verbindenden Arme finden wir einen ähnlich geformten, doch mehr
schroffen aus aufgethürmten Blöcken bestehenden Felsen. Er ist von
Norden, von Osten und Süden von dem tobenden Wasser umspült, doch gegen
Westen von dem Hinterlande durch eine tiefe Schlucht getrennt. Hier auf
dieser isolirten, wohl über 300 Fuß hohen Felsenkuppe war kein
Blättchen, keine Spur von Vegetation zu sehen, Floras liebliche Kinder
waren von dem unwirthlichen Felsen verbannt. Vergebens haben sich seit
Tausenden von Jahren alle die Elemente gegen den Felsenriesen empört,
der Blitz unzählige seiner vernichtenden Schläge an ihm zersplittert,
Aeolus mit all' seinen Genossen gegen ihn angerast und unten der
grimmigste Feind alles Festen auf der Erde schäumend und tosend an
seinem Sockel sich gebrochen. Er bezwang diesen und wies ihm die Bahn.
Wenden wir uns nun von den Wänden der Schlucht zu der Tiefe selbst, in
der ein dunkelblauer Strahl pfeilschnell dahinschießt. Er scheint kaum
ein Drittel so breit wie die Mündung der Schlucht (nach oben), mit
furchtbarer Gewalt stößt und bricht er sich an der scharfen Wendung der
gegenüberliegenden Felsenwand, daß er theilweise zurückgeworfen wird und
zurückströmend in der Regel in einer Bucht seine Kraft zu sammeln sucht,
um sich mit der nächsten Woge zu vereinigen und von Neuem seine Kraft an
dem Felsen zu versuchen. Stellenweise ragen aus der Fluth Felsblöcke
empor, an denen die reißend dahineilenden Wogen aufschlagen und sich
theilen. An einigen der Ecken, an denen die Fluth unter einem scharfen
Winkel eine verschiedene Richtung einschlägt, sehen wir gleichsam um den
brausenden und schäumenden Strahl zu verspotten, scharfkantige, spitz
zulaufende, bis mehrere Meter lange Vorsprünge der heftigsten Strömung
entgegengerichtet, an denen sich auch die Kraft derselben bricht.
Tausende von Jahren tobt der dunkle Strom in der Tiefe, allein wir
können kaum stellenweise eine merkliche Einwirkung wahrnehmen, die er
auf diese unerschütterlichen Wände hervorgebracht haben mochte. Ich
bedauere nur, daß es mir nicht möglich war, länger als drei Tage an den
Victoriafällen zu verweilen. Um die Schlucht, ja das gesammte,
hochinteressante Naturwunder kennen zu lernen, müßte man 1½ bis 2 Monate
an den Fällen verweilen, die Inseln oberhalb des Falles und das
gegenüberliegende Ufer besuchen. Außerdem bietet die Natur in der
nächsten Umgebung der Fälle so viel Anziehendes, daß ich mit mir längst
in's Reine gekommen bin, bei meinem nächsten Besuche nach Muße hier
verweilen zu wollen.
Während des dreitägigen Aufenthaltes, wobei mir leider der Zustand
meiner Füße den Genuß dieses herrlichen Bildes beeinträchtigte, hatten
ich und mein Diener eine interessante Begegnung mit einer sehr
zahlreichen Pavianheerde. An der von mir »Pavianschlucht« genannten
Felsenschlucht, welche als Regenabfluß der umliegenden Gegend zum Flusse
führt und in ihren beiden Dritteln dicht mit Bäumen bestanden, im
unteren jedoch kahl und steil ist, sah ich an der mir gegenüber
liegenden Wand eine zahlreiche Pavianheerde. Ich wünschte einige
Pavianschädel zu gewinnen und tödtete ein Thier, dessen Leiche jedoch in
den Fluß herabkollerte, verwundete andere und brachte auch den rechten
Flügel des Feindes zum Weichen, dagegen behauptete das Centrum seinen
Platz, während der linke Flügel sogar agressiv vorging und mit Steinen
zu werfen begann, so daß ich, nachdem ich unvorsichtiger Weise alle
Patronen mit Ausnahme einer verschossen, mich mit meinem Begleiter durch
die Flucht einem Handgemenge mit den erzürnten Affen entziehen mußte.
Die am jenseitigen Ufer unter dem Häuptling Mochuri wohnenden Bathoka's
kamen auf Kähnen herüber, um uns Ziegen, Kafirkorn, Bier und Bohnen zum
Kaufe anzubieten. Ich traf später in Schescheke einen dieses Stammes, es
war ein Unterhäuptling und Verwandter Mochuris, und Sepopo, in der
Meinung, daß ich noch keinen Bathoka gesehen, stellte mir denselben vor.
Ich erkannte ihn sofort wieder, doch dieser hütete sich, desgleichen zu
thun, da er sich der Uebertretung des königlichen Verbotes, von den
Weißen Gewehre zu kaufen, schuldig fühlte und höchstwahrscheinlich zum
Tode verurtheilt worden wäre.
Während ich an der kartographischen Aufnahme der Fälle arbeitete, stieß
ich mehrmals auf weidende Pallahheerden, den Capdienern gelang es, ein
Thier zu erlegen. Dieses schöne Thier gehört zu den häufigsten der am
Zambesi angetroffenen Wildarten.
Am 20., dem Vorabende unserer Abreise, hatten wir noch ein interessantes
Löwenabenteuer zu bestehen, das glücklicher Weise einen recht
humoristischen Abschluß fand. Einige Augenblicke, nachdem ich von einem
meiner Ausflüge zu den Fällen zurückgekehrt war, kam auch Walsh von
seiner gewohnten Vogeljagd zum Lagerplatze und berichtete, daß er etwa
1200 Meter vom Lagerplatze einen Löwen eben in dem Momente gesehen habe,
als er eine hochbegraste Wiese überschreiten wollte, um zum Flusse zu
gelangen. Sofort wurde Kriegsrath gehalten und die Jagd auf den Löwen
beschlossen, nur das eine wollte mir nicht gefallen, daß sich auch die
beiden Frauen bereit erklärten, uns zu begleiten. Frau Francis hob zu
ihrer Rechtfertigung hervor, daß ihr Gemahl in ihrer Gegenwart schon
mehrere Löwen erlegt habe, weshalb sie auch diesmal einer solch'
ergötzlichen Scene nicht fernbleiben wollte. Frau Westbeech wieder,
welche erst einige Monate verheiratet war, wollte ihren Georg nicht
allein in der Gefahr wissen.
Wie ich schon erwähnte, war das eigentliche Zambesithal in einer
Entfernung von 100 Schritten bis auf mehrere Meilen hin von einer
sandigen Bodenerhebung begrenzt. Das meist mit Bäumen dichtbestandene
Thal hatte gegen den Fluß zu einige baumlose Wiesen, die unmittelbar am
Flußufer von einem dichten, etwa zwei bis drei Meter breiten
Saropalmengebüsch umsäumt waren. Walsh war eben im Begriffe, über eine
solche, etwa 30 Meter breite Wiese zu schreiten, als nahe an einem Baume
der Löwe aufsprang, und im gegenüber liegenden Palmgebüsche verschwand.
Nahe an dem Baume stand ein etwa fünf Meter hohes Bäumchen, an welches
sich ein pyramidenförmiger Termitenbau anlehnte. An der bezeichneten
Stelle angelangt, formirten wir uns in vier Treffen, um dem Raubthiere
mit Aussicht auf Erfolg an den Leib zu rücken. Im ersten Treffen (von
rechts nach links) standen Westbeech, Francis, Walsh und ich, im zweiten
Mr. O. und B. und zwei Capdiener, im dritten ebenfalls zwei solche und
zwei mit Musketen bewaffnete Matabele, dann folgten die übrigen Diener,
manche mit Assagaien, manche mit Kiri's, manche blos mit Baumästen
bewaffnet. Die drei ersten Treffen sollten gegen den Busch vorrücken,
das vierte auf der etwas erhöhten Bodenstelle am Wiesenrande stehen
bleiben und das Palmengebüsch auf das eifrigste beobachten, um uns
verdächtige Bewegungen in demselben sogleich melden zu können. Wir waren
nicht weit gekommen, als uns Frauenrufe zum Stillstand brachten. Die
Damen fanden sich unter dem Baume nicht sicher genug und wollten auf den
Termitenbau gehoben sein, wozu ihnen auch sofort ihre Männer verhalfen.
Wir setzten hierauf langsam und bedächtig unseren Marsch über die
hochbegraste Wiese fort. Wir waren nun ungefähr bis auf zwei Meter dem
Busch nahegekommen, und da der Löwe noch immer kein Zeichen von sich
gab, hob sich der Muth aller Angreifer, doch dieser Aufschwung nahm ein
jähes Ende, denn plötzlich schallte uns aus dem Dickicht ein wildes
Gebrüll entgegen, stark genug, um selbst dem beherztesten Jäger die
Ueberzeugung beizubringen, daß es einen Unterschied zwischen einer
^Felis Leo^ und einer ^Felis domestica^ gebe. Wir waren dem Thiere so
nahe, daß es Francis mit einem Sprunge erreichen und tödten konnte,
bevor wir es an dessen Leiche erlegt hätten.
Die erste Folge des Gebrülles war, daß wir stille hielten, unverwandten
Blickes schauten wir nach der verdächtigen Stelle, doch konnten wir
nichts sehen. Nach einigen Secunden ertheilte einer der beherzten Jäger
den Rath, an den Rückzug zu denken, welchen wir auch, ohne weiter daran
gemahnt zu werden, antraten. Die Stelle, von welcher das Gebrülle zu
kommen schien, fixirend, das Gewehr schußbereit, zogen wir uns zurück.
Während des Rückzuges hatten sich die einzelnen Treffen etwas gelichtet,
doch den größten Muth bewies das vierte, das wir erst nach einigem
Suchen auf dem großen Baume gewahrten, wohin es sich geflüchtet hatte.
Wir feuerten zahlreiche Schüsse in das Gebüsch ab, doch ohne Erfolg,
darauf zündeten wir das trockene Gras an und trachteten auf diese Weise
das Raubthier zum Verlassen seines Schlupfwinkels zu bewegen, doch das
Geschick war uns an diesem Tage nicht hold, wir hatten heftigen
Gegenwind und da brannte es nach der entgegengesetzten Richtung. Wieder
waren es laute Rufe von Seite der Frauen, welche unsere Aufmerksamkeit
erregten. Der Wind hatte den übelriechenden Rauch in einer dichten Wolke
gegen das Bäumchen getrieben, in dessen Aeste die beiden Frauen, um sich
noch sicherer zu fühlen, hinaufgestiegen waren, und diese förmlich mit
dem Ersticken bedroht, da wurde Löwe und alles andere vergessen und man
eilte den Damen zu Hilfe, die auch bald aus ihrer Lage befreit waren,
und nach allen den Mißerfolgen dachten wir die Löwen leben zu lassen und
heimzukehren; doch Westbeech, der als tollkühner Löwenjäger bekannt war,
wollte sich in Gegenwart seiner Neuvermählten solch' eine Gelegenheit
nicht entgehen lassen, und machte den Vorschlag, das Palmengebüsch
flußaufwärts zu durchstöbern. Um diesen Vorschlag auszuführen, hatten
wir die Wiese in der Richtung zu durchschreiten, in der es Walsh am
Morgen gethan hatte. Mit Ausnahme der Frau Westbeech betheiligten wir
uns alle an diesem zweiten Jagdzuge. Diese wurde unter dem Schutze des
vierten Treffens, der Matabele Diener, welche nicht wenig darauf stolz
waren, die Gemahlin ihres Herrn beschützen zu können, zurückgelassen.
[Illustration: Der Löwe kommt.]
Wir hatten glücklich die Wiese überschritten und suchten bereits in den
Palmenbüschen, als uns ein herzzerreißendes Geschrei zur Stelle bannte;
in demselben Augenblicke hatten wir uns alle umgewendet, und das
Erstaunen mehrte sich, als wir keine Spur von Frau Westbeech mehr sahen.
Der erste, der sich von seinem Schrecken erholte, war Westbeech, mit dem
Gewehre in der Rechten, eilte er an uns vorüber, da sich jedoch das
Angstgeschrei aus dem tiefen Grase der Wiese, die wir eben überschritten
hatten, wiederholte, eilten wir ihm nach; doch wurden wir neuerdings für
einen Moment aufgehalten, als der vor uns laufende Westbeech plötzlich
mit einem Schreie verschwindet. In der Aufregung, die sich unser
bemächtigt hatte, beachteten wir das überlaute Gelächter der
herbeilenden Matabele nicht, Francis, der uns allen Voraus war, machte
zwei Sätze nach vorne und in das von den Matabele angestimmte Gelächter
einfallend, warf er das Gewehr bei Seite und sah in's Gras, wir hörten
nur noch seine Worte. »Bleibt zurück! Bleibt zurück!« Nach einige
Secunden tauchte Westbeech vor ihm auf, beide liefen nun einige Schritte
weiter, beugten sich nieder und nun erschien Frau Westbeech als die
dritte im Bunde. Die Lösung dieses etwas räthselhaften Vorganges war
bald gefunden. Die an dem Zambesi-Ufer wohnenden Manansa's hatten, als
sie noch keine Gewehre besaßen, um sich des Wildes leichter bemächtigen
zu können, am Ufer des großen Stromes zahlreiche Fallgruben gegraben.
Diese von jenen der bei den Betschuana's üblichen abweichenden Gräben
waren 10 bis 12 Fuß lang, 8 bis 10 Fuß tief, bei einer Breite von nur 18
bis 24 Zoll, dabei verengte sich die obere Oeffnung nach unten derart,
daß jedes Thier bei den Versuchen sich zu befreien, nur immer tiefer
einfiel und eingezwängt wurde. In eine solche war die arme Frau
Westbeech am jenseitigen, der ihr zu Hilfe eilende Gemahl am
diesseitigen Ende der Wiese gefallen. Frau Westbeech hatte sich, von
einigen Hautabschürfungen abgesehen, glücklicher Weise nicht beschädigt,
der Zwischenfall veranlaßte es jedoch, die Jagd aufzugeben und nach dem
Skerm zurückzukehren. Als uns Abends die Bathoka wie gewöhnlich
aufsuchten und wir sie fragten, ob es hier Löwen gebe, antwortete man
uns, daß ihnen seit vielen Jahren ein Löwe bekannt sei, der sich in der
Regel nicht weit von unserem Skerm aufzuhalten pflege, es wäre aber ein
so an den Menschen gewöhntes Thier, daß sie selbst bei Nacht unbehelligt
vor ihm vorbeigingen.
Bevor ich noch von den Victoriafällen scheide, will ich des
Eingebornenstammes, der Manansa, gedenken, welchen man hie und da noch
im Albertslande begegnet und der noch in den Dreißiger Jahren sein
eigenes Reich besaß. Die Manansa bewohnen das Hügelland südlich von und
um die Victoriafälle, ein Gebiet, welches den Bamangwato's von
rechtswegen zugehört, das jedoch von dem Matabele-Herrscher auch als das
seine betrachtet wird und unter welcher Streitfrage Niemand mehr als die
Bewohner dieses Striches zu leiden haben. Die Bamangwato's nennen sie
schlechtwegs Masarwa, während in Wirklichkeit die Manansa nichts mit den
Letzteren gemein haben. Die Manansa bebauen kleine versteckte
Thalpartien oder leben als Jäger hie und da, ohne bleibende Wohnsitze zu
haben; werden sie von den Matabele hart bedrängt, so flüchten sie nach
dem Westen auf das Bamangwato-Gebiet, und wenn von den Letzteren
bedrängt, nach Osten auf jenes der Matabele; nur dann, wenn sie nicht
mehr entkommen können -- ergeben sie sich auf Gnade und Ungnade und
erklären sich als gehorsame Unterthanen ihrer »Verfolger«. Man kann
Albertland ein streitiges Gebiet zwischen den Bamangwato und Matabele
nennen und dessen Bewohner nur als periodisch ansässige -- so lang die
Geißel über ihnen schwebt -- Unterthanen und Bewohner des
Bamangwato-Reiches betrachten, die in Wirklichkeit, wenn es auch die
Bamangwato behaupten, reine Sklavendienste verrichten.
Bis zum Jahre 1838 war der Stamm der Manansa in einem selbstständigen
Reiche vereinigt, das südlich bis an die westlichen Makalaka's und den
Ugwajfluß weit aufwärts, sowie zum Mittellauf des Kwebu-River reichte.
-- Dieses Königreich war von einem »Großen Häuptling« beherrscht, der
bei dem Andrange der Matabele nachzugeben bemüht war.
Allein so wie Moselikatze (Tigerkatze hätte besser für ihn gepaßt) den
Königreichen der Makalaka ein Ende gemacht und das große Reich der
Maschona zur Hälfte zerstört, so wurde auch jenes der Manansa von ihm
vernichtet. Den guten Worten des freundlichen, aufrichtigen Häuptlings
wurde kein Glauben geschenkt und da die grausamen Matabele nicht gewohnt
waren, für ihre Erpressungen gute Worte zu ernten, wurde er für
verrätherisch gehalten; man witterte darin einen hinterlistigen Plan.
Auch bei den Wilden glaubt der Schlechte in jedem guten Nebenmenschen
nur Schlechtes zu finden -- und da man sicher dachte, daß er einen
Hinterhalt gelegt habe und nur durch die freundlichen Worte Zeit
gewinnen wolle, um seine Männer zu sammeln, wurde er von den in
Ueberzahl in sein Gehöfte und seine Stadt eingedrungenen Matabele zur
Erde geworfen, sein Leib mit Assagaien aufgeschlitzt, das Herz
herausgeschnitten, und mit den Worten: »Du hattest zwei Herzen, auch ein
falsches, esse es«, ihm dieses an die noch zuckenden Lippen gepreßt.
Bei diesem Raubzuge der Matabele wurde dem Manansa-Reiche ein Ende
gemacht, die Manansa zersplittert, alle Knaben von den Matabele
mitgenommen, um zu Kriegern erzogen zu werden. Seitdem wiederholten die
Matabele oft ihre Raubzüge, und die Reste der Manansa, wurden theils
nach und nach vernichtet, theils flüchteten sie zu Sepopo, dem früheren
Marutsekönig, theils zu Mochuri, dem Chef der Bathoka (nördlich von den
Victoriafällen), sowie zu Wanke, dem Chef der nordöstlichen Makalaka
(nördlich vom Zambesi und östlich von den Victoriafällen). Ich machte
mehrere Versuche, zu erfahren, ob die Uebriggebliebenen einen Häuptling
unter sich anerkennen, doch lange erfolglos, bis sich Jene, mit denen
ich täglich verkehrte, überzeugt haben mußten, daß ich die Antwort mir
in meinem »^lungalo^« (Buch) eintragen wollte, nicht aber um, wie sie
wohl dachten, es dem Matabele-König zu verrathen, theilten sie mir mit,
daß sie alle, wo überall sie zerstreut auch wohnen mochten, einen Chef
verehrten, der östlich von Wanke's Land ein kleines Gebiet von diesem
Fürsten eingeräumt erhalten und hier die Reste des Stammes um sich
gesammelt hatte. »Und warum geht Ihr nicht auch dahin, statt hier wie
die Hunde herumgejagt zu werden?« Eigenthümlich -- ähnlich wie im Süden,
wo der Buschmann an seinen Felsen und Klüften mit seinem ganzen Sein
hält -- ist es auch hier die Liebe zu den bewaldeten Höhen und
anmuthigen Thälern, welche die flüchtigen Manansa an die Scholle bindet,
auf der sie das Licht der Welt erblickten. Jener Chef (Häuptling) ist
der Sohn des von den Matabele ermordeten Königs.
Die Manansa haben viele Gebräuche, mit denen sie sich von anderen
südafrikanischen Stämmen unterscheiden. Ich will einstweilen eines
Gebrauches erwähnen, welcher vielleicht auch einem weiteren Leserkreis
überraschend erscheinen dürfte. Wir ersehen daraus, daß das weibliche
Geschlecht, ähnlich wie bei den Marutse und im großen Gegensatz zu der
ungefälligen Behandlungsweise von Seite der Betschuana und zu jener
abscheulichen bei den Matabele auch bei den Manansa geachtet wird. Wir
wollen die Verlobung eines Manansa-Mannes besprechen. Hat ein solcher
mit Wohlgefallen die Reize eines Mädchens seines Stammes beobachtet und
erkannt, sie auch liebgewonnen (was unter den Betschuana und Zulu eine
Seltenheit ist), so sendet er eine ihm wohlbekannte alte Frau zu ihr,
welche für ihn die _Brautwerbung_ versucht. Die Abgesandte gibt von dem
Antragsteller das bestmögliche Bild, schildert seine Geschicklichkeit im
Erwerben des ^njama^ (^ñama^) (des Fleisches, d. i. des Wildes), seine
Gutmüthigkeit, zählt die vielen Felle auf, die sein Lager weich
machen, und die Fruchtbarkeit des kleinen Grundstückes, das schon
seine Mutter bebaut hatte.
Nun wird Familienrath gehalten; hier entscheidet nicht blos der Vater
noch befiehlt er, sondern Mutter, Tochter und Vater erörtern den
Gegenstand untereinander. Ist es ein Mann, welcher der Tochter gefällt,
und wissen die Eltern nichts gegen ihn einzuwenden, so wird dem (während
der Unterredung) vor der Thüre wartenden Weibe eine befriedigende
Antwort ertheilt. »Der Antragsteller möge kommen,« was jedoch schon so
viel bedeutet, daß ihn die Eltern als Schwiegersohn, die Tochter als
Mann annimmt. Erscheint er nun in der Hütte und hat er seinen Gruß
gesprochen, so muß er vorerst seiner Auserwählten ein Geschenk machen,
das früher in dem reichen Felle einer Halbaffenspecies bestand, seitdem
jedoch Glasperlen unter ihnen bekannt wurden, bietet er ihr eine
handvoll kleiner, blauer Glasperlen an. Nur nachdem er dies gethan und
es angenommen wurde, spricht ihn das Mädchen an, die von nun an seine
Frau ist. Glücklicher Weise vermissen wir hier die Orgien, wie sie
leider die heidnischen Verlobungs- und Trauungsfeste vieler
südafrikanischer Völker charakterisiren. Der Vater, die Mutter, und hat
die junge Frau erwachsene Geschwister, die in demselben Gehöfte wohnen,
so mischen sich auch diese in ein Gespräch, das bis zur Tagesneige
dauert. Am Abend entfernen sich die Eltern aus der Hütte, um eine der
Nebenhütten im Höfchen zu beziehen, und thun dies je nach der Jahreszeit
durch ein bis zwei Wochen. Täglich am Morgen verläßt der junge Mann
seine Frau und geht seiner Arbeit nach, worauf erst die Eltern für den
Tag ihr Besitzrecht wieder geltend machen. Für jede Gunstbezeugung von
Seite der jungen Frau muß ihr der Augetraute stets eine handvoll
Glasperlen bezahlen. Jeden Morgen nehmen Beide eine Waschung des Körpers
mit lauem Wasser vor, welche Gefälligkeit auch wieder mit einem
Geschenke beglichen wird. Nach ein oder zwei Wochen bringt der
Schwiegersohn dem Vater ein Geschenk von vier Ziegenböcken und vier
Mutterthieren, oder statt derselben acht Glasperlenschnüre (zwei Pfund
Glasperlen).
Von diesem Tage an helfen die Eltern dem jungen Paare zwei Hütten bauen
oder eine, je nachdem der Mann schon eine besaß oder nur bei seinen
Eltern oder Freunden wohnte. Eheliche Treue wird sehr gewahrt,
namentlich von Seite des Mannes, als unerhört wurde mir ein Treubruch
bezeichnet, und dies führt uns zu einem wichtigen Punkt, in welchen die
Manansa die »gebildeten Marutse« überflügeln, die mit ihrem
abscheulichen »Mulekau«-Thum ihre eigenen Frauen zum Treubruche
verleiten, sie oft gegen ihren Willen dazu zwingen. -- Die bevorstehende
Niederkunft einer Frau führt ihre alten Nachbarinnen in's Haus. Das
Erste, was sie thun, ist, die Waffe des Mannes, mag es ein Assagai oder
ein Gewehr etc. sein, hinauszutragen und sie in eine andere seiner
Hütten, sollte er jedoch (was selten der Fall) nur eine Hütte besitzen,
in die Wohnung seines Nachbarn zu tragen, ebenso wie für den Ehemann ein
unwiderrufliches Gebot ist, sich von eben dem Augenblicke aus der Hütte
seines kranken Weibes zu entfernen. Erst am achten Tage nach der Geburt
des Kindes, und nachdem Mutter und Kind mit warmem Wasser und die Hütte
durch und durch gereinigt wurde, führen die alten Weiber den Mann wieder
in sein Haus zurück, um seine Frau zu begrüßen und sein Kind zu sehen.
-- Diese Reinigungsproceduren, welch' ein Gegensatz zu der
Unreinlichkeit der Hottentotten-Race und der Makalaka's! -- Trotzdem,
daß der Mann in's Haus eingeführt wurde, darf er nicht darin wohnen,
erst nach drei bis vier Wochen von dem Tage an gerechnet, an dem er sein
Kind zuerst erblickte.
Tritt ein Todesfall ein, so wird die Person in der Abendstille in der
Nähe des Gehöftes, und wenn es der Boden gestattet, in einer etwa fünf
Fuß tiefen Grube beerdigt. Ein Erwachsener erhält einen Assagai in's
Grab und wird dabei in eine Carosse gehüllt. Die Beerdigung geht außer
dem Gestöhne der weiblichen Angehörigen im Stillen vor sich. Stirbt ein
Hausvater, so wird den Tag nach der eben genannten Ceremonie all' sein
Eigenthum zusammengetragen. Die Bewohner des Dorfes versammeln sich und
nun tritt der älteste Sohn hervor, um von dem Eigenthum Besitz zu
nehmen. Ist kein Angehöriger oder kein Sohn vorhanden, so wird von den
Versammelten ein Mann zum Erben eingesetzt, meist ein Freund des
Verstorbenen, und dieser hat dann den Namen desselben anzunehmen.
Die Manansa sind in der Regel von Mittelgröße und nicht stark gebaut,
doch bereiten sie dem Forscher nicht geringe Schwierigkeiten, weil sie
seit der Zerstückelung des Landes sich mit den ebenfalls flüchtigen
Matonga und Masupia und nördlich vom Zambesi mit den Makalaka und
Bathoka sehr vermischt haben. Schwarzbraun ist der Teint des Stammes,
freundliche Augen, kleiner Kopf und große Lippen. -- Als Verzierungen
beobachtete ich bei ihnen jene der ärmeren Classen im Marutse-Reiche
(doch war es wohl anders als noch ihr Reich bestand), Arm- und Fußringe
aus Gnu- und Giraffenhaut, auch aus Eisendraht. Sie tragen höchst
einfache Ohrringe aus besserem Material und als Kleidung in der Regel
blos einen kaum handbreiten Lappen aus Calico oder aus wildwachsender
Baumwolle bereitet, doch zuweilen ein kleines Fell über die Hüften
geschlungen, die Frauen kurze Röckchen aus gegerbten Fellen. Als Diener
dürften die Manansa allen übrigen südafrikanischen Stämmen vorzuziehen
sein, ich fand sie sehr geschickt im Anschleichen des Wildes, dabei
nicht überhitzig, sondern, was eben nöthig war, sehr vorsichtig,
gefällig, ehrlicher als andere und vor Allem treuer.
Die Manansa werden von den mächtigeren, umwohnenden Stämmen, von den
Marutse, Betschuana und Matabele, mit Verachtung angesehen und demgemäß
behandelt. Sie sind die »Schildbürger« des nördlichen Süd-Afrika
geworden. Was ihnen namentlich zur Last gelegt wird, ist ihre
auffallende Gutmüthigkeit und Friedfertigkeit, zwei Tugenden, welche
seitdem die Zulu-Matabele zwischen dem Limpopo und Zambesi der Rohheit
und Herzlosigkeit Platz gemacht -- als Untugenden, die erstere als ein
gleißnerisches Betragen, die zweite als Feigheit angesehen werden. --
Auch dies ist ein Werk des Vandalenthums der Matabele, nicht nur Mord
und Raub, auch das Ersticken aller edleren Gefühle und Mißtrauen in
jedes freundliche Wort, das da gesprochen, in jede gute Handlung, die
begangen wird, waren eingezogen.
Werden sie verfolgt und ist Flucht nicht mehr möglich, so kehren die
Manansa um und gehen mit gesenktem Assagai ihren Feinden entgegen. Bei
dem Zusammentreffen legen sie die Waffen auf die Erde und hocken sich
nieder. Wenn nun auch der Sturm ihrer Verfolger auf sie losbricht, sie
bleiben ruhig. Als sie von einem (dem vorletzten) der Bamangwato-Könige
Moschesch bedrängt wurden, beschwichtigten sie die Habsucht ihrer
Verfolger mit Elfenbein. Moselikatze's Krieger raubten die Knaben und
auch viele Frauen; die Horden des gegenwärtigen Matabele-Despoten
nehmen, was sie nur zu Gesichte bekommen, auch dann, wenn sie von
La-Bengula einem Weißen als Begleiter nach den Victoriafällen mitgegeben
werden -- nur dann, wenn dem Könige in dem Weißen durch einen der in
Gubulowajo wohnenden Missionäre ein Mann von Bedeutung vorgestellt wird,
wie z. B. im Jahre 1875, als Major S. um Diener nach den Victoriafällen
ersuchte, befiehlt der König den Begleitern, sich jedweden Mordens und
Raubens zu enthalten, damit es der Weiße bei seiner Rückkehr der »großen
weißen Königin« (Königin Victoria) nicht berichten könne.
Als ich einst einem Manansa, der periodisch sich bei einem Händler
verdungen und sich so über das Geistesniveau seiner Landsleute
geschwungen hatte, über die »Feigheit« seines Stammes fragte, antwortete
er mir mit einem gutmüthigen Lächeln und Schütteln des Kopfes:
»Furchtsame Pallahs sind wir nicht und auch von langer Zeit her nicht
gewesen. Allein wir lieben das Leben in den Dörfern und das Jagen der
Thiere, die wir in Gruben fangen, seltener die Waffe gebrauchend. Wir
geben den blutliebenden Matabele unsere Elephantenzähne und zeigen
ihnen, wenn sie es verlangen, die frischen Spuren der Elephanten, um
ihrer noch mehr zu erlegen; allein wir wollen und mögen nicht kämpfen da
wir nicht das Blut und das Tödten der Thiere, noch weniger der Menschen
lieben.«
Nach dem Tode eines Königs versammeln sich die Männer und bringen den
zum Nachfolger bestimmten Thronerben in des Königs Haus. Sie bringen
eine Handvoll Sand und kleine Steinchen vom Zambesi und auch einen
Hammer. »Hier ist die Allgewalt über das Land, das Wasser und das Eisen
(Arbeit und die Waffen).« Dabei erinnern ihn die Häuptlinge und das Volk
von dem Tage an, wo er König wurde, nie vom Fleische des Nilpferdes und
des Rhinoceros zu essen, da diese Thiere »sehr bösartig« seien, und der
König, der ihr Fleisch genieße, wild und böse werden könnte.
Das Albertland, im Süden von dem sandigen Lachenplateau begrenzt, im
Westen bis zur Tschobe-Mündung reichend, und vom Zambesi durchströmt,
gehört unstreitig zu den meist interessanten Partien des zentralen
Süd-Afrika. Nicht allein durch das Naturphänomen der Victoriafälle von
Wichtigkeit, bietet es dem Touristen eine Fülle anziehender, felsiger
und bewaldeter Hügellandschaften und hochbegraster Thäler.
Der Geologe, Botaniker wie auch der Mineraloge werden gewiß nur
befriedigt dieses Hügelland verlassen. Mit Ausnahme des Spring- und
Bläßbockes und des schwarzen Gnu wird der Mammaliajäger die meisten
größeren Quadrupeden, die Süd- und Central-Afrika charakterisiren,
vorfinden; der Mineraloge findet reichliche Arbeit. Unter den niederen
Thieren sind Reptilien zahlreich vertreten, Krokodile oft bis zu den
entferntesten Partien der Bergflüsse anzutreffen, in denen theils Spuren
am Ufer, theils das getrübte Wasser ihre Gegenwart verrathen. Von
Insecten sind alle Geschlechter, namentlich aber die Lepidoptera durch
viele neue Arten ausgezeichnet. Die Thäler besitzen einen so guten
Boden, daß bei dem warmen Klima tropische Gewächse mit Vortheil angebaut
werden könnten, nur muß vorerst die Tsetse-Frage gelöst sein und man
Mittel gefunden haben, den sommerlichen Fiebern vorbeugen zu können.
Auf dem Rückzuge nach Panda ma Tenka schlugen wir eine etwas veränderte
Richtung ein. Unsere Capdiener schossen am Matopa-Flusse ein Wildschwein
und weiter aufwärts im selben Thale wurde unsere Colonne von einem
Geschrei der voranschreitenden Diener alarmirt. Durch einen penetranten
Geruch angezogen, waren unsere Schwarzen abseits in die Büsche
eingedrungen und fanden hier einen männlichen Elephanten in Folge von
Schußwunden verendet. Das Thier war stark von Löwen angefressen; diese
hatten sich an die Lippen gemacht und das Fleisch an den Schußwunden
aufgerissen. Die Diener konnten noch eines der davonschleichenden
Raubthiere erblicken. W. und F., deren Diener das Elfenbein gefunden,
nahmen es in Besitz, und die Diener schnitten die untersten Fußglieder
ab, um sie zu unserem Aerger mitzunehmen. Der penetrante Geruch, der
diesem Leckerbissen der Eingebornen entströmte, zwang uns endlich, auf
dessen Entfernung zu dringen. Frisch zubereitet kommen sie den
Bärentatzen gleich; die der schwartigen Sohle aufliegende Substanz und
das Herz, also winzige Theile im Verhältniß zu seiner Größe, sind die
Leckerbissen, die das Riesenthier dem Menschen bietet.
Der Rückweg mit den wunden Füßen war so beschwerlich, daß ich mich mit
Noth weiter schleppte. Den größten Theil beider Strecken von der
Gaschuma-Ebene bis zu den Fällen und zurück nach der Ebene, hatten auch
die Damen zu Fuße zurückgelegt. Wir gelangten bis auf mich wohlbehalten
in der Gaschuma-Ebene und einen Tag später, am 24. September, in Panda
ma Tenka an. Hier traf ich zwei Matonga's und einen Manansa, welche
Arbeit suchten und die ich sofort miethete, während mir W. und F. mit
ihren Leuten behilflich waren, meine zu einer so weiten Reise nöthigen,
zahlreichen Gegenstände nach dem Leschumo-Thale zu schaffen.
IX.
Zweiter Besuch im Marutse-Reiche.
Zweiter Aufbruch nach Impalera. -- Die Krokodile im Zambesi und ihre
Gefährlichkeit. -- Begräbnißfeier bei den Masupias. -- Sepopo und seine
Frauen. -- Reisepläne. -- Baum- und Busch-Vegetation im Walde von
Schescheke. -- Einzug einer Karawane von Tributpflichtigen. -- Die
Marutse als Fischer. -- Maschoku, der Scharfrichter Sepopo's. --
Schmiedewerkzeuge der Marutse. -- Der prophetische Tanz der Masupia's.
-- Besuch der Königinnen. -- Der Fang des Krokodils. -- Die Mankoë. --
Die Verwaltung des Marutse-Mabunda-Reiches. -- Die Beamten-Hierarchie.
-- Eine Elephantenjagd unter Sepopo's Anführung. -- Ausflüge in den Wald
von Schescheke und Büffeljagden in demselben. -- Eine interessante
Löwenjagd. -- Der Löwentanz der Marutse. -- Die Maschukulumbe am Hofe
Sepopo's. -- Moquai, des Königs Tochter. -- Hochzeitsfeier bei den
Marutse.
[Illustration: Jagd auf Sporngänse.]
Am 24. September saß ich wieder in meinem Wagen in Panda ma Tenka, der
Ausarbeitung meines Tagebuches obliegend. Ich fühlte mich äußerst
mißmuthig und bedrückt; die physischen Schmerzen an meinen wunden Füßen
verschärften noch diesen Zustand, aus welchen mich Niger, mein treuer
und anhänglicher Begleiter herausriß, da er mich nach längerer
Abwesenheit (ich hatte ihn bei dem letzten Ausfluge zu den
Victoriafällen zurücklassen müssen) zu begrüßen kam. Es that mir
wirklich leid, mich in der nächsten Zukunft von dem Hunde zu trennen,
denn da ich ihn dem Gifte der Tsetsefliege nicht aussetzen wollte,
gedachte ich ihn mit dem mir von dem Bamangwato-Könige mitgegebenen
Diener Meriko nach Schoschong zu senden, wo er einstweilen bei meinem
Freunde, Herrn Mackenzie, verbleiben sollte. Hätte ich damals geahnt,
daß ich wieder nach dem Süden zurückkehren müsse und Niger nicht wieder
sehen sollte, ich hätte das treue Thier nie von meiner Seite gelassen.
Als ich Meriko den ausbedungenen Lohn bezahlte und ihn mit Lebensmitteln
versehen hatte, machte er sich mit dem Hunde auf den Weg, und langte
nach drei Wochen in Schoschong an. Leider war um diese Zeit mein Freund
Mackenzie nicht anwesend und der Hund wurde einem Wagenlenker von
Francis und Clark, der eben nach Grahamstown fuhr, mitgegeben. Trotz
aller Mühe, die ich mir gab, das Thier wieder zu gewinnen, blieb es
verschollen.
Meine Tauschartikel waren sehr herabgeschmolzen und so sah ich mich
genöthigt, trotz der exorbitanten Preise von den anwesenden
Elfenbeinhändlern Glaskorallen, Kattun und Wolldecken zu kaufen.[11]
Am 27. September erkrankte ich an Dysenterie, doch war der Anfall kein
heftiger, und gelang es mir, mich bald wieder herzustellen. Während des
Aufenthaltes in Panda ma Tenka lernte ich auch einen Mann aus der
Umgegend von Grahamstown, Henry W., kennen, er war ein ausgezeichneter
Jäger, doch konnte ich nicht umhin, es ihm sehr übel zu nehmen, daß er
sich manchmal auf der Jagd arge Schlächtereien erlaubte. So gab er einst
einen weiblichen Elephanten, der ihn verfolgte, nachdem er das Thier
durch einen Schuß zum Falle gebracht, seinen Dienern preis, welche
dasselbe durch mehr denn zwei Stunden mit ihren Assagaien marterten,
bevor er seinen Qualen durch einen Schuß ein Ende machte.
Von Panda ma Tenka schrieb ich einen Brief an einige befreundete
Großhändler in den Diamantenfeldern und Port Elizabeth, um hier einiges
Interesse für den Handel mit Gummi elasticum zu wecken, das die
Portugiesen aus dem Marutse-Reiche nach dem Westen ausführen.
[Fußnote 11: Ich bezahlte für 30 Pfund blaue große Glasperlen, die schon
um nächsten Tage in der Sonne zersprangen, 30 Pfund Elfenbein.]
An beiden folgenden Tagen hatten wir Regen und Sturm, nachdem in den
letzten Monaten zuvor in diesen Gegenden kein Regen gefallen war. Am 30.
September verließen wir Panda ma Tenka, um in gleicher Weise wie das
erste Mal über die Gaschuma-Ebene nach dem Leschumo-Thale zu gelangen,
mußten aber die Fahrt bald unterbrechen, da die Last des Karrens zu groß
war und ich um einen zweiten Wagen nach Panda ma Tenka senden mußte.
Derselbe kam erst am Nachmittage des 1. October an, wir zogen nun weiter
und übernachteten an der Gaschuma-Ebene, auf welcher ebenso wie in Panda
ma Tenka die Nacht zuvor ein Trupp Löwen die Zugthiere aus ihrer
Umzäunung zu scheuchen bestrebt war. Obgleich meine vier Diener drei
verschiedenen Stämmen angehörten und eben so viele Dialecte sprachen,
einer die Sesupia, einer die Setonga und einer die Senanso, so
verstanden sie doch alle die Sesuto-Serotse und ich hatte, mit ihnen
plaudernd, Gelegenheit, neue Ausdrücke in der letztgenannten Sprache zu
erlernen. Auf der Fahrt nach Saddlerspan versuchte es ein Diener
Westbeechs, mit Namen Fabi, einigen in der Nähe grasenden
Zulu-Hartebeests beizukommen und stieß dabei beinahe mit einem Löwen
zusammen, der ebenfalls das Wild beschlich.
In der Nacht auf den 4. langten wir wohlbehalten im Leschumothale an.
Schon am folgenden Tage sandte ich meine vier Diener nach dem
Tschobethale. Da mir Westbeech auch seine acht Langohren, die wir
mitgenommen hatten, zur Verfügung stellte, konnte ich den größten Theil
meines Gepäckes absenden, und langte am 5. selbst dort an. Im
Leschumothale hatte ich die beiden englischen Händler Brown und Kroß
getroffen welche mich sehr freundlich aufnahmen und eben von einem
vergeblichen Versuche, zu Sepopo gelangen zu können, in's Leschumothal
zurückgekehrt waren; sie hatten kurz vor meiner Ankunft zwei prächtige
Löwen, darunter einen alten männlichen und unbemähnten erlegt.
Am Tage nach meiner Ankunft im Tschobethale erschienen hier sechzehn und
am folgenden sechs weitere Bootsleute, die von Sepopo gesendet,
Westbeech mit seinen Waaren und mich mit meinem Gepäcke nach Schescheke
zu bringen hatten. Dem König war es namentlich um die Waaren des
Händlers zu thun, da dieser bei seinem letzten Besuche eine Anzahl von
Elephanten-Gewehren nach Panda ma Tenka gebracht zu haben vorgab und der
König selbe schon mit Ungeduld erwartete. Der giftige Muschungulubaum
war diesmal in voller Blüthe, die Blüthen groß, schön dunkel-carminroth.
Ich wollte mich früh am 6. mit allen Waaren übersetzen lassen, allein
ein heftiger Wind ließ es nicht zu, jedenfalls wäre es sehr gefährlich
gewesen, die Bootfahrt zu unternehmen, da das Umkippen der Kähne für die
Insassen derselben äußerst unangenehm ist und diese sehr oft den
Krokodilen zum Opfer fallen. Ich war später in Schescheke selbst
Augenzeuge solcher Unglücksfälle geworden.
Ich gedenke später ausführlicher über die Krokodile des zentralen
Zambesi zu sprechen, will aber jetzt schon einer Tragödie gedenken, die
sich vor Kurzem unweit der Landungsstelle am jenseitigen (Impalera-)Ufer
abgespielt hatte. Ein Masupia-Mann war mit seinem Weibe und seinem
Töchterchen längs des linken Tschobe-Ufers ausgefahren, um Schilfrohr
für seine Behausung zu schneiden. Während dieser Beschäftigung schlug
der Kahn in Folge eines Windstoßes um und seine drei Insassen fielen
in's Wasser. In Folge der eben an dieser Stelle herrschenden starken
Strömung gelangten Mutter und Tochter wohlbehalten an eine Sandbank. Sie
sahen eben, wie der Mann sich durch das Schilf dem Ufer zuarbeitete,
schon hatte er dasselbe erfaßt und trachtete sich auf die etwa vier Fuß
hohe, steile Wand emporzuschwingen; nach mehreren fruchtlosen Versuchen,
wobei er in's Wasser zurückfiel, gelang es ihm endlich, einen
herabhängenden Buschzweig zu erfassen, so daß er sich auch im selben
Augenblicke emporzuziehen vermochte, als der Freudenschrei seiner
Angehörigen ihnen auf den Lippen erstarb. Im Schilfe zeigte sich
plötzlich der unförmige Körper eines Krokodils. In dem Momente als der
Mann sich emporziehen wollte, war das Krokodil ebenfalls emporgeschnellt
und hatte einen seiner über dem Wasser hängenden Füße ergriffen und riß
den Unglücklichen mit sich in die Fluth zurück. Das Geschrei der Frauen
zog eine im Felde arbeitende Genossin herbei, die nach Impalera eilte,
um die beiden Frauen noch vor dem Dunkelwerden zu retten, da sie sonst
in der Nacht auf der Sandbank ein ähnliches Schicksal wie den Gatten und
Vater ereilt hätte.
[Illustration: König Sepopo.]
Am folgenden Morgen wurde meine Aufmerksamkeit durch wiederholte
Gewehrschüsse wachgerufen; ich erfuhr auf meine Frage, was dieselben zu
bedeuten hätten, daß man eben einen Masupia begrabe. Ungefähr 400
Schritte nördlich der Niederlassung liefen auf einem zwischen zwei
Bäumen gelegenen Raume zwölf mit Gewehren bewaffnete Männer herum,
welche ihre Gewehre abschossen und dazwischen heftig schrieen; unter
einem der beiden Bäume saßen zehn Männer und Frauen Bier trinkend, unter
dem linken Baume befand sich das bereits zugeworfene Grab. Die Masupia's
machen ihre Gräber sechs bis sieben Fuß tief und zwei Fuß breit. Der
Verstorbene wird mit seiner Carosse und seinen Waffen, seiner Haue,
begraben und ihm auch etwas Korn in's Grab gelegt. Seine Freunde
verbleiben den Tag über am Grabe, und ist der Mann wohlhabend, so wird
neben dem Bier auch viel Fleisch von seinen geschlachteten Hausthieren
verzehrt. Das Schießen, Schreien und Umherlaufen soll das Eindringen der
bösen Geister in das frischaufgeworfene Grab verhüten. Als ich einen der
Umstehenden über die Todesursache des Dahingeschiedenen fragte, hob
dieser die Augen gegen das Firmament und meinte Molemo sei daran schuld.
Am selben Tage brachten die Masupia's Fleisch von einem Nilpferde, das
sie erbeutet. Es war, wie sie meinten, ein junges Thier, doch hatte es
bereits zehn Zoll lange Stoßzähne. Beim Transportiren meines Gepäcks
nach der Makumba-Landungsstelle war mir Makumba's Bruder, Ramusokotan,
behilflich, ein Unterhäuptling, der einige Meilen stromaufwärts am
linken Ufer des Tschobe wohnend, den unteren Flußlauf zu bewachen hat.
Auf meinem Gange nach der benannten Landungsstelle stieß ich dreimal auf
Pallahgazellen, zweimal so nahe, daß ich sie aus nächster Nähe
beobachten konnte.
[Illustration: Kaïka, König Sepopo's Tochter.]
Ich fand das Wasser des Zambesi abermals gesunken, auf der Bootfahrt
während des Vormittags entkam mein Boot nur durch ein Wunder der Wuth
des einen der drei Nilpferde, denen Blockley auf unserer ersten Fahrt
nach Schescheke den Führer mit zwei Schüssen geraubt hatte. Als wir an
derselben Stelle diesmal ohne die Thiere zu beunruhigen, vorbeipassiren
wollten, fühlten plötzlich Westbeechs Bootsleute mit ihren Rudern das
Thier unter dem Kahne, doch entkamen sie glücklich, weil vielleicht die
Berührung mit dem Ruder das Nilpferd etwas abgeschreckt hatte. Das Thier
machte nun einen Stoß nach meinem (dem folgenden) Boote; doch die
Bootsleute, gewarnt durch den Schrei und die pfeilschnelle Bewegung des
vorderen Bootes, waren eben so schnell nachgefolgt, und so tauchte der
unförmliche Kopf des Dickhäuters drei Meter hinter meinem Kahne auf.
In Schescheke angekommen, hätte ich in einer vom Könige errichteten
Hütte wohnen können, ich zog jedoch das Anerbieten Westbeechs vor, mich
in einer der Hütten, die in seinem Höfchen standen und in welchem
inzwischen Blockley einen kleinen Pfahlbau als Waarenhäuschen errichtet
hatte, niederzulassen. Als ich Sepopo aufsuchte, rief mir dieser
entgegen, daß ich zu spät gekommen sei und er die für mich bestimmten
Marutse-Männer nicht länger hätte auf mich warten lassen können. Am
Nachmittage kam ich wieder und brachte dem Könige allerlei kleine
Geschenke, wobei es den König recht ergötzlich stimmte, als ich mich
selbst mit ihm in der Sesuto-Serotse zu verständigen suchte.
Gegen Abend rief mich Blockley aus der Hütte, um einen seltenen Anblick
genießen zu können. Der König war von einem Besuche der sich in der
Barotse aufhaltenden Königinnen und seiner Tochter Moaquai, der
Mabunda-Königin, beehrt worden. Es waren etwa 40 Kähne, in manchen war
die Mitte des Bootes für die königlichen Frauen mit je einer Matte
überdeckt, um diese gegen die Gluth der Sonne und den Regen zu schützen,
manche der Kähne hatten 13 Ruderer, die durchwegs stehend ihre Arbeit
verrichteten. Andere Kähne waren mit riesigen Töpfen, Matten, Körben,
theils mit den Bedürfnissen der Reisenden, theils mit den für den König
bestimmten Geschenken beladen.
Am folgenden Tage besuchte ich Kapt. McLoud, Fairly und Kowly. Der König
hatte sie in einer Rundhütte nahe dem königlichen Gehöfte einlogirt. Sie
klagten, daß der König noch immer zaudere, die große Elephantenjagd,
derentwegen sie zum zweiten Male herüber gekommen waren, abzuhalten.
Auch besuchte ich mit Westbeech die Königinnen, welche von der Barotse
gekommen waren und welche dieser während seines Aufenthaltes in der
Barotse kennen gelernt hatte, unter ihnen befand sich Mokena, die Mutter
des Landes. Ich lernte sechzehn Frauen Sepopo's kennen, seine
Lieblingsfrau war eine Makololo Namens Lunga, eine andere hieß
Mafischwati, die Mutter Kaikas, der von Sepopo bestimmten Thronerbin;
die vierte hieß Makaloe, die fünfte Uesi, die sechste Liapaleng, sodann
folgte Makkapelo, durch welche im Jahre 1874 zwei Männer ihren Tod
fanden; Mantaralucha, Manatwa, Sybamba, Kacindo. Als zwölfte nenne ich
Molechy, die von Sepopo wegen Treulosigkeit beinahe ertränkt worden war,
dasselbe geschah einer anderen mit Namen Sitau. Der Verführer wurde
gewöhnlich den Scharfrichterknechten übergeben, um für den König
Büffelfleisch zu holen, d. h. er wurde im Walde gespeert. Der König
selbst bestrafte aber Sitau auf folgende Weise. Unter großem Zulauf der
Bewohner Schescheke's stieß er mit einigen Kähnen vom Lande gegen die
Flußmitte ab, er selbst saß mit Sitau in einem Kahne. Mitten im Strome
angelangt, band er ihr Hände und Füße, und tauchte sie dreimal so lange
unter das Wasser, daß sie mit genauer Noth wieder zu sich gebracht
werden konnte. Als sie zu sich kam, fragte er sie, wie ihr das Ertrinken
gefalle, und drohte ihr, das nächste Mal sie einfach in den Fluß zu
werfen. Die vierzehnte war Silala und zwei andere hatte er zweien seiner
Häuptlinge zum Geschenk gemacht. Der eigentliche Thronfolger war vor
zwei Jahren gestorben, er hieß Maritela und war ein Sohn Marischwati's.
Vor seinem Tode kam zufällig der Gouverneur der Barotse an sein Lager,
und da das Kind über Durst klagte, willfahrte er seinem Begehr und
reichte ihm einen Trunk aus einem in der Nähe stehenden Topfe. Zufällig
starb der Knabe kurz darauf und der allgemein beliebte Gouverneur wurde
von Sepopo angeklagt, sein Söhnchen vergiftet zu haben, zum Tode
verurtheilt und vergiftet. Die ebenfalls aus der Barotse angekommene
Tochter Moquay hatte sich mit einem der aus der allgemeinen Metzelei
geretteten Makololo, Namens Manengo verheirathet. Der König berichtete
mir während eines Besuches, den er mir abstattete, über den König der
Makololo, daß dieser sehr elend zu Grunde ging, da sein Körper mit
Geschwüren gänzlich bedeckt war. Nach seinem Tode begannen die
Parteikämpfe unter seinem Stamme.
Eine weitere Konferenz mit Sepopo und den Portugiesen, die ich am 12.
hatte, ließ schon dem Könige keine Ruhe, er belehrte mich, daß, wenn ich
auf meiner Weiterreise von Schescheke mich nur zwei Tage lang in jeder
Stadt der Barotse aufhalte, ich zwei Monate lang durch sein Reich in
einem Kahne zu reisen hätte, bevor ich jenes des Iwan-Joe erreicht haben
würde. Ich fände hier die Quellen des Zambesi und würde von da zwei
Monate sieben Tage bis Matimbundu brauchen. Auch am 13. besuchten wir
die neu angekommenen Königinnen und fanden, daß sie in hoher Achtung
standen. Gruppen von Besuchern waren um sie gelagert und warteten ruhig
ab, bis es ihnen gestattet wurde, die hohen Gäste ansprechen zu dürfen.
Am 14. wurden wir von einem Tänzer besucht, dessen Waden mit einigen aus
Fruchtschalen gearbeiteten Schellen behangen waren. Sein Tanz war ein
Springen und ein Schütteln des ganzen Körpers, um mit den Schellen
großen Lärm zu erzeugen. Am Hofe Sepopo's fand sich auch ein Mambari,
der bei dem Könige Schneiderdienste verrichtete, er war auf einem nach
Westen unternommenen Raubzuge der Marutse mit seinen Leuten irriger
Weise gefangen genommen worden. Dieser Mambari war mit zwei seiner
Genossen an einer nahen Quelle, als sie bei der Rückkehr eben zu der
Metzelei ihrer Leute anlangten. Die beiden anderen ließ Sepopo wieder
ziehen, nachdem er sie reichlich mit Vieh beschenkt, doch
Kolintschintschi, der nunmehrige königliche Schneider, wurde am Hofe
zurückgehalten.
Auf meinen Ausflügen in den Schescheke umgebenden Wald fand ich außer
derselben Baum- und Buschflora wie in den Betschuana-Wäldern noch
zahlreich mir neue Arten und manche mir schon von den Betschuana-Ländern
her bekannte Species zur doppelten Höhe gediehen. An Vierfüßlern war die
Gegend sehr reich und unter diesen fand sich eine mir noch unbekannte
Art einer Hartebeest-Antilope mit platt gedrückten Hörnern. Sehr
zahlreich war auch die Vogelwelt vertreten, unter anderen fand ich hier
zum erstenmale den Bienenfänger (^Merops Nubicus^), einen grauen,
mittelgroßen Tukan, den großen Plotus und zwei Spornkibitz-Arten, welche
durch gelbliche Hautlappen an ihrem Gesichte ausgezeichnet waren.
Am 17. begegnete ich einer jener Karawanen, welche aus den entfernteren
Theilen des Reiches Abgaben an den König bringen. Sie zählen zehn bis
mehrere Dutzend Menschen. Die freiwillig von ihrer Heimat Scheidenden
oder von ihren Häuptlingen Abgesandten kommen mit ihrem ganzen
Haushalte, da sich in ihrer Abwesenheit Niemand um die Kinder bemühen
würde. Die eben vorüberziehende Karawane zählte 30 Personen, voran
schritten die Männer von ihren Frauen und diese wieder von den Kindern
gefolgt, beim Einzuge in Schescheke ordneten sie sich der Größe nach.
Den Zug eröffnete der Führer, welcher nur seine Waffen und eine eiserne
Glocke trug, mit welcher er unaufhörlich läutete. Dann folgten die
Abgaben tragenden Männer mit Elephantenzähnen und mit Manzawurzeln und
einer kleinen Frucht gefüllten Körben beladen. Die Frauen trugen die
Reise-Utensilien und die Nahrungsmittel.
Am 19. unternahm ich, Westbeech, B. und W., je zwei in einem Kahn eine
Bootfahrt stromaufwärts, um in einer der Lagunen mit der Angel zu
fischen. Es lagen mehrere größere und kleinere Kähne in der hafenartigen
Bucht und wir trafen zweimal eine so gute Wahl, daß wir nach einigen
Minuten zurückkehren und die Canoes wechseln mußten; im kleinsten
konnten ich und Bauer kaum das Gleichgewicht erhalten. Auf diesem
Ausfluge beobachtete ich auch das Fischen der Marutse und Masupia
mittelst Netzen. Aus zwei mit je vier Bootsleuten bemannten Kähnen,
welche je ein großes aus Bastschnüren geflochtenes, weitmaschiges Netz
bargen, warfen die Fischer hier das Netz aus, wobei sie sich, je tiefer
dasselbe einsank, desto mehr nach rechts und links den Ufern näherten;
sie zogen dabei das Netz nach aufwärts, so daß in dem Momente, wo sich
die Kähne berührten, auch das Netz sammt den gefangenen Fischen in
beiden Kähnen lag. Die Fische wurden nun mit Kiri's betäubt und an's
Land befördert. Auf unserer Heimfahrt waren wir Zeugen einer
unangenehmen Prügelscene. Von den in unserer kleinen Bucht badenden
Mädchen hatte eines dem andern einige Glasperlen gestohlen, dies wurde
von den anderen bemerkt, welche nun sich auf die Diebin stürzten, sie
mit Händen und mit Schilfrohrstücken so lange schlugen, bis sie auf die
Knie fiel und schreiend und flehend die Hände aufhob; doch selbst als
sich ihrer ein Mann annahm wurde die Züchtigung fortgesetzt und ihr
endlich von der Beschädigten das kleine Lederröckchen vom Leibe
gerissen.
Als ich Abends beim Könige zum Nachtmahle geladen war, spielte sich eine
Scene ab, welcher leider ein Gebrauch im Marutse-Reiche, sowie die
Grausamkeit Sepopo's zu Grunde lagen. Eine Stunde mochte seit
Sonnenuntergang verronnen sein; im königlichen Gehöfte ging es recht
munter zu. Gewohnter Weise saß der König mit gekreuzten Füßen auf seiner
Matte, ihm zur Rechten die zu seiner Unterhaltung an diesem Tage
bestimmten Königinnen. Zu seiner Linken war mir und seinem Neffen und
nunmehrigen Nachfolger eine ähnliche Matte als Teppich angeboten. Auf
der freien Stelle zwischen uns und dem in einem Halbkreise sitzenden,
zahlreich versammelten Volke hatte der königliche Mundschenk Matungulu
seine gewöhnliche Stelle schon eingenommen und war eben damit
beschäftigt, Honigbier auszuschenken. Der Honig wird von den
Marutse-Königen als Krongut betrachtet und muß an diese abgegeben
werden, der Verkauf desselben wird von dem Könige mit dem Tode bestraft.
Tagtäglich gehen einige dazu bestimmte Männer aus, um mit Hilfe des
Honigkukuks Honig zu sammeln und die königliche Küche zu versehen,
manche kehren gleich, noch am selben Tage, manche jedoch erst nach
einigen Tagen mit ihrer Beute zurück.
Der König hatte eben von dem ihm dargereichten Glase ein wenig genippt
und den Rest seiner Lieblingskönigin Lunga gereicht, dabei, wie er
dachte, einen Capitalwitz vorgebracht, den er, wie gewohnt, zuerst
selbst belachte, welches Lachen der Etikette gemäß von der demüthig
zusammengekauerten Umgebung desselben mit einem wahren Pferdegewieher
beantwortet wurde. Dasselbe war noch nicht ausgeklungen, als eben wohl
den so entstandenen Lärm benutzend, einer der Unterhäuptlinge aus der
Menge zu dem Könige heranschlich und demselben ziemlich leise von kaum
hörbarem Händeklatschen begleitet, Folgendes berichtete: »In meinem
Dorfe lebt ein alter Mann, dessen Füße zu schwach sind, um das Polocholo
(Wild) zu jagen. Schon vor langer Zeit hat es Njambe (Gott) gefallen,
seine Weiber sterben zu lassen und ihm so die Möglichkeit benommen, sich
mit Mabele (Korn) zu nähren; seine Verwandten leben, da er mit Dir, o
König, nach Schescheke gekommen war, in der fernen Barotse, und so hat
er Niemanden hier, der ihm Nahrung reichen könnte, noch ist er selbst im
Stande, sich welche zu erwerben.« Während der Häuptling sprach, schenkte
Sepopo seine Aufmerksamkeit einem Anderen ihm gegenüber sitzenden Manne
und als der erstere geendet, gab er diesem mit einem ^Autile intate^ zu
verstehen, daß er ihn begriffen, und der Ruf »Maschoku« zeigte dem
Berichterstatter, daß er erhört wurde. Maschoku hieß Sepopo's
Scharfrichter und er wurde eben gerufen, um den Häuptling, sein Dorf,
den König und die Nachbarn von der Gegenwart des alten Mannes zu
befreien.
Während meines Aufenthaltes in Schescheke gab es im Marutse-Reiche
keinen so gehaßten Menschen wie Maschoku, keinen gefürchteteren Namen
als diesen. Dem Stamme nach ein Mabunda, war er in Folge seiner
Tauglichkeit ein Werkzeug Sepopo's und seiner Geschicklichkeit halber,
mit der er sein furchtbares Amt versah, von dem Könige zum Häuptling
erhoben worden. Mehr denn sechs Fuß lang, sehr stark gebaut, zeichnete
er sich durch einen unförmlichen Kopf und sehr abstoßende Gesichtszüge
aus, welche ihm meinerseits mit Rücksicht auf sein Amt den Namen die
Mabunda-Hyäne zuzogen. Auf den Ruf des Königs kam Maschoku auf allen
Vieren herangekrochen, ein unterwürfiges, listiges Lächeln, ein Grinsen,
das von der Befriedigung, mit der er des Königs Rufe zu folgen schien,
ließ den Menschen noch widerlicher erscheinen, als er es ohnehin schon
war. Auch er klatschte in die Hände und horchte; vor dem Könige
angekommen, senkte er den Kopf, um gespannt des Königs Befehl zu
vernehmen. »Maschoku,« sprach der König, »kennst Du den Mann, von dem
eben der Häuptling sprach? Trachte die Sache morgen Früh in Ordnung zu
bringen.« Dann nickte der König seinem Günstling zu und nachdem er ihn
noch mit einem Becher Impote ausgezeichnet, entließ er den Mann, welcher
auf dieselbe Weise, wie er gekommen, zurückkroch. So war die Sache
abgemacht und für neue Nahrung der Krokodile des Zambesi gesorgt worden.
Der König machte seinem guten Humor noch in einigen Witzen Luft, zog
sich hierauf in sein Schlafgemach zurück, während die Musikcapelle in
ihrem vor den königlichen Wohnungen erbauten Häuschen die nächtliche
Serenade executirte.
Wir wollen nun sehen, wie am folgenden Morgen dem Befehle des Königs
Genüge geschah. Einige Stunden nach Tagesanbruch hatten sich vor der
Grashütte des den Krokodilen geweihten überflüssigen Mannes fünf Männer
eingefunden, aus denen sich die berüchtigte Gestalt der Mabunda-Hyäne
auffällig hervorhob, der letztere beugte sich nun zu der kleinen
Eingangsöffnung der Hütte herab, streckte seinen unförmlichen Arm aus,
um das Opfer beim Fuße zu ergreifen. Der Greis versuchte es, sich zu
erheben, doch seine Schwäche hinderte ihn daran; wie Espenlaub zitterte
der gebrechliche Körper. Mit den Worten. »Fasset an, ihr Männer, je eher
desto besser für Dich, Vater,« tröstete der Scharfrichter sein Opfer.
Die Gehilfen des Scharfrichters schleppten nun den Mann zum Flusse.
Schweigend schritt die Gruppe dahin; am Ufer angelangt, band Maschoku
die Hände und Füße des Mannes und ließ ihn in das bereit gehaltene Canoe
bringen. Das Boot stieß ab, und nach einigen Ruderschlägen waren die
Mörder in der Mitte des Flusses angelangt; während nun der Gehilfe mit
dem Ruder das Gleichgewicht des Bootes zu erhalten bestrebt war, ergriff
der Scharfrichter sein Opfer mit fester Hand und tauchte es, unterstützt
von einem Gehilfen unter Wasser. Gurgelnde Laute entstiegen der Tiefe
und die Arme zuckten nach aufwärts, doch alles vergebens, an der Gewalt
des eisernen Griffes Maschoku's scheiterte auch der verzweifelt
Rettungsversuch. Auch die Luftblasen, welche bisher noch an der
Oberfläche der Fluth auftauchten, blieben aus, das Leben war aus dem
Körper entwichen. Nun wurde der Körper in's Boot gezogen und näher dem
Ufer an einer Stelle, wo die königlichen Straßenreiniger den Unrath den
Krokodilen vorzuwerfen pflegten, in die Tiefe versenkt. Dies die
gewöhnliche Weise wie König Sepopo mit kranken, alleinstehenden und
altersschwachen Leuten umzugehen pflegte. In Schescheke gab es mehr
solcher Opfer als in anderen Theilen des Marutse-Reiches, weil sich hier
Fremdlinge aus den verschiedenen Provinzen versammelten, um den König zu
begrüßen. Unter manchen Herrschern jedoch, wie z. B. unter dem beim
Volke im guten Angedenken stehenden Großvater Sepopo's, wurde diesem
Gebrauche nie gehuldigt, ebensowenig während der Regierung einer
Königin.
[Illustration: Der prophetische Tanz der Masupia.]
Am 20. besuchte ich Masangu, den schon erwähnten Häuptling, Vorstand der
Metall-Handwerker in Sepopo's Reich, der zugleich die Oberaufsicht über
alle von dem Könige an seine Unterthanen abgegebenen Gewehre zu führen
hatte. Er war eben mit dem Ausbessern eines Gewehres beschäftigt und
bediente sich dabei seiner eigenen Instrumente; Hammer, Meißel, Zange
und Blasbalg waren die best gearbeitsten ihrer Art, die ich bisher unter
den Eingebornen Afrika's angetroffen hatte. Er frug mich, ob ich schon
die Masupia's tanzen gesehen habe; als ich dies verneinte, machte er
mich auf den Schall der aus den königlichen Gehöften ertönenden
Langtrommeln aufmerksam und forderte mich auf, den Tanz der Masupia's zu
beobachten. Die Bewohner des Marutse-Reiches lieben den Tanz sehr, ich
möchte sagen, daß jeder Stamm einen Specialtanz besitzt; mit den
Betschuana's haben sie den Pubertätstanz gemein, den die Mädchen feiern,
wenn sie ihre Reife erlangt haben. Er wird Wochen lang und stets bis
gegen Mitternacht ausgeführt, und dient auch dazu, um das
Freundschaftsband unter den im Alter ziemlich gleichstehenden, in einer
Ortschaft geborenen Mädchen inniger zu knüpfen. Der Tanz wird von Gesang
und Castagnetten-Musik begleitet.
Andere Tänze sind der Trauungstanz, ferner der Elephantentanz, der
zugleich mit dem größten Trinkgelage verbunden ist, bei welcher
Gelegenheit ich auch den schädlichen Effect des Butschuala beobachten
konnte. Die Fächerpalmen-Instrumente werden dabei rasch mit einem
Rohrstäbchen gestrichen und mit den Stahlhandschuhen (klöppellosen
Doppelglocken) der Tact dazu geschlagen. Ferner gibt es den Löwen- und
Leopardentanz, welche nach glücklich ausgeführten Jagden von den
heimkehrenden Jägern und den ihnen entgegenkommenden Dorfbewohnern
ausgeführt werden. Wie an dem Elephantentanze, so betheiligt sich der
König auch an dem Mokoro- oder Bootstanze.
Jener, den ich am 20. October in Schescheke beobachten konnte, war ein
prophetischer Tanz und eine der vielen Gaukeleien, welche dem Stamme der
Masupia's eigenthümlich sind. Zwei Männer tanzten unter dem Schalle der
größten Trommeln der königlichen Capelle und dem Gesange und
Händeklatschen einiger dreißig sie eng umringender Landsleute vom frühen
Morgen bis zum Sonnen-Niedergange, bis sie sozusagen besinnungslos
niederstürzten; in diesem Momente mußten sie Worte ausstoßen welche sich
auf das Vorhaben, eine große Jagd, Krieg oder Raubzug etc., bezogen,
welches der König oder Statthalter auszuführen gesonnen war. Beinahe
durchwegs lautet ihre Weissagung günstig und ein Geschenk von Glasperlen
oder Kattun wird ihnen dafür zu Theil; straft der Zufall ihre Worte
Lügen, so müssen sie sich aus dem Bereiche des erzürnten Hohen ferne
halten, um nicht ein fühlbares Nachgeschenk zu erhalten. Masupia-Tänzer
waren phantastisch mit Gnu- oder Zebraschwänzen am Kopfe, an den Armen
und Hüften geschmückt und bildeten mit ihrem Tanze einen Uebergang zu
den maskirten Tänzern. Der Tanz an sich selbst ist ein Hüpfen von einem
Fuß auf den andern, unterbrochen von einem Sichausstrecken auf dem
Boden, das plötzlich, oder so langsam mit kaum wahrnehmbarer Benützung
der Gelenke geschieht, und mit einem Schütteln des Körpers und Kopfes,
Verschieben des Kopfschmuckes etc. verbunden ist. Auch diese Tänzer
benützen die Wadenschellen und einige kleine flaschenförmige, zu
gleichen Zwecken gearbeitete Kürbisschalen. Zu Hause begehen die
Masupia's ähnliche Tänze mit Gaukeleien verbunden, welche sie oft
geschickt einzufädeln wissen. So scheint es, als wenn sie sich während
des Tanzes mehrmals tief in die Zunge schneiden und nach jedem Schnitt
Blut hervorquellen würde; untersucht man aber die Zunge nach dem Tanze,
so findet man sie nicht im Geringsten verletzt.
Abends kamen Boten von Dr. Bradshaw von Panda ma Tenka mit einem Briefe,
worin wir mit der Nachricht überrascht wurden, daß der den Lesern schon
von den Klamaklenjana-Quellen her bekannte Händler A. X., dem ich zwei
Kistchen gesammelter Objecte nach Panda ma Tenka gesendet, am Nataflusse
von Hyänen getödtet wurde. Der Mann hatte sein wenig glorreiches Leben
damit zum Abschlusse gebracht, daß er einen seiner Diener wegen eines
kleinen Vergehens niederschoß und in der Furcht, von den Genossen des
ermordeten Dieners getödtet zu werden, im trunkenen Zustande seinen
Wagen verließ und sich in den nahen Büschen verbarg. Die erschreckten
Diener hörten sein Geschrei während der Nacht, doch wagten sie es nicht,
ihm zu Hilfe zu eilen. Am nächsten Morgen sollen sie seine frisch
abgenagten Gebeine und zu Fetzen zerrissenen Kleider gefunden haben.
Zwei der Diener hatten sich, nachdem sie sich mit Nahrungsmitteln
versehen auf den Weg nach dem Panda ma Tenka-Flüßchen gemacht, um hier
den Compagnon des Verunglückten aufzusuchen und ihm den Unglücksfall zu
berichten.
Am 21. setzte ich mein einige Tage zuvor angefangenes Studium der Fische
fort, wobei ich diesmal meine Aufmerksamkeit dem auch im Zambesi
vorkommenden schildköpfigen Wels (^Glanis siluris^) widmete. Ich
erwähnte schon des Thieres und seiner Parasiten und will noch
hinzufügen, daß mir seine Farbe hier dunkler erschien als die der
südlicher vorkommenden Thiere. An Stellen, die uns von Krokodilen
weniger dicht bewohnt zu sein schienen, warfen wir die Grundangel aus
und in der Regel mit gutem Erfolg.
In der Nacht auf den 22. vernahm ich aus dem Dorfe des Häuptlings Ratau
(dem westlichsten) Frauengeschrei und früh Morgens einige Gewehrschüsse.
Das erstere bezeichnete das Ableben eines Marutse, das zweite, daß man
ihn bestatte. Am 22. sandte der König einen Kahn, um Blockley und Bauren
nach Impalera zu schaffen, damit der erstere den des Tauschhandels
halber geplanten Ausflug nach dem Lande des Makalaka-Fürsten Wanke
unternehmen könne. Die Sendung eines Kahnes für zwei Weiße und mehrere
Diener wurde von Blockley als Beleidigung angesehen und diente nicht
dazu, um das in letzterer Zeit durch das unfreundliche Auftreten von
Seite Sepopo's eingetretene Zerwürfniß zu mildern. Der König erschien
diesmal von 120 der Seinen und seiner Capelle begleitet. Die Menschen
füllten das kleine Höfchen vollständig, Sepopo wollte durch dieses
imposante Auftreten den Händlern zu verstehen geben, daß sie vollkommen
in seiner Gewalt seien.
Der König hatte sich kaum entfernt und ich war an die Ausführung einiger
Zeichnungen geschritten, als zwölf Königinnen auf meine Hütte
losstürzten. Sepopo hatte ihnen erzählt, daß ich unlängst ihn und
Maschoku abgezeichnet, nun wollten sie sein und des Scharfrichters Bild
sehen; da half kein Widerstreben und ich mußte mit der Zeichnung heraus,
ja ich mußte ihnen auch zeigen, wie ich das Bild gezeichnet hatte, dabei
wurde ich derart umlagert, daß mir das Athmen schwer wurde. Die eine
wies auf das und frug die andere um jenes, während eine dritte nach dem
Bleistifte griff und zwei andere wieder die Feinheit des Papieres
bewunderten; die rückwärts Stehenden, die nicht viel sehen konnten,
drängten hervor und zwei der Vordersten lehnten sich ^sans gène^ an
meine Schultern und entfalteten dabei so viel Koketterie, wie ich sie
nie an den schüchternen Betschuana- und Zulu-Frauen beobachten konnte.
Da ich des Königs Eifersucht wohl kannte, hielt ich es für das Beste,
einen der schwarzen Diener, der sich beim Eintreten der Frauen des
Königs entfernen wollte, bleiben zu heißen. Nach einer halben Stunde
verließen sie mich, um Westbeech in dem nebenan liegenden Waarenhäuschen
anzubetteln. Nach ihrer Entfernung warf ich eine Matte gegen die
Thüröffnung und ließ nur eine Spalte für das Licht offen, ich hoffte nun
Ruhe zu haben, doch hatte ich die Neugierde der Töchter Eva's nicht in
Rechnung gebracht, denn kaum war dies geschehen, als abermals zwei
Königinnen an der Thüre erschienen. Sie dachten mich wohl abwesend, denn
aus den Worten der einen, »^Sikurumela mo' ndu, Njaka chajo^« (der
Deckel liegt an der Thüre, der Doctor ist abwesend), konnte ich ihre
Enttäuschung entnehmen.
[Illustration: Besuch der Königinnen.]
Von allen mir bis jetzt in Südafrika bekannten Eingebornenstämmen halte
ich jene im Marutse-Reiche für die reinlichsten. Gerade an den am Flusse
gelegenen größeren Ortschaften gibt es wenige sandige Untiefen;
nichtsdestoweniger und trotz der Gefahr, welche den Badenden durch die
zahlreichen Krokodile droht, lieben die Stämme des Marutse-Reiches das
Bad. Ist das Ufer zu steil oder das Wasser zu tief, so wird das Wasser
über den Kopf gegossen. Waschen ist ihnen eine Nothwendigkeit, sie
reinigen sich selbst nach jedem Mahle Mund und Hände.
Am 23. machte ich einen Ausflug auf die angrenzende Wildebene
(Blockley's Kraal), wobei ich Gelegenheit fand, die Puku-, Letschwe- und
Wasser-Antilopen beobachten zu können. Am Rande des Gehölzes (die
Ueberschwemmungen des Zambesi setzen diese Ebenen bis an das Gehölz
unter Wasser) beobachtete ich zahlreiche Felder der Eingebornen. Frauen
und Kinder waren mit dem Umgraben, Männer mit dem Fällen der Bäume
beschäftigt, um den Grundbesitz ihrer Herren (die auch sie ernährten)
nach dem Gehölze hin auszudehnen. Heimkehrend fielen mir die an mehreren
Stellen im Umkreise einiger schon errichteten Gehöfte erbauten Hütten
auf, sie hatten eine Nachtmützenform und mußten in wenigen Stunden aus
Gras und Schilfrohr errichtet worden sein. Sie waren für die Sklavinnen
bestimmt und standen ohne alle Umzäunung da, damit ihr Eigenthümer
leicht die Aus- und Eingehenden überblicken konnte.
Am 24. besuchte ich eine Hütte, in welcher einer der Mambari's mit Hilfe
der ihm von dem Masupia-Häuptling Masangu geliehenen Werkzeuge
Schmiedearbeiten verrichtete. Einen Gehilfen Masangu's fand ich damit
beschäftigt, einige Hauen zu schärfen, und sah den von den Marutse
verwendeten doppelten Blasebalg, welcher einen continuirlichen Luftstrom
in das Feuer bließ. Dieser Blasebalg besteht aus drei Haupttheilen,
einem hölzernen, theilweise mit Leder überzogenen, einem aus Horn
verfertigten und einem thönernen Theile. Der hölzerne Theil ein
Doppelgestell aus zwei mit Lederlappen bedeckten Rundschüsseln und je
einer aus diesem parallel laufenden Holzröhre bestehend. Die Lederstücke
sind in ihrer Mitte mit Stäbchen versehen, haben an der Seite je eine
Oeffnung und werden abwechselnd gehoben oder gesenkt und auf diese Weise
Luft eingelassen und ausgepreßt; diese wird abwechselnd in eine der
hölzernen Röhren getrieben und tritt aus diesen in die aus den Hörnern
der Säbel- oder Gemsbock-Antilope verfertigten. Die beiden Hornröhren
sind kürzer als die hölzernen und stehen mit diesen in keinem festen
Zusammenhange, sie laufen auch nicht mehr parallel zu einander, sondern
sind an den vorderen Enden zu einander geneigt und münden in eine
thönerne und diese unmittelbar auf den Feuerherd.
Mein Nachmittags-Spaziergang führte mich zum Flusse, an dem ich einen
Haufen lebhaft gesticulirender Eingeborner antraf. Der Fluß hatte soeben
die Leiche eines vor einigen Tagen von einem Krokodil beim Baden
getödteten Mädchens an's Land geschwemmt. Menschen, sowie größere
Säugethiere werden von den Krokodilen ertränkt, da sie von dem Reptil
nicht verschlungen werden können. Sowie das Krokodil durch das Aufhören
der Zuckungen von der Widerstandslosigkeit seiner Beute überzeugt ist,
öffnet es am Grunde des Wassers seine riesigen Kinnladen und läßt die
Beute fallen. Das riesige Thier ist, außer es zerren zwei um das
ertränkte Opfer, nicht im Stande, mit seinen Zähnen ein größeres Thier
oder den Menschen als frischen Cadaver zu zerkleinern, es bleibt aber
als Wächter bei dem Ertränkten liegen, bis der Verwesungsproceß beginnt
und die Leiche, durch die Gase emporgehoben, zur Wasseroberfläche
aufsteigt. Dann wird erst dieselbe zerstückelt und verschlungen. Hat
jedoch ein Fisch oder sonst ein Gegenstand die Aufmerksamkeit des
Thieres vom Fraße ab und auf sich gelenkt, und geschah dies während des
Tages, so wird der gehobene Gegenstand vor der anbrechenden Dunkelheit
nicht mehr berücksichtigt. Sepopo sowie seine Leute theilten mir mit,
daß in keinem Theile seines Landes die Krokodile so schlimm und
gefürchtet wären, als in der Umgegend von Schescheke. Kurz vor meiner
Ankunft wurde ein Mann von denselben aus dem Boote herausgeholt, vor
drei Tagen ein sechsjähriger badender Knabe erfaßt und während meines
ferneren Aufenthaltes in Schescheke fanden mehr als dreißig Menschen
ihren Tod durch diese räuberischen Saurier.
Kleine Krokodile werden zufällig im Netze mit Fischen, große erwachsene
Thiere mittelst riesiger Angeln gefangen und getödtet. Die Construction
dieser Fangvorrichtung ist sehr sinnreich ausgedacht und ausgeführt. Sie
besteht aus einer eisernen Angel, mehreren dünnen Bastschnüren, einem
Baststrick und einem Rohrbündel; eine eingehendere Beschreibung dürfte
die folgende Skizze ersparen. Der den Angelhaken umhüllende Köder wird
von einem Netze gehalten, mehrere vier bis 4½ Meter lange
federspuldicke, sehr fest gedrehte Bastschnüre vermitteln die Verbindung
zwischen dem Angelhaken und dem 3 bis 4½ Meter langen Basttau, welches
an dem Rohrbündel befestigt ist.
[Illustration: Meine Hütten in Neu- und Alt-Schescheke.]
Haben die Krokodile in Schescheke in kurzem Zeitraume nacheinander
mehrere Opfer gefordert, so werden auf des Königs Geheiß die
Krokodil-Angeln ausgelegt. Man legt das Rohrbündel auf das Ufer, den mit
dem Köder (in Verwesung übergegangenes Hundefleisch)[12] versehenen
Angelhaken auf drei Rohrstöckchen, so daß derselbe am Uferrande 1½ Meter
über dem Wasserspiegel wie auf einem Stühlchen ruht. Wittert das riesige
Reptil den Köder, so schwimmt es in seine Nähe und verhält sich hier
ruhig bis zum Anbruche der Nacht. Sich aus dem Wasser emporschnellend,
erfaßt es den Köder mit seinen riesigen Kinnladen und würgt ihn
hinunter. Doch die vorstehenden Hakenspitzen verhindern dieß, wie auch
das Schließen der Kinnladen, wodurch dann das einfließende Wasser in den
Schlund und in die Luftröhre eindringen kann. Es stürzt damit in die
Tiefe, nach und nach ermatten seine Anstrengungen, sich von der mit den
Widerhaken im Schlunde festsitzenden Angel zu befreien und das Thier
treibt stromabwärts. Von diesem Kampfe gibt das an der Wasseroberfläche
schwimmende Rohrbündel treues Zeugniß. Nach einer halben bis einer
Stunde hat der Saurier ausgerungen und wird vom Strome ab und an eine
Sandbank oder gegen das Ufer getrieben, wobei das Rohrbündel den
Fischern das geköderte Thier verräth. In Schescheke wurden zuweilen auf
fünf aufgestellten Angeln zwei bis drei Krokodile in einer Nacht
gefangen. Gespeert werden die Krokodile nur, wenn man die Geangelten
noch lebend antrifft, oder wenn man ihnen zufällig beim Fischspeeren,
auf der Nilpferd-, Elephanten- oder Otterjagd begegnet. Gleich den
Fischnetzen sind auch die Krokodilangeln königliches Eigenthum. Als nach
einigen Tagen die fünf Angeln ausgesetzt waren, fand ich mich zeitlich
am Flußufer ein, um den Erfolg zu beobachten. Drei der Angeln waren
verschwunden, dafür sah ich drei der größeren Kähne mit je zwei
Bootsleuten bemannt, flußaufwärts nach Schescheke zusteuern. Ein jedes
derselben barg ein riesiges Krokodil, in dessen Leibe ein Mensch füglich
Platz finden konnte. Die Thiere wurden nun an's Ufer geschleppt und
einige von Sepopo's Leuten machten sich daran, ihnen den Kopf
abzuschneiden; die Augenlider und Luftwarzen, sowie einige
Rückenkammschuppen wurden als Heil- und Zaubermittel dem Könige
überbracht.
[Fußnote 12: Einer abergläubischen Ansicht zu Folge halten die Marutse
in Verwesung gerathenes Hundefleisch als eine von den Krokodilen
besonders gesuchte Lockspeise.]
[Illustration: Krokodilangel.]
Als ich eben daranging, die Leiche des vom Krokodile getödteten Mädchens
beerdigen zu wollen, wurde ich von deren Verwandten mit den Worten daran
verhindert: »Njambes Wille war es, daß sie das Krokodil tödtete, deßhalb
muß sie auch dem Krokodile zur Beute werden.« Die Leiche wurde auch
gegen Sonnenuntergang von den Krokodilen in die Tiefe gezerrt. An diesem
Tage kam auch die Königin Lunga, um mir ihre vierzehnjährige Tochter,
mit Namen Njama vorzustellen, sie war eben an Monalula, den ältesten
Sohn Sepopo's, einen Einfaltspinsel, verheiratet worden. Vor der
Hochzeit wurde sie vier Wochen lang von ihrer Mutter sowie einigen
anderen Königinnen in einem nahen Walde in einer Hütte einquartirt, wo
sie die Zeit mit Fasten und Arbeiten zubringen mußte und von den Frauen
in den Pflichten des Weibes unterrichtet wurde. Während dieser Zeit war
ihr Wollhaar bis auf eine elliptische Stelle abgeschabt und mit
Brauneisenstein eingerieben worden. Njama war eine Tochter des
Makololo-Fürsten Sekeletu.
Am 25. fand ich auf einem Ausfluge im Walde ein Mankoë-Dorf. Die Leute,
der schönste Menschenschlag im Marutse-Reiche, trugen bedeutend längeres
Wollhaar, welches sie hoch aufkämmen, wodurch der Kopf wesentlich größer
scheint. Sie waren nach Schescheke gekommen, um dem Könige bei dem
bevorstehenden Elephanten-Jagdzug behilflich zu sein. Ich
beobachtete bei ihnen nächst den Mabunda's die schönsten Holz- und
Hornschnitzereien, wenn diese Gegenstände auch nur Reise-Utensilien
waren. Die Wohnungen dieser Leute bestanden in vier riesigen, zwei Meter
hohen, zwei Meter breiten Längshütten, welche ein parallel laufendes
Doppelhufeisen darstellten. Am Heimwege stieß ich auf mehrere Gräber der
Masupia-Häuptlinge, welche mit Elfenbein geschmückt waren. Ferner fand
ich Kalebassen, mit ihrer Oeffnung nach abwärts auf einem kleinen
Termitenhügel ruhend, durch deren durchlöcherten Boden ein Stab
eingeführt war, dieselben sollten mit dem in der Kalebasse befindlichen
Knochenpulver nach der Ansicht der Marutse den Regen anziehen.
Im Laufe des Tages fand ich Gelegenheit, mir von Sepopo Aufklärungen
über die Verwaltung des Landes und die Beamten-Hierarchie des Reiches
geben zu lassen. Die letztere läßt sich in vier Kategorien scheiden,
welche erstens am Hofe, zweitens in den verschiedenen Gebieten der
einzelnen Stämme als Statthalter des Herrschers, Koschi, amtiren,
drittens in Unterhäuptlinge, die diesen untergestellt als Kosana und
Makosana das Amt eines Statthalters versehen, und viertens in Beamte,
die sich nur mit der Person des Königs zu beschäftigen haben und im
Range zwischen den beiden letztgenannten Classen stehen.
Zu den ersterwähnten Rangstellen gehören: a) der Höchst-Commandirende,
zu Sepopo's Zeiten war es ein Ehrenmann, mit Namen Kapella, ein dem
König verwandter Marutse, der später von dem Letzteren zum Tode
verurtheilt wurde; b) der Arsenal-Gouverneur, welcher das königliche
Waffen- und Munitionslager unter sich hat, und im Auge behalten muß, wie
viel und an wen die Gewehre vom Könige vertheilt werden. Unter Sepopo
bekleideten zwei Masupia's, Massangu und Ramakocan, diese Stelle; c) der
Commandant der Leibgarde, der jedoch blos im Kriegsfalle seine
Functionen ausübt; zu Sepopo's Zeit war es dessen Cousin Monalula; d)
der Commandant der jungen Krieger, die zur Kriegszeit eine besondere
Heeresabtheilung bilden; unter Sepopo war es Sibendi.
In die zweite Rangklasse gehören die Statthalter, welche über die
einzelnen von den verschiedenen bedeutenderen Stämmen bewohnten
Provinzen gestellt sind und Civil- und militärische Gewalt in sich
vereinigen. In Gebieten, wie in der Barotse, im Masupia-Mabunda-Lande,
also in den umfangreicheren Provinzen, sind mehrere Chefs installirt und
dann einem im Hauptorte der Provinz Residirenden unterstellt. Alle diese
bisher genannten Würdenträger sind dem jedesmaligen Ober-Gouverneur der
Barotse untergeordnet. Dieser Mann wird nach dem Regenten als die
höchstgestellte Person betrachtet, unter Sepopo und auch nach seinem
Tode bekleidete Ikambella diesen Posten.
In die dritte Rangclasse gehören die Unter-Häuptlinge, Vice-Statthalter,
höhere und niedere Beamte über größere oder kleinere Städte und Dörfer,
kleinere Landstriche und über Kolonien, welche ausschließlich für den
König Viehzucht, Ackerbau, Jagd und Fischerei betreiben. Die
Beaufsichtigung der regelmäßigen Ablieferung der dem Könige schuldigen
Abgaben ist übrigens auch in allen anderen Provinzen eine hervorragende
Amtspflicht der Beamten. Der größte Theil des Erträgnisses an Getreide
wird an den Statthalter abgegeben, dieser sendet wieder den für den
König bestimmten Theil dem Letzteren zu. Erlegen die Unterthanen ein
Stück Wild oder schlachten Freie oder Sklaven, welche Vieh besitzen
dürfen ein Stück davon, so wird das Bruststück an den Kosana, ist jedoch
der Koschi im Orte oder auf der Jagd anwesend, an denselben, geschah es
in des Königs Residenz oder in deren Nähe, an denselben als Königsstück
abgegeben. Dies ist Gesetz. Die Unterhäuptlinge haben auch alle
wichtigen Begebenheiten ihrem Koschi und dieser dem Regenten
unverzüglich zu hinterbringen.
Die Würdenträger der letztgenannten Rangclasse bilden zum größeren
Theile den »engen Rath des Königs« und stehen nach landläufigen
Begriffen höher als die der dritten Rangclasse, thatsächlich aber sogar
in des Herrschers Gunst höher als die Statthalter. In diese Kategorie
gehören der Scharfrichter, zur Zeit Sepopo's der bereits erwähnte
Maschoku, fünf bis sechs Leibärzte, unter denen der alte Liva und sein
Bruder besonders berüchtigt war, ferner des Königs Mundschenk, ein bis
zwei Detective, der Aufseher, der in der Residenz stationirte Fischer
und der oberste Kahnaufseher. Obgleich Sepopo die Verwaltung des
Mabunda-Reiches seiner Tochter Moquai aus den Händen nahm, hatte sie
doch, vom Volke als die eigentliche Herrscherin angesehen und geehrt,
ihren eigenen Hofstaat, in welchem ihr Gemahl Manengo die höchste Stelle
bekleidete, auch hatten sie einen Kanzler, einen Garde-Commandanten, die
Statthalter ihres Reiches waren jedoch von Sepopo installirt worden.
Außer den genannten Würdenträgern lernte ich noch die Häuptlinge Sambe,
Premier der Königin Moquai, Nubiana, einen Marutse, ebenso Moquele und
Mokoro, auch die beiden Masupia-Chefs Monamari und Simalumba kennen.
Sepopo umgab ein engerer und großer Rath. Der erstere war das »Werkzeug
des Herrschers«, ein Haufe nicht minder grausamer Creaturen als der
König es selbst war (unter Regentinnen ist er nicht vorhanden), der
große Rath aber, der zum Theile aus Ehrenmännern besteht, war ziemlich
machtlos und fristete unter Sepopo eine bloße Scheinexistenz, da die
milden Urtheile der Mitglieder desselben, sowie sie dem Herrscher nicht
zusagten, einfach ignorirt wurden, oder der engere Rath, der stets dem
Könige gehorcht, zu den Berathungen zugezogen, wodurch der große
Rath stets überstimmt wurde. Der große Rath bestand aus den
Hof-Würdenträgern, aus Häuptlingen und Unterhäuptlingen, die zufällig
die nächste Umgebung des Königs bewohnten. Obgleich Sepopo seinen
Wohnsitz mehrmals wechselte, machte er doch die Erfahrung, daß ihm zwar
anfangs die Mitglieder des großen Rathes zu Willen waren, später sich
jedoch seinen Grausamkeiten, namentlich den zahlreichen Hinrichtungen
der von ihm ob des geringsten Verdachtes schon des Hochverrates
Angeklagten, widersetzten. Um den Widerstand des großen Rathes zu
brechen, verfiel Sepopo auf den Gedanken, den großen Rath im
Masupia-Lande, sowie die Häupter jenes der Barotse zum Tode zu
verurtheilen, es war dies eine Gewaltmaßregel, welche nicht wenig seinen
Sturz beschleunigte. Bei den Stämmen im Marutse-Reiche stand der große
Rath in bedeutendem Ansehen, während man mit sklavischer Demuth zu dem
engeren emporblickte.
Unter Sepopo's Regierung führten zwei mumienartig aussehende
Zauberdoctoren, der eben genannte Liva und sein Bruder, das Wort. Sie,
welche schon mehreren Herrschern gedient hatten und eine mehr denn sechs
Decennien dauernde Praxis hinter sich hatten, wußten dem mißtrauischen
und äußerst abergläubischen Sinne Sepopo's zu schmeicheln und ihn in
seinem Aberglauben zu bestärken. So hatten sie sich in der Gunst der
Stämme vom Vater auf den Sohn zu erhalten gewußt und waren weniger
gehaßt denn gefürchtet, wenn sie auch oft die schrecklichsten
Grausamkeiten anriethen. Wenn sich die Stämme nicht früher schon gegen
Sepopo, diesen ungewöhnlichen Despoten erhoben, so beruht diese Schonung
in dem Ansehen, das er als das Haupt des engen Rathes genoß und darin,
daß er als ein Mann betrachtet wurde, der mit seinen Zaubermitteln
leicht die gegen ihn ersonnenen Pläne entdecken und vereiteln konnte.
Seine Grausamkeiten nahmen indeß an Häufigkeit zu. Die höchsten Beamten
des Reiches waren vor ihm nicht mehr sicher, und doch wagte es Niemand,
gegen ihn einen Assagai zu erheben. Da traf es sich, daß er öffentlich
Zaubermittel ausstellte und dem Volke die Wirkung derselben erklärte,
die jedoch ausblieb. Nun fielen den Leuten die Schuppen von den Augen,
sie erkannten, daß die ganze Zaubermacht des Tyrannen Humbug sei,
verloren die Furcht vor derselben und vertrieben ihn endlich.
Als ich am 26. mit Westbeech und einem Koschi über die Würdenträger des
Marutse-Reiches sprach, theilte mir der erstere eine Episode aus dem
Leben eines portugiesischen Händlers mit, welcher periodisch das
Marutse-Reich zu besuchen pflegte. Ein nebenan stehender Häuptling
warnte mich jedoch, vor dem Könige Anspielungen auf diese Episode zu
machen, da es diesen immer in furchtbare Wuth versetze. Der genannte
Händler, von den Eingebornen Intschau genannt, kam in der Regel mit
hundert bis hundertzwanzig männlichen und zwanzig weiblichen Trägern
nach der Barotse, er hielt einen förmlichen Hofstaat und trug seinen
Reichthum an Prätiosen zur Schau, beschenkte auch den damals in der
Barotse geladenen W., der ihm als Gegengeschenk ein Doppelgewehr
übergab. Als nun Westbeech im Jahre 1874 Senhor Intschau in der Barotse
traf, ordnete der König eine der großen Jagden an, wie sie jährlich
während der Zambesi-Ueberschwemmungen abgehalten zu werden pflegen.
Während derselben flüchten sich die Wasser-Antilopen des Zambesi-Thales
(der Letschwe und Puku) in die überschwemmten, dem Flusse anliegenden
Partien, was ihnen aber zum Verderben gereicht, da auf manchen Jagden
bis zu vierzig Stück gespeert werden. Sie werden mit Kähnen gejagt und
diese Jagden gestalten sich zu einem wahren Festtage der Marutse. Der
König Sepopo hatte für seinen Gebrauch ein eigenes großes Boot, das eine
Hütte trug, in welcher in den freien Augenblicken während der Jagd Bier
getrunken wurde, welches die Städte und Dörfer, an denen man
vorüberfuhr, liefern mußten. Jenes floßartige Riesenboot wurde von
vierzig Bootsleuten gesteuert.[13]
Als sich nun Sepopo auf jene Jagd begab, lud er Westbeech ein, an
derselben theilzunehmen, nicht aber den Portugiesen, worüber der
letztere so erbittert war, daß er sich an dem Könige zu rächen beschloß.
Wie schon erwähnt, standen in dem vom Könige allein bewohnten Gehöfte
drei Häuser, jene in der Stadt Sola, die Sepopo damals bewohnte, waren
namentlich solid ausgeführt. In Abwesenheit des Königs nahm sich nun
Intschau die Freiheit, von dem königlichen Gehöfte Besitz zu ergreifen,
wobei er dessen Schlafgemach in einen Düngerhaufen verwandelte. Die
Bewohner von Sola hielten den Portugiesen im Besitze der königlichen
Erlaubniß und berichteten dem Könige nicht eher die Invasion seines
Gehöftes, als bis sie durch das Vorgehen des Fremden die königlichen
Gebäude entehrt sahen. Als sie hörten, daß der König auf der Rückfahrt
begriffen sei, reisten ihm die Solaner entgegen und berichteten ihm, was
geschehen war. Der König wollte den Leuten nicht Glauben schenken und
schickte einige Männer seiner Begleitung voraus, welche sich von der ihm
angethanen Schmach überzeugen sollten. Die Abgesandten konnten nur die
Aussagen der Solaner bestätigen, worauf der König Intschau auffordern
ließ, Sola und sein Reich überhaupt sofort zu verlassen, welchem Befehle
der Elfenbeinhändler auch wohlweislich nachkam.
Darauf berief der König den kleinen Rath. Seine Lieblinge, die vom
Aberglauben umnachteten Rathgeber, hielten eine geheime Sitzung und
kamen zu folgendem Beschlusse, den sie dem Könige und später auch dem
Volke kundgaben. Sie sagten: »Intschau hätte nie eine solche Beleidigung
gewagt, wenn er nicht im Besitze von sehr starken und ganz wundersamen
Medicinen gewesen wäre. Der König dürfe daher nie mehr Sola und um so
weniger seine Wohnung aufsuchen, es würde ihm, sowie auch seinen
Unterthanen und dem ganzen Lande sehr großen Schaden bringen. Um all'
dies abzuwenden, hielten sie es für das Beste, daß die Einwohner Sola
verlassen, daß sie wie der König all' ihr Hab und Gut mit sich nehmen
sollten und daß dann die Stadt dem Boden gleichgemacht, d. h. an allen
Seiten angezündet, damit auf diese Weise die Gewalt der von den
Portugiesen schon angewendeten oder noch hie und da verborgenen
Medicinen und Zaubermittel vernichtet werde.« So geschah es auch.
[Fußnote 13: Als sich später die Marutse gegen ihren Herrscher erhoben,
eröffneten sie ihre Feindseligkeiten damit, daß sie dieses Riesenboot
verbrannten.]
Am 27. sollte endlich die lang besprochene Elephantenjagd abgehalten
werden. Ein ungewöhnlich reges Leben herrschte schon mit dem ersten
Morgengrauen in Schescheke. Das Königsgehöft war so mit Bewaffneten
überfüllt, daß ich mich kaum durchdrängen konnte. Der König war eben im
Begriffe, an dieselben Schießpulver und Kugeln auszufolgen. Ich eilte zu
meinen englischen Freunden, um ihnen die Nachricht zu bringen, doch sie
waren von einem Häuptlinge schon davon in Kenntniß gesetzt, ohne jedoch
formell vom Könige dazu eingeladen worden zu sein, und rüsteten sich
eben zur Jagd. Am lebhaftesten ging es zwischen dem königlichen Gehöfte
und dem Flusse, sowie an demselben her, schreiend und lachend zogen und
liefen einzelne zum Flusse herab, ich sah die Männer von Schescheke nie
vorher so gesellig und dienstfertig einander begegnen. Es war wohl die
Aufregung des Augenblickes, denn nur selten wurden solch' große Jagden
unternommen, man hatte sich schon seit Monaten dazu vorbereitet und ihr
Reiz war um so höher, weil sie einestheils mehrmals aufgeschoben war und
andererseits weil der König selbst mit drei Weißen sich an der Jagd
betheiligen sollte. Am Ufer lagen Kahn an Kahn, auf dem jenseitigen
hatte sich eine ganze Flottille eingefunden, deren Bemannung auf dem
Sande campirte und jeden Augenblick abzustoßen bereit war. Auch den Fluß
entlang zogen Schaaren, welche weiter abwärts an dem Flusse Kaschteja
die herabkommende Flottille erwarten und von ihr auf das jenseitige Ufer
übergesetzt werden sollten. Es waren meist Mankoë, Mabunda's und die
westlichen Makalaka's, welche landeinwärts in Karawanen nach Schescheke
gekommen waren. Am Ufer vor Schescheke hatte jeder Häuptling seine Leute
geordnet, d. h. seine und die Kähne seiner Untergebenen waren an
bestimmten Stellen aneinander gereiht und ihre Insassen harrten in
denselben oder am Ufer, oder sie waren mit dem Einladen ihrer Karossen,
Wassergefäße und Waffen beschäftigt, namentlich waren es ihre Gewehre,
mit denen sie sich viel zu schaffen machten.
[Illustration: Jagd auf Wasser-Antilopen.]
Schon war der König im Begriffe sein Gehöfte zu verlassen, als er von
meinen englischen Freunden an sein ihnen so oft gegebenes Versprechen
gemahnt wurde. Hier zeigte es sich nun deutlich, wie abscheulich der
König an den Engländern gehandelt; trotzdem er sie so lange vertröstet
und sie förmlich ausgesogen, hatten die Herren Alles willig gethan, um
nur jedem seiner Wünsche nachzukommen, sie hatten kaum ordentliche
Kleider mehr am Leibe, zweimal waren sie von Panda ma Tenka nach
Schescheke nur dieser ihnen so angepriesenen Jagd halber herüber
gekommen und nun trachtete Sepopo nochmals sie davon abzuhalten. Er that
dies aus zwei Gründen, erstlich weil er gewohnt war, die erlegten
Elephanten als seine Jagdbeute zu betrachten, wenn er auch selbst nicht
einen einzigen erlegt hatte; es hieß immer, der König habe alle
Elephanten geschossen, und dann, weil er die Neugierde der Weißen
fürchtete, welche durch den Reichthum des Landes an Elephanten leicht zu
öfteren Besuchen verleitet werden konnten. Von mehreren Häuptlingen
gedrängt, gab er endlich nach und stellte den drei Jägern, sowie einem
Händler mit Namen Dorehill, der den König schon ein Jahr zuvor besucht
hatte, einen Kahn zur Verfügung.
Gegen Mittag reiste der König ab und die Flottille -- am Ufer vor
Schescheke standen allein etwa zweihundert Boote -- setzte sich unter
den Klängen von Sepopo's Capelle in Bewegung. Ich bedaure nur, daß ich
die Jagd selbst nicht mitmachen konnte, ohne des Königs Verdacht zu
erregen, auf meiner Weiterreise durch sein Reich seine Elephanten
belästigen zu wollen.
Die Abendstunden, welche ich nun in Gesellschaft W.'s zubrachte,
benützte ich mit seiner Hilfe, um mit den Eingebornen über deren Sitten
und Gebräuche zu sprechen und Erkundigungen einzuziehen. Während des
Mahles am ersten Abende fand sich ein Marutse mit Namen Uana ca Njambe,
d. i. Kind Gottes, ein, er hielt sich für sehr weise und wurde von
Sepopo oft zu Rathe gezogen.
Am 29. blieb ich in unserem Gehöfte als Wächter zurück, während W. mit
seinen Dienern auf die Jagd auszog, sie waren glücklicher als ich am
Tage vorher, denn sie brachten einen Letschwebock heim, das arme Thier
hatte nicht weniger als zehn Kugeln im Leibe. Ich glaube, daß keine
Antilope so stark und mächtig entwickelte Halsmuskeln besitzt wie der
Letschwe. Am 30. kamen mehrere Marutse in unser Gehöft, welche um die
Stirne und Brust aus Schlangenhäuten gearbeitete Binden zu dem Zwecke
trugen, um den Kopf- und Brustschmerz zu verscheuchen; sie belehrten
mich, daß sie dieselben auch zur Abwehr des Hungers trugen, ähnlich wie
dies die Makalaka's mit Riemen und die Matabele mit Kattunstücken thun,
indem sie sich damit den Unterleib zusammenschnüren. Am Abende kamen
zwei Bootsleute von den vier auf die Elephantenjagd ausgezogenen Weißen,
um ihnen Nahrung nachzuführen. Sie brachten die Nachricht, daß die Jagd
bisher ohne Erfolg gewesen sei und am folgenden Morgen fortgesetzt
werden solle. Nach einer Stunde kehrte Herr Dorehill und H. Cowley
unerwartet zurück, sie schienen höchst enttäuscht und entrüstet. Sie
waren mit Sepopo und den hervorragendsten seiner Leute in einem
Schilfdickicht postirt, in welchem sie die zuerst von der Vorhut
angetroffene Elephantenheerde erwarteten. Der König war unvorsichtig
genug, schon aus einer Entfernung von sechzig Schritten zu feuern, so
daß sich die Heerde sofort zur Flucht wandte, und nach allen Seiten in
das Dickicht auseinanderstob. In des Königs Nähe lagen über achthundert
Schützen und eben so zahlreich waren die Antreiber gewesen. Kaum daß
sich die Elephanten zur Flucht wandten, feuerten nun alle ihre Gewehre
auf diese los, viele legten dabei die Waffe gar nicht an die Wange an
und so war es nicht zu verwundern, daß blos fünf Elephanten dabei
getödtet wurden. Die beiden Jäger erzählten, daß sie sich zur Erde
werfen mußten, um den Geschossen auszuweichen, denn die Kugeln flogen
wie Hagel nach allen Seiten. Die ganze Masse der Antreiber benahm sich
sehr ungeschickt und erzielte einen viel geringeren Erfolg, als ihn zwei
Masarwa's erreicht haben würden. Der König machte seiner Entrüstung über
den Mißerfolg der Jagd in der gewohnten Weise Luft, indem er mit einem
Stocke seine schwarzen Unterthanen so lange schlug, bis sein Arm
erlahmte. Der König war mit allerlei Salben beschmiert auf die Jagd
gegangen, welche Vorsichtsmaßregel er ein Molemo nannte, um sich leicht
der Elephanten zu bemächtigen.
[Illustration: Büffeljagd.]
Am 1. November machte ich einen größeren Ausflug nach dem Westen in den
Schescheker Wald. Schon vor Sonnenaufgang passirte ich die Stelle, an
welcher Alt-Schescheke gestanden und zog dann in westlicher Richtung
weiter. Zu meiner Linken breitete sich das Thal des Zambesi, eine
unabsehbare mit Bäumen und Schilfdickichten bewachsene Ebene aus, von
zahlreichen hie und da bis Meilen langen, tiefen Flußarmen durchfurcht.
Der Gehölzrand, an dem ich mich vorwärts bewegte, lag etwa zwanzig Fuß
über dem Flußniveau. Manche der Lagunen erstreckten sich vom Flusse in
nordwestlicher Richtung bis an das Gehölz, welches sie bis auf einige
Meilen begleiteten, während sich der Fluß stellenweise bis drei Meilen
von dem Gehölze entfernte. Etwa zehn Meilen von Schescheke ober einer
der genannten Lagunen, erblickte ich zwei Schlangenhalsvögel. Diese
Thiere bieten, auf einem kahlen, überhängendem Aste sitzend, einen
eigentümlichen Anblick. Der niedrige gedrungene Körper und die kurzen
Füße stehen in keiner Proportion zu dem dünnen langen Halse, der keinen
Moment ruhig, meist schlangenförmige Bewegungen ausführt. Noch
wunderlicher erscheint uns dieser Vogel, wenn wir ihn im Wasser
schwimmen sehen, der gesammte Körper ist dann bis zur Hälfte des langen
Halses in das Wasser eingesunken, nur das schmale mit einem sehr
scharfen Schnabel versehene Köpfchen und die dünnste Halspartie ragt
über das Wasser empor. Ich begegnete dem ^Plotus congensis^ in der
östlichen Cap-Colonie und dann erst wieder am Zambesi. Es scheint kaum
glaublich, daß das Thier seinen Hals derart erweitern kann, daß es
handbreite Fische ohne besondere Beschwerden zu verschlucken vermag; es
gelang mir, einige derselben zu erbeuten, obgleich sie in's Wasser
fielen und das Herausholen derselben mir und meinen vier Dienern der
Krokodile halber, von welchen die Lagune wimmelte, etwas beschwerlich
wurde. Weiter ziehend erlegte ich einen ^Francolinus nudicollis^ und
nach einigen weiteren Schritten stießen wir auf frische Büffelspuren;
diese führten vom Walde zum Flusse herab.
Wir folgten ihnen und kamen in den Wald zurück, dann an einem
Eingebornendorfe vorüber und tiefer in den Wald hinein. Etwa drei Meilen
vom Dorfe fanden wir neben den Spuren frische halbzerkaute Grashalme,
die unsere Aufmerksamkeit auf das Aeußerste spannten weil wir uns die
Thiere in unmittelbarer Nähe dachten. Der Niederwald von Schescheke ist
in dieser Richtung zwar ziemlich dicht, doch sind die Bäume nicht hoch.
Er umschließt viele hochbegraste Lichtungen und bildet gegen dieselben
zu oft Gebüschdickichte von Unterholz welche das Vorwärtskommen äußerst
erschweren.
Wir hatten nun in einer Partie des Waldes ganz frische Spuren bemerkt
und bewegten uns mit größter Vorsicht vorwärts. Gebeugt gingen wir etwa
drei Schritte von einander entfernt und musterten scharf die Umgebung.
Tschukuru, der Matonga-Diener, war der erste, welcher den übrigen
Dienern ein Halt gebot und sich vorbeugend, mir Wort »^Narri^« (Büffel)
zuflüsterte. »^Okaj^ (wo)?« frug ich, »^kia hassibona narri^ (ich sehe
keinen Büffel).« Tschukuru drückte leise an meine Schulter um mich zum
Niederbengen zu bewegen, was die Anderen auch verstanden und sich je
hinter einem Baume niederhockten. Der mir angegebenen Richtung folgend,
sah ich etwa 120 Schritte vor mir einige dunkle auf der Erde liegende
Körper, es waren vier Büffel, von welchen einer mit der Stirne zu mir
gekehrt lag. Auf diesen legte ich nun an und feuerte. Wir erhoben uns
sofort nach dem Schusse, um dessen Wirkung zu sehen; das in das
Dickfleisch des Nackens getroffene Thier wälzte sich auf der Erde herum,
doch im nächsten Momente sprang es wieder auf und mit ihm die Gefährten,
die wir jedoch nicht deutlich zählen konnten, da sich die Büffel
ziemlich dicht aneinander drängend zur Flucht gewendet hatten. Ich
konnte nicht annehmen, daß das getroffene Thier schwer verwundet worden
war.
Wir verfolgten die Thiere äußerst vorsichtig, denn mir sowohl wie den
Dienern war die List eines erzürnten oder verwundeten Büffels
wohlbekannt. Der Büffel vermag besser als das Nilpferd Feinde von
fremden Gegenständen, die es nicht zu fürchten hat, zu unterscheiden und
ist auch ungereizt dem unbewaffneten Menschen gegenüber ungefährlicher
als das Hyppopotamus. Verwundet trachtet der Büffel bis zum letzten
Momente seinem Gegner beizukommen, um ihn zu vernichten. Um dieses zu
erreichen, befolgen die Thiere eine und dieselbe Methode, das Thier
wendet sich zur Flucht und sucht sich hinter einem Gebüsch zu
verstecken, um den folgenden Jäger zu erwarten, dann stürzt dasselbe
hervor, um sich auf ihn zu werfen. Unglücksfälle solcher Art sind
ziemlich häufig und selbst erfahrene Jäger, welche diese List des
Thieres kannten, sind von dem südafrikanischen Büffel überlistet und
schwer verwundet worden. In manchen Fällen begnügt sich dann das
erzürnte Thier, mit gesenktem Kopfe auf diesen zu stürzen und ihn
emporzuwerfen, was in der Regel eine Ausrenkung des Fußes oder einen
Arm- oder Beinbruch zur Folge hat, doch manchmal macht das Thier auch
von seinen Hufen Gebrauch und preßt den Körper des Niedergeworfenen mit
den Hörnern zur Erde. So ist mir ein Fall, der sich am Limpopo
ereignete, bekannt, in welchem ein Weißer und drei Schwarze getödtet und
ein vierter Schwarzer von einem und demselben Büffelstier schwer
verwundet wurde.
Zweihundert Schritte von der Stelle, an der wir die Stiere zuerst
aufgejagt hatten, blieben dieselben stehen, und als wir uns näherten,
konnten wir deutlich sehen, wie die vordersten unsere Witterung zu
gewinnen suchten; als wir um fünfzig Schritte näher gekommen waren,
wandten sie sich mit Ausnahme eines einzigen zur Flucht. Dieser folgte
ihnen zuerst langsam einige Schritte nach und dann blieb er stehen,
indem er sich hinter einem Baumstamme zu decken suchte. Ich hieß meine
Begleiter stehen bleiben, um die Aufmerksamkeit der Thiere auf sich zu
lenken, während ich tief gebeugt näher kroch, und dem Büffel eine Kugel
in den Leib sandte; das Thier sank für einen Moment, erhob sich jedoch
gleich wieder. Ich schlich abermals näher, indem ich mich unter dem
Winde hielt, und von links, von der Seite her, dem Thiere aus fünfzig
Schritte Entfernung eine Kugel zusandte. Dieser Schuß traf das Thier in
die Brust und rasch folgte ein zweiter, der das linke Blatt durchbohrte,
nach diesem Schusse wankte das Thier auf eine freiere Stelle, wo es in
die Knie sank. Tanzend und singend liefen nun die Diener herbei. Ich
aber sandte dem sterbenden Thiere aus einer Entfernung von zwanzig
Schritten eine Kugel hinter das Ohr, worauf der Kopf zurückfiel, die
mächtigen Füße sich ausstreckten und der Büffelstier unsere Beute war.
Jetzt ließen sich die Diener nicht mehr halten und waren mit mehreren
Sprüngen oben auf dem Cadaver, um es sich daselbst für einen Moment
bequem zu machen. Ein großes Feuer wurde nun angezündet, und ein Stück
des Büffelherzens am Feuer gebraten, dann ein Schenkelknochen
herausgeschnitten und das Mark geröstet.
Gegen Abend verließ ich mit Narri die Stelle, um heimzukehren, während
die übrigen Diener zurückblieben, um das Thier vollends zu zerlegen. Der
wilden Thiere halber -- Löwenspuren gab es in Menge und an dem
Gehölzrande gegen die nächste Lagune zu Leopardenspuren -- mußte das
Fleisch auf einem Baume aufgehangen werden; da sich jedoch mit Einbruch
der Nacht ein heftiges Gewitter entlud, waren sie nicht im Stande, Feuer
anzumachen und mußten ebenfalls, auf dem Baume hockend die Nacht
zubringen.
[Illustration: Löwenjagd bei Schescheke.]
Als ich auf der Heimkehr eben die Stadt betrat, ward ein von zwei
Fischern gelenktes, mit Fischen beladenes Boot von dem sich erhebenden
Orkan umgeschlagen. Wunderbarer Weise gelangten beide unbeschädigt an's
Ufer dafür aber war der Fluß von einer Menge todter Fische bedeckt,
welche die Strömung rasch dem Ufer zutrieb. Wie aus dem Boden gewachsen
tauchten nun rechts und links am Ufer Jungen auf, welche es sich
angelegen sein ließen, die ausgeworfene Beute sofort in Beschlag zu
nehmen. Manche hatten schon ihr kleines von der Schulter herabgerissenes
Ledermäntelchen vollgefüllt, als sich plötzlich unter ihnen eine wilde
Bewegung bemerkbar machte und die mir zunächst Stehenden die Fische von
sich warfen und die obere Uferpartie rasch zu gewinnen suchten. Der
durch seine rothe Wolldecke gekennzeichnete Aufseher der Fischer nämlich
war wie ein Raubvogel zwischen die beutelustige, am Strande versammelte
männliche Jugend Schescheke's eingefallen und ließ wacker den Stock auf
dem Rücken der kleinen Freibeuter tanzen.
Am Morgen des 2. November war ich nicht wenig erstaunt, zahlreiche
Bewaffnete nach dem im Westen der Stadt liegenden Walde eilen zu sehen;
es konnte doch unmöglich ein Feind sein, dem es zu begegnen galt. Einige
auf uns zuschreitende Männer lösten bald diesen Zweifel. Es waren
Abgesandte, welche uns den Gruß ihres Häuptlings entboten und uns zu
einer Löwenjagd einluden. Vier Löwen waren in des Königs Heerden
eingefallen und hatten vier Rinder getödtet. Der von Westen fließende
Zambesi machte etwa 150 Schritte oberhalb unseres Gehöftes eine
plötzliche Wendung nach Norden, um sich nach einer kurzen Strecke unter
einem rechten Winkel nach Osten zu wenden, und so Neu-Schescheke zu
umspülen. An dem letzterwähnten scharfen Buge nach Osten zweigt sich
eine Lagune nach Westen ab, welche sich in Arme theilt und an deren
linkem nördlichen Ufer auf einer Halbinsel der Schauplatz der von den
Löwen begangenen Unthat lag. Westbeech und Walsh fanden kein Vergnügen
an der Jagd und lehnten die Einladung ab, Cowley und ich folgten
derselben.