Mädchengesicht; er war sehr zuvorkommend und hatte meiner Ansicht nach
nur den einen Fehler, daß er um jeden Preis ein Gordon Cumming werden
wollte. Auf einer Löwenjagd hätte er um ein Haar sein Leben eingebüßt;
so jung er auch war, hatte er bereits zwei Löwen erlegt, ich fand nun
seine Eile erklärlich, den dritten hinzuzufügen. Außer dem Häuptling
waren etwa 170 Eingeborene anwesend, davon jedoch nur vier mit Gewehren
bewaffnet. Später hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, daß die Marutse
nur in Fällen, wenn der Löwe ihnen einen Schaden zugefügt hat, mit
einigem Muth auf denselben losgehen. Als ich nach einer halben Stunde um
die Lagune bog, kam mir der ganze Troß entgegen, man folgte eben der
größten der vier Löwenspuren, nachdem man noch zuvor die Hirten über den
Vorgang befragt und den Thatbestand bis in's kleinste Detail aufgenommen
hatte. Da man es für unmöglich hielt, daß sich die Löwen so nahe an die
Stadt wagen würden, wurden die königlichen Heerden auch in der Nacht auf
einer freien Stelle gehalten, während die Hirten in kleinen
gebrechlichen Grashütten schliefen.
Nachdem wir uns dem Zuge angeschlossen hatten, brach der ganze Haufe
auf, einige Eingeborene, welche von zwei Hunden unterstützt wurden,
verfolgten die Spur der Raubthiere. Dann kam Marancian in unserer
Begleitung und hinter uns wälzte sich laut schreiend und gesticulirend
der übrige Troß. Lange konnten wir indeß diese Marschordnung nicht
beibehalten, sie war nur in unbebuschten Partien möglich, doch als die
Spur durch Dorndickichte führte, durch welche kaum die Hunde
durchschlüpfen konnten, suchte sich jeder durchzuarbeiten, so gut er
konnte, dabei war es schwer möglich, sich schußbereit zu halten; noch
unangenehmer war unsere Lage dort, wo die Spur durch ausgetrocknete,
hochbeschilfte Vertiefungen führte. Indem wir nicht sofort des Thieres
ansichtig wurden, sondern es erst nach einer mehr denn einstündigen
Verfolgung erblickten, wuchs der Muth unserer schwarzen Begleiter, da
sie der Meinung waren, daß der Löwe seiner Schuld bewußt, auf voller
Flucht begriffen sei. Wir waren eben aus einer solchen Vertiefung auf
eine mit Dornenbüschen bewachsene Düne gelangt, als die Hunde wüthend
gegen eine zweite, unseren Weg kreuzende und in die erstgenannte
einmündende beschilfte, etwa drei Meter tiefe und acht Meter breite
Einsenkung lossprangen. Die Fährte war hier so frisch, daß das Raubthier
sich eben verborgen haben mußte. Hier ließen wir den Troß der
Eingebornen zurück und forderten sie auf, möglichst viel Lärm zu machen;
ich umging die Terrainmulde an ihrem Beginne und stellte mich am
gegenüberliegenden Rande schußbereit auf, während mein Begleiter seine
Hunde in das Röhricht hetzte. Mehrere Eingeborne, darunter auch
Marancian, hatten sich indeß zu mir gesellt.
Das Gebell der Hunde belehrte uns bald, daß das Raubthier uns umgangen
und in unserem Rücken Posto gefaßt hatte. Da wir von dieser Seite dem
Thiere nicht beikommen konnten, hoffte ich es von dem gegenüber und
tiefer liegenden Rande des Röhrichtes zu erblicken und stieg deshalb
nach abwärts, um es zu durchschreiten, wobei mir auch der ganze Schwarm
der Schwarzen folgte. Wir standen nun etwa hundert Mann an der
bezeichneten Stelle und suchten vergebens das Raubthier. Cowley hatte
sich am linken Flügel aufgestellt, ich wählte mir die zum Schusse
geeignetste Stelle, und zwar dem vermeintlichen Verstecke gegenüber. Da
jedoch weder Schreien, noch das Werfen von Holzstücken und Assagaien
irgend welchen Erfolg hatte, so ließ ich die noch immer nachströmenden
Schwarzen die von mir erst wenige Augenblicke zuvor eingenommene Stelle,
wo ich von dem Löwen umgangen worden war, dicht besetzen und mit ihren
langgestielten Assagaien das Dickicht durchwühlen. Es war ein
Höllenlärm, alle schrieen aus Leibeskräften und hielten ihre Wurfspeere
zum Gebrauche bereit. Marancian stand etwa zwanzig Schritte vor mir, von
seinen mit Gewehren bewaffneten Unterthanen umgeben. Je länger das Thier
in seinem Verstecke verharrte, desto mehr wuchs der Muth der Angreifer.
Plötzlich, wie das Aufleuchten eines Blitzes, wirft sich eine Löwin mit
einem Satze aus dem Gebüsch in das Schilfdickicht vor uns und bevor noch
die Wurfgeschosse sie erreichen konnten, erfolgte ein zweiter Satz, mit
welchem die Löwin laut aufbrüllend fünfzehn Schritte rechts von mir
mitten in die Doppelreihe der schwarzen Jäger sprang. Leider war es mir
in diesem sonst günstigen Momente des dichten sich zwischen mir und dem
Thiere befindlichen Menschenknäuels halber nicht möglich, das
Gewehr abzufeuern. Die Löwin hatte die Menschen nieder- und
auseinandergeworfen, ohne sie arg verletzt zu haben und war dann mit
einem dritten Satze in einem überaus dichten, zwei Schritte hinter uns
beginnenden, an zwölf Fuß hohem Dickichte verschwunden. Sofort wandten
wir uns alle dem neuen Schlupfwinkel der Löwin zu. Marancian befahl
seinen Leuten, das Schilfrohr niederzubrechen und das Raubthier nach der
entgegengesetzten Seite zu drängen. Was uns alle befremdete, war das
Verstummen der Hunde, sie waren inzwischen in das Dickicht eingedrungen
und erst, als sich die Leute an das Brechen des Schilfrohres machten,
hörten wir ihr von der Wiese herüberschallendes Gekläffe.
Wir eilten so schnell, als uns unsere Füße nur trugen, auf die Wiese und
sahen die Löwin in weiten Sätzen dahinjagen und die Hunde unmittelbar
auf ihren Fersen. Ich sah meinem armen Freunde den Verdruß an, seine
früher eingenommene Stelle verlassen zu haben. Die Scene, die nun
folgte, wäre wohl des Griffels eines Künstlers werth gewesen.
Vergegenwärtigen wir uns eine nach Südwest und West von
Schilfrohr-Dickichten, nach Norden von einem Gebüsch umsäumte, an 800
Meter lange und 600 bis 700 Meter breite, hochbegraste Wiesenfläche. Auf
dieser als den vordersten Gegenstand der sich dahinbewegenden Gruppe die
gelbliche, sich momentan über das hohe Gras emporschnellende Gestalt der
flüchtenden Löwin, dann die kleineren, jedoch nur seltener sichtbaren
der Hunde und dann der gesammte Troß der Verfolger, an zweihundert
dunkle Menschengestalten, die einen trabend, die letzten raschen
Schrittes folgend, die vordersten jedoch einander in schnellem Laufe
überbietend. Die meisten bis auf die rothen, weißen, carrirten oder
ledernen, braunen Schürzen, vollkommen entblößt, nur wenige mit über die
Schulter geworfenen Karoßmäntelchen, die bei dem raschen Laufe und den
hohen Sprüngen lustig im Winde flatterten. Die Einen schwingen die
langen Waffen, die Anderen haben ihre Speere geschultert, und während
die vorderste durch die Flucht der Löwin ermuthigte Schaar lautgellende
Schreie ausstößt, beginnt die Nachhut die Melodie zum Löwentanz. Etwa
800 Meter von ihrem letzten Schlupfwinkel nahm die Löwin abermals in
einem Schilfrohr-Dickicht von dreieckiger Form, im Umfange von siebzig
Metern, ihre Zuflucht. Dieses Dickicht war an seiner nördlichen, langen
Seite von einer zehn Fuß hohen, bebuschten Sanddüne begrenzt. Marancian
faßte mit seinem Stabe von etwa sechzig Schwarzen circa acht Meter vor
dem Röhricht Posto; ich etwa fünf Meter der Basis des schilfigen
Dreieckes gegenüber (an seinem Ostrande). Cowley stand etwa dreißig
Schritte hinter mir und hinter einem Busche auf der Düne, da er sich
dachte, daß die Löwin von unten gedrängt, nach aufwärts längs der Düne
zu entkommen trachten werde. Etwa zehn Eingeborne hatten sich zu meiner
Seite postirt. Nun folgte die vielleicht interessanteste Episode dieses
Abenteuers. Von Marancian theils durch Worte aufgemuntert, theils auch
fühlbar mit seinem langen Stabe dazu angespornt, begannen die meisten
der Jäger von seiner Seite her das Schilfrohr in der Mitte seiner Höhe
zu brechen und sich darauf zu schwingen. Das Schilfdickicht vor mir
verwandelte sich nach und nach in eine schwankende, dunkelgrüne,
prasselnde, vier Fuß hohe Gerüstdecke, auf der sich vierzig schwarze
Gehalten in einer so eigenthümlichen Weise herumtummelten, daß man trotz
des Ernstes der Situation das Lachen nicht unterdrücken konnte. Dabei
wurde geschrieen und mit der freien Hand gesticulirt, daß man eine
Schlachtscene vor sich zu sehen glauben konnte. Bei allen den Bewegungen
war es jedoch für die Leute äußerst schwierig, das Gleichgewicht auf der
schwankenden Rohrdecke zu behaupten, hier fiel einer der Länge nach
kopfüber, dort zwei nach rückwärts.
Die Scene änderte sich jeden Augenblick. Man hatte von der Spitze des
Dreieckes begonnen und arbeitete gegen seine Basis, gegen uns zu, und
hatte so allmälig das ganze Dickicht bis auf eine kleine Ecke
(Dünenecke) niedergebrochen; die Löwin war unstreitig immer mehr
zurückgewichen und wir mußten sie jeden Augenblick hervorstürzen sehen.
Um so gespannter und aufgeregter schien alles, nur Marancian nicht, der
noch immer auf seinem Platze in aller Gemüthsruhe saß. Plötzlich
erschallt ein zorniges Brummen und aus dem noch ungebrochenem Schilfe
stürzt die Löwin auf ihre Angreifer hervor. Von diesen feuert einer
einen Schuß ab, die Kugel schlägt in den Sand zwischen die Leute zu
meiner Rechten ein, die meisten der Braven auf der schwankenden Decke
fallen aus Bestürzung zurück, ein guter Theil wird unsichtbar, von den
Hintersten werfen einige die mächtigen Wurfspeere auf das Thier, welches
nach dem Ausfalle sofort wieder in seinen Schlupfwinkel zurückkehrt und
sich hier niederkauert, um einen rettenden Sprung auf die Düne zu wagen.
In diesem Momente den Kopf des Thieres erblickend, springe ich heran und
feuere aus einer Entfernung von zwei Metern, drei Speere fallen zu
gleicher Zeit in das Dickicht ein und treffen das Raubthier, dessen
Brummen aufgehört hat. Das Thier war todt, doch um sicherer zu sein,
feuern ich und Cowley zu gleicher Zeit und zwanzig Speere senken sich
noch überdies in den Körper der Löwin, bevor man sie herauszog. Nun kam
jeder der Schwarzen herbei und einen Spruch murmelnd bohrte er seinen
Assagai in den Leib des Thieres. Da die Löwen des Königs Ochsen getödtet
hatten, mußte der Schädel des Thieres als ein Beschwörungsmittel dienen
und über dem Viehkraal in Schescheke aufgehangen werden.
Ich kehrte mit Cowley heim, während unsere Trophäe am Nachmittage unter
Sang und Klang zur Stadt gebracht wurde. Vier kräftige Männer trugen an
zwei Pfählen (die Vorder- und Hintertatzen des Thieres waren
zusammengebunden worden) die Löwin, so daß ihr Kopf beinahe auf der Erde
schleifte. Bei ihrer Annäherung -- es war beinahe um dieselbe Zeit, als
meine Diener mit dem Büffelfleisch heimkehrten -- zog ihnen der Rest der
männlichen Bevölkerung entgegen. Man musizirte auf der schon erwähnten
Löwentrommel und führte dabei den Löwentanz auf. Die Menge ordnete sich
hierbei in zwei Gruppen, die Träger der Beute und die Jäger. Diese
wurden von dem Würdenträger, der den Kampf geleitet, eröffnet; ihm
folgten diejenigen Jäger, die dem Thiere am nächsten gestanden hatten,
während sich in der Mitte der Menge der Musiker, ein Tambour, befand.
Die Tänzer bildeten plötzlich aus der Gruppe nach rechts, links und
vorne hinausrennende, mit Schild und Speer den Löwenkampf
versinnlichende Jäger, die den regsten Antheil an der Jagd genommen
hatten. Der Gesang der zweiten oder tanzenden Gruppe, der von der
vorderen beantwortet wird, ist nicht so monoton wie bei anderen
Gelegenheiten, wird jedoch durch die Töne des Instruments, die ihn
begleiten, sehr verunglimpft.
[Illustration: Maschukulumbe an Sepopo's Hofe.]
Als der Körper des Thieres unter den beiden Mimosen niedergelegt wurde,
untersuchten ich und Cowley die Wunden und fanden, daß mein erster Schuß
die linke Schädelhälfte der Länge nach durchbohrt hatte. Nach dem
Schusse lag die Löwin auf der Erde und von ihrem Gesichte war nur ein
kleiner Theil unter den Augen sichtbar geworden. Dorthin drang meine
zweite und auch Cowley's Kugel ein; ich fand sie in dem zerschmetterten
zweiten Halswirbel, während sich die kleine Bleipille meines Freundes an
den scharfen unteren Schädelknochen in Atome zersplittert hatte.
Mit der Aufzeichnung dieser Löwenjagd war auch das mir von Westbeech
geschenkte und aus seinem Tagebuche geschnittene Papier, das letzte,
dessen ich überhaupt habhaft werden konnte, ausgegangen, ich nahm nun
meine Zeitungen, die ich in Schoschong erhalten und zwischen denen ich
Pflanzen zu pressen pflegte, zu Hilfe, schnitt die freien Ränder ab und
klebte sie mit dem Gummi der Mimosen zu Blättern zusammen.
Am nächsten Tage beehrte mich Marancian mit seinem Besuche und wir
sprachen mit W. über die Barotse, das Mutterland der Marutse. Marancian
meinte, ich würde, da ich Alles unter den Leuten in Schescheke so
beobachte und Häuser und all' die Dinge in mein ^lungalo^ (Buch)
eintrage, weit schönere Bauten und Dinge in den Städten der Barotse
sehen und er machte mich namentlich auf die Denkmäler der Könige
aufmerksam. Mich freute diese neue Aufmunterung zur Reise nach dem schon
von Westbeech, dann eingehend vom Könige, von den Häuptlingen Rattau,
Ramakocan, den Königinnen, Moquai und den Portugiesen besprochenen
Lande. So kamen wir auch auf des Königs verstorbenen Thronfolger
Maritella zu sprechen. Nach seinem Tode ließ der König das zur Stadt und
ihrer Umgebung gehörende Vieh auf dem Grabe zusammentreiben und hier
mehrere Stunden stehen, bis die Thiere durstig und hungrig geworden,
Ihren Unmuth durch Gebrülle kundgaben. »Seht,« sprach der Herrscher,
»auch die Thiere trauern um Maritella, mein Kind.«
An diesem Tage kehrte der König mit seinen Leuten von der großen
Elephantenjagd zurück. Er war höchst unmuthig und mit dem Erfolge
derselben in jeder Beziehung unzufrieden. Am 2. hatte man in den Sümpfen
in der Nähe von Impalera über hundert Elephanten getroffen, jedoch nur
vier davon erlegt. Nicht weniger als zehntausend Schüsse waren gegen die
Thiere abgefeuert worden. Am Abend sah ich bei dem König die erbeuteten
Hauer. Zwei à 60, sechs zwischen 25 und 30 Pfund Gewicht, vier kleine
Kuhhauer und vier werthlose Zähne junger Thiere. Dabei waren die zwei
größten durch die Kugeln arg beschädigt worden.
In der letzten Zeit war es in Schescheke recht empfindlich warm
geworden, so daß man durchaus nicht mehr eine Jacke am Körper ertragen
konnte. Um so schwüler war es in meiner fensterlosen Grashütte und
wahrhaft unerträglich, wenn die über einen Fuß starke, nasse Graslage,
die auf dem Schilfrohrgerippe lag, auszudünsten begann.
Am 7. machte ich einen abermaligen Ausflug, diesmal nach Nordost, es war
die längste Fußreise, die ich je zu Stande gebracht, etwa 52 englische
Meilen. Schon etwa um zwei Uhr hatte ich Schescheke verlassen,
durchschritt den westlichen Theil von Blockley's Kraal bis an den
Kaschteja hin und verfolgte dann den Fluß aufwärts, indem ich vergeblich
eine passende Uebergangsstelle suchte. Das Thal am unteren Laufe des
eben genannten und schon mehrmals erwähnten linken Zambesi-Zuflusses ist
flach, wiesig, von Niederwald umsäumt. Bis zum Kaschteja trafen wir
Zebras, gestreifte Gnu's, Letschwe- und Puku-Antilopen, Rietbock- und
Steinbock-Gazellen, im Thale des Kaschteja den Orbecky und Rietbock in
Heerden, eine Erscheinung, die weder ich noch ein anderer Jäger zuvor
beobachtet hatte.
Die englischen Offiziere wollten am 8., höchst unzufrieden mit dem
Aufenthalte in Schescheke, die Stadt verlassen, doch sie waren nicht im
Stande, Kähne von Sepopo zu erhalten, um nach dem Tschobethal und Panda
ma Tenka zurückkehren zu können. Auch am 9. schlug Sepopo ihre
abermalige Bitte ab. Heute kehrte auch Blockley von Panda ma Tenka mit
einer größeren Anzahl von Gewehren zurück; ich war froh, den
freundlichen Mann, der mir so viele Dienstleistungen erwiesen,
wiederzusehen, und machte mit ihm einen Besuch beim Könige, der mich
wahrhaft beglückte, denn nunmehr sollte mein längst gehegter Wunsch in
Erfüllung gehen. Der König war gesonnen, das mir gegebene Versprechen
baldigst zu erfüllen. Er theilte uns mit, daß in nächster Zeit die von
der Barotse zu Besuche gekommenen Königinnen sowie Moquai nach dem
letzteren Lande zurückkehren würden, und daß ich in ihrer Gesellschaft
reisen solle; ich konnte keine einflußreicheren Begleiter als jene von
den Völkern so hochgeehrten Frauen haben.
Als ich gegen Mittag Sepopo zum zweiten Male besuchte, fand ich sein
Gehöft mit Menschen gefüllt und als ich in das Haus eintrat, fragte mich
der König, ob ich schon Maschukulumbe gesehen hätte, da ich es
verneinte, nahm er mich bei der Hand, führte mich vor sechs auf der Erde
hockende Menschen, die mir fremd und einer eingehenderen Betrachtung
werth schienen. Sie waren von schwärzlicher Hautfarbe und hatten alle
einen weiblichen Zug in ihrem Gesichte, die meisten eine Adlernase.
Jener Zug rührte von der Bartlosigkeit der Gesichter, sowie davon her,
daß ihre Oberlippe stark eingefallen war. Eine weitere Eigentümlichkeit
der fremden Besucher war, daß sie mit Ausnahme ihres Scheitels alle
behaarten Theile an ihrem Körper rasirt hatten, besonders auffallend war
aber die Haarfrisur, welche sich auf ihrem Scheitel auftürmte. Sepopo
berichtete mir, daß es Maschukulumbe seien, welche nach Osten und Norden
die Grenznachbarn seines Reiches bilden. Vom Könige und mehreren
Häuptlingen befragt, berichteten sie, daß die Stämme der Maschukulumbe
unter folgenden Fürsten leben. Sialoba, Mokobela, Kajila, Wuengwa,
Kasenga, Kaingo, Musanana, Similindi, Kasamo, Kanjambo und Nadschindu.
Die Anwesenden waren Abgesandte, welche alljährlich mit Geschenken zur
Begrüßung des Herrschers an den Marutse-Hof kommen und nach einigen
Wochen mit Gegengeschenken heimkehren. In ihrem Lande gehen sie
vollkommen nackt einher, nur die Frauen pflegen sich Eisenglöckchen an
einem Riemen um den Leib zu hängen. Der Stolz der Maschukulumbe ist ihr
Haar, es ist auch in der That sehenswerth. Auf der Höhe des Scheitels,
fest mit dem Kopfe zusammenhängend, ruht ein kegel- oder
kegelstutzförmiger, aus mehreren Lagen aufgebauter Chignon. Die einen
Lagen sind aus horizontalen, die anderen aus verticalen, bei einem
zweiten aus sich kreuzenden, bei dem anderen wiederum aus parallel
laufenden, kunstvoll geflochtenen Zöpfchen gebildet und mit einer
Gummilösung durchtränkt, so daß das Ganze als ein aus dem Haare des
Trägers allein bereiteter Bau angesehen werden könnte; doch dem ist
nicht so. Periodisch schabt der Maschukulumbe bis auf eine kreisrunde,
bis fünfunddreißig Zentimeter im Umfange messende Cranium-Fläche das
wollige Haar von seinem Körper ab. Auf die am Scheitel stehenbleibende
Wolle wird nun der thurmartige Chignon aufgebaut; das durch das
periodische Abschaben gewonnene Haar wird aufbewahrt, bis eine
hinreichende Menge zur Verfügung steht; um diese jedoch in möglichst
kurzer Zeit zu erlangen, erlaubt sich der Gemahl auch den Kopf etc.
seiner Frauen, seiner Sklaven und die Köpfe aller der im Kriege
erschlagenen Feinde abzuschaben, und das so gewonnene, für den
Maschukulumbe unschätzbare Material mit Hilfe von Gummi mit seinem
Eigenen zu verbinden, und dann in kleine Zöpfchen zu flechten. Die
längste dieser Frisuren endete in einen 1.03 Meter langen Schweif. Sie
war nach rechts geneigt, beugte sich der Mann nach vorne, so senkte sich
auch der ganze Haarthurm. Diese Frisur hatte einen Umfang von
sechsunddreißig Zentimeter, die anderen waren zwanzig bis dreißig
Zentimeter hoch. Die Temporalmuskeln waren zu fingerdicken Strängen
entwickelt, nur dadurch konnte der Kopf auch die große Last auf dem
Cranium tragen. Die eingesunkenen Oberlippen waren durch das Aussprengen
der oberen Schneidezähne bedingt, welcher Proceß bei den Maschukulumbe
ähnlich wie die Boguera bei den Betschuana's zur Zeit ihrer Mannbarkeit
oder vor derselben, also in der Abhärtungsperiode des Knaben vorgenommen
wird. In ähnlicher Weise brechen sich ein nördlich vom Zambesi wohnender
Makalakastamm und die an seinen beiden Ufern wohnenden Matonga's die
oberen mittleren Schneidezähne und thun dies aus einem Motiv der
Eitelkeit. Die Matonga-Frauen sind der Ansicht, daß nur Pferde mit allen
Zähnen fressen, die Männer jedoch sollen kein Pferdegebiß haben.
Der König war an diesem Tage mit den Seinen beschäftigt, aus den
Blattrippen der Saropalme ein Musikinstrument zu schneiden, die concave
Fläche desselben wurde mit Ausnahme der Enden tief ausgefurcht und an
der convexen, rückwärtigen Außenfläche zahlreiche zwei bis drei
Millimeter breite seichte Furchen eingeschnitten, das Instrument wurde
dann beim Elephantentanze mit einem Stäbchen gestrichen.
Westbeech, Dorehill und Cowley verließen am 10. Schescheke, um nach
Panda ma Tenka zu gehen, während sich Sepopo noch immer weigerte, den
beiden englischen Officieren, welche sehnlichst abzureisen wünschten,
Kähne zur Verfügung zu stellen. Am 11. zog der König, von einem Haufen
seiner Unterthanen begleitet, durch die Stadt und führte laut singend
den Mokoro- oder Bootstanz auf. Unter den Klängen der Schiffermelodie
wurde eine Bootfahrt versinnlicht. Der Vortänzer, hier der König, machte
die Gesten des Bugruderers, der ihm folgende Schwarm, etwa siebzig
seiner Unterthanen ahmten die Backbordmänner nach. Da ich die Hoffnung
nicht aufgab, Sepopo werde die englischen Offiziere ziehen lassen,
arbeitete ich neue Feuilletons für englische und heimische Blätter aus
und übergab ihnen dieselben sowie meine Correspondenz zur freundlichen
Weiterbeförderung. Sie waren schon im Begriffe in die Boote zu steigen,
als sie abermals von Sepopo zurückgehalten wurden; endlich gab er nach.
Da waren es aber die von den Engländern gemieteten Diener, welche sich
die unfreundliche Behandlungsweise ihres Königs zum Muster nehmend,
nicht minder unverschämt betrugen. Durch meine Intervention gelang es
indeß, auch diese zur Vernunft zu bringen und den Officieren die Abreise
zu ermöglichen. In den letzten Tagen hatte sich eine der Sommerplagen
von Schescheke, die Mosquito's, recht bemerkbar gemacht und ließen mich
kaum zur Ruhe kommen.
Am 16. wurde abermals von den Marutse des notwendigen Köders halber eine
Hetzjagd auf einen Hund unternommen, da eine Frau beim Baden wieder von
den Krokodilen getödtet wurde. Auf meinem Rundgange durch die Stadt kam
ich eben dazu, als ein Menschenschwarm nach dem Flusse hinstürzte;
demselben folgend kam ich zu den zwei Mimosen, in deren Nähe eben zwei
riesige Krokodile an's Land gezogen wurden.
Seit einigen Tagen fiel jeden Nachmittag Regen und am frühen Morgen so
reichlicher Thau, daß ein Ausgang vor zehn Uhr ein Morgenbad genannt
werden konnte. In den meisten Partien war das Gras drei Fuß hoch.
[Illustration: Sepopo's Arzt.]
Am 20. machte ich wieder einen Ausflug nach Nordost und schoß eine
Steinbock-Gazelle, dabei war meine Ausbeute an Coleoptera äußerst reich.
Am folgenden Tage machte ich einen größeren Ausflug nach Norden. Ich
verließ Schescheke noch vor Tagesgrauen und kehrte gegen sechs Uhr
Abends heim. Trotz des starken Thaues und der sonstigen Mühen fühlte ich
mich durch neue Beobachtungen und die gewonnene Beute reichlich
entlohnt. Ich fand manche Theile des Waldes mit einem hohen
umfangreichen Busch, der von Tausenden großer weißer Blüthen bedeckt
war, dicht bestanden. Diese Blüthen dufteten so herrlich, daß die Luft
im Walde von einem starken, förmlich berauschenden Wohlgeruche
geschwängert war. Auf einer der tief im Walde liegenden Lichtungen fand
ich zwei zuvor noch nicht beobachtete Lilien, die eine zeigte eine
schöne violette Blüthe; an der zweiten fand ich einen ockergelben
Blattkäfer, an den jungen Trieben des Mutsetlabusches eine zweite
rothblaugestreifte und zwei mir noch neue Rüsselkäfer-Arten. Am Heimwege
erhaschte ich an zwei weißblühenden Büschen drei Arten kleiner
Rosenkäfer und in einer ausgetrocknete hochbegrasten Bodeneinsenkung,
die auf meiner zweiten Reise erwähnte, im Lande Seschele's angetroffene
^Litta Spec^.
[Illustration: Mabunda. Makololo.]
Abends erschien der König in unserem Gehöfte und lud mich und Walsh auf
einen Becher Honigbier ein; während des Nachtmahls fertigte der König
einen Proceß ab. In der Stadt hatte eine Schlägerei (ein sehr seltenes
Ereigniß) stattgefunden, und ein Mann war dabei von seinen Genossen mit
dem Widerhaken eines Assagai verwundet worden. Sepopo verurtheilte die
Leute zur Zahlung eines Schmerzengeldes und als die Schuldigen (es waren
Makalaka's, welche am Kaschteja wohnen) ihre Insolvenz betheuerten,
befahl er ihnen, dem Verwundeten eines ihrer Rinder zu geben, und durch
zwei Monate in den königlichen Feldern den Königinnen bei der Ausübung
ihrer Arbeiten behilflich zu sein. Am 23. kehrte Bauren über Impalera
von Panda ma Tenka nach Schescheke zurück. Er berichtete, daß mein
früherer Diener Pit von einem Büffel verwundet worden war und daß
Westbeech auf seinem Wege nach Impalera einen Büffel erlegt habe. In
Folge der letzten Regen hatten sich die Lachen und Senken in den
Gehölzen gefüllt und das Wild sich von der am Zambesi anliegenden
Wildebene Blockleyskraal in den Wald zurückgezogen. Am Nachmittage
untersuchte ich die beiden Fischspecies Tschi-Mo und Tschi-Maschona,
doch sollte ich den Tag nicht beschließen, ohne noch Zeuge einer
unerquicklichen und bedauernswerten Scene zu sein, durch die ich die der
Königin Moquai gezollte Achtung bedeutend geschmälert sah.
Da ich mich am 24. auf eine Büffeljagd begeben wollte, zog ich mich
etwas zeitlicher in meine Hütte zurück. Es mochte etwa neun Uhr Abends
sein, als ich ein lautes Weinen vom Flusse her vernahm. Anfangs achtete
ich nicht darauf, doch bald wurde dasselbe von einem dumpfen Gebrause
menschlicher Stimmen übertönt und erweckte meine Neugierde. Narri, einer
meiner Diener, den ich abgesendet, um mich über die Ursache dieser
Bewegung aufklären zu lassen, stürzte wenige Minuten später ganz außer
Athem zu mir und berichtete, daß die Königin Moquai eben eine ihrer
Dienerinnen ertränken lasse. Ich konnte eine solche Handlungsweise von
Moquai nicht glauben und eilte zum Flusse, um mich zu überzeugen.
Mehrere Gruppen von zankenden und schreienden aber auch lachenden
Menschen belagerten das Ufer, an welches man eben einen anscheinend
leblosen Körper einer Sklavin trug. Auf dem Wege nach Moquai's Wohnung,
wohin man diese weiter schleppte, erfuhr ich auch den Sachverhalt. Das
vor uns liegende Mädchen, das indessen wieder ihr Bewußtsein erlangt
hatte, war eine Dienerin (Sklavin) Moquai's. Tags zuvor hatte Moquai der
Dienerin bekannt gemacht, daß sie ihr einen Mann, einen Mabunda, einen
häßlichen Holzschneider, zum Gemahl bestimmt habe. Als Zeichen ihrer
Unterwürfigkeit kreuzte die Sklavin ihre Hände über der Brust, doch
brach sie im selben Momente in ein lautes Schluchzen aus, ein deutlicher
Beweis, wie sehr ihre Gefühle der aufgedrungenen Wahl wiederstrebten.
Darüber wurde die Königin so unwillig, daß sie ihre Magd sofort entließ.
Moquai, die etwas Aehnliches noch nicht zuvor beobachtet, berief das
Mädchen noch einmal vor sich. Als die Königin ihren Befehl wiederholte,
wagte es die Sklavin zu widersprechen. Sie wollte ihrer Herrin treu
dienen, von dem ihr aufgedrungenen Alten jedoch nichts wissen. Moquai
fühlte sich durch diesen Widerstand beleidigt und erzürnt und ließ den
Bräutigam rufen und bedeutete ihm, in der Stille der Nacht seine Braut
an den Strom zu führen und sie so lange unter Wasser zu halten, bis sie
beinahe erschöpft sei, sie dann herauszuziehen und im bewußtlosen
Zustande in seine Hütte zu bringen, damit sie aus ihrem Todesschlummer
als eine Mosari (eine verheiratete Frau) erwache.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als am nächsten Morgen Gesang und
Trommelschlag aus Moquai's Gehöfte an mein Ohr schlugen. Vor der Hütte
der Neuvermählten wurde der Hochzeitstanz aufgeführt. Ich sah zehn
Männer, welche die Füße hoch emporhebend, sich langsam gehend und
gleichzeitig vorwärts bewegend, eine elyptische Bahn beschrieben. In der
Mitte der Tanzenden stand ein schreiender Sänger, der sich in
entgegengesetzter Richtung drehte und mit einem Laubzweige den Tact
angab. Die Tänzer waren sämmtlich mit Schürzen aus rauhgargearbeiteten
Thierfellen bekleidet (meist Thari- und grauen Fuchsfellen). Manche
hatten ihre Waden mit drei bis vier Reihen angefädelter, aus
Fruchtschalen verfertigter Schellen behangen. Der Gesang des in der
Mitte Hüpfenden wurde vom Schlage zweier Langtrommeln begleitet, vier
andere Tänzer hockten auf der Erde, um die müde gewordenen abzulösen.
Unter den Tanzenden drehten sich auch zwei kaum zehnjährige Knaben;
später gesellten sich zahlreiche Vorübergehende hinzu; namentlich um
sich nach dem Tanze an dem Kafirkornbier gütlich zu thun, das die
Königin gespendet. Der Tanz dauerte nicht weniger als drei Tage.
Zuweilen wiederholt der Kreis den Gesang im Chore, zog die Schultern an
einander und führte in demselben Momente eine rasche Vorwärtsbewegung
aus.
Als ich am Nachmittage von einem Ausfluge in das westliche Gehölz
heimkehrte, lenkte ich meine Schritte nach der Hütte der Neuvermählten.
Die Hütten der Leibeigenen ringsum waren im freudigsten Aufruhr; Alles
lachte und scherzte und überall saßen und lagen Gruppen um die gefüllten
Butschualatöpfe; der Trommelschlag rief viele Neugierige herbei, Alles
war lustig und fröhlich, nur Eine, die Hauptperson schien wenig von
alldem zu sehen und zu hören, den Kopf auf ihre Hände gestützt, saß sie
auf der Erde vor ihrer Hütte; ihre Züge waren starr und das Auge blickte
stier auf den nächsten Hüttenzaun.
Am 25. überraschte uns Sepopo und Moquai mit einer Serenade, der erstere
hatte sechs, die letztere zwei Musikanten, zwei Myrimbas
(Kürbisschalenpianos), und vier Morupas (Röhrentrommeln) im Gefolge; um
den König nicht zu beleidigen, blieb ich den ganzen Tag daheim. Gegen
Mittag des 26. kam Westbeech von Panda ma Tenka mit Gewehren für den
König, auch erschienen zwei Portugiesen in Schescheke, von denen einer,
obgleich sie sich beide Señhores nannten, so schwarz wie ein Mambari
war, diesen Beinamen jedoch mit Verachtung zurückwies. Francis Roquette
hieß der eine, und hatte nebst dunklen Frauen zwanzig Diener. Diese
zeichneten sich dadurch aus, daß sie bis auf einen, einem Helmkamm
gleichenden Haarkamm ihre Wolle vom Kopfe abgeschabt hatten. Am 27.
beendeten meine Diener die ihnen aus Segeltuch zugeschnittenen
Segeltuchsäcke, in denen mein Gepäck auf der Weiterreise befördert
werden sollte. An diesem Tage wurde auch das im europäischen Style
errichtete Berathungshaus fertig und die bisher in einem der königlichen
Häuser aufbewahrten Kriegstrommeln darin untergebracht. Da ich deutlich
sehen konnte, daß sich die Königinnen zum Aufbruch nach der Barotse
rüsteten, traf auch ich meine Vorbereitungen, um jeden Augenblick
abreisen zu können. Die beiden Portugiesen kamen vom Norden aus einem
der Maschukulumbe-Länder, in welchen sie den größten Theil ihrer Waaren
für Elfenbein ausgetauscht hatten, während sie den Rest derselben,
Feuerstein-Musketen, grobes Schießpulver in Fäßchen, Blei, Eisenkugeln
und Kattun nach Schescheke brachten. Am 1. December 1875 ging endlich
mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung, ich konnte die Weiterreise
stromaufwärts antreten.
X.
Den Zambesi aufwärts.
Aufbruch von Schescheke. -- Die Flottille der Königinnen. -- Erstes
Nachtlager. -- Marutse-Typen. -- Mankoë. -- Fruchtbarkeit des
Zambesi-Thales. -- Die Stromschnellen an centralen Zambesi. -- Die
Mutschila-Aumsinga-Stromschnellen. -- Schiffbruch in denselben. -- Sioma
von Löwen belagert. -- Vom Fieber besinnungslos niedergeworfen. --
Rückkehr nach Schescheke.
[Illustration: Mankoë.]
Am Morgen des 1. December 1875 besuchte mich ein Marutse-Unterhäuptling
und lud mich ein ihm zu folgen. Am Ufer des Zambesi angelangt, fand ich
drei für mich bestimmte königliche Kähne, die indeß kaum für den
Transport meines Gepäcks hinreichten, weshalb ich um einen vierten
ersuchte, wobei meine Diener noch immer zu Lande am Ufer folgen mußten.
Gegen Mittag verließen wir Schescheke und kamen ziemlich rasch vorwärts.
Ich fand so zahlreiche Inseln und Buchten, daß ich es bedauern mußte, in
Folge der herannahenden Fieberzeit rasch reisen zu müssen und nicht die
nöthige Zeit zur Verfügung hatte, das Bett des Zambesi in seiner ganzen
Breite mit seinen Inseln, Lagunen etc. in allen Details kartographisch
aufnehmen zu können. Der Uferabhang, in dessem Sande sich eine 12 bis 24
Zoll starke, mit Thon untermischte Torfschichte bemerkbar machte, zeigte
mir schon auf der ersten Strecke unserer Fahrt einige sammelnswerthe
Pflanzen; doch konnte ich nicht daran denken, die Fahrt zu unterbrechen,
da mir viel daran lag die Flottille der Königinnen, welche bereits
Morgens Schescheke verlassen hatten, einzuholen. Gegen Abend kamen wir
an Stellen, an denen zahlreiche vom Strome herabgeführte und im Grunde
festsitzende Baumstämme die größte Vorsicht geboten; bei Sonnenuntergang
hatten wir endlich die Landungsstelle der Flottille erreicht. Es war ein
nackter, sandiger Uferabhang, doch beiderseits von Schilf und oben von
Gebüschen gegen Wind geschützt. Während die weiblichen Dienerinnen
zahlreiche Herdfeuer angezündet hatten und ihren Küchenarbeiten oblagen,
führten mehrere Kähne das zum Baue der Hütten nöthige Schilfrohr herbei.
Ich wollte an diesem gemeinsamen Lagerplatze übernachten, meine
Bootsleute jedoch schlugen einen, noch einige Meilen entfernteren vor,
und da ich damals ihre Finten nicht kannte, fügte ich mich; erst später
erfuhr ich, daß sie sich möglichst bestrebten, nicht an demselben Orte,
den sich die königliche Flottille zum Lagerplatze erwählt hatte, zu
übernachten, damit mich die Königinnen gegen ihre Belästigungen nicht zu
schützen vermochten. Spät am Abend langten wir endlich an der
auserkorenen Lagerstelle an, es war eine wenige Hütten zählende
Niederlassung von Mamboëfischern und Nilpferdjägern. Einige in den
Ufersand eingetriebene Baumäste, auf denen Netze hingen, zahllose
aufgesteckte Köpfe kleiner Krokodile und nicht minder zahlreiche
herumliegende Welse wiesen deutlich auf ihr Gewerbe hin. Wir logirten
uns in einer 2½ Meter hohen, drei Meter breiten und sechsundzwanzig
Meter langen Grashütte ein. Während der Fahrt beobachtete ich zahlreiche
Wasser- und Sumpfvögel, Staare, Finken, Eisvögel etc.
Als wir am nächsten Morgen eben im Begriffe waren, mit unserem Gepäck
die Boote zu beladen, kam die königliche Flottille in Sicht, die wir nun
erwarteten. Die Mamboë, die Bootsleiter der Königinnen, übergaben
derselben ein Abends vorher geschlachtetes Rind und die Mutter des
Landes, Mokena, war so gütig, mir ein Hinterviertel von dem
geschlachteten Thiere zu überlassen. Meine Bootsleute mußten sich der
königlichen Flottille anschließen und nun ging es rasch vorwärts. Die
vielen, bald vor, bald hinter uns fahrenden, einander überholenden, den
Fluß kreuzenden, dort wieder zwischen den Inseln rechts oder links
einbiegenden stark bemannten Kähne boten, auf dem tiefblauen, von
Mimosengebüschen und den Schilfrohrwalde umsäumten Strome ein
wechselndes und sehr interessantes Bild, das ich gerne festgehalten
hätte, wenn nicht die kartographische Aufnahme des Flusses jede Minute
beansprucht haben würde. Einer am rechten Ufer erbauten
Marutse-Niederlassung gegenüber hielten wir für eine halbe Stunde auf
einer Sandbank, um den Bootsleuten, die sich sehr wacker hielten, einige
Augenblicke Ruhe zu gönnen. Während diese gemüthlich ihre Dachapfeifen
schmauchten, wurde von den königlichen Frauen ein kleiner Imbiß
eingenommen, bei dem sie auch mich nicht vergaßen, indem mir eine der
Königinnen, Mamangala, geröstete Fische übersandte. Flußscenerie und die
Thierwelt blieben sich auch heute gleich.
Gegen Abend landeten wir an einer Stelle, an der schon früher von
vorüberfahrenden Schiffern circa zwanzig Hütten errichtet worden waren.
Es war auch die höchste Zeit, denn ein Gewitter war im Anzuge und es
fing zu regnen an, bevor ich mein Gepäck an's Ufer gebracht hatte; hier
lag auch bereits das vierte Boot. Der Sturm dauerte bis gegen
Mitternacht. Der Regen drang in die Hütten und ich mußte mit meinen
Decken mein Gepäck zu sichern suchen. Auf einem Kistchen sitzend,
entschlummert, glitt ich im Schlafe auf den Boden nieder und erwachte
früh zu meinem Erstaunen in einer in der Hütte entstandenen Regenlache;
die Folgen ließen nicht auf sich warten. Am folgenden Morgen gab ich dem
Drängen meiner Bootsleute nach und unternahm einen Jagdausflug auf einer
mit vier bis fünf Fuß hohem Grase bewachsenen, von zahlreichen Lagunen
und beträchtlichen Sümpfen bedeckten Ebene, welche von dem Schescheker
Walde umsäumt, sich nach Westen erstreckte und hie und da bewaldet war.
Auf niedrigen Bodenerhebungen erblickte ich kleine Marutse-Dörfer, deren
bedeutendstes Katonga hieß. Zur Zeit der Zambesi-Ueberschwemmungen steht
die ganze Ebene bis zu diesen Dörfern unter Wasser.
Von dem leider erfolglosen Jagdausfluge zurückkehrend, fühlte ich
plötzlich eine nie zuvor empfundene Müdigkeit über mich kommen, welche
so zunahm, daß ich etwa eine halbe Wegstunde von unserem Lager entfernt
außer Stande war, weiter zu gehen, und mich meine Diener dahin tragen
mußten. Nach den Symptomen zu schließen, welche diese Müdigkeit
begleiteten, hatte mich das Fieber überfallen. Meine Bootsleute waren
sehr ungehalten darüber, daß ich ohne Beute zurückgekehrt war und ihnen
die Bewohner von Katonga nicht hinreichend Bier und Korn gegeben hatten,
ich war deshalb froh, daß sich der mir als Führer mitgegebene
Unterhäuptling Sekele meiner annahm und die Leute zur Ruhe verwies.
Während der Nacht verschwand eine der Dienerinnen der Fürstin Moquai.
Diese ließ die Spur, die zum Wasser führte, verfolgen, und es zeigte
sich, daß die Person einige Schritte flußabwärts an's Land gestiegen war
und die Richtung nach Schescheke eingeschlagen hatte; sofort wurden
einige der Männer nachgesendet, welche die Flüchtige, die unlängst gegen
ihren Willen verheiratete Sclavin, zurückbrachten.
[Illustration: Marutse-Typen.]
Wir setzten am nächsten Morgen die Bootfahrt fort und liefen gegen
Mittag in einen schmalen Flußraum ein, der von der nördlichsten mehrerer
bewaldeter Inseln und dem linken Ufer gebildet wird. Ich erlaubte mir
diese Inselgruppe die Rohlfs-Inseln zu benennen. Auf der Festlandseite
des Flußarmes lag die westlichste Masupia-Niederlassung Sekhosi, in der
schon seit vielen Decennien fleißig Ackerbau getrieben wurde, unter
Anderem wurden hier auch Manza und Bohnen cultivirt. Gegenwärtig pflegen
die Marutse nur so viel anzubauen, als sie zu ihrem Lebensbedarfe und
ihren Abgaben benöthigen, nur die Masupia, Batoka und östlichen Makalaka
bauen etwas mehr an und verkaufen den Ueberschuß den Händlern und Jägern
aus dem Süden. Dabei cultiviren sie meist nur sandige Abhänge,
Waldstellen um Termitenhaufen, während die fruchtbarsten marschigen
Theile vollkommen brach liegen. Mit Rücksicht auf diese großen Strecken,
die regelmäßige Bewässerung, die man diesen angedeihen lassen kann, das
warme Klima etc., hat das Land eine große Zukunft. Die von den Flüssen
entfernteren Binnengebiete bestehen aus einem oft meilenlange
Wiesenstrecken einschließenden Urwald, so daß auch diese gute Felder
abzugeben versprechen. Nöthigenfalls können auch die Flüsse, wie der
Zambesi selbst, zur Bewässerung des Landes herangezogen werden. Die
Stämme sind strebsam und arbeitsam; hat der Pflug in's Land Eingang
gefunden und ist es einmal vom Süden oder Osten dem allgemeinen Verkehr
geöffnet, so wird das Marutse-Reich rasch aufblühen.
[Illustration: In den Manekango-Stromschnellen.]
Ungefähr zwölf Meilen von Schescheke tritt ein Vorbote der die südliche
Barotse durchziehenden und den Fluß nach abwärts begleitenden
Höhenketten, der Wald von Schescheke, unmittelbar an's Ufer.
Schon östlich von Schescheke, etwa halben Weges zwischen den
Makumba-Stromschnellen und der Mündung des Kaschteja-Flusses, auf
welcher Strecke das Land sich allmälig nach Westen hob, vermißte ich die
Saro- und und Fächerpalme, sowie die Papyrusstaude. Westlich von Sekhosi
ist das Gefälle des Stromes ein bedeutendes, es beginnen hier auch die
Süd-Barotse-Stromschnellen und Katarakte des zentralen Zambesi.
Dieselben sind zumeist durch Felsenbänke gebildet, welche quer in einer
geraden oder schrägen Richtung über den Fluß ziehen und gleichsam
Verbindungsarme zwischen den beiden den Zambesi begleitenden Höhenketten
darstellen. Durch diese Felsenriffe sind zahlreiche Inseln gebildet und
je weiter ich kam, desto interessanter schien das Flußbett mit seinen
vielen nackten, dunkelbraunen, doch auch nicht minder zahlreichen
beschilften, oder stellenweise auch hochbewaldeten Inseln zu werden. Auf
einer Strecke von vierzehn englischen Meilen zählte ich einen Katarakt
und vierundvierzig Stromschnellen, die letzteren waren in der Weise
gebildet, daß sich allmälig das aus einer einzigen Felsenplatte
gebildete Flußbett neigte, oder daß sich dasselbe plötzlich stufenförmig
senkte. Stellenweise waren es wieder Felsenblöcke, welche theils unter
dem normalen Wasserstande liegend oder auch über denselben hervorragend
die Stromschnellen verursachten, nur einmal beobachtete ich, daß eine
Felsenbarrière durch den Fluß lief, welche hie und da Oeffnungen zeigte,
durch welche sich das Wasser mit Wucht Bahn zu brechen suchte.
[Illustration: Mambari. Matonga.]
Diese Schnellen wären mit den Marutse-Kähnen unpassirbar, wenn sie nicht
von den Krokodilen gemieden würden. Die Abwesenheit der großen Saurier
ermöglicht es den Schiffern, an solchen Stellen das Boot zu verlassen
und den Kahn theils schiebend, theils ziehend das Hinderniß zu
überwinden. An den schwierigeren Partien ist es jedoch nöthig, das
Gepäck auf die aus dem Flusse hervorragenden Blöcke umzuladen und dann
den leeren Kahn über die Stromschnellen zu bringen. Die erste dieser
Stromschnellen die wir passirten, nennen die Eingebornen Katima Molelo,
sie bestand mehreren Partien und wir waren im Stande, sie mit den Rudern
an einer Stelle zu überwinden, während an den übrigen die Bootsleute
aussteigen und die Kähne über die Felsenriffe ziehen mußten. Kaum über
das Hinderniß gelangt, beeilten sie sich in das Boot zu springen, um den
im tieferen Fahrwasser auf der Lauer liegenden Krokodilen zu entgehen.
Die nächstbedeutendste Stromschnelle nach dieser, die wir am 5. zu
passiren hatten, war jene von den Eingebornen Mutschila
Aumsinga genannte, es ist die gefährlichste auf der Strecke
Schescheke-Nambwe-Katarakt, sie ließ leider auch mir ihre Gefährlichkeit
fühlen. Meine Krankheit hatte sich an diesem Tage verschlimmert, allein
ich achtete darauf, daß mir selbst das Sitzen in dem Kahne beschwerlich
wurde, indem es mit Gliederschmerzen verbunden war, dennoch ließ ich
mich in meiner kartographischen Arbeit nicht stören.
[Illustration: Zambesi aufwärts.]
Die Mutschila-Aumsinga-Stromschnelle wird durch eine ziemlich bedeutende
Neigung des felsigen Bettes, sowie zahlreiche unter dem Wasser liegende
Felsenblöcke gebildet, doch die dem Schiffer drohende Gefahr rührt von
einem anderen Umstande her. Zwischen einer bewaldeten Insel und dem
linken Ufer gelegen, und nur etwa fünfzig Meter breit, zeigt sie zwei,
durch einige an ihrem Beginn liegende Inseln bedingte Seitenströmungen,
welche die Kraft des Schiffers erschöpfen, und dieß um so mehr, als sie
an keiner Stelle so seicht ist, daß die Bootsleute den Kahn über die
Schwelle ziehen könnten. Ein zweiter Uebelstand in meinem Falle war, daß
die Kähne schwer beladen, aber nicht hinreichend bemannt waren. Meine
Gewehre sowie meine Tagebücher, Glasperlen, Patronen, und die für die
Häuptlinge und Könige bestimmten Geschenke befanden sich in meinem
Boote, das an diesem Tage das dritte in der Reihenfolge war. Das zweite
war jenes, welches mein Schießpulver, meine Medicamente, meine
Provisionen und die in Schescheke gesammelten Insecten und Pflanzen
führte (die übrigen gesammelten Gegenstände hatte ich Westbeech zur
Weiterbeförderung nach Panda ma Tenka übergeben). Da ich sah, daß die
Bemannung dieses Bootes nur mit genauer Noth der Strömung Widerstand
leisten konnte, rief ich den Leuten zu, die vom Ufer überhängenden Bäume
und Büsche zu ergreifen, um das Boot mindestens in seiner Stellung zu
erhalten. Meine Zurufe wurden indeß vom Brausen der Strömung übertönt.
Die Ruder gleiten von der Felsenplatte wie von einer Spiegelfläche ab,
die ihnen allen wohlbekannte Gefahr verwirrt die Bootsleute, statt ihre
Muskeln anzuspannen; regellos greifen ihre Ruder ein und damit war das
Los des Bootes entschieden. Doch nein, es kann nicht möglich sein, so
bitter und unversöhnlich kann ja des Geschickes Walten mir nicht
entgegentreten. Meine Medicamente, die Nahrungsmittel, die Mühen so
vieler Tage sollten vom Wasser verschlungen und mir verloren gehen? und
eben jetzt, da ich an Fieber erkrankt, ihrer bedürftiger als je gewesen,
und wo die Hoffnung und Möglichkeit, das Verlorene wieder zu erlangen,
vollkommen fern gerückt war?
Meine Bootsleute wurden durch die verzweifelte Lage des vorderen Bootes
verwirrt und die Strömung begann auch mit unserem Boote ihr Spiel. Doch
wir waren dem Ufer nahe und rasch genug konnten die überhängenden Aeste
ergriffen und das Boot gegen die Insel herangezogen werden. Das erste
Boot aber war der Wucht der Strömung nachgebend, bald aus seiner zur
Stromlinie parallellen Stellung gebracht und bot der Gewalt des Wassers
seine Breitseite entgegen. »Helft doch!« schrie ich verzweifelt den
Leuten in meinem Boote zu und war eben selbst im Begriffe in das Wasser
zu springen, alles andere, selbst das heftige Fieber, unter dessen
Einwirkung ich seit den letzten zwei Stunden so heftig transpirirte, daß
die Kleider am Körper klebten, war unter den obwaltenden Umständen
vergessen; meine Bootsleute hielten mich aber mit Gewalt zurück. Von der
Strömung erfaßt, auf der einen Seite niedergepreßt, neigte sich das
Boot, seine Lenker, denen bei dem verzweifelten Versuch, die Gewalt der
Strömung zu überwinden, die Ruder gebrochen waren, verloren das
Gleichgewicht und in demselben Momente schlug die erste Welle in das
Boot, bald folgten eine zweite, eine dritte Welle und nun -- ich traute
meinen Augen nicht -- schlug es um. Nach mehrfachen Anstrengungen, wobei
meine und die folgenden Bootsleute treulich mithalfen, gelang es, das
Boot wieder flott zu machen und einige Gegenstände zu retten.
Alle kühnen Hoffnungen, alle Pläne und Wünsche, der Traum vom
atlantischen Ocean -- alles war hier versunken. Mitleidslos zerstörte
das Geschick in wenigen Augenblicken die siebenjährigen Vorbereitungen
zur Ausführung meiner mir selbstgestellten Aufgabe. Angesichts dieses
Unfalls, der alle früheren Enttäuschungen tausendfach überbot, mußte
ich, vom Fieber niedergeworfen, auf die Fortsetzung der Reise, der alle
meine Anstrengungen galten, verzichten. Und um das Maaß der bitteren
Erfahrungen voll zu machen, sah ich auch die Früchte monatelanger Arbeit
emsigen Sammelns vernichtet -- kaum einen nennenswerten Bruchteil konnte
ich retten.
[Illustration: Verlust meines Bootes.]
Nachdem wir das mir für die Dauer meines Lebens denkwürdige
Mutschila-Aumsinga passirt hatten, landeten wir eine Stunde später am
rechten Zambesi-Ufer unterhalb eines Mabunda-Dorfes mit Namen Sioma; die
uns längs des linken Ufers folgenden Diener wurden herübergeholt, um so
rasch wie möglich vor einbrechender Nacht ein Lager errichten zu können.
Wir wurden jedoch von den Mabunda's mit der Nachricht überrascht, daß
die Gegend von Löwen nur wimmle und ihr Dorf sozusagen allnächtlich von
diesen Raubthieren belagert sei. Mir schien diese Mittheilung nur ein
Vorwand zu sein, uns zur Fortsetzung der Reise zu bewegen. Ich erstand
von ihnen für Glasperlen Kafirkornbier, das ich meinen Bootsleuten als
Gratification für die vielen Mühen, die sie an diesem Tage meinethalben
hatten, verabreichte. Da ich mich durch die Mittheilung der Mabunda's
nicht abschrecken ließ und sie mit den Glasperlen günstiger gestimmt
hatte, riethen sie uns, die Dächer einiger verlassenen am Flusse
erbauten Hütten ab- und zusammenzutragen und diese kegelförmigen
Grasbauten in Hufeisenform derart neben einander aufzustellen, daß ein
Theil des Dachrandes (nach Außen) auf die Erde zu liegen komme, der
andere dagegen auf kurzen Pfählen nach innen zu gestützt sei, so daß
unser Lager sieben riesigen kegelförmigen Grasfallen nicht unähnlich
war. Vor den Hütteneingängen ließ ich mehrere große Feuer anzünden.
[Illustration: Sioma von Löwen angegriffen.]
Während der unglückseligen Fahrt des heutigen Tages waren mir am Ufer
des Stromes zwanzig bis vierzig Fuß hohe Bäume mit weißlicher Rinde
aufgefallen, von deren Stamme zahllose Wurzeln, einem dichten Barte
gleich und von den über das Wasser wuchernden Aesten in drei bis sechs
Fuß langen, röthlich braunen Zotten herabhingen.
Am 5. regnete es den ganzen Tag hindurch, der Wind war am Nachmittage
eisig kalt geworden und obgleich die Diener das offene, fallenartig
niedergelegte Dach mit Matten zu verhängen suchten, so wurden diese vom
Winde immer weggeblasen und ich unzählige Male in meiner heißen
Fieberhitze von dem kalten Regenschauer plötzlich abgekühlt. Während ich
fast regungslos auf dem aus Kisten errichteten Lager gebannt war --
meine Krankheit hatte sich nur noch verschlimmert und ich konnte nur mit
Hilfe der Diener meine Lage ändern -- wurde ich Ohrenzeuge eines
Gesprächs, welches von den letzteren, die mich schlafend wähnten,
außerhalb der Hütte geführt wurde. Borili, einer der beiden Matonga's
gab seiner Schadenfreude lebhaften Ausdruck, daß der Njaka (Zauberer,
Doctor) schwer erkrankt sei und suchte seine Genossen dazu zu verleiten,
mit meinen Vorräthen das Weite zu suchen und auf das südliche
Tschobe-Ufer zu flüchten. Da die anderen drei Diener sich ziemlich
passiv verhielten, beschloß ich das Complot im Keime zu ersticken. Ich
rief die Diener und während ich die anderen mit Glasperlen beschenkte,
frug ich Borili, ob er noch immer ein Tlobolo (Gewehr) als Lohn zu
erhalten gedenke. Auf seine rasche bejahende Antwort erwiderte ich mit
Nein und hielt ihm vor, daß er kein guter Diener, sondern ein Dieb sei
und drohte ihm im Wiederholungsfalle eines ähnlichen verrätherischen
Versuches nach Schescheke zur Bestrafung zurückzusenden.
Abends ließ die Fieberhitze etwas nach, so daß ich mich von den Dienern
von meinem Schmerzenslager herabheben und mich auf die Erde setzen ließ;
mit dem Rücken gegen mein Lager gestützt, empfing ich einige Mabunda's
und erhandelte von ihnen einige Handarbeiten, schrieb an meinem
Tagebuche und bereitete aus den noch geretteten, wenigen Medicamenten
für einen der Bootsleute ein Brechmittel, der durch den zu reichen Genuß
der Frucht eines Busches Ki-Mokononga bedenklich erkrankt war. Nach den
Symptomen, unter denen derselbe erkrankte, sowie nach dem penetranten
Geruche konnte ich schließen, daß das Fleisch dieser Frucht die
Eigenschaften des ^Amigdalin^ und ^Dulceïn^ (Blausäure) vereinigt. Die
Früchte waren 2½ bis 3½ Zentimeter lang, 1½ bis zwei Zentimeter dick,
hatten einen länglichen Kern, ein gelbliches Fruchtfleisch und eine zähe
Epidermis, sie schmeckten süßlich und nach bitteren Mandeln. Nachdem
sich der Mann mehrmals erbrochen, fühlte er sich bedeutend besser und am
nächsten Tage wieder ganz wohl.
Da das Fieber etwas nachgelassen, benützte ich die freien Augenblicke,
um den von Sioma herabgekommenen Mabunda-Häuptling und meine Bootsleute
sowie die beiden Führer über Land und Leute im Marutse-Reiche zu
befragen. Den Hauptgegenstand unseres Gespräches bildeten die zwischen
dem Zambesi und Tschobe wohnenden Stämme Livaga, Libele und Lujana,
sowie die am zentralen Tschobe, welcher den Namen Lujana führt,
wohnenden unabhängigen Bamaschi unter den drei Fürsten Kukonganena,
Kukalelwa und Molombe.
In der folgenden Nacht wurden wir von der Wahrheit der Mittheilung der
Mabunda's überzeugt. Schon nach Sonnenuntergang fingen etwa 150 Schritte
vor uns Löwen ein mehrstimmiges Concert an und ließen nicht ab, als bis
der Tag zu grauen begann; oben im Dorfe aber schrieen die Leute die
ganze Nacht hindurch und schlugen auch eine Trommel dazu, sie hatten
mehrere Feuer innerhalb der ihr kleines Dörfchen umschließenden
Umzäunung angezündet und trachteten auf alle mögliche Weise die
Raubthiere abzuhalten. Meine Bootsleute saßen aber die ganze Nacht mit
ihren langen Speeren vor ihren Hütten, auf deren Wände sich ihre
Schatten abzeichneten. Glücklicherweise verging die Nacht, ohne daß es
die Löwen gewagt hätten, uns einen Besuch abzustatten.
Am 6. fühlte ich mich wieder schlechter, so daß ich den ganzen Tag über
liegen bleiben mußte und mich nur meinem Tage- und meinem Skizzenbuche
widmen konnte. Die regnerische und kalte Witterung der nächsten Tage
verschlechterte meinen Zustand immer mehr; obwohl glühend vor
Fieberhitze, fröstelte ich unter dem Hauche des kalten Nordostwindes.
Mit genauer Noth konnte ich schreiben. Ich suchte mir Muth einzuflößen,
allein es scheiterte an der nackten Wirklichkeit. Der Kopf brannte wie
Feuer, die Zeilen flimmerten mir vor den Augen und doch war das meine
einzige Zuflucht.
Am 8. fuhren wir weiter, ich weigerte mich, die Rückfahrt nach
Schescheke anzutreten, während der Fahrt jedoch verschlimmerte sich mein
Zustand so sehr, daß ich Abends aus dem Boote an's Land getragen werden
mußte. Kaum in einer der von vorüberfahrenden Schiffern errichteten
Grashütten untergebracht, stellte sich heftiges Erbrechen und ein
ruhrartiger Anfall ein, welche mich so schwächten, daß ich den Morgen
nicht mehr zu erleben fürchten mußte. Und doch hatten wir an diesem Tage
die interessanteste Partie des Zambesi, die ich mit Ausnahme der
Victoriafälle kennen gelernt habe, durchreist. Wir hatten nicht weniger
als zweiundvierzig Stromschnellen zu passiren und waren bis zum
südlichsten der Barotse-Katarakte gelangt.
Am 9. schleppten mich meine Diener zu einigen geräumigen Hütten über dem
Katarakte (etwa 1000 Schritte weit) die für die Königin Moquai errichtet
waren. Von den Stromschnellen waren die, von den Marutse Manekango,
sowie die, Muniruola genannten, die gefährlichsten zu passiren. Die
letzteren waren von einer förmlichen Felsenmauer gebildet, die
achtundzwanzig Zoll über dem Wasser quer über den Fluß hinzog und durch
welche sich das Wasser durch kleinere und größere Oeffnungen Bahn brach.
Bei der heftigen Strömung mußten die Bootsleute die Kähne emporheben und
an den engen Durchbruchsstellen durchzuziehen trachten, unterdessen
legten mich die Bootsleute aus dem Kahne auf das Felsenriff. In den
erwähnten Hütten hatte die Königin drei Tage lang auf mich gewartet, sie
dachte, daß ich umgekehrt wäre und setzte die Heimreise fort, sandte
aber am 9. von ihrer entfernten Landungsstelle ihren Gemahl Manengo zu
mir. Nachmittags stellte sich heftiges Erbrechen und Athembeschwerden
ein, ließen aber glücklicher Weise am nächsten Tage wieder nach und ich
konnte einige Löffel Maizena zu mir nehmen.
An diesem Tage fuhr Inkambella, der Gouverneur der Barotse, nach Sepopo
der bedeutendste Mann im Lande, stromabwärts vorbei. Abends trat
abermals eine Verschlimmerung meines Zustandes ein und ich ließ die
Bootsleute rufen, um mich mit ihnen über die Rückkehr nach Schescheke
verständigen zu können; von meinen Dienern hörte ich indeß, daß diese
bereits zwei Kähne unterhalb der Fälle in Bereitschaft hielten, meiner
Weisung also schon zuvorgekommen waren. Als ich sie deshalb zur Rede
stellte, erfuhr ich, daß ihnen König Sepopo einen geheimen Befehl
ertheilt hatte, auf mich wohl Acht zu geben und mich wo möglich in
seinem Reiche am Leben zu erhalten. Als Arzt hatte ich mir Achtung
verschafft und der König, der mich deshalb als großen Zauberer ansah,
wollte es verhüten, daß durch meinen Tod ein großes Unglück über das
Land hereinbreche.
Am 11. luden mich die Bootsleute in einen der Kähne, meinen Diener Narri
in den zweiten und steuerten bald darauf mit mir gegen Schescheke zu --
nicht ohne vorher von mir Geschenke erpreßt zu haben. Zu gleicher Zeit
stritten sie sich mit meinen Dienern, weil diese sie beim Diebstahle
einiger meiner Gegenstände ertappt hatten.
Auf der Rückfahrt am 11. brannte die Sonne so heiß und der Durst quälte
mich so sehr, daß ich, um nur etwas Kühlung zu finden, meine Hände aus
dem Boote in's Wasser herabhängen ließ. Die Bootsleute beeilten sich
jedoch, mir sie wieder in den Schoß zu legen und warnten mich vor den
zahlreichen Krokodilen. Abends übernachteten wir einige Meilen östlich
von Katonga und langten am folgenden Tage in Schescheke an. Als ich von
den Bootsleuten zu Westbeech gebracht wurde und mich in der Thüre
aufstellte, erkannte mich dieser nicht wieder.
XI.
Dritter Aufenthalt in Schescheke
Condolenzbesuche des Königs und der Häuptlinge -- Eine neue Unthat
Sepopo's. -- Masarwa's in Schescheke. -- Ceremoniell bei den Mahlzeiten
an Sepopo's Hof. -- Mein erster Ausflug. -- Der Fischfang im
Marutse-Reiche. -- Sepopo erkrankt. -- Wanderungen eines Arabers durch
Süd-Afrika. -- Unterthanen-Verhältniß im Marutse-Reiche. --
Characterzüge einzelner Stämme des Reiches. -- Die Zukunft des Landes.
[Illustration: Fischotterjagd am Tschobeflusse.]
Nach Schescheke zurückgekehrt, war es meine Absicht, hier meine Genesung
abzuwarten und die Reise dann fortzusetzen. Mein Zustand verschlechterte
sich indeß wieder, und da eben die ungesunde Zeit eingetreten war, rieth
mir Sepopo sowohl als Westbeech, die Stadt und das Marutse-Reich zu
verlassen, nach dem Süden zurückzukehren und meine Reise erst nach
meiner vollständigen Genesung wieder aufzunehmen. Meine bisherigen
Erfahrungen sagten mir aber, daß die Befolgung dieses Rathes einem
Entsagen aller und jeder Hoffnung, in nächster Zeit das Ziel zu
erreichen, gleichkam.
Der König, sowie mehrere mir befreundete Häuptlinge kamen um mich zu
sehen und drückten ihr Bedauern aus, obgleich mich die meisten
versicherten, daß sie meine Erkrankung vorhergesehen; jeder sprach die
Ansicht aus, daß ich zu spät Schescheke verlassen hatte, der König
beschuldigte mich, daß ich mit meinem Besuche der Victoriafälle des
Zambesi die erste günstige Gelegenheit, Schescheke verlassen zu können,
versäumt habe, seine Unterthanen jedoch gaben ihm die Schuld, indem er
mich von October bis December zurückgehalten habe, und mir vielleicht
selbst damals die Kähne nicht zur Verfügung gestellt hätte, wenn er
nicht wiederholt von Moquai deshalb bestürmt worden wäre.
Da die von mir bewohnte und von Blockley in Westbeech's Gehöfte erbaute
Hütte nach meiner Abreise eine andere Bestimmung erhalten hatte, nahm
mich Westbeech in seinem Waarenhause freundlichst auf. Mit dem Könige
selbst ging es stark herab; ich erwähnte, daß während meines
Aufenthaltes am Njambwe-Katarakt der geachtetste Mann im ganzen Reich an
mir vorüber nach Schescheke fuhr, um den König zu begrüßen. Es war mir
auch bekannt, daß ihn Sepopo wegen seines Ansehens und seiner
Beliebtheit bei dem Volke tief haßte. Da sich kein Unterthan seines
Reiches zu einem Meuchelmord am Barotse-Gouverneur hergegeben hätte,
klagte er ihn und die mit ihm von der Barotse zugleich herabgekommenen
Häuptlinge des Hochverrates an, doch ohne Erfolg, denn dieselben wurden
sofort freigesprochen. Bei dieser Gelegenheit war Westbeech und John
Mahura gegenwärtig; wie tief Sepopo in Macht und Ansehen gesunken war,
mag daraus hervorgehen, daß er sich während der Verhandlung von Mahura
einen Narren und den größten Verräther an seinem Lande nennen ließ.
Am 13. kam der König wieder zu Besuche, indem er mit seinem Hofstaate,
sich an dem Mokoro-Tanze belustigend, in das Höfchen hineingelangt war.
Er nannte mich seinen Mulekau, und während sich Inkambella und seine
Freunde zu mir setzten, trat der König zu Westbeech; die Gesellschaft
Inkambella's war ihm unerträglich geworden.
Am 14. gegen Abend stellten sich bei mir solche Brustschmerzen und
Beklemmungen ein, daß ich mich auf der Erde wand und mich meine vier
Diener kaum zu halten im Stande waren. Erst nachdem mir Westbeech etwas
Ipecacuanha gereicht hatte, und ich mich darauf zweimal erbrochen hatte,
wurde das Athmen etwas freier. Später während meiner sechzehnmonatlichen
Krankheit wiederholten sich diese Anfälle noch mehrmals, bei deren
Bekämpfung mir das oben erwähnte Mittel stets gute Dienste leistete.
[Illustration: Masupia. Panda.]
Am 17. berichtete man mir, daß mein zuerst engagirter, portugiesischer
Führer Sykendu zu gleicher Zeit mit mir Schescheke verlassen und sich
das Zambesi-Thal entlang nach der Barotse gewendet hatte. Unter den
Schwarzen, die er mit nach dem Westen nahm, und die er bei den zwischen
der Küste und dem Innern Central-Afrikas wohnenden Stämmen gegen Gummi
und Elfenbein auszutauschen pflegte, befanden sich auch zwei Mädchen,
die er unmittelbar vor seiner Reise gekauft hatte. Eines der Mädchen
entzog sich der nach der Westküste ziehenden Sklaven-Carawane heimlich
durch die Flucht, sie wurde jedoch wieder eingefangen, mit ihrer
Genossin in Ketten gelegt und weiterbefördert.
In den letzten Wochen waren die zahlreichen Völker Sepopo's durch
Vertreter eines neuen Stammes vermehrt worden. Es waren Masarwa's,
welche aus dem östlichen und weltlichen Bamangwato-Lande entflohen,
Schutz bei Sepopo suchten und hier als äußerst geschickte
Elephantenjäger mit offenen Armen empfangen wurden und ein bedeutend
besseres Los als bei ihren früheren Herren zu erwarten hatten. Bei
meinem späteren Besuche in dem königlichen Gehöfte machte mich oft der
König auf diese Flüchtlinge aufmerksam. »Sieh, Njaka, sieh da die
Masarwa's;« ein andermal. »Hier sitzen Khama's Unterthanen« u. s. w. Am
selben Tage ging es Abends während des Impotegelages in dem königlichen
Höfchen recht lebendig zu. Ein Mambari, der von Sekeletu, dem letzten
Makololoherrscher zum Sklaven gemacht worden war, beklagte sich darüber,
daß er nicht, gleich den anderen, frei gegeben wurde und begann einen
Streit mit den Marutse, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte.
Ich konnte mich noch immer nicht vom Lager erheben, den ganzen Tag mir
allein überlassen, hatte ich Muße genug, über meinen Zustand
nachzudenken und über das harte Walten des Geschickes zu klagen. Durch
Boten, die von dem Panda ma Tenka-Flüßchen zum Tschobe gesendet wurden,
sowie durch Masupia's vom genannten Flusse erfuhren wir, daß meine
englischen Freunde McLaud, Fairly, Cowley, Dorehill, ihre sämmtlichen
Diener, sowie mein Diener Pit in Panda ma Tenka am Fieber schwer
erkrankt waren.
Erst am 19. hatte sich mein Zustand so weit gebessert, daß ich mit Hilfe
meiner Diener einen Gang durch das Gras um unser Gehöfte machen konnte.
Um uns unseren Aufenthalt in Schescheke recht zu verleiden, gesellten
sich zu den schon bestehenden Unannehmlichkeiten noch die Mosquitos,
welche am Zambesi und am Zugariver eine wahre Landplage sind. Der Abend
und die Nacht sind die Zeiten, zu denen diese kleinen blutdürstigen
Insecten ihre wüthenden Angriffe auf Mensch und Thier unternehmen,
selbst Wolldecken schützen vor den langen spitzen Saugrüsseln der
Schnacken nicht. Das einzige Mittel, das uns einigermaßen gegen ihre
Angriffe Schutz gewährte, bestand darin, daß wir von den Dienern drei
bis vier Kuhdüngerhaufen in unserer Hütte anzünden ließen.
Den folgenden Tag begaben sich Walsh und Westbeech auf die Sporngansjagd
und versahen unsere Küche mit frischem Fleischvorrath. Leider erlaubte
es mein Zustand nicht, mich selbst an einer solchen Jagd zu betheiligen.
Die Sporngänse wie die meisten Entenarten halten sich um diese Zeit des
Jahres auf den freien Stellen in den Sümpfen auf, und man nähert sich
ihnen mit Kähnen, indem man ihrem Gekaker folgend, durch das hohe
Schilfrohr streichen muß. Am erfolgreichsten ist die Jagd bei mäßigem
Winde, wobei das Sausen des Schilfes das durch das Boot verursachte
Geräusch deckt. Als der König von den Jagderfolgen meines Freundes
gehört hatte, kaufte er ihm eine größere Menge Schrot ab und sandte
einige seiner Günstlinge auf die Jagd aus, und als ich einige Tage
später beim Könige zu Besuche war, wurden einige der erbeuteten Gänse
zum Frühstück servirt; aus der Zubereitung derselben konnte ich
entnehmen, daß die Marutse gewohnt sind, ähnliches Wild zu erbeuten und
zuzubereiten. Speisen in fester Form werden mit den Fingern,
halbflüssige mit Holzlöffeln zum Munde geführt und die Mahlzeiten
gewöhnlich in sitzender Stellung auf Stroh und Binsenmatten, sei es im
Wohnhause oder vor dem Eingange desselben, eingenommen.
Zum königlichen Frühmahle werden stets einige seiner Frauen (Königinnen)
und Kinder geladen, die sich gegen Sonnenaufgang (Osten) niederlassen,
Fremde (Weiße) erhalten dieselbe Richtung angewiesen, während sie Abends
zur Linken des Herrschers zu sitzen kommen. Die eingeladenen
Würdenträger, wenn sie zufällig hinzukommen, lassen sich bei den im
Hause eingenommenen Mahlzeiten zur Rechten vom Eingange und vom König,
bei den im Freien eingenommenen zu seiner Linken und auf bloßer Erde
nieder. Bei den Früh-Mahlzeiten im Hause gruppirte sich das stets
zahlreich vertretene Volk um den Eingang des Hauses, bei den letzteren
um den König, seine Gäste und die Gouverneure in einem Halbzirkel gegen
den Hofeingang, so zwar, daß zwischen dem Könige und dem
halbkreisförmigen Knäuel eine Stelle offen blieb, die von den das Mahl
auftischenden Dienern, beim Mahlschluß von dem königlichen Mundschenk
eingenommen wurde. Der König und der Hausherr überhaupt, wenn es ein
höherer Würdenträger ist, sucht sich das beste Stück aus, er reicht
sodann das Gericht der Lieblingsfrau und den anderen Königinnen, hierauf
erst dem weißen Gaste (sind zwei anwesend, so müssen sie sich mit einem
Gefäße behelfen) und zuletzt einem oder zweien der Würdenträger. Sind
jedoch die Frauen nicht gegenwärtig, so erhalten die Würdenträger oder
der Mundschenk die ersten Bissen.
Nach dem Frühstück wird Kafirkornbier genossen, gewöhnlich ein, beim
Könige zwei bis drei riesige Töpfe voll. Das Bier wird aus
langgestielten Kürbißlöffeln getrunken. Beim Könige wird außerdem noch
Honigbier nach dem Frühstück, beim Nachtmahle ein bis drei wohlgefüllte
Kalebassen desselben aufgetragen. Für das kredenzen derselben ist stets
ein Mundschenk bestimmt, der zuerst das Getränk verkosten muß, bevor er
es dem König reicht. Der König leert das erste Gefäß, nippt vom zweiten,
um es einer der Frauen oder einem seiner kleinen Kinder zu reichen; dann
thut er ein Gleiches dem weißen Besucher gegenüber. Vom Honigbier
bekamen nur seine besonderen Günstlinge zu verkosten, meist Menschen,
deren Dienst er den Tag über in Anspruch nahm oder es für den nächsten
Tag beabsichtigt.
Da der Honig Krongut ist, wird das Honigbier nur in der königlichen
Familie öffentlich, sonst nur im Geheimen getrunken, es wird, wie ich
schon erwähnte, nicht aus reinem Honig, sondern aus den mit Wasser
übergossenen und an einer der Sonne ausgesetzten Stelle acht bis zwölf
Stunden in einer Kalebasse belassenen Honigwaben und dem unreinen Honig
bereitet.
Am 24. wagte ich einen längeren Ausgang durch die Stadt, ich ging, wie
ich es später zu meiner Hauptbeschäftigung in Schescheke machte, um
gegen die nun leider nicht mehr benöthigten Ausrüstungs-Utensilien von
den verschiedenen Schescheke bewohnenden Stämmen ethnographische Objekte
einzutauschen. Unter den gesammelten Pflanzen fand ich ein Drittel mir
schon bekannter Arten vor, zwei Dritttheile waren mir neu, von welchen
wieder ein großer Theil vom unmittelbaren Ufer des Zambesi aus dem
Zambesi-Hochlande herrührte.[14]
[Fußnote 14: Siehe Anhang 3.]
Die uns durch die Mosquitos bereiteten schlaflosen Abende benützte ich,
um von Westbeech Näheres über die als Unterthanen der Matabele am
Majtengwe wohnenden westlichen Südzambesi-Makalakas zu erfahren, die ich
persönlich während meiner verschiedenen Besuche in Schoschong sowie
durch die Berichte meines Freundes Mackenzie kennen gelernt hatte.
Am 25. fühlte sich der König derart unwohl, daß er den Weißen den
Eintritt in sein Gehöft bis auf Weiteres verbot; es war das unstreitig
das Werk Sykendu's, dem es darum zu thun war, dem gesunkenen Handel
seiner Partei wieder aufzuhelfen und die weißen Männer aus dem Süden
möglichst zu verschwärzen und ihnen die Gunst Sepopo's zu entziehen.
Täglich brachten uns die Fischer Sepopo's Fische zum Kaufe. Die im
Marutse-Reiche übliche Fischerei theile ich in Fisch- und
Wasserreptilien-Fang ein. Im Fange gewisser Wasserreptilien haben
einige, im Fischfange die sämmtlichen am Zambesi vom Kabompo bis weit
über die Victoria-Katarakte östlich wohnenden Stämme eine ungewöhnliche
Fertigkeit, sie übertreffen in dieser Hinsicht manche der Küstenbewohner
(Eingeborne) und jene am N'gami-See, welche keine schlechten Fischer zu
nennen sind. Nicht minder meisterhaft betreiben gewisse Stämme im
Reiche, wie die Marutse und Mamboë's den Fang der beiden großen
Wasserreptilien, des Wasserleguans und des Krokodils. Die Fischerei
verschafft den Bewohnern des Reiches einen nicht unbedeutenden Theil der
Lebensbedürfnisse; die Fische, welche regelmäßige Steuer- und
Tributabgaben bilden, sind auch Handelsartikel. Der Fischfang wird auf
fünffache Art betrieben: 1. in Netzen, 2. in Reusen, 3. in niedrigen
kleinen Dämmen, 4. durch Absperren kleinerer Lagunen mit weitmaschigen
Rohrmatten und 5. mit Speeren. Von den fünf verschiedenen Fangweisen der
Fische im Marutse-Reiche ist der Fang mit Netzen am großartigsten und
reichlichst lohnend. Die Marutse arbeiten sehr gute, weite und
engmaschige, mit Schwimmpflöckchen und Beschwermitteln versehene,
fünfzehn bis fünfundzwanzig Meter breite Netze aus Bastfäden, die zu
Federspul- und kleinfingerdicken Schnüren gedreht sind. Die Netze
entsprechen ihrem Zwecke vollkommen, halten sich auch länger als man
denken würde. Nach beendeten Fischzügen werden sie sorgsam gereinigt und
getrocknet. Die Netze werden meist zum Fischen in den breiten und
längeren Lagunen benützt, namentlich in solchen, die kein
morastig-schilfiges Ufer haben. Die Mamboë, Marutse und Masupia sind als
die besten Fischer im Reiche bekannt. Dieselben sind in Colonien längs
dem Flusse angesiedelt, und bewohnen hier theils stabile, theils
periodische Niederlassungen.
Die zweite Fangweise ist die in Reusen; diese wird zur Zeit des
niedrigsten und des höchsten Wasserstandes, im letzteren Falle oft
combinirt mit der dritten Fangweise, versucht. Im ersteren Falle stets
an den Stromschnellen, wo die Wassermenge des Flusses durch zahlreiche
Inseln getheilt, kleine, zwischen zwei Felsenblöcke eingeengte Strömchen
bildet. Die Reusen sind auffallend schmal, etwa 1½ Meter lang, mit
dreißig bis vierzig Zentimeter Querdurchmesser und in der Form unseren
Reusen ähnlich. Sie sind aus starkem Rohr gearbeitet und werden dem
Strome mit ihren Mündungen entgegengehalten.
Die dritte Fangart besteht in der Errichtung niedriger, aus dem
durchweichten Boden der überschwemmten ebenen Partien der Thäler
aufgeführter Ringdämme. Diese werden mit dem ersten Sinken des Flusses
errichtet, welches so rasch erfolgt, daß man mit Leichtigkeit sich der
Fische innerhalb der Dämme bemächtigen kann. Ich fand ähnliche
Dammüberreste an ebenen Stellen in der Nachbarschaft der Dörfer und
Städte. Der Inquisi wird in dieser Weise häufig erbeutet. Das trübe
Wasser erleichtert das Gelingen des Fanges.
Die vierte Fangweise besteht im Absperren der Mündungen kleiner drei bis
zehn Meter breiter, minder dicht oder gar nicht beschilfter Lagunen mit
weitmaschigen, aus starkem Rohr gearbeiteten Matten. Diese Fangweise
wird in den Monaten Mai, Juni, Juli und August zur Zeit des Sinkens des
Wassers in der Regel mit gutem Erfolge angewendet. In ähnlicher Weise
werden in den Fluß einmündende Regenmulden abgesperrt. Die fünfte
Fangweise ist nächst dem Netzfang die anziehendste und beweist die große
Geschicklichkeit, mit welcher die Zambesi-Bewohner die leichteren Wurf-
und Stoßspeere zu handhaben wissen. Nebst den Fischen werden auch
Leguane gespeert, als Speere bedient man sich einer Waffe, die zwischen
einem Fischotter- und einem Fischassagai die Mitte hält. Die Scheide ist
nur acht bis zehn Zentimeter lang, zierlich gearbeitet und vertritt die
nagelförmige runde Spitze der letztgenannten Waffe, so, daß der übrige
Theil vierkantig und fingerdick ist. Die vier Kanten sind von vier
Reihen gekrümmter Widerhaken gebildet.
Der Unmuth Sepopo's über seine Krankheit mehrte sich von Tag zu Tag, er
wurde mißtrauisch, denn auch diesmal erblickte er in seiner Krankheit
den Einfluß eines bösen Zaubers eines seiner Unterthanen und suchte
durch eine Reihe von Hinrichtungen diesen Bann zu brechen. Die Stimmung
Sepopo's kam Vielen sehr gelegen, sie konnten sich nun auf die
leichteste Weise ihrer Gegner oder Nebenbuhler entledigen, indem sie
dieselben einfach des Hochverrates anklagten.
Da sich der Zustand Sepopo's nicht besserte, ließ er am 27. Sykendu
rufen und drohte, ihn hinrichten zu lassen, wenn nicht rasch eine
günstige Aenderung eintreten würde. Sykendu versprach ihm rasche Hilfe,
jedoch nur unter der Bedingung, daß Sepopo ihm ein schönes Makololo-
oder Masupia-Weib übergebe. Der König, welcher bisher das wiederholt
ausgesprochene Verlangen des Mambari unberücksichtigt ließ, erfüllte es
nunmehr.
Am 30. besuchte mich der Häuptling Rattau; ich lenkte das Gespräch auf
meine zukünftige Reise und er erzählte mir von einem Araber, welcher
diese Reise einst unternommen hatte. Als ich nun Westbeech darüber
befragte, berichtete mir dieser eine Episode, die ebenso abenteuerlich
wie interessant genannt werden muß und die Zähigkeit des Arabers
erkennen läßt. Ein Araber, der im Dienste des Sultans von Zanzibar
stand, schiffte sich mit einem der englischen Dampfschiffe nach Capstadt
ein. Hier lebte er eine Zeit lang unter den Malayen und als er von einem
Weißen, den er darum befragt hatte, über die Richtung belehrt wurde, in
der seine Heimat lag, nahm er sich vor, dahin zu wandern. Man bewilligte
ihm die Ueberfahrt nach Port Elizabeth, von wo er sich nach den
Diamantenfeldern wandte. Von hier wieder die Richtung nach Norden
einschlagend, gelangte er mit dem Wagen eines Händlers bis Kuruman, und
bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm darbot, nach dem
Marico-District, von da kam er irriger Weise wieder nach Kuruman zurück,
um schon in kurzer Zeit darauf nach dem Marico-District zurückzukehren.
Von Zeerust reiste er auf einem zufällig mit Lebensmitteln nach
Schoschong fahrenden Wagen nach dem Lande der östlichen Bamangwato,
woselbst er sich eine Zeit lang aufhielt, ohne jedoch das Anerbieten der
Schoschonger Kaufleute, sich bei ihnen zu verdingen, anzunehmen.
[Illustration: Das Speeren der Fische.]
In ein dürftiges Gewand gehüllt, mit getrocknetem Fleisch und einem Kiri
versehen, trat er, nachdem er sich den Weg nach Norden hatte beschreiben
lassen, seine Weiterreise an. So kam er bis zum Nataflusse, hier fanden
ihn Seschele's Leute (welche von einem Jagdzuge zurückkehrten) in
halbverhungertem Zustande, trugen ihm ihre Hilfe an und forderten ihn
auf, mit ihnen nach dem Süden zurückzukehren. Er schlug jedoch ihr
Anerbieten aus und zog weiter. In Folge Wassermangels wich er jedoch vom
Wege ab, schlug eine östliche Richtung ein und irrte drei Tage lang
umher, schlief in der Nacht auf Bäumen, bis er zuletzt unter einem
derselben in bewußtlosem Zustande liegen blieb. Hier fanden ihn
Matabele, nährten ihn bis er wieder zu Kräften kam und brachten ihn
hierauf zu ihrem Könige La Bengula nach Gubuluwajo, woselbst er einige
Zeit verweilte. Als er von Westbeech's erstem Zuge zu Sepopo hörte,
folgte er diesem, nachdem ihm der Matabele-König eine Strecke weit
Führer mitgegeben. So kam er abermals zum Nataflusse, an dem er den
Wagen des holländischen Jägers van Groonen antraf, jedoch ohne
Aufenthalt weiter nach dem Zambesi zog. Jenseits des Saddler'schen
Tümpels begegneten und berichteten ihm Westbeech's Diener, daß der
letztere am Tschobe weile. In Folge Wassermangels verließ er neuerdings
seinen Pfad und traf einen Haufen Masarwa's, die einen Kudu und ein
Zebra erlegt hatten; von ihnen erhielt er Antilopenfleisch und ließ sich
zu Westbeech führen. Dieser war nicht wenig erstaunt, diesen kaum
bekleideten, und über und über von dem dornenvollen Wege mit Wunden
bedeckten Menschen vor sich zu sehen. Am 9. September 1871 verließ der
Araber Impalera, um sich mit Sepopo's Leuten nach der Barotse, wo der
König damals wohnte, einzuschiffen. Fünf Monate lang blieb er bei
Sepopo, bis er sich erholt hatte; als er sich auf die Weiterreise begab,
wurde er von einem Stamme, der weiter ab wohnte, wieder zu Sepopo
zurückgebracht, verblieb hier einige Zeit und trat neuerdings seine
Reise weiter nach Norden an. Man erfuhr nur noch, daß er nach einer der
nördlichen Provinzen des Landes, nach dem Mankoë-Lande gelangt war und
dann verschollen blieb.
[Illustration: Gang durch Schescheke.]
Am letzten Tage des Jahres 1875 brachten uns Masupia's von Panda ma
Tenka die traurige Nachricht, daß Cowley, der Begleiter der beiden
englischen Officiere, welche zu Sepopo der Elephantenjagd halber
gekommen waren, dem Fieber erleben sei, ferner daß die beiden Officiere
in einem trostlosen Zustande von den Victoriafällen von ihren Dienern
zurückgetragen wurden.
Am 2. Jänner 1876 erkrankte Westbeech an einer Entzündung der Kniehöhle,
nachdem ihm seine Mittel nicht die gewünschte Linderung brachten,
untersuchte ich die erkrankten Stellen und fand, daß beiderseits die
Kniehöhle von zahllosen weißen Blasen bedeckt sei. Ich öffnete einige
derselben und fand zu meinem Erstaunen, daß sie mit feinen äußerst
scharf bewollten Pflanzenhärchen eines binsenartigen Grases gefüllt
waren. Zu dem Könige, den ich seit meiner Rückkehr noch nicht besucht
hatte, war in der letzten Zeit außer Sykendu, drei seiner Frauen und
seinen Günstlingen Niemand zugelassen worden.[15]
Westbeech und auch die mich besuchenden Häuptlinge riethen mir meiner
Gesundheit halber so bald als möglich Schescheke zu verlassen. So
entschloß ich mich zur Rückkehr nach Panda ma Tenka. Jene Tage, an
welchen mich mein Zustand ans Lager oder in der Hütte fesselten,
benützte ich, um von den mich besuchenden Häuptlingen Erkundigungen über
das sociale Leben im Marutse-Reiche einzuziehen. Ich gebe in Folgendem
die Berichte derselben in der Hauptsache wieder.
[Fußnote 15: Siehe Anhang 4.]
Die wirklichen Unterthanen werden als Sklaven angesehen, wenn sie einem
anderen Stamme als den der Marutse und Mabunda angehören und nicht vom
Herrscher frei erklärt wurden. Die Marutse sind allgemein frei von
Sklavendiensten, allein sie können nach begangenen Missethaten oder wenn
sie des Königs Ungunst erregen und deshalb angeklagt und verurtheilt
wurden, zu Sklavendiensten verhalten werden. Erhielt oder nahm ein
Sklave eines anderen Stammes eine Marutse-Frau zur Gemahlin, so werden
die Kinder, wenn der Vater nicht später frei erklärt wurde, als Sklaven
angesehen und gehören demjenigen an, in dessen Leibeigenschaft der Vater
stand. Der Preis für einen ausgewachsenen Sclaven belief sich in
Schescheke auf ein Boot, eine Kuh oder zwei Baumwolldecken; im
westlichen Theile des Reiches ist der Preis noch niedriger, in den
nördlichen Partien wie am oberen Kaschteja-Flusse sind sie sogar für
einige Glasperlenschnüre feil. Im Marutse-Reiche finden keine
öffentlichen Sklavenmärkte statt, trotzdem können aber viele Sklaven in
einem einzigen Dorfe erstanden werden. Leider sind es meist die Mambari,
die so manchen Sklaven kaufen und verkaufen und damit gewiß den
unwissenden Schwarzen kein gutes Beispiel geben. Diese Händler, die
gleich mit ihren Gebetbüchern zur Hand sind, um sich vor Jeden, den sie
als schreib- und lesekundig wähnen, als Christen zu bekennen, haben in
Wirklichkeit nichts von christlicher Liebe und tragen nur Verwirrung
statt Belehrung und Civilisation in die vom Aberglauben befangenen
Gemüther der Völker am oberen und centralen Zambesi.
Ist ein Mann nicht gerade Leibsklave, so kann er, mit Erlaubniß seines
Herrn, mehrere Frauen nehmen. Freie Frauen, die nicht wie Sklavinnen
einfach als Geschenk gegeben oder verkauft werden, sind in ihrer Wahl
frei. Schon die Vorliebe für weibliche Herrscher setzt eine größere
Achtung für das weibliche Geschlecht voraus, größer, als wir sie bei den
Betschuana's finden, bei welchen sie Dienerinnen und Arbeiter, bei den
Masarwa's, bei denen sie Lastthiere sind und bei der Zulu-Race, bei
welchen sie als Sklaven betrachtet und behandelt werden. Verschenkt der
Regent oder ein Angesehener eine Frau, so geschieht dies meist als
Gegengeschenk oder als Gunstbezeugung. Am 10. kam von Panda ma Tenka die
höchst betrübende Nachricht, daß Westbeech's Gehilfe Bauren dem Fieber
erlegen sei. Am 11. erschien der Kommandant Capella in unserem Höfchen
und brachte die Nachricht, daß der König sechs Kähne dem
Elfenbeinhändler zur Verfügung gestellt habe, um sein Elfenbein nach
Impalera zu schaffen. Der Letztere erklärte jedoch, er brauche zweimal
so viel und könne jetzt noch nicht abgehen. Ich jedoch benützte diese
Gelegenheit, um meine Sachen zu packen und die Rückreise anzutreten.
Westbeech versprach, sich noch am selben Tage von Sepopo mehrere Kähne
zu erbitten und mich drei Tage später einzuholen. Ich verließ mich
darauf, traf keine Vorsorge, mir Nahrungsmittel zu verschaffen -- nicht
ahnend, daß durch Sepopo's Hinterlist aus den drei Tagen fünf Wochen
wurden, und ich noch die traurigste Zeit auf dieser dritten Reise
erleben sollte. Im folgenden Capitel will ich Handel und Wandel, Sitten
und Gebräuche der Stämme des weitläufigen Reiches schildern, hier sei es
mir erlaubt, vor dem Scheiden von Schescheke noch einiger Charakterzüge
der bedeutendsten das Marutse-Reich bewohnenden Stämme zu gedenken.
Kein Stamm des Marutse-Mabunda-Reiches ist so tapfer und muthig wie die
südlich vom Zambesi wohnenden Zulu's und Amaswazie's. Von den Matabele
findet sich eine Kolonie in der Barotse, während unter den übrigen
zahlreichen Stämmen die Mamboë und Masupia zu den muthigsten zu rechnen
sind. Mit Rücksicht auf Muth den wilden Thieren gegenüber sind die
Masupia-Elephantenjäger unerschrocken, doch keiner der Stämme besitzt so
tüchtige Löwenjäger wie es die Matabele sind. Nur in der Jagd des
Nilpferdes und des Krokodils werden diese von einem der Zambesi-Stämme,
den Mamboë's übertroffen. Zu Trägern und schweren Arbeiten eignen sich
die Mabunda und Mankoè. Die letzteren sind unstreitig der schönste und
kräftigste Menschenschlag im vereinigten Königreiche. Als die feigsten
werden die Manansa angesehen, ich selbst lernte sie nur als bewährte,
keineswegs feige Diener kennen. Stolz ist unter den Eingebornen meist
mit Muth gepaart, deshalb erreicht er bei den Matabele einen hohen Grad,
während die Stämme des Marutse-Mambunda-Reiches ihn kaum kennen. Zwar
lassen die Marutse es den übrigen Völkern deutlich und öfter fühlen, daß
sie der herrschende Stamm seien, allein von eigentlichem Stolz und einem
auf selbstbewußter Kraft und Machtstellung beruhenden Dünkel, wie ihn
die Matabele und Zulu's zur Schau tragen, bemerkt man hier zu Lande
nichts, selbst die in der Barotse angesiedelten Matabele sind durch ihre
friedliche Umgebung nach und nach zahme Löwen geworden. Deshalb ist auch
das Verhältniß zwischen Herr und Sclave ein ziemlich befreundetes, ein
viel freundlicheres, als bei allen südlich vom Zambesi wohnenden,
Vasallen und Sklaven haltenden Stämmen. Bescheiden erscheinen namentlich
die Mamboë und alle nördlich des Zambesi wohnenden Stämme, welche selten
den Marutse-Hof besuchen. Im Allgemeinen ist die Bescheidenheit von
Seite der Unterthanen den Kosana's und Koschi's und dem königlichen Hofe
gegenüber eine an tiefste Unterwürfigkeit grenzende; wenn sich die
Bewohner des Tschobe-Striches, ferner die Batoka, Matonga am Zambesi und
die in und um Schescheke lebenden Marutse und Mabunda den Weißen
gegenüber oft sehr arrogant betragen, so trägt wohl meist das Benehmen
der Weißen selbst die Schuld daran. Diese Arroganz kann jedoch nicht als
Stolz bezeichnet werden; denn ich beobachtete nur zu oft, daß ein dem
anmaßenden Dünkel und der Frechheit entsprechendes scharfes, strenges
Auftreten die Eingebornen einschüchterte.
Wie blind und treu die Untertanen gehorchen, zeigt das Verhältniß zu
Sepopo. Was die Treue der Sklaven zu ihrem Gebieter betrifft, ist diese
meist eine lobenswerthe, dafür kann man weniger von ehelicher Treue und
Liebe sprechen. Ich bemerkte wohl, daß oft Zuneigung zur Ehe führte,
diese aber in seltenen Fällen als bindend betrachtet wird, wofür schon
das Mulekau-Unwesen spricht. Dasselbe ist ein Krebsschaden des ganzen
Volkes, es zerstört jedes Eheglück und wirkt schon auf die
heranwachsende Jugend so verderblich, daß diese sehr wenig von
wirklicher Zuneigung in's eheliche Leben hinüberbringt. Das Mulekauthum
scheint namentlich den südwestlichen und westlichen Stämmen eigen
gewesen zu sein, sich aber nach und nach über das ganze Reich
ausgebreitet zu haben.
Was die elterliche und kindliche Zuneigung anbelangt, so beobachtete ich
in der Regel blos die erstere, ja ich fand die Eltern oft sehr liebevoll
und zärtlich schon herangewachsenen Sprossen gegenüber, allein in der
Regel wird diese von den Kindern schlecht belohnt, wenn die Eltern
altersschwach und gebrechlich werden. So wie ich die Stämme des
Marutse-Mabunda-Reiches kennen lernte, würde ich es dem Reisenden nicht
rathen, den ihm vom Könige mitgegebenen Dienern blindlings zu vertrauen.
Der Reisende muß einen Chef oder einen sonst angesehenen Mann als Führer
fordern, einen, der mit dem Kiri den Trägern und Bootsleuten gebietet,
wenn sich diese widerspenstig zeigen, er muß schon im Vorhinein die
gegenseitigen Pflichten und Rechte vom Könige genau feststellen lassen.
Der Reisende darf nicht zu freigebig sein und die verschiedenen Stämme
so behandeln, wie es ihre geistige Entwicklung und ihr Charakter
erheischt. Güte hilft bei den Manansa und Mamboë, ein gemessenes etwas
mehr zurückhaltendes Betragen bei den Marutse, Mankoë; unablässige
Vorsicht ist den Masupia, Mabunda und Matonga gegenüber geboten. Ein
ernstes, ich möchte sagen jedes Lächeln bannendes Benehmen muß man den
Matabele zeigen, und vor den Makalaka's Alles nagelfest halten. Den
Herrscher behandle man mit großer Freundlichkeit und suche es geheim zu
halten, wenn man sich mit ihm entzweit. Hilft Güte allein nicht und
stellt der Regent immer unverschämtere Forderungen, so muß man sich
ernst, gemessen und furchtlos zeigen und sich nicht zu übereilten,
gewaltthätigen Schritten hinreißen lassen. Tapferkeit und Muth sind, wie
schon erwähnt, nicht die Zierden der obgenannten Stämme, und darum ist
ein entschlossenes, furchtloses Auftreten das beste Mittel, sich den
Rückzug zu sichern, wenn man an weiteres Vordringen oder an die
Verwirklichung anderweitiger Pläne nicht mehr denken kann.
Die Menschenopfer zu Zauberzwecken, die Art und Weise des Tödtens der
Hausthiere, der Gebrauch der mit Widerhaken versehenen Wildassagaie etc.
zeigen deutlich, daß der thierische Raub- und Vernichtungssinn eine der
größten Schwächen der obgenannten Völker bilden. Haß und Falschheit sind
äußerst selten, ich möchte nur die Makalaka's der letzteren Untugend
beschuldigen. Dankbarkeit den Weißen gegenüber ist unstreitig allen
Stämmen eigen und in um so höheren Grade, je einfacher ihre Lebensweise
und je weiter nach Norden, Nordosten oder Nordwesten dieselben von den
Victoria-Katarakten und der Tschobe-Mündung wohnen. Eitelkeit besitzen
alle wilden Stämme; derselben zu fröhnen, haben im Allgemeinen die
Völker des Marutse-Mabunda-Reiches mehr Geschick und Sinn, als die
meisten der südlich vom Zambesi wohnenden eingebornen Stämme. In
moralischer Beziehung stehen sämmtliche Stämme des Reiches tief, doch
ist diese Schattenseite ein Produkt des Urzustandes und nicht erworben,
wie bei einigen Stämmen der Hottentotten-Race. Ich glaube, daß ein gutes
Beispiel, Bekehrung, ein von den Weißen auf den Herrscher sanft
ausgeübter Druck schon nach zwei Jahren eine äußerst befriedigende
Umgestaltung bezwecken könnte. Es gehört jedoch dazu ein ernsteres
Auftreten von Seite der Weißen und ein Mann als Herrscher, der mehr
Ehrenhaftigkeit besitzen müßte, als ich es an Sepopo beobachtet habe.
Erstlich müßten die Fremden das Anerbieten der Mulekau-Ehre
zurückweisen. Sie gewinnen nicht allein mehr Achtung, sondern zeigen
auch dadurch, daß solche Sitte in dem Lande der Weißen nicht allein
ungebräuchlich, sondern auch verdammt ist.
Das System, nach welchen sich der König seine Gemahlinnen nimmt, indem
er sie in der Regel gegen ihren Willen raubt, und deren sich dann viele,
trotz aller Androhungen des Todes, der Untreue schuldig machen, muß auch
erst gebrochen werden, bevor eine merkliche Besserung der Sitten im
Gesammtreiche erzielt werden könnte. Die Frauen betrachten ohnehin die
ehelichen Bande als sehr lose, selbst da, wo sie sich den Mann frei
gewählt haben. Das Beispiel der Königinnen, die sich der Untreue
schuldig gemacht, trägt sicherlich nicht dazu bei, der allgemeinen
Unsittlichkeit zu steuern, und dies umsoweniger, als Sepopo selbst jeden
ihm zu Gehör gekommenen Fall der Oeffentlichkeit preisgab.
Daß die wenigen Weißen und Eingebornen, die von Süden her das
Marutse-Mabunda-Reich besuchen, schon einen gewissen indirekten Einfluß
auf die Stämme des Zambesi ausgeübt haben, erhellt daraus, daß sich die
Stämme schon, wenn auch noch sehr primitiv, bekleiden, während die
nördlichen Nachbarn des Reiches, die Maschukulumbe, vollkommen nackt
einhergehen.
XII.
Die Culturstufe der Völker im Marutse-Reiche.
Religiöse Vorstellungen. -- Lebensweise der Völker. -- Ackerbau. --
Erträgniß desselben. -- Preis der Feldfrüchte. -- Consum. -- Kleidung
der Männer und Frauen. -- Die Stellung der Frau im Marutse-Reiche. --
Erziehung der Kinder. -- Ehe. -- Todtenbestattung. -- Grabdenkmäler. --
Das Reisen im Lande. -- Die Rechtspflege im Reiche. -- Eine Hinrichtung.
-- Die Doctoren Sepopo's. -- Aberglauben. -- Zaubermittel. --
Menschenopfer. -- Industrie-Erzeugnisse der Marutse. -- Thongefäße. --
Holzarbeiten. -- Calebassen. -- Flechtarbeiten. -- Schneide-Werkzeuge.
-- Jagd- und Kriegswaffen. -- Textil-Industrie. -- Canoebau. --
Tabakspfeifen und Schnupftabakdosen. -- Toilette-Artikel. --
Schmuckgegenstände.
[Illustration: Ertränken arbeitsunfähiger Personen.]
Ich erlaubte mir in den letzten Capiteln bei verschiedenen Gelegenheiten
auf die mir interessant erscheinenden Gebräuche im Marutse-Reiche und
auf viele Charakterzüge seiner Stämme hinzuweisen; ich will nun die
Schilderung derselben im Folgenden vervollständigen und im nächsten
Capitel zu meinen Reise-Erlebnissen zurückkehren.
Wie schon erwähnt, besaß die Banthu-Familie, bevor sie sich in die
zahlreichen Stämme theilte, welchen wir gegenwärtig begegnen, den
Glauben an einen mächtigen, unsichtbaren Gott; bei den Marutse hat sich
dieser Glaube unter allen Banthu-Stämmen am reinsten erhalten. Man
glaubt an ein unsichtbares allwissendes Wesen, welches genau das Thun
eines Jeden beobachtet und mit jedem Menschen nach Belieben verfährt.
Man scheut sich sogar seinen Namen auszusprechen, und bedient in der
Regel eines Ersatzwortes: »Molemo«, welches Wort jedoch umfangreichen
Begriff in sich schließt und deshalb in seinem jedesmaligen Sinne leicht
verwechselt werden kann. Molemo kann Gott, kann böse oder gute Geister,
Heilmittel und auch Gifte, Zaubermittel Amulete etc. bezeichnen. Ihre
richtige Benennung für das oben erwähnte allwissende Wesen ist »Ñambe« =
Njambe. Beim Aussprechen dieses Wortes erheben sie ihre Augen gegen das
Firmament, weisen mit der Hand dahin oder sie thun beides ohne Njambe
auszusprechen. Ich beobachtete Viele, die es mit »Er da oben« oder »Er«
umschrieben. Sie meinen, das mächtige Wesen lebe »^mo-chorino^«, d. h.
im Blau des Firmamentes. Stirbt Jemand natürlichen Todes, so heißt es:
»Njambe rief ihn hinweg«; unterliegt ein anderer im Kampfe mit seinem
Nebenmenschen, mit wilden Thieren oder der Wuth der Elemente, so heißt
es: »Es geschah auf Njambe's Geheiß;« wird ein Verbrecher zum Tode
verurtheilt, so wird dies als die gerechte von Njambe gesandte Strafe
angesehen und der Schuldige, der davon überzeugt zu sein scheint, ergibt
sich demüthig in sein Geschick, während der unschuldig Verurteilte
(unter Sepopo gab es deren zahllose) wie die ihn begleitenden Freunde
bis zum letzten Momente das größte Vertrauen in Njambe's Allwissenheit
setzend, auf seine Hilfe hoffen, die sich bei dem bei Hinrichtungen
gebräuchlichen Giftgenusse im Erbrechen des Giftes äußern soll.
Die Völker des Marutse-Reiches glauben außerdem an unsichtbare gute und
böse Geister und suchen letztere durch auf Pfähle aufgehangene
Beschwörungsmittel von ihren Gehöften zu bannen oder sie mindestens zu
besänftigen. Die Abwehr- und Besänftigungsmittel sind: Thier- und
Menschenknochen, Nilpferdzähne, besondere Holzstücke, Baumrinden,
Kürbißkalebassen etc., die in aus Bast, Gras oder Baumblättern
geflochtenen sackförmigen Körbchen auf drei bis vier Fuß hohen Pfählen
aufgehangen werden. Die meisten Völker des Marutse-Mabunda-Reiches
glauben an ein Fortleben nach dem Tode, und so pflanzen z. B. die
Masupia mächtige Elfenbeinzähne auf die Gräber ihrer Chefs. Es geschieht
dies hauptsächlich, um den verstorbenen, Njambe näher gerückten Chef
durch die Weihe der Zähne für seine Trennung von seinem Hab und Gut und
von ihnen selbst zu beschwichtigen und sich seines nun doppelt mächtigen
Schutzes zu vergewissern.
Außerdem, daß sie jedes Unheil bösen Geistern zuschreiben, glauben sie
auch viele Unglücksfälle dem Uebelwollen, dem Zürnen eines verstorbenen
Chefs zuschreiben zu müssen, die durch gewisse am Grabe vorgenommene
Ceremonien besänftigt werden können. Erkrankt ein Mitglied der
königlichen Familie, oder ein weiser Besucher in der Umgebung von
königlichen Beerdigungsstätten, so wird der Erkrankte, wenn er sich der
Gunst des königlichen Hauptes erfreut, an das Grab des Angesehensten
gebracht, und hier verrichtet der Herrscher eine gebetartige Ceremonie
in flehender und beschwörender Form, damit sich der Verstorbene des
armen Dulders erbarme und ihn durch seine Fürsprache bei Njambe gesund
mache.
Die Lebensweise der Stämme des vereinigten Marutse-Mabunda-Reiches ist
im Allgemeinen nicht so einfach wie die ihrer südlich vom Zambesi
wohnenden Bruderstämme. Der Boden lohnt die Mühe des Ackerbaues so
reichlich, die Viehzucht gedeiht in zwei Dritttheilen des Reiches so
vortrefflich, und das von der Tsetse inficirte Dritttheil ist derart von
Wild überschwemmt, die Flüsse und ihre Lagunen fischreich und die
Wälder, Büsche und Wiesen so reich an eßbaren Früchten, Samen und
Wurzeln, daß die Eingebornen nicht, wie manche Betschuana-Stämme durch
das Ausbleiben der Sommerregen von Hungersnoth heimgesucht werden. Die
reichliche Wassermenge, der gute Boden und das warme Klima unterstützen
Ackerbau und Viehzucht in der kräftigsten Weise.
Die Felder werden von den Frauen durch fleißiges Ausjäten rein gehalten,
auf den meisten lange Furchen zum Wasserabfluß gezogen. Zur Zeit der
herannahenden Reife errichtet man Wächterhütten, in denen Junge wie
Erwachsene zuweilen Tag und Nacht die Felder bewachen. Beim Ausdreschen
schüttet man die Aehren und Kolben auf große Carossen und Häute, auch
auf Stroh- und Rohrmatten und schlägt mit Knütteln auf dieselben los.
Ein bestimmter Theil der Ernte gehört den Frauen, welche darüber nach
Gutdünken verfügen können. Dabei wissen sie ihr Eigenthum in Wort und
That zu wahren und ihren Theil gut zu verkaufen; ich beobachtete sowohl
bei meinen Unterhandlungen als bei dem Tauschgeschäft der Händler, daß
wir nicht so leicht die gesuchte Waare von dem schönen Geschlechte
erstehen konnten; selbst wenn Männer an Stelle ihrer Frauen die Waaren
feilboten, forderten sie stets einen höheren Preis und sagten: »Die Frau
fordert es, sonst muß ich das Korn wiederbringen.« Für ihren
eigentlichen Bedarf, abgesehen von den Abgaben an den Chef und den
König, baut sich eine Familie von etwa fünf Personen ein bis drei
Grundstücke von je 2800 bis 3000 Quadratmeter Fläche. Da dieselben zu
zwei Dritttheilen in den bewaldeten Theilen des Landes liegen, wird
zuerst von den Männern und Jungen das Unterholz abgehauen, und die
großen Bäume ihrer Aeste beraubt. Mir dem gewonnenen Holze wird das Feld
umzäunt. Das Unterholz und das ausgejätete Unkraut wird hierauf in Brand
gesteckt und mit der Asche das Feld gedüngt und nun die Saat gepflanzt.
Diese Aussaatzeit begreift die Monate September und October in sich; zur
Saat der Kürbisse, bohnenartigen Früchte, des Tabaks etc. wählt man die
Zeit von Ende October bis Anfang December. Die zuletzt erwähnten
Feldfrüchte werden zuerst und bei einem auffallend raschen Wachsthum oft
schon im Jänner reif, die Kafirkornarten und der Mais im Februar, die
Bohnen in beiden Monaten. Am häufigsten wird das gewöhnliche Kafirkorn
angebaut, von dem ich zwei Arten, das rothe und das weiße unterscheide.
Es gedeiht vorzüglich und liefert das Hauptcontingent der
vegetabilischen Abgaben, sowie für den nach außen hin mit Feldfrüchten
getriebenen Handel. Die beiden Arten stimmen vollkommen mit denen
Süd-Afrikas überein.
Die dritte Kornart, die wir auch hie und da, doch selten in Süd-Afrika
vorfinden, wird von den holländischen Jägern »Kleen-Korn«, von den
Marutse »Rosa« genannt. Diese Art zeigt kleine, dem Vogelsamen
(Hanfsamen) ähnliche Samen, welche fein gestoßen, ein schwarzes, zur
Brodbereitung durch größere Bindekraft tauglicheres Mehl als die beiden
sorghumartigen liefern. Es wird von den Marutse als feinere Mehlgattung
angesehen und hat den zweifachen Werth der beiden anderen Gattungen.
Gleich häufig wird der Mais gepflanzt und gedeiht vortrefflich. Noch
häufiger als Mais werden im Marutse-Reiche die kürbißartigen Früchte
angebaut, darunter mehrere Arten Wassermelonen, eßbare Kürbisse und eine
Unzahl Flaschen- etc. Kürbisse, die nur der äußeren Schalen halber
gepflanzt werden. Ebenso häufig werden zwei Bohnengewächse, das eine mit
kleineren farblosen, das andere mit etwas größeren, meist carminrothen
oder violetten Bohnen gepflanzt. Sie bilden wie das Mabele (gewöhnliches
Korn), die Rosa und der Imboni (Mais) einen Theil der Abgaben. Mit
Nilpferdspeck oder Fleisch gekocht, bietet die Li-tu- und die
Di-nau-a-Bohne ein Gericht, welches unsere heimische Art an gutem
Geschmack übertrifft. Zu diesen Feldfrüchten müssen wir noch drei
hinzufügen, von welchen die Manza und die Masoschwani (^Arachis
hypogaea, M'pinda^ der centralen Westküste) im Gesammtreiche, Baumwolle
in den östlichen Landestheilen allein angebaut werden. Die drei
letzteren verbürgen, daß auch Reiscultur mit Erfolg betrieben werden
könnte. Die Arachis bildet einen Theil der Steuern und des Tributs, die
Manza ist Krongut und wird im Gesammtertrage dem Hofe abgeliefert,
während die Baumwolle von den östlichen Stämmen für den eigenen Bedarf
gebaut und verwendet wird. Die Arachis wird in der Asche und in Schalen
geröstet genossen, von den Europäern, welche den Zambesi besuchen, im
Nothfalle geröstet und als Kaffeesurrogat verwendet. Die Manza wird zu
feinem Mehl gestoßen und ohne Zuthat von Salz als Mehlbrei genossen.
Bezüglich der Baumwolle erwähne ich, daß sie zu guten starken Geweben
verarbeitet wird. Weniger als Nahrungsmittel denn als durststillendes
Mittel pflanzt man häufig um die Hütten und zerstreut zwischen Korn und
Mais das gleich üppig und hoch aufwachsende Zuckerrohr (Imphi). Es ist
dieselbe Art, welche man in ganz Süd-Afrika vorfindet und erreicht am
centralen Zambesi ihre Süßreife im December bis Februar.
Der Preis der Feldfrüchte stellt sich wie folgt:
Am Südufer des Tschobe, In Schescheke In den
Impalera gegenüber, (in der Barotse nördlichen und
oder am Südufer des sind die Preise centralen
Zambesi an den Victoria- um ein Drittel Landstrichen
Katarakten, sowie der niedriger)
Stadt Wanke's gegenüber
kleine Kattun kl. Glas- Kattun kl. Glas- Meter
Glasperlen Meter perlen Meter perlen Kattun
Pfund Pfund Pfund
Mabele, etwa 20 Pfund ½ 4 ½ 3 ¼ 1½
Imboñi, 8 bis 12 Kolben ½ 3 ½ 2 ¼ 1
Litu, Di-nau 20 Pfund 1 4--5 ¾ 3 1/3 1½--2
Rosa, 20 Pfund ¾--1 6--6½ ¾ 3 ¾ 1½
Masoschwani, 20 Pfund 1 3¼--4½ ¾--1 3--3½ 1/3 2
Manza, 20 Pfund ½--¾ 3 ½ 3 1/3 1½
Stanga, eine große
Wassermelone oder ein
eßbarer Kürbis ¼ 1 ¼ 1 1/8 ¼