Elfenbein dahingeschafft worden war, und so konnte ich hoffen, daß
Westbeech bald im Leschumo-Thale eintreffen werde. Mir war dies um so
erwünschter, da ich mich unmöglich länger mit der dürftigen
Kafirkornkost fortbringen konnte. Am 7. kam ein Trupp von etwa dreißig
Marutse an, welche als Häscher von Sepopo ausgesendet waren, um -- zu
meinem grenzenlosen Erstaunen -- Moja und Kapella einzufangen; ich
vernahm auch, daß die Mehrzahl der in Schescheke und im Masupia-Lande
wohnenden Häuptlinge, die den großen Rath bildeten, die vom Könige wegen
Hochverrathes etc. Beschuldigten schuldlos sprachen, und sich den
häufigen Hinrichtungen widersetzten. Sepopo wollte sich mit einem
Schlage dieser Männer entledigen und verurtheilte zwölf der
bedeutendsten Häuptlinge zum Tode, darunter Inkambella, Marancian, auch
Kapella und Moja. Moja war erst wenige Tage zuvor, wie schon erwähnt,
mit einem Briefe Khama's in Schescheke angelangt; wie mir Westbeech
später mittheilte, gab es bei der Ankunft Moja's einen förmlichen
Aufruhr in Schescheke; es war noch nie geschehen, daß ein zum Tode
Verurtheilter nach Schescheke zurückgekehrt war. Westbeech, der gerade
in seinem Höfchen beschäftigt war, wurde plötzlich in aller Hast zum
Könige entboten, er fand den Hofraum Sepopo's mit Leuten überfüllt. Der
König reichte ihm aber sofort einen Brief, der in der Setschuana-Sprache
geschrieben und von Khama, dem Könige der östlichen Bamangwato's
unterzeichnet war. Westbeech wurde ersucht, den Inhalt mitzutheilen,
Sepopo fühlte sich durch denselben sehr geschmeichelt, ließ sofort von
Westbeech einen Brief an Khama schreiben, daß er ihm zu Liebe Moja
pardonnire, doch am selben Abend noch gab er Maschoku den Befehl, am
folgenden Morgen jene zwölf, darunter auch Moja und Kapella
hinzurichten; Maschoku aber, der sich fürchtete, so viele der
einflußreichsten Männer zu tödten, erschien in der Nacht an der Hütte
Kapella's und warnte ihn. »Kapella, Du bist verurtheilt, morgen zu
sterben!« Kapella wußte genug, weckte seine beiden Frauen und einen in
der Hütte nebenan schlafenden Bruder Moja's, sowie drei seiner
zuverlässigsten Diener und seinen jüngsten Knaben und machte sich sofort
auf den Weg. Am Flußufer suchte er Westbeech auf und berichtete diesem
den Vorfall. Westbeech, der immer in solchen Fällen ein gutes Herz
offenbarte, versorgte ihn mit Schießbedarf und anderen Reise-Utensilien.
Kapella nahm zu den zwei nächsten Kähnen seine Zuflucht und rasch
glitten die Flüchtlinge stromabwärts im Dunkel der Nacht dahin. Nach
Mitternacht waren sie schon circa zwanzig Meilen von Schescheke
entfernt, hier ließen sie die Boote flußabwärts treiben und schlugen
sich in die schilfigen Moore am Südufer des Zambesi, um die
Niederlassung der Masupia's zu erreichen, welche oberhalb Impalera
am Tschobe gelegen, unter der Gerechtsame des Bruders des
Masupia-Häuptlings Makumba, eines sehr warmen Anhängers Sepopo's stand.
Hier hofften sie so zeitlich anzukommen, daß sie sich noch vor dem
Erwachen der Masupia's einiger ihrer Boote zur Ueberfahrt über den
Tschobe bedienen konnten. Der Gang in den Pfaden, dem hohen Schilf
entlang, war im Dunkel der Nacht aus sehr vielen Gründen ein äußerst
gefahrvoller und Kapella hätte ihn nie gewagt, wenn es nicht um sein
eigenes und das Leben der Seinen gegangen wäre. Alles ging nach Wunsch
und die Flüchtlinge langten kurze Zeit nach Tagesanbruch bei der
genannten Niederlassung an. Trotzdem waren schon zwei der Masupia's bei
den Booten beschäftigt; bei dem plötzlichen Erscheinen der bewaffneten
Gruppe, in welchen sie wohl Flüchtlinge aus Schescheke ahnen mochten,
ergriffen die Männer die Flucht, um im Dorfe Lärm zu schlagen,
versenkten jedoch, bevor man es ihnen wehren konnte, die beiden Boote.
Die Flüchtlinge machten sich sofort an die Arbeit, die kleinen Kähne aus
der seichten Bucht an's Land zu ziehen, sie vom Wasser zu entleeren, und
dann so rasch als möglich über den Tschobe zu setzen, was ihnen auch
gelang.
Obgleich die beiden Männer ihren Häuptling davon benachrichtigten und
Kapella's Namen nannten, fand es dieser, da er den Commandanten als
einen guten Schützen kannte und sich auch nicht zum Häscher hergeben
wollte, für angezeigt, die Sache erst morgen zu überlegen; seinen Leuten
gegenüber meinte er, daß man das Ganze wohl erwägen müsse, es wurden die
Aeltesten des Dorfes zusammengerufen und ihnen die Sache
auseinandergelegt. Unterdessen waren viele Stunden verflossen, so daß
die Flüchtlinge einen bedeutenden Vorsprung erreicht hatten, als die
Verfolger, jene erwähnten Marutse, im Leschumo-Thale erschienen, um nach
Kapella und den Seinen zu fahnden. Diese Truppe zog erst in der Nacht
auf den 8. wieder ab, sie hatten von ihrem Hauptquartier im
Leschumo-Thale aus den Wald ringsum durchsucht.
[Illustration: Wana Wena, der neue König der Marutse.]
Westbeechs dunkler Jäger Diamond, der abermals am 6. ausgegangen war,
kehrte am folgenden Tage schwerbeladen heim, d. h. seine Diener keuchten
unter den Rumpfstücken eines Büffelstieres. Nahe an der Stelle wo er ihn
erlegt, ließ er sich von seinen Dienern eine Grashütte errichten, um
darin zu übernachten. In der Nacht hörte er nun, daß Raubthiere sich um
das Fleisch zu zerren schienen; der alte Diamond war indeß durch
häufigen Branntweingenuß nicht mehr der Elephantenjäger früherer Tage
und so hielt er sich sicherer in der Hütte. Morgens fand er, daß sich
drei Löwen an den Eingeweiden des Thieres gütlich gethan hatten.
In der Nacht auf den 11. kam plötzlich Diamond an den Wagen und
berichtete, daß zwei Marutse-Männer mit dem Auftrage angekommen wären,
Kapella und Moja einzufangen und sie zu tödten, falls sie in unserem
Lager sich versteckt halten sollten. Diese Mittheilung brachte mich
derart in Aufregung, daß ich den beiden Marutse durch Diamond befehlen
ließ, sich sofort zu entfernen. Zu spät erfuhr ich leider den Irrthum
Diamonds, welcher der Sirotsesprache nicht besonders mächtig war. Wie
hätte ich es auch ahnen können, da ich die Leute nicht sah, daß mir
Diamond gerade das Gegentheil von dem berichte, was ihm die Leute
mitgetheilt hatten. Statt Sepopo's Häscher zu sein, waren es Kapella's
Diener, welche von ihrem Herrn abgesandt waren, um Fleisch von mir zu
erbitten.
Der 12. war ein geräuschvoller Tag für das Leschumo-Thal. Vor- und
Nachmittag kamen mehrere Masupia-Trupps von Impalera mit Elfenbein und
ein Diener Westbeechs mit dem Auftrage von Letzterem, nach Panda ma
Tenka zu gehen und Zugthiere für die beiden Wägen zu holen. In der Nacht
auf den 14. schlief ich etwas besser und hoffte deshalb etwas zeitlicher
aufstehen zu können. Nachdem mich mein Diener Narri nothdürftig
angekleidet, setzte ich mich auf den Bock, um die frische, wenn auch
ungesunde Morgenluft einzuathmen. Der Gedanke, daß mich Westbeech bald
erlösen werde, hatte meine Lebensgeister etwas aufgefrischt. Narri, der
eben mit dem Kochen des Kafirkornkaffee's beschäftigt war, trat heran,
und machte mich auf den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam, welche aus
ziemlicher Entfernung thalabwärts hörbar wurden. Ich rief die Diener
herbei, ließ sie lauschen und sie erkannten singende Masupia's, welche
von Impalera mit Westbeechs Elfenbein beladen sich uns näherten. Die
drei anderen Diener waren schon wieder zum Feuer zurückgetreten, nur
Narri stand noch bei mir, als sich plötzlich etwa dreißig Schritte vor
uns eine dunkle Mannesgestalt, ein unbewaffneter Schwarzer erhob und auf
mich zusprang. »Irre ich mich, trügt mich das geschwächte Gesicht? Ist
es möglich? Doch nein, ich täusche mich. Wie käme mein Freund Kapella,
der Commandant des Marutse-Heeres, in diesem Zustande hieher? Doch ja,
es ist Kapella, nicht mehr der Führer der Marutse-Schaaren, sondern der
Flüchtling.« Ich wollte vom Wagen herabspringen und seine Hände fassen,
doch ich hatte nicht die Kraft dazu. Inzwischen hatte er mich erreicht
und am Arme ergriffen. »Intate (Freund), ich bin hungrig, stehe mir bei,
drüben im Gehölze hungert meine Frau und meine Kinder,« dann unterbrach
er sich plötzlich und horchte auf den Gesang der herannahenden
Masupia's, welche jeden Augenblick an der nächsten Waldesecke erscheinen
mußten. Die gutmüthigen Züge verzerrten sich in diesem Momente zur
Unkenntlichkeit, Todesangst sprach aus ihnen. Ich weiß nicht, ob die
Aufregung in dem Momente es ermöglichte, oder das Mitgefühl der Angst
mich so stark machte, ich ergriff einen etwa zwei Eimer Korn
enthaltenden Sack, der hinter mir im Wagen lag und warf ihn dem Manne in
die Arme. Kapella winkte mir mit der Hand, beugte sich nieder und
schlich, von den Masupia's ungesehen, durch das hohe Gras nach dem nahen
Walde.
Am 15. zog das schwerste Gewitter, das ich bisher in Afrika beobachtet,
über das Leschumo-Thal dahin, es kam so plötzlich, daß meine Diener
rasch Sand und Erde auf die Feuer werfen mußten, um die Grashütten vor
Brand zu schützen. Der darauf folgende, noch immer vom Sturmwind
begleitete Regenschauer drang durch die Wagendecke, so daß ich mit
meinen Decken und Reserve-Kleidungstücken die Sammlungen vor einer
abermaligen Beschädigung schützen mußte. Das Wagendach schwankte hin und
her und die Gewalt des Orkans schüttelte den Wagen, als wäre dieses
formidable afrikanische Transportgebäude ein Spielzeug gewesen. Die eine
der Grashütten war durch den Orkan umgeworfen, und die andere, in
welcher sich die Diener geborgen, eingedrückt worden. Dank dem leichten
Materiale desselben hatte ihnen dieser Unfall nicht viel Leid zugefügt.
Gegen Abend mußten sich die Diener wieder daran machen, zwei neue Hütten
zu errichten, eine für sich und eine für mein Gepäck, da ich den Wagen
für Westbeechs Elfenbein frei machen mußte.
Am 16. langte Westbeech im Leschumo-Thale an. Er beklagte sich über die
ihm von Sepopo nach meiner Abreise widerfahrene Behandlung und entschloß
sich, nicht mehr nach Schescheke zu gehen, sondern die Waaren nur in's
Tschobethal zu bringen und sie hier auszutauschen. Er gab mir die
gewünschten Aufschlüsse über die letzten Vorgänge in Schescheke und
theilte mir mit, daß die Idee eines Aufstandes und der Vertreibung des
Königs bei den Marutse-Mabunda-Häuptlingen immer mehr festen Fuß gefaßt
hätte; dazu kam noch folgender Umstand, der dem Könige in den Augen der
Untergebenen sehr schadete. Als er nämlich am Tage nach der Flucht
Kapella's die Nachricht davon erhielt, gerieth er so in Zorn, daß er,
wie in der Regel, mit dem Kiri auf seine Umgebung losschlug, dann aber
rief er laut, daß er ein Zaubermittel bereiten wolle, welches
unwiderruflich die Flüchtlinge zurückbringen werde, dasselbe müsse auf
sie derartig einwirken, daß sie die Sinne verlieren und in diesem
Zustande nach Schescheke zurückkehren müßten, um sich von Maschoku
tödten zu lassen. Er ließ einen Ochsen schlachten und sich den Talg vom
Herzen überbringen, dann wurden etwa drei Fuß lange Stäbchen
herbeigeschafft und dieselben einen Fuß tief vor der Hüttenthüre der
Entflohenen in den Boden eingeladen. Diese Stäbchen wurden darauf an
ihrem oberen Ende etwas gespalten und ein Stückchen Talg aufgelegt. Es
war das erste Mal, daß sich Sepopo so offen vor seinem Volke über seine
Zaubermittel und deren Wirkung aussprach, so daß sich nun auch zum
ersten Male die Bewohner von Schescheke von diesem Humbug zu überzeugen
Gelegenheit hatten.
Die Portugiesen waren von Sepopo noch immer nicht für ihre Waaren
bezahlt worden, er vertröstete sie von Woche zu Woche. Auch berichtete
mir Westbeech, daß der Dolmetsch Sepopo's, Jan Mahura, und sein Bruder
am nächsten Tage im Leschumo-Thal eintreffen würden, da sie ihres Lebens
nicht mehr sicher waren, und der erstere von dem Könige für seine
fünfjährigen Dolmetscherdienste eben seinen Lohn erhalten hatte.
Westbeech war gezwungen, noch Güter in Schescheke zurückzulassen, auch
sollte sein Koch Fabi, ein Halbcast aus der Colonie, nicht mit nach dem
Süden ziehen, weil die ihm vom Könige geschenkte Frau, Asserat,
mitzugehen sich weigerte.
Am 17., als bereits das gesammte Elfenbein (11080 Pfund) von Schescheke
nach dem Leschumo-Thal gebracht worden war, erkrankte mein Diener
Elephant an einer Entzündung des Schleimbeutels unter dem Knie, einem
Uebel, welches unter den Masupia's und Matonga's häufig angetroffen,
Tschi Kana Mirumbe genannt, und mit warmen aus Bohnenmehl bereiteten
Umschlägen geheilt wird.
Als am 19. Masupia-Männer vom Zambesi und Tschobe Korn, Mais und
Kürbisse zum Verkaufe brachten, boten sie den erhaltenen Kaufpreis dem
Bruder des Jan Mahura an, welcher ihnen dafür Elephanten-Medicin, d. h.
eine solche, die sie in den Stand setzen sollte, Elephanten ohne
Schwierigkeit zu tödten, verabreichen mußte. Jan Mahura machte ihnen zu
diesem Behufe an den Armen und den Schenkeln seichte und lange
Längseinschnitte und rieb ihnen in dieselbe ein schwärzliches Pulver
ein, welches die gewünschte Wirkung äußern sollte.
In der Nacht vom 19. auf den 20. waren die Wagen gepackt, nach
Mitternacht trafen die Zugthiere ein und wir verließen das
Leschumo-Thal, um weiter nach Panda ma Tenka zu ziehen.
XIV.
Durch das Makalaka- und Westmatabele-Land.
Aufbruch nach Süden. -- Vlakvark's. -- Lager an den
Klamaklenjana-Quellen. -- Der Händler Z. -- Die Weiher von Tamasanka. --
Die Sibanani-Lichtung. -- Reiches Thierleben. -- Die Mambaschlange. --
Ein böses Gewissen. -- Menon, der Chef der westlichen Makalaka. -- Ein
Spion. -- Menon hält über Z. Gericht. -- Langfingerigkeit und
Unreinlichkeit der Makalaka. -- Morulabäume. -- Z. in Lebensgefahr. --
Die Ruinen von Rocky-Schascha. -- Pittoreske Landschaftscenerie am
Rhamakobanflusse. -- Tati. -- Goldgräber. -- Die Familie Lotriet. --
Matabele-Vorposten. -- Geschichte des Matabele-Reiches. -- Afrika als
Löwenjäger. -- La Bengula's Schwester. -- Der Leopard im Schlafzimmer
Pit Jacob's.
[Illustration: Ruinen von Rocky-Schascha.]
Südostwärts reisend, gelangten wir noch am selben Tage bis zu
Schneemann's Weiher, wo wir bis zum Abend verblieben. Die Reise durch
den Wald, zeitig am Morgen war insoferne angenehm, als der Wald förmlich
vom Dufte der schönen weißen, fünfblättrigen Blüthen des
Mopondostrauches erfüllt war. Abends brachen wir wieder auf und fuhren
die Nacht hindurch, bis wir zu Mittag des nächsten Tages am Rande der
Gaschuma-Ebene anlangten; hier mußten wir rasten, da die Regengüsse der
letzten Tage die Wiesenlichtungen in Sümpfe verwandelt hatten. Das Gras
auf den Ebenen war stellenweise sechs bis sieben Fuß hoch und wurde von
den Eingebornen Matimbe genannt. Des hohen Grases wegen sahen wir auch
sehr wenig Wild. Während unseres Aufenthaltes an der oberwähnten Stelle
kamen sechs Marutse von Schescheke, die uns nachgegangen waren, und
brachten meine Büffelhörner, die Westbeech in Schescheke mitzunehmen
vergessen, sowie einen fünfundzwanzig Pfund schweren Elephantenzahn mit.
Die Leute folgten dem Wagen bis Panda ma Tenka unter dem Vorwande,
Zündhölzchen für Sepopo zu erstehen, eigentlich aber in der Absicht,
sich zu überzeugen, ob sich Kapella, der Flüchtling, unserem Wagen
anschließen würde. Kapella, dem ich nach jenem schon erwähnten
denkwürdigen Morgen des 14. Jänner täglich theils aus meinem, theils aus
Westbeechs Kornproviant versorgte, hatte bei der Ankunft des
Elfenbeinhändlers von Schescheke den Leschumo-Wald verlassen, und war
bis zu den Gewässern der Gaschuma-Ebene vorausgegangen. Hier trafen wir
ihn mit den Seinen und mit Moja, und unter den Dienern des Flüchtlings
erkannte ich einen, der sich während meiner letzten Fahrt von Schescheke
nach Impalera durch sein unverschämtes Auftreten hervorgethan hatte. Da
die ganze Gesellschaft seit dem Verlassen des Leschumo-Thales kein Wild
erlegt hatte, war die Ueberraschung, die uns Bradshaw von Panda ma Tenka
aus durch das Zusenden eines Ziegenbockes bereitete, recht erfreulich.
In der folgenden Nacht verließen wir das Tsetsegebiet und gelangten,
nachdem wir noch stundenlang mit dem schwer beladenen Wagen an einem der
vielen Zuflüsse des Panda ma Tenka-Flüßchens aufgehalten worden waren,
noch am selben Tage nach der gleichnamigen Niederlassung. Mein früherer
Diener Pit, sowie Bradshaw waren durch das Fieber förmlich zu Skeleten
abgemagert.
Am 23. theilte mir Westbeech die unangenehme Nachricht mit, daß seine
Zugthiere durch die Tsetse decimirt und er nicht im Stande sei, der bei
dem Verkaufe meiner Zugthiere eingegangene Verpflichtung, meinen Wagen
nach dem Süden zu bringen, nachzukommen, er ersuchte mich, mein Gepäck
auf einem der mit Elfenbein beladenen Wägen unterzubringen. Am 24. kam
der Elfenbeinhändler Saddler von Schoschong an, er berichtete von der
Strenge, mit welcher König Khama gegen die Einfuhr von Branntwein
auftrete und äußerte sich, daß die Leute in Schoschong sich sehr wundern
würden, mich zu sehen, da man mich nicht wieder im Süden erwartete.
Am 27. war ich endlich mit dem Packen meiner Sammlungen fertig geworden
und so benützte ich gleich den Nachmittag, um sie zu vermehren. Ich
erstand auch von Bradshaw eine Sammlung von 1300 Käfern für 20 £ St.,
dann für Elfenbein, zur Completirung der Sammlungen 40 Vogelbälge von
demselben und 63 von Walsh. Am Nachmittage des 28. verließen wir das
Thal, und obgleich mir Westbeech auch auf der Rückreise nach Schoschong
viele Gefälligkeiten erwies, so wurde mir das Reisen in einem fremden
Wagen unangenehm, da meinem Sammeleifer durch den Raummangel bald Halt
geboten war. Ich konnte an Orten nur Stunden verweilen, wo ich eine
Woche hindurch die lohnendste Arbeit gefunden hätte. Ich gewann dabei
die Ueberzeugung, daß Westmatabele allein Jahre lang einen Forscher
ununterbrochen beschäftigen könnte.
Als wir am 28. das Panda ma Tenka-Thal hinaufzogen, jagten unsere Hunde
zwei Exemplare der Vlakvark-Species auf. Es gab eine Hetzjagd, welche
zwanzig Minuten währte und wobei Schwarze und Weiße, die einen mit
Gewehren, die anderen mit Assagaien bewaffnet, dem Wilde nachjagten.
Obgleich das Vlakvark unter den Wildschweinen die drohendsten Hauer
besitzt, ist es doch unserem europäischen Wildschwein gegenüber eine
feige Creatur; es besitzt eine staunenswerth dünne Haut, sowie einen
weißen Backenbart im Gesichte. Die folgende Nacht hatte ich abermals
wenig Rast, denn in Folge der Fahrt über die steinigen Bodenerhebungen
zwischen dem Panda ma Tenka- und dem Dejkha-Flüßchen waren die gepackten
Sachen so hin- und hergeworfen worden, daß ich Alles neu ordnen mußte.
Auf der Fahrt des nächsten Tages, auf der letzten der großen
Graslichtungen, welche das sandige Lachenplateau vom Zambesi-Gebiete auf
der bereisten Strecke trennt, entdeckte ich, daß alle Wildpfade von
zahlreichen wilden Straußenheerden zum »Wechsel« benützt wurden. Wäre
ich in meinem Wagen gereist, so hätte ich mich für die nächsten
achtundvierzig Stunden in eines der nahen Gehölze gelagert, um diese
Thiere nach Herzenslust beobachten zu können.
Am 3. gelangten wir zu Henry's Pan, jeden Augenblick, den der Wagen
hielt, benützend, fand ich auf dieser, sowie auf der Gesammtstrecke bis
Schoschong hin so viel Sammelnswerthes, daß ich nur täglich bei der
Arbeit sowie während der Fahrt und in der Nacht bei dem Recapituliren
des Erlebten stets über den Zeitmangel und das rasche Reisen klagen
mußte. Am 3. beobachtete ich Giraffenspuren im Geleise vor uns, es
mochten wenigstens zwanzig Thiere gewesen sein, welche hier ihren Weg
genommen hatten. Am nächsten Tage erreichten wir die Lachen von
Tamasetse und erstaunten nicht wenig, einen Reiter uns entgegenkommen zu
sehen; wir erkannten in ihm den Compagnon des dem Leser schon bekannten
Elfenbeinhändlers Anderson. Dieser hatte sich zurückgezogen, während der
Erstere mit seinen Dienern hier und um Tamasetse herum Strauße jagte.
Dieser Mann, mir Namen Webster, theilte mir mit, daß er mit noch zwei
Weißen, Herrn Z. und Mayer, den ich dem Leser schon bei der Reise nach
Norden an der zweiten Klamaklenjana-Quelle vorgeführt, in der Nähe
lagere. Herr Z., ein früherer Händler, hatte diesmal aus einem ganz
besonderen Grunde diese Gegenden ausgesucht. Die zoologische
Gesellschaft in London hatte nämlich für ein Junges der weißen (grauen)
Rhinoceros-Art einen Preis von 500 £ St. loco Capstadt ausgeschrieben
und nach diesen gelüstete es dem ehemaligen Händler. Da dieser
Abenteurer sich womöglich geringe Auslagen bereiten wollte, hatte er
solche Tauschartikel mitgenommen, die im Innern Afrika's mit geringer
Mühe 500 Percent Reingewinn abwarfen. Im Maschona-Lande wäre es ihm am
ehesten gelungen, der gesuchten Species habhaft zu werden, doch eines
Vergehens wegen, dessen er sich bei einem früheren Besuche des Landes
schuldig gemacht, wagte er es nicht wieder, offen das Matabele-Land zu
betreten, um von dem Matabele-König den Durchzug nach dem Maschona-Lande
zu erbitten. Als er auf seiner Reise gegen den Zambesi nach Schoschong
kam, hatte der König Khama erfahren, daß er Brantwein am Wagen als
Tauschartikel führe und gebot ihm, sofort nach dem Süden zurückzukehren.
Z. wollte sein Ziel nicht so leichten Kaufes aufgeben, angesichts der
Haltung Khama's versprach er zu den am Limpopo weilenden
Damara-Emigranten zu gehen und hier das Feuerwasser abzusetzen, doch
dies war nur eine List. Er schlug die Richtung nach dem Limpopo, d. h.
nach Südsüdost ein, wandte sich jedoch bald nachher vom Wege ab, kehrte
in einem spitzen Winkel nach Norden zurück und verfolgte diese
eingeschlagene Richtung bis zur Höhe von Schoschong. Das bereiste Land
war hie und da bebuscht, was ihm wohl zu statten kam und als er diesen
Punkt erreicht, verbarg er hier seine Branntweinfässer und ging
denselben Weg zurück, bis er wieder nach Schoschong kam und dem Könige
seinen leeren Wagen zeigte. Dieser glaubte dem Manne, obgleich er sich
über die rasche Erledigung der ganzen Angelegenheit wunderte.
Z. schlug eine östliche Richtung ein, bis er das erwähnte Versteck
erreicht hatte, lud hier die verbotene Fracht wieder auf und zog nach
Westmatabele, um nun nach Nordwest, in das sandige Lachenplateau
einzubiegen; da er jedoch in Westmatabele den ihm begegnenden Zulu's den
Grund seines Besuches mitzutheilen gezwungen war, so nannte er sich
Capitän Y., der die Victoriafälle des Zambesi zu sehen wünsche, und
hiezu La Bengula um Erlaubniß bitte. Er suchte dies durch Boten, die er
nach Gubuluwajo zum Könige sandte, zu erreichen, durchzog dann
Westmatabele und das Makalaka-Land und gelangte nach dem sandigen
Lachenplateau, wo er mehrere Monate zubrachte, während welcher Zeit er
seine vier Pferde, die er der Jagd halber mitgenommen, verlor. Während
dieser Fahrten brachte er bis auf vier Flaschen Spiritus den ganzen
Inhalt seiner Fässer an den Mann. Inzwischen wurde Khama durch die
herumstreifenden Bamangwato's sowie die hie und da postirten Masarwa und
Madenassana das Thun des Z. berichtet, auch ließ er nachforschen und der
Branntweinschmuggel des Letzteren lag klar zu Tage. Auch Z. blieb dies
nicht unbekannt, und er fürchtete, daß ihm der Weg nach dem Süden
abgeschnitten sei, und in die Hände Khama's zu fallen, welcher ihm zur
Strafe das Gefährt wegnehmen könnte. La Bengula, den Zulu-König,
fürchtete er aber noch mehr. In dieser für ihn ziemlich peinlichen Lage
-- es war ihm indessen auch klar geworden, daß er ein weißes Nashornkalb
nicht erwerben könne -- konnte ihm die Ankunft unserer Truppe in
Tamasetse nur sehr willkommen sein.
Niemand begrüßte denn auch unsere Ankunft freudiger als Z. Wie hatte
sich der arme Mayer verändert? Das böse Fieber hatte ihn in wenigen
Wochen siech und so elend gemacht, daß ich ihn mit Noth wiedererkennen
konnte. Z. fragte mich um Rath für seine fieberkranken Diener. Ich
erwiderte, daß ich selbst am Fieber krank, nicht einen Gran von den
nöthigen Medicamenten besitze. Das letzte was ich von Bradshaw gekauft,
hatte ich Pit, dem einen Wagentreiber und Sohn Jan Mahura's gereicht.
Doch rieth ich Z. an, um den Dienern das lästige Gefühl der Müdigkeit in
den Schenkeln zu beheben, Branntwein in die Muskulatur derselben
einreiben zu lassen. »Ich habe keinen Branntwein mehr, doch es sind noch
vier Flaschen mit Spiritus im Wagen, ich werde diese verwenden.« Doch Z.
hatte mit dem Samaritanerwerk keine Eile, er mischte den Inhalt der vier
Flaschen mit Wasser und verkaufte den so gebrauten Branntwein an die
Mitreisenden für 33 £ St., und als mein armer Freund von dem furchtbaren
Genusse umnachtet, nicht mehr seiner Herr war, verkaufte er ihm Wagen
und Ochsen, um sie nicht an König Khama zu verlieren. Ich will die
unangenehmen Auftritte übergehen, die sich damals während des
Aufenthaltes an den Tamasetse-Lachen vor mir entrollten. Z. ging nun
nach dem Süden als Gast meines Freundes und in dem tröstlichen
Bewußtsein, wenn auch keinen Preis gewonnen, so doch keinen erheblichen
Verlust erlitten zu haben.
Am 7. verließen wir Tamasetse und zogen über die Wässer von Tamafopa und
Yoruah nach den nördlichsten der Klamaklenjana-Quellen, von welchem sich
ein Geleise nach Südost nach dem Makalaka-Lande abzweigt. Hatte ich
während unseres Aufenthaltes auf Tamasetse über das Unheil zu klagen,
das Z. mit seinem Brantwein angerichtet, so war dies auf der Weiterreise
nur noch mehr der Fall. Westbeechs Wagenlenker (an dem Wagen, in dem ich
fuhr) war und blieb betrunken, was zur Folge hatte, daß das Gefährt
mehrmals daran war, umzuschlagen, zuweilen sah ich mich gezwungen,
selbst die Peitsche in die Hand zu nehmen, was meinen Zustand wieder
verschlimmerte.
Am 8. gelangten wir zu dem Yoruah-Weiher. Da Bradshaw hier einen
Rückfall erlitt, auch zwei andere Wagenlenker, namentlich Diamond, krank
wurden, blieben wir hier 1½ Tage, die ich so gut es anging zur
Vermehrung meiner Bälgesammlung benützte. Z. erkrankte an Dysenterie,
mein Diener Elephant unter ähnlichen Umständen und zwei andere Diener
Westbeechs am Fieber. Am 12. gelangten wir zu den Klamaklenjana-Quellen
und fuhren von da noch am Abend ab. Ich fand diesmal das Lachenplateau
auffallend wildarm und erkannte auch bald den Grund dieser Erscheinung.
Die zahllosen weitab im Walde liegenden Lachen hatten sich mit
Regenwasser gefüllt, und so war das Wild nicht an die wenigen
Quellenweiher gebunden, sondern konnte sich beliebig weit vom Geleise
zurückziehen. Am Nachmittage wurde ich vom Fieberschauer niedergeworfen
und hatte noch in der Nacht eine arge Beschädigung meiner Sammlungen zu
erfahren. Der betrunkene Wagenlenker war einem vorragenden Aste nicht
ausgewichen, der die senkrechten Stützsäulen der linken Dachseite
rasirte, dabei in den Wagen drang und hier die in den letzten fünf Tagen
gesammelten Coleoptera sowie einige ethnographische Objecte theils arg
beschädigte, theils vollkommen unbrauchbar machte.
Am 13. gelangten wir nach einer sehr beschwerlichen Tour durch einen
tiefsandigen, dichten Niederwald, und nachdem in der Nacht ein Trupp von
Nashorne und Elephanten unsere Route gekreuzt hatte, nach einer mit
Wassertümpeln versehenen Lichtung, Tamasanka genannt. Die Weiher von
Tamasanka trocknen nie aus, ihr Wasser ist rein und beginnt, zwei bis
drei Tage im Gefäß ruhig belassen, sich zu verdicken. Westbeech hatte
dies erprobt, während mir leider die nöthige Zeit dazu fehlte, denn wir
verließen den Ort schon am folgenden Tage. Auf der Nachmittagsfahrt
beobachtete ich zum ersten Mal eine Finkenart, die Paradieswitte (^Vidua
Paradisea^), die an der Westküste häufig anzutreffen ist. Auch fand ich
auf der Strecke vom Tamasetse Fliegenschnapper, Pirole, kleine
grünlich-gescheckte Spechte und die ^Vidua regia^. Im Allgemeinen
zeigten sich im sandigen Pool-Plateau alle die Strecken, welche größere
Lichtungen enthielten, reicher an Vertretern der Vogelwelt, als die
dicht bewaldeten Partien, in welchen man nur kleine, von Regenlachen
ausgefüllte Lichtungen antrifft.
Die Weiterfahrt am 15. und 16. wurde etwas mühevoll, da die Wagenspur
von Gras vollkommen überwachsen war und wir uns den Weg erst suchen
mußten. Unsere Diener fanden am ersten Tage den halb abgenagten Cadaver
einer Giraffe, die wohl von Löwen getödtet sein mußte und delectirten
sich nicht wenig an der so leicht gewonnenen Beute. Am 16. betraten wir
eine von Mapanibäumen bewachsene Ebene, ein Seitenstück zu jener von
Maque, welche von schönen und sehr fischreichen Weihern bedeckt war und
von den Eingebornen Sibanani-Lichtung genannt wird. Sie bildet den
südöstlichen Theil des sandigen Lacheplateaus und gehört den östlichen
Bamangwato und den Matabele an. Der Landstrich war unter Moselikatze bis
in die Fünfziger Jahre im ausschließlichen Besitz der Matabele, es war
ihr westlichster Punkt nach dieser Richtung hin. Die Wachposten wurden
jedoch seither eingezogen, da sie steten Löwen-Anfällen ausgesetzt waren
und die ihrer Obsorge anvertrauten Viehheerden nicht mehr schützen
konnten. Der Wald in der Sibanani-Lichtung ist nur am Rande der Weiher
dicht, welche mir in dem ursprünglichen Bette eines Flusses, dessen
Wasser schon vor mehreren Jahrhunderten versiegt sein mögen, zu liegen
schienen.
Der geringeren Dichte des Waldes halber ist die Sibanani-Lichtung für
die Jäger von besonderem Interesse; alle Wildarten, von der
Deukergazelle bis zum Elephanten, sind hier anzutreffen. Der Ornithologe
findet die Vögel des sandigen Lachenplateaus mit interessanten Formen
von Sumpf- und Schwimmvögeln in Menge vor. In Folge dessen sind auch
Tag- wie Nacht-Raubvögel in vielen Species vertreten, an den zahlreichen
feuchten Partien erstreckt sich ein wahrer Blumenteppich, der
Tummelplatz der zahlreichen Colibris und Bienenfänger, während man an
den das Wasser überhängenden Aesten bald den kleinen, oben azurblauen
und durch einen Schopf ausgezeichneten ^Alcedo Cristata^, bald
eine zweite Art, den ^Halcyon Swansonii^, doch auch den
weißschwarz-gescheckten ^Ceryle Rudis^ erspäht. Ich will noch des
Riesenreihers (^Ardea Goliath^), und des schönsten aller Gänschen, der
^Nettapus Madagascariensis^ gedenken, blos zwölf bis vierzehn Zoll lang
erscheint das Thierchen, oben glänzend schwarzgrün, unten weißlich mit
Ausnahme der Brust und Seiten, welche sich rostfärbig präsentiren, die
Wangen, Stirn und die Kehle sind weiß, der Kopf dunkelschwarzgrün,
welche Farbe sich bis nach dem Halse hinzieht und hier beiderseits einen
hellgrünen Fleck umsäumt.
Zwei Umstände machen indeß den Aufenthalt an dem Sibanani-Weiher weniger
angenehm, als ihn der Forscher sonst unter den obgenannten Umständen
finden würde. Es ist erstlich gegen das Ende des Sommers die ungesunde
Ausdünstung einiger der seichteren Weiher und zweitens die gelbe
Mambaschlange, von der ich schon berichtete, daß sie in der Regel in dem
dichten Geäste zweier, einen Wildpfad überhängenden Bäume auf der Lauer
liegt. Westbeech berichtete mir, daß in trockenen Wintern die
fischreichen Weiher so wasserarm werden, daß man die Fische, unter denen
ein Glanis am häufigsten vorkommt, mit den Händen fangen könne. Hier
hörte ich auch zum ersten Mal wieder nach vielen Monaten den
Silberschakal (^Canis mesomelas^) und ich fand meine Vermuthung, daß die
Sibanani-Lichtung eine der tiefsten Partien des sandigen Lachenplateaus
sei, auch dadurch bestätigt, daß ich zahlreiche Pflanzenspecies mit
denen des Salzseebeckens identisch fand. Ich konnte erst wieder hier,
seitdem ich die Zambesi-Zuflüsse verlassen, schöne Fächerpalmen-Gebüsche
beobachten. Die Mitreisenden machten sich, von ihren Dienern begleitet,
an die nächst anliegenden Weiher, um unseren Tisch mit Wildgeflügel zu
versorgen, leider mit geringem Erfolge. Im Winter soll es hier noch
bedeutend mehr Wild geben, allein schon gegenwärtig fand ich zahlreiche
frische Wildspuren, welche unseren Weg kreuzten und unter welchen ich
auch jene des schwarzen Nashorns bemerkte.
Am 18. brachen wir wieder auf und gelangten nach einem längeren Marsche
in das Thal des Nataflusses, zogen das Thal entlang, und überschritten
ihn sodann. Der Fluß hat hier den Charakter eines sandigen, nur
stellenweise kleine Lachen enthaltenden Spruits. An seinen Ufern, welche
mit sechs bis sieben Fuß hohem Grase dicht bewachsen waren, fanden sich
stellenweise tiefe, zur Zeit der Ueberschwemmungen gefüllte Lachen, ein
Charakteristicon vieler südafrikanischer Flüsse, namentlich aber des
Limpopo-Systems. Am Nachmittage ging es weiter nach Südost, dem
Makalaka-Lande zu; unser Weg führte durch einen dichten Mapaniwald. Da
Westbeech der erste war, der vor vier Jahren diese Route befuhr, die nun
vom Makalaka-Lande über den Majtenque und Nata das Matabele-Land mit den
Tschobe-Zambesi-Gegenden verbindet, so erlaubte ich mir, das genannte
Geleise »^The Westbeech Road^« zu nennen. Am Abend gelangten wir auf
eine mehrseitig von Gehölzen begrenzte Grasebene, in der sich der aus
dem Makalaka-Lande fließende Majtenque-River im Boden verlieren soll.
Am 19. hatten wir sehr viele tiefe, wenn auch schmale, trockene
Regenmulden zu passiren, welche zu dem genannten Flusse führen, der
gegen seine Mündung schmäler und seichter erscheint und dessen Ufer von
Fanggruben förmlich durchwühlt sind. Der Majtenque ist ein sandiger
Fluß, der hunderte von Bergflüßchen aufnimmt, die jedoch nur äußerst
kurze Zeit hindurch fließen, so daß nicht immer dieser Abfluß seine
Mündung erreicht, sondern sich namentlich in dem letzten Drittel seines
breiten Inselbettes verliert. Der größte Theil seines Gebietes liegt in
dem schönen Gebirgslande, welches von den westlichen (Menons) Makalaka's
bewohnt wird. Da sich der Zustand Westbeechs nicht besserte, übernahm
ich ihn in meine Behandlung. Am 20. erkrankte auch Dr. Bradshaw an
Dysenterie. Wir zogen den ganzen Tag das Thal aufwärts am rechten Ufer
des Flusses dahin. Seitdem wir das Panda ma Tenka-Thal verlassen hatten,
gab es sehr warme Tage, namentlich die Spät-Nachmittage waren ungemein
schwül, dagegen waren die Nächte kalt. Am Vormittage des 21.
überschritten wir den Majtenque. Kurz zuvor zeigte man mir einen hohen
Mapanibaum, unter welchem einer der Makalaka-Häuptlinge begraben liegt.
Der Baum war hohl und genoß noch aus einem zweiten Grunde einen gewissen
Grad von Verehrung. Die Makalaka's glaubten, daß in ihm, doch weniger
oft wie in einer der Felsenhöhlen in ihrem Gebirge, ihr Morimo oder der
unsichtbare Gott wohne und während sie alljährig in die Felsenhöhle
Geschenke brachten, warfen Vorübergehende als Zeichen der Hochachtung
ihre Armspangen etc. in die Höhlung des genannten Baumes.
Je weiter wir zogen, desto merklicher erhob sich das Land. Kleine
Granithügel erhoben sich vor uns, ohne uns indeß die Aussicht auf die
Kuppen der eigentlichen Makalaka-Höhen im Hintergrunde zu benehmen. Bei
dem ersten namhafteren Hügel trennte sich Westbeech, um mit Bradshaw,
Menon, den Makalaka-Häuptling aufzusuchen und von diesem einige
Begleiter nach dem Matabele-Lande zu erhalten, in dessen westlichster
Provinz wir uns eben befanden. Westbeech ging seinen in der Residenz des
Matabele-Königs wohnenden Compagnon Philips aufsuchen, um ihn, der
gemeinschaftlichen Abrechnung halber, zur Reise nach Schoschong zu
bewegen. Da Westbeech wegen seiner Gunst beim Könige unter den
Makalaka's geachtet war, entsprach man seinem Ansuchen sofort. Abends
erschien auch Menon, um den Elfenbeinhändler mit seinem Gegenbesuche zu
beehren. Seitdem wir im Majtenque-Thal nach aufwärts zu reisen begannen,
zeigte Z. eine auffallende Unruhe, sowohl während der Fahrt als auch
während der Raststunden war er stets wie auf der Wache, er lugte nach
allen Seiten aus und glaubte stets Makalaka's zu sehen. Oft stand er
neben mir mit verstörten Zügen am Bocke. »Haben Sie den Schrei gehört,
der eben durch den Wald drang? Sahen Sie nicht eben einen Makalaka
hinter jenen Dornenbäumen verschwinden?« Da ihm Westbeech seine
betrügerische Handlungsweise vorhielt, und man ihm überhaupt von Seite
meiner Reisegefährten nicht freundlich entgegenkam, flüchtete er sich zu
mir. Saßen wir in der Nacht am Feuer, so war er in der Regel an meiner
Seite. Doch litt es ihn nicht lange an einer Stelle, wiederholt stand er
auf, und suchte mit seinem unsteten Blick das Dunkel zu durchdringen.
Der Zug in das Makalaka-Land schien Z. mit wahrer Furcht zu erfüllen,
dies veranlaßte mich, nach dem Grunde seines Betragens zu fahnden. »Ja,«
meinte er, nachdem er mir lange genug, ausweichend geantwortet, »so ein
kleiner Zufall hat sich während meines Besuches im Innern ereignet; als
wir von einer Elephantenjagd heimkehrten und auf einen Pfad im Walde
entlang gingen, einer hinter dem Andern folgend, entlud sich ganz
zufällig das Gewehr eines meiner Diener, und einer der Leute Menon's
wurde dabei getödtet; es kann nun leicht geschehen, daß Menon denkt, ich
habe den Makalaka erschossen.«
Als er nun hörte, daß wir uns nahe an Menon's Dorfe befanden, erreichte
seine Unruhe den höchsten Grad. Er folgte den Wägen und war nicht eher
zu sehen, als bis Menon von seinem abendlichen Besuche wieder
heimgekehrt war. Menon ist von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt,
hager, ein Tartüffe ohne Gleichen, mit ihm fanden sich zugleich einige
Makalaka's ein, von denen keiner ein ehrliches Gesicht hatte. Diese von
mir -- um sie von den nördlich vom Zambesi wohnenden Bruderstämmen zu
unterscheiden -- die Süd-Zambesi und westlichen, nach ihrem Häuptlinge
Menon's genannten Makalaka sind mit ihren südlichen Brüdern seit dem
Jahre 1837 Unterthanen der Matabele-Zulu geworden. Sie waren friedliche
Ackerbauer und Viehzüchter, sind gegenwärtig das erstere nur mehr in
einem geringen Grade geblieben und nebstbei die unzuverlässigsten Leute
und die größten Diebe in Südafrika. All' dies haben ihre Herren, die
Zulu-Matabele auf ihrem Gewissen.
Während seine Begleiter sich an's Feuer niederhockten, blieb Menon in
eine schäbige Gepardcarosse gehüllt, stehen, um uns einen nach dem
andern zu mustern. Er schien von dieser Revue nicht befriedigt zu sein
und suchte nach Z., denn der Unfall war ihm von den Z. entlaufenen
Genossen des Erschossenen berichtet und er zugleich von der Anwesenheit
des weißen Mannes, der uns am Nataflusse traf, durch einen seiner Spione
unterrichtet worden. Seinem Unmuthe darüber machte er dadurch Luft, daß
er von mir und Walsh, die wir zum erstenmale sein Land betraten, einen
Durchzugszoll begehrte. Da außer Westbeech Niemand die Makalaka-Sprache
verstand, und dieser uns ruhig zu bleiben bedeutete, ohne von Menon
Notiz zu nehmen, so ließ dieser auch von seiner Bettelei ab, ja in
wenigen Minuten hatte sich das Blatt gewendet. Von Westbeech an die
Pflichten der Gastfreundschaft gemahnt, versprach Menon eine Ziege zu
senden. Er entschuldigte sich, daß er kein Rind senden könne, da die
Matabele seine gesammten Rinder geraubt hätten. Diese Gefälligkeit
Menon's wurde von unserer Seite durch Geschenke an Blei und Schießpulver
erwidert, welche auch freundlichst entgegengenommen wurden. Als sich der
Häuptling verabschiedet hatte, war nur noch einer seiner Leute
zurückgeblieben, anscheinend eine untergeordnete Creatur, die sich am
Feuer der Diener niederließ. Mir fiel der Mann durch sein scheues
Benehmen auf, und ich beobachtete ihn um so schärfer. Anscheinend sich
wärmend, warf der Mann oft den Kopf nach den einzelnen Wägen zurück. Bei
einer dieser Bewegungen hielt er den Kopf längere Zeit vom Feuer
abgewandt, um darauf das letztere in auffallender Weise zu schüren. Was
konnte er gesehen haben? Ich blicke mich um, einige Schritte hinter mir
stand Z.; nun war mir auch das ganze Benehmen des als Spion
zurückgelassenen Makalaka's klar. Z.'s Züge waren mehr denn je verstört.
Nachdem ich mein Erstaunen über sein Fernbleiben geäußert, entschuldigte
er sich damit, daß er sich in einen Busch niedergelegt und dabei
eingeschlafen und erst vor Kurzem erwacht sei. »Menon war hier am Wagen,
hat wohl nach mir gefragt?« Auf die Anspielung auf den ihm widerfahrenen
sogenannten Unfall brauste er auf und schalt Menon einen Lügner.
Der Makalaka am Feuer, der von Z. nicht beachtet worden war, da er für
einen unserer Diener gehalten werden konnte, hatte das Gespräch
belauscht, erhob sich unauffällig und entfernte sich. »Seht, das war
einer von Menon's Spionen!« sagte ich. Z. sprang auf, ballte die Faust,
doch dem Manne nachzusetzen, fehlte ihm der Muth. Wir begaben uns zur
Ruhe, jeder in seinen Wagen. Nochmals nahm ich wahr, wie mein Nachbar
ängstlich nach dem Feuer auslugte, er mochte wohl einen Ueberfall
befürchten.
Während seines Besuches hatte Menon sechs Begleiter bei sich, von
welchen zwei mit Assagaien und vier mit Kiris bewaffnet waren, einzelne
Makalaka's trugen auch Musketen; unter den Frauen trugen einige kurze,
über und über mit weißen und violetten Glasperlen geschmückte
Lederröckchen. Ich erstand von ihnen einige Handarbeiten, welche jedoch
weniger gut als die unbedeutenderen Produkte der Betschuana gearbeitet
waren. Die bereiste Strecke im Majtenque-Thale, scheint, für die Zukunft
ein Eldorado versprechen zu wollen; die bewaldeten Höhen ein
vortreffliches Weideland zu liefern. Für einen Botaniker und
Ornithologen ist die Reise durch das Makalaka-Land eine wahre
Herzensfreude; leider ist sein Forschen in Folge des Charakters des
Eingebornenstammes ununterbrochen behindert und in hohem Maße
beschränkt.
Am 22. ging es weiter, nachdem Westbeech mit einem berittenen Diener und
einigen Makalaka's zu Fuß die Reise nach Osten nach der Hauptstadt des
Landes Gubuluwajo angetreten. Wir anderen legten nur drei Meilen zurück
und hielten unter einem Morulabaume Rast, um hier Korn und Melonen zu
erhandeln, und womöglich auch die versprochene Ziege von Menon zu
erwarten. Wir fanden unter dem Baume schon die Makalaka's versammelt.
Von den Aeltesten in einem Kreise umgeben, harrte bereits Menon unser.
Das Ganze sollte den Anstrich einer Feierlichkeit haben, thatsächlich
aber war es eine Gerichtssitzung, wobei unserem Begleiter Z. die Rolle
des Angeklagten zufiel. Menon hatte Z. mit Mahura als Dolmetsch vorladen
lassen, und die Verhandlung wurde in der Setschuana geführt. Das
Interessanteste daran war wohl die Begründung des Urtheils von Seite
Menon's. Er sagte: »Ob er von den Weißen erschossen wurde oder nicht, ob
Dein Gewehr, da Du hinter ihm schrittest, zufällig losging oder nicht --
das ist Alles gleichgiltig, Du mußt seiner Frau und seinen Angehörigen
zahlen und mir auch, da ich dadurch einen meiner Arbeiter, d. h.
Unterthanen eingebüßt habe.«
Z., dem es im Kreise der Makalaka etwas zu unheimlich wurde -- er
zitterte, daß er kaum sprechen konnte, und sein Gesicht war glühendroth
-- betheuerte seine Unschuld in geläufiger Rede, Mahura fand kaum Zeit,
ihm zu antworten und sprach endlich, da er nur zu deutlich sah, daß sich
sein Client selbst schadete, nach seinem Gutdünken und mit solchem
Erfolge, daß Menon trotz des Wehklagens von Seite der Verwandten des
Getödteten die Zahlung respective Verabreichung eines färbigen
Wollhemdes, einer Wolldecke und sieben Sacktüchern an Stelle der
ursprünglich bestimmten Muskete, Schießbedarf und Wolldecken festsetzte.
Der erstgenannte Gegenstand fiel ihm als »Schiedsrichter« zu. Nachdem
dieser erlauchte Gesetzgeber das Hemd empfangen, verabschiedete er sich,
doch kam er bald wieder, denn die Verwandten machten Z. die Hölle heiß,
sie beschimpften ihn, nannten ihn Mörder und warfen ihm die Decke und
Sacktücher vor die Füße. Menon suchte zu schlichten, da trat jedoch
wieder Mahura als rettender Engel dazwischen, indem er Z. zuflüsterte:
»Reiche die zurückgewiesenen Artikel dem Häuptling als Geschenk, er
nimmt sie an und Du hast Dir einen tüchtigen Bundesgenossen geschaffen.«
Z. folgte; Menon nahm die Sachen an, blies sich auf, um den Seinen noch
mehr zu imponiren und die Sache war beglichen.
So geschickt im Marutse-Reiche die Masupia als Gaukler sind, so sind es
die Makalaka als Langfinger. Mir ist ein Fall von einem Elfenbeinhändler
bekannt, der den Leser wohl interessiren könnte. Ein Händler kaufte von
Makalaka's einen Elephantenzahn und legte diesen in seinen Wagen. Es
währte nicht lange, und die Makalaka's brachten einen zweiten, doch
konnte der Mann diesen nicht mehr so leicht erstehen, der gefordert
Preis war so hoch, daß er ihn nicht nehmen wollte, worauf die Verkäufer
den Zahn zur Erde warfen und den Händler einluden, sich von dem großen
Gewichte desselben zu überzeugen. Dieser that es und unterdessen wurde
ihm der erste Zahn aus dem rückwärtigen Theile des Wagens gestohlen.
Endlich gaben die Verkäufer nach und dies um so mehr, weil sie den
Weißen auf einen dritten Zahn aufmerksam machten, den eben einige von
der Seite herbeitrugen. Sie schienen es eilig zu haben und so kaufte der
Händler auch den dritten. Nach dem Kaufe verschwanden die Makalaka's
auffallend rasch im Walde. Unser Mann, der mit dem Gewinne bei dem Kaufe
zufrieden war, wollte sich nun die Waare noch einmal besehen. Doch zu
seinem Schrecken war der Zahn verschwunden und auch die Makalaka's --
der Händler hatte drei Stück Elfenbein gekauft und nur zwei erhalten.
Der Verkauf von Elfenbein geschieht jedoch nur im Geheimen, da die
Makalaka's alles Erbeutete an den Makalaka-König abliefern müssen. Die
Makalaka's nähern sich dem Reisenden gewöhnlich in Haufen, während die
Einen ihn zu beschäftigen suchen, trachten die Andern ihr diebisches
Handwerk auszuführen; man kann sagen, daß alles, was nicht mit Ketten
und Schrauben an den Wagen befestigt ist, während der Reise durch dieses
Territorium von seinen sauberen Insassen gestohlen wird. Sie lernten
dies von den Matabele, oder wurden von denselben dazu angestiftet und
gezwungen. Es ist nöthig, sich stets diese Langfinger einige Schritte
vom Leibe zu halten und auf jeder Wagenseite wenigstens einen Diener als
Wache aufzustellen, diesem auch wohl einzuschärfen, sich mit den
Makalaka's in kein Gespräch einzulassen. Wird in dieser Weise den Leuten
keine Gelegenheit zum Stehlen gegeben oder sie ^in flagranti^ ertappt
und zur Rede gestellt, so kann man sich für einige Zeit vor weiteren
Angriffen und Belästigungen sicher fühlen, denn die verunglückten Diebe
gehen heim und berichten, daß der Weiße eine gute Medicin habe
(Beschwörungsmittel mit dem er den Diebstahl wahrnimmt), und daß es
nichts nütze, etwas zu nehmen, er sehe Alles, auch wenn er beschäftigt
sei.
Nebst dem genannten Laster sind die Südzambesi-Makalaka's und namentlich
die südlichen und westlichen (d. i. die unter dem Matabele-Scepter
stehenden), noch durch eine nicht zu beschreibende, beispiellose
Unreinlichkeit berüchtigt. Ich glaube, daß sich die meisten Leute im
Makalakalande, mit Ausnahme jener die als Diener unter den Weißen
gelebt, Jahre lang nicht waschen; ich sah Frauen mit Glasperlensträngen
im Gewichte von mehreren Pfunden behangen und belastet und ich mußte
annehmen, daß die untersten dieser Rosenkränze am Leibe klebten. Seitdem
die Matabele die Herren der Makalaka's geworden, ist auch das Bauwesen
unter dem letztgenannten Stamme so in Verfall gekommen, daß die meisten
ihrer kleinen Dörfer ruinenartig aussehen. Die einzige Tugend der
Makalaka's ist neben der Arbeitsamkeit eines guten Theiles dieses mehr
denn decimirten Volkes dessen strenge Sittlichkeit, welche unter allen
anderen südafrikanischen Stämmen nicht ihres Gleichen findet.
Nachmittags zogen wir weiter durch einen Niederwald, aus dem überall um
uns zwanzig bis siebzig Fuß hohe, pyramidenförmige, kegel- und
kegelstutzförmige Granithügel, zuweilen aneinander gereiht emporstiegen.
Je weiter wir am Ufer des Majtenque nach aufwärts zogen, desto höher,
anmuthiger und großartiger gestaltete sich diese Scenerie, hie und da im
Walde machten sich die schon mehrmals erwähnten Morulabäume bemerkbar,
welche mit einem Zaune, der etwa drei bis vier Meter von dem Stamme
abstand, umgeben waren, da sie eben reife Früchte trugen. Diese fielen
ab und um zu verhüten, daß sie nicht vom Wilde verzehrt wurden, hatte
man die Stämme umzäunt. Jede Familie hatte je nach der Einwohnerzahl des
Dorfes einen oder mehrere Bäume als ihr Eigenthum erklärt. Aus dem
Fruchtfleische wird ein Bier zubereitet, welches ciderartig schmeckt und
auch der in eine harte Schale eingeschlossene Kern wird benützt (ich
glaube, daß er zerstoßen und das gewonnene Mehl zu Brei bereitet wird).
Auf unserem Marsche näherten wir uns mehrmals dem Majtenque, oft bot
sein Thal eine höchst anmuthige Scenerie. Während der Fahrt am 22. war
ich Zeuge eines Beweises rührender Kindesliebe bei einem Schwarzen, der
seiner hochbetagten Mutter begegnete. Von Diamond erfuhr ich gleichfalls
eine Episode aus seinem bewegten Leben, die mir den Beweis lieferte, daß
trotz des sonst verwilderten Zustandes der Eingebornen bessere Regungen
in der Brust manches unter ihnen leben und für ihre Empfänglichkeit für
Civilisation sprechen.[16] Nachmittags lagerten wir in der Nähe mehrerer
Dörfer und hörten hier, daß wenige Tage vor unserer Ankunft eine Truppe
von Matabele-Kriegern Menon und die westlichen Dörfer am Majtenque
abgesucht hatte, um Knaben als Tribut zu fordern und mit ihnen das
jüngste Regiment zu completiren. Menon hatte dies verweigert, und nun
glaubte man allgemein, daß ihm diese Verweigerung das Leben kosten
werde, denn obgleich die Makalaka's viele Gewehre besaßen, so reichte
doch ein Regiment der Zulu-Matabele hin, die in kleinen Dörfern
zerstreut wohnenden Makalaka's zu vernichten. In dieser Weise war es
Moselikatze und seinen vierzig Kriegern möglich, seit dem Jahre 1837 ein
Reich zu gründen, das gegenwärtig über 20000 Krieger zählt, doch geschah
es zumeist unter Anwendung der rohesten Gewalt, nachdem die Väter
getödtet und die Mütter geraubt worden waren.
Auch am folgenden Tage führte der Weg zwischen zahllosen Granitkuppen
hindurch, jede tausend Schritte bot sich dem Auge ein neues anmuthiges
Bild dar. An unserem ersten Ausspannplatze trafen wir einen
Unterhäuptling mit Namen Henry, einen alten Bekannten Westbeechs, von
dem Bradshaw für letzteren und seine Diener Sorghum, Mais und Melonen
erstand. Henry hielt seine Leute in ziemlicher Ordnung, so daß wir
wenigstens in seiner Gegenwart nicht erheblich belästigt wurden. Doch
wurde unser Aufenthalt durch das plötzliche Erscheinen eines jener
zahlreichen, die Makalaka's erstickenden Blutsauger, eines
Matabele-Kriegers gestört. »Halloh, Ihr Weißen, Ihr habt Sepopo's Leute
mit Euch als Diener. Wenn Ihr nicht zahlt, tödte ich sie Alle, einen
nach dem Andern,« rief er uns zu. Um seinen Worten den nöthigen
Nachdruck zu geben, schwang er mit der Rechten einen mächtigen Kiri, mit
der Linken sein Gewehr. Trotzdem er mir einmal mit dem Kiri bis unter
die Nase kam und ich in mir das Blut kochen fühlte, blieb ich ruhig. Da
zog der tapfere Kämpe ab und die Makalaka ringsum belachten seine eitle
Prahlerei aus vollem Halse. Nun kam er an Walsh und Bradshaw, doch da
sich diese an ihren Gewehren zu schaffen machten, nahm er dies als eine
Herausforderung an und geberdete sich noch wüthender, bis jene auf ihn
losgingen, worauf er sich von dem ununterbrochenen Gelächter der
Umsitzenden begleitet, zurückzog.
[Fußnote 16: Siehe Anhang 5.]
Auf der Nachmittagsfahrt eröffneten sich uns neue Gebirgsscenerien, die
Höhen mit denselben schönen armleuchterförmigen Wolfsmilchbaume
bewachsen, wie ich ihn an den Bamangwato-Bergen beobachtet. Die Felder,
die wir sahen, waren von beträchtlichem Umfange, ebenso die Gehöfte,
welche umzäunt waren und an deren hervorragenden Punkten die Wohnungen
des Besitzers standen. Die Umzäunung zeigte von achtzig zu achtzig Meter
eine einfache hölzerne Schlagfalle und bildete im Ganzen noch ein
Ueberbleibsel dessen, was die zahllosen Makalaka-Dörfer und Gehöfte vor
dem Einzuge der Matabele in die Matopo-Gebirge gewesen waren.
Das am Morgen durchzogene Dorf Henry's hieß Katheme; Abends langten wir
an einem zweiten Dorfe mit Namen Bosi-mapani an, und am folgenden Tage
erreichten wir eine andere der zahlreichen Niederlassungen der
Makalaka's. Hier waren wir, obgleich eine halbe Meile weit von der
Niederlassung im Walde ausspannend, bald von einigen kleinen Trupps,
zusammen an sechzig Köpfe zählend, belagert. Man bot uns eine Ziege und
zwei Schafe zum Kaufe an. Bradshaw kaufte sie; leider waren in diesem
Momente die Diener bei den Wägen postirt und mußten diese im Auge
behalten, damit uns nichts gestohlen werde. Einer seiner Diener hatte
Mühe, die im Walde etwa fünfzig Schritte vor uns gehenden Thiere
heranzuteiben. Bevor er sie noch erreicht hatte, stoben die drei Stücke
wie auf ein gegebenes Kommando auseinander. Die Thiere gehörten
verschiedenen Heerden an. Diese werden von Hirtenjungen geführt, welche
ihre Thiere mit Pfeifen lenken. Kaum waren die Thiere verkauft, als auch
schon der Plan der Verkäufer fertig war, dieselben ebenso rasch wieder
an sich zu bringen. Sie hatten zu diesem Zwecke die drei Hirtenjungen
herbeigerufen, die auf ein gegebenes Zeichen jeder seine eigene Weise
anstimmte und die Ziegen weglockten. Der ausgesandte Junge lief einem
der Schafe nach und holte es ein, doch bevor er es zurückbrachte und
festknüpfte, war das andere und die Ziege entlaufen. Nun wurden mit
Androhung La Bengula's die Makalaka's, nachdem sie noch Westbeech's
Taschenmesser mit sich genommen, zur Heimkehr gezwungen. Die Thiere aber
waren und blieben verschwunden.
Am 25. hatten wir uns vom Flusse Majtenque etwas entfernt, so daß die
meisten Kuppen uns zur Linken zu liegen kamen. Größere und ganze
Höhenrücken erhoben sich jedoch am südlichen Horizont in der Richtung
unserer Fahrt. Die öfteren Besuche der Matabele-Krieger an unserem Wagen
schienen auf Z. einen unangenehmen Eindruck auszuüben. Er scheute sie
noch mehr als die Makalaka und kroch gewöhnlich in seinen Wagen, so wie
sich einer der Zulukrieger sehen ließ. Ohne von den Matabele erkannt
worden zu sein, wäre er doch während unserer diesmaligen Mittagsrast von
zwei Matabele erschlagen worden, wenn Bradshaw und ich ihm im rechten
Augenblicke nicht beigestanden wären und sich später ein herzugekommener
alter Matabele in's Mittel gelegt hätte. Die beiden Friedensstörer waren
zwei Matabele-Jünglinge, welche den Kopf mit dem bekannten Federschmucke
geziert, ihre Hüften von Günsterkatzen-Schwänzen umhüllt, an den Wagen
um eine Lapiana (Lappen) zu betteln gekommen waren. Z. hatte einen
kleinen Hund, der dem einen der beiden Matabele bellend entgegensprang.
Dieser holte sogleich aus und hätte auf ein Haar dem kleinen Thiere den
Kopf zerschmettert und fuhr auch sofort, als Z. die Hand schirmend über
das Thier ausstreckte, denselben barsch an, womit der Streit begann. Dem
leicht erregbaren weißen Manne stieg die Zornesröthe in's Gesicht und er
antwortete nicht allein im heftigen Tone, sondern ließ sich zu einer
drohenden Handbewegung hinreißen. Dies war aber eben, was die beiden
Strolche wünschten, denn im selben Momente hob der eine seinen Kiri zum
Schlage nach dem Kopfe des Händlers und wurde nur durch unser
Dazwischentreten von der Ausführung seines Vorhabens abgehalten. Da wir
jedoch die mitgenommenen Gewehre wieder in den Wagen zurücklegten,
fingen jene wieder zu schimpfen an und schlugen ihre Kiris wuthschäumend
gegen den Boden. Durch den Lärm angelockt, erschien bald darauf ein
alter Matabele-Krieger, dessen Kopf die bekannte Auszeichnung seines
Standes, der mit einem Haarkreise verwachsene Lederring, zierte. Von Z.
über den Vorfall unterrichtet, ergriff er einen Zweig und schlug damit
auf die beiden Angreifer, ähnlich wie man zwei kleine Jungen züchtigen
würde, worauf sich die beiden Jünglinge grollend zurückzogen.
[Illustration: Ruinen von Tati.]
Am Nachmittage gelangten wir zu dem aus etwa fünfzehn Hütten bestehenden
Makalaka-Dorfe Kambusa genannt. Es gehörte Jantschi an, den Westbeech
wohl kannte und von dem wir keine Belästigung zu fürchten hatten. Sein
Gehöft hatte eine doppelte Umzäunung. Eine aus Pfählen erbaute
Umfriedung der Wohnungen und eine aus Dornengebüsch für die das Gehöfte
in einem Kreise umgebenden Felder. Mit Kambusa schieden wir von den
Makalaka-Dörfern und hatten nur noch eine kurze Strecke durch die
gegenwärtige Makalaka-Provinz des Matabele-Landes zu reisen, während
sich noch vor fünfundvierzig Jahren das Makalakagebiet um hundert
englische Meilen südlicher erstreckte. Gegen Abend überschritten wir die
gegenwärtige Grenze. Diamond machte mich auf ein etwa sechshundert
Schritte vom Wege, am Ufer des Flüßchens Aschangana stehendes Gebüsch
aufmerksam, unter welchem ein Weißer begraben lag. Es war Mr. Oats, ein
Engländer, welcher der Jagd halber in diese Gegend gekommen war, am
Fieber erkrankte und starb. Bradshaw und Diamond reisten mit ihm zu
gleicher Zeit nach dem Süden; da er jedoch im Makalaka-Lande starb, so
durfte er hier nicht beerdigt werden, sondern erst an der Grenze. Im
Jahre 1874 errichtete des Verstorbenen Bruder hier einen Grabstein.
Bevor wir Jantsche verließen, versorgte ich mich auf einige Tage mit
Wassermelonen, die ich für Glasperlen erstand. Zu den Feldfrüchten,
welche die Makalaka's bauen, gehören zwei Species der Wassermelonen,
welche sehr zuckerhältig sind.
Am 26. März überschritten wir zwei Flüßchen, bevor wir den ebenfalls
quer unsere Richtung schneidenden Matloutsi kreuzten. Während der Fahrt
der letzten Tage durch das Makalaka-Land hatten wir siebzehn
Regenflüßchen überschritten, welche Zuflüsse des Majtenque waren und
nach meiner Meinung kaum den zehnten Theil der Zuflüsse desselben
darstellten. Die durchreiste Strecke bot die schönsten Scenerien, die
ich auf meiner eiligen Reise durch das Makalaka-Land beobachten konnte.
Die Formation des Bodens bestand meist aus Granit mit starken Quarzadern
durchschossen, an vielen Stellen von einem dunkelschieferblauen
Glimmerschiefer in verticalen, horizontalen und schiefen Lagen bedeckt.
An der Spitze der Höhen waren diese Schichten meist in schiefen Lagen in
einem Winkel von siebzig Grad und südwestlich streichend gelagert. Das
Interessanteste jedoch, was ich auf der durchreisten Strecke beobachten
konnte, waren die steil sich aus hochbegrasten stellenweise bebuschten
Auen erhebenden, oder kegelförmige Höhen krönenden pittoresken
Granitmassen. Den Formen entsprechend, erlaubte ich mir, einzelne mit
folgenden Namen zu belegen: Eine am Matloutsi »die Mütze«, an dem
nächsten Spruit (nach Süden zu) »die beiden Spatzen«, eine jenseits des
folgenden Spruit »die Keule« und zwei zur Rechten vom Geleise »den
Schweber« und »die Pyramide«, wobei der letzteren die Palme gebührt.
Diese Scenerie im Vorlande gaben mir eine annähernde Vorstellung der
landschaftlichen Reize des eigentlichen Berglandes vom Oberlaufe der
Limpopo-Zuflüsse Matloutsi, Schascha, Tati und Rhamakoban. Da ich die
beiden Schaschaflüsse erst am folgenden Tag überschritt, war es mir klar
geworden, daß der Tschaneng in den Matloutsi oder einen seiner
Nebenflüsse münden müsse. Die Gegend schien sehr wildreich zu sein, doch
bei weitem nicht mehr in dem Grade als vor wenigen Jahren. Das häufigste
Wild waren Pallah, Zuluhartebeeste, Harris-Antilopen und Tigerpferde.
Als wir Abends am rechten Ufer des wegen seines Bettes von den
Eingebornen die felsige Schascha genannten Flusses ausspannten, und ich
einen freien Augenblick benützend, einen Ausflug gegen Osten unternahm,
fand ich an einem der vielen kuppenförmig aufsteigenden Granithügel eine
Ruine, einen jener Anhaltspunkte für die Geschichte der früheren
Bewohner des centralen Süd-Afrika. Der befestigte Felsenhügel war
isolirt und einer der niedrigsten ringsum, die Befestigung bestand aus
Granitziegeln, welche ohne jedes Bindemittel auf einander ruhten. Die
Ruine stellte eine etwa die Mitte der kleinen Felsenkuppe einschließende
Mauer dar, welche jedoch theilweise von schroff aufsteigenden
Felsenblöcken gebildet wurde, so zwar, daß die künstliche Mauer an
manchen Stellen zwanzig Centimeter, an anderen bis zwei Meter hoch und
dreißig bis fünfzig Centimeter stark war. Der Eingang befand sich gegen
Norden, die Mauer trat hier beiderseits vor und bildete einen förmlichen
Gang. Die Granitziegel waren flach, zehn bis fünfundzwanzig Centimeter
lang, acht bis fünfzehn hoch und sechs bis fünfundzwanzig breit, ihre
obere und untere Fläche trapezförmig. Doch glaube ich sicher zu sein,
daß von den früheren periodischen oder stabilen Bewohnern dieser
Miniaturfeste (der Umfang mochte etwa hundertdreißig Meter sein) auf der
Mauer eine Umwallung aus Holz oder Dornenästen errichtet worden war. Da
ich mich gezwungen sah, schon nach zweieinhalbstündigem Aufenthalte
wieder aufzubrechen, konnte ich keine Nachgrabungen anstellen, welche
mir die nöthigen Aufschlüsse darüber gegeben hätten. Wir überschritten
noch an diesem Tage den felsigen Schascha, mußten jedoch der
eingetretenen Dämmerung halber sehr bald am jenseitigen (linken) Ufer
unser Nachtlager aufschlagen.
Am 27. zogen wir, nachdem wir den sandigen Schascha überschritten, der
sich mit dem felsigen verbindet und nachdem wir zwölf Zuflüsse des
ersteren gekreuzt, bis zu dem Punkte, wo wir den sandigen in seinem
Oberlaufe zum letzten Male berührten. Namentlich an dieser Stelle bot
sich uns eine der schönsten Scenerien des Westmatabele-Landes dar. Der
Reichthum der Pflanzenformen in dieser Gegend war in jeder Beziehung
überraschend; da hier auch zahllose kleinere und größere, verschiedenen
Arten angehörende Euphorbiaceen-Stämme im vermoderten Zustande den Boden
der bewaldeten Höhenabhänge bedeckten, so fanden sich in ihren Höhlungen
zahlreiche Scolopender und zwei Scorpion-Arten, auch Eidechsen und
zahlreiche Insecten. Glücklicherweise hatte sich während meiner Reise
durch das Makalaka-Land kein Fieberrückfall einstellt, und obwohl immer
kränklich, konnte ich doch die meinen Sammeleifer anregenden
Gelegenheiten benützen. Die kurzen flußauf- und abwärts unternommenen
Ausflüge waren sehr lohnend. Hier war das Felsenbett sandig, dort wieder
eine einzige Ebene oder gewölbte Granitplatte, welche stellenweise ein
natürliches, tiefes oder seichtes Becken oder Rinnen einschloß, durch
welche sich ein dünner Strahl seinen Weg nach dem Süden bahnte, um sich
nach und nach in sumpfigen und sandigen Partien des Flußbettes zu
verlieren. Wir überschritten nun den Tatifluß, dessen tiefsandiges
breites Bett und sehr steile Ufer uns nicht geringe Schwierigkeiten
bereitete.
Am 29. kamen wir in das Thal des Rhamakoban-Flusses, an dessen rechtem
Ufer wir dahinzogen, wir überschritten weiterhin drei Regenzuflüsse des
Tatiflusses, sowie vierzehn, die nach heftigem Regen dem Rhamakoban
zueilten. Das Land am Rhamakoban-River ist seines Wildreichthums wegen
unter den Elephantenjägern wohl bekannt; Giraffen, Tigerpferde,
Roen-Antilopen, graue Pallah's, Harris-Antilopen, Gnu's, Löwen, Hyänen
und Trappen gehören zu den häufigsten Wildorten und unter den größeren
sind Nashorne und Strauße keine Seltenheit. Auch am 30. reisten wir so
eilig wie am vorhergehenden Tage, da Bradshaw, der nach dem Abgange
Westbeech's die Leitung aller Wägen übernommen, über Mangel an Korn,
Mehl, Thee, Zucker und Salz klagte und sich beeilte, die Handelsstation
am Tatiflusse so bald als möglich zu erreichen. Nach Ueberschreitung von
acht rechtsseitigen Zuflüssen des Rhamakoban, verfolgten wir das Thal
desselben und verließen es erst am Nachmittage, um das zwischen
demselben und dem Tatiflusse gelegene Hochland zu durchziehen. Auch auf
dieser Strecke konnte ich anziehende Felsenformationen beobachten,
welche ich der Reihe nach (von Norden nach Süden) »den Altar«, »die
Gedenktafeln« und die »weißen Marksteine« nannte. In den letzten Tagen
war der Mapanibaum wieder häufiger aufgetreten, und die am Nachmittage
durchreiste Strecke bestand eigentlich aus einem einzigen, durch größere
und kleinere Lichtungen unterbrochenen Mapaniwalde. Nahe an den weißen
Marksteinen mündete der nach dem centralen Matabele-Land führende Weg in
unser Geleise.
Am 31. langten wir an den Ufern des Tati an und erblickten am Abhange
der niederen Tatihöhen einige im europäischen Style ausgeführte Gebäude,
von welchen indeß nur zwei bewohnt waren. Das eine hatte der
Elephantenjäger Pit Jacobs, das zweite der schottische Elfenbeinhändler
Brown inne. Noch vor wenigen Jahren ging es hier sehr lebendig zu.
Goldsucher aus allen Welttheilen waren zusammengeströmt, um des edelsten
der Metalle habhaft zu werden, doch sie fanden statt Alluvial-,
Quarzgold, was ihre Erwartungen bedeutend herabstimmte und schon nach
kurzer Zeit ihre Reihen beträchtlich lichtete. Compagnien übernahmen nun
die Arbeit, doch auch sie ließen nach und nach vom Betriebe ab, als sich
ihre Maschinerien unzulänglich erwiesen. Die Hauptschuld am Mißerfolge
war wohl die bedeutende Entfernung von der Küste, da selbst die
einfachste Maschine nur mit dem fünf- und sechsfachen Kostenaufwande
ihres Werthes hierhergebracht werden konnte.
Man fand sieben Unzen Gold auf eine Tonne Quarz, doch man theilte mir
auch mit, daß stellenweise bis zu vierundzwanzig Unzen aus einer Tonne
gewonnen wurden. Herr Brown, der ein Tauschgeschäft hatte, fungirte
zugleich als Agent der aufgelösten Kompagnie, da noch einiges von dem
Eigenthume derselben zurückgeblieben war. Im Thale des Tatiflusses, eine
kurze Strecke unterhalb der Besitzung, fand ich noch die Ueberreste der
Dampfmaschine, mit der man den Quarz zerkleinert hatte. Das goldhaltige
Gestein wurde von einer eine Gehstunde weit landeinwärts am linken Ufer
liegenden Stelle geholt, und als eben die seichten Goldgruben sich mit
Wasser zu füllen begannen, fehlte es an einer zweiten Dampfmaschine, um
sie zu entleeren, weshalb die Arbeit aufgegeben wurde. Bei unserer
Ankunft war Herr Brown nicht anwesend, sondern auf einem Besuch in
Gubuluwajo, um daselbst durch den Missionär Herrn Thompson mit Fräulein
Jacobs getraut zu werden. Wir fanden jedoch bei seinem Geschäftsführer
eine freundliche Aufnahme und hatten hier die Rückkehr Westbeech's zu
erwarten.
Außer den genannten Personen war ich nicht wenig erstaunt, die bei der
Reise nach Norden am Henryspan angetroffenen Lotriet-Familien in einigen
Grashütten wohnend, wiederzufinden. Alle aus dem Bamangwato-Lande im
Allgemeinen von Süden nach dem Matabele-Lande fahrenden Wägen haben in
Tati zu halten und sich mit einem neuen Gespann zu versehen. Die
Matabele-Händler halten sich schon immer eines bereit, um nicht unnütz
aufgehalten zu werden. Diese Maßregel war von dem Könige erlassen
worden, um das Einschleppen der Roiwatter-Krankheit zu verhüten. Die
Matabele besaßen einst eine große Anzahl von Viehheerden, welche
größtenteils den umwohnenden Völkern geraubt waren, doch die vom Süden
eingeschleppte Lungenseuche hatte unter den Thieren schrecklich
aufgeräumt.
In Tati liegt immer eine Truppe Matabele-Männer, welche das Land nach
Südosten zu bewachen haben; zur Zeit meiner Ankunft waren die Leute
darauf erpicht, zufällig eintreffende Weiße nach Möglichkeit zu quälen
und den von den Diamantenfeldern mit Gewehren heimkehrenden Makalaka's,
nachdem sie die Ankommenden aufgefangen und durchgeprügelt hatten, die
Gewehre und den Schießbedarf in des Königs Namen abzunehmen.
Das Matabele-Königreich war zur Zeit meines ersten Besuches das
zweitmächtigste Eingebornenreich südlich vom Zambesi, gegenwärtig nach
der Niederwerfung der südlichen Zulu's ist das Reich der nördlichen, d.
h. der Matabele als das mächtigste anzusehen. Es hat eine
Längenausdehnung von etwa achtzig bis neunzig, eine Breite von fünfzig
bis sechzig geographische Meilen. Nach Mackenzie war der Gründer dieses
weitläufigen Reiches ein Sohn Matschobane's, eines Zulu-Häuptlings in
Natal. Als Tschaka, der mächtigste der Zulu-Häuptlinge, seine Nachbarn
unterjochte, wurde auch Moselikatze gefangen. Auf einem Raubzuge
begriffen, den er im Auftrage Tschaka's unternahm, welcher seinen Muth
kennen gelernt hatte, wandte er sich mit den geraubten Heerden nach dem
Herzen der jetzigen Transvaal-Colonie, unterjochte die Bakhatla-,
Baharutse- und andere Betschuana-Stämme und ließ sich in dem am Marico
und seinen Zuflüssen liegenden Höhenlande nieder. Hier wurde er von dem
Griquachef Berend-Berend angegriffen, der nicht nur abgewiesen, sondern
auf's Haupt geschlagen wurde. Damit war aber nur der Reigen der gegen
ihn gerichteten Angriffe eröffnet, es tauchten immer wieder neue Feinde
auf. Zuerst waren es zwei Zulu-Heerhaufen, welche von Tschaka und einer
von dessen Nachfolger Dingan dem Flüchtigen, doch erfolglos,
nachgesendet wurden. Dann waren es die dem Transvaal-Gebiete sich
nähernden Boers, welche, den gefährlichen Nachbar wohl erkennend, seiner
los werden und das schöne Land am Marico erobern wollten. Sie griffen im
Jahre 1836 unter Gert Maric Moselikatze am Fuße einer Höhe in dem
genannten Territorium an; der Kampf endete mit einer vollständigen
Niederlage des Zulu-Häuptlings, worauf Moselikatze mit dem Reste seiner
Leute, unter denen sich nur vierzig Ringköpfe (eigentliche Krieger)
befanden, das Land verließ und die Länder verwüstend, gegen den Zambesi
zog, um jenseits dieses Stromes ein neues Reich zu gründen. Doch was
Menschenhand nicht vermocht hatte, that die kleine Tsetsefliege, sie
warf den Zuluwolf zurück. Dieser fiel nun erst über ein, dann über ein
zweites Makalaka-Dorf und nach und nach über die einzelnen
Makalaka-Königreiche, dann über jene der Manansa etc. her. In der Stille
der Nacht überfiel er die Dörfer der Ackerbauer, steckte sie in Brand,
tödtete die herausstürzenden Männer und raubte die Frauen, Kinder und
Viehheerden; in dieser Weise wuchs seine Macht, und so schuf er ein
neues Zulu-Reich in Süd-Afrika. Die geraubten Knaben wurden den Kriegern
zum Unterrichte im Kriegsdienste anvertraut, jene, die schon Waffen zu
tragen vermochten, sofort eingereiht. Die Frauen wurden den Kriegern
geliehen, die Heerden wurden königliches Eigenthum und diente zur
Erhaltung der anfangs in Rotten, später in Regimenter eingereihten
Krieger. Als jedoch Moselikatze bemerkte, daß seine Krieger die ihnen
zugewiesenen Makalaka-Frauen nicht als Beute behandelten, sondern milde
gegen sie auftraten, fürchtete er ihre Verweichlichung und ordnete eine
Schlächterei der seinem Zwecke gefährlich scheinenden Frauen an. Die
Krieger folgten auch den Befehlen und schlugen ohne Ausnahme ihre neuen
Frauen todt. Jährlich unternahm der König Raubzüge in die benachbarten
Länder und Tausende von Unschuldigen wurden auf diese Weise
geschlachtet. Denn außer den Männern wurden auch die arbeitsunfähigen
Greise und die Frauen, Säuglinge und überhaupt kleine Kinder getödtet.
Ich will es versuchen, im Folgenden das Regiment der Matabele-Zulu in
kurzen Zügen zu schildern; außer meinen eigenen Beobachtungen stütze ich
mich auf die eingehenden Forschungen meines Freundes Mackenzie, sowie
auf die mir von den beiden Elfenbeinhändlern Westbeech und Philipps
mitgeteilten Berichte. Das Regiment der Zulu-Matabele ist in jeder
Beziehung militärischer Despotismus, demselben unterliegt Alles, Mensch,
Thier und jedes Atom des Landes. Ueber die einzelnen Heeres-Abtheilungen
sind Häuptlinge gestellt und diesen unterstehen abermals
Unterhäuptlinge, welche Officiersrang einnehmen, während jener des
Induna etwa einem Regiments-Inhaber gleichkommt. Die Krieger führen
blindlings die ihnen gegebenen Befehle aus, dagegen buhlen die
Unterhäuptlinge und Häuptlinge um die Gunst des Königs und wenn dies
nicht durch hervorragende Thaten im Kampfe möglich ist, so suchen sie
sich durch Verleumdung gegenseitig beim Könige zu verschwärzen. Der
König hat mehrere Scharfrichter, welche im Dunkel der Nacht ihre blutige
Arbeit zu verrichten haben. Da die Matabele-Krieger allabendlich nebst
Fleisch auch Kafirkornbier erhalten und darauf in der Regel in einen
festen Schlummer fallen, wird es dem Scharfrichter oder dem sogenannten
Messer des Königs leicht, an die Arbeit zu gehen.
[Illustration: Begegnung mit einem Löwen am Tatifluße.]
Ich will nur eines Beispiels aus Mackenzie's Erfahrung hier erwähnen.
Der Tapferste der Tapferen in Moselikatze's Heer war Monjebe, einer
seiner ersten Häuptlinge, doch weil er seiner Tugenden halber oft vom
König mit Geschenken ausgezeichnet war, blickten die übrigen Induna's
neiderfüllt auf den Günstling und ließen nicht ab, ihn fortwährend beim
Könige der Zauberei und Verschwörung anzuklagen. Anstatt Monjebe zur
Verantwortung zu ziehen, hielt Moselikatze das Ganze geheim, lieh leider
endlich sein Ohr den Verleumdern und gab ihnen auch das Recht, Monjebe
zu tödten. Am folgenden Morgen waren von dem Gehöfte des letzteren
nichts mehr als einige rauchende Pfähle zu erblicken. Als mein Freund
Mackenzie im Jahre 1863 das Matabele-Land besuchte, traf er nur einige
Zulukrieger. Die Männer in der »Blüthe« waren Betschuana,
welche Moselikatze als Knaben während seines Aufenthaltes im
Transvaal-Territorium und auf seinen Zügen geraubt oder als Abgabe
erpreßt hatte. Die jungen Regimenter bestanden meist aus Makalaka- und
Maschona-Jünglingen.
Im Frieden haben die Knaben die Heerden zu hüten, kommen sie heim, so
müssen sie sich im Gebrauche der Waffen üben. Diese Leibesbewegung
stählt und kräftigt ihren Körper derart, daß man einen Masarwa aus dem
Kalahari-Bushveldt und einen der unter den Matabele aufwuchs, nicht als
Männer eines Stammes ansehen würde. Die Matabele-Krieger leben in
Baraken, ein Bild der Häuslichkeit ist nirgends zu sehen. Nur den
Häuptlingen, und in Ausnahmsfällen einem Krieger ist es gestattet, das
ihm als Beute übergebene geraubte Mädchen als seine Frau, nicht als
seine Sklavin zu betrachten, obgleich beide wohl das gleiche Los tragen.
Der König hinderte die einzelnen Stämme nicht, den ihnen zukommenden
abergläubischen Gebräuchen getreu zu bleiben, erlaubte aber auch nicht,
daß einer seiner Leute Christ werde. Das Matabele-Land wurde zuerst von
Missionären aufgesucht, dann folgten Elfenbeinhändler; sie kauften von
diesen wohl Gewehre und Schießbedarf, aber keine Kleidung.
Jahr für Jahr begehen die Matabele, bevor sie auf ihre Raubzüge
ausziehen, den der Gottheit geweihten Tanz Pina ea Morimo. Zu diesem
finden sich die Krieger in voller Kleidung auf dem Paradeplatze ein,
Kopf, Brust und Hüften mit einem aus schwarzen Straußfedern verfertigten
Gewande geschmückt. Den versammelten Kriegern wird ein schwarzer Stier
vorgeführt und dieser so lange gejagt und gehetzt, bis er von Schweiß
und Schaum bedeckt, wie gelähmt, niederstürzt. Nun wird dem Thiere das
Schulterblatt mit einigen künstlich geführten Schnitten sammt der
Muskulatur ausgeschält und an einem kleinen Feuerchen zwei bis drei
Minuten lang geröstet, das Fleisch in kleine Stückchen geschnitten und
in diesem halbrohen Zustande von den heranstürzenden Kriegern
verschlungen. Der Genuß desselben soll sie besonders stark und tapfer
machen.
Rings um die Niederlassung der Weißen am Tatiflusse erheben sich kleine
Hügel, welche theils aus Eisenglimmerschiefer, Quarz und Granit
bestehen und theils einzelne Höhenkuppen, theils den Abfall des
Rhamakoban-Tatiflusses bilden. Ich unternahm Ausflüge nach allen
Richtungen hin, doch hieß man mich die größte Vorsicht gebrauchen, da es
in der Umgebung von Löwen wimmeln sollte.
Am 30. besuchte ich zuerst die beiden von den Weißen bewohnten
Wohnungen. Pit Jacobs, der holländische Jäger, war, von seinem Sohne
begleitet, auf Elephantenjagd ausgezogen. Gegen Abend suchte ich das
rechte Flußufer aus und erbeutete dabei einige ^Virivas colius^. Am
folgenden Tage besuchte ich die umliegenden Höhen und fand, daß man
überall bis zu fünfzig Fuß tief Minen gegraben hatte, um Goldadern auf
die Spur zu kommen. Auf dem nördlichen Hügel, der mit dem Tati-Abhang in
Verbindung stand, fand ich Ruinen in Form einer Mauer, auf der höheren
Kuppe eine kleinere Umwallung, auf der niedrigeren eine dreimal
umfangreichere. Die erstere war 1 bis 1½, die letztere 1½ bis 2 Meter
hoch und beiderseits 1 bis 1¼ Meter breit und ohne jeglichen Cement aus
Eisenglimmerschieferziegeln errichtet. Während die Innenseite der Mauer
immer gleichförmig aus drei bis zehn Centimeter starken, zehn bis
fünfzig Centimeter langen und zehn bis zwanzig Centimeter breiten
viereckigen Platten errichtet war, fand ich an der Außenseite der Mauer,
daß hier wohl der Verzierung halber zwei Reihen kleinerer schief und
dachziegelförmig gegen einander gelegte Platten einander unter einem
rechten Winkel deckten (siehe das vorstehende Bild). Beide Umwallungen
haben einen Eingang von Norden, bei der größeren war dieser Eingang
dadurch geschützt, daß der rechte Mauerflügel nach außen vortrat und daß
vom linken eine gerade Mauer nach Innen zu gegen die Mitte der Umwallung
lief. Im Allgemeinen waren diese Ruinen den am Schascha-River
vorgefundenen ähnlich geformt und mochten wohl von einem Stamme der
Goldgewinnung halber errichtet worden sein. Auch hier hoffe ich auf der
nächsten Reise Nachgrabungen anzustellen und zu entscheiden, ob sie von
den im Osten lebenden Maschona's oder von den Bewohnern Monopotapa's
errichtet wurden. Abends besuchte ich den zurückgekehrten, zweitgrößten
Elephantenjäger Süd-Afrika´s Pit Jacobs und hörte gespannt seinen
Mittheilungen aus seiner fünfundzwanzigjährigen Jägerlaufbahn zu.
Am Vormittag des 2. April besuchte ich auch den Verweser des Herrn
Brown, um den Ankauf einiger Utensilien zu besorgen. Wir waren eben mit
den letzteren beschäftigt, als ein Schwarzer mit dem Rufe hereinstürzte:
»Löwen, Löwen unter der Heerde!« Obgleich an mehreren Stellen im Innern
Löwen sehr zahlreich sind, so ist mir doch keine bekannt, an welcher
dieses gewaltige Raubthier so kühn und verwegen auftreten würde, als in
der Umgebung der Tati-Station. Als noch die Goldgräber hier arbeiteten,
hatten sie von den Thieren sehr viel zu leiden. Hier geschah es damals,
daß die Löwen über einen zwei Meter hohen und an seiner Basis ebenso
breiten aus Dornästen erbauten Kraalzaun setzten, um die Zugthiere darin
zu erwürgen. Sehr oft fanden Jacobs und Brown, daß Löwen in der Nacht
zwischen ihren Wohnungen sich herumgetummelt hatten. Als der
Minenbetrieb hier noch im Gange war, wurde eines Morgens einer der
schwarzen Arbeiter, als er eben aus seiner Hütte treten wollte, um
Brennholz für die Dampfmaschine zu sammeln, von einem Löwen angegriffen,
und des Mannes Leben nur durch den Umstand gerettet, daß der Angreifer
ein altes Thier mit stumpfen Zähnen war.
Während meines Aufenthaltes in der Tati-Station wurde eine Löwin in
meiner Gegenwart erlegt. Am Tage als wir abreisten, wurden sieben Löwen
am Wege vor uns gesehen. Acht Tage nach meiner Abreise schoß Pit Jacobs
einen männlichen Löwen und wenige Tage darauf holte sich ein Löwe in der
Nacht Herrn Brown's Pferd aus dem Stalle, der, weil in einer
Pfahlumzäunung erbaut, nach dem Wohngebäude zu offen war. Diese Vorfälle
mögen dem Leser eine Idee von der Dreistigkeit und Keckheit der Löwen in
Tati geben.
Nach der von dem Schwarzen erhaltenen Nachricht waren wir sofort bereit,
das in die Heerde eingebrochene Raubthier zu züchtigen. Ich lief zu
unserem etwa vierhundert Schritte vom Flusse abseits liegenden Lager, um
mich mit meinem Snyder und Patronen zu versorgen. Als Bradshaw von dem
Vorfalle hörte, schloß er sich mir mit seinem Vorderlader (einem
Doppelgewehre) an, mit dem er wahre Wunder wirkte. Den mit Ruinen
gekrönten Hügel zur Linken lassend, bewegten wir uns, das linke Ufer
entlang, thalaufwärts. Dieses war nur etwa zwei- bis dreihundert
Schritte breit, von bebuschten Höhen zur Rechten umsäumt, stellenweise
bebuscht, dagegen unmittelbar am Flusse in einer Breite von etwa hundert
Meter ziemlich dicht mit Mimosen bestanden. Außer mir und Bradshaw und
einigen zwanzig mittelmäßig bewaffneten Schwarzen betheiligten sich noch
ein Sohn Pit Jacobs' und der ausgezeichnete Halbkastjäger Africa, die
beiden letzteren zu Pferde, an der Verfolgung. Während des Marsches
berichtete uns der Diener, daß der Angriff des Raubthieres auf die
Heerde an einem erst gestern im sandigen Bette des Flusses gegrabenen
Tränkloche geschah. Das Flußbett war hier etwa hundert Schritte breit,
etwa dreißig Schritte von unserem Ufer erhob sich in demselben eine
kleine dichtbebuschte Insel, zwischen ihr und unserem Ufer die genannte
Lache. Als sich nun die Heerde zur Tränke versammelt hatte, stürzte
plötzlich von jener Insel eine Löwin auf dieselbe, die Thiere flohen
an's Ufer und die Löwin zerbiß, einer Kuh nachsetzend (ganz gegen die
sonstige Gewohnheit der Löwen), dieser die Fußgelenke, so daß sie ihr
Opfer zum Falle brachte. Dies geschah unter einem Mimosenbaume, auf
welchem bei dem ersten Erscheinen des Löwen der eine der beiden
unbewaffneten Hirten Zuflucht genommen hatte; sein Hund aber blieb in
der Nähe des Baumes und umkreiste laut bellend das Raubthier. Dem
Hundegebelle folgend, kamen wir auf eine kleine, unmittelbar am Flusse
gelegene Lichtung, und sahen den Kopf eines Rindes über das Gras
herausragen. Africa hatte jedoch schon vom Pferde aus das Raubthier
erblickt, und bevor wir uns dessen versahen, donnerte seine
Elephantenbüchse. Nun erst sah ich wie eben der Kopf der hinter der Kuh
in dem Grase hockenden Löwin in dasselbe zurücksank. Der Schütze hatte
dem Raubthiere die Wirbelsäule am Epistropheus zerschmettert.
Unmittelbar nach dem Schusse war der die Löwin in ihrem Fraße so
beunruhigende und schon durch andere Vorfälle den Weißen von Tati so
wohl bekannte Hund auf die Löwin losgesprungen und hatte ihr, sie an dem
einen Ohre fassend, den Kopf zurückgerissen. Dann stürzten die Matabele
auf die Löwin und hieben auf das todte Thier los. Ohne die Kuh getötet
zu haben, hatte die Löwin derselben oben neben dem Kreuze ein Loch in
den Leib gebissen und verzehrte die mit ihren Klauen herausgerissenen
Eingeweide. Wir befreiten sofort das arme Thier von seinen Leiden und
Africa verehrte mir das Fell des Raubthieres.[17]
Seitdem ich Africa am Tschobe begegnet, war er seiner Straußen- und
Elephantenjagden halber von Khama des Landes verwiesen worden und nun
nach Tati gekommen, um gegen Bezahlung von La Bengula die Erlaubniß zur
Straußenjagd zu erhalten. Meine Zeit bis zum 7. benützte ich
hauptsächlich zur geologischen Untersuchung der nächsten Umgebung, sowie
zur Aufzeichnung der interessantesten Jagderlebnisse von Pit Jacobs und
Bradshaws und eines dritten zugereisten Boerjägers. Am 6. besuchte der
Sohn Africa's seine Eltern, er brachte das Fleisch eines Kudu für
dieselben mit, und hieß uns alle sehr vorsichtig sein, da er an seinem
zwei Stunden entfernten Lager allnächtlich von Löwen beunruhigt wurde.
Am folgenden Tage kam von Süden her über Schoschong ein
Elfenbeinhändler, der, in seinem Geschäfte äußerst tüchtig, alles andere
nicht zu beachten schien. Er klagte über Wassermangel zwischen
Schoschong und Tati und über die Häufigkeit der Löwen auf dieser
Strecke.
Westbeech und sein Compagnon Philipp, sowie ein anderer Elfenbeinhändler
F. und Herr Brown mit seiner jungen Frau kamen am nächsten Tage von
Gubulowajo zurück. Der erstere brachte eine von La Bengula mit einem +
unterzeichnete Vollmacht, Elephantenjäger gegen Begleichung eines
gesalzenen Pferdes in seinem westlichen Territorium jagen lassen zu
dürfen. Herr Brown sowie der zugereiste Elfenbeinhändler theilten mir
sehr interessante Einzelheiten über die Grausamkeiten der Matabele mit.
La Bengula besitzt eine Schwester, eine sehr wohlbeleibte Person, welche
einigen Einfluß auf den König ausübt. Als ihr einst W. vorwarf, warum
sie sich keinen Gemahl wähle, gab sie ihm den Bescheid, sie sei zu
corpulent, um gehen zu können, und da außer dem Könige Niemand im Lande
einen Wagen besitze, müsse sie auf einen Ehegemahl verzichten. So oft
ich an diesen Händler denke, muß ich stets bedauern, daß er seine Gunst,
deren er sich von Seite La Bengula's erfreute, nicht zu allgemeinem
Nutzen geltend machte, daß er sich Sepopo gegenüber zu nachgiebig zeigte
und so dessen Gunst, und durch mancherlei andere Umstände jene Khama's
verscherzte.
[Fußnote 17: Siehe Anhang 6.]
Sein zwölfjähriger Aufenthalt unter jenen Stämmen hatte ihn zum Meister
ihrer Sprachen gemacht. Während seines letzten Besuches besuchte er den
König La Bengula, als diesem eben sein Mahl auf einer Schüssel, die
selten oder nie gescheuert wird, vorgelegt wurde. Ohne dazu aufgefordert
worden zu sein, half sich W. sofort und reichte einige Stücke seinen
Genossen, die mit ihm gekommen waren (mit Ausnahme zweier Missionäre
wohnten stets einige Elfenbeinhändler im Umkreise der königlichen
Stadt), worauf die umsitzenden Induna's zu murren begannen. »Georg,«
hieß es, »behandelt den König wie sein Kind.« »Wie kannst Du ihm das
Fleisch nehmen?« W.'s Antwort. »Habe ich nicht Moselikatzes Wagen
getrieben und so den König herumgeführt? War er da nicht mir anvertraut?
War er nicht mein Kind? Ist nicht da La Bengula sein Sohn auch mein
Kind?« schien die Murrenden sehr zu befriedigen, denn sie klatschten in
die Hände. -- Ich fragte den Masupia-Diener, den Westbeech mit nach
Gubuluwajo genommen, ob die Matabele-Frauen schön seien. »Nein, Herr,
sie haben kein hinteres Schurzfell, noch sind sie tätowirt.« Auf die
wohlgeformten Gestalten und die angenehm sein sollenden Züge nahm der
seiner Heimat ungetreue Sohn keine Rücksicht.
Bevor ich von Tati scheide, will ich noch eines eigentümlichen
Abenteuers gedenken, welches sich im Februar des Jahres 1876 im Hause
des Jägers Pit Jacobs zutrug. Um diese Zeit war der alte Jäger mit
seinen Söhnen und einer seiner beiden Töchter auf der Elephantenjagd im
südlichen Matabele-Lande beschäftigt. Die Frau war nur mit der zweiten
an Herrn Brown verlobten Tochter, zwei kleinen Söhnchen und einem
Masarwa-Diener zurückgeblieben.
Ueber die Höhen am Tatiflusse hatte sich bereits das Dunkel der Nacht
ausgebreitet, und die Bewohner der Station schliefen bereits, nur aus
der halboffenen Thür (aus einer unteren und oberen Hälfte bestehend) und
der dieser entgegenliegenden Fensteröffnung der Wohnung Jacobs
schimmerte ein schwacher Lichtschein. Das Haus des holländischen Jägers
bestand aus einem sogenannten Hartebeest-Bau, d. h. aus vier, aus dünnen
Baumpfählen errichteten, mit rother Ziegelerde überschmierten, mit einem
aus Pfählen und Gras gebildeten Giebeldache überdeckten, dünnen Wänden.
Eine aus dem ersteren Material verfertigte Scheidewand theilte den
inneren beschränkten Raum in einen größeren, das Wohn-, Empfangs-,
Eß-, Wasch- und Arbeitszimmer, und in einen kleineren, das
Familien-Schlafzimmer. In dem ersteren lief eine Holzbank der Mauer
entlang und nur an der südlichen Wand nahe der Thüre stand ein einfacher
Holztisch, und unter der Fensteröffnung, welche man mit einem Brette zu
schließen pflegte, eine Nähmaschine, ein Geschenk des Herrn Brown an
seine Braut. Da wo die Bänke nicht hinreichten, einen ganzen Wandsitz zu
bilden, füllten Kleiderkisten diese Lücke aus. Der zweite Raum hatte nur
zwei nennenswerthe Objecte, zwei rohgezimmerte Bettstätten, eine der
Eingangsöffnung gegenüber, welche die Scheidewand an der Fensteröffnung
durchbrach und eine unmittelbar an der letzteren anliegend.
Um die Zeit des zu berichtenden Vorfalls war Herr B. bei seiner
Verlobten noch zu Besuch. Der Diener war längst in seiner Hütte
entschlummert, welche dem Hausthore gegenüber stand, die Mutter war mit
den Kindern zur Ruhe gegangen. Sie lag mit dem kleineren, dreijährigen
Knäblein auf dem Lager dem Eingange gegenüber, der zweite Knabe schlief
auf dem anderen Bettgestelle. Während die Kinder schliefen, mischte sich
die Mutter zeitweilig in das Gespräch ihrer in der vorderen Kammer
sitzenden, verlobten Tochter. Um das Bild noch zu vervollständigen, muß
ich noch hinzufügen, daß sich das Hauskätzchen am offenen Fenster einen
außergewöhnlichen Sitz gewählt hatte. -- Zur selben Zeit wurde die
Niederlassung durch den Besuch eines hungrigen Leoparden beehrt, welcher
nach mehrtägiger erfolgloser Jagd in den Büschen die Niederlassung
aufgesucht hatte. Hier wurde Viehkraal nach Viehkraal umgangen, doch die
Dornzäune schienen zu hoch für seinen Muth und so wagte er sich an die
menschlichen Wohnungen heran, um doch wenigstens einige Hühner zu
erbeuten. Auf diesem stillen Umzuge hatte er auch die Stätte von Pit
Jacobs häuslichem Glücke umkreist. Der Leopard erblickte die Katze und
den etwas mageren Bissen in der Noth immerhin des Angriffs werth
haltend, wagte er, sich näher schleichend, den Sprung. Kätzchen sind
jedoch kluge Thiere, und jenes hatte seinen Feind noch rechtzeitig
erspäht, denn im selben Augenblicke als er aufsprang, setzte es herunter
und verbarg sich unter der Nähmaschine, das Raubthier jedoch war mit
einem Satze in der Mitte des Zimmers, zum nicht geringen Entsetzen der
beiden Verlobten, sowie zu seinem eigenen Schrecken. Von dem lauten
Aufschrei der beiden begrüßt, sowie von dem flackernden Lichte der in
einer Wagenlaterne ihr ephemeres Dasein fristenden Kerze geblendet,
geräth das Thier außer Fassung und sinnt auf Flucht und ein Versteck.
Der Leopard erhebt sich brummend, blickt sich um und wirft sich dann in
den dunklen Abgrund, der ihm als Eingang zu dem Schlafzimmer
entgegengähnt, worüber die beiden so unangenehm Ueberraschten neuerdings
aufschrieen, denn da drinnen lag ja die wehrlose Mutter mit den beiden
Kindern. Frau Jacobs sah ein Thier in ihre Schlafkammer setzen und sich
unter ihr Bett verstecken; sie fragt, was es wäre, jene wollen sie
beruhigen und sagen es sei blos ein Hund. »Ja, wenn es nur ein Hund ist,
warum schreit Ihr denn so fürchterlich.« In der Meinung, daß es
vielleicht eine Hyäne sei, springt die Frau auf, ergreift das neben ihr
liegende Kind und eilt, das zweite vollkommen vergessend, in die vordere
Kammer. Als die Beiden sie ohne das zweite Kind in der Kammer erscheinen
sehen und die Mutter in sie dringt, den Namen des Thieres zu nennen,
gestehen diese ein, daß es kein Hund oder Pantherkatze sondern ein
Leopard sei. Nun brach die Mutter in Wehklagen aus, sie wollte
hineinstürzen und ihr Kind holen. Mit aller Macht mußte sie
zurückgehalten werden aber um so mehr drang sie hierauf auf die Tödtung
des Raubthieres.
[Illustration: Der Leopard im Hause Pit Jacobs.]
Nachdem die Aufregung Aller sich etwas gelegt hatte, sann man auf die
Mittel, das Thier zu bekämpfen. Auf der Schlafzimmerseite der
Scheidewand hingen einige geladene Elephantengewehre, doch in der
allgemeinen Angst und Bestürzung hatte man diese vollkommen außer Acht
gelassen. Ein großes Küchenmesser war die einzige Waffe, welche zur Hand
war, da fiel jedoch der Frau Jacobs der in der Hütte schlafende Masarwa
ein, dessen, wenn auch höchst primitiver Assagai bessere Dienste leisten
konnte. Bald war auch der Gewünschte mit seiner Waffe zur Stelle und so
bewaffnet nahm Brown den Kampf mit dem Leoparden auf. B. sollte im
gebeugten Zustande mit der Waffe in der Hand und gefolgt von seiner
Braut dem Thiere den Garaus machen; um jedoch auch in der That dieses
Heldenstück auszuführen, war Licht nöthig; hier half Miß Jacobs, indem
sie die Laterne hochhielt. Sowie der erste Lichtschimmer auf den
Leoparden gefallen war, fauchte dieser vernehmbar und sprang mit einem
Satze aus seinem Verstecke auf das gegenüber stehende unbeleuchtete
Lager, auf welchem der fünfjährige Jacobs trotz des Geschreies der
Frauen ruhig weiterschlief. Dies war die Ursache eines neuen Geschreies
von Seite der Frauen, denn alle wähnten das Kind, wenn nicht schon todt,
so doch dem sicheren Verderben preisgegeben. Doch keines von beiden war
der Fall. Das Raubthier mußte unmittelbar vor oder hinter den Knaben
gesprungen sein, ohne die geringste Notiz von ihm zu nehmen, denn der
Knabe schlief weiter und war erstaunt, am nächsten Morgen die aufregende
Scene erzählen zu hören.
Der Leopard saß auf seinen Hinterfüßen und fauchte zähnefletschend die
Eindringlinge an. Abermals stellten sich die Angreifer in eine
Schlachtlinie und vorwärts ging es in die Schlafkammer. Um mit ihrem
Rathe nötigenfalls beizustehen und ihrem Verlobten den Schauplatz besser
zu beleuchten, lehnte sich Fräulein Jacobs, die Laterne vor ihn
hinhaltend, über Herrn Brown, und damit ihre Kinder im wichtigen Momente
nicht verzagen und sie das Ganze sehen könne, lehnte sich auch Frau
Jacobs an ihre Tochter, so daß Brown unter der Last förmlich
zusammenbrach. Wie vermochte er unter diesen Verhältnissen mit
Sicherheit einen tödtlichen Stoß gegen das Thier zu führen. Es darf uns
daher nicht wundern, daß er kaum die Haut des Thieres durchbohrt hatte.
Allein kaum war dies geschehen, als der Leopard auf seine Gegner
lossprang. Im nächsten Momente als sein Assagai abglitt, fühlte Herr B.
die Tatzen des Thieres auf seinem Kopfe und Nacken. Die nächste Wirkung
dieses Sprunges war, daß Herr Brown von Tochter und Mutter und dem
neugierigen, sich gleichfalls an Frau Jacobs anlehnenden schwarzen
Diener beschwert, dem auf ihm lastenden Gesammtgewichte nachgeben mußte
und mit dem Leoparden zu Boden stürzte. Der Stütze beraubt, folgten auch
in der Gefahr getreu, Fräulein und Frau Jacobs, sowie der Masarwa ihm
nach. Dies war wohl die glücklichste, wenn auch für die Betheiligten in
jenem Momente unangenehme Lösung der Situation. Es wäre nun vielleicht
Einem oder dem Andern schlecht ergangen, wenn das Raubthier nicht selbst
durch den Wechsel seines Standpunktes erschreckt worden wäre. Der
Leopard fühlte sich plötzlich auf einem zuckenden, in holländischer,
englischer sowie in der Sesarwa-Sprache schreienden Knäuel und da mit
dem Falle des Herrn Brown auch die Laterne ausgelöscht war, kam es
selbst dem Leoparden in der Dunkelheit unheimlich vor und anstatt zu
beißen und zu kratzen, machte er einen Satz durch die Thüre in das
Wohnzimmer und von da durch die Ausgangsthüre, deren obere Hälfte nicht
geschlossen war, ins Freie. Nach und nach entwirrte sich auch der
Menschenknäuel und nachdem Licht herbeigeschafft war, rief das ganze an
komischen Momenten reiche Erlebniß, das unter Umständen tragisch enden
konnte, allgemeine Heiterkeit hervor.
Am 10. April verließen wir die Tati-Station und fuhren durch ein
bewaldetes Hügelland bis zum Schaschaflusse, einem Sand-River, der unter
anderen zahlreichen Nebenflüssen gleichen Charakters auch den Tatifluß
aufnimmt. Nahe an der Stelle wo wir hielten, fand ich an der Mündung
eines trockenen Regenspruits in den trockenen Schaschafluß, eine kleine
aber tiefe Lache, welche Krokodile beherbergte.
Am Morgen des 12. überschritten wir den Matloutsi- und den Seribe-Fluß,
sowie seit dem wir Tati verlassen, zehn Zuflüsse des Schascha, Matloutsi
und Seribe, am folgenden Tage vier weitere Spruits. Der Weg war abermals
äußerst beschwerlich und voller Felsblöcke. Wir blieben den Tag über am
Matloutsi-Flusse, welcher theilweise die östliche Grenze zwischen dem
Matabele- und Bamangwato-Reiche bildet. (Früher war es der Tatifluß.)
Großes Interesse bot eine doppelte Reihe von Hügeln, deren Form bald
kegelförmig war, bald wieder förmlichen Hexaëdern glich. Wir
überschritten am nächsten, einem sehr heißen Tage Morgens den
Kutse-Khani und den Lothlakhane-Fluß und lagerten am Ufer eines dritten
mit Namen Goque. Da wir vor uns eine weite, wasserlose Strecke hatten,
wurden hier die Zugthiere mehrmals getränkt. Der Weg führte nunmehr an
der Kette der Serule-Höhen vorüber und über drei Regenspruits und
späterhin an den Serule-River, den wir gegen Mittag überschritten, gegen
Süden und Südosten erhob sich der Höhenzug der Tschopoberge, deren
höchste Kuppen am Nord- und Südende liegen.
Am 16. erreichten wir das Thal des Palatschwe-Flusses und überschritten
am selben Tage auch das Thal des Lotsaneflusses. Ich glaube, daß sich
beide Flüsse am Fuße der Tschopo-Höhen vereinigen und am nördlichen
Abhange derselben ihren Lauf gemeinsam fortsetzen. Die Lotsane Furth,
eine der schwierigsten auf dem Wege von oder nach dem Matabele-Lande,
war einige Jahre zuvor bei den Elfenbeinhändlern und Elephantenjägern
durch zahlreiche und äußerst kecke Löwen berüchtigt.
Am 17. betraten wir ein Hochland, in welches zahlreiche Regenlachen
eingebettet waren, von denen jedoch nur drei im Winter wasserhaltig sind
und deren zweite Lemones-Pfanne genannt wurde. An den beiden letzteren
fanden wir Bamangwato-Viehposten. Ich muß noch erwähnen, daß wir von
Tati ab eine Matabele-Begleitung erhalten hatten, welche Z. nicht
geringen Kummer und Sorgen einflößte. An der letzten Lache, Tschakani
genannt, schlugen wir unser Nachtlager auf; hier erfuhren wir, daß
Setschele die in seinem Lande wohnenden Bakhatla bekriege. Da wir kein
Wild erlegen konnten und unsere von Tati mitgenommenen Lebensmittel zur
Neige gegangen waren, wurde eines der Reserve-Zugthiere geschlachtet.
Wir überschritten hierauf den Tawani und kamen in der Nacht bis an das
Ufer des sandigen Mahalapsi-Flusses.
Am frühen Morgen hatten wir den östlichen Fuß der Bamangwato-Höhen
erreicht und zogen nun nach Schoschong. Ein Theil des Trupps blieb
zurück, da es hieß, daß in Schoschong das Gras durch die anhaltende
Dürre förmlich abgebrannt sei und die Quellen des Schoschon so wenig
Wasser lieferten, daß sie kaum den Bedarf der Bewohner deckten. Nachdem
uns Z. verlassen, welcher aus Furcht vor Khama die Richtung nach dem
Limpopo zu den Damara-Emigranten einschlug, zogen wir das Franz
Josefsthal aufwärts und erreichten nach einigen Stunden Schoschong.
XV.
Rückreise nach den Diamantenfeldern.
Ankunft in Schoschong. -- Khama läßt Z. verfolgen und verurtheilt ihn.
-- Aufregende Nachrichten aus der Colonie. -- Aufbruch nach Süden. --
Mochuri. -- Der Krieg der Bakhatla's gegen die Bakwena. -- Ich erstehe
zwei junge Löwen. -- Ein Löwen-Abenteuer Van Viljoens. -- Eberwald
besucht mich. -- Jouberts See. -- Houmans Vley. -- Ankunft in Kimberley.
[Illustration: Rückreise nach den Diamantenfeldern.]
Von meinem guten Freunde Mackenzie auf das Herzlichste aufgenommen,
mußte ich abermals sein Gast sein; um meine Erholung zu beschleunigen,
lud er mich ein, so lange bei ihm zu verweilen, als er selbst noch in
Schoschong verblieb. Seiner Gastfreundschaft, sowie der bei Herrn Jensen
in Linokana genossenen danke ich zum größten Theile meine Genesung. Als
ich wieder zum ersten Male ein Stück ordentlich zubereitetes Brod
genießen konnte, kam ich mir wie ein mächtiger Herrscher vor, der jede
seiner Launen zu befriedigen vermag.
Als ich am Tage meiner Ankunft mit Westbeech Khama besuchte, überraschte
er den letzteren mit der Frage nach Z. Khama war davon genau
unterrichtet, daß er mit uns gereist war und da half Westbeech keine
Widerrede, er mußte gestehen, daß Z. Früh Morgens den Wagen verlassen
habe. Am selben Nachmittage noch sandte der König bewaffnete Mannschaft
aus, um Z. einzubringen, doch diese kehrten spät am Abend unverrichteter
Dinge zurück, worauf der König Berittene aussandte, um die Gegend bis
gegen den Khama-Salzsee durchforschen zu lassen.
Am Morgen des 22. kehrten sie mit dem Flüchtigen zurück, beim
Durchstreifen des Bushveldts waren sie von dem Scheine eines kleinen
Feuers angezogen worden, sie ließen ihre Pferde zurück und näherten sich
so leise, daß Z. ohne von seinem Revolver Gebrauch machen zu können
überwältigt wurde. Zum Könige gebracht, zeigte sich Z. über seine
Gefangennehmung sehr aufgebracht. Der König aber hielt ihm sein Vergehen
vor und verurtheilte ihn zu einer Geldbuße von 100 £ St. und als sich
der Verurtheilte entschuldigte, daß er diese Summe nicht besäße,
antwortete Khama, »ich weiß wohl, daß Du Dein Gespann sammt Wagen an W.
verkauft hast, er muß für Dich bezahlen, da er noch das Geld schuldet.«
Die mitgekommenen Matabele brachten einen Brief La Bengula's an Khama,
welcher diesen einlud, gemeinschaftlich an den Präsidenten der
Transvaal-Republik und Sir Henry Bartle, den Gouverneur der Cap-Colonie,
die Bitte zu richten dem Vordringen der Damara-Emigranten Einhalt zu
gebieten. Am 22. wurden zwei Händlergehilfen von dem Könige in
öffentlicher Sitzung zu je 10 £ St. Strafe verurtheilt, weil sie vor
ihren außerhalb der Stadt liegenden Gehöften in betrunkenem Zustande
aufgefunden wurden. »Wenn Ihr Euch schon nicht enthalten könnt,« sagte
Khama, »so thut es innerhalb Euerer Wohnungen oder Wägen, um nicht
meinen Leuten ein böses Beispiel zu geben.«
Am 24. reisten meine Gefährten nach dem Süden ab, während ich mit
Westbeech's Wagen, den er vor der Hand nicht benöthigte, nachdem er das
Elfenbein daraus entnommen, in Schoschong im Hause meines Freundes
Mackenzie zurückblieb. Am 25. und 26. fühlte ich mich leidlich wohl und
hielt im Hofraume Revue über meine Sammlungen, von welcher der von einem
Jagdzuge am Limpopo zurückkehrende Kapitän G. ganz entzückt zu sein
schien. Es freute mich, mit dem Könige bereits ohne Dolmetscher in der
Setschuana plaudern zu können. In den Abendstunden verzeichnete ich
meine Erlebnisse, während mir Rev. Mackenzie wieder Interessantes über
die Gebräuche der Bamangwato's mittheilte.
[Illustration: Koranna-Gehöfte bei Mamusa.]
Am 4. kam der Elfenbeinhändler Shelten vom N'gami-See an und berichtete
von der Gefangennahme des Damara-Emigrantenführers Van Zyl durch die
Damara's, sowie daß eine Horde der Makololo, die sich aus der früheren
Niedermetzelung des Stammes gerettet und heimlich am Tschobe aufhielt,
von den westlichen Bamangwato's vernichtet worden sei. Da ich mich am
10. etwas wohler fühlte, bestieg ich das Plateau auf welchem der
entscheidende Kampf zwischen Sekhomo und seinen Verbündeten, den
Makalaka's einerseits und Khama andererseits stattfand. Ich fand nur ein
einziges der vorgefundenen Skelete der Makalaka's für meine Sammlungen
brauchbar.
Am 13. kam durch die eingebornen Postboten die Nachricht, daß in der
Transvaal-Provinz zwischen den Boers und dem Eingebornen-Häuptling
Sekokuni Krieg ausgebrochen sei. Von Khama aufgefordert, übernahm ich
bis zum Ende meines Aufenthaltes in Schoschong die Behandlung der sich
meldenden kranken Eingebornen, wobei mir die beiden Herrn Missionäre
getreulich beistanden und auch die nöthigen Medicamente lieferten.[18]
Am 15. sandte ich einen Bericht an Lord Derby, dem Minister für
auswärtige Angelegenheiten Großbritanniens, über die Sklaverei im
Marutse-Reiche. In den folgenden Tagen kamen häufige Nachrichten von den
Grausamkeiten, welche von den beiden im Lande Seschele's kriegführenden
Theilen, den Bakwena's und Bakhatla's, ausgeübt worden waren. Anfangs
waren die Bakwena's, dann die Bakhatla's zum Angriff übergegangen.
Am 24. wurde in Schoschong die Boguera an den Mädchen vorgenommen, wie
Khama mir versicherte, zum letzten Male. In den ersten Tagen des Juni
begann Freund Mackenzie Vorbereitungen zu seiner Uebersiedlung nach
Kuruman, wohin er berufen worden war, um ein größeres Seminar zu
gründen. So weit meine schwachen Kräfte hinreichten, suchte ich ihm bei
seinen Arbeiten zu helfen. Doch die Krankenbesuche während der heißen
Zeit verschlechterten meinen Zustand und ich sah mich gezwungen, Khama
zu ersuchen, mir ein Pferd zur Verfügung zu stellen, was er auch that.
Während dieses Aufenthaltes in Schoschong erfuhr ich, daß Matscheng und
andere Betschuana-Häuptlinge am rechten Limpopo-Ufer wohnten, ohne die
Oberhoheit der Transvaal-Republik anzuerkennen und der Limpopo deshalb
nicht als Nordgrenze dieses Landes angesehen werden könne. Am 13. kam
die Nachricht, daß die Bakhatla bei ihrem Angriffe auf Molopolole, die
Hauptstadt der Bakwena's, geschlagen worden waren. Im Kampfe hatten die
Hinterlader der letzteren den Ausschlag gegeben.
[Fußnote 18: Von den achtzig Kranken waren mehr als siebzig mit Lues
behaftet.]
Am 21. verließen wir Schoschong; unsere Karawane bestand aus sieben
Wägen. Außer mir und Herrn Makenzie reisten auch Herr Hephrun und die
beiden Missionäre Thompson und Helm aus dem Matabele-Lande mit, denn die
Herren hatten in Molopolole eine Conferenz abzuhalten. An Khama's
Salzsee wurden wir noch durch einen Abschiedsbesuch des Königs Khama
beehrt, er konnte nicht umhin, noch einmal meinem Freunde Mackenzie, dem
Manne, dem er so viel zu verdanken hatte, die Hand zu drücken. Bei
dieser Gelegenheit fand er mehrere Wägen eines Händlers vor, der durch
sein Land nach dem Matabele-Lande ziehen wollte. Khama gestattete dies
jedoch nicht und zwang den Mann zur Rückkehr nach dem Süden, weil
derselbe ein Jahr zuvor gegen des Königs Willen im Lande Branntwein
verkauft hatte.
Wegen Wassermangel war unser weiterer Zug bis an den Limpopo recht
beschwerlich, statt ihn wie gewöhnlich zu kreuzen, umfuhren wir den
Sirorume, um dem erwähnten tiefsandigen Wald an diesem Flusse
auszuweichen. Kurze Zeit zuvor hatte im Flußthal ein Löwe in der Nacht
das Pferd des Jägers Dracke getödtet, wobei einer der schwarzen Diener
einen Ochsen für das Raubthier ansah und diesen auch glücklich erlegte.
Abends am 23. kamen wir an der Notuany-Mündung an und blieben bis zum
26.; ich lernte hier auch den Afrikareisenden, Kapitän Grandy kennen,
der nach dem Matabele-Lande reiste und später dem Fieber erlag.
Wir zogen nun das Limpopo-Thal aufwärts, die Geleise, welche nur einige
Male, das letzte Mal wohl vor Jahren, befahren worden sein mochten,
waren äußerst schlecht, theilweise tiefsandig, meistens felsig. Am 1.
und 2. lagerten wir an einer jener Lachen, welche, wie schon erwähnt, am
Ufer des Notuany gelegen, von Quellen sowohl wie von dem ausgetretenen
Flusse gespeist werden und selbst dann noch wasserhaltig bleiben,
nachdem der Fluß schon längst ausgetrocknet ist. Die angetroffene Lache
war zwanzig Meter breit, hundertfünfzig lang und enthielt zahlreiche
Fische. Da an einem der Wägen des Herrn Mackenzie ein Rad gebrochen war,
begab sich Rev. Hephrun nach der nahen Stadt der westlichen Bakhatla,
Mochuri, um von zwei daselbst wohnenden Händlern ein Rad zu entlehnen.
Als wir am 3. Mochuri erreichten, hörten wir, daß die Bakhatla Tags
zuvor von ihrem Kriegszuge gegen die Bakwena's heimgekehrt waren. Sie
hatten sich unbemerkt der Hauptstadt Molopolole genähert und nachdem sie
sechzehn Makalahari-Hirten getödtet, sich der Heerden bemächtigt und
alle Angriffe der Bakwena's, die Heerden wieder zu gewinnen,
zurückgeschlagen. Da erst erstand der König der Bakwena's von den
Händlern einige Hinterlader und mit Hilfe derselben war es endlich den
Bakwena's gelungen, so viele Bakhatla niederzuschießen, daß diese die
geraubten Heerden aufgeben mußten. Von den gefallenen Bakhatla's waren
nur zehn todt, die übrigen verwundet, allein von den Verwundeten nur
vier heimgekehrt, die übrigen waren nach Bakwena-Sitte, trotzdem sie
einen christlichen König hatten (Seschele), niedergemetzelt worden. Die
Bakhatla's klagten, daß die Bakwena's einige ihrer Viehposten
überfallen, die Hirten getödtet und ihren Frauen Hände und Füße
abgeschlagen hatten.
Die Stadt der Bakhatla's schien mir die reinlichste Betschuana-Stadt,
die ich bisher besucht hatte. Der Stamm der Bakhatla's war früher im
Transvaal-Gebiete ansässig, verließ jedoch das Land nach der Besitznahme
desselben durch die Boers zum großen Theile und siedelte sich nun unter
zwei Häuptlingen als östliche und westliche Bakhatla im Lande Seschele's
an. Dieser forderte nun von ihnen wie von den Makhosi und den Batloka
Tribut, den sie verweigerten. Mochuri breitet sich an einer Sattelhöhe
aus, der Ort ist von einem hohen Dornzaune umgeben, die Gehöfte sind
äußerst rein gehalten und gut cementirt. Bis zum Jahre 1876 waren die
Bakhatla unter den centralen Betschuana's der einzige Stamm, welcher
sich mit Tabakbau beschäftigte und dessen Erträgnisse in den Handel
brachte. Eine ihrer Hauptbeschäftigungen außer dem Ackerbau ist die
Gerberei und Bearbeitung des Leders zu verschiedenen Artikeln. Die
Mehrzahl des Stammes spricht holländisch.
Ich erstand hier von den Häuptlingen durch Vermittlung Rev. Mackenzie's
zwei junge Löwen und verließ hierauf Mochuri, um weiter nach dem Süden,
gegen Tschuni-Tschuni, zu ziehen, während sich meine Freunde, die
Missionäre, nach Molopolole wandten. Ich schied schweren Herzens von
ihnen, denn beide waren mir stets wahre Freunde gewesen. Von Mochuri
gelangt man nach einer zwölfstündigen Fahrt nach Molopolole (etwa
dreißig englische Meilen). Nachdem ich das bewaldete Thal des Notuany
verlassen, durchfuhr ich in südöstlicher Richtung eine große Ebene,
welche in Folge ihres Salzgrundes nur spärlich mit Gras bewachsen war.
Am 4. meine Reise fortsetzend, langte ich Nachmittags in Tschuni-Tschuni
an. Hier herrschte solche Trockenheit, daß man über dreißig Fuß tiefe
Löcher im Felsengrunde der Spruits graben mußte, um auf Wasser zu
stoßen. Ich hielt mich deshalb nicht lange auf und zog weiter. Während
einer Rast am nördlichen Abhange der Dwarsberge entsprangen mir meine
jungen Löwen. Es währte mehr als zwei Stunden, bis ich und meine Diener,
zerkratzt und mit zerbissenen Händen die Thiere eingefangen hatten.
Am 6. erreichte ich das dem Leser schon bekannte Brackfontein und schlug
von hier statt der südwestlichen über Buysport eine südliche Richtung
ein um nach Linokana zu gelangen, wobei ich auf die Farm Leuvfontein
zusteuernd, das Bushveldt von Norden nach Süden durchzog. Auf diesem
Marsche bemerkte ich, daß das Morupa-Flüßchen von Buysport sich in
einigen seichten Einsenkungen verlor und nur nach sehr heftigen
Regengüssen über die Grasflächen strömend den großen Marico erreicht. In
diesem Thale nahe an der Farm Leuvfontein am Nordabhange des östlichen
Höhenzuges, über welche der Buysport-Paß führt, trug sich vor einigen
Jahren ein Löwenabenteuer zu, welches ich noch wegen seiner Originalität
und weil es dem schon mehrmals erwähnten Van Viljoen, einem der
berühmtesten Löwenjäger zustieß, im Folgenden wiedergeben will.
Im Jahre 1858 unternahm Mynheer Jan van Viljoen mit seinem ältesten
Sohne und einem Holländer mit Namen Engelbrecht eine Reise in das
Bushveldt. Man hatte die Stelle, an der gegenwärtig Leuvfontein liegt,
verlassen, und war eben daran, das untere Morupa-Thal zu kreuzen. Die
drei Jäger ritten voraus, denn die Wägen bewegten sich äußerst langsam
vorwärts. Eine unmittelbar vor ihnen den Weg kreuzende Pallahheerde
verleitete Viljoen sein Jagdglück zu erproben und so verließ er seine
Gefährten und wandte sich rechts in die Büsche. Sich auf hundertfünfzig
Schritte den Thieren behutsam nähernd, ersieht der Jäger eine gute
Gelegenheit, einen tüchtigen Pallahbock aufs Korn zu nehmen; während er
eben anlegt, scheint es ihm, als ob er von links her einen auftauchenden
Schatten wahrnehmen würde. In dem Momente als er sich umsieht, fühlt er
sich von einem Löwen erfaßt und sein Gesicht in des Löwen Rachen. Tiefe
Narben im Gesichte zeugen noch heute für das starke Gebiß des Räubers.
Er war durch den Sprung des mächtigen Raubthieres vom Pferde
herabgerissen worden, allein kaum lag er auf dem Boden, als ihn der Löwe
losließ und bald den vor sich daliegenden und ihn anstierenden Menschen,
bald das ruhig stehende und an die vierfüßigen Räuber ziemlich gewöhnte
Pferd betrachtete. In Folge des Falles Viljoen's, war der Sattelgurt
gerissen und der Sattel hing nun an den Hinterfüßen des Pferdes, das vom
gestürzten Reiter etwa vier Meter entfernt war. Nachdem sich der Löwe
eine Zeit lang Roß und Reiter betrachtet, schnappte er plötzlich nach
der Brust desselben, um ihn davonzutragen, doch Viljoen war eben so
rasch und versuchte mir seinem rechten Arme die Brust zu decken, während
er mit seiner linken Hand den Löwen an seinem linken Ohre festhielt. Das
Raubthier erfaßte nun mit seiner unteren Kinnlade den Arm, mit der
oberen die Brust. In diesem für Viljoen so verhängnisvollen Momente
wurde das Pferd sein Lebensretter. Den Sattel an seinen Hinterfüßen als
unnütze Last fühlend, schlug dasselbe aus, so daß der Sattel aufflog und
die Bügel klingend aneinanderschlugen. Da läßt der Löwe den Jäger fahren
und stiert das Pferd an, das nun zum zweiten Male ausschlägt, wodurch
der Schwanzriemen reißt und der Sattel gegen den Löwen und Jäger
herabkollert. Dies schien selbst dem verwegenen Räuber zu viel. Mit
einigen Sätzen sprang er zur Seite und stellte sich etwa zehn Meter weit
beobachtend auf. Viljoen erhebt sich sofort und ergreift sein nebenan
liegendes Gewehr. Doch beim Anlegen fühlt er einen heftigen Schmerz im
Munde. Der Jäger denkt, der Löwe hätte seine Kinnlade zerbissen, und da
er fürchtet, daß ihm in diesem Zustande das Abfeuern des geladenen
Vierpfünders eine nicht geringere Verwundung als des Löwen Biß eintragen
würde, entschloß er sich, nur im äußersten Nothfalle davon Gebrauch zu
machen. Von einer nahen Höhe herabkommende Baharutse, welche die
gefährliche Situation leicht begriffen, zwangen indessen den Löwen durch
lautes Geschrei zur Flucht. Verwundert sahen Viljoen's Gefährten diesen
über und über mit Blut besudelt sich ihnen nähern.
Sechsundzwanzig Tage lang lag der Jäger in Folge seiner Brust- und
Armwunden darnieder, bevor er sein Lager verlassen konnte. In derselben
Nacht tödtete der Löwe einen von Moilo's Hirten, der in einem nahen
Gehölze wohnte. In Folge der letzteren Unthat wurde er am folgenden
Morgen von einem großen Haufen der Baharutse verfolgt, aufgesucht und
erschossen. Es war ein ausgewachsener Krachmanetje.
Am 8. erreichte ich Linokana und wurde hier von Herrn Jensen auf das
Freundlichste angenommen. Viel Freude bereitete mir der Besuch meines
werten Freundes Eberwald, der meinethalben von den fernen Leydenburger
Goldfeldern hierhergekommen war, um mich zu begrüßen. Während meines
Aufenthaltes in Moilo, wo er Herrn Jensens freundliche Aufnahme mit der
Pflege, die er dessen Gärten angedeihen ließ, entgalt, war er mir sehr
behilflich, und reiste auch später mit mir nach dem Süden. Der Häuptling
Moilo war gestorben und sein Neffe Kopani von Moschaneng, der der
Transvaal-Regierung unterstehende Häuptling der Baharutse, Chef von
Moilo geworden. Den Tag nach meiner Ankunft, als eben ein geräumiger
Käfig für mein Löwenpärchen fertigstellt war, verendete die Löwin.
Im Osten der Republik wüthete der Kampf, wobei sich die Weißen im
Nachtheile befanden. Allenthalben im Marico-District wie in der ganzen
Republik wurden Leute, Vieh und Wägen conscribirt, wogegen die
Ackerbauer sehr murrten.
Am 5. August langte Herr Mackenzie auf seinem Marsche nach Kuruman hier
an, auch Herr Williams kam von Molopolole, um mich wegen seiner
Gesundheit zu consultiren. Am 6. entlohnte ich meine vier Zambesi-Diener
To, Narri, Burilli und Tschukuru, damit sie nach dem Zambesi
zurückkehren konnten und um mich ihrer Hilfe auch auf dem nächsten Zuge
zu versichern, gab ich mehr als ihnen gebührte. Durch Herrn Wehrmann,
einen unter den östlichen Bakhatla's wohnenden Missionär, erfuhr ich,
daß ihre Stadt zwei Stunden westlich vom großen Marico am nördlichen
Abhange gelegen, Melorane, und der Häuptling der westlichen Bakhatla's
Linsch heiße und ein Sohn Khamanani's sei. Bevor noch meine Diener nach
dem Norden abgingen, benützte ich meine geringe Kenntniß der Senansa und
der Sesuto-Serotse-Sprache, um einiges über die Setonga (zwei meiner
Diener waren Matonga's) zu erfahren.
Um mir zur Rückreise nach den Diamantenfeldern einiges Geld zu erwerben,
übernahm ich die Behandlung von Kranken. Unter meinen Patienten befand
sich auch ein Händler K., der durch Westbeech's eminente
Rosselenkerkunst aus dem Wagen geworfen worden war und sich arg
beschädigt hatte. Auch der holländische, allgemein beliebte Prediger de
Vries befand sich unter meinen Kranken, dessen Heilung mir unter der
holländischen Bevölkerung des Districtes viele Freunde erwarb. Am 19.
September erhielt ich von Lord Derby eine freundliche Antwort auf den
ihm von Schoschong aus gesendeten Bericht über die Sklaverei im
Marutse-Reiche. Am 24. verließ ich Linokana, schlug von hier nach Mamusa
den kürzesten Weg ein und berührte Ooisthuizens erzreiche Farm sowie den
südlichen Theil der westlichen Grenze des Marico-Districtes; der Weg auf
dieser Strecke bereitete uns ob seiner felsigen Beschaffenheit ungemeine
Schwierigkeiten.
[Illustration: Platberg bei Rietfontein.]
Bei meinen kleinen Ausflügen in der Umgegend der Farm Dornplace am
Molapo fand ich auch den vom Eigentümer desselben erwähnten Felsensee
(Joubert-See), wohl der kleinste in Süd-Afrika, der in einem tiefen,
etwa hundert Meter langen und etwa über fünfzig Meter breiten
Felsenloche liegt; fünf Meter vom Ufer betrug die Wassertiefe circa
zweiundvierzig Meter. Laut Angabe des Farm-Eigenthümers stand das Wasser
in der Regenzeit bis zu 1½ Meter höher; derselbe glaubte auch, daß der
See mit dem nahe vorbeifließenden, doch tiefer liegenden Molapo
communicire. Ich denke, daß die unteren Felsen aus dem harten grauen
Kalkstein bestehen und der kleine Felsensee am Grunde zahlreiche Grotten
und Höhlen besitze und auch aus diesen gespeist wird. Die steilen
Felsenwände waren von hellrostbraunen großen Klippschliefern,
Felsentauben, Staaren und zahlreichen Bienen bevölkert. Herr Joubert
bereicherte meine Jagdnotizen mit mehreren sehr interessanten
Jagdbegebenheiten, darunter drei Löwenjagden. In früheren Zeiten
schienen Löwen, namentlich die mähnenlose Art sich äußerst zahlreich am
Molapo aufgehalten zu haben. Herr Joubert sowie andere Farmer des
Molapo-Thales klagten über die Krebsschäden der Transvaal-Republik und
gaben mir mit Joubert, dem Feldcornet an der Spitze, die Vollmacht, bei
der englischen Regierung die Annexion des Molapo-Thales zu beantragen.
Sie klagten namentlich über die willkürliche Handhabung der Gesetze,
sowie, daß die Republik sie gegen die Barolongen nicht zu schützen
vermöge, nachdem sie zuvor Concessionen zum Farmankauf und zum Ankauf
von Landgebieten ertheile, welche nicht ihr, sondern den Barolongen
angehören.
Am 30. aufbrechend, gelangte ich nach einer kurzen Fahrt zu der von
mehreren Familien bewohnten Farm Rietvley, spät Nachmittags nach
Poolfontein. Früher eine Farm, ist es jetzt eine Niederlassung von
Barolongen unter dem Häuptling Matlabe; der Stamm wurde aus der Umgegend
von Potschefstroom hieher angesiedelt. Hier war auch Herr Hansen als
Mitglied der Hermannsburger Mission thätig, doch gehörte der größte
Theil der Bevölkerung dem wesleyanischen Bekenntniß an. Eine in dieser
Gegend zu Tage kommende Quelle entspringt aus einem der tiefen Löcher
des harten grauen Kalksteines, in der Umgegend stieß ich auch auf einen
tiefen kleinen Felsenweiher, der sich durch eine schwimmende Grasinsel
auszeichnete.