger, um freier
auslegen und arbeiten zu können, den Schaft des kurzen Assagai's
abbrechen, um mit dem Eisentheile wie mit einem Dolche weiter zu
kämpfen.
[Fußnote 22: Vergl. den Auszug aus dem englischen Originaltexte im
Anhange 10.]
Mit Vorliebe schieben sie die beiden Flügel ihrer Angriffscolonnen
armartig vor, welche sie die Hörner ihrer Armee nennen. Während nun das
Centrum den Feind direct angreift, suchen die beiden Flügel im weiten
Bogen die feindliche Armee zu umgehen und zuerst ihren Nachtrab, dann
ihre Flanken anzugreifen. Da dem Centrum die schwierigste Aufgabe
obliegt, so ist dieses nicht allein aus den Kerntruppen gebildet,
sondern es hat auch eine Reserve von gleicher Stärke hinter sich. Siegt
das Centrum, so wird die Ausnützung des errungenen Erfolges dem
Reservecorps überlassen, dessen Aufgabe es ist, die Gefangenen
auszurauben und die Verwundeten niederzumetzeln. Sind es Weiße, mit
denen die Zulu's kämpfen, so werden diese in der Regel entkleidet, und
nicht selten geschieht es, daß dem Feinde der Unterleib aufgeschlitzt,
oder die Leichen verstümmelt werden.
Der mir zugemessene Raum gestattet es nicht, hier die Einzelheiten des
Zulu-Krieges vorzuführen. Dem Leser sind wohl die englischen Mißerfolge
wie die Siege bekannt, und die ersteren unstreitig den Umständen
zuzuschreiben, daß man erstens die Zulu-Kampfweise irrthümlich mit jener
der Colonial-Kaffern für identisch hielt, ferner daß man die Zulu-Macht
unterschätzend, mit zu geringen Streitkräften in den Krieg zog (nicht
Sir Bartle Frere's Schuld, der um mehrere Regimenter Verstärkung
ansuchte), und daß man endlich sowohl bei dem Auskundschaften einer
Gegend, wie bei dem Weitermarsche nicht die gehörige Vorsicht
gebrauchte. Der Mißerfolg der englischen Waffen im Anfange des Krieges
wurde durch die folgenden glänzenden Siege rühmlichst wettgemacht und
der Feldherr wie die Befehlshaber der einzelnen selbstständig
operirenden Colonnen, die Officiere wie die Mannschaft, haben die
erlittenen Scharten nicht allein ausgewetzt, sondern auch im Kampfe mit
dem kriegerischsten der Eingebornenvölker Afrikas und auf einem höchst
ungünstigen, felsigen und hochbegrasten Terrain neuen Ruhm erfochten.
Der Sieg bei Ulundi und nicht Wolseley's Thaten hatten den Krieg zum
Abschlusse gebracht. Und ich halte es für vorzeitig, daß die britische
Regierung in London vor der Beendigung des Krieges Sir Bartle Frere den
Machtspruch in dieser Angelegenheit entzog und Lord Chelmsford abberief.
Denn ich denke, daß in Folge dessen die Friedensverträge mit den Zulu's
nicht in entsprechender Weise abgeschlossen worden sind, um einen
dauernden Frieden mit dem Eingebornen-Element in Süd-Afrika zu erzielen.
Die Richtigkeit dieser Behauptung können wir aus den allerletzten uns in
diesem Monate (October 1880), aus Süd-Afrika zugekommenen
Nachrichten über die Erhebung eines Theiles der Basuto's gegen die
Cap-Colonial-Regierung bezüglich des ^Disarmament^ (Waffenauslieferung)
beobachten. Wäre der Friede mit den Zulu's im Sinne der in den
südafrikanischen Kolonien bei weitem vorwiegenden Meinung abgeschlossen
worden, hätten sich gegenwärtig die Basuto's aus dem oberwähnten Grunde
nicht aufgelehnt. Allein die wohlwollende Meinung von Seite der
englischen Colonial-Regierung in London, die sich in den
Vertragsschlüssen mit den Zulu-Häuptlingen nach der Beendigung des
Krieges kundgab, wurde von den übrigen Eingebornenstämmen Süd-Afrika's
(den freilebenden, wie den unter der Oberhoheit der Weißen stehenden)
nicht als eine wohlwollende Handlung, sondern als der Ausdruck von
Schwäche angesehen.
Die Absicht, mit der das Ministerium Sprigg die Waffen-Auslieferung
begründet, und bei einigen Stämmen schon erfolgreich durchgeführt hat,
beruht hauptsächlich: erstlich auf der Idee eines dauernden
südafrikanischen Friedens, zweitens einer friedlichen Lösung der
Eingebornenfrage, und zwar sollen dadurch, daß man den Eingebornen die
Feuerwaffen abkauft und ihnen keine weiteren verkauft, kriegerische
Stämme, sowie jene, welche trotz ihrer sonst friedlichen Gesinnungen
sich nach und nach durch den Erwerb der Feuerwaffen zu kriegerischen
heranbilden, zu friedlichen Ackerbauern und Viehzüchtern erzogen werden.
Es sollte eine langsame doch wohlerwogene stufenförmige Erziehung ganzer
Stämme durchgeführt werden; hat man diese erreicht, so könnte die
Regierung später gewiß einzelnen Jagdfreunden unter den Eingebornen ohne
Gefahr Gewehr-Licenzen (Jagdkarten) ertheilen.
[Illustration: Masarwadorf.]
Auf meiner Heimfahrt nach Europa traf ich zufällig mit General Lord
Chelmsford und seinem Stabe zusammen. Bei dem ersten Zusammentreffen
dankte mir derselbe für die Aufrichtigkeit, mit der ich meiner
Ueberzeugung im Verlaufe des Krieges Ausdruck gegeben hatte. In der
Begleitung Lord Chelmfords fand sich auch der ihm zugetheilte General
der Cavallerie Sir Elevyn Wood, der in der englischen Armee durch seine
persönliche Tapferkeit sich einen rühmlichen Namen erworben hat. Er
wunderte sich nicht wenig, als ich ihm Telegramme vorwies (unter anderen
jenes, in welchen mir sein Sieg über die Zulu's bei Kambula berichtet
wurde) aus denen er entnehmen konnte, daß ich während des Krieges in
direkter telegraphischer Verbindung mit Natal stand.
[Illustration: Fingodorf bei Port Elizabeth.]
Ich muß gestehen, daß sich seit jener Zeit das Band, welches mich an
Süd-Afrika so innig fesselte, nicht gelockert hat, selbst nicht nach der
erfolgten Ankunft in Europa; trotz der Verleumdungen der
Elfenbeinhändler Westbeech und Andersen in einem afrikanischen Blatte,
die mich ebenso wie dieses Blatt selbst während meines Aufenthaltes in
Afrika nicht genug zu rühmen wußten. Hingegen freute es mich lebhaft,
meine Thätigkeit von den bedeutendsten Blättern Süd-Afrika's gerecht und
unparteiisch beurtheilt zu sehen. Ich werde immer das innigste Interesse
an dem Fortschritte der südafrikanischen Colonie nehmen und stets des
mir von Seite der englischen wie holländischen Colonisten bewiesenen
Entgegenkommens eingedenk sein.
Als ich mir die nöthigen Mittel zur Weiterreise erworben hatte, verließ
ich noch vor der Beendigung des Zulu-Krieges Cradock, um mich über
Grahamstown nach Port Elizabeth zu begeben. In der ersteren Stadt
angekommen, miethete ich mir eine Wohnung in Bathurstreet, in deren Hofe
ich mein Pferd sowie die meisten der lebenden Thiere frei herumlaufen
lassen konnte. Mein Aufenthalt in Grahamstown wurde mir namentlich durch
die Herren Redakteure des »^Easter Star^«, Mr. Sheffield, Mr. Slater ^B.
A.^ und »Mail« Mr. Crocott, sowie dem Herrn Very Rev. Dean Williams,
^Med. Dr.^ Williamson und ^Dr.^ E. Atherstone zu einem sehr angenehmen
gemacht. Zu großem Danke bin ich aber auch dem Herrn Bischof Ricards,
Hon. Cawood, der Familie Francis, die ich in Schoschong im
Bamangwato-Lande getroffen, den Familien der Rev. Walton, Wood und
Barton, Herrn Tidmarsh, dem Herrn Glanville, Curator des Museums, und
Anderen verpflichtet. Hier erhielt ich auch manche interessante
naturhistorische Objecte, darunter einen lebenden Luchs von dem Very
Rev. Herrn Dean Williams und einige Trylobiten von Herrn Glanville zum
Geschenke. Auch sammelte ich Mineralien, eine Anzahl exotischer
Gewächse, wobei mir Herr Tidmarsh aus dem botanischen Garten äußerst
zuvorkommend an die Hand ging. Außerdem gelang es mir auch, zahlreiche
lebende Vögel zu erwerben, von denen ich jedoch drei Viertheile am Tage
meiner Reise nach Port Elizabeth einbüßte. Wir hatten so eisigen Regen,
daß die meisten Thiere trotz guter Verwahrung dem Unwetter erlagen,
bevor wir die nur wenige Stunden entfernte Eisenbahnstation erreicht
hatten.[23]
[Illustration: Mainstreet in Port Elizabeth.]
Am Abend desselben Tages langte ich in Port Elizabeth an. Mit Freuden
begrüßte ich nach so vielen Jahren wieder das Meer und nahm mir vor, ihm
während meines Aufenthaltes die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Fast
täglich während meines sechswöchentlichen Aufenthaltes ritt ich zeitig
früh nach dem Cap Recif oder weiter hinaus, zuweilen auch nach der
Mündung des Zwartkops-Rivers, um an seinem Gestade zu sammeln. Ich hielt
in Port Elizabeth einige Vorlesungen. Für eine derselben wurden mir von
der ^Chamber of Commerce^ 60 £ St. verehrt. Ich fand hier allseitig eine
freundliche Aufnahme, besonders von Seite der Redactionen des »^Eastern
Telegraph^«, und des »^Eastern Herald^«. In meinem Sammeleifer standen
mir namentlich die Herren Vermold, Holland und Halok sowie der frühere
österreichische Consul Allenberg bei. Herr Holland, dessen Frau Gemahlin
eine Künstlerin ist und mit Vorliebe das Studium der Botanik der
südafrikanischen Flora betreibt, machte mich auf die Haufen von
thierischen Knochen und Conchilienschalen aufmerksam, welche an gewissen
Stellen am Meeresufer förmlich hügelweise von den früheren Bewohnern
dieses Gebietes bei ihrem Mahle angehäuft worden waren. Da ich von
diesen Funden erst bei meinem Scheiden aus Süd-Afrika Kenntniß erhielt,
konnte ich nicht entscheiden, ob sie etwa von den Buschmännern
herrühren. Ist dies nicht der Fall, so müssen diese Mahlreste von einem
in Süd-Afrika ausgestorbenen Stamme aufgehäuft worden sein. Ich fand in
Port Elizabeth meine schon vor einem Jahre dahin abgesandten Sammlungen
in vierundzwanzig Kisten in gutem Zustande vor und brachte neues
Material hinzu, welches mit dem in Port Elizabeth gewonnenen im Ganzen
siebenundvierzig Kisten füllte; in Capstadt wurden zwei weitere Kisten
hinzugefügt.
[Fußnote 23: Gegenwärtig ist die Eisenbahnstrecke bis Grahamstown
ausgebaut.]
Bevor ich von Süd-Afrika scheide, erlaube ich mir aus meinem Tagebuche
eine der interessantesten Löwenjagden Van Viljoens, eines der
bedeutendsten südafrikanischen Elephantenjäger den Lesern mitzutheilen.
Das an das Matabele-Reich grenzende Maschona-Land wurde seines
Wildreichthums halber, und da sie vom Matabele-Könige specielle
Erlaubniß zu seinem Besuche erhielten, wiederholt von den beiden Jägern
Viljoen und Pit Jacobs der Elephantenjagd halber aufgesucht. Während
eines solchen weiten Jagdausfluges machten beide Jäger mehrmals mit
Löwen nähere Bekanntschaft, eine dieser Begegnungen will ich im
Folgenden zu schildern versuchen.
Van Viljoen jagte diesmal in Gemeinschaft mit seinem Sohne Jan, beide
waren von ihren Frauen begleitet und jene Jan's hatte ihre beiden
Kinder, von welchen das jüngere noch ein Säugling war, bei sich. Die
Jäger hatten ihren Lagerplatz gewechselt und lagen mit ihren Wägen nahe
an einem von der giftigen Tsetse bewohnten und deshalb für ihre Zug- und
Reitthiere unzugänglichem Territorium. Die Frauen im Lager
zurücklassend, pflegten die Jäger dann von ihren Dienern begleitet, zu
Fuß weit in das Tsetsegebiet zu dringen, um den sich mehr und mehr vor
dem Feuerrohr zurückziehenden Elephanten tagelang zu folgen. Die neue
Lagerstelle wurde öfters, sowohl während ihrer Abwesenheit, als nach
ihrer Rückkehr -- wie es schien -- von einem und demselben äußerst
dreisten Löwen heimgesucht. Das erste Mal geschah dies an einem Morgen.
Der werdende Tag hatte die Dämmerung weit nach Westen verdrängt. Im
Lager der Jäger schien noch alles im tiefen Schlafe begraben. Man gönnte
sich eben etwas mehr Ruhe, wenn die Herren abwesend waren. In der aus
Mapanizweigen errichteten Umzäunung standen die beiden Riesenwägen, in
denen die Weißen ihre Vorräthe bargen, während sich ihre Familien in
zwei nothdürftig aus Schilfrohr und Geäste errichteten, mit Gras
überdachten und mit Lehm übertünchten, an die Umzäunung angebauten
Hütten einquartirt hatten. Es ist ein Charakterzug des jagenden Boers,
daß er auf seinen Jagdzügen in der Wildniß stets ein solch' elendes
Hartebeest-Häuschen dem Wagen, der selbst einer großen Familie
hinreichenden Raum bietet, vorzieht. Nahe an der ersten Umzäunung befand
sich eine weniger umfangreiche aber höhere, aus Dornbüschen errichtete,
welche als Viehkraal diente.
Endlich wird die Stille im Lager unterbrochen. Die kleine Matte, welche
die winzige Eingangsöffnung einer der drei an den Kraal angebauten
kegelformigen, von den Matabele-Dienern bewohnten Grashütten schloß,
wird durch einen nackten schwarzen Arm von innen bei Seite geschoben,
und ein kräftiger Zulu, dunkel wie die Kohle, zwängt sich durch, um sich
sofort zu dem vor der Hütte im Erlöschen begriffenen Feuer zu beugen und
es anfachend, neu auflodern zu machen. Bald folgen ihm zwei Gefährten,
der erste aber holt sich aus der Hütte zwei Assagaie, spießt auf den
einen ein Stück Fleisch, und nachdem er auch einen Feuerbrand erfaßt, um
sich dasselbe einige Stunden später auf der Weide zu braten, öffnet er
den Viehkraal, um die Rinder an sich vorbeipassiren zu lassen. Diese die
gewohnte Richtung einschlagend, bewegen sich allmälig dem nahen
Dickichte zu. Der bewaffnete Hirte folgt, ein Lied seiner Heimat vor
sich hinsummend. Doch kaum zweihundert Meter vom Lager entfernt, werden
die Ochsen durch den plötzlichen Ueberfall von Seite eines Löwen aus
ihrer Lethargie gerissen und einer aus ihrer Mitte angegriffen; der auf
diese höchst unsanfte Weise in seinem Gesange unterbrochene Matabele
verlor indeß keinen Augenblick die Fassung, denn kaum hatte der Löwe mit
seiner rechten Tatze den Ochsen am Maul erfaßt, um in der gewohnten
Manier beim Angriffe auf Rinder, diesem den Athem zu benehmen, die
andere in die linke Schulter eingeschlagen und sich in die Kehle
verbissen, sauste schon der Assagai des Hirten durch die Luft -- leider
war es ein zu leichter Speer, -- den rechten Vorderarmknochen des
Raubthieres treffend, prallte dieser hier wie von einer Steinplatte ab
und fiel in's Gras.
Der Wurf sowohl, wie das Geschrei des Mannes, das auch von den zu Hilfe
herbeieilenden Gefährten kräftig aufgenommen wurde, thaten das ihrige um
das Raubthier zu verscheuchen. Die Matabele brachten sofort die
Zugthiere zurück in den Kraal, einer lieh sich von der Frau Jan's ein
Gewehr, während die anderen ihre Speere und Schilde ergriffen und
machten sich hierauf ^in corpore^ an die Verfolgung des Löwen. Sie
nahmen die Spur auf, doch überzeugten sie sich bald, daß er sich mit
gewaltigen Sätzen weit in die Büsche zurückgezogen hatte. Heimgekehrt,
brachten sie die Zugthiere wieder auf die Weide um sie diesmal vereint,
den ganzen Tag über zu bewachen. Man war auf eine Wiederkehr des
Raubthieres gefaßt, doch es verging ein Tag nach den anderen, ohne daß
man den Löwen zu Gesicht bekommen hätte, obwohl allnächtliches Brüllen
seine Nähe verrieth.
Am zwanzigsten Tage nach jenem Zwischenfalle kehrten die weißen Jäger in
ihr Lager zurück. Ohne ihnen Zeit zu lassen, ihre eigenen Erlebnisse zu
berichten, wurden sie sofort von den Frauen von dem Gebahren des frechen
Eindringlings in Kenntniß gesetzt, und genau der Handlungsweise des
holländischen Jägers entsprechend, machten sich die Jäger noch am selben
Tage an die Verfolgung des Raubthieres, indeß ohne Erfolg, trotzdem sie
durch mehrere Tage mit dem ganzen Trosse ihrer Diener (fünfzehn
Matabele) die Büsche und Dickichte abpürschten. Da man auch in der Nacht
sein Gebrüll seltener vernahm, glaubte man, daß sich das Thier gänzlich
aus der Gegend zurückgezogen hatte.
Acht Tage nach ihrer Rückkehr von der Elephantenjagd verließ der alte
Jäger mit seiner Frau den Lagerplatz, um den König der Matabele, La
Bengula zu, besuchen. Zwei Tage später verließ auch sein Sohn die
Stelle, um neuerdings eine Elephantenjagd im Tsetse-Distrikt zu
unternehmen. Genau sieben Tage später machte sich der Löwe an dem
Lagerplatze wieder bemerkbar, in welchem diesmal nur die junge Frau mit
ihren beiden Kindern und abseits in der Grashütte ein Matabele
zurückgeblieben waren. Für die Frau, die sich -- warum ist mir nicht
erklärlich -- in der Lehmhütte sicherer als in dem von einem
Gestrüppzaune umgebenen Wagen hielt, schien diesmal das zeitiger als je
zuvor schon bei Sonnenuntergang hörbare Gebrüll des Löwen eine schlechte
Vorbedeutung zu sein. Um sie noch trüber zu stimmen, war die Nacht sehr
dunkel und für einen etwaigen Ueberfall von Seite des Löwen wie
geschaffen. »Nachdem ich mich,« so berichtet Frau Van Viljoen,
vergewissert, daß der Viehkraal wohl verwahrt sei, und der Diener die
Feuer um denselben angezündet hatte, begab ich mich etwas früher als
gewöhnlich in das Hartebeest-Häuschen. Das Löwengebrüll war abermals und
bedeutend näher als das erstemal, hörbar geworden; denken Sie jedoch
nicht, daß es mich in Angst versetzt hätte, -- das Weib eines
holländischen Jägers ist an die Wildniß gewöhnt und hat nicht einmal,
sondern oft reißenden Thieren in das grimmige Auge zu schauen. Sie ist
nicht gewohnt zu fliehen, auch nicht, wenn diebische oder raubsüchtige
Schwarze sie bedrohen. Die Waffe in der Hand weiß sie sich wohl zu
vertheidigen, und doch, ich weiß es mir nicht zu erklären, -- in jener
Nacht fühlte ich mich erregt, fühlte etwas wie einen heftigen Schlag
unter meiner linken Brust, ich fühlte dies immer wieder, so oft ich auf
meine beiden auf der Erde in Carossen eingehüllten und schlafenden
Kinder herabblickte; mehrmals erhob ich mich mit der Absicht Licht zu
machen, doch wie durfte ich dies thun. Der durch die zahllosen Ritzen
nach Außen dringende Schein mußte ja den Räuber nur auf uns in der Hütte
aufmerksam machen und ihm auch die geringe Widerstandsfähigkeit der
Hütte vor den Angriffen seiner Tatzen verrathen. Ich fühlte mich derart
beengt, daß ich mich erheben mußte, die Luft schien mir drückend schwül,
so lange ich auf dem Boden saß. Ich stand auf, doch kaum hatte ich mich
erhoben, so zog es mich wieder herab zu den Kleinen, ich konnte sie in
dem Dunkel nicht sehen, und dies machte mich noch ängstlicher. Wie
befriedigt fühlte ich mich, als ich mich zu ihnen herabbeugend, -- sie
ruhig athmen hörte. Inzwischen hatte sich das Löwengebrülle wiederholt,
das Thier mußte schon auf zweihundert Schritte nahe gekommen sein.
Dunkel, aber eben so ruhig wie schwarz war die Nacht, deutlich hörte ich
die Bewegungen der Zugthiere in der sie schützenden Umzäunung, auch das
Prasseln der an mehreren Stellen um dieselbe brennenden Feuer entging
mir nicht, manchmal däuchte es mir, als würde ich den Schlag meines
Herzens hören, so stille und ruhig war es um mich selbst. Leider war
kein einziges Gewehr am Lagerplatze zurückgelassen worden, und so hatte
ich im Nothfalle keine Waffe, um mich zu vertheidigen. Da sich mehr denn
eine Stunde kein Löwengebrüll weiter hören ließ, fühlte ich mich etwas
beruhigter; ich suchte rasch zu vergessen, was mich eben betrübt, und
lauschte mit um so größerer Befriedigung, ja mit ganzem Herzen den
Athemzügen der Kleinen. Doch, ich weiß es mir nicht zu erklären, wie es
kam, eben dieser ruhige, glückliche Schlummer meiner Kinder, machte mich
von Neuem unruhig. Wie, wenn er doch gestört werden sollte, gestört und
mit Gefahr für ihre Sicherheit? Ich fühlte mich unglücklicher denn je.
Sollten sich meine trüben Ahnungen erfüllen? Ich mochte mich mehr denn
eine Stunde mit diesem Gedanken abgequält haben als dieselben nur zu
schnell in Erfüllung zu gehen schienen.
Zuerst wurde ein deutlicher Lärm, ein Zusammenrennen der Rinder im
Kraale hörbar. Wenige Augenblicke später ein schwerer Tritt. Sollte
wirklich das Thier uns gewittert haben und sich an uns heranmachen? Ich
lauschte an den Thürritzen, so wie ich jedoch, den schweren Tritt sich
wieder nähern hörte, flog ich zu den Kindern. Der Säugling athmet
rascher, hatte ich ihn unvorsichtiger Weise berührt? Ich mußte ihn in
die Arme nehmen, sein Köpfchen an meine Brust pressen, auf dem Lager
schien er mir weit, riesig weit entfernt zu sein. Ich suchte es mit
meinem Hauch, mit meinen Küssen zu beruhigen, bis sich der rasche,
schwere Athem zu meiner Beruhigung gelegt hatte. Da »Trab«, »Trab«, der
schwere Tritt des Löwen wieder hörbar, näher der Hütte als zuvor. Dann,
Herr, bevor ich mich dessen versah hörte ich, das Raubthier an der
Hüttenwand, es hatte den Kopf gegen eine der breiten, tiefer liegenden
Ritzen gepreßt und zwar mit einer Kraft, daß der lose Mörtel von der
Innenwand herabfiel. Mit lauten, schlürfenden Athemzügen, schnupperte es
durch die Fugen, vergewisserte es sich von unserer Anwesenheit.
Hatte ich in meiner Unruhe das Kind zu sehr an mich gepreßt, ich weiß es
nicht, doch es fing an zu weinen. Werden Sie nicht unmuthig, Herr, warum
runzeln Sie die Stirn? Konnte ich dafür, daß ich das Kind zu fest an
mich zog? Ich war wohl dasselbe holländische Weib geblieben, allein ich
war wehrlos und in einer finsteren Nacht einem wüthenden Feinde
preisgegeben, den ich nicht einmal sehen konnte. Ich beugte mich nieder
zu dem zweiten Kinde und hob es empor, und dieses durch das Weinen des
Säuglings geweckt, fing nun nicht minder heftig zu weinen an. Was sollte
ich thun? Wie sollte ich die Kinder beruhigen? Verzweiflungsvoll warf
ich mich vorwärts, daß die brennende Stirne das Grasdach berührte, und
preßte die beiden Kinder fest an mich. Ich konnte mich kaum der Thränen
erwehren, aber bemeisterte mich mit fast übermenschlicher Gewalt, das
Weib eines Boerjägers durfte nicht schluchzen.« Einige Tage später als
sie das Erlebte ihrem Manne zu erzählen begann, suchte das so lange
gefolterte mütterliche Gefühl in einem heftigen Schluchzen
Erleichterung.
»Ich wollte an dem feuchten Grase meine brennende Stirne kühlen, allein
um das Maß meines Schmerzes voll zu machen, dringt plötzlich durch all
die Fugen und Ritzen unserer gebrechlichen Nußschale ein sinn- und
ohrbetäubendes Gebrüll ein. Die dünnen, nichtigen Wände, die Luft um uns
schienen zu zittern. Sie kennen es wohl, haben es doch vielmals in der
Wildniß vernommen, dieses eigene Gebrüll! Wie aus der heiseren Kehle
eines rachsüchtigen Riesen herausgestoßen! Die dumpfen Brülllaute zuerst
rasch einander folgend, dann langsamer, in kürzeren Pausen und weniger
deutlich, bis sie in einem dumpfen Stöhnen ihren Abschluß finden. Jeden
Moment glaubte ich die Wand eingedrückt, und den grünlichen Schein der
furchtbaren Augen zu sehen. Ich konnte mich kaum mehr aufrecht halten
und fühlte meine Kraft schwinden. Doch Dank dem Herrn, er hielt Wache
über uns; der Löwe versuchte noch mehrmals sein Manöver, uns durch sein
Gebrüll aus der Hütte zu scheuchen. Doch es gelang ihm nicht. Um so
erfolgreicher war sein Versuch an dem Viehkraal, die Ochsen brachen
durch die Umzäunung aus den Dornbüschen, der Löwe griff eines der Thiere
an und tödtete es nahe an unserer Wohnung. Deutlich hörte ich das
Stöhnen des armen Rindes und das zornige Brummen des Löwen, der mehrmals
während der Nacht den Cadaver verließ und unsere Wohnung umkreiste, ohne
jedoch wieder so nahe anzukommen, wie er es das erstemal gethan.«
Nach seiner Rückkehr nahm Jan van Viljoen neuerdings die Verfolgung des
räuberischen Eindringlings auf, die des hohen Graswuchses auf den Ebenen
und in den Thälern des Maschona-Landes halber, bei weitem mehr Vorsicht
erfordert und gefährlicher ist, als in den Betschuana-Ländern. Doch auch
diesmal war seine Mühe erfolglos. Fünf Tage später kehrte der alte Herr
mit seiner Frau von dem am Matabele-Hofe abstatteten Besuche zurück. Er
war von einem andern holländischen Jäger Namens Grief begleitet.
Am selben Nachmittage als die Jäger sich zu einem kleinen
Nachmittags-Schläfchen niedergelegt hatten, wurden sie durch die Diener
wach gerufen, welche die aus dem Matabele-Lande mitgebrachten Pferde,
deren Bewachung ihnen oblag, herantrieben und die Nachricht brachten,
daß ein und wahrscheinlich der nämliche Löwe einen vergeblichen Versuch
gemacht habe sich eines der Reitthiere zu bemächtigen. Die Jäger
sattelten sofort ihre Pferde, nahmen mehrere Matabele-Diener mit sich
und eilten der Stelle zu, an welcher man das Raubthier wahrgenommen
hatte. Der alte Herr van Viljoen nahm es auf sich, das Ufer des nahen
Umaweja-Flusses hinabzureiten, während sein Sohn und Grief das seichte
Flußbett durchritten, um das jenseitige Ufer abzusuchen. Kaum hier
angelangt, wurden sie von einem der Matabele auf den unter einem Busche
liegenden Löwen aufmerksam gemacht.
Er lag etwa hundert Meter von dem Flusse entfernt. So wie er uns
erblickte machte er sich auf und davon. Nein -- so sagte ich zu mir,
berichtete mir Jan Viljoen, diesmal darfst du uns nicht entkommen, und
dem Pferde die Zügel lassend, holte ich aus, hatte auch bald meinen
Wunsch erreicht und das Raubthier, welches sich zeitweilig mit seinen
Sätzen über das Gras erhob überholt. Schon sechzig Schritte vor ihm
machte ich plötzlich gegen dasselbe Front und es gelang mir, es durch
einen lauten Schrei und eine drohende Handbewegung auf einen Moment zum
Stillstand zu bringen. Diesen Augenblick benutzte der uns
nachgaloppirende Grief um von seinem Pferde aus auf den Löwen zu feuern.
Die Kugel traf das Thier, das scheinbar todt zusammensank. Sofort eilten
unter lautem Geschrei die Matabele-Diener herbei, um der Gewohnheit
gemäß ihre Speere in den Cadaver zu tauchen. Doch -- im selben Momente
als sie demselben nahe kommen, springt der todtgeglaubte Löwe auf und
macht sich sprungbereit. Nur zwei der Schwarzen hielten Stand. Als sie
sich jedoch von ihren Genossen verlassen sahen, dachten auch sie an den
Rückzug, denn sie konnten in dem hohen Grase die Bewegungen des Löwen
nicht verfolgen.
Sobald jedoch der Löwe auch diese Beiden fliehen sah, sprang er ihnen
nach. Der Verfolgte wurde zum Verfolger. Die Reiter, die ihn todt
wähnten, hatten ihre Pferde gewendet und ritten eben langsam dem
Lagerplatze zu, als ihnen durch das Hilfegeschrei der Matabele Halt
geboten wurde. Im selben Momente hatten sie die Pferde herumgeworfen und
eilten den beiden hart Bedrängten zu Hilfe. Doch sie kamen zu spät und
konnten es nicht mehr verhüten, daß der Löwe einen der beiden Letzten
ereilte, ihn zu Boden riß und Schenkel und Schultern zerfleischte. Jan
van Viljoen war der erste zur Stelle, er war unmittelbar an das
Raubthier herangeritten, sprang aus dem Sattel und sandte dem ihn
anstarrenden Löwen die Kugel in das Ohr, daß er nach rechts überschlug
und neben seinem Opfer niederfiel. Dieses jedoch, im Glauben der Löwe
geberde sich scheintodt wie das erste Mal, sprang auf und suchte das
Weite, um jedoch schon zwanzig Schritte weiter in Folge des starken
Blutverlustes besinnungslos niederzustürzen. Drei Monate lag der Arme
krank, bevor seine vielen Wunden heilten. Der Löwe gehörte der
Krachmanetje-Art an und war der letzte, den Jan van Viljoen erlegte.
Mit Herrn Allenberg und Vermold machte ich mehrere Ausflüge nach dem
Zwartkop- und Zondaags-River, auf welchen ich äußerst zahlreiche, der
Juraformation angehörende Fossilien sammelte. Ich wollte meine
Sammlungen sowie die Käfige mit den lebenden Thieren[24] mit dem
Dampfschiff Arab der ^Union Steam Ship Company^ absenden und hatte auch
die Befrachtung des Kutters, welcher die Colli von den Waarenhäusern bis
an das etwa eine halbe Meile von der Küste vor Anker liegende Schiff
bringen sollte, beaufsichtigt, und verließ den letzteren, als Alles
vorsichtig in demselben niedergelegt worden war. Ich begab mich dann in
die Stadt, um meine Abschiedsbesuche zu machen, denn ich wollte mit
demselben Dampfschiffe bis Capstadt fahren, hier vierzehn Tage
verbleiben, um mich dann auf dem Dampfer German einzuschiffen. Zur See
zurückgekehrt, fand ich meine Colli am Meeresufer aufgethürmt; als man
nämlich mittelst eines Taues den Kutter durch die Brandung zu ziehen
suchte, war das letztere gerissen und der Kutter an's Land
zurückgeworfen worden, wobei das Wasser in das Fahrzeug gedrungen war.
Es war ein Wunder, daß es nicht an der hölzernen Landungsbrücke
zerschellte und ich so die Arbeit der letzten vier Jahre nicht eingebüßt
hatte. Da es nun nicht mehr möglich war, mein Gepäck noch vor der am
selben Nachmittage zu erfolgenden Abfahrt des Arab an Bord desselben zu
bringen, überließ ich es der Obhut des neuernannten österreichischen
Consuls für Port Elizabeth, Herrn von Mosenthal, eines ebenso gefälligen
als hochgebildeten Mannes, welcher mir außerdem während meines
Aufenthaltes in Port Elizabeth äußerst zuvorkommend begegnete und einer
der wärmsten Vertheidiger der Interessen Oesterreichs im Auslande ist.
[Fußnote 24: Zu meinem größten Leidwesen gestatteten es mir die
Verhältnisse nicht, meinen treuen Mosco mit in die Heimat zu nehmen.]
Als ich mich vierzehn Tage später in Capstadt einschiffte, fand ich
meine Gepäckstücke in der besten Art und durch einen besonderen
Bretterverschlag geschützt auf dem German untergebracht, wofür ich
besonders den Herren Mosenthal, Allenberg, Vermold und dem zweiten
Offizier des German zu danken habe. Am dritten Tage, nachdem wir Port
Elizabeth verließen, landeten wir in Capstadt, wo ich ein nicht minder
herzliches Entgegenkommen als in Port Elizabeth fand. Ich hielt hier
mehrere Vorlesungen, darunter eine in der philosophischen Gesellschaft,
die mich ein Jahr zuvor zum correspondirenden Mitgliede gewählt hatte.
Ich machte in Capstadt die ehrenwerthe Bekanntschaft Sr. Excellenz des
Statthalters der Cap-Colonie, Sir Bartle Frere, eines der hervorragenden
englischen Politiker und Geographen, ferner einiger Edelleute, welche
seinen Stab bilden, darunter des Sohnes des Lords Hathurton, Herrn
Litleton, ferner der Minister der Cap-Colonie, vieler der
hervorragendsten Mitglieder beider Häuser des Cap-Parlaments, sowie des
berühmten Astronomen Prof. Gill, des Custos des südafrikanischen
Museums, Herrn R. Trimen, des Landesgeologen Dunn, des Geologen Shaw,
des Botanikers Bolus, der Redacteure der »Cape-Times«, Argus »Standard
Mail« und der »Lantern«, sowie des »Uitenhaager Blattes«, Herrn Bidwell
-- sämmtlich Herren, die sich mit Wärme meines Vorsatzes bezüglich der
Erforschung des centralen Süd-Afrika und einer Eröffnung
Central-Afrika's nach dem Süden angenommen hatten. Von den Mitgliedern
des Parlaments wurde mir die hohe Ehre erwiesen, daß am Tage meiner
Abreise von Capstadt durch Hon. Brown im Hause der Antrag gestellt
wurde, daß sich das Gouvernement der Cap-Colonie meine Dienste zum
Zwecke neuer Forschungen im Gebiete zwischen dem Vaal und Zambesi
sichern solle. Die Regierung jedoch ersuchte, wie ich später erfuhr, den
geehrten Herrn Antragsteller, meiner Rückkehr nach Europa halber, den
Antrag zurückzuziehen.
In Capstadt wurden mir neuerdings 40 £ St. verehrt, welche mir sehr
willkommen waren, da ich durch den verlängerten Aufenthalt in
Grahamstown und in Port Elizabeth von der in Cradock erworbenen, zur
Heimkehr bestimmten Summe manches Pfund eingebüßt hatte. Die Hälfte der
in Capstadt verlebten Zeit brachte ich am Meeresufer zu und hier
bildeten Fische und Schwämme meine Ausbeute, während mich die Algoa-Bai
namentlich mit Cephalopoden, Muscheln, Schnecken, Seeraupen und Algen,
die Umgegend mit Pflanzen und Fossilien versehen hatte.
Das in Süd-Afrika, meist während meiner drei Reisen gesammelte
ethnographische und naturhistorische Material besteht in etwa 30900
Exemplaren, von denen ich über 12500 Exemplare in dem mir von dem hohen
k. k. Handelsministerium gütigst überlassenen Pavillon des Amateurs in
Wien vom Beginne des Mai bis Ende October 1880 ausgestellt habe. In
dieser Sammlung befanden sich über 1300 ethnographische Objecte, welche
ich unter den Buschmännern, Hottentotten, den Fingo, Gaika, Galeka,
Pondo, den südlichen und nördlichen (Matabele) Zulu's, den Basuto's, den
Betschuana-Stämmen (Batlapinen, Barolongen, Banquaketse, Makhosi,
Manupi, Baharutse, Bakhatla, Bakwena, Ost- und West-Bamangwato), den
südlichen und nördlichen Makalaka, Maschona,[25] Manansa, Matonga,
Masupia, Marutse, Mabunda, Mankoë, einige Stücke von den Bewohnern von
St. Helena und Madeira erworben habe, sowie einige von den Colonisten
verfertigte Arbeiten. Die naturwissenschaftliche Abtheilung enthält eine
Sammlung von Fellen, welche zum Ausstopfen bestimmt sind, zu welchem
Zwecke nach dem Tode der betreffenden Thiere, an deren Körper die
nöthigen Messungen vorgenommen wurden und 41 Schädelskelete vorlagen.
Außerdem 14 kleinere Thiere in Spiritus aufbewahrt. Ferner 71 lose
Felle, 62 anatomische Präparate, 10 pathologische Objecte, 134
Hörnerpaare von Gazellen, Antilopen, Gnu's, Büffeln etc. Von Vogelbälgen
wurden ausgestellt, und zwar von mir präparirt, 271 Bälge; vom
Elephantenjäger Bradshaw erstand ich 62; 69 waren von Mr. Walsh gegen
Elfenbein eingetauscht; 42 von Mr. X. aus der Transvaal-Colonie und 20
kaufte ich dem Taxidermist des südafrikanischen Museums in Capstadt
ab.[26] Ferner von Vögeln 11 anatomische Präparate, 4 pathologische
Präparate, 23 Nester, 89 Eier und eine Gruppe von 57 in 8 Rahmen
geordnete Straußenfedern.
An Reptilien: 25 Schildkröten (2 anatomische Präparate); 256 Eidechsen,
(2 anatomische Präparate;)[27] 87 Schlangen (10 anatomische Präparate);
45 Lurche. Ferner: 69 Fische (4 anatomische Präparate); 35 Eier
verschiedener Haifischarten. An Gliederthieren waren 2256 ausgestellt.
An Insecten wurden vom Jahre 1872 bis 1878 über 18000 gesammelt, 1300
von dem Elephantenjäger Dr. Bradshaw gegen Elfenbein eingetauscht. In
der Ausstellung befanden sich 2056 Exemplare, und zwar 1744 Käfer, 4
Raupen, 25 Wespen, 1 Termitenkönigin, 162 Heuschrecken, 62 Wanzen, 19
Schaben, 39 Insectenbauten.[28] An Zecken waren 8, Krustenthieren 33,
Spinnen 51, Spinnennestern 8, Scorpionen 36, Scolopendern 40, Julus 20,
Würmern 4 Arten ausgestellt.
Von Weichthieren 782, darunter 9 Cephalopoden und 3 Cephalopodengehäuse,
148 Schnecken, 26 Muscheln, 43 Patellae, 26 Seeraupen, zusammen 243
Exemplare, sämmtlich in Spiritus aufbewahrt. Einsiedlerkrebse 10,
Gehäuse von Schnecken 370; von Muscheln 100; von Patellae 70; zusammen
540 Exemplare.[29] Von den niederen Ordnungen der Seethiere befanden
sich in der Ausstellung 933, darunter 37 Seeigel, 15 Seesterne, 7
Quallen. Von Meeres-Polypen: 31 Corallenbildungen von St. Helena, 336
aus der Algoa-Bai, 3 aus der Tafel-Bai, 365 Schwämme aus der Algoa- und
Tafel-Bai, 59 Schwämme in Spiritus und 7 aus der Tafel-Bai, zusammen 801
Exemplare;[30] schließlich 73 verschiedene niedere Meeresthiere.
[Fußnote 25: Siehe Anhang 11.]
[Fußnote 26: Etwa 50 von den erstgenannten vier Sammlern und einige von
Herrn Brown in Tati gekaufte wurden theils verschenkt, theils nach der
Ausstellung in Kimberley mit anderen Gegenständen verkauft, um das
Deficit der Ausstellung zu decken; etwa 60 Vogelbälge wurden in Prag
zurückgelassen.]
[Fußnote 27: Eine gleiche Anzahl letzterer ging in Folge Mangels an
genügend starkem Weingeiste in Süd-Afrika zu Grunde.]
[Fußnote 28: Die Insecten sind von Herrn Dr. Rickerle in Prag gespießt
und zum großen Theile bestimmt worden.]
[Fußnote 29: Etwa 300 Duplicate nicht eingerechnet.]
[Fußnote 30: Etwa 500 Duplicate nicht eingerechnet. Davon sind 50
Exemplare gekauft, die übrigen selbst gesammelt.]
Von den 1138 ausgestellten Versteinerungen habe ich etwa 60 Stück von
den Herren Dr. Reed in Colesberg, Murray in Kuilfontein, Kidger in
Cradock und Cook in Port Elizabeth zum Geschenk erhalten, die übrigen
selbst gesammelt. Ferner befanden sich in der Ausstellung 1130
getrocknete Meeres-Algen, 364 Früchte und Samen, Holzarten, Schwämme
etc., 3328 getrocknete Pflanzen im Herbarium, wovon ich 64 Exemplare zum
Geschenk erhielt. An Mineralien waren 720 Handstücke ausgestellt.[31]
Nach siebenjähriger Abwesenheit von der Heimat konnte ich nicht länger
die Sehnsucht bemeistern, meine Lieben und Freunde in Europa
wiederzusehen. Allmälig entschwand die Küste bei Green Point und später
die Kuppe des Tafelberges meinen Blicken. Der Ocean, dessen Beute ich
vor sieben Jahren bald geworden wäre, bot diesmal ein Bild beglückenden
Friedens und bewahrte mir auch seine Gunst, bis mein Fuß wieder
europäischen Boden betreten hatte.
Am 5. August 1879 nahm ich an Bord des Dampfers German von Süd-Afrika
Abschied. Meine Sammlungen wurden in einigen Partien heimgesendet. Die
größte Sendung, circa fünfzig Kisten, brachte ich selbst mit. Von den
mitgebrachten lebenden Thieren übergab ich den Caracal, zwei braune
Adler und den Schlangenadler der zoologischen Gesellschaft zu London.
Die übrigen nahm ich mit nach Oesterreich. Seine kaiserliche Hoheit
Kronprinz Rudolph geruhte die Kronenkraniche huldvollst
entgegenzunehmen, den Pavian, ein äußerst zahmes Exemplar, und einen der
grauen südafrikanischen Kraniche übergab ich der Stadtvertretung von
Prag für den Stadtpark, den dunkelbraunen Aasgeier und einen der
langarmigen Zanzibar-Affen der Physiokratischen Gesellschaft.
In London erhielt ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthaltes
abermals Beweise von Hochherzigkeit einiger englischen Familien, welche
es mir ermöglichten, meine Sammlungen nach der Heimat befördern zu
lassen. Namentlich fühle ich mich Herrn Littleton, Sohn des Lord
Hathurton, welcher mir 100 £ St. zur Verfügung stellte, und der
Direction der ^Union Steam Ship Company^, welche mir die ganzen
Frachtspesen von Capstadt bis Southampton nachließ, zu größtem Danke
verpflichtet.
[Fußnote 31: 400 Stück nicht mit eingerechnet, von denen ich viele in
letzter Zeit schleifen ließ und welche sich als Onyxe von besonderer
Schönheit und an Nickelmetall reiche Jaspisgeschiebe erwiesen haben.]
In meiner Seele wurzelt der feste Vorsatz, so bald als thunlich wieder
zurückzukehren, um meine Forschungen fortzusetzen, erstens um gewisse
interessante Punkte, die ich nur vorübergehend besuchen konnte,[32]
einer näheren Besichtigung zu unterziehen, zweitens um auf die in den
letzten sieben Jahren gemachten Erfahrungen bauend, die Forschungen von
Süd-Afrika nach Central-Afrika auszudehnen.[33]
[Fußnote 32: Siehe den Hinweis in Anhange zum ersten und zweiten Bande]
[Fußnote 33: Siehe Anhang 12.]
[Illustration]